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Aus der Asche

von fiirvogel
GeschichteAbenteuer / P16 / Gen
Harry Potter Hermine Granger Minerva McGonagall Remus "Moony" Lupin Ronald "Ron" Weasley Severus Snape
24.09.2011
17.04.2012
41
150.378
19
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106 Reviews
Dieses Kapitel
5 Reviews
 
24.09.2011 3.550
 
So, nun wären wir soweit ... Hier kommt eines der wichtigsten Kapitel meiner Geschichte, vielleicht ihr Herzstück, und gleichzeitig eines, das am schwierigsten zu schreiben war ;o) Ich hoffe, es gefällt euch!

Meinen fleissigen Reviewern möchte ich an dieser Stelle einmal ganz herzlich danken. Ich freue mich riesig über jeden von euren Kommentaren! Da dieses Kapitel eine Art Wendepunkt in der Geschichte ist, möchte ich auch alle anderen treuen Leser ermutigen, einmal zu schreiben, wie ihr es findet, und wie gesagt: auch euch vielen Dank für die Treue! Und nun geht's los *Tee und Schokolade hinstell*


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19. Kapitel / Animae iunctae

Es war Ende Januar und es schneite. Severus Snape saß missmutig an seinem Schreibtisch im Klassenzimmer und beobachtete die Erstklässler beim Zaubertrank¬brauen. Er trommelte dabei unentwegt mit den Fingern auf die Tischplatte. Er war angespannt und unruhig. Es war genau dieses Gefühl, dieser untrügliche Instinkt für drohende Gefahren, der ihm in den Jahren seiner gefährlichen Aufgabe als Doppelagent schon mehr als einmal das Leben gerettet hatte. Nur wusste er nicht, vor was ihn sein Instinkt heute warnen wollte.

Das Essen in Malfoy Manor vor einer Woche kam ihm in den Sinn. Er hatte an dem Abend Bellatrix zum ersten Mal nach ihrer langjährigen Gefangenschaft in Azkaban getroffen. Der Gefängnisaufenthalt hatte sie noch verrückter und unerbittlicher gemacht, als sie vorher schon gewesen war.
„Lucius hat mir erzählt, dass ihm im Herbst überraschend die Tochter von Liz Cartney in die Hände gefallen ist“, sagte Bellatrix lauernd. „Ich wusste gar nicht, dass Cartney eine Tochter hatte. Die Kleine ist jetzt in Hogwarts, ist das richtig?“
Severus nickte nur gelangweilt, schwenkte den Elfenwein in seinem Glas und roch mit Kennermiene daran.
„Kannst du uns miteinander bekannt machen?“, fragte Bellatrix und lachte ihr hässliches Lachen.
„Kaum, Bella“, antwortete Severus kühl. „Du bist in Hogwarts nicht willkommen, und Miss Rohan hat ein absolutes Ausgehverbot.“
„Dann stimmt es, dass sie an Weihnachten ausgerissen ist?“
Severus zuckte nur mit den Schultern und angelte sich eine Olive vom Couchtisch der Malfoys. Geheimnisse machten in der Zauberwelt schnell die Runde.
„Wenn du mich nicht reinlassen kannst, werde ich wohl warten müssen, bis sie wieder einmal dem Ruf der Freiheit folgt und auf eigene Faust loszieht“, meinte Bellatrix und lachte hämisch. „Und dann wehe ihr!“
Severus sah Bellatrix genervt an. „Sie wird kein zweites Mal so leichtsinnig sein ... Hast du nichts Wichtigeres zu tun, als einem Teenager nachzustellen, Bella?“, fragte er herablassend. „Der Dunkle Lord hat sicher noch spannendere Aufgaben für dich.“
Bellatrix’ Augen verengten sich. „Weißt du, wie es ist, vierzehn Jahre in Azkaban zu sitzen?“, fragte sie ihn mit vor Hass bebender Stimme.
Severus betrachtete sie gleichgültig. „Nein“, antwortete er gelassen und steckte sich eine weitere Olive in den Mund. „Und was hat das mit Miss Rohan zu tun?“
„Ihre Mutter ...“ – Bellatrix’ Stimme überschlug sich – „Ihre Mutter ist dafür verantwortlich, dass ich nach Azkaban gebracht wurde.“
„Du übertreibst, Bella“, erwiderte Severus kühl. „Es gab Richter, die dich verurteilt, und Auroren, die dich nach Azkaban gebracht haben, und bestimmt waren auch bei deiner Verhaftung noch weitere Zauberer anwesend. Liz Cartney hat dich kaum alleine überwältigt, oder?“
Bellatrix’ Augen sprühten Funken. „Ihr Schockzauber hat mich getroffen, sodass sie mich überwältigen konnten.“
Severus hob eine Augenbraue. „Sie sind gut mit Schockzaubern, diese Cartneys“, meinte er sarkastisch. „Soweit ich informiert bin, entkam Miss Rohan im Herbst ihrem Angreifer, indem sie ihn – ohne Zauberstab, wohlverstanden – kaltstellte ... War es nicht so, Lucius?“
Lucius Malfoy trat näher. „Sie wusste nicht einmal, was sie tat“, antwortete er und blickte Severus wütend an. „Sie hatte bis zu jenem Tag noch keinen einzigen Zauber vollbracht. Ihre Mutter hatte sie bei Muggel versteckt.“
Bellatrix brach in hysterisches Lachen aus.
„Unterschätze sie nicht, Bella“, unterbrach sie Severus ruhig. „Sie ist so talentiert wie ihre Mutter und hat eine schnelle Auffassungsgabe.“
„Ach ja?“, gab Bellatrix zurück. „Schade, dass ich sie nicht kennen lernen kann. Weißt du: Ich habe in all den Jahren in Azkaban immer wieder überlegt, wie es Cartney gelungen war, mich aufzustöbern. Weshalb war sie genau zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen? Und nicht nur in meinem Fall ... Kommt dir das nicht verdächtig vor? Ich bin sicher, sie hatte einen Informanten. Jemand hatte ihr verraten, dass sie mich zu dem Zeitpunkt dort alleine antreffen würde. Dreizehn Jahre Azkaban! Ich wollte, ich hätte Cartney zur Strecke bringen können. Vielleicht hätte sie mir noch verraten, wer ihr Informant war.“
„Hat sie nicht“, antwortete Lucius und lachte höhnisch. „Ich habe sie ... gefragt.“
Bellatrix sah Severus nachdenklich an. „Meinst du, die Kleine weiß etwas?“
„Wie sollte sie? Sie wusste bis vor ein paar Monaten gar nicht, dass ihre Mutter eine Hexe war. Über ihren Vater weiß sie gar nichts, der scheint schon lange tot oder verschollen zu sein. Ein Muggel, allem Anschein nach ...“
Bellatrix wechselte einen Blick mit Lucius und hielt ihm ihr leeres Weinglas hin. „Nun, dann hat es keinen Sinn, sie kennen zu lernen ... Hast du noch von dem Elfenwein, Schwager?“
„Sicher, Bella.“ Lucius griff nach der Flasche auf dem Tisch und schenkte seiner Schwägerin nach. Bellatrix hob ihr Glas. „Auf die Rache!“
„Was hast du vor?“, fragte Severus so gleichgültig er konnte, aber Bellatrix grinste nur überheblich und prostete ihm zu.

In der Schule ging unter den Schülern das Gerücht um, die Todesser planten, in Hogwarts einzufallen. Das hielt Severus für unmöglich. Erstens war Hogwarts gut geschützt und zweitens wäre er darüber informiert, wenn diesbezüglich etwas geplant wäre. Und doch war Severus unruhig. Er beobachtete Melody, wie sie mit verbis¬sener Konzentration und düsterer Miene ihre Beinwellwurzel raspelte. Sollte er sie warnen? Aber was könnte er schon sagen? Ich habe das ungute Gefühl, dass jemand nach deinem Leben trachtet. Das hatte ihr Remus bereits geschrieben. Mehr konnte er auch nicht tun.
Severus stand auf und ging zwischen den Bankreihen auf und ab. Er streckte hier seine Nase in einen Kessel, schüchterte einen kleinen, blonden Gryffindor mit einer zynischen Bemerkung ein und erschreckte zwei Mädchen, die leise miteinander flüsterten, anstatt in ihren Zaubertränken zu rühren. Dann glitt er wieder nach vorne. Als er neben Melody stand, beugte er sich vor und fragte leise: „Alles in Ordnung, Miss Rohan?“
Melody blickte verwirrt auf. Nach einem raschen Blick in ihren Kessel und über die Schulter in die Kessel ihrer Mitschüler, aus denen derselbe purpurrote Dampf aufstieg wie aus ihrem eigenen, nickte sie und antwortete unsicher: „Ich denke schon, Sir.“
„Passen Sie auf.“
Melody blickte auf die Reibe und die Wurzel in ihren Händen, auf den friedlich blubbernden Trank und dann entgeistert wieder zu ihm und antwortete: „Okay?“
Severus sah sie eindringlich an. „Melody“, fuhr er leise fort. Sie zuckte zusammen, denn für gewöhnlich duzte er seine Schüler nicht. „Sei vorsichtig.“
Sie nickte verwirrt und wandte sich wieder ihrer Wurzel zu. Als die Stunde zu Ende war, verließ sie eilig das Klassenzimmer.

„Was wollte Snape von dir?“, fragte Nora, als Melody, Mariah, Lindsay und sie die Treppe in die Eingangshalle hinaufstiegen.
„Keine Ahnung“, antwortete Melody. „Er sagte, ich solle aufpassen. Aber ich habe alles korrekt gemacht, ich bin sicher. Der Zaubertrank sah doch bei euch am Schluss auch violett aus, oder?“
„Nun, meiner war eher lila“, gestand Mariah. „Aber ich glaube, ich habe etwas viel von dem Zinkkraut hineingetan.“ Sie durchquerten die Eingangshalle und stiegen die große, geschwungene Marmortreppe hinauf. Auf halber Treppe kreuzten sie sich mit Hermine, Ron, Harry und Neville.
„Habt ihr Kräuterkunde?“, fragte Melody grinsend, als sie sah, wie dick eingemummt die vier waren.
Neville nickte. „Bis später“, meinte er, als sie aneinander vorbeieilten. Als Melody auf dem oberen Treppenabsatz angekommen war, drehte sie sich noch einmal um und rief Hermine nach: „Hermine, hast du nach dem Mittagessen kurz Zeit? Ich wollte dich etwas fragen.“
„Sicher“, rief Hermine und winkte ihr zu.

In dem Moment hörte Melody hinter sich eine gedehnte Stimme: „Ah, sieh an, Rohan.“ Beim Klang von Malfoys Stimme zuckte Melody zusammen. Sie drehte sich um, ließ ihre Tasche von der Schulter gleiten und zog ihren Zauberstab. Dann sah sie Malfoy mit zusammengekniffenen Augen abwartend entgegen. Er kam aus dem Westflügel auf sie zu, wie immer flankiert von Crabbe und Goyle.
„Hast du das verloren, Rohan?“, rief er und hielt ein kleines glänzendes Schmuckstück zwischen Daumen und Zeigefinger in die Höhe.
Melodys Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen. Bevor sie den Kopf schütteln konnte, schleuderte Malfoy das Schmuckstück in ihre Richtung. Die kleine Brosche flog durch die Luft. Melody fing sie instinktiv auf. Doch als die silberne Brosche ihre Hände berührte, verwandelte sie sich schlagartig in eine Schlange. Melody schien einen Moment erstarrt, dann machte sie einen hastigen Schritt rückwärts, während sie die Schlange losließ, und stolperte dabei über ihre Tasche. Die Schlange schnellte vor und senkte Melody ihre Giftzähne zwischen Schlüsselbein und Schulter. Melody sog erschrocken die Luft ein, taumelte, verlor das Gleichgewicht und stürzte mitsamt der Schlange die Treppe hinunter in die Eingangshalle, wo sie regungslos liegen blieb.
Die Umstehenden schrien erschrocken. Neville, Ron und Harry waren die ersten, die Melody erreichten. Hermine aber drehte sich um und rannte so schnell sie konnte die Treppe zu den Kerkern hinunter.

Severus saß alleine im leeren Klassenzimmer. Er hatte versucht, Melody zu warnen, auch wenn er nicht wusste wovor. Er hatte sie nur verwirrt, das hatte er ihrem Blick angesehen.
Severus seufzte. Die Unruhe war immer noch da. Irgendetwas war nicht in Ordnung. Severus entschied, Draco zu suchen. Wenn Bellatrix etwas Hinterhältiges plante, dann wusste, wenn überhaupt, ihr Lieblingsneffe am ehesten etwas. Severus erhob sich abrupt und verließ entschlossenen Schrittes das Klassenzimmer. Auf dem Korridor kam Hermine mit fliegenden Haaren auf ihn zugerannt. Severus beschleunigte seinen Schritt bei ihrem Anblick und rannte bereits, als Hermine ihm zurief: „Sir ... Melody.“
„Wo?“, fragte er nur, als er mit ihr gleich auf war.
„Eingangshalle“, keuchte Hermine außer Atem, und Severus rannte weiter. Er nahm zwei Stufen auf einmal. In der Eingangshalle hatte sich bereits ein großer Kreis von Schülern gebildet. „Ruft Madam Pomfrey“, rief jemand. Neville hielt Melodys Hand und versuchte, sie zu Bewusstsein zu bringen, indem er ihre Wange tätschelte.
„Aus dem Weg“, herrschte Severus die Schüler an und wurde umgehend durchge¬lassen. Neville ließ Melodys Hand los und wich zurück. Severus blieb wie angewurzelt stehen und starrte fassungslos auf seine Tochter. Sie musste die Treppe hinunter gestürzt sein. Auf ihrem rechten Wangenknochen zeichnete sich eine üble Prellung ab, über dem linken Auge hatte sie eine Schramme.
„Die Schlange hat sie gebissen“, rief Ron aufgeregt. „Ich habe sie erschlagen, die Schlange, meine ich.“ Er deutete auf das tote, gut einen Meter lange, tigerartig gestreifte Tier. Severus’ Augen suchten die Bissstelle. Die Schuluniform wies nur kleine, kreisrunde Löcher an der Schulter auf. Der Stoff um die Bissstelle herum war trocken, es trat kein Blut aus. Melody hustete, ihr Atem kam keuchend.
„Granger, bringen Sie die Schlange in den Krankenflügel“, ordnete Severus an. Er nahm Melody vorsichtig auf die Arme und eilte die Treppe hinauf. Hermine nahm mit sichtlichem Ekel das tote Tier und rannte hinter ihm her.

Im Krankenflügel überließ Severus Melody der Obhut der Schulheilerin. Nach einem Blick auf die Schlange, eilte er zurück in sein Labor, um ein potentes Gegenmittel gegen Schlangenbisse zu holen. Als er in den Krankenflügel zurückkam, stand Dumbledore neben Pomfrey und Hermine am Krankenbett.
„Sie hat Fieber und eine schwere Hirnerschütterung von dem Sturz“, erklärte die Schulheilerin. Melody sah totenblass aus. Sie hatte Schweißperlen auf der Stirn und war noch nicht zu sich gekommen. Oberhalb des Schlüsselbeins zeichnete sich nun deutlich die Bissstelle als rote, geschwollene Flecken ab.
Severus’ Hände zitterten leicht, als er Melody das Gegenmittel einzuflößen versuchte. Sie hustete, spuckte die Hälfte wieder aus und rang nach Luft. Severus’ Blick wanderte von einem Gesicht zum anderen und wieder zurück zu Melody, die keuchte und offensichtlich um jeden Atemzug kämpfte. Krampfhafte Schauer schüttelten sie. Alle warteten. Als ihre Atmung jedoch immer flacher wurde und schließlich zu stocken begann, und als alle, auch der Schulleiter, ratlos dastanden, wurde Severus aschfahl. Sein Gesicht wirkte schmerzverzerrt. Auch er schien nach Luft zu ringen. Schließlich atmete er tief durch, als hätte er soeben einen Entschluss gefasst, und deutete mit einer energischen Handbewegung zur Tür. „Raus hier! Alle!“, sagte er beinahe tonlos.
Madam Pomfrey öffnete den Mund, um zu widersprechen, doch Dumbledore bedeutete ihr zu schweigen. Er sah Severus durchdringend an, und Severus hatte nicht das erste Mal das Gefühl, der alte Zauberer könne bis auf den Grund seiner Seele blicken.
„Du denkst an den animae iunctae?“, fragte Dumbledore mit ebensoviel Anerkennung wie Besorgnis.
Severus nickte knapp. „Ich muss es versuchen. Ich sehe keine Alternativen.“ Dumbledore sah ihn nachdenklich an. „Ich weiß“, antwortete er ruhig und nickte ihm zu. Dann drehte er sich um und schob Hermine und die widerstre¬bende Pomfrey aus dem Krankenflügel und zog die Tür hinter sich zu.

Severus setzte sich neben Melody auf das Bett. Er hielt einen Moment inne, als überlegte er, was als nächstes zu tun war, dann nahm er seine Tochter in die Arme und zog sie eng an seinen Körper. Ihr Kopf ruhte auf seiner Brust. Er streckte die Beine aus und machte es sich auf dem Bett so bequem wie möglich. Dann zog er den Zauberstab hervor, fasste Melodys Hand und begann flüsternd mit einer komplexen, magischen Zauberformel. Er hatte die altkeltische Formel schon oft gelesen; der animae iunctae hatte ihn fasziniert, seit er in einem sehr alten Buch darauf gestoßen war. Heraufbeschworen hatte den Zauber schon lange niemand mehr, da er ausgesprochen gefährlich war.
Aus dem Ende des schwarzen Zauberstabes wand sich ein goldenes Band, das sich um sein und Melodys Handgelenk, um ihre Arme, Körper und Beine wickelte und sie schließlich komplett umhüllte wie eine pulsierende, golden schimmernde Haut, eine Art Kokon. Severus sah den goldenen Schimmer, der ihn umgab, allmählich dunkler werden. Er konnte die Augen nicht mehr offen halten. Auch sein Atem wurde langsamer, mühseliger, geriet ins Stocken ... Dann tauchte er ein in eine Finsternis, die schwärzer war als die dunkelste Nacht.

Melody bewegte sich orientierungslos in einer alles verschlingenden Dunkelheit, die sich zäh und kalt anfühlte. Es gab keine Farben, keine Geräusche ... abgesehen von einem dumpfen Stampfen, das an eine Dampflokomotive erinnerte und allmählich langsamer und leiser wurde, als mühte sich die Lok einen Hügel hinauf. Melodys Schulter schmerzte. Der Schmerz strahlte in den rechten Arm, in den Kopf und in den Brustkorb aus. Das Atmen fiel ihr schwerer und schwerer. Die Lungen schmerzten bei jedem Atemzug. Es war, als atme sie flüssiges Blei statt Luft. Sie hatte das Gefühl, ins Bodenlose zu fallen, ohne zu wissen, wo oben und wo unten war. Sie war komplett orientierungslos. Sie wollte schreien, aber es kam kein Ton heraus. Panik erfasste sie ...
Mit einem Mal konnte sie weit entfernt ein schwaches Licht ausmachen, das größer wurde oder näher kam. Melody sah eine Gestalt und erkannte in dem milchigen Licht das Gesicht ihrer Mutter. Sie fühlte Liz’ Besorgnis und ihre Liebe, und sie spürte ihre eigene Erleichterung, einen Orientierungspunkt in dieser Finsternis gefunden zu haben. Die Schmerzen in Arm, Kopf und Brust ließen nach. Melody versuchte, auf ihre Mutter zuzugehen, konnte sich aber nicht bewegen. Als sie die Hände in Liz’ Richtung ausstreckte, packten sie unvermittelt zwei starke Arme von hinten und zogen sie in eine feste Umarmung. Liz blickte über Melody hinweg, und auf ihrem Gesicht erschien ein warmes Lächeln. Melody spürte Traurigkeit, Angst und Erleichterung, Bedauern und Dankbarkeit, Liebe und eine Sehnsucht, die nicht zu ihr gehörte, sie aber so stark umhüllte und durchdrang wie die Dunkelheit rundherum.
Liz hob die Hände, ihr Mund formte tonlos das Wort Geht. Ein Lächeln noch, eine Welle von Liebe, dann verblasste das Licht langsam oder entfernte sich. Oder entfernten sie sich von dem Licht? Melody wollte ihrer Mutter folgen. Sie versuchte sich loszureißen, doch die Arme hielten sie unerbittlich fest, zogen sie mit sich zurück in die Dunkelheit und hüllten sie schließlich komplett ein. Melody hatte keine Kraft mehr, sich zu wehren. Sie ließ sich fallen und fühlte sich mit einem Mal so geborgen wie noch nie zuvor in ihrem Leben.
Da füllten sich ihre Lungen wieder mit Luft: Sie japste, hustete ... atmete. Mit der Luft war aber auch der pulsierende Schmerz in Schulter, Arm und Kopf wieder da. Alles schmerzte und fühlte sich bleischwer an. Melody versuchte, sich aufzurichten, konnte sich aber nicht bewegen. Sie schaffte es nicht einmal, den Kopf zu heben oder die Augen zu öffnen. So blieb sie reglos liegen. Sie hörte an ihrem Ohr ein Herz schlagen und nahm einen unbekannten und doch sonderbar vertrauten Geruch wahr, den sie ganz fest mit der neu gewonnenen Geborgenheit in Verbindung brachte. „Papa?“, flüsterte sie, bevor sie in einen erschöpften, tiefen Schlaf sank.

Jemand schüttelte ihn, erst sanft, dann heftiger. Trotz der lähmenden, unendlichen Erschöpfung in seinem Körper zwang sich Severus, die Augen zu öffnen. Dumbledore stand über ihn gebeugt neben dem Krankenbett und lächelte ihn erleichtert an.
Severus brauchte einige Sekunden, bis er wusste, wo er sich befand. Er lag im Krankenflügel in Hogwarts. Dann erst wurde er sich des Körpers bewusst, der auf ihm lag und den er immer noch mit aller Kraft umklammert hielt. Severus schloss noch einmal die Augen, atmete den Duft von Melodys Haar ein, spürte ihren nun wieder regelmäßigen, ruhigen Atem an seinem Hals und atmete tief durch. Ihm war schwindlig und übel. Aber er hatte es geschafft, hatte den Weg hinaus und wieder ins Leben hinein gefunden.
Severus öffnete die Augen wieder, und Dumbledore löste sanft, aber bestimmt seine Hände von dem tief schlafenden Kind, hob es in das daneben stehende Bett hinüber und deckte es zu.
Madam Pomfrey eilte mit einer Tasse starkem schwarzem Tee und einer Tafel Schokolade herbei. „Sie müssen sich stärken, Sir“, sagte sie ungewöhnlich freundlich.
Severus hasste Schokolade, aber er fühlte sich nicht in der Lage, Pomfrey zu widersprechen. Also brach er sich ein Stück ab und aß es unter dem strengen Blick der Schulheilerin.
Dumbledore beobachtete ihn schweigend, während er über den dampfenden Tee blies. Die Tasse in seinen Händen zitterte leicht. Als sich Pomfrey wieder entfernt hatte, sagte Dumbledore: „Ich habe schon viel über den animae iunctae gelesen, aber noch niemanden getroffen, der diese alte Magie heraufbeschworen und überlebt hat. Meine Hochachtung, Severus.“
Severus versuchte zu lächeln, was ihm nicht gelang. Er fühlte sich erschöpft und desorientiert und sonderbar losgelöst von dieser Welt.
„Du solltest schlafen“, riet Dumbledore. „Es ist ohnehin bald Abend.“
„Schon Abend?“, fragte Severus. Seine Stimme klang heiser.
Dumbledore nickte. „Es dauerte eine ganze Weile, bis wir dich wach bekommen haben. Wir haben allmählich angefangen, uns Sorgen zu machen, dass ihr gar nicht mehr aufwachen könntet ... Melody wird noch etwas länger brauchen, aber ich glaube, wir müssen uns keine Sorgen mehr um sie machen.“
Er blickte sich um, und als er sah, dass Madam Pomfrey am anderen Ende des Krankenflügels etwas im Medikamentenschrank suchte, griff er nach der Schokolade und brach sich ein großes Stück ab. „Du solltest die Schokolade fertig essen, Severus, sie stärkt dich. Außerdem“ – er zwinkerte ihm zu – „bekommst du es sonst wohl mit Poppy zu tun. Sie versteht keinen Spaß, wenn es um das Wohl ihrer Patienten geht.“ Dumbledore steckte sich die Schokolade in den Mund, kaute genießerisch und nickte Severus zu. „Ruh dich aus. Bei Gelegenheit musst du mir erzählen, was passiert ist.“

Als der Schulleiter gegangen war, eilte Pomfrey wieder herbei. Sie wirkte zufrieden, als sie sah, dass die halbe Schokolade verschwunden war, und reichte Severus eine Phiole mit einem stärkenden Trank.
„Brauchen Sie sonst noch etwas?“ fragte sie ihn.
Severus schüttelte den Kopf und trank den starken Tee Schluck für Schluck. Der Tee und der Stärkungstrank taten gut. Severus fühlte sich schon wieder etwas besser. Er stellte die Tasse hin und schwang die Beine aus dem Bett. Die Übelkeit nahm sogleich wieder zu. Der Raum schien sich im Gleichtakt mit seinem Herzschlag zu heben und zu senken.
„Sir, Sie dürfen das Bett noch nicht verlassen“, protestierte Madam Pomfrey. „Legen Sie sich bitte wieder hin.“
„Ich schlafe in meinem eigenen Bett“, antwortete Severus knapp und stand trotz des Schwindels auf. Er könnte unter dem Sperberblick der Schulheilerin keine Minute ruhig schlafen. „Ich nähme allerdings gerne noch etwas von dem Stärkungstrank mit, wenn das geht.“
Pomfrey nickte. „Wie Sie wünschen, Sir“, meinte sie, nachdem sie ihn noch einmal prüfend gemustert hatte, und ging, um noch eine Phiole zu holen.
Bevor Severus den Kranken¬flügel verließ, trat er an das Bett, in dem Melody lag. Er betrachtete sie lange, vergewisserte sich, dass sie ruhig schlief und prüfte mit dem Handrücken, ob sie noch Fieber hatte. Die Bissstelle war gerötet, doch der rote Kreis war nicht größer geworden.
„Geben Sie ihr noch einmal von dem Gegengift“, ordnete er Madam Pomfrey an. „Und falls sich ihr Zustand verschlechtert, holen Sie mich umgehend.“
Madam Pomfrey schluckte ihren Unmut über den befehlenden Ton hinunter und nickte schweigend. Dann wandte sich Severus zur Tür und verließ leicht schwankenden Schrittes den Krankenflügel.
Tief in Gedanken versunken ging er hinunter in seine eigenen Räume. Er konnte sich nicht erinnern, je zuvor einem Menschen so nahe gewesen zu sein. Er hatte mit Melody seinen Herzschlag geteilt, er hatte für sie geatmet, er war in ihre Seele eingetaucht und hatte sie beide wieder ins Leben zurückgeholt.
Was dieses Erlebnis für die Zukunft von ihnen beiden bedeutete, konnte er nicht abschätzen. Aber eines war klar: zumindest für ihn hatte sich ihre Beziehung heute grundlegend verändert. Ihm wurde mit einem Mal mulmig zumute ... Severus Snape betrat Neuland.

Fortsetzung folgt ...
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