I Begin To Wonder

GeschichteRomanze / P18 Slash
Blaise Zabini Draco Malfoy Harry Potter Hermine Granger Pansy Parkinson Ronald "Ron" Weasley
16.08.2011
29.03.2019
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Harry saß nach dem Zaubertränkeunterricht mit Ginny beim Mittagessen in der Großen Halle. Er hatte sich mit dem Rücken zum Slytherintisch gesetzt, einfach, um seine geschundenen Nerven zu schonen. Die Herausforderung bestand nun darin, sich nicht umzudrehen und bisher schlug er sich gar nicht schlecht.

Ginny plauderte ausgelassen über skandalöse Ereignisse, die sich am Sonntag noch in den Drei Besen ereignet hatten, während er längst im Schloss in seinem Bett gelegen und geträumt hatte. Harry hörte ihr nur mit halbem Ohr zu, während er sie nachdenklich betrachtete. Konnte er es wagen, ihr von der Sache mit dem Prozess (und wo er schon dabei war, den Rest auch) zu erzählen? Natürlich konnte er. Sie würde ihm die Hölle heiß machen, wie es nun einmal ihre Art war, und ihn dann in allen Belangen unterstützen, wie es ebenfalls ihre Art war.

Hermine wollte er für den Moment nicht mit seinen außerschulischen Problemen belasten. Der Prüfungsstress, in den sie sich völlig grundlos jeden Tag stärker hineinzusteigern schien, war schon mehr, als sie verkraften konnte. Sie hatte, trotz Harrys Protesten, das Mittagessen sausen lassen, weil es sich, wie sie sagte, mit vollem Bauch schlechter lernte, und war in die Bibliothek abgedampft. Dort war ihr strenges Regiment mittlerweile gefürchteter als das von Madame Pince. Harry hatte sie ziehen lassen müssen.

Jetzt kaute er mit mäßiger Begeisterung an seinem Quinoa-Curry, blickte nicht über seine Schulter zu den Slytherins, sah durch Ginny hindurch und fragte sich, ob es eine von ihm nicht bedachte Möglichkeit sein könnte, dass Narzissa Malfoy seinen Brief einfach ignorieren und ihm gar keine Antwort schicken würde.

Und während er so da saß und seinen Gedanken nachhing und ab und zu an den richtigen Stellen ein zustimmendes oder fragendes „Hmm“ von sich gab, rauschten ein paar vereinzelte Eulen durch die hohen Fenster herein. Harry hob den Blick und staunte nicht schlecht, als ein großer und irgendwie offiziell aussehender Uhu Kurs auf ihn nahm, über ihn hinweg flog und einen versiegelten Brief fallen ließ, der punktgenau zwischen Harrys Kelch mit Kürbissaft und seiner Curry-Schüssel landete.

Ginny war verstummt. „Post am Mittag?“, fragte sie und hob eine Augenbraue. Sie beugte sich zu Harry hinüber und warf einen Blick auf den Umschlag, auf dem jedoch kein Absender auszumachen war. „Von einer Verehrerin, was?“, grinste sie und machte Anstalten, nach dem Brief zu greifen. Harry schnappte ihn vom Tisch und sprang auf. Auf seine Sucher-Reflexe war eben Verlass!

„Du entschuldigst mich, du neugierige Klatschbase?“, bat er höflich, winkte der verdutzten Ginny zu und eilte aus der Halle. Wahllos bog er in den nächstbesten verlassenen Gang ein, stellte sich in eine Nische und brach das Briefsiegel. In einer Sache hatte Ginny nämlich recht: Die Handschrift auf dem Kuvert stammte eindeutig aus der Feder einer Frau. Harry atmete tief durch.

Sehr geehrter Mr. Potter,

ich darf durchaus behaupten, dass mich Ihre Nachricht zutiefst überrascht hat.

Auch wenn sich die Hintergründe Ihres Handelns mir nicht vollends erschließen, so meine ich doch erkannt zu haben, dass Sie versuchen meinem Sohn und mir eine helfende Hand zu reichen.

Tatsächlich komme ich nicht umhin zu gestehen, dass dieser Umstand in mir ein gewisses Maß an Misstrauen weckt. Seien Sie versichert, sollte dies alles ein geschmackloser Scherz auf meine und Dracos Kosten sein, werden Sie ihn eines Tages bereuen.

Sind Ihre Absichten jedoch so ehrenhaft, wie Sie beteuern,und dies mag nun durchaus eine Überraschung für Sie darstellen – stimme ich Ihren Vorschlägen in allen Punkten zu.

Ich habe hier an diesem Ort, wie Sie sich vielleicht denken können, viel Zeit und Muße um mit meiner Vergangenheit zu hadern, was ich, wie ich mir anmaße zu behaupten, reichlich getan habe und noch tue.

So habe ich mich entschlossen, mein Misstrauen und meinen Unwillen, mir ausgerechnet von Ihnen helfen zu lassen, zu überwinden. Das Stigma, das auf mir liegt, werde ich den Rest meiner Tage mit mir tragen, doch es obliegt mir, ob ich den Versuch unternehmen möchte, dies in Würde zu tun.

Ihre offenkundige Strategie, mich bei meiner Entscheidungsfindung vor allem auf die Zukunft meines Sohnes zu verweisen, ist ganz und gar aufgegangen. Auch Draco ist gebrandmarkt – jedoch zu unser aller Glück nicht so, wie sein Vater. Vielleicht haben Sie recht, wenn Sie behaupten, ihm könnte eine bessere Zukunft bevorstehen. Und wer bin ich, ihm diese zu verwehren?

Ihren Worten entnehme ich, dass Sie diese Kontaktaufnahme bislang im Geheimen vorangetrieben haben. Sollte dies unverändert der Fall sein, empfehle Ich Ihnen dringend, meinem Sohn von Ihren Plänen zu berichten, da ich in dieser Angelegenheit unverzüglich mit ihm korrespondieren werde, sobald ich meine Anwälte Mr. Pecker und Mrs. Hollydale über die Entwicklungen in Kenntnis gesetzt habe.

Anbei finden Sie zwei Dokumente, zum einen eine unterzeichnete Berechtigung für meine Nichte Nymphadora, sich dieses Rechtsstreits anzunehmen, zum anderen die Kontaktdaten der Kanzlei Pecker & Hollydale. Ich wäre Ihnen sehr verbunden, wenn Sie diese an sie weiterleiten würden.

Mr. Potter, auch, wenn es mir alles andere als leicht fällt und auch unabhängig davon, wie diese Angelegenheit ausgehen wird, bin ich Ihnen – gemäß dem Fall, dass ihre Absichten von ehrlicher Natur sind – zu tiefem Dank verpflichtet.

Hochachtungsvoll

Narzissa Malfoy

Harry musste schlucken. Starrte auf die elegante geschwungene Handschrift und konnte kaum glauben, dass sein Vorhaben zu funktionieren schien (denn, seien wir mal ehrlich, wann hatten Harrys Pläne je funktioniert?).

Sein Herz schlug ihm bis zum Hals. Und dann er rannte hinauf in den Gryffindorturm, kritzelte eine Nachricht an Tonks, erschuf kurzerhand eine Kopie von Narzissa Malfoys Brief, um sich nicht in Erklärungen zu verlieren, und hetzte in den Turm der Eulerei, wo er sich mittlerweile wirklich oft wiederfand. Sicher gut für die Oberschenkelmuskulatur.

Als er etwas außer Atem und voller Adrenalin vom Turm stieg, musste er sich beeilen, nicht auch noch den Beginn der Doppelstunde Pflege magischer Geschöpfe zu verpassen.

Als er sich über den verschneiten Pfad durch die Ländereien in Richtung Hagrids Hütte kämpfte, kreisten seine Gedanken darum, dass er Malfoy heute Abend reinen Wein einschenken musste. Apropos, vielleicht sollte er tatsächlich in den Küchengewölben vorbeischauen und eine Flasche Rotwein besorgen, der beruhigte ja angeblich die Gemüter. Obwohl, bei Malfoy und ihm war das kürzlich nicht unbedingt der Fall gewesen. Bei Merlins dreischwänziger Kröte!

Wenn er ehrlich war, hatte er ihrem heutigen Treffen im verlassenen Klassenzimmer bereits zuvor mit gemischten Gefühlen entgegengesehen. Nun aber, noch dazu mit dem unmissverständlichen Ultimatum, dass Malfoys Mutter ihm gestellt hatte, wurde ihm regelrecht mulmig zumute.

Wer konnte schon wissen, wie Malfoy reagieren mochte?

Harry war froh, als Hagrids Hütte endlich zwischen den Hügeln auftauchte. Er riss seine Gedanken von dem blonden Slytherin und seiner Herkulesaufgabe los, straffte sich und war fest entschlossen, das Mondkalb, das ihm heute zugeteilt werden würde, ganz ausgezeichnet zu pflegen!



Dracos Herz flatterte in seiner Brust, als er in den Korridor im vierten Stock einbog. Er hatte bedenklich lange gebraucht, um ein Outfit für den Abend auszusuchen. Ein Outfit zum Tränkebrauen in einem schäbigen Klassenzimmer, mit Potter, wohlbemerkt. Erst als Blaise angefangen hatte, ihm vielsagende Blicke zu zuwerfen, hatte er sich endlich für einen Pullover entscheiden können, grau, mit Rollkragen. Sicher war nun einmal sicher!

Jetzt drückte der Stoff auf seinen Hals und am liebsten wäre er umgekehrt und hätte etwas weniger Beengtes angezogen. Aber das war natürlich albern.

Seit Sonntag hatte er kaum geschlafen. Falls Potter wirklich geglaubt hatte, seine, nun, Aktion in den Umkleiden hätte Draco getröstet, hatte er sich gründlich getäuscht. Stattdessen war Draco nun endgültig fix und fertig, mit allem. Jedes Mal, wenn er die Augen schloss, sah er Potters Gesicht vor seinem schweben. Oder wie der Gryffindor vor ihm in die Knie ging.

Vor allem, wie der Gryffindor vor ihm in die Knie ging.

Ein heißkalter Schauer lief Dracos Rücken hinab und er schlüpfte in die enge Passage, in der sich die Tür zum verlassenen Klassenzimmer befand. Er blieb vor ihr stehen und atmete tief durch. Fummelte seinen Zauberstab aus dem Umhang und zögerte das Passwort auszusprechen.

Er war aufgewühlt. Dabei erforderte der Trank ab heute wieder größere Aufmerksamkeit und konzentriertes Arbeiten. Ein nochmaliges Versagen würden weder Severus noch der Trank verzeihen.

„Hallo Malfoy“, sagte da eine Stimme, seine Stimme, direkt an Dracos Ohr und Draco zuckte heftig zusammen. Er hatte Potter nicht kommen hören. Die Passage war so schmal, dass er sich kaum umdrehen konnte. „Hast du das Passwort vergessen?“, fragte Potter und in seinem Tonfall schwang sanfter Spott mit.

„Es hilft zumindest nicht, wenn du so in meinen Nacken schnaufst, Potter“, schnarrte Draco, tippte schnell gegen den Türknauf und murmelte das Passwort. Er öffnete die Tür und entfachte die Lichter im Klassenzimmer. Sein erster Weg führte ihn direkt zum Kessel.

Zu seiner Beruhigung war der Trank in aller bester Ordnung. Immerhin irgendetwas, dass ihm diese verflixte Woche nicht noch mehr erschwerte.

Draco versicherte sich anhand seiner Notizen doppelt und dreifach, dass der Trank die optimale Temperatur und Konsistenz hatte, bevor er Potter anwies, die abgedeckte Schale mit dem zerbröselten Schneckenhaus zu holen.

Der Gryffindor trat zu Draco an den Kessel und hielt ihm die Schale hin. „Hier, großer Meister“, sagte er und deutete eine Verbeugung an. Draco ignorierte ihn. Er hatte sein Pulver für heute wohl schon am Vormittag im Unterricht verschossen. Er sehnte sich nach seinem Bett und einer Nacht mit vollen acht Stunden Schlaf – mindestens!

„Hast du den Spruch?“, fragte er und hob den Kopf, um Potter prüfend anzusehen. Potters Anblick überraschte ihn. Erst jetzt wurde ihm bewusst, dass er es bisher vermieden hatte den Gryffindor anzusehen.

Potters Hautton wirkte eine Nuance blasser als gewöhnlich, gleichzeitig konnte Draco deutlich die Ader sehen, die sich pochend an seinem Hals abzeichnete. War er also doch nicht der einzige, der etwas angeschlagen war.

Draco nahm die Schale vorsichtig entgegen. Auf sein Zeichen hin sprach Potter den Zauberspruch und Draco ließ das zerbröselte Schneckenhaus in den Kessel rieseln. Potter rührte um. Als der Trank wie vorgeschrieben die Farbe änderte, konnte sich keiner von ihnen ein erleichtertes Aufatmen verkneifen.

Nun mussten sie lediglich in 20 Minuten noch einmal in die entgegengesetzte Richtung rühren, dann konnte sich Draco endlich in sein Bett in den Kerkern verkriechen. Er verspürte das große Bedürfnis, sich die Bettdecke über den Kopf zu ziehen. So für ein bis zwei Wochen.

Stille breitete sich über ihnen aus, während sie ihre gewohnten Plätze auf dem Tisch einnahmen, jeweils so weit es ging von dem anderen entfernt.

Draco blickte in seine Handflächen. Das Schweigen zwischen ihnen dröhnte in seinen Ohren. Sie hatten schon oft miteinander geschwiegen, hier in diesem kleinen heruntergekommenen Zimmer bei ihrem Trank, doch heute war etwas anders.

Natürlich war da das, was am Wochenende passiert war und deswegen dauerte es etwas, bis Draco begriff, dass es kein betretendes Schweigen zwischen ihnen war, weil sie nicht wussten, wie sie miteinander umgehen sollten. Es lag vor allem an Potters blassem Gesicht und daran, wie er pausenlos am Saum seines Pullovers herumspielte. Diese nervöse Unruhe hatte Draco nie zuvor an ihm bemerkt.

Ein ungutes Gefühl breitete sich in Dracos Magengegend aus und verknotete sich dort mit all seinen anderen unguten Gefühlen zu einem harten Klumpen. Er hatte keinen Schimmer, was mit Potter los war, nicht den geringsten, doch sein Gehirn schaffte es, innerhalb weniger Sekunden ein Schreckensszenario nach dem anderen vor seinem geistigen Auge aufsteigen zu lassen.

„Okay, Potter“, platzte er heraus, als er es nicht mehr aushielt, „was ist los?“.

Der Gryffindor war hochgeschreckt und hatte seinen Pullover losgelassen. Jetzt wandte er Draco den Kopf zu. Sein Haar stand wirr in alle Richtungen ab.

Dann rutschte er langsam vom Tisch. „Ich weiß nicht so recht, wie ich es dir sagen soll“, begann er und lehnte sich gegen die Kante. Draco rührte sich nicht vom Fleck. Hob nur leicht die Augenbrauen.

Potter versenkte seine Hände in den Hosentaschen und atmete einmal tief ein. Draco schwante Böses.

„Du erinnerst dich, als der Trank beinahe vor die Hunde gegangen war und du mir von eurem Prozess erzählt hast und ich dir gesagt habt, ich wollte helfen?“, fragte Potter und zog eine Hand wieder aus der Hosentasche, um damit an der Tischkante entlang zu fahren.

Was für eine dämliche Frage, selbstverständlich erinnerte Draco sich! Er dachte ständig an das Trankmalheur. Nicht so oft, wie an den Kuss im dunklen Gang danach, aber an Gedächtnisschwund litt er definitiv nicht.

Seine Augenbrauen wanderte noch eine Spur höher gen Haaransatz.

„Ich bin doch nicht senil, Potter“, entgegnete er nach einer kleinen Pause. Draco war sich sicher, dass Potter ihm nun eröffnen würde, dass er es sich anders überlegt hatte oder keine Zeit hatte oder die Gryffindors Wind von der Sache bekommen hatten und ihn von einem Schiedsgericht zu zwanzig Peitschenhieben verurteilt hatten, wenn er nicht sofort mit dem Unfug aufhörte.

Potter nickte langsam, dann stieß er sein Seufzen aus.

„Du wirst mir wahrscheinlich den Kopf abreißen, aber ich hab‘ mich der Sache angenommen. Habe mit Tonks und Remus gesprochen. Und …“, Potter brach ab, zögerte und trat dann, Draco wusste nicht worauf er sich gefasst machen sollte, einen Schritt zurück.

„Und ich habe deiner Mutter geschrieben“, sagte er dann, ziemlich kleinlaut.

Draco klappte die Kinnladen herunter.

„Sie hat mir geantwortet, heute Mittag. Sie ist einverstanden. Sie hat mir die Anschrift eurer Anwälte geschickt und eine Erlaubnis für Tonks, Einsicht in die Unterlagen zu nehmen und sowas“, schob Potter schnell hinter her und sah aus, als ob er am liebsten Reißaus nehmen wollte.

Er biss sich auf die Unterlippe und starrte Draco in eindeutig furchtsamer Erwartung an.

„Einverstanden womit, Potter?“, fragte Draco und rutschte ebenfalls vom Tisch.

„Naja, also, ich hatte ja gesagt, ich hätte eine Idee“, begann Potter, schloss den Mund, öffnete ihn wieder und verfiel dann doch in Schweigen.

„Ich erinnere mich deutlich, Potter“, schnappte Draco und hätte beinahe frustriert die Arme in die Luft geworfen, „jetzt rück endlich raus damit!“.

„Ich bemühe mich ja“, erwiderte Potter, jetzt ebenfalls etwas gereizt, „ich versuche ja nur, mich richtig auszudrücken“.

„Es wäre schön, wenn du dich damit etwas beeilen könntest“, sagte Draco gepresst und war kurz davor, Potter an den Schultern zu packen und zu schütteln.

„Okay“, Potter holte tief Luft. „Also, wie du weißt hatte ich eine Idee, aber keine Ahnung ob und wie sie durchführbar war,“ sagte er dann und endlich sah er Draco dabei ins Gesicht, „deshalb hab‘ ich zuerst Tonks und Remus um ihre Mithilfe gebeten und dann deiner Mutter geschrieben. Es geht um die Einrichtung einer Stiftung“.

Draco starrte ihn an.

„Ich habe natürlich nicht wirklich Ahnung von euren finanziellen Angelegenheiten, aber ich wusste, dass eure Familie eine der ältesten Reinblüterfamilien hier in Großbritannien ist. Also habe ich mir gedacht, dass das Vermögen beachtlich sein dürfte. Und dass,“ hier kam Potter noch einmal ins Stocken, „ es mehr als genug für dich und deine Mutter sein dürfte, selbst wenn ihr einen Teil davon … nun ja, abgeben würdet. Ein Teil von den Geldern und das Manor“.

Aus Dracos Lungen entwich alle Luft. Das Manor? Dem hätte seine Mutter niemals zugestimmt. Bevor er etwas sagen konnte, fuhr Potter fort: „Ich dachte, wenn wir eine Stiftung einrichten, bei der ein Teil des Vermögens und vor allem das Haus in öffentliche Hand übergeben werden, natürlich ausschließlich zu dem Zweck, Opfern des Kriegs und Angehörige zu unterstützen, dann wäre das vielleicht… naja, also, angemessen“. Das letzte Wort flüsterte der Gryffindor beinahe.

Dracos Gedanken drehten sich im Kreis. Das Manor? Seine Mutter würde es nie freiwillig aufgeben! Oder doch?

„Ich dachte, die Zaubergemeinschaft und letztendlich auch das Gamot würden eine Geste zu schätzen wissen. Aber keine dramatische, keine, bei der die Familie Malfoy im Vordergrund steht. Deshalb habe ich Tonks gebeten, die Sache vorerst zu übernehmen. Sie ist ein Halbblut und stammt von derselben Familie ab wie deine Mutter. Sie hat im Krieg viel riskiert. Ich hatte einfach das Gefühl, sie wäre die Richtige“, erklärte Potter und musterte Draco vorsichtig.

Draco rieb sich mit beiden Händen durchs Gesicht. Potter blickte ihn aus seinen verfluchten grünen Augen erwartungsvoll an. Die Wahrheit war, Draco wusste nicht wie er reagieren sollte.

Er war überrumpelt, baff, vielleicht sogar fassungslos, vor allem darüber, dass Potter einen Brief an seine Mutter geschrieben hatte, nach Askaban, und diese ihm geantwortet hatte. Und zugestimmt? Wie konnte das sein?

Und was, bei allen Höllen, hatte er sich dabei gedacht, ihm nichts davon zu erzählen?

„Du hast hinter meinem Rücken meiner Mutter geschrieben?“, fragte Draco und seine Stimmte bebte. Potter nickte. Jetzt war er es, der wirkte, als ob er sich auf alles gefasst machte.

„Einen Brief, nach Askaban. An meine Mutter. Und hast es nicht für nötig gehalten, mir auch nur ein Sterbenswörtchen davon zu erzählen?“, fuhr Draco langsam fort und machte einen Schritt auf Potter zu.

„Ich weiß, dass es nicht ideal war“, sagte der Gryffindor und hob abwehrend die Hände.

„Nicht ideal?“, rief Draco aus und stieß Potter hart mit der flachen Hand vor die Brust.

Potter ließ es geschehen und wagte es sogar, leicht die Schultern zu zucken. „Ja“, sagte er und hielt Dracos Hand fest, als er wieder zu stoßen wollte, „und es tut mir leid. Ich wusste, dass du wütend sein würdest. Aber ich hatte keine Ahnung, was in deiner Mutter vorgehen könnte und es lief zwangsläufig darauf hinaus, dass einer von euch beiden fuchsteufelswild reagieren würde. Und, ich hoffe du verzeihst, aber am Ende war es mir lieber, wenn du es sein würdest“.

Potter ließ Dracos Hand los. Jetzt, wo er sich die Wahrheit von der Seele geredet hatte, war die Farbe in seine Wangen zurückgekehrt. Ein Funkeln trat in seine Augen. Draco sah es und wusste, was es bedeute. Komm schon, lockte es ihn, das ist jetzt der richtige Zeitpunkt für den großen Ausraster.

„Fuchsteufelswild, also?“, fragte Draco.

Potter nickte. Fehlte nur noch, dass er eine Tüte mit Popcorn hervorzauberte.

„Himmel, Potter! Wo hast du nur immer diese Ausdrücke her?“, knurrte Draco und machte einen schnellen Schritt auf den Gryffindor zu.

Und an ihm vorbei. Hockte sich vor den Kessel, warf einen Blick auf seine Armbanduhr. Rührte den Trank in die entgegengesetzte Richtung als vorhin. Als er zu Potter hochsah, hatte sich der Schwarzhaarige umgedreht und betrachtete ihn, in seinen Zügen eine Mischung aus Überraschung und Irritation.

„Was hast du denn gedacht, was passieren würde, du dummer Gryffindor?“, verlangte Draco zu wissen und erhob sich. „Dass ich anfange zu wüten und zu greinen, mich auf den Boden werfe und mit den Fäusten trommele und schreie, dass ich den verdammten alten Kasten um jeden Preis behalten will?“.

Jetzt war es Potter, dem der Mund offen stehen blieb.

„Du kannst ihn haben, wenn du ihn willst. Nimm meinetwegen die Hälfte des Vermögens! Nimm alles!“, fuhr Draco ihn an. „Ich brauche es ganz sicher nicht, nichts davon! Nicht die Erinnerung an meine glückliche Reinblüterkindheit, die elendig langen Gänge mit diesen geschmacklosen Tapeten, die dutzenden leeren Schlafzimmer und ganz bestimmt nicht das verfluchte Zeug, das meinem Vater gehört. Gehört hat!“, rief Draco, doch seine Stimme wurde leiser. „Nichts davon“, sagte er und verstummte voller Entsetzen, als er bemerkte, dass ihm heiße Tränen in den Augen brannten.

Hatte er einen Moment lang wirklich geglaubt, diese Woche könnte nicht mehr schlimmer werden?

Er stand hier, mit Tränen in den Augen, vor Potter, diesem elendigen Gryffindor mit Heldenkomplex und wünschte, Pansy und die kleine Weasley mochten wieder wie aus dem Nichts auftauchen und ihn aus dieser aberwitzigen Situation retten. Taten sie aber nicht. Mistwelt!



Harry hatte geglaubt, dass er mit allem gerechnet hatte.

Damit aber, dass Malfoy mit geballten Fäusten und den Tränen nahe vor ihm stehen würde, nein, damit ganz gewiss nicht.

Er kam sich dumm vor. Er war nicht einen Moment lang auf den Gedanken gekommen, Malfoy könnte anders als mit Zorn auf seine Machenschaften reagieren. Harry hatte sich noch immer nicht daran gewöhnt, dass der Slytherin auch andere Emotionen empfand – und zeigte – als Neid, Wut und Hohn.

Er machte einen vorsichtigen Schritt auf Malfoy zu. Wusste nicht, was er erwidern konnte, auf das, was da eben so tief aus seinem Inneren hervor gestolpert gekommen war. Es tat ihm leid, natürlich tat es das, aber er wollte sich nicht dafür entschuldigen, ihm helfen zu wollen.

Das Gegenteil von gut ist gutgemeint, sagte eine kleine gemeine Stimme in seinem Hinterkopf. Hatte er sich doch verschätzt?

Malfoy wischte sich heftig mit dem Ärmel seines Umhangs über die Augen.

Als Harry sich noch einen Schritt vor wagte, funkelte er ihn an.

„Lass es gut sein, Potter“, presste er zwischen den Zähnen hervor. „Ich bin sicher, Mutter wird sich bald mit mir in Verbindung setzen, wenn das alles stimmt, was du da sagst“.

Er wich vor Harry zurück, warf einen letzten Blick auf den Trank im Kessel und wandte sich zum Gehen.

„Malfoy, warte …“, versuchte Harry es, ohne zu wissen, worauf der andere Junge warten sollte. Eine Umarmung vielleicht? Eine Rede von Harry, die an seine Tollkühnheit und seine Zuversicht appellierte? Sicher nicht.

Der Slytherin blieb an der Tür stehen und straffte sich. Ohne sich noch einmal umzudrehen sagte er: „Wir sehen uns am Freitagabend“. Er öffnete die Tür und schlüpfte in die Passage.

Halb von der Dunkelheit des engen Ganges verborgen, warf er dann doch noch einen Blick über die Schulter, den Harry nicht deuten konnte. War es Dankbarkeit? Verzweiflung? Das erste irre Glitzern eines Mordplans?

Die Tür fiel ins Schloss und Harry ließ die Schultern hängen. Na, wenn das mal nicht prima gelaufen war!

Harry schleppte sich erschöpft zum Tisch hinüber und holte einen zerknitterten Zettel aus seiner Hosentasche hervor.

Darauf standen neben den Dingen, die er Malfoy hatte sagen wollen, auch die Dinge, die er zu erledigen hatte.

Es waren eine Menge. Ganz oben auf seiner Liste stand das Aufsetzen eines Antwortschreibens an Narzissa Malfoy, aber dafür fehlte ihm heute die Kraft.

Weiter unten stand in Großbuchstaben: MIT GINNY REDEN. Auch nichts, was er sich heute noch zutraute.

Harry zerknüllte den Zettel mehr, als dass er ihn zusammenfaltete, stopfte ihn zurück in seine Hosentasche und fuhr sich durch die Haare.

Der Weg zurück in den Gryffindorturm kam ihm länger vor als sonst. Ihm war, als zöge es heute stärker als sonst in den zwielichtigen Korridoren. Harry fröstelte.

Ihm war nicht klar, was Malfoy als nächstes tun würde. Seiner Mutter alles ausreden? Harry danken und seiner Cousine einen Blumenstrauß schicken? Wieder in die Slytherinquidditchmannschaft eintreten? Den Gryffindorturm anzünden?

Es war ihm schleierhaft. Malfoy blieb ihm ein Rätsel.

Keines, von dem er glaubte, es in naher Zukunft lösen zu können. Keines, dass er alsbald aufgeben wollte.



Ginny hörte fassungslos zu, als Pansy ihr am Mittwoch nach dem Mittagessen erzählte, was sich seit ihrem letzten Gespräch am Samstag getan hatte. Pansy hatte ihr vor dem Quidditchspiel am Sonntag lediglich eine Notiz zu kommen lassen, dass sich ihre Angriffspläne auf die beiden Jungen ob der neuen Informationen, über die Pansy verfügte, erübrigt hatten.

Seitdem hatten sie keine ruhige Minute gefunden, um endlich darüber zu sprechen. Jetzt aber saßen sie auf einer kalten steinernen Bank in einer fensterlosen Nische im Erdgeschoss und Ginny traute ihren Ohren kaum.

Die neueste Entwicklung, nämlich die, dass Harry sich in den Prozess der Malfoys eingemischt und sogar Tonks und Remus mit in die Angelegenheit hineingezogen hatte (und zur Krönung einen Briefwechsel mit Narzissa Malfoy führte), war es, was Ginny am stärksten beschäftigte. Dass Harry und Malfoy so etwas wie eine bizarre Affäre miteinander eingegangen waren, hatten die beiden Mädchen ja ohnehin kommen sehen. Aber die Sache mit dem Prozess würde bald in aller Öffentlichkeit die Runde machen und Ginny wagte nicht, sich auszumalen, was dann geschehen mochte.

„Heute Morgen kam der Brief von Narzissa“, führte Pansy ihre Erläuterungen fort, „und Draco ist wie von der Tarantel gestochen aus der Großen Halle gestürzt und ich hinter her. Da hatte ich noch keine Ahnung, was überhaupt los war. Erst nachdem er den Brief ungefähr zehn Mal gelesen hatte und ich doof daneben rumstand, hat er mir erzählt, was Harry vorhat“.

Ginny nickte. „Und Narzissa Malfoy ist wirklich mit allem einverstanden? Einfach so?“, fragte sie und Pansy zuckte die Achseln. „Das ist dem Brief zumindest so zu entnehmen, ja“, sagte sie und wickelte nachdenklich eine schwarze Haarsträhne um einen Finger.

Ginny blickte den verlassenen Gang entlang. Sie war ein wenig gekränkt, weil Harry ihr nichts von alledem anvertraut hatte. Sie fragte sich, ob er stattdessen vielleicht mit Hermine gesprochen hatte, doch hielt sie das angesichts Hermines manischen Lernverhaltens für recht unwahrscheinlich.

Pansy stieß ein Seufzen aus. „Jedenfalls“, fuhr sie nach einem Moment fort, „hat Narzissa Draco angekündigt, dass sie ihm in einem folgenden Brief einige Gegenstände mitteilen wird und hat darum gebeten, dass er das Zeug nach dem Prozess aus dem Manor holt“.

Ginny runzelte die Stirn. „Darf er da überhaupt rein?“, fragte sie.

„Ja, es ist seit ein paar Wochen wieder freigegeben. Aber wenn die Malfoys es wirklich dieser Stiftung übereignen, wird es wohl nur noch wenige Gelegenheiten geben, dem Gemäuer einen Besuch abzustatten“.

„Bist du mal dort gewesen?“, hakte Ginny behutsam nach und dachte schaudernd an die Erzählung von Harry, Hermine und Ron, als es sie während ihrer Suche nach den Horkruxen dorthin verschlagen hatte.

„Nur wenige Male“, sagte Pansy und auch ihr Gesicht verzog sich bei der Erinnerung, „und es ist schon ewig her. Zuletzt vielleicht in den Sommerferien nach dem dritten Schuljahr. Blaise und ich haben Draco für ein paar Tage besucht und sind anschließend zusammen zu Blaises durchgeknallter Mutter ans Meer gefahren“. Sie schüttelte gedankenverloren den Kopf.

„Es ist ein düsterer Ort“, sagte sie dann, „vollgestopft mit antiken und zweifelhaften magischen Artefakten, Unmengen von Portraits glorreicher Ahnen und lächerlich groß für eine dreiköpfige Familie. Wir mussten den ganzen Tag leise sein und durften den Westflügel, in dem Lucius Arbeitsräume lagen, nicht einmal betreten. Ich glaube, wir waren alle drei erleichtert, als wir endlich abgereist sind“.

Ginny dachte an die verblasste Narbe auf Hermines Arm und an die Erzählungen von den Kerkerräumen, in denen die anderen damals kurz eingesperrt worden waren, bevor Dobby aufgetaucht war.

Pansy schien aus ihren Erinnerungen aufzutauchen, schüttelte sich leicht und machte Anstalten, sich zu erheben. „Ich muss jetzt zu Verwandlung“, sagte sie zu Ginny und strich ihr entschuldigend über das rote Haar.

„Aber wir haben überhaupt nicht besprochen, wie wir weiter vorgehen sollen“, protestierte Ginny und griff nach Pansys Hand.

Pansy führte Ginnys Hand an ihre Lippen und hauchte einen schnellen Kuss darauf.

„Ich weiß, du wirst nicht begeistert sein, aber ich bin wieder zu dem Schluss gekommen, dass wir uns vorerst aus der ganzen Sache raushalten sollten. Wir haben kein Recht, da dazwischen zu funken“, sagte Pansy und ihr Ton bekam eine sanft tadelnde Färbung, obwohl Ginny ihre Einwände noch gar nicht vorgebracht hatte.

Ginny verkniff sich den Widerspruch, denn Pansy wandte sich bereits zum Gehen. Die Schwarzhaarige zwinkerte ihr zu, formte mit den Lippen ein „wir reden später“ und war kurz darauf um die nächste Ecke verschwunden.

Ginny blieb auf der Bank zurück und verschränkte die Arme. Sie hatte nun folgende Optionen: 1. Die Füße stillhalten und die Dinge ihren Lauf nehmen lassen, so wie Pansy es für richtig hielt; 2. Harry zur Rede stellen und ihm kräftig die Leviten lesen; 3. Eine fiese Intrige spinnen, Ron dabei anonyme Hinweise zu kommen lassen und hoffen, dass er alles für sie regelte.

Ok, Option 3 war eher ein kleiner Racheplan dafür, dass Harry ihr nichts erzählt hatte. Also blieben noch Konfrontation oder Zurückhaltung. Vielleicht entschied sie das am besten spontan.

Ginny streckte sich und begab sich auf die Suche nach Lisa, um mit ihr endlich die stinklangweiligen Hausaufgaben für Geschichte der Zauberei fertig zu machen. Alles Weitere würde sich schon ergeben.



Potter,

falls Pansy, die alte Klatschbase, es dir noch nicht brühwarm erzählt haben sollte: Mutter hat mir heute Morgen geschrieben und alles bestätigt. Sie ist tatsächlich bereit, Vermögen und Manor in diese ominöse Stiftung zu stecken. Ich glaube, sie macht das für mich. Aber das geht dich ohnehin nichts an.

Jedenfalls hat sie mir auch bestätigt, dass meine unsägliche Person von Cousine Kontakt zu unseren Anwälten aufgenommen hat und sie dabei sind, die entsprechenden rechtlichen Vorkehrung für die Einrichtung der Stiftung zu treffen.

Du wirst mir bestimmt verzeihen, dass ich gestern Abend daran gescheitert bin, meine Contenance zu wahren.

Ich bin mir nach wie vor nicht sicher, was ich von der ganzen Geschichte halten soll (vor allem deiner ungebetenen Einmischung, Potter). Aber wenn es Mutters Wille ist, werde ich mich bestimmt nicht sträuben.

D. Malfoy

PS: Ich habe vergessen zu fragen, ob du am Freitag Training hast. Diese ätzende Verpflichtung bin ich ja los.



Malfoy,


tatsächlich habe ich Pansy heute noch nicht zu Gesicht bekommen. Aber es ist gut zu wissen, dass deine Mutter ihre Meinung nicht geändert hat. Bevor du dich wieder beschwerst, ich täte Dinge hinter deinem Rücken: Ich habe ihr heute Vormittag eine Antwort auf ihren Brief von gestern geeult.


Tonks, diese unsägliche Person von einer Cousine? Das will ich überlesen haben! Wenn alles klappt, rettet sie dir deinen kleinen Hintern. Wenn du noch ein gehässiges Wort über sie verlierst, hetze ich ihren Sohn Teddy auf dich. Du ahnst nicht, was dir blüht!


Solltest du dich daranhalten, müssen wir über gestern Abend kein einziges Wort mehr verlieren. Ich hatte mit Schlimmerem gerechnet.


H. Potter


PS: Haben sie dich wirklich nicht wieder ins Team gelassen? Nicht, dass ich deine Fähigkeiten als Sucher überhöhen möchte, aber diesem Ochsen Bletchley ist schon klar, dass sie dann endgültig keine Chance mehr auf den Pokal haben, oder?


PPS: Gryffindor-Training ist erst wieder am Sonntag.






Potter,

als nächstes verlangst du noch von mir, dass ich Brüderschaft mit dem Wiesel trinke! Ist es das, worauf das hier alles hinausläuft? Erpressung?

Aber schön, ich werde mich bemühen. Ihre violetten Stachelhaarfrisuren hast du aber schon gesehen, ja? Ich hoffe, zur Verhandlung begnügt sie sich mit etwas weniger, nun, ausgefallenem.

Du hast in deiner Aufregung gestern übrigens ganz vergessen zu erwähnen, dass Mr. Kingsley Shacklebolt auch zu unseren Gunsten aussagen will. Mensch, Potter, deine Beziehungen muss man haben!

Um dein Postskriptum zu beantworten: Miles, den man vielleicht sogar als Hornochsen betiteln darf, kam bereits am Montag zu mir und hat mich bekniet, wieder ins Team einzusteigen, aber ich habe dankend abgelehnt. Ich habe genügend andere Angelegenheiten, um die ich mich neben meinem Schulabschluss kümmern muss.

Wenn du dir ebenfalls nicht den Allerwertesten auf einem Besen abfrieren musst, können wir uns ja schon nach dem Abendessen beim Trank treffen. Ich hoffe du bist vorbereitet, der Übergang von der vierten zur fünften Phase ist heikel.

D. Malfoy.

Harry stand im siebten Stock vor dem ausgesprochen hässlichen Wasserspeier, der Dumbeldores Büro bewachte, und schüttelte mit einem Grinsen den Kopf, als er Malfoys Notiz zusammenfaltete.

Der Tag hatte sich zunächst ewig hingezogen, doch als er am Nachmittag in der Bibliothek gesessen hatte, war ein kleiner Zettel, flink wie eine Maus, in seine Hosentasche gehuscht.

Er war von Malfoy gewesen und Harry hatte zurückgeschrieben. Gerade eben, als er den Wasserspeier um Einlass hatte bitten wollen, war Malfoys Antwort über den Gang gezischt gekommen und war treffsicher in Harrys Hand gelandet.

Der Wasserspeier beobachtete ihn misstrauisch. Er war ein wortkarges Ding, doch er schaffte es auch ohne zu sprechen, ein gewisses Maß an Missbilligung auszustrahlen.

Harry beeilte sich, den Zettel wegzustecken und trat einen Schritt vor. Er räusperte sich und sagte zu der hässlichen Statue: „Ich möchte den Schulleiter in einer dringenden Angelegenheit sprechen. Bitte“.

Der Wasserspeier blinzelte ihn aus seinen verschlagenen Vogelaugen an und blieb ihm eine Antwort schuldig.

Harry überlegte gerade, wie wohl das Prozedere wäre, wenn einen das Viech einfach ignorierte. Vielleicht half ja ein gutplatzierter Tritt?

„Einlass gewährt“, verkündete der Wasserspeier mit seiner krächzenden Stimme da so plötzlich, dass Harry zusammen fuhr.

Die Statue sprang zur Seite und Harry machte hastig einen großen Schritt durch den Torbogen und stand nun auf der Wendeltreppe, die sich sogleich knirschend in Bewegung setzte. Sie drehte sich gemächlich um sich selbst und trug Harry, der diese verdammte Treppe wirklich verabscheute, nach oben.

Als er in das runde Büro trat, wurde er von einem munter prasselnden Feuer im Kamin und den sanften Klickgeräuschen der silbernen Instrumente begrüßt, von denen Harry bis heute nicht wusste, welchem Zweck sie dienten.

Professor Dumbledore saß hinter seinem ausladenden Schreibtisch und winkte Harry heran.

„Ah, Harry“, sagte er mit einem sanften Lächeln und wies auf den Besucherstuhl, während er gleichzeitig eine Schüssel, die eher die Ausmaße eines Eimers hatte, mit Zitronenbonbons in seine Richtung schob.

Harry setzte sich auf den Stuhl und nahm, der Etikette wegen, eines der Bonbons.

„Guten Abend, Professor Dumbledore“, sagte er steif und verschränkte seine nervösen Hände im Schoß.

„Was kann ich für dich tun?“, fragte der Schulleiter und blinzelte Harry aufmunternd zu. Dann beugte er sich vor und verschränkte die Hände unter seinem Kinn. „Es ist lange her, seit wir beide uns zum letzten Mal hier gegenübersaßen, nicht wahr? Ich hoffe, heute geht es um weniger unerfreuliche Belange“.

Harry versuchte, sein Lächeln zu erwidern.

„Ich bin hier, um Sie um Ihre Erlaubnis zu bitten, das Internat für das nächste Wochenende verlassen zu dürfen“, sagte er dann.

Dumbledore lupfte erstaunt die Augenbrauen. „Das ist in der Tat keine alltägliche Bitte, Harry. Darf ich denn etwas über die Hintergründe erfahren, oder bist du schon wieder in unsäglich geheime Missionen verwickelt?“, fragte er und schmunzelte.

Harry hatte natürlich gewusst, dass der Schulleiter ihn nicht ohne eine Erklärung davonkommen lassen würde. Und auch, dass es zwecklos wäre, etwas anderes als die Wahrheit zu erzählen.

„Wie Sie vielleicht wissen, Professor, bearbeiten die Schüler in meinem Jahrgang zurzeit in Zaubertränke Gruppenaufgaben mit einem Partner aus einem anderen Haus. Wie der Zufall es wollte, ist Draco Malfoy mein Partner“, sagte Harry und hielt inne. Hatte er sich das verschmitzte Lächeln, das kurz über die Züge des Professors gehuscht war, nur eingebildet?

„Das ist mir in der Tat bekannt, Harry. Sie beide brauen zusammen den Armortentia-Trank. Keine einfache Aufgabe“, sagte Dumbledore und nickte ihm auffordernd zu.

„Nun ja, Sie wissen sicher, dass es in der Vergangenheit immer wieder zu Zusammenstößen zwischen ihm und mir gekommen ist“, fuhr Harry fort, „aber wir haben seit Beginn des Schuljahres viele unserer Streitigkeiten hinter uns lassen können“. Er merkte, wie ihm eine leichte Röte in die Wange stieg. Ja, so konnte man das doch diplomatisch und schulleiterfreundlich formulieren.

„Jedenfalls“, sagte er schnell, „habe ich so von dem Prozess erfahren, in den Malfoy und seine Mutter verwickelt sind“. Er warf dem Schulleiter einen fragenden Blick zu.

„Ich habe davon gehört“, eröffnete Dumbledore ihm und seine Miene wurde etwas ernster.

Harry zögerte ein letztes Mal. Wenn er es geschafft hatte, Malfoy und seiner Mutter von seinen Plänen zu erzählen, konnte es doch nicht so schwer sein, sie auch Dumbledore zu unterbreiten, oder?

„Fragen Sie mich nicht wieso, aber ich wollte den beiden helfen. Sie und ich und einige andere wissen, was Narzissa Malfoy dazu beigetragen hat, den Krieg zu beenden. Sie wurde für ihre Taten verurteilt und wird noch einige Zeit in Askaban sitzen. Es ist nicht an mir, über die Angemessenheit ihrer Strafe zu urteilen. Aber ich glaube es ist das Richtige, wenn zumindest ihrem Sohn nach dem Abschluss nicht alle Türen versperrt sind. Deswegen habe ich Mrs. Malfoy die Einrichtung einer Stiftung in öffentlicher Hand vorgeschlagen, in die sie einen erheblichen Teil des verbliebenden Familienvermögens spenden könnte, falls das Gamot dem zustimmt. Ich hoffe, das könnte ein aussagekräftiges Zeichen zu ihren Gunsten setzen“.

Harry verstummte. Seine Wangen brannten.

Dumbledore hatte das Kinn auf seine Zeigefinger gestützt und musterte Harry aufmerksam über die Ränder seiner Halbmondbrille hinweg. Dann nickte er und sagte: „Harry, du solltest vielleicht doch noch einmal über eine Karriere im Ministerium nachdenken“, das Schmunzeln kehrte in seine Augen zurück, „an dich ist anscheinend ein wacher politischer Geist verloren gegangen!“.

Harry suchte in Dumbledores Gesicht nach Anzeichen dafür, dass sein Schulleiter ihn verkohlen wollte.

„Wirklich, Harry, mein Lieber“, bekräftigte der Professor, „ich fand den Gedanken von Anfang an brillant!“

Harry starrte seinen Schulleiter entgeistert an.

„Remus hat mich bereits vor Tagen in Kenntnis gesetzt“, erklärte Dumbledore und winkte ab, „aber ich wollte es gern noch einmal von dir hören. Ich glaube, Kingsley Shacklebolt einzubinden war eine hervorragende Idee, aber der wahre Clou ist es, Tonks gewissermaßen als Kronzeugin zu installieren. Harry, Harry, ich muss schon sagen. Es ist ein rechtes Schlitzohr aus dir geworden!“.

Bei Merlins dreibeiniger Katze, dachte Harry, dieser alte gewiefte Mann. Er hat genossen, wie ich mich winde, dabei wusste er die ganze Zeit Bescheid. Es war offensichtlich, wer hier das wahre Schlitzohr war.

Harry schüttelte den Kopf und konnte schließlich nicht anders, als ein wenig zu lachen.

Professor Dumbledore hatte sich in seinem Sessel zurückgelehnt und wirkte höchst vergnügt.

„Nun, Harry“, sagte er nach einem Moment, den er wie es schien Harry gewährt hatte, um sich zu erholen, „ich möchte deiner Bitte gerne nachkommen. Tatsächlich habe ich in dieser Sache bereits mit Remus korrespondiert.“

Harry musste zugeben, dass er erleichtert war. Doch als er sich bedanken wollte, fuhr Dumbledore fort: „Er erwartet dich und den jungen Mr. Malfoy am Freitagabend bereits zum Abendessen“.

Harry konnte nicht verhindern, dass seine Gesichtszüge entgleisten. Aber sein Schulleiter war noch nicht fertig.

„Ich habe heute Vormittag mit Mr. Malfoy gesprochen. Seine Bitte an mich war deiner nicht unähnlich. Da ich davon ausgehe, dass du ihn zu der Verhandlung begleiten möchtest, denke ich, ein Abend außerhalb Hogwarts könnte ihm helfen, seine Gedanken zu ordnen. Des Weiteren hat Mrs. Malfoy ihn um den Gefallen gebeten am Sonntag zum Manor zu reisen, um dort einige persönliche Dinge zusammenzutragen. Unabhängig davon, wie die Verhandlung verläuft. Ich habe bereits einen Zwei-Wege-Portschlüssel beantragt. Für zwei Personen. Ich denke, auch dort könntest du ihm eine Hilfe sein. Am Sonntagabend bringt der Schlüssel dich und Mr. Malfoy dann direkt zurück ins Schloss“, sagte Dumbledore und blickte ganz fromm und unschuldig aus seinem sternenbestickten malvenfarbenen Umhang.

Da Harry nicht im Mindesten wusste, wie er anders reagieren sollte, zwang er sich zu einem artigen Lächeln, bedankte sich und stolperte so schnell aus dem Schulleiterbüro, dass ihm auf der sich selbstdrehenden Treppe schwindelig wurde.

Harry flüchtete sich in sein und Rons Zimmer, schloss die Tür hinter sich und lehnte sich mit klopfendem Herzen an das kühle Holz. Versuchte sich zu sammeln.

Als er darum gebeten hatte das Wochenende außerhalb der Schule verbringen zu dürfen, da hatte er im Sinn gehabt, am frühen Samstagmorgen in den Grimmauldplatz zu flohen und gemeinsam mit Remus und Tonks ins Ministerium weiterzureisen, um dort Malfoy, die Anwälte und Kingsley Shacklebolt zu treffen. Nie, aber auch wirklich nicht eine Sekunde, hatte er in Betracht gezogen, mit Malfoy gemeinsam – und das schon am Freitag – in das Haus am Grimmauldplatz zu gehen.

Harry konnte kaum glauben, dass Malfoy Dumbledores Manöver – denn um nichts anderes musste es sich handeln – ohne Weiteres hingenommen hatte. Dennoch hatte er kein Sterbenswörtchen davon in seinen Zetteln geschrieben, obwohl er Bescheid gewusst hatte.

Harry stürzte zu seinem Schreibtisch und zerrte Malfoys letzte Nachricht aus seiner Tasche. Überflog sie ein weiteres Mal, kramte ein leeres Stück Papier hervor und wollte gerade eine gepfefferte Antwort verfassen, als ihm klar wurde, dass Malfoy ihn mit voller Absicht hatte auflaufen lassen.

Harry ließ die Feder, die er in seiner Empörung fest umklammert hatte, langsam sinken. Malfoy, dieser elendige Slytherin! Er hatte ihm seine kleine Rache kalt serviert, oh ja. Und das, wie Harry nicht ohne Bedauern feststellen musste, sogar mit Recht.

Harry kratzte sich mit der Feder hinter dem Ohr. Glätte das unbeschriebene Papier. Raufte sich ein bisschen die Haare. Und gab sich seinem Schicksal geschlagen.



Draco saß im Gemeinschaftsraum der Slytherins und sah zu, wie das Licht im See, das durch die großen Glasscheiben in den Raum fiel, von trüb zu düster wechselte. Gelegentlich warf er einen Blick auf seine Verwandlungsnotizen aus dem sechsten Schuljahr, doch eigentlich hatte er das Lernen für den Rest dieser verfluchten Woche bereits aufgegeben. Pansy und Millicent übten in einer Ecke des Raums alte Sprüche aus Zauberkunst und Verwandlung, wobei sie jede Menge Lärm und Unfug veranstalteten und sich dessen, ihrem vergnügten Gekicher zufolge, überaus bewusst waren.

Von Blaise fand sich, wie so häufig, keine Spur. Draco unterdrückte ein Seufzen. Versuchte nicht auf seine Armbanduhr zu sehen. Das Abendessen war verstrichen, ohne, dass Potter ihm auf seine letzte Nachricht geantwortet hatte. Und auch ohne, dass er wutschnaubend in die Kerker gedampft gekommen war, um Draco und den verrückten Schulleiter dafür zu verfluchen, dass sie es gewagt hatten, Pläne über seinen merlinordentragenden Kopf hinweg zu schmieden.

Wobei, eigentlich war Dracos Anteil an diesem Plan mehr als gering gewesen. Genau genommen hatte Professor Dumbledore ihm, ohne seine Meinung zu erfragen, mitgeteilt, wo er wann während des nächsten Wochenendes sein würde. Und Draco hatte sich klaglos gefügt. Hatte nichts davon verlauten lassen, dass er für Freitag- und Samstagnacht ein Zimmer im Tropfenden Kessel reserviert hatte. Oder von dem Muggelzugticket, dass er am Sonntag hatte lösen wollen, um in die Nähe des Manors zu gelangen. Er traute seinen Apparierkünsten nur wenig. Zumindest diese Herausforderung hatte Dumbledore mit dem Zwei-Wege-Portschlüssel für Draco aus der Welt geräumt. Das Klicken der silbernen Instrumente hatte Draco fast in den Wahnsinn getrieben und er hatte allem zugestimmt, was der durchgedrehte alte Mann ihm unterbreitet hatte. Erst als er wieder auf dieser gruseligen selbstdrehenden Treppe gestanden hatte, war ihm gedämmert, worauf er sich eingelassen hatte.

Draco raffte seine Unterlagen zusammen. Pansy und Millicent lieferten sich mittlerweile eine regelrechte Schlacht, bei der sie in Zierkissen verwandelte Staubflocken durch die Luft sausen ließen. Einige Schüler aus den unteren Klassen umringten sie und feuerten mal die eine, mal die andere an. Es war ein einziges Chaos.

Gerade, als Draco seine Tasche schultern wollte, sauste durch das Gewirr aus Staubflocken und Zierkissen ein Papierflieger heran, hielt genau Kurs auf Draco, der sich nur mit einem beherzten Satz zur Seite davor bewahren konnte, von dem Geschoss mitten im Gesicht getroffen zu werden.

Der Papierflieger prallte gegen die Scheibe und trudelte mit eingedrückter Spitze (die, wie Draco bemerkt hatte, sehr spitz gewesen war) auf den Tisch zu, an dem Draco eben noch gesessen hatte. Draco, der eine leise Ahnung hatte, wem nach einem hinterhältigen Papierfliegerattentat auf ihn zumute sein könnte, ließ sich rasch wieder auf seinem Platz sinken und entfaltete das noch schwach bebende Papier.

Malfoy,

ich hoffe, du hast dir ordentlich ins Fäustchen gelacht, als du mich beim Schulleiter ins offene Messer hast laufen lassen! Nicht, dass ich das unverständlich fände, aber ich hatte bessere Manieren von dir erwartet. Aber seis drum – Dumbledore hat dich also im Zitronenbonbonrausch in mein Haus eingeladen und wenn der Schulleiter es so wünscht, wird es so geschehen.

Da fällt mir ein, in gewisser Weise ist es auch irgendwie zu einem Teil dein Haus – zumindest prangt dein Konterfei auf dem Wandteppich mit dem Stammbaum im ersten Stock. Wirst du dann ja sehen. Wie auch immer

Ich schätze, wir haben noch genug Zeit, um noch einmal in Ruhe über die Verhandlung und alles Weitere zu sprechen. Doch lass mich hier und jetzt, schwarz auf weiß, eine Warnung aussprechen: Als Gast in meinem Haus steht es dir nicht zu, meine Mitbewohner oder meine Angestellten herabwürdigend zu behandeln. Ein Wort über Tonks Haarfarbe und ich weise Minky an, dich in Kreachers altem Quartier unter dem Küchenboiler unterzubringen. Das ist mein voller Ernst!

Um aber auf das leidliche Thema Quidditch zurückzukommen: Bletchley, einigen wir uns auf den Hornochsen, kann einem schon fast leidtun. Aber nur fast. Wir sehen uns also übermorgen nach dem Abendessen beim Trank, gegen 19 Uhr etwa? Ich kann dir versichern, ich bin auf den Übergang zwischen den Trankphasen vorbereitet. Schlafe quasi mit dem Zaubertränkebuch unterm Kopfkissen!

Da fällt mir ein: Da wir nächstes Wochenende außer Haus sind, sollten wir dringend abklären, wie in der Zwischenzeit mit dem Trank verfahren wird. Sollte ich mich nicht irren, muss er zu der Zeit gerührt und eingedickt werden. Wie wäre es, wenn du in dieser Angelegenheit mal derjenige bist, der seine Beziehungen spielen lässt? Snape wird sich bestimmt freuen, wenn er am Wochenende mal aus seinem Horrorkabinett im Keller rauskommt und sich in den vierten Stock quälen darf. Danke für’s Kümmern, sehr nett von dir, Malfoy!

H. Potter

PS: Ein gutgemeinter Ratschlag: Iss niemals mehr als drei von Dumbledores Zitronenbonbons an einem Tag. Die Legende besagt, sie verursachen Halluzinationen. Oder wirken als Aphrodisiakum. Oder machen Pickel. Vielleicht auch nur Karies, aber wer weiß das schon.

Draco konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen, als er den Zettel in seiner Tasche verstaute. Er würde sich auf seinem Zimmer überlegen, ob er Potter heute Abend noch mit einer Antwort beehren wollte. Der Gryffindor hatte sich ja auch unverschämt viel Zeit mit seiner gelassen.

Draco musste zugeben, dass er etwas enttäuscht war über die gefasste Reaktion von Potter. Aber wahrscheinlich hatte der Schulleiter ihn ebenso gnadenlos überrumpelt wie Draco und Potter hatte Zeit gebraucht, um alles zu verdauen.

Als Draco seine Zimmertür schloss, ließ er als erstes die Zitronendrops, von denen Dumbledore ihm gleich eine ganze Hand voll aufgedrängt hatte, im Mülleimer verschwinden.

Später, während er sich im Bett von einer Seite auf die andere wälzte, hallten Potters Worte in seinem Kopf. Er hatte die Zettel ganz hinten in seinem Nachtisch verborgen, wo seine Finger gegen Der Fänger im Roggen gestoßen waren. Er hatte das Buch nicht mehr angerührt, seit er Potter in London getroffen hatte. Er erinnerte sich nur zu gut daran, wie das Gewicht des Romans anklagend seine Manteltasche beschwert hatte.

Seit seiner Rückkehr nach Hogwarts versauerte es nun in Dracos Schublade. Draco brachte es nicht übers Herz, es endgültig loszuwerden. Eine Rückgabe aus freien Stücken war aber ebenso ausgeschlossen. Oder?

Draco drehte sich auf den Rücken und starrte eine Weile an die Kerkerdecke. Er hatte die Vorhänge vor dem großen runden Fenster, das dem im Gemeinschaftsraum ähnelte, nicht ganz zugezogen und so reflektierte das Wasser des Sees in trägen grünen Schlieren an seiner Decke.

Nach einer Weile setzte Draco sich auf. Machte Licht und zog mit einer entschlossenen Bewegung die Schublade auf. Wischte die Zettel zur Seite (wann waren es nur so viele geworden?) und fischte das Buch heraus.

Und weil er nicht schlafen konnte, schon seit vielen Nächten nicht, und es besser war, den Irrungen und Wirrungen von Holden Caulfield zu folgen als seinen eigenen düsteren Gedanken, lehnte er sich an das mit Polstern bespannte Kopfteil seines Bettes und las endlich das verdammte Buch zu Ende.





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Hallo liebe Kinder, ich grüße euch!
Gleich zu Beginn habe ich eine gute Nachricht: Das Kapitel, durch das ihr euch so eben gequält habt, ist so lang geworden, dass ich es in zwei Teile spalten musste. Heißt: Das folgende Kapitel ist praktisch schon auf dem Weg! Yaaaay, keine monatelange Wartezeit...

Abgesehen davon, tausend Dank für eure tollen Kommentare und die ein oder andere Empfehlung!
Ich hoffe, ihr habt Bock auf einen Ausflug im nächsten Kapitel (ok, wen wollen wir hier veralbern, in den nächsten zwei bis zehn Kapiteln)!

Ich freue mich jedes Mal wie eine kleine Schneekönigin, wenn meine FF- App mir einen Alert für einen neuen Review verkündet (trotz anhaltendem Regen hier im Norden) und wäre sehr glücklich, wenn ihr euch weiterhin erbarmt, mir einen Kommentar da zulassen!

Beste Grüße

dunkelblaufastschwarz
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