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Rote Rosen

GeschichteDrama / P16 / Gen
Dr.Addison Montgomery Dr.Naomi Bennett
09.09.2011
01.10.2011
22
41.406
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09.09.2011 2.149
 
1. Verlassen


„Ich habe einen anderen Mann geküßt.“
Das war ihr Geständnis, als sie Kevin das letzte Mal gegenüberstand.
Über eine Woche hatte sie geheim gehalten, daß sie dem Charme von Wyatt Lockhart verfallen war. Allerdings hatte sie ihn nur geküßt. Sie war nicht mit ihm ins Bett gegangen, so wie sie es mit Mark in der Vergangenheit getan hatte.
Aber es hatte gereicht.
Es hatte gereicht, daß Kevin ihr gesagt hatte: „Ich hoffe, du findest einen Mann, der in dein Leben paßt.“
Dann war er gegangen.
Sie hatte nur dagestanden und nichts gesagt.
Das Meer rauschte am Strand.
Die Dunkelheit hatte sich über die Stadt gelegt.
Er war gegangen.
Sie war unfähig, sich zu bewegen.
Hatte sie wirklich gesagt, daß der Zeitpunkt, wo sie Wyatt geküßt hatte, der einzige Augenblick in der Woche war, wo sie wirklich glücklich war?
Er war gegangen.
Sie hatte das wirklich gesagt?
Wieder hatte sie all ihre Ideale in den Sand gesetzt.
Und Kevin war wirklich das, was man einen liebevollen und anständigen Mann nannte.
Aber er war gegangen.
Wieder hatte sie versagt.
Versagt… versagt… versagt… immer wieder schallten die Worte in ihrem Kopf wider.
Aber für Addison Forbes Montgomery gab es kein Versagen.
Jedenfalls hatte es das früher nie gegeben.
Jetzt passierte ihr das andauernd. Ständig vergeigte sie ihre Beziehungen.
Naomi hatte ja mal gemeint, daß sie das mit Absicht machte.
Aber da konnte sie nicht so wirklich dran glauben.
Mit Absicht machte sie das bestimmt nicht.
Jedenfalls redete sie sich das ein.
Daß sie Derek verloren hatte, war anfangs vielleicht ihre Schuld gewesen. Aber später war es eindeutig Dereks Schuld gewesen. Denn sie hatte wirklich versucht, ihre Ehe zu retten.
Bei Mark… ja, sie mußte zugeben, das war ihre Schuld gewesen. Sie hätte das Baby nicht abtreiben und ihn verlassen dürfen.
Wahrscheinlich war das der größte Fehler ihres Lebens gewesen.
Wenn sie jetzt genauer darüber nachdachte, dann haßte sie ihr Leben, daß sich in diese Richtung hin entwickelt hatte.
Sie war einsam und allein, hatte keine Kinder,…  ja, gut Freunde hatte sie und sie war eine begnadete Chirurgin.
Aber war das alles? War das alles, was zu einem erfüllten Leben gehörte?
Wenn sie nicht schon bessere Zeiten erlebt hätte, würde sie sagen: Es gibt nichts Besseres.
Aber das gab es definitiv.
Und Kevin zu verlieren, war eines der schrecklichsten Dinge in ihrem Leben.
Doch als sie da so verloren am Strand stand, einsam und verlassen, wurde ihr das zwar innerlich bewußt, aber sie konnte sich keiner Gefühlsregung hingeben.
Wie sollte sie auch?
Immer wieder hatte ihre Mutter ihr, als sie noch ein Kind war, gesagt: „Zeige niemals deine Gefühle, denn die machen dich verwundbar. Mußt du irgendwann doch weinen, weil du die Tränen nicht zurückhalten kannst, dann tue das niemals in der Öffentlichkeit. Schließ’ dich irgendwo ein. Du hast eine Minute, um zu weinen. Aber dann wisch die Tränen fort und sage dir: „Es gibt nichts Wichtigeres als das, was du willst. Und egal, mit welchen Mitteln, du wirst es bekommen.
‚Gefühle sind was für Schwache.’ Das lernte sie schon früh.
‚Gefühle zeigen nur Verlierer. Und du bist keiner.’
Ihre Mutter glaubte daran.
Doch sie nicht…
Was war schon dabei, Gefühle zu zeigen, wenn es einem schlecht ging?
Auch wenn sie sich schwer damit tat, und auf keinen Fall in der Öffentlichkeit weinen würde, gab es manchmal eben Situationen, in denen man sich nicht beherrschen konnte.





Addison schreckte hoch, als es an der Tür klingelte.
Sie sah mit verweinten Augen auf die Uhr.
Es war schon zehn Uhr abends.
Wer konnte das nur so spät noch sein?
Sie ergriff ein Taschentuch aus der Box auf der Couch und wischte sich die Tränen fort.
Dann ging sie schnellen Schrittes zur Tür, um zu öffnen.
Sie hielt inne, als sie auf eine große Pralinenschachtel blickte, sowie daneben eine Flasche Wein, ihr Lieblingswein: Roter Burgunder.
Sie wischte sich mit dem Taschentuch noch einmal übers Gesicht, als Naomi schließlich die Schachtel senkte und bemerkte: „Tut mir leid,… aber ich hab’ den Anrufbeantworter gerade erst abgehört.“
Addison schniefte.
Sie brauchte nicht großartig überlegen, weshalb Naomi zu ihr gekommen war. Ihr verzweifelter Anruf, nachdem Kevin sie am Strand einfach so hatte stehen lassen, hatte seine Wirkung nicht verfehlt.
„Ich hab’ mir gedacht, du brauchst ein bißchen Gesellschaft.“ Naomi grinste. „Und Kalorien.“ Sie reichte ihrer Freundin die Konfektschachtel. „Und Prozente.“ Dann folgte die Weinflasche.
Addison antwortete nicht, gewehrte ihr nur Einlass und schloß die Tür wieder hinter ihr.
Naomi nahm auf der Couch Platz, nachdem Addison die zerknüllten Taschentücher zusammengesammelt und in den Papierkorb geworfen hatte.
„Erzähl’!“, bat Naomi, als Addison schließlich die Weinflasche öffnete und etwas Wein in zwei Gläser verteilte.
„Ich hab’…“ Addison suchte nach den richtigen Worten, als Naomi die Konfektschachtel öffnete und sie ihr reichte.
Addison nahm wortlos eine Praline.
„Ich hab’ Mist gebaut.“ Sie sah Naomi gequält an.
„Was ist passiert?“, fragte Naomi tonlos.
Addison schwieg.
„Soll ich raten?“
Ihre Freundin reagierte nicht.
„Er heiratet Meredith Grey.“, spekulierte Naomi.
Addison runzelte die Stirn. „Von wem sprichst du?“
„Derek.“
Addison schüttelte den Kopf. „Ist mir doch egal, ob Derek Meredith heiratet. Soll er doch, wenn er meint, er wird mit ihr glücklich.“
Naomi sah sie nachdenklich an. „Dann geht’s um Mark.“
„Wie kommst du nur auf so einen Unsinn?“, fragte Addison.
„Es geht immer um Mark, wenn’s nicht um Derek geht.“
Addison schüttelte den Kopf. „Nein, das stimmt nicht.“
Naomi tat, als würde sie nachdenken. „Okay, letzter Versuch. Und sag’ mir, wenn ich richtig liege.“, bemerkte sie. „Es geht um Kevin. Du hast mit ihm gespielt, und er hat dich verlassen.“
Addison sah sie entsetzt an. „Wie meinst du das?“
„So, wie ich es gesagt habe.“, erwiderte Naomi.
„Hey,…“ Addison richtete sich etwas auf, um nicht mehr so zusammengesunken zu wirken. „Ich hab’ dich auch nicht nieder gemacht, als du dich von Sam getrennt hast.“, murmelte sie. „Zumal du mir das nicht mal gesagt hast.“
Naomi nickte. „Wir hatten uns zu der Zeit, ja auch nicht mehr wirklich viel zu sagen, Addie.“
„Aber jetzt ist das wieder anders, oder?“ Addison sah sie erwartungsvoll an.
Naomi nickte. „Also, was ist los? Was hast du getan, daß Kevin fort ist? Oder irre ich mich da?“
Addison ergriff wieder ein Taschentuch. „Ich weiß nicht, warum oder weshalb mir das immer wieder passiert.“, seufzte sie. „Ich vergeige alle meine Beziehungen. Was mache ich nur falsch?“ Sie sah ihre Freundin fragend an
Naomi zuckte mit den Schultern. „Ich weiß nicht.“, versicherte sie. „Was denkst du, hast du dieses Mal falsch gemacht?“
Sie zögerte einen Moment, weil Addison sie nicht ansah, sondern beschämt wegsah.
„Was hast du wieder getan, Addie?“, fragte sie etwas vorwurfsvoll.
„Nichts…“ Addison gestikulierte wild mit ihren Händen. „Ich schwöre es. Ich habe nichts getan. Absolut gar nichts.“
Naomi runzelte die Stirn. „Und warum nehme ich dir das dann nicht ab?“
Addison zuckte mit den Schultern. „Es war wirklich nichts. Gar nichts!“, erwiderte sie noch einmal.
Sie schwieg einen Moment.
„Jedenfalls fast nichts.“
Naomi schob sich eine Praline in den Mund. „Was bedeutet das denn jetzt schon wieder?“
Addison zögerte, trank einen Schluck Wein, nahm eine Praline und wich Naomis fragenden Blick immer wieder aus.
„Weshalb habt ihr euch gestritten?“, fragte Naomi dann direkt.
Addison schüttelte den Kopf. „Wir haben uns nicht gestritten.“
„Und weshalb ist er gegangen?“, wollte Naomi wissen.
Addison schwieg.
„Mein Gott, Addie, laß dir doch nicht jedes Wort einzeln aus der Nase ziehen.“ Naomi runzelte die Stirn, als wolle sie strenger wirken.
„Wyatt Lockhart“, bemerkte Addison trocken.
Naomi war im ersten Moment wie erstarrt. Ihre Hand tastet nach einer weiteren Praline, ließ diese aber jedoch in der Schachtel.
„Addie, sag’ mir bitte nicht, daß du das getan hast, was ich denke.“, bemerkte sie trocken.
Addison fuhr sich nervös durchs Haar. „Woher soll ich wissen, was du denkst?“
„Du hast doch nicht etwa…?“ Naomi faltete erschrocken die Hände vor ihrem Mund. „Sag’ mir bitte, daß du dich nicht mit diesem Arsch eingelassen hast.“
Addison zuckte mit den Schultern.
Naomi sah sie mit geöffnetem Mund an. „Das ist nicht wahr.“, entfuhr es ihr. „Sag’ mal, hast du den Verstand verloren? Du hast einen wahnsinnig heißen Typen zuhause, und schläfst mit Wyatt Lockhart, mit dem größten Arsch, der hier rum läuft… mit der Konkurrenz?“
Naomi war so geschockt, daß sie Addison, die zwischenzeitlich immer ihren Namen nannte, nicht zu Wort kommen ließ.  
„Ich habe nicht…“, versuchte Addison einen letzten Versuch, sich zu erklären.
„Ich fass’ es nicht, Addie.“ Naomi nutzte eine ungewöhnliche Lautstärke. „Lernst du denn nie aus deinen Fehlern?“
„Nun halt’ mal die Luft an!“ Endlich kam Addison zu Wort. „Ich habe nicht mit ihm geschlafen.“
Naomi runzelte irritiert die Stirn. „Hast du nicht?“
Addison schüttelte den Kopf. „Nein.“
Naomi sah sie fragend an.
„Ich habe nichts mit Wyatt Lockhart.“, versicherte Addison.
„Und warum hat Kevin dich dann verlassen?“, wollte Naomi wissen.
Addison schwieg einen Moment.
„Addison?“ Naomis Blick durchbohrte sie.
„Okay… ich bin in Lockharts Büro, hab’ ihm in die Augen gesehen und dann habe ich ihn geküßt.“
Naomi schüttelte den Kopf. „Ich hab’s doch gewußt.“
„Weiter ist nichts passiert.“, versicherte Addison. „Ich habe ihn lediglich geküßt, … nur geküßt. Das ist doch nicht verboten. Seine Hände haben mich nicht mal berührt. Es ist nichts passiert. Absolut gar nichts.“
Naomi sah sie mit skeptischem Blick an, was sie etwas irritierte.
Deshalb fragte sie: „Das war doch kein Fremdgehen, oder?“
Naomi sah sie ungläubig an. „Was fragst du mich? Ich war nicht dabei.“
„Es ist nichts passiert.“, versicherte Addison noch einmal.
„Hast du Kevin das gesagt?“, fragte Naomi.
Addison schüttelte den Kopf.
„Was ist dann vorgefallen?“, wollte Naomi wissen. „Warum ist er gegangen?“
„Ich habe ihm gesagt, daß ich mich in den letzten Tagen in seiner Nähe nicht mehr wohl gefühlt habe.“ Addison biß sich auf die Unterlippe. „Ich hatte solche Angst, ihn zu verlieren, daß ich ihn bedrängt habe, ihn zu sehr eingeengt habe. Ich habe ihn nach seiner Schußverletzung hier quasi eingesperrt und ihm keinen Freiraum mehr gelassen.“ Sie war wieder den Tränen nahe.
„Warum hast du das denn getan?“, wollte Naomi wissen.
„Weil ich Angst hatte, daß wenn er wieder gesund ist, er mich verläßt und ich wieder allein bin.“ Sie schniefte. „Und ich will nicht wieder allein sein.“
Tränen folgten. Sie nahm sich wieder ein Taschentuch aus der Box.
„Wir haben uns nur noch gestritten.“, erzählte Addison weiter. „Und da hab’ ich für ein paar Sekunden vergessen, was Kevin mir bedeutet, weil Wyatt mir Avancen gemacht hat.“
Naomi atmete tief durch. „Das verstehe ich ja.“, versicherte sie. „Aber warum hast du Kevin davon erzählt? Du weißt doch daß Männer nicht alles wissen müssen.“
Addison zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung.“, entgegnete sie. „Vielleicht wollte ich dieses Mal ehrlich sein.“
Naomi sah sie schweigend an.
„Und außerdem hat Kevin einen sechsten Sinn dafür, wenn ich lüge.“, bemerkte Addison. „Und ich will nicht mehr lügen und betrügen. Das hat meine Ehe mit Derek zerstört. Ich möchte ein anderer Mensch werden, jemand auf den man sich verlassen kann. Ich will ein normales Leben führen. Ist das zu viel verlangt?“ Sie sah Naomi fragend an.
Ihre Freundin schüttelte den Kopf. „Das wollen wir alle. Doch der Weg dorthin ist oft steinig. Und manche erreichen ihr Ziel nie.“
„Tolle Aussichten.“, bemerkte Addison und schob sich wieder eine Praline in den Mund. „Du machst mir ja Mut.“
„Ich denke, du mußt dir bewußt machen, was du wirklich willst.“, erklärte Naomi. „Willst du Kevin? Oder möchtest du Wyatt?“
Addison sah sie schweigend an. Darauf konnte sie nicht antworten.
Warum konnte sie nicht sofort auf diese Frage antworten, obwohl sie doch sicher war, daß nur Kevin für sie zählte.
„Archer sagt, daß Kevin nicht zu mir paßt, weil er nur ein Cop ist.“, bemerkte Addison schließlich.
Naomi schüttelte den Kopf. „Seit wann kümmert es dich, was dein Bruder denkt?“
„Wyatt meint das auch.“, erzählte Addison. „Er sagte, es würde mich anmachen, mit einem Mann zusammen zu sein, der mir gesellschaftlich unterstellt ist.“
„Das hat er gesagt?“, fragte Naomi erschrocken.
Addison nickte.
„Da siehst du mal, daß der Mistkerl keine Funken Grips in seinem Gehirn hat.“, versicherte Naomi. „Zum Teufel damit, was andere denken oder sagen, was du tun sollst. Du alleine mußt wissen, was du willst. Nur du mußt dir absolut sicher sein. Wenn alles gesagt und getan ist, dann mußt du deinem Herzen folgen.“
„Ich liebe Kevin.“, schniefte Addison.
„Dann ruf’ ihn an.“, forderte Naomi sie auf. „Sag’ ihm, daß es dir leid tut, was du getan hast, daß du Angst hattest, ihn zu verlieren und deshalb total konfus durch die Gegend gelaufen bist. Sag’ ihm, daß du ihn liebst, daß er der einzige für dich ist. Männer stehen auf so was.“
Addison seufzte tief. „Das hab’ ich mal mit Mark gemacht.“, erkannte sie. „Und wohin hat mich das geführt?“
Naomi lächelte. „Versuch’ es. Sei einfach du selbst. Sei Addison.“, schlug sie vor. „Und wenn Kevin dich wirklich liebt, dann wird er dir verzeihen.“
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