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GeschichteAllgemein / P12
Wisperwind
21.09.2011
21.09.2011
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Hallo, alle zusammen... das hier ist ein OS über Wisperwind, der in "Lanze und Licht" spielt, an der Stelle, an der sie mit Feiqing unterwegs ist und die beiden in ein Gewitter geraten.
Der folgende erste Absatz ist aus dem Buch, der Rest dann aber von mir.
Hoffe, es gefällt euch!

Belittle

Wisperwind stieß sich erneut vom Boden ab und raste im Federflug auf die Baumkronen hinauf. Statt sich jedoch ins Geäst zu stürzen, wo die Raunen ihr überlegen waren, setzte sie sanft auf den Spitzen der allerhöchsten Äste auf.
Dort blieb sie einen Moment lang auf einem Bein stehen wie eine Tänzerin. Nur ihr rechter Fuß berührte einen sanft vibrierenden Zweig. Das linke Bein hatte sie angewinkelt, den einen Arm zur Seite hin ausgestreckt, den anderen mit dem Schwert steil nach oben gereckt.

Sie wusste, was gleich passieren konnte: Der nächste Blitz würde in ihr Schwert einschlagen, wenn sie sich jetzt nicht voll und ganz auf ihre Umwelt konzentrierte, und trotzdem stiegen ausgerechnet in diesem Moment die Erinnerungen in ihr wieder auf, Erinnerungen, die sie sonst verdrängte, so gut sie konnte.
Es waren Erinnerungen an ihre Kindheit in einem kleinen Dorf in den Wäldern.
Obwohl es keine schlechte Zeit gewesen war, dachte sie nicht gerne daran zurück- aus Angst, sich danach noch einsamer zu fühlen, als sie bisweilen so schon tat.
Vor allem dieser eine Tag war es, der sie, obwohl es schon so lange her war, immer wieder in ihren Albträumen aufsuchte...


„Wisperwind!“, schrie ihre Mutter. „Bleib hier und lauf nicht immer vor allem davon!“
Doch Wisperwind dachte nicht daran, stehen zu bleiben, sondern lief so weit in den Wald hinein, bis  die schimpfende Stimme ihrer Mutter in der Ferne verklang.
Als das kleine Mädchen schließlich keuchend innehielt und sich an einen Baum lehnte um auszuruhen, wusste es nicht mehr, wo es war.
Einen Moment lang bekam Wisperwind Angst und Tränen traten ihr in die Augen, dann aber sagte sie sich, dass sie nur auf einen der Bäume zu klettern brauchte und den Stand der Sonne bestimmen musste, dann würde sie auch wieder heimfinden.
Eine Weile rang sie noch mit sich, dann aber gab sie seufzend auf und kletterte auf den nächstbesten Baum.
Während sie immer höher stieg, versuchte sie, sich vor sich selbst zu rechtfertigen.
„Ich will ja nur schon mal in die Nähe vom Dorf gehen.“, sagte sie trotzig zu sich selbst. „Das heißt ja nicht, dass ich schon nach Hause gehe!“
Schließlich war sie in der Krone angekommen und hatte mithilfe der Sonne schnell die Richtung bestimmt, in die sie laufen musste.
Aber noch etwas anderes fiel ihr auf: Von Westen her zogen dunkle, gefährlich aussehende Wolkenmassen herbei und verdeckten immer mehr den blauen Himmel.
Wisperwind runzelte die Stirn. Das war nicht gut. Wenn sie sich nicht beeilte, würde das Gewitter sie im Wald überraschen.
Besser, sie ging sofort nach Hause.
Also kletterte sie den Baum wieder runter und machte sie auf den Heimweg.

Gerne wäre sie schneller gelaufen, doch das ließen ihr Stolz und ihr Trotz nicht zu. Niemand sollte denken, dass sie sich von einem Gewitter in die Knie zwingen ließ!
Ihr kamen die Geschichten ihres Vaters wieder in den Sinn, der ihr erzählt hatte, dass der Himmel die Menschen mit einem Gewitter für ihre Sünden bestrafe. Unwillkürlich schauderte sie und versuchte, an etwas anderes zu denken.
Der Donner grollte, schon bedrohlich nahe, und nun wurde es ihr doch unheimlich. Erst ging sie nur sehr zügig, dann begann sie zu laufen und schließlich zu rennen.
Das Gewitter kam rasch näher, noch schneller als sie gedacht hatte, und der Wind trieb die Wolken ihr direkt entgegen.
Langsam aber sicher wurde es dunkler um sie herum, als die Wolken vor die Sonne zogen. Der Wind frischte auf und ließ die Baumkronen unheilvoll rascheln, während der Donner immer näher klang.
Wisperwind keuchte. Sie rannte nun richtig, musste aufpassen, nicht zu stolpern und irgendwo hängen zu bleiben, doch immer noch war das Dorf nicht in Sicht. Sie musste doch weiter weg gelaufen sein, als sie gedacht hatte.
Direkt über ihr explodierte der Donner.
Wisperwind schrie auf, kam für einen Moment lang aus dem Schritt, fing sich jedoch wieder und hetzte weiter.
Donnerschlag folgte nun auf Donnerschlag, weitverästelte Blitze fauchten über den Himmel und erhellten für Sekunden die Umgebung, die ersten Tropfen- Vorboten eines sintflutartigen Regens- prasselten auf das Laub der Bäume.
Wisperwind unten am Waldboden hörte es nicht. Sie sah auch die Blitze nicht- die Bäume standen zu eng- sondern nahm nur das schlagartige Erleuchten des Himmels war.
Dann schlug der Blitz ein.
Ganz in ihrer Nähe.
Ein scharfes Zischen ertönte hinter ihr und sie spürte die unheilvolle Energie um sich herum und in ihr.
Sie schrie erneut auf, stolperte und fiel zu Boden während über ihr ein ohrenbetäubender Donner explodierte.
Der Schock ließ Wisperwind bewegungslos verharren, ihre Glieder gehorchten ihr nicht mehr und in ihrem Kopf war ein einziges Durcheinander- und doch wusste sie, dass es unheimlich knapp gewesen war, dass sie gerade noch so dem Tod entronnen war, dass sie unendliches Glück gehabt hatte…
Ein weiterer Donnerschlag, nun etwas entfernter, riss sie aus ihrem Schock-Zustand.
Sie setzte sich- immer noch benommen- auf und sah sich unwillkürlich um- nur um erneut zu erstarren.
Der Wald hinter ihr stand in Flammen.
Der Blitz hatte einen Baum getroffen, ihn gespalten und das Laub in Brand gesetzt. Das Feuer hatte auf die umliegenden Bäume übergegriffen und sich ausgebreitet, und nun kam  es auf sie zu, sich von Krone zu Krone weiterfressend.
Die Bäume waren vom letzten Regen noch feucht, und das war Wisperwinds Glück, denn so breiteten sich die Flammen nicht so schnell aus wie bei einem Wipfelfeuer sonst üblich.
Wie paralysiert starrte sie auf die brennenden Bäume, aus deren Kronen glühende Äste und brennende Blätter zu Boden fielen und konnte keinen Muskel rühren, während das Feuer immer näher kam.
Und dann spürte sie plötzlich ihren Körper wieder, sie sprang auf und wich in namenlosem Entsetzen taumelnd zurück, drehte sich dann um und rannte, wie sie in ihrem Leben noch nicht gerannt war.
Ein brennender Ast streifte sie sacht an der Schulter und ein stechender Schmerz stieg in ihr auf, doch sie hielt nicht an.
Mit panischer Angst erfüllt hetzte sie stolpernd durch den Wald, Tränen rannen ihr übers Gesicht und verschleierten ihre Sicht, doch sie rannte immer weiter, schoss zwischen den Bäumen hindurch, und schließlich, endlich, nach einer halben Ewigkeit, hatte sie den Waldrand erreicht.
Über die freie Fläche, die zum Schutz des Dorfes vor Raunen dienen sollte, kamen ihr ihre Mutter und ihr Vater entgegen, die schon große Angst um sie gehabt hatten, und Wisperwind stürzte sich in ihre Arme und weinte sich die Seele aus dem Leib.
Währenddessen tobte der Himmel über ihnen weiter, Blitze zuckten herab und der Donner grollte, als ob er sie für etwas tadeln wollte…


Entschlossen drängte Wisperwind die Erinnerung zurück. Nicht jetzt!
Dann zuckte auch schon der erste Blitz heran, zielte direkt auf sie, doch sie war schon weg, glitt im Federflug durch die Luft während der Baum, auf dem sie gerade noch gestanden hatte, mitsamt den Raunen darin eingeäschert wurde.

Immer weiter tanzte Wisperwind über die Baumgipfel, lockte Blitze an und setzte den Wald Stück für Stück in Brand, und während sie das tat, fühlte sie sich so frei und mächtig wie nie.
Sie hatte die Macht, die Blitze nach ihrem Willen zu lenken und sie besaß die Schnelligkeit, vor ihrer Kraft zu fliehen- sie konnten ihr nichts tun!
Wie lange sie so über die Bäume tanzte und Tod und Verderben säte, wusste sie nicht.
Es war wie ein Rausch, den sie auskosten, nicht aufgeben wollte, doch dann gab sie doch nach und glitt im Federflug zurück zu Feiqing, eine Schneise der Verwüstung hinter sich lassend, erhellt von den lodernden Flammen.
Sie steckte ihr Schwert weg und kroch unter den Felsen, wo Feiqing schon mit weit aufgerissenen Augen auf sie wartete. Er sagte irgendetwas, vielleicht beschwerte er sich schon wieder, doch sie hörte gar nicht zu.
Nun war sie nicht mehr mächtig und schnell, nun war sie nur noch das kleine Kind von damals, dass sich aus panischer Angst vor dem Gewitter zusammenkauert, und so rollte sie sich zusammen, machte sich so klein es ging und begann, unkontrolliert zu schluchzen.
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