Geschichte: Freie Arbeiten / Prosa / Action / Belongo

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Belongo

Kurzbeschreibung
GeschichteAbenteuer / P16 / Gen
12.09.2011
23.02.2017
37
260.000
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12.09.2011 7.536
 
Axel atmete heftig ein und wieder aus wie nach einem Sprint. Aber er hatte sich kaum angestrengt, zumindest nicht körperlich. Dafür aber hatte er geschossen. Oft genug geschossen. Und nun türmten sich die Leichen der toten Krieger des Rikis auf dem Platz vor dem Prachtbau und in den Seitenstraßen. Er hatte keine Ahnung, wie viele es waren, aber er fürchtete, der Riki könnte noch mehr von ihnen haben.
"Marine 1, was haben Sie für mich?"
Major Michael meldete sich sofort. "Ranger 1, wir können die Rückseite des Gebäudes einsehen. Zur Zeit schanzen wir die rechte Flanke, um nicht umgangen zu werden, aber der Wald steht der Stadt sehr nahe und macht es schwierig. Ich habe ein paar Jungs rübergeschickt, die Stolperfallen auf den Trampelpfaden auslegen, damit wir zumindest gewarnt sind. Ich habe aber auch mit zwanzig Mann freies Schussfeld. Was ich hier sehe, wird Sie interessieren, Ranger 1. Es sieht ganz so aus, als würde der Riki evakuieren. Ich sehe Dutzende Männer und Frauen, die das Gebäude verlassen und auf etwas warten, voraussichtlich auf Transportmöglichkeiten. Etwa die Hälfte verlässt den Platz in nordöstlicher Richtung zu Fuß, flankiert von einigen Bewaffneten. Befehle?"
"Beobachten Sie weiterhin und verhalten Sie sich ruhig. Wenn sich unser Problem von selbst löst, umso besser. Ich kann langsam keine Schüsse mehr hören."
"Ich verstehe, wie es Ihnen geht, Ranger 1."
"Ich glaube, Sie verstehen mich falsch, Marine 1. Das ganze Rumgeballer macht mich langsam taub."
Michael lachte rau auf. "Das habe ich doch auch gemeint."
"Männer."
"Keine unqualifizierten Kommentare, auch wenn sie noch so wahr sind, Ranger 5-1", mahnte Scott erheitert.
"Verstanden, Ranger 1. Wir warten also?"
"Nutzen Sie die Zeit, um die Toten in Ihrer unmittelbaren Umgebung noch mal zu töten, Captain. Und schicken Sie Leute, solange es ruhig bleibt, in die Sie umgebenden Häuser und runter in die Kanalisation. Sie sollen auch hinter jede Plane und in jedes Fass schauen, ob dort nicht ein bewaffneter Kindersoldat lauert. Glauben Sie mir, Sie wollen beides nicht erleben. Weder dass sich ein vermeintlich Toter aufrichtet und einen Ihrer Leute tötet, weil er sich sicher war, dass der Leichnam wirklich ein Leichnam war, noch dass plötzlich ein Halbwüchsiger mit einer Pistole oder einer AK-47 Ihren Leuten in den Rücken schießt."
"Sind ja furchtbare Zustände hier. Jemand sollte hier gründlich aufräumen und mal ein wenig Ordnung ins Land bringen", erwiderte die Ranger-Captain angemessen frustriert.
"Wir versuchen es ja schon, Ranger 5-1", warf Axel ein. Und mehr als Versuche waren es bisher nicht gewesen. Allerdings, wenn an diesem Tag endlich Ruhe in dieser Stadt herrschte, wenn der Riki diese Stadt, seine Stadt, aufgeben musste, dann war vielleicht mehr für Belongo gewonnen als mit dem Lazarett, zu dem die Menschen aus allen Landesteilen strömten, solange es noch da war, ungeachtet ihrer Volkszugehörigkeit und ihrer Koalitionen. Andererseits waren die herrschenden Kräfte, die Belongo im Chaos sehen wollten, nicht nur bereit, ein menschliches Wrack wie den Riki in ihrem Sinne einzusetzen und auszurüsten, sondern sie waren auch in der Lage, mal eben drei Kompanien Ketten-, und Radpanzer zu rekrutieren und dieser entmenschlichten Person zu Hilfe zu schicken.
"Habe ich gesehen, Belongo 1. Kompliment dafür", antwortete Captain Sinclair.
"Belongo Mining 1, bitte", erwiderte Axel.
"Sicher?", fragte sie amüsiert. "Oh, Scheiße, da steht ja wirklich einer wieder auf!" Weit rechts von ihnen erhob sich ein blutüberströmter Leib. Zugleich feuerten die Ranger. Dutzende Kugeln durchbohrten ihn, aber er fiel nicht. Er öffnete den Mund und brüllte. Dann setzte er sich wankend in Bewegung, auf die Linie der Ranger zu. Während die Kugeln ihn durchsiebten, griff er mit verkniffenem Gesicht an seinen Gürtel, zog zwei Eierhandgranaten und entfernte die Sicherungen mit den Zähnen. Dann erst traf ihn ein Schuss in den Kopf. Deutlich konnte Axel sehen, wie eine Fontäne Blut aus dem Hinterkopf schlug. Der Mann stoppte. Er knickte in die Knie ein, die Handgranaten noch immer in den Händen. Schließlich fiel er vornüber, etwa fünfzig Meter vor der Stellung der Ranger. Fünfzehn Sekunden später explodierten beide Granaten. Sie zerfetzten den Mann und drei tote Männer des Rikis, die in der Nähe lagen.
"Gefährliches Pflaster, dieses Keounda City", sagte Sinclair. "Wo sind wir hier? In einem Zombie-Film?"
Was für ein passender Vergleich.

"Belongo Mining 1 von Boxie, bitte kommen."
"Bin dran. Was gibt es, Boxie?"
"Kleinholz, würde ich sagen. Ich bin jetzt zweimal über die Fahrzeuge hinweg geflogen, aber niemand hat auf mich geschossen. Ich denke, für die Piloten der Abraham Lincoln gibt es nichts mehr zu tun. Wenn es geht, hätte ich gerne ein paar Bodentruppen zum Aufräumen. Ich schätze, die hier stehen nach einem eigentlich tödlichen Lebersteckschuss nicht wieder auf. Außerdem müssen wir schauen, was auf der Farm des hiesigen Warlords los ist. Die meisten Gebäude brennen, und ein paar der Lastwagen stehen da noch. Die haben wir bisher nicht beschossen."
"Können wir dafür Ldungas Leute nehmen?", schaltete sich Niklas in die Unterredung ein.
"Keine gute Idee. Ldunga hat doch erwähnt, das er und seine Leute vom Ostufer verdrängt wurden und auf das Westufer gewechselt sind", erwiderte Axel. "Ich bin mir nicht sicher, ob sie dort aufräumen werden, oder ob sie alles töten, was noch lebt. Hier sind sie unsere zuverlässigen Verbündeten, wohl auch weil die Angst vor dem Riki uns zusammenhält. Aber drüben, auf ihren ehemaligen Land, den Erzfeind zu Füßen... Sagen wir, ich will sie nicht in Versuchung führen."
"Belongo Mining 1, wir haben definitiv zu wenig Leute für die ganzen Aufgaben", meldete sich Captain Sinclair erneut. "Falls Sie das nächste Mal eine Firma in Afrika aufmachen, fordern Sie doch bitte vorher eine Amphibiendivision im Pentagon an."
"Ich denke dran, versprochen. Das nächste Mal", erwiderte Axel amüsiert. Es stimmte also, ein wenig Galgenhumor konnte nie schaden. Er fühlte sich schon ein wenig besser, obwohl ihm die Situation, in jedem Fall töten zu müssen, noch immer schwer zu schaffen machte. Eigentlich war er es gewöhnt, jedem eine zweite Chance zu geben. Aber diese zugedröhnten Junkies wollten keine zweite Chance. Sie wollten nicht einmal leben. "Niklas, wir stellen die Truppen."
"Ist gut, großer Bruder. Hannes, nimm dir eine Firesquad und kehre zur Moschee zurück. Boxie, du kommst mit einem weiteren Heli zurück und holst sie ab. Die anderen beiden bleiben zurück und passen darauf auf, dass nicht noch Verstärkung vorbeikommt."
"Und passen auf die schmucke kleine M-10 Feldhaubitze auf, die hier unbeschädigt rumsteht. Gut, fast unbeschädigt. Schätze, mit dem Ding haben sie auf euch in der Stadt geschossen, während ihre Leute die Farm geplündert haben. Sind auf dem Weg."
"M-10?"
"M-1938. Russisches Weltkrieg II-Modell. Ich habe noch nie eine echte gesehen, geschweige denn angefasst", sagte Boxie. "Das hole ich heute noch nach."
"Na, wenigstens einer, der der Situation etwas Positives abgewinnen kann", sagte Lieutenant Morelli sarkastisch.
Und wenigstens einer, der seinen Humor noch nicht verloren hatte.
***
Im fernen Washington hatte man darüber diskutiert, von Diego Garcia eine Drohne aufsteigen und für die Suche nach der Karuma einzusetzen, den ndongoischen Frachter mit der hochgefährlichen Ladung. Stattdessen hatte man sich für ein zusätzliches Radarflugzeug entschieden, das kurze Zeit später auf direkte Weisung des Präsidenten von der Abraham Lincoln gestartet war. Was aber ebenfalls gestartet war, war eine Drohne, eben von Diego Garcia. Dies war gegen halb elf Ortszeit Keounda City gewesen. Die Drohne stand unter der Kontrolle des CIA. Zumindest war das der Fall, bis sie Ndongo überflogen und zahlreiche Aufnahmen von der Belongo Mining geschossen hatte; als sie belongoischen Luftraum wieder verließ, verloren die Operatoren die Kontrolle über die Drohne und sahen verdutzt auf schwarze Bildschirme. Vergeblich versuchten sie gegen zwölf Uhr, als nahe Keounda City der Tanz wieder heißer wurde, die Kontrolle über das Fluggerät zurückzuerlangen. Aber umsonst. Nach zehn nahezu endlosen Minuten meldete das zuständige Team den möglichen Verlust der Drohne, entweder durch gezielten Abschuss, oder, was wesentlich schlimmer war, durch feindliche Hacker. Von dort ging die Nachricht direkt nach Langley in Virginia, in den Hauptsitz der CIA. Die spontane Reaktion war, die zwanzig Millionen Dollar teure Drohne sprengen zu lassen, aber niemand konnte sich sicher sein, dass der Selbstmordbefehl den Flieger überhaupt erreichen würde. Also schloss man sich mit der Navy kurz, um mit Hilfe der beiden Radarflugzeuge der Abe zumindest die Position der Drohne ermitteln zu können. Notfalls würde man die Drohne von den Kampffliegern ihres Bordgeschwaders abschießen lassen müssen; die Kaperung war fatal genug, aber die Technologie der Drohne in den Händen eines Drittlandes, womöglich noch eines, das etwas damit anfangen konnte, wäre eine absolute Katastrophe gewesen. Und während die Agenten auf Diego Garcia verzweifelt darum bemüht waren, den Kontakt zur Drohne wieder herzustellen, suchten die E-2C Hawkeyes der Abraham Lincoln den Luftraum nach ihr ab. Diese Operation dauerte siebenunddreißig Minuten, dann entdeckte die nach Norden entsendete Hawkeye die Drohne - hauptsächlich deshalb, weil die Radarleute wussten, wonach sie Ausschau halten mussten. Die Drohne wurde über dem offenen atlantischen Ozean gesichtet, vierzig Kilometer vor der ndongoanischen Küste in dreiundzwanzig Kilometern Höhe mit Kurs Nordnordwest. Sie zog direkt auf die Chicago zu, die noch rund einhundert Seemeilen von der ndongoanischen Küste entfernt war, als hätte jemand ein Lineal verlegt, an dem sie entlang fliegen konnte.
Etwa zehn Minuten später, nach mehreren vergeblichen Versuchen, die Drohne mit dem Selbstvernichtungsbefehl direkt anzufunken und als schon längst ein Wing F-18 der Abe versuchte, das ferngesteuerte fliegende Auge einzuholen, kroch die Colorado über die Erdkrümmung und wurde für die CIA-Drohne sichtbar. Dies geschah lange, bevor die Navy-Piloten überhaupt in Waffenreichweite waren, obwohl sie fast mit Mach zwei heraneilten, selbst auf das Risiko hin, die Black Stars oder die ndongoanische Luftwaffe nervös zu machen. Was daraufhin geschah, konnte man ohne weiteres als größtmögliche Katastrophe für die US Navy seit dem Brand auf der USS Wasp während des Vietnamkriegs bezeichnen: Die Drohne markierte die Colorado mit einem Zielsuchlaser und meldete die Telemetriedaten an einen unbekannten Abnehmer. Oder um es mal im Jargon zu sagen, das amerikanische Kriegsschiff wurde für den Beschuss illuminiert. Für die Zielsucher jedes Feindfliegers und jeder Rakete strahlte der Zerstörer der Arleigh Burke-Klasse wie ein Weihnachtsbaum. Und es gab ein Schiff mit genau jenen Raketen, die die Fähigkeit hatten, der Colorado ernsthafte Schwierigkeiten zu bereiten.

Derweil versuchte Kapitän Harry Kemibwa, nach Möglichkeit Land zu erreichen und sein Schiff in der nächstbesten Flussmündung zu verstecken. Zumindest, bis sich die Lage etwas beruhigt hatte. Die Vernichtung der ganboischen Fregatte mit Hilfe von vier Sizzlern - dabei hatte Mr. Red ausdrücklich gesagt, nur eine pro Schiff, andererseits waren ihm aber dreißig Sizzler, die in Argentinien ankamen, lieber als gar keine, die ankamen. Auf jeden Fall wollte er erst einmal raus aus der Schusslinie. Wenn es ging in einen Hafen, aber wie gesagt, eine Flussmündung mit ausreichender Tiefe war ihm auch recht. Zumindest vorübergehend, bis der amerikanische Zerstörer,  der von Norden kam, an ihnen vorbei gerauscht war. Nicht ganz ohne Grund hoffte er, dass die Amerikaner bisher noch keinen Satelliten abgestellt hatten, der nach seinem Schiff suchte. Und Hoffnung war vielleicht das Letzte, was ihm blieb.
Wieder und wieder ging sein Blick in jene Richtung, in der er das Schnellboot wusste, das ihn und Leutnant Bukows Leute notfalls weit, weit weg bringen würde. Es war allgemein bekannt, dass Mr. Red rücksichtslos gegen seine Feinde war, aber seine Verbündeten nie vergaß. Das war wohl auch der Grund dafür, dass er so viele hatte, Verbündete.
"Ach, das ist ja mal interessant", klang die Stimme des Russen auf. "Kommen Sie doch bitte mal, Skipper."
Interessiert trat Kemibwa näher. Er beugte sich vor, um auf den Monitor von Bukows Ausrüstung zu schauen, mit der er schon das ganboische Kriegsschiff zu den Fischen geschickt hatte. Dort war ein schnell fahrender Zerstörer zu sehen. "Hm?", machte der Kapitän der Karuma. "Was ist daran interessant, Leutnant?"
"Was ich Ihnen jetzt sage, kann ich selbst kaum glauben. Dieses Schiff ist die Colorado, ein Arleigh Burke. Das Schiff, das uns den Weg nach Norden abschneidet.
"Sind das Live-Aufnahmen?", fragte Kemibwa. Wer immer diese Bilder schoss, anhand des Winkels konnte er erkennen, dass dieser jemand relativ hoch flog, aber weit entfernt sein musste.
"Ja, das sind Live-Aufnahmen. Von einer amerikanischen Drohne."
"Von einer amerikanischen Drohne?", fragte Kemibwa verwundert. "Wie sind Sie denn daran gekommen?"
Der Russe schnaubte. "Sie sendet ihre Telemetriedaten direkt an uns. Also zumindest in unser Gebiet. Bevor Sie fragen, ich habe keinen Zugriff auf ihre Steuerung. Das wäre auch zuviel verlangt. Aber was ich habe, das ist Zugriff auf ihren Ziellaser, der gerade die Colorado illuminiert."
"WAS, BITTE?" Entsetzt starrte der schwarze Seefahrer den russischen Söldner an. "Die Amis feuern einen Ziellaser auf eines ihrer Kriegsschiffe?"
"Nun, die Amis mit absoluter Sicherheit nicht. Aber jemand tut es, und dieser jemand gibt jedermann, der es möchte, freien Zugang auf die Daten. Die Frage ist, was machen wir damit?"
In Kemibwas Gesicht arbeiteten die Muskeln. War die Colorado weg, dann konnten sie ihre Fahrt nahezu ungestört fortsetzen. Die Fregatte war auch ein Kriegsschiff gewesen, und sie hatten sie versenkt. Mit sechsunddreißig Sizzlern würde er sogar dem Trägerverband der Abraham Lincoln gefährlich werden können, vor allem, wenn die Schiffe ebenfalls von Ziellasern angestrahlt wurden. Und es war von Vorteil, wenn sie die Karuma nicht mehr verstecken mussten. Er würde so schnell das Schiff lief den freien Ozean aufsuchen und dann auf Nimmerwiedersehen verschwinden. Andererseits bedeutete der Abschuss eines amerikanischen Zerstörers einen schweren internationalen Zwischenfall, der sein Land und seinen Clanführer, pardon: seinen Präsidenten, international einiges kosten würde. Aber den Ärger hatte er vermutlich schon durch den Angriff auf die ganboische Perry-Fregatte.
Doch wenn er sachlich darüber nachdachte, wer sollte seinem Land politisch am Zeug flicken? Er war kein Militär und kein Vertreter seines Landes. Das war eventuell angreifenden amerikanischen Jagdfliegern wahrscheinlich egal, aber wenn er es schaffte, hieraus zu entkommen, wenn er es schaffte, die Waffen nach Argentinien zu schaffen, dann... Nur, was war die bessere Option? Gras über die Sache wachsen zu lassen, oder den Arleigh Burke ebenso wie die Fregatte zu den Fischen zu schicken? Ernst sah er den Russen an. "Schaffen Sie das?"
"Solange die Drohne das Ziel illuminiert, sicher. Aber ich würde, um auf Nummer sicher zu gehen, obwohl der Beschuss durch den Ziellaser viel genauer ist, diesmal sechs abschießen. Ich richte mich da nach Ihnen, Kapitän. Sie sind der Hausherr."
"Und wenn es schief geht?"
"Dann haben wir es wenigstens versucht. Von wo aus wir schießen kann die Colorado jedenfalls über diese Entfernung lediglich vermuten." Dem Russen juckten die Finger. Sein Gesicht zeigte die Anspannung eines Profis, der seine Arbeit tun wollte und der nicht verstand, warum das nicht alle genauso sahen. "Dann können wir immer noch in einen Fluss einfahren, Skipper."
Kemibwa überschlug die Fakten. Sie waren noch zehn Seemeilen vom Land entfernt, dankenswerterweise der Küste des Kaiserreichs Belongo, ihrem sezessionistischen Rivalen im Norden, der keine Verträge mit der USA hatte. Und mit dem Lawumabi gab es einen Fluss, der die Karuma aufnehmen konnte, wenigstens für kurze Zeit.
Und da war noch eine Sache, die entscheidend war: Es hatte ihm gefallen, auf die Fregatte zu feuern und damit den sicheren Tod seines Schiffs abzuwenden. Er war der Stärkere, solange die Sizzler an Bord waren. Und dieses Gefühl würde noch besser sein, wenn sie einen arroganten Ami zu den Fischen schickten. Außerdem, was sollte passieren, wenn es misslang? Sie konnten sich immer noch verstecken. Und da die Chance, dass das Schiff vorbeifuhr nicht viel geringer war als dass es die Karuma nahe der Küste suchte und aufbrachte, war es vielleicht nur die Vorwegnahme eines Kampfes, der ohnehin bevorstand. "Schicken Sie die arroganten Amis zu den Fischen, Leutnant Bukow", sagte er schließlich."
"Jawohl, Sir!", rief der Russe mit allen Zeichen der Freude. "Sergej, Illian, fertig machen für den Abschuss von sechs Raketen und Synchronisierung mit dem Leitstrahl der amerikanischen Drohne!"
Die beiden angesprochenen Söldner bestätigten und machten sich begeistert an die Arbeit. Den Amis welches auf die Fresse zu geben, das war ganz nach ihrem Geschmack.
Kurz darauf drehte das Schiff die Nase nach Nordwesten, zwei Container öffneten sich. Jeder schoss drei Sizzler ab, die kurz vor der Wasseroberfläche ihren Raketenantrieb starteten und dicht über der Wasseroberfläche dahinschossen. Sechs Feuerschweife rasten ihrem fernen Ziel entgegen, einem amerikanischen Kriegsschiff.

In Ompala beobachtete Mr. Red das Geschehen aufmerksam. Es hatte ihn nicht viel Mühe gekostet, den einen oder anderen "Freund" bei der CIA an diverse Gefallen zu erinnern. Außerdem hatte den höheren Hierarchien die Idee eines Krieges gegen Ndongo und die damit verbundene Sicherung der Erdöl-, und Erdgas-Vorräte des Landes gut gefallen. Wenn die jetzige Administration schon nicht tätig werden wollte, um die Energieversorgung des Landes für das neue Jahrhundert zu sichern, vielleicht war sie dann wenigstens klug genug, einen Vorteil zu erkennen, sobald er sich ihr bot. Und das alles für den Preis eines einzigen Zerstörers. Dafür der Diego Garcia-Einheit eine Kaperung ihrer Drohne vorzutäuschen war ebenfalls ein relativ kleiner Preis bei dieser Aktion gewesen.
Mr. Red lehnte sich interessiert zurück. Ein geteilter Monitor zeigte ihm die Sicht der Drohne und ein Bild von der Brücke der Karuma, von wo wiederum die abgeschossenen Sizzler gesteuert wurden. Mit ein wenig Glück überlebten ja vielleicht auch einige seiner amerikanischen Landsleute.
***
Es schien ein schöner Tag in Deutschland zu werden, zumindest in Bonn auf der Hardthöhe. Die Sonne hatte sich nach der vormittäglichen Bewölkung endlich durchgekämpft, die Luft war sommerlich warm und der Kaffee schmeckte gleich doppelt so gut, weil es eben nicht zu heiß war.
So ging es zumindest Bundesverteidigungsminister van Wolfrath. Nachdem er die letzten sieben Tage jeweils sechzehn Stunden gearbeitet und im Büro geschlafen hatte, war das neue Reformkonzept für die Bundeswehr endlich auf soliden Füßen. Aber im Gegensatz zu seinen Untergebenen, die im Marathon mitgearbeitet hatten und die jetzt auf seine Anordnung hin einen freien Tag genossen, war er immer noch im Büro, um die liegengebliebene Arbeit dieser sieben Tage nachzuholen. Zumindest die Berichte wollte er sichten. Seinen Kaffee hatte er sich damit wohlweislich verdient. Dachte er zumindest, bis das Telefon klingelte.
"Van Wolfrath."
"Ludwig, alter Freund! Hier ist Konstantin!"
"Konstantin wer?"
Der Mann am anderen Ende der Leitung machte ein verblüfftes Geräusch. "Konstantin! Konstantin Rauscher! Mensch, hast du mich etwa schon vergessen?"
Dem CDU-Politiker fiel es wie Schuppen von den Augen. Rauscher, ausgerechnet! Der Chefredakteur der BUNT, der größten europäischen Tageszeitung. Nicht unbedingt der besten Tageszeitung, nicht einmal annähernd, aber der größten. "Ach, Konnie! Sag das doch gleich. Du, ist gerade ganz unpassend. Ich stecke mitten in der Bundeswehrreform. Du kannst dir nicht vorstellen, was dieser Taugenichts von der CSU mir hinterlassen hat. Der hat das Ministerium geführt, als wäre er der Sonnenkönig, und ich musste erst mal alle Scherben auflesen. Ich habe die letzten sieben Tage vielleicht dreißig Stunden geschlafen."
"Oh, das wusste ich nicht. Hat der Bachmeyer wirklich so miese Arbeit geleistet?"
"Da kannst du mich ruhig zitieren. Was er ausgearbeitet hat, war eine absolute Zumutung. Keine Ahnung, warum der in der Truppe so beliebt war, aber an seiner Kompetenz für Verteidigung und Auslandseinsätzen kann es nicht gelegen haben."
"Die Bayern halt. Verstehe, du hast zu tun. Aber ich muss dich trotzdem was fragen, geht auch ganz schnell, Ludwig: Was hältst du denn von den Herwig-Brüdern und von Hannes Malicke in Belongo?"
"Die was aus wo? Du, ich war hier die ganze Woche in Klausur. Hätte ich eine Frau oder eine Freundin, wäre sie jetzt meine Ex."
"Du hast das nicht mitgekriegt? Junge, arbeite dich mal fix in deine Akten ein, und das sage ich dir als Freund."
"Moment, langsam, langsam. Wo liegt überhaupt Belongo? Da klingelt was bei mir. Auch bei den Namen Herwig und Malicke."
"Mittelafrika. Ist eine Provinz von Ndongo. Ziemlich groß, ziemlich reich, ziemlich unruhig."
"Belongo. Ach ja, der entführte Leutnant Herwig. Niklas, nicht? Wird gerade ziemlich geschasst, um zu vertuschen, dass es nicht die KSK waren, die ihn gerettet haben. Ich wollte da nächste Woche ein Machtwort sprechen, nachdem er genug geschmort hat. Und Malicke, Malicke. Ach ja, die arme Sau, die das Feldkommando geführt hat, unten in Ndongo, um Herwig zu retten. Was ist mit ihnen?"
"Nun, die sind wieder in Belongo, zusammen mit Niklas' großem Bruder Axel. Und so wie es ausschaut, haben sie da unten eine Diamantenmine akquiriert, ein gutes Dutzend Mediziner der Ärzte ohne Angst aus Geiselhaft gerettet und ein Hilfsprogramm gestartet, das halb Belongo zu einem besseren Ort macht. So wie ich gehört habe sind da unten zwei mittelschwere Minenwölfe im Einsatz, um das Land zu entminen. Fünf kleine werden gerade ausgeliefert, und zwei weitere Mittelgroße wurden obendrein bestellt. Und ein Hospital haben sie auch aufgemacht. Ihre Hubschrauber bringen Kranke und Verletzte aus weiter entlegenen Regionen, und so weiter. Das Heikle bei der Geschichte ist übrigens, dass Niklas Herwig und Hannes Malicke lediglich suspendiert sind. Sie sind immer noch aktive Bundeswehrsoldaten, die sich mehr oder weniger da unten auf eigene Faust rumtreiben. Deshalb will ich von dir wissen: Soll ich sie hochjubeln, oder soll ich sie verbrennen?"
Der Verteidigungsminister stockte. Er kannte die Methoden der BUNT nur zu gut und hatte immer versucht zu vermeiden, selbst in diese Mühlen zu geraten. Zumindest nicht unverschuldet und unerwartet. Den Kampf selbst fürchtete er nicht. Und Suspendierung bedeutet nicht Hausarrest.
"Suspendierung bedeutet nicht Hausarrest, Konnie."
"So. Dann solltest du dich mal fix darüber informieren, wie viele Kriegswaffen die Herwigs und Malicke besitzen. Die haben eine eigene Luftkavallerie aus alten russischen Beständen, Panzereinheiten und mehr als dreihundert Söldner, die für sie kämpfen. Und das tun sie auch. Im Moment vernichten sie ihren größten Konkurrenten in der ehemaligen Hauptstadt, Keounda City. Der soll ein ziemlich sadistisches Arschloch sein, dem bereits Tausende zum Opfer gefallen sind, aber illegal ist es trotzdem irgendwie. Auch wenn die Amis mittlerweile involviert sind, wie es scheint."
"Die Amis?"
"Ich sage doch, arbeite dich rein. Oder frag im Pentagon direkt nach. Irgendwie ist da wohl ein Massaker an US Ranger geschehen, mehr als vierzig Tote, und so. Die sind jetzt sauer. Und haben eine Trägergruppe in der Region. Und das ist erst der Anfang."
Oh ja, er musste sich dringend, DRINGEND in die aktuelle Sachlage einarbeiten. "Konnie, tut mir leid, aber ich muss jetzt sehr schnell sehr viel lesen."
"Okay, aber was mache ich nun mit den dreien?"
"Leben lassen, bis ich weiß, worum es geht."
"Aber irgendeinen Aufmacher brauche ich doch."
"Sie räumen Minen? Sehr gut. Sie schaffen Arbeitsplätze? Sehr gut. Sie haben ein Hospital aufgemacht? Sehr gut. Reicht das nicht?"
"Und sie haben genug Kriegswaffen unter ihrer Kontrolle, um Ndongo zu erobern. Ist das auch sehr gut?"
"Sie sind immer noch Bundeswehrsoldaten, oder? Das ist jetzt meine Sache, nicht deine, Konnie."
"Also stützt du sie?"
Ludwig van Wolfrath zögerte. Die Antwort auf diese Frage konnte seine Karriere beenden. Oder sie so stark voran treiben, dass der Augenwischer, der vor ihm im Amt gewesen war und den man als Lichtgestalt bezeichnet hatte - haha, ausgerechnet der - vollkommen in Vergessenheit geraten würde. Davon abgesehen, waren zwei der Männer deutsche Offiziere, die sich in ihren Dienstzeiten keine großen Verfehlungen geleistet hatten. "Ich stütze sie, Konnie. Laut Akten sind sie gute, fleißige Soldaten und Verfechter der Idee des Staatsbürgers in Uniform. Sollte ich mich da irren, kann ich sie immer noch auseinander nehmen, aber ehrlich gesagt glaube ich es nicht."
"Danke dir, Ludwig. Mehr wollte ich doch gar nicht. Wenn du dich ganz eingearbeitet hast, schicke ich dir Josefine vorbei, okay? Für die Bundes-BUNT und die Kölner Regionalausgabe, ein großes Interview über zwei Seiten oder mehr."
Und da war sie, seine ganz große Chance. "Geht klar. Sie soll über den üblichen Weg einen Termin vereinbaren. Aber ich fürchte, wenn all das stimmt, was du mir gesagt hast, werde ich die nächste Zeit sehr eingespannt sein."
"Verstehe ich, verstehe ich. Ich schicke dir dann erstmal einen Fragenkatalog ins Büro, okay? Beantworte ihn, wenn du alle Zusammenhänge kennst. Und, tritt mal ein wenig kürzer. Du nützt niemandem, wenn du wie der Schmidt regelmäßig über deinem Schreibtisch zusammenklappst."
"Mentholzigaretten gibt es nicht mehr und ich rauche auch nicht, oder?"
"Aber du trinkst Cola. So, ich mach jetzt Schluss. Wir reden bei Gelegenheit."
"Geht klar. Und danke für die Infos. Tschüss, Konnie."
"Tschüss, Ludwig."
Es machte Klick, die Verbindung war unterbrochen. Der Verteidigungsminister starrte einen Moment auf das Telefon in seiner Hand, dann erst stellte er es auf die Ladestation. Er erhob sich, verließ das Büro und trat in den Vorraum. "Elise, ich brauche sofort folgende Leute in meinem Büro. Und ich meine sofort. Staatssekretär Verhausen, Unterstaatssekretärin Goedehardt, General Clawinsky, General Hockmann, General Sunder."
"Verstanden, Herr Minister. Was soll ich ihnen sagen, worum es geht?"
"Um ihre politischen und militärischen Karrieren."

Zwanzig Minuten später waren die avisierten Personen versammelt und hatten ihr Wissen um die Causa Belongo zusammengelegt. Gleich nachdem er der Versuchung widerstanden hatte, sie allesamt zusammenzuscheißen, weil er nicht informiert worden war und eingesehen hatte, das er es gewesen war, der ihre Vorgesetzten nach Hause befohlen hatte, traf er eine Entscheidung.
"Harry, wir müssen reagieren. Und zwar sofort."
Verhausen nickte. "Dienstbefehl an Malicke und Herwig, sofort alle Aktivitäten einzustellen und nach Deutschland zurückzukehren. Geht sofort raus."
"Bist du wahnsinnig, Harry? Im Gegenteil! Sofortige Aufhebung der Suspension und Freistellung auf unbestimmte Zeit für die Kooperation mit den Army Ranger sowie die humanitäre Arbeit in Belongo! Außerdem muss Axel Herwig sofort, ich betone, Herrschaften, SOFORT offiziell wieder eingezogen und in seinem Rang bestätigt werden! Und verdammt noch mal, suchen Sie irgendeinen Weg, um ihn sofort zum Leutnant zu machen, denn noch eine Geschichte mit einem Gefreiten kann sich Deutschlands Image nicht leisten!"
"Stabsgefreiter. Er ist damit kein Obergefreiter wie der österreichische Bartträger, Ludwig", wandte General Hockmann, stellvertretender Kommandeur der KSK, ein.
"Das hilft uns auch nicht weiter! Ich weiß aber, dass die BUNT bereits dran ist, und wenn wir was Positives aus der Situation schlagen wollen, müssen wir es jetzt tun! Weiter im Text: Alle ehemaligen deutschen Soldaten, die mit den Herwigs da unten sind, müssen sofort reaktiviert werden. Alle, auch die aus der DDR. Bestätigung im Rang und sofortige Freistellung für Belongo. Auf unbestimmte Zeit. Solange die Geschichte da unten nicht mit einem Riesenknall endet, müssen wir für ein gutes Image der Bundeswehr sorgen. Außerdem bitten wir unsere Verbündeten, ihre ehemaligen Soldaten ebenfalls zu reaktivieren und für unbestimmte Zeit freizustellen. Soweit wir darüber Listen haben. Und dann muss sich einer auf den Weg da runter machen. Linda, das machst du. Hagen, Sie begleiten sie."
Unterstaatssekretärin Goedehardt sah erschrocken drein. "Ich soll da runter mitten ins Krisengebiet?"
"Du kannst meinetwegen von Panadia aus operieren. Aber Sie müssen bis zur Belongo Mining, Hagen."
General Sunder nickte. "Verstanden. Und was genau ist da meine Aufgabe?"
"Imagepflege. Die Beförderungsurkunden überreichen. Ich habe gelesen, Niklas Herwig und Hannes Malicke stünden nächstes Jahr ohnehin zur Beförderung an. Ziehen Sie das vor. Und geben Sie Axel Herwig seinen Leutnantsstern. Das dürfte alle drei daran erinnern, woher sie kommen und wofür wir stehen. Und wie sie ihr Geschäft da unten weiter zu führen haben."
"Ludwig, bist du dir sicher, dass wir uns so sehr da unten einbringen sollten?", fragte General Hockmann nach. "Ich meine, wenn wir erst mal für Belongo Mining stehen und die Geschichte geht den Bach runter, dann dampft die Kacke für uns. Und dann rollt als Erstes dein Kopf. Wenn der Kanzler davon erfährt..."
"Solange die Amis Axel Herwigs Loblied singen, bleibt uns gar nichts anderes übrig. Du kennst doch das alte Sprichwort: Kannst du deine Feinde nicht besiegen, dann heule mit den Wölfen, nur lauter."
"Verstehe. Nun, dann sollte ich packen gehen."
"Ich hoffentlich nicht", murmelte der Bundesminister für Verteidigung, während er das gesamte Maßnahmenpaket in Gedanken noch einmal durchging. Sekt oder Selters, etwas anderes gab es nicht für ihn.
***
Das hatten sie nun davon. Durch die extralange Landebahn hatten sie das von ihnen kontrollierte und verteidigte Gebiet rund um die Mine beträchtlich erweitern müssen. Und durch den Ärger in Keounda City war ihre Personaldecke extrem dünn ausgefallen. So dünn, dass sogar die Feldsanitäter Wachaufgaben erledigen mussten. Julia Rubik zum Beispiel. Sie stand hier in einem Graben am Ende der Landebahn, genauer gesagt an einer vorausgelegten Bastion für zwei Mann mit einem MG, vor sich zweihundert Meter freies Schussfeld, bevor die Savanne in Urwald überging. Das Loch war fast einen Meter fünfzig tief und somit beinahe optimal für die junge Frau, Ein kurzer Laufgang in ihrem Rücken verband sie mit dem Hauptgraben, der von dem Bagger gegraben worden war und der vom großen Hügel im Westen, ja, genau der mit der Mine, vom mit Blausäure kontaminierten Gelände herabführte, sich auf zweihundert Meter verjüngte, im Osten genau diese zweihundert Meter abknickte und dann wieder bis zum Hügel führte. Dort saß ein Beobachtungsteam, ebenfalls mit MG, aber auch mit Luftabwehrraketen, den Luftfäusten, ausgerüstet.
Zwei Stellungen gab es im Osten, jeweils drei im Norden und Süden der Landebahn, dazu den Checkpoint am Weg ins Lager. Und eben obiger Beobachtungsposten auf dem Hügel. Und im Moment betrieben genau sechzehn Mann pro Schicht genau diesen Wachdienst, denn die neue Rutsche Infanterie unter Leutnant Assanger war sofort in Keounda City eingesetzt worden. Hätten sie die einheimischen Arbeiter nicht, dann hätten sie nicht mal genug Leute gehabt, um die Minentätigkeit fortzusetzen und Geld zu verdienen. Verdammt, was hatte sich der Boss auch abschießen lassen müssen? Aber, da war sich Julia sehr sicher, sie hätten sich eh über kurz oder lang um den Verrückten in der ehemaligen Distrikthauptstadt kümmern müssen. Und jetzt, mit den Rangers auf ihrer Seite, war dies sicher besser als wenn sie den Mist hätten alleine erledigen müssen.
Apropos Ranger. Sie sah zu Conway hoch, der auf der Grasnabe saß und in aller Ruhe eine rauchte. Der vorgeschobene Bunker war kreisförmig ausgehoben worden und bot ein Rund von zwei Metern. Der Großteil der ausgehobenen Erde bildete einen Schutzwall nach außen hin. Er bot genügend Platz für fünf Personen, wenn sie sich zu benehmen wussten, und für zwei war er geradezu komfortabel.
"Private", sagte sie nach einem kurzen Blick zurück, nur um sich sofort wieder auf das MG zu stützen, "ich würde es vorziehen, wenn Sie im Graben rauchen."
Der US-Ranger kratzte sich am Helmansatz und grinste. "Ist doch eigentlich egal. Hier knallt es doch eh nicht. Und in die Action runter in die Distrikthauptstadt komme ich hoffentlich noch früh genug, bevor die Show vorbei ist. Außerdem bin ich gut geschützt." Bei diesen Worten klopfte er sich auf seine schusssichere Weste.
"Dennoch. Wir sind hier ziemlich weit vom Lager entfernt und bekommen als Letzte Hilfe. Und alle Hubschrauber sind gerade unterwegs. Außerdem würde ich Ihrem Captain ungern erklären müssen, warum Sie sich haben umbringen lassen, und das ausgerechnet hier im eigentlich sicheren Lager."
"Sie können aber auch schwarz malen", murmelte Myles Conway und beugte sich vor, um in die Stellung zu hüpfen. Genau in diesem Moment blühte auf seinem Helm ein großes Loch auf. "Nee, oder?", fragte er verdutzt. Dies war der Moment, in dem der Schall des Schusses eintraf. Seine Jacke wurde am Oberarm aufgerissen, Blut war zu sehen. Conway fiel nach hinten. Dann kam der Schall des zweiten Schuss an.
"SNIPER!" Hastig griff Rubik zu ihrem Funkgerät. "Vorposten Ost zwei, ich melde Beschuss durch einen Scharfschützen! Situation unklar! Schickt die Verstärkung in die Gräben!"
"Bestätigen Sie Scharfschützen, Vorposten Ost zwei", klang die Stimme von Irene Hähnisch auf.
"Positiv! Private Conway wurde zweimal getroffen! Status unklar!"
"Verstanden, Rubik. Verstärkung ist auf dem Weg! Melden Sie sich, falls sich die Situation merklich verändert. Ich versuche auch, einen Hubschrauber zu bekommen. Die Maschinen der Ranger sind gerade auf dem Rückweg zu uns."
Rubik warf einen schnellen Blick nach hinten. Natürlich konnte sie nicht sehen wie die Söldner der Mine und die US Army Ranger in den Laufgängen nach vorne eilten, um die Bastionen zu verstärken. Schlaue Leute hielten in den fast zwei Meter tiefen Laufgängen die Köpfe unten. Dann sah sie wieder nach vorne.
"Vorposten Ost eins, bestätige Sniper. Auf unsere Position wird geschossen. Keine Verwundeten bisher."
"Verstanden, Vorposten Ost eins. Feuer frei nach eigenem Ermessen."
Sofort begann das MG vom anderen Posten in den Wald zu hämmern. Eventuell wurde der oder wurden die unbekannten Scharfschützen ja durch die Munitionsverschwendung so sehr aus dem Konzept gebracht, dass sie nicht mehr feuerten oder sich sogar zurückzogen. Als neben ihr Erde aufspritzte, dicht gefolgt von einem weiteren Knall, wusste sie: Wohl eher nicht.
"Conway, bist du noch da?"
"Ruhig, Mädchen", klang seine Stimme auf. "Achte auf vorne. Durch den Erdwall sollten sie mich nicht mehr sehen, solange ich mich nicht aufrichte. Oder sie halten mich für tot."
"Soll ich dich nicht...?"
"Achte auf vorne. Ich habe nur einen Streifschuss abbekommen. Falls sie merken, wie dünn unsere Linie ist und uns stürmen, zählt jede Sekunde. Ich schiebe mich schon nach und nach in den Graben. Scheiße, verdammt, habe ich einen Mist gebaut."
Rubik widmete sich wieder der Front. Erneut spritzte neben ihr Erde auf. "Der Sniper schießt sich auf mich ein!"
"Siehst du das Mündungsfeuer? Wenigstens ungefähr? Halte drauf."
"Ist gut." Julia stemmte sich in ihr M249 SAW. Entschlossen drückte sie den Abzugshahn durch. Das leichte MG begann einen Feuerstoß in den nahen Wald zu rotzen. Der Zerfallgurt, der zweihundert Schuss Munition garantierte, nahm rapide ab. Sie stellte das Feuer für einen Moment ein. Nicht, dass sie irgendwann gar keine Munition mehr hatte. Deshalb hörte sie mehr als ein MG feuern. Die Südstellungen schossen aus allen Rohren. Grund hierfür waren rund fünfzig afrikanische Soldaten, die mit feuernden Gewehren auf die Grabenlinie zugestürmt kamen. Nun, ihre Bastion hatte ein Schussfeld von zweihundertsiebzig Grad und sie hätte den anderen theoretisch helfen können, indem sie das MG verlegte. Stattdessen ließ sie vom MG ab, eilte zu Conway und zog ihn hastig an den Beinen ins Loch. Der Ranger stöhnte leise vor Schmerz, als er hart auf dem Boden landete. Rubik schlug den Helm nach oben; das Sicherungsschloss gab nach. Die Kugel, die den Helm durchschlagen hatte, hatte dem Ranger einen breiten Scheitel gezogen, aber den Knochen augenscheinlich nicht verletzt. Dafür war der Helm aber auch nicht mehr zu gebrauchen, wenn sie die Austrittsstelle am hinteren Teil des Helms begutachtete. Hastig riss sie seinen rechten Ärmel auf. Auch hier nur ein Streifschuss. Conway wehrte sie mit dem linken Arm ab. "Danke fürs reinziehen, Mädchen, aber mir geht es gut. Bin nur etwas erschrocken." Er stemmte sich hoch, griff nach seinem Gewehr. "Kümmern wir uns lieber um unseren Job."
Erleichtert nickte Rubik. Sie erhob sich wieder und ging gebückt zurück an ihr MG. Als sie über den Grabenrand schielte, sah sie direkt in das Gesicht eines Schwarzafrikaners, der mindestens so überrascht war wie sie selbst. Wie automatisch griff sie zu ihrem Holster, zog die Dienstpistole und jagte dem Mann eine Kugel zwischen die Augen. Er fiel mit gebrochenen Augen zu Boden und verschwand hinter dem Erdwall.
"Verdammt!", fluchte Conway. Er schoss mehrere Feuerstöße in die Savanne ab. "Die kriechen heran! Nicht drüben, hier führen sie den Hauptangriff!"
Julia beeilte sich, wieder ans MG zu kommen. Sie schoss den restlichen Gurt in die unmittelbare Umgebung der Bastion ab und erwischte damit einen weiteren Angreifer.
Der Ranger riss mehrere Handgranaten vom Gürtel ab und warf sie entsichert über den Erdwall. Sekunden darauf detonierten sie.
"Vorposten Ost zwei an Vorposten Ost eins: Sie kriechen durchs Gras! Ich wiederhole, sie kriechen durchs Gras!", rief Rubik über Funk.
"Auch gerade gemerkt, aber danke für die Warnung. Wir..." Aus Richtung von Vorposten eins erklang eine Detonation und die Stimme brach ab.
"Anscheinend haben sie auch Handgranaten, wer immer diese Bastarde sind", zischte Conway.
Julia reagierte sofort. "Zentrale, melde den Ausfall von Vorposten Ost eins!"
"Verstanden! Sanitäter und Verstärkung sind auf dem Weg. Ach, und wenn ich schon mal auf Sendung bin: Alle bleiben in den Gräben oder in ihren Bunkern! Wer seine Stellung verlassen muss, flieht nach hinten! Luftangriff in vierzig Sekunden!"
Rubik feuerte erneut, diesmal wahllos ins Gras und in den Wald. Als sie einen neuen Gurt einlegte, fragte sie ungläubig: "Hat die Leutnant etwa Luftangriff gesagt?"
Conway nickte grimmig. "Hat sich auch so für mich angehört!"
Zehn Sekunden später zogen vier F-18 von Süden nach Norden über sie hinweg. Die beiden Maschinen auf der rechten Flanke warfen einen Teil ihrer Bombenlast ab und Rubik fand die Idee plötzlich sehr gut, wieder in Deckung zu gehen. Conway folgte ihrem Beispiel. "Die Kavallerie, wie nett!", schrie er zu ihr herüber, während die Detonationen der Clusterbomben sie fast taub machte. "Müssen von der Abe sein!"
"Wie gut, dass sie in der Nähe sind!", rief Rubik zurück.
Als die Detonationen verstummten, wagte sie erneut einen Blick aus der Bastion heraus. Gut, der Wald begann jetzt erst in vierhundert Metern Entfernung. Und er brannte stellenweise. Und die Savanne war jetzt eher ein Acker. Zwar wollte ihr Verstand bezweifeln, dass das jemand überlebt haben könnte, aber Menschen waren wie Ratten. Irgendwo überlebte immer einer. Also konzentrierte sie sich wieder auf ihr Gebiet. Über ihr zogen die Jets nun von West nach Ost und bombardierten das Gebiet südlich der Stellungen. Danach herrschte eine magische Ruhe.
"Meldung!", klang die Stimme von Hähnisch auf.
Nacheinander meldeten sich die Vorposten. Als Conway und sie an der Reihe waren, schluckte sie trocken. "Vorposten Ost zwei sicher. Ein Verletzter." Sie tauschte einen Blick mit dem Ranger, der mittlerweile ein Verbandspäckchen aufgerissen hatte. Automatisch nahm sie es ihm ab, säuberte die Wunde am Arm mit Wasser aus ihrer Feldflasche und riss auch eine Wundauflage auf. Dann begann sie den Streifschuss zu verbinden. Und weil er nicht aufhören wollte zu bluten, setzte sie einen weiteren Verband mit einem geschlossenen Verbandspäckchen als Kompresse obenauf. Danach widmete sie sich der Kopfverletzung, die tatsächlich nicht sehr schwer war.
Währenddessen meldeten sich die anderen Vorposten, bis auf Ost eins. Als die Runde durch war, klang der Funk erneut auf. "Vorposten Ost eins hier. Situation ist sicher, allerdings haben wir hier zwei Schwerverletzte."
Unwillkürlich musste Rubik schlucken. Sie hatte die Detonation gehört. Sie wusste, dass im Bunker eine Handgranate hochgegangen war. Es erschien ihr wie ein kleines Wunder, dass jemand die Explosion überhaupt überlebt haben konnte.
"Sanis sind auf dem Weg", versprach Hähnisch. Hinter ihnen jaulten zwei Wolf-Jeeps über die Startbahn heran. Wenigstens wusste die Pionierin, wovon sie sprach. "Die Verstärkung geht raus, mit aller gebotenen Vorsicht, und sucht nach Überlebenden und nach Waffen. Achtung, rechnet immer damit, dass einige der Splitterbomben noch nicht hochgegangen sein können. Umgeht so einen Bereich lieber, verstanden?"
Bestätigungen trafen ein.
"Rubik?"
Hastig sprang sie auf und betätigte ihren Funk. "Ich höre, Leutnant."
"Kann dein Ranger noch warten?"
"Es sind nur Fleischwunden, aber ich würde es schon gerne sehen, wenn er heute noch ordentlich zusammengeflickt wird. Selbst eine kleine Wunde kann in diesem Klima furchtbare Auswirkungen bedeuten."
"So lange meinte ich nicht. Bestenfalls eine halbe Stunde, bis wir die Schwerverletzten reingeschafft haben", erwiderte Hähnisch.
"Ja, das sollte er schaffen", schmunzelte Rubik.
"Ist in Ordnung", murmelte Conway. Er verdrehte die Augen, als er augenscheinlich Schmerzen bekam. "War ja meine eigene Dummheit, die Schuld dran ist, dass ich verletzt wurde. Wir hätten wohl dran denken müssen, dass eventuelle Gegner natürlich auch versuchen würden, die Diamantenmine anzugreifen..." Der Ranger winkte ab. "Bleiben wohl nur noch zwei Fragen: Erstens, von wem wurden diese Burschen geschickt? Ich habe nicht einen Weißen oder Asiaten zwischen ihnen gesehen. Und ihre Ausrüstung war auch nur das, was man bestenfalls Mittelmaß nennt. Zudem waren sie zu Fuß unterwegs, was bedeuten könnte, dass sie über den Fluss gesetzt wurden."
Rubik sah den Mann verdutzt an. "Sicher, dass Sie nur Private sind?"
"Im Stab, Ma'am. Ich bin Teil der Einsatzbesprechung und des Debriefings. Da lernt man, die richtigen Schlüsse zu ziehen."
"Ahso. Und was ist die Frage Nummer zwei?"
"Warum sitze ich so unbequem?" Der Ranger rückte ein Stück beiseite. "Hier ist irgendwas ganz hartes."
Rubik runzelte die Stirn.
"Papa Bear", klang es aus dem Laufgang auf. "Trinidat!", erwiderte sie. "Kommt rein und schaut euch um."
Zwei Ranger und einer ihrer Leute betraten den Laufgang zum Bunker, grüßten und kletterten dann über den Erdwall aufs Feld hinaus, um dort nach Überlebenden der Angreifer zu suchen. Detachements von Süd drei, vermutete Rubik, nachdem ihre eigene Verstärkung geholfen hatte, Ost eins zurückzuholen. Sie atmete erleichtert auf und wäre beinahe mit wackligen Knien auf ihrem Hintern gelandet. Aber sie beherrschte sich. Sie tat, als würde sie absichtlich neben Conway auf die Knie fallen, dabei war es nur die Kraft, die sie kurz verließ. Mit der Rechten landete sie auf dem, was Conway gestört hatte. "Ein Stein", murmelte sie. Bedächtig wischte sie die Erde fort. "Ein großer Stein." Nun begann sie, keine Rücksicht auf ihre Fingernägel nehmend, die Erde fortzukratzen. Als dies nicht den gewünschten Erfolg brachte, zückte sie ihr Kampfmesser und begann zu graben. Endlich hielt sie inne und zog den Stein aus dem Boden. Mit Ehrfurcht säuberte sie ihn von der restlichen schwarzen Erde. Der Stein bedeckte fast ihre gesamte Handfläche und hatte die Form eines Faustkeils. Ohne zu zögern, aber nicht hastig, betätigte sie ihren Funk. "Leutnant, hätten Sie vielleicht mal eine Sekunde für mich?"
"Rubik? Was gibt es denn?"
"Bin mir nicht sicher, aber Conway hat mit seinem Arsch wohl gerade den größten Rohdiamanten gefunden, den ich je gesehen habe. Können Sie Bernd mal rausschicken?"
"Definieren Sie "den größten Rohdiamanten", Rubik", schaltete sich Assay ein.
"Er bedeckt zwei Drittel meiner Handfläche und sieht aus wie ein Steinkeil. Die sind aber nicht durchsichtig, denke ich... Ich weiß es nicht, deshalb frage ich ja."
"Bin auf dem Weg. Und Rubik, Conway hat ihn gefunden?"
"Conway hat drauf gesessen. Ist das das Gleiche?"
Bernd Assay begann zu lachen. "So ähnlich ist das schon. Ich schätze, einen halben Anteil am Fund werden wir ihm geben müssen, wenn es tatsächlich ein Diamant ist. Bis gleich."
"Das ist ein Diamant?", fragte Conway verdutzt. "Ich dachte, die sind alle kleiner. Der im Verlobungsring meiner Schwester war nur so groß wie ein Stecknadelkopf, aber er hat gefunkelt wie... Nun, wie ein Diamant."
"Das kommt vom Schliff", erklärte Rubik, während sie müde mit dem Rücken gegen die nächste Wand sackte, den Stein fest in ihren Händen.
"Und was bedeutet das nun für mich? Ich meine, der Anteil?"
"Das wird sich zeigen. Erst einmal muss es ein Diamant sein. Und wenn es einer ist, so hat Belongo Mining versprochen, die Steine euch Ranger abzukaufen, zu einem festen Preis pro Karat. Schätze, dein nächster Urlaub ist dann nicht Disney Land, sondern Hawaii. Erster Klasse, Penthouse, Privatstrand. Etwas in der Art."
"Oh. Hoffentlich ist es ein echter", sagte Conway. Seine Schmerzen schienen vergessen. Er lächelte sogar.
Und wenn dies ein Diamant war, wenn es ein Makeable war, wenn er keine Einschlüsse hatte und nicht zu trübe war, ging es Julia Rubik durch den Kopf, dann war dieser Stein womöglich weit mehr wert als jener legendäre Rohdiamant, mit dem Axel und Niklas Herwig diese ganze verrückte Geschichte überhaupt erst begonnen hatten, um sie alle reich zu machen. Sie zweifelte nicht daran, dass Belongo Mining zu ihrem Wort stehen würde. Dann war dieser Stein besser als ein deutscher Lotto-Jackpot.
Irgendwie zeigte es die ganze Skurrilität, die sie hier jeden Tag erlebten. Draußen in der Savanne vor ihnen waren Menschen von Clusterbomben getötet worden, und hier fanden sie im Boden einen Rohdiamanten, der eventuell wertvoll genug war, um eine F-18 frisch aus der Fabrik zu kaufen. Was mochte der Boden Belongos noch für Geheimnisse für sie enthüllen?
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