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Welcome To My Behading!

von Curare
GeschichteThriller / P12 / Gen
Alice
12.09.2011
25.04.2012
4
3.325
 
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12.09.2011 798
 
Ein Mädchen stand dort in der Tür, kleiner als Alice. Ihre Haare waren so blond, dass sie fast weiß wirkten und reichten ihr bis zu den Unterschenkeln; glatt, dachte Alice, wie mit dem Lineal gezogen. Sie war ein hübsches, junges Mädchen mit ihrem honigfarbenen Kleid, den weißen Socken und den schwarzen Schnallenschuhen. Nur eine Tatsache zerstörte das Bild leider komplett. Ihre Augen waren bläulich-weiß. Sie war blind. Nun lächelte sie und sagte: „Oh“ Ihre Stimme war zart und zerbrechlich und doch übertönte sie das Fiepen der Maschine. „Wir haben Besuch“ (In diesem Moment erschien es Alice gar nicht merkwürdig, dass das Mädchen sie bemerkt hatte, obwohl sie doch nichts sehen konnte). Sie kam auf Alice zu, machte einen kleinen Knicks und lief weiter zu ihrem Vater, der sie leicht umarmte. „Hast du es geschafft?“, fragte sie. Er nickte. Spätestens jetzt musste Alice aufgefallen sein, dass sich das Mädchen für eine Blinde merkwürdig verhielt, denn sie schien das Nicken gesehen zu haben, sie lächelte fröhlich. „Gib mir einen“, bat sie leise und der Bäcker nahm einen winzigen Kescher und fischte kurz in dem Glas mit den Schmetterlingen herum, bis er einen gefangen hatte. Er legte ihn seiner Tochter in die Hand und ohne zu zögern  und mit dem süßesten Lächeln riss sie ihm die Flügel aus. Erst den einen, es gab ein widerliches Knirschgeräusch und der Schmetterling zuckte unwürdig und panisch mit dem anderen. Sie sah (und wieder diese Merkwürdigkeit) seinen von Todesangst angetriebenen Fluchtversuchen ein Weilchen zu, dann rupfte sie auch den zweiten zarten Zuckerflügel aus. Nun krümmte sich der Körper des Schmetterlings auf erbärmlichste Weise, bis er schließlich unter Zucken erstarrte. Alice sah das Mädchen geschockt an, dieses allerdings legte sich nur einen Flügel auf die Zunge und riss die Augen auf. „Wunderbar!“, sagte sie leise. ohne sich umzudrehen, hielt sie Alice den anderen Flügel hin. Sie nahm ihn zögerlich an und betrachtete ihn. „Nicht so zimperlich“, meinte die Tochter des Zuckerbäckers, „Er hat nie gelebt und spürt auch keinen Schmerz. Ich wollte nur, dass er so echt wie möglich reagiert“. Das beruhigte Alice nun doch wenigstens ein kleines bisschen und sie steckte sich den Flügel in den Mund. Was daraufhin passierte, lässt sich nicht in Worten beschreiben, sie schmeckte alles auf einmal (sie meinte sogar etwas Schweinebraten erkennen zu können) und doch war der Geschmack sanft und nicht aufdringlich, sodass sie alles einzeln herausfiltern konnte. Knusprig schmolz der Zucker auf ihrer Zunge und hinterließ einen zarten Schriftzug darauf. Kursiv, dünn, verschnörkelt und zerbrechlich wie das, was ihn geschrieben hatte stand dort Fjäril geschrieben. „Öffne mal deinen Mund“, forderte das Mädchen und besah sich den Schriftzug. „Ah, Schwedisch!“, stellte sie daraufhin fest (wieder einmal wusste sie etwas, das sie eigentlich gar nicht hätte sehen dürfen) und streckte Alice ihre Zunge heraus. Einen Augenblick war sie empört ob dieser Obszönität; sie hatte ihr doch gar nichts getan! Doch dann erkannte sie auch auf der Zunge des Mädchens ein Wort, ebenso fein geschrieben. Papillon. Da sie Französisch in der Schule hatte, wusste Alice, dass das Schmetterling bedeutete. „Es ist immer dasselbe Wort“, seufzte das blinde Mädchen fast ein wenig enttäuscht, „nur in verschiedenen Sprachen, nun ja, jedenfalls steht da eine Katze vor der Tür, die sich um dich sorgt – wie heißt du eigentlich?“. „Alice“, beantwortete diese die Frage, entschuldigte sich mit einem höflichen Knicks und verschwand, um der Grinsekatze zu sagen, dass es ihr gut ginge. Diese saß, mit dem Schwanz zuckend ein gutes Stück von der Tür entfernt neben dem Heisch-Muffin, der vergeblich versuchte, ihre Aufmerksamkeit zu erregen. „Das Geheimnis“, begann das Tier gedehnt, „ist, sich nicht zu bewegen. Dann kann man auch nicht stolpern.“ Alice sah einige Schwachstellen in diesem Plan, doch sie hütete sich, diese zum Ausdruck zu bringen – es hätte ja doch nichts genützt. „Also, Katze, wie du siehst, geht es mir gut. Warum kommst du nicht herein? Der Bäcker ist nur so bitter, um einen Ausgleich zu seiner Arbeit zu haben und seine Tochter ist sehr reizend.“ Die Grinsekatze stieß ein verächtliches Zischen aus. „Ich kenne die Tochter des Zuckerbäckers, Alice, und zwar zur Genüge. Ist es dir etwa nicht merkwürdig vorgekommen, dass sie nicht so blind war, wie sie schien? Hat sich dich nicht gesehen, als du dastandest? Dich nicht begrüßt? Sich den Tod des Schmetterlings nicht angesehen?“ „Woher-“ „Alice!“, das Tier schüttelte ungläubig den Kopf, „Hast du nicht begriffen, dass ich mehr sehe und weiß als du dir in deinem kleinen Mädchenkopf vorstellen kannst?“ Das empfand Alice als ein wenig beleidigend, sie war Selbstüberschätzung in solch direktem Ausmaß nicht gewohnt, doch die Neugier verbot ihr eingeschnappt zu schweigen und sie fragte: „Also was ist nun mit dem Mädchen?“ Die Katze seufzte. „Dazu muss ich weiter ausholen. Sehr weit. Setz dich, aber pass bloß auf diesen verflixten Kuchen auf!“
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