Geschichte: Freie Arbeiten / Prosa / Action / Belongo

Belongo

GeschichteAbenteuer / P16
12.09.2011
23.02.2017
37
270801
8
Dieses Kapitel
13 Reviews
 
 
 
Prolog:
Wie war er nur wieder in diese Situation geraten? Wie hatte sich alles so sehr zum negativen entwickeln können? Oberleutnant Niklas Herwig stand fassungslos und entsetzt vor einem blutigen, halb zerfetzten Bündel, das vor wenigen Minuten noch ein Regierungssoldat gewesen war. Eventuell ein Regierungssoldat, der ihn gesucht hat. In einem Anflug von Wagemut, kühler Berechnung, Sachlichkeit oder Wahnwitz betrachtete er das zerstörte Gesicht des Soldaten genauer, versuchte zu erkennen, ob er den Mann von der Wagonda Base de l'Air kannte. Doch die Uniform hatte die falsche Farbe. Ein Ranger vielleicht? Auf jeden Fall hatte er einen großen stämmigen Schwarzen vor sich, wie sie für die Wagonda-Leute typisch war, dem negriden Volksstamm, der auf beiden Seiten des Lagabanda-Fluss siedelte, dem fünftgrößten Strom Afrikas. Blieb nur das Problem, dass die Wagonda-Leute nicht nur in der Republik Ndongo lebten, sondern auch im südlichen Nachbarstaat Padania. Beide Staaten vertrugen sich nicht besonders. Ndongo war im Kolonialzeitalter belgisch besetzt gewesen, und Padania britisch. Zudem war Padania noch immer Teil des Commonwealth und verfügte damit rein theoretisch auch über die militärische Macht des ehemaligen britischen Empires. Hier sprach man französisch, dort englisch, was auch einer der Gründe war, weswegen man sich spinnefeind war. Aber der Hauptgrund war sicherlich die unumrückbare Tatsache, dass die verschiedenen Völker und Clans in der Kolonialzeit strikt getrennt worden waren. Es gab zwar Wagondas auf beiden Seiten, also gemeinsame Wurzeln, aber die europäischen Herren und nicht zuletzt die benachbarten Stämme, die nur auf einer Seite des Flusses siedelten, hatten nachhaltig dafür gesorgt, dass durch die aufgezwungenen neuen Sprachen auch Grenzen in den Köpfen entstanden. Die beiden jungen Demokratien hatten dann auch nichts besseres zu tun gehabt, als diese Tradition ihrer ehemaligen Sklavenhalter fort zu setzen. Somit waren die französischen Wagondas und die englischen Wagondas entstanden, und man driftete immer weiter auseinander. Man hasste einander, aber man blieb, von gelegentlichen Scharmützeln abgesehen, auf seiner Seite der Grenze.

Die Erkenntnis für Oberleutnant Herwig war: Er befand sich nach siebzehn Tagen Fußmarsch nicht mehr in Ndongo, sondern in Padania. Damit befand er sich auf dem Grund und Boden des Commonwealth, unter dem Einfluss Britanniens. Und die Briten waren zusammen mit der Bundeswehr in der NATO organisiert! Eine vollkommen andere Situation als drüben in Ndongo, wo die Zentralregierung mit Mühe und Not so etwas wie Ordnung gegenüber den Warlords, Lokalkönigen und Rebellenarmeen im Inland aufrecht zu erhalten versuchte. Dessen zerschlagene Strukturen ohne die weißen Herren noch schlechter funktionierten. Und in dem das Gewirr aus Warlords, Stammesherrschern und politischen Fraktionen Chaos bedeutete.
Er selbst war das beste Beispiel dafür, seit die Patrouille, die er zu Ausbildungszwecken begleitet hatte, von Rebellen überfallen und ausgelöscht worden war.
Als Weißer, der Lösegeld bringen würde, hatten sie ihn am Leben gelassen und verschleppt. Es war relativ sicher, dass Deutschland für ihn zahlen würde, auch wenn die Gefangenschaft sein Ehrgefühl verletzte. Und das schon seit siebzehn Tagen, in denen er mit diesen Halunken durch den Dschungel taperte, Fladenbrot und Reis essen und notdürftig chemisch aufbereitetes Wasser aus dreckigen Tümpeln trinken musste. Ohne seine Notfallausrüstung hätte er längst einen schlimmeren Durchfall gehabt als ein amerikanischer Tourist in Mexiko, der Leitungswasser getrunken hatte. Andererseits war das besser als das Schicksal von Lieutenant Keema und seiner Patrouille. Sie waren allesamt tot, und er lebte noch. Immerhin.

Ein heftiger Schlag in sein Kreuz riss ihn aus seinen Überlegungen. Sein Bewacher, der höchstens vierzehn oder fünfzehn sein konnte, wollte ihn an dem Toten vorbei treiben. Noch so eine Sache, die Niklas immer sauer aufgestoßen war. Die Milizen und die Warlords bedienten sich zu gerne der unfreiwilligen Hilfe von Kindersoldaten. Sie fingen oder kauften die Kinder, gaben ihnen Gewehre und ließen sie für sich kämpfen und töten. Die kleinen Bälger brauchten selten viel Nahrung, die Gewehre waren leicht, und wenn sie erst mal gelernt hatten, wie leicht das töten ging, machten sie es von ganz alleine. Während er sich stockend  in Bewegung setzte, um der vor ihm marschierenden Reihe der Rebellen zu folgen, dachte er an die Usumquala-Schule, die er im Rahmen seines Austauschprogramms kennen gelernt hatte. Dort versuchten französische Hilfsorganisationen, Kindersoldaten frei zu kaufen, um ihnen ihre Kindheit wieder zu geben. Niklas hatte die Neuankömmlinge gesehen. Zuckende, nervöse Wracks, die sich unter jeder erhobenen Hand duckten, weil sie Schläge befürchteten. Jungen wie Mädchen furchtbar zugerichtet, nicht wenige schlimm verletzt und nur notdürftig versorgt. Nicht selten vergewaltigt. Krieg war eine rohe Sache, das brauchte man ihm als Soldaten nicht erst zu sagen. Es gab in der deutschen Geschichte selbst genügend unrühmliche Beispiele, in denen deutsche Soldaten vergewaltigt hatten - oder in denen deutsche Staatsbürger von siegreichen gegnerischen Soldaten vergewaltigt worden waren. Dabei spielte es keine Rolle, aus welchen Staat sie gekommen waren - einige waren dabei, die immer vergewaltigten. Da konnten noch so viele "Täter" abgeurteilt oder gleich gehängt werden, sie schienen einfach nicht auszusterben. In der Schule hingegen war ihm alles viel schlimmer erschienen, vielleicht weil er es hautnah mit erlebt hatte.

In der Ferne bellte ein Schuss aus. Niklas blieb stehen, um zu horchen, ob weitere folgten, ob der Ranger womöglich Freunde gehabt hatte. Wenn er den Kopf rechtzeitig runter nahm konnte er womöglich sein eigenen Leben retten.
"Va! Tu va!", rief sein minderjähriger Wächter in gebrochenem Französisch und stieß ihn mit dem Lauf seiner Kalaschnikow in den Rücken. Niklas stockte für einen winzigen Moment, rechnete sich seine Chancen dabei aus, dem Jungen die Kalaschnikow zu entreißen und im Gewirr der Bäume zu verschwinden. Wären da nicht vierzig erwachsene Rebellen vor und hinter ihm gewesen, hätte er das schon am ersten Tag versucht. Seufzend trat er einen Schritt nach vorne. Etwas traf ihn hart am Hinterkopf, sein Schädel wurde herum gerissen. War er zu langsam gewesen? Hatte der kleine Kerl ihm den Kolben der Kalaschnikow über gezogen? Mit einem Schmerzenslaut brach er in die Knie ein. Dann setzte sein Gehör aus. Er sah seinen Wächter sterben; alles schien wie in Zeitlupe vor sich zu gehen. Eine Kugel trat in seinen Kopf ein, ließ eine rote Blüte auf der rechten Schädelseite entstehen. Die linke brach auf, platzte wie eine reife Frucht. Blut, Gehirn und Knochen  spritzten einer Fontäne gleich davon. Der Junge klappte in sich zusammen wie ein Kartenhaus.
Niklas folgte seinen Beispiel und warf sich neben dem Sterbenden vollends zu Boden, während rund um ihn die Hölle tobte. Ein Hinterhalt, ein gottverdammter Hinterhalt! Der Wald musste voll mit Rangern sein, die nur auf den richtigen Zeitpunkt gewartet hatten, um die Rebellen auseinander zu nehmen! Und er steckte mittendrin! Kugeln huschten über ihm hinweg, er hörte die spitzen Schreie der Sterbenden, hörte die Rufe der Verwundeten, das Rattern der MGs und sah die unzähligen Mündungsblitze durch die Lücken im Gras, jederzeit darauf gefasst, erneut getroffen zu werden. Der Mann, den sie getötet hatten, musste ein Späher gewesen sein, der nicht schnell genug hatte zurückkehren können... Und der Kommandeur der Truppe war eiskalt genug, um seine Falle trotzdem durchzuziehen.

Niklas kroch neben den Toten. War es klug, sein Gewehr zu nehmen? Sollte er nicht lieber warten, wer dieses Gefecht gewann? Oder sollte er besser die Flucht ergreifen? Letztendlich war hier niemand sein Freund.
Niklas griff nach dem Gewehr, wollte es aus den verkrampften Fingern des toten Jungen ziehen.
"Non", hauchte der Junge. Erstaunt sah Niklas ihn an. Mit dieser furchtbaren Verletzung noch am Leben zu sein, fernab von jeder vernünftigen medizinischen Versorgung, einem Gegner ausgeliefert, der einen aus Prinzip hasste, war kein erstrebenswertes Schicksal. "Maman...", hauchte der Junge. "Ngali..." Zu mehr reichte seine Kraft nicht. Seine Augen brachen, endlich erbarmte sich der Tod des gequälten Körpers und befreite die unsterbliche Seele aus der missbrauchten Hülle.
Für einen Moment dachte Niklas daran, für den toten Jungen ein Gebet zu sprechen. Andererseits würde bald jemand eines für ihn sprechen müssen, wenn er sich nicht verdammt vorsah. Mit einem Ruck entriss er die Kalaschnikow den verkrampften Fingern des Toten. Dabei riss er den Toten herum, zu sich heran. Der aufgeplatzte Schädel drehte sich so, dass Niklas direkt in die Wunde sehen konnte. Erstaunlicherweise blieb er vollkommen ruhig, drohte nicht sich zu übergeben oder in Hysterie zu verfallen. Aber er war sich sicher, dieser Anblick würde ihn fortan seinen Nachtschlaf kosten.
Er überprüfte die Waffe, stellte fest das noch ein paar Schuss geladen waren und durchsuchte den Toten erfolglos nach Ersatzmunition. Stattdessen fand er den großen Bergkristall. Niklas konnte nicht genau sagen was ihn derart ritt, dass er das wertlose Mineral in seine Hosentasche steckte, aber vielleicht lag es einfach daran, dass der Junge ihn ruhig für über zwei Wochen unter seiner Waffenmündung entschädigen konnte.

Zehn Schuss, das konnte notfalls reichen. Es kam eben darauf an, wie das Gefecht ausging und...
"Don't move!", donnerte eine Stimme über ihm. Erschrocken sah er hoch und starrte in die Mündung einer Uzi. Also nahm er die Hände von der Kalaschnikow und legte beide auf seinen Hinterkopf. Mist, beinahe hätte er es geschafft! Beinahe! Aber die Gelegenheit war verstrichen, er war immer noch in der Gewalt der Rebellen. Der Mann über ihm rief etwas nach hinten, was Niklas wegen der Schüsse, die noch immer aufbellten, kaum verstehen konnte.
Dann hörte er eine weitere Person näher kommen.
"Lieutenant Örwig?", fragte ein grollender Bass.
Niklas sah wieder auf. Der zweite Mann hätte einem Werbeplakat für die Armee entsprungen sein können, vor allem mit dem schicken Barett. Etwas mühselig erkannte Niklas eine englisch ausgesprochene Verballhornung seines Namens. Er deutete auf seine Rangabzeichen, zwei weiße Sterne. "First Lieutenant Herwig", korrigierte er.
Der große Schwarze lachte dröhnend. Dann streckte er die Rechte aus. "Please get up, Sir. We'll send you to a much safer place."
Niklas ergriff die Hand und ließ sich auf die Beine ziehen. Als er stand, hatte er ein gutes Bild auf die Situation. Die meisten Rebellen waren tot. Von vorne hörte er noch Gewehrfeuer, aber das nahm auch mehr und mehr ab. "I´m sorry for your Scout, Sir", sagte er beiläufig.
"Damn right, but we got the whole bunch. They'll think twice if they want to come over the border again. Follow me, Sir, we have a long trip to go."
Niklas deutete auf den toten Jungen. "What´s with him?"
Die Miene des Soldaten versteinerte. "We have Animals in this Forest."
Niklas verstand. Die Natur würde die Entsorgung der Toten übernehmen. Natürlich erst nachdem sie geplündert worden waren. Der Bergkristall in seiner Tasche erschien ihm plötzlich viel zu schwer zu sein. "I understand." Kein Begräbnis für die Toten. Nicht mal für jene, die gezwungen worden waren, mitzu gehen. Niklas schüttelte energisch den Kopf. Die Rebellen hatten keine Sympathien verdient, vor allem nicht von ihm. Er war für sie nur eine Gelddruckmaschine gewesen. "Let's go. I don't like this smell."
Der Schwarze lachte wieder und übernahm die Führung. So locker wie er das Gefecht und seine Verluste hinnahm, waren solche Scharmützel wahrscheinlich an der Tagesordnung.
"Welcome to the Republic of Panadia, Lieutenant Örwig!"
Niklas atmete auf. Er war sicher, für den Moment.


1.
Zwei Wochen später, daheim. Was für schöne Worte - wenn er sie nicht in Quarantäne verbracht hätte. Zwei Wochen in einem kleinen abgeschlossenen Zimmer zu verbringen, mit nicht mehr Gesprächspartnern als weißbekittelten Gestalten mit Haube und Mundschutz, von denen man nur die Augen sehen konnte, mit lediglich vier Fernsehprogrammen, ohne PC und ohne Playstation - das machte einen Mann schon fertig. Und das alles nur, weil es dreihundert Kilometer entfernt von der Route seiner Entführer einen Ausbruch von Rukyu gegeben hatte und die Bundeswehrärzte befürchtet hatten, er könne sich bei seiner Kriechtour durch den Dschungel infiziert haben. Aber Rukyu war eine Viruserkrankung mit zehn Tagen Inkubationszeit und schrecklichen Symtomen, der Ebola vergleichbar, wenngleich sich die inneren Organe nicht verflüssigten, wenn er den Chefarzt richtig verstanden hatte. Stattdessen löste sich nur die Haut auf, während man unter hohem Fieber, Durchfall, Übelkeit und schweren Krämpfen litt. Und erreichte der Auflösungsprozess neunzig Prozent, war man so gut wie hinüber, hatte der Chefarzt hinzugefügt, und die Quarantäne um vier Tage verlängert, nur um auf Nummer sicher zu gehen. Schließlich war die Haut das größte Organ des Menschen, und bla, bla, bla.
Kurz und gut, er langweilte sich fürchterlich. Was wohl auch daran lag, dass er Zeit seines Lebens ein Computer-Kid gewesen war, und ein eifriger DVD-Konsument, aber nie ein besonders belesener Mensch wie sein Halbbruder Axel. Das hatte ihn allerdings auch vor dem Schicksal als Bücherwurm und Frauenschreck bewahrt. Glaubte er zumindest. Dann doch lieber langweilen? Nein, ehrlich gesagt ärgerte er sich über sich selbst, dass er das Angebot seines Bruders nicht angenommen hatte, als der ihm Lesestoff hatte mitbringen wollen. Notfalls einen Packen der alten Comics auf Vaters Dachboden, die er gelesen hatte, als er noch ein Kind gewesen war.
Aber egal, es war müßig sich jetzt noch aufzuregen, denn heute lief die verlängerte Quarantäne ab und er war so gut wie frei.

Was dann allerdings kam, ließ ihn jetzt schon schaudern. Er erinnerte sich nur ungern an das Telefonat mit Major Brincks und dessen vieler Fragen, die einzig und allein abklopfen sollten, ob er mit den Rebellen zusammengearbeitet hatte. Was für ein Schwachsinn, was für ein bodenloser Schwachsinn. Nur weil die Bundeswehr sich nicht vorstellen konnte, wie ein Weißer über zwei Wochen in den Wäldern Ndongos überleben konnte, mit nicht mehr als ein paar Pillen für die Wasseraufbereitung, stand ihm womöglich eine Anhörung bevor. Oder Schlimmeres.
Als sich die Tür öffnete, war er trotzdem erleichtert. Sehr erleichtert. Egal, was jetzt noch kommen würde, er konnte diesen Raum verlassen. Am Besten lief er schnurstracks in die nächste Kneipe und besoff sich ausgiebig. Er...
Der Mann, der den Quarantäne-Raum betrat - ohne Schutzkleidung, wie Niklas zufrieden feststellte - war keiner seiner Ärzte oder Pfleger. Allein das er eine Bundeswehr-Uniform trug, gab ihm zu denken. Der Kragenspiegel wies ihn als Feldjäger aus, die Abzeichen als Hauptmann. Wenn er eine Zeit suchte, um beunruhigt zu sein, dann sicherlich jetzt. Feldjäger, dazu noch ein Offizier. Was hatte er ausgefressen? Nein, korrigierte er sich selbst, er wusste was er getan hatte: Überlebt, obwohl er es nicht durfte.
"Ihre Quarantäne ist aufgehoben", sagte der Mann, dessen Namensschild ihn als Richter auswies. "Sie dürfen nach Hause gehen."
"Um mir das zu sagen, wird ein Hauptmann bemüht?", fragte Niklas.
"Bis zur Klärung einiger Unstimmigkeiten, Ihre Entführung und Befreiung betreffend, sind Sie KzH."
KzH, das war kurz für krank Zuhause. Die meisten Rekruten und Gefreiten mochten KzH, selbst wenn es bedeutete, wirklich krank zu sein. Aber dieses KzH war ein Arbeitsverbot.  Klärung, Unstimmigkeiten, ihm schwirrte der Kopf. Was musste geklärt werden? Was waren das für Unstimmigkeiten? Hatte das, was er Major Brincks erzählt hatte, nicht ausgereicht? Was dachte man von ihm? Dass er die Rebellentruppe angeführt hatte? Oder Schlimmeres?
"Gibt man mir nicht mal die Gelegenheit, mich anzuhören?", fragte er bitter.
"Wie ich schon sagte, Sie sind KzH geschrieben, Oberleutnant. Freuen Sie sich über den kleinen Extra-Urlaub und versuchen Sie, für wenigstens einen Monat die Füße still zu halten. Nach Ndongo werden Sie ohnehin nicht zurückfliegen. Also, machen Sie uns und vor allem sich selbst keine Schwierigkeiten, und genießen Sie die freie Zeit."
"Was genau wirft man mir vor?", fragte Niklas geradeheraus.
"Niemand wirft Ihnen irgend etwas vor. Zumindest die Bundeswehr nicht. Es gibt ein paar Differenzen mit dem ndongoischen Zentralkommando, aber wir tun alles, was in unserer Macht steht, um diese zu entkräften."
"Was sind das für Differenzen?"
"Das hat Sie zu diesem Zeitpunkt nicht zu interessieren, Herr Oberleutnant. Also schnappen Sie sich jetzt Ihre Sachen, verlassen Sie das Krankenhaus und fahren Sie mit einem Taxi nach Hause. Dort verbringen Sie ein paar ruhige Wochen und warten darauf, wieder gesund geschrieben zu werden. Haben wir uns verstanden, oder muss ich einen Befehl daraus machen?"
Niklas ballte die Hände zu Fäusten. Das klang alles so unausgegoren, so konstruiert. Mehr und mehr kam er sich wie ein Bauernopfer beim Schach vor. Und darauf würde es wahrscheinlich hinauslaufen. "Wir lassen Gras darüber wachsen?", fragte er direkt.
"Ein wenig", gestand der Hauptmann ein. "Für wie unsinnig wir die Vorwürfe halten, sehen Sie daran, dass ich hier bin und mit Ihnen spreche, anstatt Sie zu verhören."
"Und meine weitere Karriere?"
"Sie werden eine Karriere haben", versprach der Hauptmann.
"Aber nicht bei der Truppe, oder?"
Der Hauptmann schwieg, und das war ihm Antwort genug. Langsam öffnete er die Fäuste wieder. "Ich verstehe. Ich verstehe vollkommen. Ich schnappe mir ein Taxi und fahre nach Hause."
"Wir verstehen uns tatsächlich, Oberleutnant Herwig." Der Hauptmann nickte ihm zu, dann verließ er den Raum wieder.
Zurück blieb Niklas Herwig, in seine Gedanken vertieft. Das war alles so unwirklich, so unmöglich, und doch war es ihm gerade passiert. Er, ein Schreibtischtäter? Wie ironisch konnte die Welt nur sein? Die Mission in Ndongo hatte er nur angenommen, damit er den dritten Stern bekam; eventuell war es damit auch Essig. Damit und mit seiner eigenen Kompanie. Er fluchte lauthals. Dafür war er nicht in die Bundeswehr eingetreten. Dafür war er nicht nach Ndongo geflogen. Dafür hatte er nicht zwei Wochen in der Hand der Rebellen überlebt. Er beeilte sich damit, seine Sachen zu wechseln.
***
Axel fand ihn eine Stunde später, in seiner Lieblingskneipe, beschäftigt mit dem dritten Bier.
Der junge Mann grinste, als er seinen Halbbruder sah. Er schlug ihm auf die Schulter und setzte sich daneben. "Ich dachte, du wolltest anrufen, wenn du rauskommst. Ich hätte dich abgeholt."
Niklas warf ihm einen missmutigen Blick zu. "Setz dich doch, wenn du schon mal da bist."
"Ui, ui, sind wir ein wenig bissig? Freu dich doch, du wurdest aus der Quarantäne rausgelassen."
"Ja, und wie ich mich freue." Frustriert trank er sein Bierglas leer. "Noch eins für mich, und eins für  meinen Bruder."
"Sag mal, bist du depressiv geworden? Man kann schon verrückt werden, wenn man Isolation nicht abkann."
"Verdammt, Axel, versuch nicht, mich hier zu analysieren. Ich bin nicht verrückt geworden, weil ich deine dämlichen Bücher nicht lesen wollte. Sie haben mich KzH geschrieben, und das auf unbestimmte Zeit."
"Oh", machte der Ältere. Und noch einmal: "Oh. Was hast du ausgefressen?"
"Keine Ahnung. Auf jeden Fall aber behaupten die Ndongoianer irgendwas, und das ist wohl nicht so schlimm, dass ich eingesperrt werde, aber schlimm genug, um mich von der Truppe fern zu halten."
"Und du kannst dich nicht dagegen wehren?"
"Wie denn? Ich wurde ja kalt gestellt, wie du siehst. Erst wenn sie Anklage erheben, kann ich überhaupt mit einem Anwalt reden. Aber wenn sie mich am ausgestreckten Arm verhungern lassen, bin ich machtlos. Ein Traumjob ist das. Ich kriege Geld und muss nichts dafür tun."
"Für mich wäre das ein Traumjob. Weil ich dann endlich mehr lesen könnte. Aber für dich ist es wohl die Hölle. Tschuldigung."
"Scharfsinnig erkannt, großer Bruder", murmelte er und nahm das Bier entgegen. "Was soll ich jetzt also machen? Ich habe nur Soldat gelernt. Soll ich mich selbstständig machen?"
Axel lachte wie bei einem guten Witz. "Besser nicht. Ich kann dich mir nicht vorstellen, so als Söldner oder Fremdenlegionär."
"Ich auch nicht", brummte Niklas. "Soll ich dir mal was zeigen?" Er griff in seine Hosentasche und zog den Bergkristall hervor. "Hier, habe ich als Andenken mitgenommen, als Blut, Hirn und Knochen auf mich herab geregnet sind. Die arme Sau war keine vierzehn."
"Glas?" "Bergkristall. Siehst du das nicht? Ich dachte, Geologie ist ein Hobby von dir."
Axel lachte leise. "Ich habe einen Rosenquarz auf meinem Schreibtisch. Das macht mich nicht zum Geologen." Er ergriff den Stein und wog ihn in der Hand. "Merkwürdig. Bergkristalle formen doch normalerweise kantige Strukturen aus. Obelisken, und so. Aber dieses Ding ist rund."
"Und? Vielleicht haben sie ihn abgeschliffen."
"Vielleicht. Aber du weißt schon, dass du für den Klumpen hier locker zwanzig Euro kriegen kannst? Reicht für eine Kiste Bier."
"Echt jetzt? Wow, hätte ich nicht gedacht."
"Na ja, das Gewicht macht es eben. Hast du ihn schon Onkel Paul gezeigt? Okay, dumme Frage. Aber das sollten wir machen."
Niklas lachte. "Wer hätte das gedacht, dass sich ein Goldschmied in der Familie mal rentieren würde. Meinst du, er nimmt mir das Stück ab?"
"Fragen kostet nichts, oder? Also, wir können hier sitzen bleiben, unser Bier austrinken und zu Onkel Paul fahren. Oder wir bleiben hier, besaufen uns und nehmen ein Taxi nach Hause."
"Danke, dass du dich als Saufkumpan zur Verfügung stellst", sagte Niklas sarkastisch.
"Aber, aber. Das mache ich doch immer, oder? So wie letztes Jahr, als sich Annette von dir getrennt hat, wegen der Bundeswehr. Hey, vielleicht kommt sie ja jetzt zurück."
"Die Zicke kann mir gestohlen bleiben", murrte Niklas. Er wog den Kristall nachdenklich in der Hand. "Okay, ich bin neugierig. Verkaufen wir das Ding Onkel Paul und saufen wir uns von dem Geld ordentlich einen an."
"Na, das ist doch eine vernünftige Entscheidung", sagte Axel grinsend.
***
Onkel Paul gehörte mütterlicherseits zu Axel. Die Familienmitglieder von Vaters erster Frau hatten alle handwerkliche und kaufmännische Berufe. Auf der Seite von Niklas' Mutter waren die ganzen Akademiker vertreten, und Vaters Zweig lieferte die Soldaten, die Arbeiter und die leitenden Angestellten. Es war ein großer bunter Mix, der durch den Tod von Axels Mutter nicht gebrochen worden war. Mit der Zeit hatten sich sehr verschiedene und interessante Vernetzungen gebildet. So war Onkel Paul für dieses Dreiergespann irgendwann zum Familienjuwelier aufgestiegen.
Der ernste, biedere Mann mit der Goldrandlesebrille pflegte einen "distinguierten Lebensstil", was soviel bedeutete, dass er nach Feierabend eine Pfeife schmauchte, die Füße hochlegte und eine Zeitung las. Aber vor allem verstand er sich auf zwei Dinge: Viele Kunden bedeuten viel Umsatz war das erste. Die eigene Familie nicht übers Ohr zu hauen das zweite.
Als die beiden den Laden betraten, wurden sie von den Verkäuferinnen gleich nach hinten durchgewunken. Man kannte sich, vor allem weil Axel mit seinem Onkel regelmäßig Schach spielte.
Paul war gerade dabei, eine Goldkette zu reparieren. Es war eine von diesen mit feinen Gliedern, mehrreihig nebeneinander angeordnet. Ein Puzzlespiel, aber eines, das Onkel Paul liebte.
"Onkel Paul, stören wir?"
Der Goldschmied sah auf und unterbrach seine Arbeit. "Aber nein, natürlich nicht, Jungs. Ist heute denn schon Mittwoch?"
"Nein, heute ist Dienstag. Keine Sorge, ich komme morgen zum Schach", sagte Axel.
"Du bist ja auch dabei, Niklas. Dann haben sie dich endlich raus gelassen."
"Mehr oder weniger." Er griff in seine Hosentasche und zog den Stein hervor. "Aber ich will mich jetzt nicht aufregen. Nicht wegen der Scheiß Bundeswehr. Axel sagt, du kennst dich mit sowas aus. Ich will den Bergkristall verkaufen."
Onkel Paul nahm das daumenlange Mineral entgegen und drehte es unschlüssig in den Händen. "Bergkristall?"
"Frisch aus Ndongo. Habe ich als Andenken mitgenommen. Gehörte einem toten Kindersoldaten, der vor meinen Augen erschossen wurde."
"Ah, also ein Erinnerungsstück. Warte einen Moment. Ich muss mir das Ding mal genauer ansehen."
Onkel Paul zückte eine Lupe und betrachtete den Stein mit wachsender Verzückung. "Keine Einschlüsse... Farbe fast weiß... Ovale Grundform... Eindeutig ein Makeable. Ich muss den Burschen mal wiegen... Habe ich es mir doch gedacht, fast tausend Gramm. Das sind rund fünftausend Karat Rohgewicht. Ich gratuliere dir, Niklas. Du hast den größten Diamanten dieses Jahrzehnts entdeckt."
"D-Diamant?", fragte er ungläubig
"Wie, Diamant? Weißt du, was du da sagst, Onkel Paul?"
"Natürlich weiß ich das, Axel. Gut, dass Ihr damit zu mir gekommen seid und nicht versucht habt, den "Bergkristall" anderswo zu verkaufen." Er drehte den Stein mehrfach in der Hand. "Es ist natürlich unmöglich, einen solchen Stein ohne Papiere legal zu verkaufen. Und es wäre eine Schande, ihn zu spalten und aus ihm ein Dutzend oder mehr kleinere Steine zu machen. Er stammt aus Ndongo, sagst du? Die Regierung da ist nicht sehr fähig, aber bei ihren Diamanten versteht sie keinen Spaß. Wenn herauskommt, wie der Stein außer Landes gebracht wurde, dann klagen sie dir den Arsch weg. Zumindest aber den Diamanten."
Niklas wurde es heiß und kalt zugleich. Ob die Bundeswehr deshalb...?
"Vielleicht wissen die vom Bund vom Stein", warf Axel ein. Er dachte kurz darüber nach und schüttelte den Kopf. "Nein, dann hätten sie Niklas den Stein weg genommen, solange er noch dachte, es wäre ein Bergkristall. Du hast aus vollkommen anderen Gründen Ärger, ist das nicht schön?"
"Ja, das ist sehr schön. Aber du hast Paul gehört. Ich kann ihn nicht verkaufen."
"Oh, das habe ich nicht gesagt, Niklas. Ich sagte nur, legal wäre es unmöglich. Aber... Habt Ihr nicht Lust, die Sache in meine Hände zu legen? Ich gebe euch zwei Millionen Euro für den Rohdiamanten sofort, und Ihr wartet ab, welchen Ertrag ich mit ihm schwarz erziele. Dann teilen wir.
"Zwei Millionen? Gib uns fünf, und mach mit dem Ding, was immer du willst", sagte Axel lachend.
"Okay, aber die kriege ich nicht so schnell zusammen."
Die beiden Halbbrüder sahen sich erstaunt an, und dann wieder zu Onkel Paul. "Was hast du gesagt?"
"Ich sagte: Okay. Ihr müsst mir aber eine Woche Zeit geben, weil ich erst ein paar meiner Reserven verflüssigen und einen Kredit aufnehmen muss."
"Einen Kredit? Onkel Paul, du..."
"Ich sage dir mal was, Junge. Selbst wenn dieser Stein in hundert Einzelteile zerschlagen werden muss, so bringt er gewiss eure fünf Millionen und noch mal zwei. Und wenn es gelingt, ein paar Papiere zu fälschen - ich kenne ein paar zuverlässige Leute in Antwerpen - dann kriege ich vielleicht sogar fünfzehn bis zwanzig. Das nenne ich ein gutes Geschäft. Und ich trage alleine das Risiko. Eventuell, wenn der Gewinn hoch genug ist, überlege ich mir noch eine Bonuszahlung. Ihr seid ja Familie."
"Fünf Millionen?", rief Niklas entsetzt. "Wirklich? Das ist ja wie ein Lottogewinn!"
"Tja, dein Kindersoldat hat ein Vermögen mit sich herum geschleppt und wusste es nicht. Und jetzt hast du das Vermögen, Niklas."
Wieder sahen sich die Brüder unschlüssig an. "Es ist dein Stein, Niklas."
"Aber du hast mich auf die Idee gebracht, herzukommen. Wir machen halbe-halbe, wie es sich für Brüder gehört. Onkel Paul, wann hast du das Geld zusammen?"
"Solange du kein Bargeld willst und mit einer Überweisung zufrieden bist, in zehn Tagen. Wenn du keine elektronischen Spuren hinterlassen willst, mindestens drei Wochen. Ich empfehle euch bei der Summe ohnehin zu einem Konto in der Schweiz oder auf den Kaymans. Sonst fragt euer Finanzbeamter mal nach, warum Ihr auf einmal so viel Zinssteuer bezahlt."
Onkel Paul erhob sich, ging in sein Büro und kam kurz darauf mit einem Packen Bargeld zurück. "Hier, als Anzahlung. Zehntausend für jeden. Ich hatte heute einen guten Kunden, dem das Geld locker saß."
Die beiden Brüder starrten auf die Scheine. Zwanzig rosa Fünfhundert Euro-Scheine für jeden. Nur zögerlich griffen sie danach. Und das war erst der Anfang. Da würde noch mehr kommen.
"Warum ist das mit den Papieren schwierig, Onkel Paul?", fragte Niklas, während er das Geld einsteckte.
"Oh, es liegt daran, dass Diamanten meistens der Mine zugeordnet werden können, aus der sie stammen. Sie gleichen einander in gewissen Charakteristika. Und wenn wie in eurem Fall die Mine nicht bekannt ist, wirft das Fragen auf. Aber auf dem Markt sind immer genügend Diamanten, sodass man schon ein wenig tricksen kann." Er lächelte. "Ich bin jetzt kein Experte. Ich bin Goldschmied, und kein Diamantenschleifer."
"Kannst du sagen, aus welcher Mine der Stein hier stammt?", hakte Axel nach.
"Nein, tut mir leid. Diamanten sind mein Hobby, zugegeben, aber ich kenne keine ndongische  Mine, die weiße Steine liefert. Ndongo hat Erdöl, Erdgas, Zinn, Uran, Kupfer, Silber, Platin, Gold. Ist also ein reiches Land. Dazu kommen die Mabana-Mine, die gelbe Diamanten liefert, und die Kolunga-Mine, aus der eine gewisse Menge Fancys kommen. In diesem Fall Steine mit rosa Färbung."
Niklas sah seinen Bruder beunruhigt an. So sah er aus, wenn er eine Idee hatte. Und seine letzten beiden Ideen hatten Axel erst seinen Job und dann seine Freundin gekostet.
"Ist es, also wenn der Stein wirklich aus Ndongo stammt, eine neue, eine unbekannte Mine? Kann der Kindersoldat den Stein am Boden gefunden und ihn dann mitgenommen haben?"
"Möglich ist das schon", sagte Onkel Paul. "Worauf willst du hinaus?"
"Hm, das weiß ich selbst noch nicht. Sag mal, kannst du eigentlich mehr als diesen Stein auf dem Markt unterbringen? Vielleicht nicht so große."
"Wenn man behutsam ist und verschiedene Wege nutzt, sicherlich."
Axel begann zu strahlen. "Danke dir. Also, ich komme dann morgen zum Schach, wie immer. Komm, Niklas, das müssen wir feiern. Wir machen da weiter, wo du aufgehört hast."
Nun war es offiziell. Axel hatte eine Idee. Und Niklas war sich noch nicht sicher, wie sie sich auf sein Leben auswirken würde.
***
Während sie zu Axels Wagen gingen, versuchte Niklas das Schlimmste zu verhindern. "Hör mal, Axel, du weißt, dass ich jeden Scheiß mitmache, aber du hast doch nicht vor..."
"Nein, habe ich nicht. Weißt du, wie groß Ndongo ist? Wie sollen wir da eine einzelne, nicht mal offiziell bekannte Diamantenmine finden? Ohne jeden einzelnen Hinweis ein Ding der Unmöglichkeit." Am Wagen verharrte Axel kurz. "Vielleicht können dir ja deine Kameraden in Ndongo weiterhelfen und für dich herausfinden, woher die Rebellen gekommen sind. Das würde die Region einkreisen. Und mit dem Taschengeld von Onkel Paul könnte man sich da ein wenig umsehen."
"Das werden sie sicherlich nicht. Die ganze Region ist ein einziger Konflikt, und die meisten Soldaten stammen vom herrschenden Stamm aus dem Westen. Die haben sich nur raus gewagt, um mich zu beeindrucken. Ich glaube eher weniger, dass sie für mich Erkundigungen einholen werden. Oder herausfinden können, woher die Rebellen stammen, die mich erwischt haben."
"Oh." Axel ließ die Arme hängen. "Aber die Region eingrenzen können wir doch. Wenn wir herausfinden, von welchem Stamm deine Entführer sind, oder?"
"Ja und nein. Soweit ich weiß, lebt von denen keiner mehr. Und wenn doch, dann sitzen sie in Panadia im Knast. Da ist man auf sie ebenso schlecht zu sprechen wie in Ndongo."
"Aber es würde sich lohnen, sie zu suchen?", hakte Axel nach.
"Du meinst, ich als kalt gestellter Bundeswehroffizier fliege da runter und besuche ausgerechnet die Leute, die mich entführt und über zwei Wochen kreuz und quer durch den Dschungel haben latschen lassen?"
"Oh. Mist." Er öffnete die Tür und bedeutete seinem Bruder, ebenfalls einzusteigen. "Aber wir können die Region eingrenzen. Sie muss irgendwas mit dem Stützpunkt zu tun haben."
"Der neunzehnte Regierungsbezirk. Ungefähr zweimal so groß wie Niedersachsen. Angeblich sorgt der Stützpunkt für Ruhe und Ordnung. In Wirklichkeit aber igeln sie sich da nur ein und bilden ihren eigenen Mikrokosmos ab. Sogar die Nutten werden aus der Hauptstadt eingeflogen."
"Anschnallen. Aber diese Region ist ja schon mal weniger groß als Ndongo. Hat sie einen Eigennamen?"
"Sie heißt offiziell 19. Regierungsbezirk."
"Ach, wie nett", sagte Axel sarkastisch.
"Die Bewohner nennen die Region Belongo. Und ehrlich gesagt, wenn ich du wäre, würde ich mich durch Belongo nur bewegen, wenn du mehr Leute dabei hast als ich hatte. Meine Patrouille war ein Platoon nach amerikanischem Vorbild, sechsundzwanzig Mann mit Leutnant und teilweise schweren Waffen."
"Ich beginne, dieses Belongo zu mögen. Und, kann man die Menschen da unten eventuell bestechen?"
"Ich mag es nicht, wohin diese Idee führt, Axel. Natürlich ist jeder bestechlich, und so. Aber das ist rechtsfreier Raum da unten. Sie schneiden dir eher die Kehle durch als dir zu helfen. Wenn du ihnen Geld zeigst, und dann im schlimmsten Fall auch noch harte Euros, dann bist du tot."
"Wenn man ihnen noch mehr Euros verspricht?"
Nun wurde es Niklas aber doch zu bunt. "Herr Stabsgefreiter, haben Sie alles vergessen, was Sie beim Bund gelernt haben? Marodierende Banden ziehen herum und terrorisieren die Bevölkerung. Achtzehn verschiedene Volksstämme konzentrieren sich in einer rückständigen Region, gegen die Zentralindien wie Silicon Valley wirkt. Durch die Rebellen und das unübersichtliche Land hast du da unten kein Gesetz, keine Polizei und erst recht keine Hilfsorganisationen. Die Kindersterblichkeit liegt enorm hoch, und die Zahl der entführten Kinder liegt noch höher. Ich kenne genau eine Resozialisierungsschule für Kindersoldaten, und die liegt nicht mal in Belongo, weil die Region zu heiß ist."
"Und wenn man sie erobert?"
Niklas starrte seinen Bruder an wie einen Geisteskranken. "Du willst dich also nicht nur mit achtzehn Stämmen, den Rebellen und der unsicheren Gefechtssituation anlegen, vom Regierungsstützpunkt mit der Armee mal ganz abgesehen, sondern du willst die Region auch noch halten?"
"Verzweifelte Situationen erfordern verzweifelte Maßnahmen. Mensch, verstehe doch! Du hast da einen Diamanten mitgebracht, der riesig ist! Ich verstehe nicht viel von den Glitzersteinen, außer dass Frauen drauf stehen, und dass Makeable bedeutet, dass er in eins geschliffen werden kann. Aber ich verstehe, dass da, wo dieser Diamant her kommt, noch mehr sein müssen! Mensch, Niklas, wir kriegen bald fünf Millionen Euro und später sogar noch mehr! Was hindert uns daran, ein paar Söldner anzuheuern, diese Mine zu finden und auszubeuten? Denk doch mal nach: Vielleicht gibt es nicht mal eine Mine, nur einen Steinbruch oder so! Wir wären vollkommen ungestört, solange niemand weiß, was wir wirklich suchen!"
"Du brauchst nicht zu schreien, Dummkopf!", blaffte Niklas zurück. "Fahr lieber los. Und ich sage dir, es ist Schwachsinn! Mit fünf Millionen können wir weder die Truppen, noch das Material zusammen bringen, um Belongo zu kontrollieren, und erst Recht nicht für lange Zeit, die der Abbau von Diamanten benötigt. Und dann brauchen wir auch noch schweres Gerät, vielleicht sogar Bergbaugerät. Außer, du willst ein paar Sklaven nehmen und die mit Spitzhacken ausrüsten!"
"Aber wir könnten mit fünf Millionen ein paar Söldner und Gerät erwerben, ein paar Offizielle in Ndongo und Panadia bestechen und gezielt nach der Mine suchen. Komm schon, Niklas, denk doch mit. Das ist vielleicht die Chance unseres Lebens, unermesslich reich zu werden! Und wenn wir dann reich sind, dann kannst du dich bei der Familie des Kindersoldaten angemessen bedanken, dafür, dass er den Stein mitgenommen hat."
"Ach, bricht jetzt auch noch deine soziale Ader durch? Wenn wir die Eltern nicht finden, willst du dann vielleicht die ganze Region aufpäppeln?"
"Hm", machte Axel.
"Ach komm, das war ein Witz."
"Schon, aber es wäre vielleicht keine dumme Idee, die umliegenden Dörfer zu bestechen, damit sie uns vor jedem Arschloch warnen, das uns zu nahe kommt."
"Du redest schon, als würdest du die Position der Mine..." Niklas, sich gerade noch in Rage redend, verstummte plötzlich. Mit schreckgeweiteten Augen sah er den Bruder an.
Axel, der schon den Blinker gesetzt hatte, stellte den Motor wieder aus. "Stimmt was nicht, Niklas?"
"Ngali."
"Gesundheit."
"Nein, du verstehst nicht. Ngali! Ngali, verdammt! Das war das letzte Wort, das der arme Bengel gesagt hat, bevor er an seinem pürierten Hirn gestorben ist! Das könnte ein Name sein! Seine Mutter vielleicht, sein Familienname, oder sogar sein Heimatort!"
"Ngali?" Axel zückte sein Smartphone und ging ins Internet. In der nächstbesten Meta-Suchmaschine gab er den Namen ein, versehen mit den Querverweisen Ndongo und Belongo.
Die weltweite Suche in über einhundert Suchmaschinen ergab schließlich fünf Ergebnisse und einen sehr spärlichen Wikipedia-Eintrag. "Das wird dich freuen. Ngali ist ein Ort, in dem eine Hilfsorganisation mal eine Pumpe installiert hat. Die wurde aber in einem Krieg von einem Nachbarort erobert. Merkwürdige Geschichte, denn in beiden Dörfern wohnen Wagondas. Das führte zu einem Gegenangriff und irgend jemand weiter oben konnte sich nicht vorstellen, dass zweihundert Menschen nur wegen einer Wasserpumpe kämpfen würden. Die Regierung ging von Öl, Gas, Edelmetallen oder Rauschgift aus und errichtete deinen heiß geliebten Militärstützpunkt. Nachdem die Soldaten die Lage unter Kontrolle hatten, indem sie Ngali und den Nachbarort eingeäschert hatten, ging es aber erst richtig los, und sämtliche Wagondas der Region gingen gegen den Stützpunkt vor. Dann steht hier noch was von einem nicht verifizierten Querverweis zu einem amerikanischen Ölförder-Unternehmen, das Probebohrungen in der ganzen Region machen wollte, was auch die restlichen siebzehn Stämme aufbrachte. Tja, und herausgekommen ist, dass ganz Belongo ein Hexenkessel ist. Und das seit zwanzig Jahren."
"Der Bengel war niemals zwanzig. Warum hat er also Ngali gesagt?", fragte Niklas verblüfft.
"Vielleicht, weil sie das Dorf wieder aufgebaut haben? Oder vielleicht, weil jemand aus seiner Familie so hieß? Auf jeden Fall ist das ein ganz dicker Hinweis!" Axel startete den Wagen und fädelte sich in den Straßenverkehr ein. "Unser guter Freund Bernd, der Militär-Freak, hat einen Kumpel, der hat 'nen Freund im Militärischen Abschirmdienst. Wenn man dich nach Belongo gelassen hat, dann hat das Militär eine Akte zur Region. Und eine Akte bedeutet Karten und Satellitenfotos!"
"Ach, und du meinst, die rückt er einfach so raus?"
Axel grinste seinen Bruder an. "Wir zeigen ihm einfach die rosa Karte."
"Und was ist, wenn er fragt, warum wir die Karten haben möchten? Willst du ihn beteiligen?"
"Na, na, mal nicht gierig werden, Niklas. Ein einziger Stein aus der Mine bringt uns fünf Millionen ein, vielleicht sogar noch mehr. Selbst wenn der Rest nur so groß wie Kiesel ist, sollte das genügend Geld abwerfen um zehn Männer reich zu machen. Ach was sage ich, zwanzig! Mensch, Niklas, wir sind im Geschäft! Verdammte Scheiße, wir sind im Geschäft!"
Niklas sah seinen Bruder erstaunt an. "Oh, Kacke, ich glaube, du hast Recht."