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Im Mantel der Schatten

GeschichteAbenteuer, Humor / P12 / Gen
17.09.2011
05.01.2013
3
5.037
 
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Im Mantel der Schatten


Prolog


Wem die Scheiße bis zum Halse steht, der soll den Kopf nicht hängen lassen. Vladyslav Panasenkow stand die Scheiße bis zum Halse, doch das sollte er erst in wenigen Augenblicken bemerken. Augenblicke, die sich wie eine halbe Ewigkeit anfühlten, für denjenigen, der ohne Unterlass gegen Panasenkows Tür hämmerte. Dem Ukrainen hingegen erschien dieser Augenblick wie der Bruchteil einer Sekunde.

Unglaubliche Schmerzen dröhnten durch seinen Schädel und verrieten, dass er vergangene Nacht eine gelungene Party veranstaltet hatte. Gerade aus seinem Koma erwacht, schüttelte er headbangender Weise sein schütter gewordenes Haar im Takte des Trommelgewitters bis er merkte, dass die Musik längst aus und seine Anlage im Arsch war. Kurze bildhafte Ausschnitte aus seinen Erinnerungen klärten ihn auf, dass zwei seiner Gäste in die Anlange gesprungen waren. Ein Anderer hatte sie mit einer Toilette verwechselt und ein Vierter setzte der Anlage zu, indem er Salami statt CD's einlegte. (Panasenkow liebte diese prähistorischen Geräte, in denen man Musik, gepresst auf diese kleinen Scheiben, - genannt CD- einlegte.) An dieser Stelle wurde Vlady sich schmerzlich der Tatsache bewusst, dass er ab einem gewissen Alkoholpegel angenommen hatte, in einem fremden Haus zu feiern. Deshalb hatte er sich köstlich darüber amüsiert, statt einzuschreiten. Doch das gehörte nun der Vergangenheit an und konnte nicht mehr geändert werden. Also widmete er sich wichtigeren Dingen - der Gegenwart. Sein Schädel schmerzte und der Trommelwirbel - gegen die Tür, wie er nun einsehen musste - war nicht gerade zuträglich für seine derzeitige Situation.

Schwerfällig erhob er sich und blickte in den zerbrochenen Spiegel im Flur. Dicke Tränensäcke über tiefschwarzen Augenringen, ein Zeichen, dass die Party wirklich gut gewesen war, wirkten sich auf seine ohnehin nicht stark ausgeprägte Attraktivität weiter negativ aus. Doch auf Schönheit hatte Vladyslav schon lange keinen Wert mehr gelegt. Wie hieß es doch so schön? Aus einer Krähe kann man keine Elster machen. Damit hatte er sich arrangiert, seit ihm mit 13 Jahren aus der Stirn Hörner wuchsen, die inzwischen eine solch stolze Länge erreicht hatten, dass sich ihre Enden einmal kringelten, bevor sie bedrohlich auf seinen Gegenüber zeigten. Unter diesen stolzen Hörnern taten sich wulstige Augenbrauen auf, unter denen tiefliegende, kleine blaue Augen versteckt waren. Zwischen den Augenbrauen begann sich eine kurze, aber knollige, Nase zu biegen und hinunter auf wulstige Lippen zu zeigen, von denen aus sich eine Narbe über die gesamte linke Gesichtshälfte zu schlängeln begann wie ein Fluss, von dem verschiedene Flussadern abgingen. Trotz, dass ihm augenscheinlich ein Hals zu fehlen schien, hatte er eine - selbst für einen Troll - stattliche Größe erreicht. Der riesige Schädel wurde von einem dicken, kurzen Nacken und sehr muskulösen Schultern getragen. Muskulös war überhaupt alles an seinem Körper, wenn man von seinem runden Bauch und den Cyberwaregliedmaßen absah. Nein, schön musste Vlady nicht sein.
     Weitere Minuten verstrichen, während er sich im Spiegel betrachtete und seine Brustwarzen streichelte, bis ihm wieder einfiel, dass er gerade auf dem Wege zur Tür war. Unterwegs griff er ein angeknabbertes Toast-Sandwich auf und biss genüsslich hinein. Der Trommler hatte scheinbar eine Engelsgeduld und war sich ziemlich sicher, den Ukrainen hier anzutreffen. Bevor dieser die Tür öffnete, tätigte er einen Kontrollblick durch den Spion. Ein hagerer Kerl Mitte dreißig, in Mittelklasseanzug gekleidet, mit gescheitelter Kurzhaarfrisur und Nickelbrille hämmerte mit seinem dünnen Ärmchen gegen die Tür. Der Troll schmunzelte. Mit diesem Saubermann wurde er alle mal fertig. Es schien ein angenehmer Morgen ohne große Sorgen zu werden. So streckte er den Kopf aus der Tür heraus. Sein massiger Körper lehnte zwischen Tür und Rahmen, damit er keinerlei Kraft aufbringen musste, aufrecht stehen zu bleiben. Kurz wischte er die Brotkrumen von seinem Bauch, der als einziges seiner Körperteile sehr weich und kugelrund war.

"Vladyslav Panasenkow?" Fragte der hagere Kerl den Hünen, welcher nichts weiter antwortete als "Hä?" und sich dabei am Sack kratzte. Angewidert blickte das hagere Kerlchen auf sein digitales Klemmbrett und studierte die Daten, die darauf standen. "Vladyslav Panasenkow, Sie sind seit vier Monaten mit der Miete im Rückstand. Ihr Vermieter wartet seit vier Monaten auf sein Geld." Der Troll rülpste auf und der Kerl rümpfte die Nase, fuhr aber weiter fort: "Inzwischen hat Ihr Vermieter einen Titel gegen Sie erwirkt." "Warum?", fragte Vladyslav gähnend und das Klemmbrett begann in den Händen des hageren Kerls zu zittern. "Weil er sein Geld haben möchte", versuchte der Mann souverän zu antworten, fürchtete jedoch einen Wutanfall bei seinem Gegenüber auszulösen. "Er wartet seit vier Monaten auf sein Geld?" fasste Vlady zusammen. Der Saubermann im Anzug schluckte und nickte. "Dann kann er noch einen fünften Monat darauf warten." Mit lässigem Schwung knallte der Ukraine die Tür zu. Er hörte, wie der Kerl im Anzug den Aufzug benutzte und schenkte ihm keine Beachtung mehr.
     Was dann passierte, kann Vladyslav bis heute nicht erklären. Er hatte sich gerade von der Tür abgewandt, als er das Profil von Doc. Martin Stiefeln auf sein Gesicht zuschnellen sah. Im nächsten Augenblick flog der ukrainische Hüne durch seine eigene Tür und befand sich im Treppenhaus. In Windeseile wurde die zerstörte Tür mit einer Metallplatte provisorisch repariert.
     Welch ein Pech, dass das einzige an Wert, was er besessen hatte, nämlich die prähistorische Anlage, welche heutzutage schlichtweg nicht mehr produziert wurde, auf Grund seiner Party seinen Wert verloren hatte und damit sein Unglück nicht mehr abzuwenden war.

"Mist, ich hatte nicht mal mehr die Zeit, ein Bad zu nehmen", murmelte er zerknirscht vor sich hin, während er seinen eigenen Körpergeruch nicht mehr ertragen konnte, weil er den Restalkohol ausdünstete. Zu allem Überfluss begann seine rechte Gesichtshälfte schmerzlich zu pochen. Den Profilabdruck des Stiefels würde man noch einige Tage als blauen Fleck auf seinem Gesicht sehen.

Er nahm Platz auf einer Bank mitten in der Fußgängerzone, wo Trideowerbebanner um ihn herumflatterten, flache Hologrammverkäufer die Passanten dazu einluden, die neuesten technischen Geräte zu kaufen oder neumodische Frisuren mit Werbetattoos zu tragen. Unter dem Trubel der Menschenmenge beschloss er sein Nickerchen wieder aufzunehmen. Leider kam er nicht dazu, da ein kleines Normmädchen von ca. 8 Jahren auf ihn zukam und ihn in die Schulter piekte. Nicht, um ihn zu wecken, sondern um zu testen, ob seine Haut wirklich diese Knochenablagerungen hatte, welche Trolle so widerstandsfähig gegen äußere Einflüsse auf den Körper machten. Vlad öffnete unweigerlich ein Auge.

"Du bist ein Troll nicht wahr? Stimmt es, dass ihr Krankheiten übertragt und deshalb so gefährlich für uns Menschen seid?"

"Kann schon sein, aber das wäre das geringste Problem, das ihr mit uns habt."

"Was wäre das größte Problem?"

"Dass wir euch sehr gern haben."

Das Mädchen strahlte: "Ehrlich?"

"Ja, wir haben euch gern, vor allem in Rotweinsoße auf dem Mittagstisch."

Dem Mädchen entglitten die Gesichtszüge. Sie rannte schnurstracks zu ihren Normeltern zurück, deutete auf Panasenkow und bekam sogleich eine Standpauke von ihren Eltern zu hören. Da wird also noch so ein verkorkster Poli Humanis Norm herangezüchtet. Dachte sich der Ukraine, aber weiter scherte er sich nicht darum. Er hatte nun seine Ruhe, gähnte und…bekam einen kleinen blauen Ball in seinen Rachen geschossen. Er röchelte und hustete, richtete sich auf und rang um Luft. Neben ihm hechtete ein drahtiger Elf über die Banklehne und baute sich vor ihm auf.

"Komm schon, Großer, entweder verreckst du jetzt ganz schnell, damit ich den Ball aus deiner Luftröhre rausschneiden kann oder du spuckst das Ding flott in diese Richtung." Der combat-golfende Elf wies ihm die Richtung. Hier spielte offensichtlich die obere Liga. Zahlreiche Passanten und Objekte, die als Hindernisse getroffen werden konnten, riefen schnell die Polizei herbei. Die vielen Füße der Passanten schubsten die Bälle oft durch die Gegend, wobei der Ball jedoch erst wieder gespielt werden durfte, wenn er zum Stillstand gelangt war. Die Herausforderung lag darin, so wenig Schaden wie möglich anzurichten, um die Polizei so lange wie möglich aus dem Spiel zu halten, den Ball so schnell es ging, einzulochen und wenn möglich, dabei schneller zu sein, als die Polizei einen Combat-Golfer festnehmen konnte. Vlad hustete und würgte, sein Gesicht, dass ohnehin am heutigen Tage stark gelitten hatte, färbte sich dunkelrot. Ungeduldig hob der Elf sein Neunereisen an, um mit einem gezielten Hieb zwischen die Schulterblätter des Trolls, den Ball wieder auf die Straße zu befördern. "Wurde auch Zeit", nörgelte der Elf und hetzte in der Menschenmenge seinem Ball hinter her. In der Ferne war das Signalhorn der anrückenden Polizei bereits zu hören. Dies war offensichtlich nicht der Ort für ein Nickerchen, um sein Problem zu verdrängen, bemerkte der Troll und beschloss, sein Problem so anzugehen, wie er alle seine Probleme anging. Er wälzte sie auf andere ab.
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