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Im Mantel der Schatten

GeschichteAbenteuer, Humor / P12 / Gen
17.09.2011
05.01.2013
3
5.037
 
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17.09.2011 1.884
 
2.     Die meisten Probleme entstehen bei ihrer Lösung

(Da Vinci)


Die Sonnenstrahlen bahnten sich durch die Baumkronen des Grunewald ihren Weg zu einer herrlichen Terrasse mit Blick in einen farbenprächtigen Garten. Wollte man diesen betreten, so waren teure Marmorplatten angelegt, damit der saftig grüne Rasen von schweren Fußsohlen verschont blieb. Das zu der Terrasse gehörende Haus strahlte ebenfalls in einem sauberen Weiß, lediglich die Dachziegel hoben sich durch ihre dunkle Farbe von dem Rest des Hauses ab, welches riesige Fensterfronten aufwies und die Sonne einlud, in das Innere des Hauses zu scheinen.

Die Eingangstür bestand aus einem edlen Metall und war in modischer Designerform geschwungen. Farblich war sie gut auf die Marmorplatten des Gartens abgestimmt. Erst bei genauerer Betrachtung entdeckte man das hervorragend eingebaute Keypad Magschloss mit hoher Sicherheitskomponente, während man mit bloßem Auge die Kameras, welche in das Mauerwerk des Hauses eingearbeitet waren, überhaupt nicht entdecken konnte. Doch was nutzte das beste Magschloss, wenn man genau wusste, dass man alle Zeit der Welt hatte, um es zu knacken? Da wirkte auch keine Kamera abschreckend, wenn bekannt war, dass hinter dem Bildschirm niemand saß.

Vladyslav machte sich in aller Ruhe daran zu schaffen. Die Hecken waren so schön hoch gewachsen, dass ihn niemand von der Straße aus sehen konnte. Zwar ließ seine Konzentration sehr zu wünschen übrig - kein Wunder, sein Schädel fühlte sich an, als befände er sich in einer Schrottpresse - aber zumindest störten nicht ständig blinkende Werbetrids oder flache Holoverkäufer, die einem irgendetwas andrehen wollten. Vlad konnte sich voll und ganz seinem Vorhaben widmen. Er ballte die Faust und hieb gezielt und in dosierter Kraftaufwendung auf das Gehäuse des Magschlosses ein, dann setzte er den Sequenzer an und voilà, die Tür öffnete sich wie von Zauberhand.

Mit seinen 40 Quadratmetern war das Wohnzimmer wohl der größte Raum im gesamten Haus. In der linken Ecke stand eine Bar, die mit LED-Lampen gut ausgeleuchtet war und für ein feierliches Ambiente sorgte. Zu ihr gehörten drei Barhocker. In der Mitte des Raumes prangte ein zwei mal zwei Meter Trideobildschirm und auf der Rundcouch mit den dazu gehörigen Sesseln konnten bis zu zehn Trolle Platz nehmen. Auf dem spiegelglatten Boden hinterließ der Ukraine eine ordentliche Laufspur bestehend aus Matsch, welche um die Bar herum, zur Couch und wieder zurück zur Küche, welche sich direkt hinter der Bar befand, führte. Zunächst inspizierte er die Vorräte im Kühlschrank, griff sich Brot, Soyamilch und derlei Dinge, um diese sich einzuverleiben und das Ganze mit einem Bier hinunterzuspülen. Kurzum Vlad fühlte sich wie Zuhause.

"Warum benutzt du nicht einfach die Klingel wie jeder normale Metamensch?", fragte eine tiefe bekannte Stimme hinter Vlady, gefolgt von dem ebenso bekannten Klicken verschiedener Waffen, die in Anschlag genommen wurden. Der Troll hatte den Kopf gerade bis zu den Schultern im Kühlschrank versenkt, um dort nach einem weiteren Sandwich zu fahnden, fuhr erschrocken herum und ließ die Bierflasche aus der linken Hand rutschen, wo sie auf dem Boden zerschellte. Sogleich fuhr eine Drohne herbei, um die Scherben aufzukehren und den Boden zu reinigen. "Drek, ich dachte du wärst nicht Zuhause."

"Seit wann denkst du nach, bevor du etwas tust?" grummelte der große Bruder. "Schön dich zu sehen, Bruderherz.", doch Miroslav schien die Begeisterung nicht zu teilen. "Dir ist jemand über deine Hackfresse gelatscht", stellte er nur fest. Vlad nickte, nahm sich ein neues Bier aus dem Kühlschrank und setzte sich auf die Couch. Die Waffenmündungen folgten seinen Bewegungen, bereit, den riesigen Troll zu durchlöchern, sobald die Erlaubnis von Miroslav erteilt wurde. Ebenso folgte die Haushaltsdrohne und wischte die Fußspuren fort. Vlad flezte sich auf die Couch und brach das Schweigen: "Ist das nicht etwas gefährlich mit diesen ganzen Waffen im Hause, wo jederzeit deine Kinder vor die Mündungen laufen könnten? Du warst doch immer darauf bedacht, deine Kinder von solchem Spielzeug fernzuhalten oder hast du dich da geändert?"

"Siehst du hier irgendwo Kinder? Also was willst du, Vlad?"

"Ich brauche eine Bleibe."

"Was ist mit deiner Wohnung?"

"Hab ich nicht mehr."

"Ich will gar nicht wissen, was du wieder versemmelt hast. Ich schätze, es hat mit deiner chronischen Krankheit namens Pleite zu tun."

Vlad grinste breit: "Du kennst mich gut."

"Ja, leider."

Miroslav veranlasste mit einer lockeren Handbewegung das Verschwinden der Waffen seiner Lakaien unter deren lederner Trenchcoats. Er nahm Platz in seinem Sessel, lehnte sich nach links, wobei er seinen Kopf auf der Hand stützte und mit dem kleinen Finger gegen die Unterlippe tippte. Eine Geste, die er immer tat, wenn er nachdachte. Miroslav unterschied sich äußerlich kaum von seinem jüngeren Bruder. Er war nicht mal einen halben Kopf größer als Vlad, hatte den gleichen Stiernacken, die gleichen muskulösen Arme und ein ebenso breites Kreuz. Lediglich sein Haarschnitt und der Bart sahen gepflegter aus. Zudem trug er einen feinen Anzug, dass man ihn genauso gut für einen Kon halten könnte.
     Nach einigen Minuten des Schweigens sprach er: "Also gut, ich gebe dir eine Arbeit als Türsteher in einem meiner Clubs. Ich stehe dort manchmal als Barkeeper hinterm Tresen und kann dir genau auf die Finger schauen. Ich sehe, ob du arbeitest oder säufst. Über dem Club ist eine kleine Wohnung frei. Es ist nicht viel, nur eine kleine Zweizimmer-Wohnung, aber komplett möbliert. Der Mann, der dort mal wohnte, nippelt gerade in irgendeinem Krankenhaus ab. Er braucht die Wohnung also nicht mehr, aber…tun wir einfach so, als könnte er doch wiederkommen, also geh mit dem Zeug pfleglich um, es ist NICHT deins!"

Bei den letzten beiden Worten setzte er sich kerzengerade hin und erhob die Stimme fast zu einem Brüllen.

"Ja ja, ist ja gut", raunte Vladyslav genervt, wobei das eher an der gesamten Situation lag, weniger an der Standpauke seines Bruders, die er zwischen den Zeilen heraushörte. Miroslav hingegen missverstand den genervten Ton seines jüngeren Bruders. "Was heißt hier ja ja?" Brüllte er nun noch lauter. "Das heißt, ich habe verstanden, komm wieder runter!"

"Komm wieder runter? Von was soll ich runter kommen? Etwa von dem Schuldenberg, den du bei mir angehäuft hast? Wie tief darf es denn sein, gnädiger Herr? Wenn ich auf dein Nivaeu herunter kommen wollte, müsste ich wohl den Kopf in den Sand stecken und selbst das würde noch nicht genügen!"

Die Ader an der Schläfe seines Bruders begann zu pulsieren. Vlad wusste, dass nur noch ein kleiner Funke genügte und Miroslav würde explodieren. Also entschied er sich vorerst nichts zu sagen. Miroslavs Brustkorb hob und senkte sich deutlich. Er atmete schwer. Vielleicht hatte er sich inzwischen eine Adrenalinpumpe einbauen lassen, die ihn so schnell hochfahren ließ, aber sicher wusste es Vlad nicht. Wieder verstrichen Augenblicke, die Vlad vorkamen wie Minuten, dann endlich gewann er den Mut, auszusprechen, was seinen Bruder beruhigen konnte: "Is schon klar. Bin nich so dumm wie ich aussehe. Wollt dich nich in deiner Ruhe stören." In jenem Moment wollte er sich erheben, seine leere Flasche Bier entsorgen und gehen, aber Miro hielt ihn auf: "Ein einfaches Danke, tut's auch." Vlad grinste schief und setzte sich wieder.

"Tu mir einfach den Gefallen und nimm den Job ernst. Ich werde einiges in dich investieren. Was hälst du von Unterarmsporen? Würde dir sicher gut stehen. Ein paar Reflexbooster wären auch sinnvoll. Hast du Cyberaugen?"

Vlad grinste und seine Narbe ließ sein Gesicht wie eine verzerrte Maske aussehen. "Noch nicht… Aber…"

"Nimm deinen Job einfach ernst!" wiederholte sein Bruder, "ich muss mich auf dich verlassen können. Das Gehalt wird etwas geringer ausfallen, wegen der Investition in deinen Körper, aber du wirst davon leben können und ich werde an dir als Arbeitskraft soweit sparen, dass damit deine Schulden in einem Jahr getilgt sind."

Wenn Panasenkow an dieser Stelle etwas nachgedacht hätte, wäre ihm die Situation vielleicht etwas merkwürdig vorgekommen. Er hatte sich unerlaubt Zutritt zum Haus seines Bruders verschafft und dabei einen mehrere Hundert Nuyen teuren Schaden verursacht, er hatte sich, ohne zu Fragen am Kühlschrank seines Bruders zu schaffen gemacht und das, obwohl er bereits einen Haufen Schulden bei ihm hatte und nie daran gedacht hatte, diesen zu tilgen, was Miroslav das Gefühl gab, sein jüngerer Bruder würde ihn materiell auspressen wie eine Zitrone. Die Schwierigkeiten, die er Miroslav jahrelang gemacht hatte, sollen gar nicht erst erwähnt werden. Wieso also sollte sein Bruder daran interessiert sein, ihm ein weiteres Mal zu helfen geschweige denn, in ihn zu investieren? Aber der Ukraine hatte an dieser Stelle nicht nachgedacht, er hatte lediglich wieder einmal einen Anflug von Bruderliebe im Bauch gespürt und freute sich, dass sein großer Bruder seine Probleme in Luft auflöste.

"Du kannst dich auf mich verlassen."

Miroslav nickte, rieb sich jedoch die Stirn. Er hatte offensichtlich Zweifel an seinem eigenen Vorhaben. Zuverlässigkeit und der Name Vladyslav Panasenkow passten in etwa so gut zusammen wie ein USB-Kabel in eine Steckdose.

*****


Am Abend begleiteten Miroslavs Lakaien die Brüder in die Stadt. Vlad spürte, wie er sich innerlich entspannte. Diese Natur am Rande der Stadt, das viele Grün, die Stille, all das machte ihn eher nervös, als dass er sich damit entspannen könnte. Er war im Großstadt Sprawl aufgewachsen. Gemeinsam mit seinem Bruder hatte er als Jugendlicher eine Trollgang angeführt, Transporter oder Taxis überfallen und sich damit über Wasser gehalten. Irgendwann war Miroslav überzeugt, dass sie das nur des Selbstbewusstseins wegen getan hatten. Es gab eben ein gutes Gefühl, wenn einem zwölf Trolls in den Arsch krochen. Daran gab es vermutlich auch nichts zu rütteln. Er hatte recht gehabt. Aber für Vlad war es kein Grund, die Gang aufzugeben. Miroslav war anders. Irgendetwas hatte ihn reifen lassen, ihn zu jemanden werden lassen, der dem Trollklischee nicht mehr entsprechen und endlich seinen Verstand einsetzen wollte. Diese Eigenschaft an ihm hatte ihn die ersten ansehnlichen Runs eingebracht. Auch wenn es mehr um Muskeltätigkeiten ging. Ohne Miroslav war die Gang jedoch nicht mehr zusammen zu halten. Vlad hatte in den Tag hinein gelebt und nicht damit gerechnet, wie viel Arbeit dahinter steckte, die gesamte Rasselbande bei Laune - und vor allem - zusammen zu halten. Trolls, die Tag und Nacht nur Bier soffen und am nächsten Tag den Kater wieder mit Bier verscheuchten, waren nicht in der Lage irgendwelche kleinen Dinger zu drehen, geschweige denn ihre Wut im Zaum zu halten, wenn sie mal einen Blick missverstanden. Irgendwann gingen sie aufeinander los, statt miteinander gegen andere Banden. So zerfiel das, was Vlad einst eine Familie ersetzt hatte. Jeder ging seinen eigenen Geschäften nach. Manche wandten der Straße komplett den Rücken zu, begannen eine Ausbildung und hatten endlich den Fuß in einem Konzern, wenn auch ganz unten auf der Karriereleiter.

"Wie gesagt, es ist nur eine kleine Butze, aber immerhin hast du alles, was du brauchst. Tu mir den Gefallen und jag sie nicht gleich in der ersten Nacht in die Luft", erklärte Miroslav, nachdem er das Magschloss ausgetauscht hatte.

Vlad grunste glücklich und zufrieden wie ein kleines Kind an Weihnachten, das sein erstes Tridspiel bekommt. Sein Bruder gab ihm ein neues Kommlink, welches bereits mit allen in der Wohnung befindlichen Geräten verlinkt worden war und verabschiedete sich.
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