I Begin To Wonder

GeschichteRomanze / P18 Slash
Blaise Zabini Draco Malfoy Harry Potter Hermine Granger Pansy Parkinson Ronald "Ron" Weasley
16.08.2011
29.03.2019
21
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Am Dienstagmorgen saß Ginny mit Harry am Gryffindortisch in der Großen Halle und frühstückte. Nun, genau genommen frühstückte nur sie, denn Harry hatte noch keinen Bissen von seinem Porridge angerührt. Stattdessen starrte er inbrünstig in seinen Kaffee.

Ginny war klar, dass am Wochenende etwas passiert sein musste. Seit Sonntag benahm Harry sich ausgesprochen eigentümlich. Nicht nur, dass er sich den ganzen Tag mit Hermine hinter irgendwelchen Büchern verschanzt hatte, er hatte außerdem das Mittag- und Abendessen verpasst und war bereits am frühen Abend auf sein und Rons Zimmer verschwunden, obwohl Neville ihn zu einer Partie Snape Explodiert herausgefordert hatte. Und Harry ließ sich sonst eigentlich nie eine Runde Snape Explodiert entgehen.

Auch gestern, am Montag, hatte Ginny bemerkt, dass Harry den größten Teil des Tages in seinem Zimmer verbracht hatte, seiner Aussage nach, um zu Lernen. Sehr verdächtig. Und auch heute schien ihr Ex-Freund nicht in Form zu sein. Er wirkte matt und zerstreut, war er doch sonst für gewöhnlich morgens (zumindest nach seinem ersten Kaffee) ausgesprochen munter.

Hermine hatte es noch vor ihrer und Harrys erster Unterrichtsstunde (Zaubertränke) in die Bibliothek verschlagen und Ron schien es allem Anschein nach noch nicht aus dem Bett geschafft zu haben. So hatte sie endlich Gelegenheit, Harry ein bisschen auf den Zahn zu fühlen.

„Harry, Liebling“, versuchte Ginny es und berührte ihn an der Hand, „was auch immer dir für eine Laus über die Leber gelaufen ist, wenn du nichts isst und heute Abend beim Training in den Seilen hängst, wird Demelza dir die Hölle heiß machen! Und mir wahrscheinlich auch“.

Harry, der bei der Berührung leicht zusammengezuckt war, nuschelte etwas Unverständliches in seinen Kaffee. Und wenn sie sich nicht täuschte, hatte er eben zum mindestens vierten Mal zum Slytherintisch hinüber geschielt.

„Komm schon, Harry! Was ist denn los mit dir?“, fragte Ginny in einem für ihre Verhältnisse sehr sanftem Tonfall und nahm ihm vorsichtig den Kaffeebecher aus der Hand, damit er seine Aufmerksamkeit ihr zuwandte. Damit erreichte sie wenigstens, dass er sich nun daran machte, ein paar Bissen von seinem Frühstück hinunter zu würgen.

„Nichts“, sagte er nach einer Weile ausdruckslos. Ginny runzelte die Stirn. „Ist es wegen der UTZs oder dem Spiel nächste Woche?“, tastete sie weiter vor. „Nein“, antwortete Harry bestimmt und hüllte sich in nachdrückliches Schweigen. Ginny stieß ein Seufzen aus und gab ihm seinen Becher zurück. Natürlich war es nicht wegen der blöden Prüfungen oder dem Spiel, das hatten sie ohnehin in der Tasche. Ginny war sich ziemlich sicher, dass es mit Malfoy und ihrer Gruppenarbeit zu tun hatte.

Ginny war jedoch klug genug zu begreifen, dass nichts aus Harry heraus zu bekommen war, wenn er in dieser Stimmung war. Also ließ sie von ihm ab. Sie würde schon noch dahinterkommen, was zwischen Malfoy und Harry vorging.




Draco betrat mit klopfendem Herzen den Kerker, in dem der Zaubertränkeunterricht in wenigen Minuten beginnen würde. Er war absichtlich erst kurz vor Unterrichtsbeginn erschienen. Denn er wusste nicht, was ihn erwartete. Es hätte ihn nicht gewundert, wenn Potter überhaupt nicht erschienen wäre. Doch als Draco durch die Tür trat, saß der Gryffindor an ihrem Tisch und las in einem Buch. Er blickte nicht auf, als Draco sich setzte und sie beide murmelten etwas, das „Guten Morgen“ hätte heißen können, aber genau so gut etwas wie „Avada Kedavra“.

Glücklicherweise erschien der Professor gleich darauf und so kamen sie nicht in die Verlegenheit, interagieren zu müssen. Draco blickte nicht zu Potter und Potter blickte nicht zu ihm. Sie ignorierten einander in harmonischem Einverständnis und Draco war das mehr als recht.

Denn Dracos Nerven lagen blank. Miles Ambitionen hinsichtlich des Quidditchspiels gegen die Gryffindors schlugen langsam aber sicher in eine manische Verhaltensstörung um. Wäre das Feld nicht auch von den anderen Hausmannschaften genutzt worden, hätte er sie wohl jeden Tag zum Training beordert. Mehrfach.

Zudem litten Dracos Prüfungsvorbereitungen zunehmend unter der Doppelbelastung durch Quidditch und Armortentia und zur Krönung hatte er gestern am Morgen ein Schreiben vom Ministerium erhalten. Darin hatte sich unter anderem die Vorladung zu einer gerichtlichen Verhandlung im Zaubereiministerium befunden, bei der es um Vermögenswerte der Malfoys ging, vor allem um das Manor. Draco hatte augenblicklich eine Eule an seine Mutter geschickt und wartete nun bange auf ihre Antwort. Wäre sie über die Vorgänge informiert gewesen, hätte sie ihn mit großer Sicherheit vorgewarnt.

Na schön, die eigentliche absolute Krönung war natürlich, dass er am Samstagabend in einem verlassenen Klassenzimmer mit Harry Held der Zauberwelt Potter rumgeknutscht hatte. Und jetzt saßen sie hier, taten, als wäre der jeweils andere Luft und mussten spätestens morgen wieder in dieses vermaledeite Klassenzimmer zurück und nach diesem bescheuerten Liebestrank schauen.

Draco konnte seit den Ereignissen von Samstag kaum noch einen klaren Gedanken fassen. Er versuchte sich mit Hausaufgaben und dem Training abzulenken, doch nichts gelang ihm zu seiner Zufriedenheit. Er fühlte sich erschöpft und elektrisiert. Jede Ecke, um die er im Schloss bog, verursachte ein nervöses Kribbeln in seinem Nacken. Er schämte sich für das, was passiert war. Und er wollte mehr davon, es war nicht zu leugnen. Denn er hatte den besten Kuss seines Lebens mit Potter geteilt. Das alles konnte doch nur ein böser Traum sein!

Die Doppelstunde verstrich. Draco hatte kein Wort von dem, was Severus referierte, wirklich wahrgenommen. Auf seinem Pergament fand sich eine Anhäufung von unzusammenhängenden Notizen wieder. Der Trank, den er und Potter gebraut hatten, nach wie vor ohne ein Wort zu wechseln, hatte nur ansatzweise die richtige Farbe und Konsistenz. Als er die verkorkte Phiole nach vorne brachte, hob sein Patenonkel beim Anblick der trüben Flüssigkeit die Brauen. Potter hatte, ganz routiniert wie Draco bemerkte, ihren Arbeitsplatz gesäubert und packte nun gerade seine Tasche, als Draco zurück kam.

Die ersten Schüler verließen bereits den Klassenraum, als auch Draco seine Sachen zusammenraffte und versuchte, den Mut dafür zu finden, das Schweigen zwischen ihnen zu brechen. Potter schulterte unterdes seine Tasche und schien tief durch zu atmen. Ihnen war beiden klar, dass es so nicht ging.

„Ich habe morgen kein Training“, begann Draco zögernd und griff nach seiner gepackten Tasche. „Gut, dann also um acht Uhr?“, fragte Potter schnell und blickte auf seine Hände. „Abgemacht“, erwiderte Draco. Sie waren beinahe die letzten im Raum. Draco konnte die Vorstellung nicht ertragen, in dieser peinlichen Stimmung zu den Treppen zu laufen. Also wandte er sich dem Pult zu, an dem Severus noch in einigen Pergamenten blätterte. „Okay“, sagte Potter tonlos und drehte sich zur Tür, „bis morgen.“ „Bis morgen“, sagte auch Draco schwach und blickte Potter nach. Sein schwarzen Haare waren noch zerzauster als sonst.



Harry kam am Mittwochabend fast eine viertel Stunde zu früh im leeren Klassenzimmer an. Es kostete ihn Überwindung, den Raum zu betreten. Er atmete drei Mal tief ein und aus, wie Remus es ihm vor Jahren gezeigt hatte, und trat dann blitzschnell ein, bevor er es sich doch noch anders überlegen konnte.

Der Raum lag im grauen Zwielicht da, genau so, wie Harry ihn am Samstag verlassen hatte. Er hatte die Weingläser verschwinden lassen und die Flasche mit dem restlichen Rotwein zu den anderen Utensilien auf das Pult gestellt. Ganz nach hinten, wo man sie auf den ersten Blick nicht sofort sah. Naja, also Harry sah sie natürlich schon auf den ersten Blick, sich leuchtete für ihn wie ein Signalfeuer, aber das war immerhin noch besser, als den Tisch anzusehen.

Er machte sich nicht die Mühe seinen Umhang auszuziehen. Der Trank musste in dieser Phase lediglich ziehen und seine und Malfoys Aufgabe war es, darauf zu achten, ob die Temperatur des Feuers den Vorgaben entsprach und ob der Trank die richtige Konsistenz entwickelte. Also eine Angelegenheit von ungefähr einer Minute. Danach würde er zurück in die Bibliothek gehen, um sich vor der Welt zu verstecken.

Es war schon erstaunlich, was so ein kleiner Vorfall auslösen konnte. Seit er sich Sonntag in die Arbeit gestürzt hatte, hatte er es beinahe geschafft Hermines Lernplan aufzuholen, hatte alle gestellten Hausaufgaben erledigt und steckte alle Energie, die ihm noch übrigblieb, ins Training.

Nachts konnte er trotzdem nicht schlafen. Und wenn er es doch tat, träumte er wirres Zeug, meistens in Zusammenhang mit grauen Augen und blonden Haaren. Okay, so klein war der Vorfall vielleicht doch nicht gewesen. Aber Harry hatte sich noch am Samstag vorgenommen, sich einfach nicht weiter damit auseinanderzusetzen. Denn die Sache warf mehr Fragen aus, als er im Moment ertragen konnte. Erstmal die Woche durchstehen, dann langsam an einzelne Aspekte herantasten, genau so würde er es machen.

Harry zuckte zusammen, als die Tür hinter ihm mit einem Ruck geöffnet wurde und Malfoy, gar nicht unähnlich wie er selbst, energisch in das verlassene Klassenzimmer trat. Hatte er fünfzehn Minuten einfach nur dagestanden, ohne wenigstens die Lichter anzumachen? Er spürte, wie ihm das Blut in die Wangen stieg.

Malfoy war bei seinem Anblick überrascht stehen geblieben und hatte einen Herzschlag gebraucht, bis er sich gefasst hatte. Jetzt schloss er die Tür und sagte ausdruckslos: „Du bist früh dran, Potter“.

Harry warf einen Blick auf seine Uhr. „Du doch auch, Malfoy“, antwortete er und beeilte sich, die Lampen zu entzünden. „Das passt mir ganz gut“, verkündete Malfoy und schritt zum Trank hinüber, „ich habe noch viel zu tun.“

Harry nickte nur und stellte sich auf die andere Seite des Kessels. Sie hockten sich hin, Malfoy überprüfte das Feuer und den Trank und nach dreißig Sekunden waren sie fertig.

„War es das?“, fragte Harry und merkte, dass es ziemlich kurz angebunden klang. Malfoy hob in einer wagen Geste die Schultern. Harry sah ihn das erste Mal seit Samstag wirklich an und stellte fest, dass er müde aussah. Seine Wangenknochen wirkten heute spitzer als sonst und er hatte Tintenflecken an den Fingern, etwas, was Harry noch nie bei ihm gesehen hatte. Für gewöhnlich war Malfoys Auftreten tadellos.

„Dann treffen wir uns am Freitag wieder?“, fragte Harry und war schon auf dem Weg zur Tür. „Ja“, antwortete Malfoy, „aber warte mal kurz, Potter!“

Harry blieb stehen. Und sein Herz, dieses verräterische Ding, machte einen Satz. Er drehte sich um. Malfoy sah ihn an und Harry hätte am liebsten auf der Stelle die Beine in die Hand genommen und das Weite gesucht. Es kostete ihn alles, den Blick zu erwidern.

„Was willst du noch?“, fragte er. Malfoy hatte die Hände in den Taschen seiner dunklen Hose vergraben und sah unheimlich verlegen aus.

„Ich dachte“, sagte der Slytherin und seine Stimme war gedämpft, „es wäre vielleicht gut, kurz über … über Samstag zu reden“.

Es hatte ihn augenscheinlich sehr viel Überwindung gekostet, das zu sagen. Harry hatte keine Ahnung, wo er den Mut dazu her genommen hatte.

Er selbst fühlte sich nämlich kein bisschen mutig. Gryffindor hin oder her. Er verschränkte die Arme vor der Brust. „Da gibt’s nichts zu reden!“, schnappte er und es klang aggressiv und ein bisschen nach Ron, wenn der mal wieder eine seiner Launen hatte. Gleichzeitig spürte er, wie ihm erneut die Röte in die Wangen schoss. Wenigstens ging es Malfoy nicht anders.

Der Slytherin musterte ihn abschätzend und schien nicht zu wissen, was er darauf erwidern sollte. Harry hätte gerne einen raschen Abgang hingelegt, doch es kam ihm elendig feige vor, jetzt einfach abzuhauen. Seine Gedanken rasten. Doch da war nichts Schlagfertiges in seinem Kopf, nichts, das relativieren konnte, was geschehen war und nichts, worauf er die Ereignisse schieben konnte. Ein halbes Glas Rotwein warf keinen von ihnen aus der Bahn.

Also machte er einen halben Schritt auf Malfoy und zischte: „Weiß dein Papi eigentlich, dass sein geliebter Sprössling eine kleine Schwuchtel ist?“.

Und im nächsten Augenblick war er aus dem Raum geflohen, stolperte über den Gang in die Bibliothek und saß kurz darauf mit rasendem Herzen an seinem Tisch. Er vergrub das Gesicht in den Händen.

Er hatte etwas Hässliches gesagt, einzig, um Malfoy vor den Kopf zu stoßen. Noch dazu war es schlicht und ergreifend lachhaft, den Jungen als ‚Schwuchtel‘ zu beschimpfen, mit dem er selbst vor wenigen Tagen herumgeknutscht hatte. Harry raufte sich die Haare. Eigentlich müsste er auf der Stelle zurück gehen und sich entschuldigen. Er schämte sich so sehr, dass seine Hände bebten.

Spätestens am Freitag würde er ausbügeln müssen, was er angerichtet hatte. Bis Freitag musste der Trank noch ziehen, dann stand die Zugabe der ersten wirklich exotischen Zutat bevor. Es würde wieder ein langer Abend in dem leeren Klassenzimmer werden. Und wenn er das nicht vorher wieder geradebog, sogar ein verdammt langer.

Harry riss ein Stück eines herumliegenden Pergaments ab, tauchte eine Feder in sein Tintenfass und schrieb: Malfoy, bitte entschuldige. Manchmal bin ich ein Idiot.

Er starrte auf seine krakelige Handschrift. Gab es noch etwas anderes zu sagen? Eine ganze Menge sogar, wenn man es genau betrachtete, aber das war jetzt nicht der richtige Moment. Trotzdem erschien Harry die Notiz absolut unzureichend. Was sollte er schreiben, vielleicht „war nicht so gemeint?“.

Er kaute auf seiner Feder. Warf einen Blick zu Hermine hinüber, die hinter den aufgetürmten Büchern auf ihrem Platz kaum zu sehen war. Sie hatte vermutlich nicht einmal bemerkt, dass er weg gewesen war. Er wünschte, er könnte sie um Rat bitten.

Harry starrte auf den Fetzen Pergament. Dachte, es wäre doch besser, in die Kerker hinab zu steigen und vor dem Gemeinschaftsraum der Slytherins zu warten, bis jemand vorbeikam, den er bitten konnte, Malfoy zu ihm raus zu schicken. Das würde dem Mistkerl wahrscheinlich gefallen. Und eigentlich hätte er, Harry, es auch verdient.

Harry ließ den Zettel in Flammen aufgehen und wischte die Asche vom Tisch. Dann trennte er einen neuen ab und schrieb:

Malfoy,

Es tut mir leid. Das war unfair und kindisch und vor allem feige. Godric Gryffindor dreht sich mit einiger Sicherheit gerade im Grabe um. Ich bin ein Idiot. Entschuldige bitte!

H. J. Potter

PS. Du hast recht. Aber irgendwie ist das alles zu viel gerade.

PPS. Hast du am Freitag Training? Wegen Zutaten besorgen und Uhrzeit.

PPPS. Den Schnatz schenk ich dir beim Spiel trotzdem nicht!

Harry faltete den Zettel hastig zusammen, schrieb Malfoys Namen darauf und tippte ihn mit seinem Zauberstab an, bevor ihn der kurze Anflug von Mut doch wieder verließ. Der Zettel flatterte durch das offene Portal der Bibliothek und verschwand im Zwielicht des Korridors.

Harry kaute auf seiner Unterlippe herum. Dann auf seinen Nägeln. Nach fünf Minuten raffte er seine Sachen zusammen und verließ die Bibliothek. Es hatte ja doch keinen Zweck. Er würde heute Abend ja doch nichts mehr lernen.

Wenig später saß er im Gemeinschaftsraum und war unendlich dankbar, als Ron ihn zu einer Partie Zauberschach herausforderte. Jetzt allein und grübelnd in seinem Zimmer zu sitzen hätte alles nur noch schlimmer gemacht. Er konnte die Ablenkung gebrauchen.

Anderthalb Stunden später war er dabei, wie so oft, haushoch gegen Ron zu verlieren. Ron hatte bereits ohne mit der Wimper zu zucken seine Königin vom Brett gefegt und würde im nächsten Zug wohl seinen König platt machen. Harry blickte angestrengt auf das Karomuster des Spielbretts, doch ihm wollte kein Ausweg einfallen.

Da bewegte sich plötzlich etwas an seiner Hüfte und er zuckte zusammen. Als er hinsah, war gerade noch die Ecke eines Pergaments zu sehen, das mit erstaunlicher Präzision in seiner Hosentasche gelandet war. Es konnte nur Malfoys Antwort sein.

Fahrig machte er einen völlig unsinnigen Zug mit seinem letzten Springer und Ron schüttelte nur mitleidig den Kopf. Harry sprang auf, noch bevor sein König ganz vom Brett gerollt war. Er murmelte irgendwas und eilte die Treppen hinauf in sein und Rons Zimmer. Ron blickte ihm stirnrunzelnd hinterher.

Oben angelangt schaltete Harry die Nachtischlampe an und fischte den Zettel aus seiner Hosentasche. Darauf stand in Malfoys unverkennbarer geschwungener Schrift sein Name. Er entfaltete das Pergament und las:

Potter,

du bist ein Armleuchter, aber das ist ja nichts Neues. Da ich heute meinen großmütigen Tag habe, nehme ich deine Entschuldigung an. Ich würde es dennoch begrüßen, wenn du dich in Zukunft zusammenreißt.

D. Malfoy

PS. Alles ein bisschen viel? Du hast ja keine Ahnung!

PPS. Training ist angesetzt, aber ich geh nicht hin. Miles spinnt. Treffen um 20 Uhr, ich besorg die Zutaten.

PPPS. Du wirst nichts zu verschenken haben, Potter!

Harry ließ sich auf sein Bett fallen. Las den Zettel noch einmal. Fühlte sich erleichtert und sogar ein bisschen aufgekratzt. Er war nochmal davon gekommen. Das wäre jetzt ein guter Zeitpunkt um mit diesem Abend abzuschließen und ins Bett zu gehen.

Sein Blick fiel auf seinen Schreibtisch, den er in den letzten Tagen häufiger als sonst benutzt hatte. Normalerweise erledigte er das Lernen lieber im Gemeinschaftsraum oder in der Bibliothek. Jetzt lagen allerlei Unterlagen darauf verstreut, auch Pergament und Schreibutensilien.

Es juckte ihn in den Fingern zu antworten. Aber Malfoy hatte ihm ja überhaupt keine Frage gestellt. Also rollte er sich stattdessen herum und ließ den Zettel in seinem Nachtisch verschwinden. Geschafft schleppte er sich ins Badezimmer, um sich die Zähne putzen.

Als er im Bett lag und zu sah, wie die vorbeiziehenden Wolken den zunehmenden Mond verdunkelten, dachte er daran, wie Malfoy aussah, wenn er sich ungeduldig eine Haarsträhne aus der Stirn strich. Daran, wie weich sein blondes Haar zwischen Harrys Fingern gewesen war und daran, wie es sich angefühlt hatte, über seinen ausrasierten Nacken zu streichen.

Malfoy hatte tatsächlich recht. Sie mussten besser darin werden, mit dem umzugehen, was da zwischen ihnen passierte. Passiert war! Und er, Harry, musste sich wirklich verflucht noch eins zusammenreißen!



Draco war fest entschlossen, an diesem Freitagabend endlich wieder einmal der Erste im verlassenen Klassenzimmer zu sein. Miles hatte einen riesigen Aufstand gemacht, als Draco ihm mitgeteilt hatte, dass er nicht zum Training würde erscheinen können. Da Draco nichts anderes erwartet hatte, hatte er sich vorsorglich einen Schrieb von seinem Paten besorgt, auf dem dieser Draco vom Training freisprach, da die Gruppenarbeit in Zaubertränke dies unbedingt erforderlich mache.

Statt sich also hinaus in die eisige Kälte zu quälen, hatte Draco ein frühes Abendessen zu sich genommen und war danach zu Severus zurückgekehrt, um die fällige Zutat zu besorgen. Die Wellhornschnecke war kostbar und, wie Draco fand, vor allem erschreckend groß. Sie musste in mehrere Teile zerlegt werden, die einzeln über die nächsten Tage hinweg in den Trank gegeben werden mussten.

Als er das leere Klassenzimmer betrat, war er sage und schreibe eine halbe Stunde zu früh dran. Potter hatte nicht auf seinen Zettel geantwortet, aber er ging davon aus, dass der Gryffindor ihn erhalten hatte. Draco verstand etwas von Memo-Zaubereien.

Er legte die in Stoff eingewickelte Wellhornschnecke behutsam auf dem Tisch ab und entfachte die Lichter. Dann entledigte er sich seines Umhangs und wischte sich die feuchten Hände an seiner Jeans ab. Merlin, er hatte nie feuchte Hände!

Eilig ging Draco hinüber zu der fleckigen Tafel um die Schritte der vierten Phase aufzulisten. Danach wandte er sich zum Pult, um die nötigen Messer und Gefäße bereit zu stellen. Sein Blick fiel auf die Weinflasche. Kurz erwog er, sich einen kleinen Schluck daraus zu genehmigen. Aber Zaubertränke waren nun einmal leider eine nüchterne Angelegenheit! Draco verdrehte die Augen über sich selbst. Severus hatte ganze Arbeit bei ihm geleistet, wie unschwer zu erkennen war.

Er schob die Flasche noch ein wenig weiter hinter die anderen Gegenstände auf dem Pult und brachte die anderen Sachen zum Tisch, wo er sie penibel aufreihte. Als er fertig war, hockte er sich vor den Trank.

Und erschrak.

Der Trank warf zähe Blasen, die einen leicht säuerlichen Geruch verströmten. Draco prallte zurück. Es war zu wenig Flüssigkeit im Kessel, die Konsistenz war viel zu dick! Panik wallte ihm auf, und er stolperte zu seiner Tasche, in der sich die detaillierten Aufzeichnungen befanden.

Hektisch suchte er nach dem richtigen Pergament, stürzte zurück zum Kessel, las den betreffenden Abschnitt und blickte entsetzt auf das Gebräu. Oh, große Morgana, nicht auch noch das!

Draco registrierte nur am Rande, dass sich die Tür öffnete und Potter eintrat.

„Malfoy?“, fragte der Gryffindor beunruhigt und ließ seine Tasche fallen, noch bevor die Tür ganz hinter ihm ins Schloss gefallen war. „Was ist los?“, fragte der Gryffindor und war in der nächsten Sekunde neben Draco.

„Scheiße“, kommentierte Potter, nachdem er in den Kessel gesehen hatte, „hast du die Temperatur schon gesenkt?“.

Draco zuckte zusammen, ließ das Pergament fallen und blickte sich ziellos nach seinem Zauberstab um. „Ich, … nein, ich…“, stammelte er, ohne den Satz zu beenden.

„Beruhige dich“, sagte Potter beschwichtigend, „ich mach das schon“.

Draco sah fassungslos zu, wie Potter die Flammen unter dem Kessel schrumpfen ließ. „Wie konnte das passieren?“, flüsterte er, „das darf einfach nicht wahr sein! Alles umsonst!“.

Potter blickte wieder in den Kessel, klaubte dann Dracos Zettel vom Boden und überflog ihn. Draco hatte das Gefühl, dass alles aus dem Ruder lief. Alles! „Ich hab’s verbockt“, flüsterte er vor sich hin, einmal, zweimal.

Potter stellte ihm eine weitere Frage, doch sie drang nicht zu Draco durch. Seine Ohren waren wie von Watte verschlossen. Ach was, seine Ohren – sein ganzer Kopf schien mit Watte gefüllt zu sein. Der Kessel verschwamm vor seinen Augen zu bronzefarbenen Schlieren.

„Malfoy!“, sagte Potter da noch einmal und packte ihn bei den Schultern. Draco zuckte erneut zusammen. Der Gryffindor zog ihn ein Stück vom Kessel weg und ging vor ihm in die Hocke. Seine plötzliche Nähe holte Draco aus seinem Schockzustand.

„Malfoy“, wiederholte Potter und sah ihn scharf an, „bitte sprich mit mir! Bist du wirklich sicher, dass der Trank versaut ist?“.

„Das siehst du doch!“, rief Draco aus, viel zu heftig. „Nein“, antwortete Potter fest. Seine Hände lagen schwer auf Dracos Schultern. Er fühlte ihre Wärme durch den Stoff seines Pullovers sickern.

„Da steht, bei fehlerhafter Konsistenz können Maßnahmen zur Verdünnung ergriffen werden“, fuhr Potter fort, jetzt beinahe sanft. „Was?“, fragte Draco und schüttelte verwirrt den Kopf.

Potter ließ seine Schultern los und nahm dafür Dracos Gesicht in beide Hände. Draco wurde schlagartig bewusst, dass ihm der kalte Schweiß ausgebrochen war. Potter schien das nicht weiter zu bemerken. Er sah ihn nur an und wiederholte noch einmal, was er zuvor gesagt hatte. „Wir kriegen das hin, Malfoy!“, beschwor er ihn und ließ die Hände sinken.

Dann zog er Draco auf die Füße. „Komm, wir gehen zu Snape. Er wird wissen, was zu tun ist“.

Draco starrte verzweifelt auf den Trank hinunter. Zu Severus, ja. Das war keine schlechte Idee. Er würde ihnen die Hölle heiß machen. Aber er war ihre einzige Chance.

Potter, der schon an der Tür stand, nahm Dracos Umhang vom Haken und kam zurück zu Draco. Er legte ihm den Umhang um die Schultern und zog ihn behutsam noch weiter vom Kessel weg.

„Wir kriegen das wieder hin“, versicherte der Gryffindor ihm noch einmal. Mit dieser ihm eigenen tiefen und erklärlichen Zuversicht. Draco begann, ihm zu glauben.

Potter nahm ihn bei der Hand und führte ihn in die enge Passage hinaus. Schloss die Tür gewissenhaft hinter sich und zog ihn auf den Gang. Er ließ Dracos Hand los und stupste ihn auffordernd mit dem Ellenbogen in die Seite. Und Draco richtete sich auf, strich seine Haare zurück und beeilte sich, Potter, diesem verfluchten Helden der Zauberwelt, zu folgen.



Als sie in den Kerkern angelangten, glaubte Harry, dass Malfoy sich wieder einigermaßen im Griff hatte. Der Anblick des Slytherins in dem leeren Klassenzimmer hatte ihm einen ordentlichen Schrecken eingejagt. Malfoy, wie er da am Boden vor dem Kessel kauerte und offensichtlich heilloser Panik anheimgefallen war…

Während ihres zügigen Abstiegs in die Kerker hatte er sich nach und nach gefasst, doch er war immer noch blass und seinen schlanken Hals zierten einige hektische Flecken. Harry ließ ihm den Vortritt, als sie den Gang, der zu Snapes Büro führte, betraten. Malfoy warf ihm einen Blick zu, in dem Hoffnung und Furcht miteinander rangen. Dann klopfte er kräftig an Snapes Tür.

Einige Augenblicke herrschte tiefe Stille, dann erklang die Stimme des Professors und forderte sie auf, einzutreten. Der Türknauf klickte vernehmlich und die Tür schwang nach innen.

Harry betrat den dämmerigen Raum hinter Draco. Er war seit Ewigkeiten nicht mehr hier gewesen, doch nichts schien sich verändert zu haben. Im Kamin loderte ein kleines Feuer, doch es war trotzdem unangenehm frisch. Das flackernde Licht der Flammen beleuchtete die Regale, die über und über mit Gläsern, Schachteln und Fläschchen bedeckt waren, in denen manch unappetitliche Zaubertrankzutat in klarer Flüssigkeit schwamm.

„Guten Abend, Professor Snape“, sagte Malfoy förmlich und trat zu dem ausladenden Schreibtisch vor, hinter dem Snape saß und Aufsätze korrigierte. Harry war sich ziemlich sicher, dass die beiden sich privat duzten und beim Vornamen ansprachen, immerhin war Snape ja Malfoys Patenonkel.

Harry echote Malfoys Begrüßung. Schließlich wollten sie ja etwas von ihrem Zaubertränkelehrer. Dieser funkelte sie misstrauisch an.

„Geh ich recht in der Annahme, dass Sie mich zu solch einer Stunde an einem Freitagabend aufsuchen, weil Sie Ihr Gruppenprojekt wider Erwarten in den Sand gesetzt haben?“, fragte Snape und in seiner Stimme lag eine Mischung aus boshafter Genugtuung und, wenn Harry sich nicht täuschte, einer winzigen Spur von Mitleid.

Malfoy brachte nur ein klägliches Nicken zustande, während Harry sich möglichst im Hintergrund hielt.

„Da Sie, Mr. Malfoy, erst vorhin bei mir waren, um die Wellhornschnecke abzuholen, gehe ich davon aus, dass Sie kurz vor Beginn der vierten Phase stehen“, fuhr Snape fort und blickte seinen Patensohn missbilligend an. Malfoy nickte erneut.

„Dann dürfte Ihnen wohl in der dritten Phase ein Fehler unterlaufen sein, nicht wahr?“, fragte Snape genüsslich und sprach, ohne auf eine Antwort zu warten, weiter: „Lassen Sie mich raten! Der Trank ist zu sehr eingedickt?“

„Ja“, bestätigte Malfoy niedergeschlagen, „und er wirft Blasen und riecht säuerlich“. Snape nickte langsam.

„Wie viel Flüssigkeit ist noch im Kessel?“, fragte er an Malfoy gewandt und dieser zuckte leicht zusammen. „Ähm“, machte er und drehte sich hilfesuchend zu Harry um, „das dürften ungefähr… ich…“, er geriet ins Stottern und Harry beeilte sich vor zu treten. „Ungefähr 200 Milliliter zu wenig sein, Professor Snape, Sir“, half er Malfoy aus, der errötete und dem scharfen Blick seines Paten auswich.

Für einige Sekunden herrschte Stille. Snape wandte sich Harry zu und musterte ihn genau.

Dann erhob er sich mit einem Ruck und beide Jungen fuhren zusammen.

„Sie haben ungehöriges Glück. Dies ist ein Anfängerfehler, der vielen passiert und tatsächlich korrigierbar, jedoch auch vermeidbar, ist“, sein strafender Blick fiel nun wieder auf Malfoy. „Von Ihnen, Mr. Malfoy, hatte ich eigentlich mehr erwartet“.

Der Slytherin stand mit hängenden Schultern da und Harry musste sich anstrengen, nicht gegen die alte Fledermaus aufzubegehren. Aber was hätte er auch sagen sollen, vielleicht „entschuldigen Sie mal Snape, aber leider waren wir mit Knutschen und Streiten beschäftigt, da kann sowas ja mal passieren“? Besser nicht. Also schwieg er.

„Es dürfte wohl noch etwas von dem Rotwein übrig sein, den Sie in der zweiten Phase beigemischt haben?“, fragte Snape und ging zu einem seiner Regale hinüber.

Malfoy und Harry warfen sich einen kurzen Seitenblick. Malfoy öffnete den Mund, doch es kam kein Wort über seine blutleeren Lippen. Harry unterdrückte ein Seufzen und sagte dann: „Etwa 250 Milliliter, Sir“.

Snape, der wohl nach etwas in dem Regal suchte, hielt kurz inne und warf seinen beiden Schülern einen unergründlichen Blick zu. Dann suchte er weiter und zog schließlich eine bauchige Flasche hervor, in der eine klare Flüssigkeit schwappte. Er kehrte damit zu seinem Schreibtisch zurück und ließ sich auf seinem schrecklich unbequem aussehenden Stuhl nieder. Die Flasche stellte er nachdrücklich vor Malfoy und Harry auf dem Tisch ab.

„Sie werden nun folgendes tun“, sagte Snape und ein kleines gemeines Funkeln trat in seine Augen, „Sie werden schleunigst zurück zu Ihrem Trank gehen und diese Flasche mitnehmen. Davon füllen Sie 285 Milliliter ab und mischen es mit 75 Millilitern des verwendeten Rotweins. Sie sprechen den Zauber, den ich Ihnen gleich aufschreiben werde, und geben alle fünfzehn Minuten 30 Milliliter des Gemischs in den Trank und rühren einmal mit dem Uhrzeigersinn um“.

Harry merkte, wie ihm die Gesichtszüge entgleisen wollten und riss sich gerade noch rechtzeitig zusammen. Das bedeute, dass sie drei Stunden dafür brauchen würden. Drei Stunden!

„Anschließend gehen Sie unverzüglich in die vierte Phase über, gemäß dem Fall, dass der Trank dem erforderlichen Zustand entspricht. Andernfalls kommen Sie zu mir zurück“. Snape warf einen Blick auf die Uhr, die über Malfoy und Harry oberhalb der Tür hing. „Obwohl ich glaube, dass Sie sich das lieber ersparen möchten“.

Snape öffnete eine Schublade seines Schreibtischs und nahm einen kleinen altertümlichen Wecker heraus. Er stellte ihn neben die Flasche, zog ein Pergament hervor, um den Spruch zu notieren, und blickte die beiden dann erwartungsvoll an. „Können Sie sich das merken, oder wollen Sie sich Notizen machen? Ansonsten nehmen Sie sicherheitshalber diese Uhr und das Lösungsmittel mit und machen sich besser auf den Weg!“, sagte er und Harry trat vor, um die beiden Gegenstände an sich zu nehmen.

„Vielen Dank, Professor“, sagte Malfoy kleinlaut, ohne seinen Paten anzusehen. Harry nickte Snape wortlos zu und dann machten sie, dass sie wegkamen.

„Bei den Göttern“, rief Harry, als sie die nördlichen Treppen in die Eingangshalle erklommen, „der hat sich ja mächtig aufgeplustert!“. Malfoy, der einen halben Schritt hinter ihm ging, erwiderte nichts.

Er schwieg, bis sie das ungenutzte Klassenzimmer erreichten. Als der Slytherin die Tür entriegelte und eintrat, blieb er wie angewurzelt im Türrahmen stehen. Harry versuchte über seine Schulter zu blicken. Was war denn nun schon wieder?

Aber nach einem tiefen Atemzug ging Malfoy weiter. „Entschuldige, dass ich hier so ein Chaos veranstaltet habe“, sagte der Slytherin und wies mit einer Kopfbewegung auf den Boden, der übersäht war mit losen Pergamenten und allerlei Utensilien, die wohl aus seiner Tasche gefallen waren.

„Schon gut“, antwortete Harry und zog seinen Umhang aus. Als er am Mittwoch überlegt hatte, dass dies ein verdammt langer Abend werden könnte, hatte er nicht im Traum an sowas hier gedacht. Er seufzte und holte die Weinflasche, ein Gefäß und zwei Messbecher vom Pult und stellte alles neben die Sachen auf den Tisch, die Malfoy bereits vorbereitet haben musste, bevor er bemerkt hatte, dass ihr Trank (fast) im Eimer war.

Malfoy hatte unterdessen rasch seine Unterlagen und das andere Zeug aufgesammelt und verstaute alles wieder in seiner Tasche. Er stellte sie neben Harrys an die Tür und hing seinen Umhang auf. Zu seiner schwarzen Jeans trug er heute einen hochgeschlossenen Pullover, dessen ebenso schwarze Farbe seine Blässe noch betonte. Harry fand, dass er nicht nur erschöpft, sondern richtig niedergeschlagen wirkte. Die Sache mit dem Trank hatte ihn ziemlich aus der Bahn geworfen.

Malfoy war neben der Tür stehen geblieben und blickte auf einen unbestimmten Punkt auf dem Boden.

„Jetzt komm schon, Malfoy“, sagte Harry und war selbst erstaunt, wie aufmunternd sein Tonfall war, „es ist doch alles nur halb so wild. Snape hat doch gesagt, es ist ein korrigierbarer Fehler. Das wird schon wieder. Außer ein bisschen Schlaf haben wir nichts verloren!“.

„Ein bisschen Schlaf, ja“, murmelte Malfoy und löste sich aus seiner Starre und kam zu Harry hinüber, um dabei zu zusehen wie er gewissenhaft die Flüssigkeiten abmaß. „Ein bisschen Schlaf und ich mein Gesicht vor Severus. Und er hatte ja recht, ich hätte es besser wissen müssen!“, sagte er und rieb sich über die Stirn.

Harry zuckte die Achseln. „Was geschehen ist, ist geschehen. Und es nicht allein deine Schuld. Ich habe mich am Mittwoch bescheuert aufgeführt und nicht eine Sekunde darauf geachtet, was mit dem Trank ist. Also hör mit den Selbstvorwürfen auf, sprich lieber diesen Zauber und stell den Wecker!“, sagte er und stupste Malfoy wieder sachte mit dem Ellenbogen an.

Malfoy nahm das Pergament von Snape zur Hand und sprach den Zauber einige Male lautlos vor sich her. Harry mischte vorsichtig den Wein und das Lösungsmittel und holte eine Pipette vom Pult. Dann traten sie vor den Kessel. Malfoy wirkte den Zauber und Harry gab die ersten 30 Milliliter in den Trank, dann rührte er vorsichtig um, während Malfoy die Uhr in Gang setzte.

Stille legte sich über das leere Klassenzimmer, während sie warteten. Als der Wecker zum ersten Mal schrill läutete, fuhren sie beide zusammen. Dann wiederholten sie die Prozedur.

„Wir könnten in der Zwischenzeit beginnen, die Wellhornschnecke vorzubereiten“, schlug Harry vor. Malfoy sah wirklich mitgenommen aus und Harry konnte sich nicht helfen, er wollte den Slytherin ablenken. Dieser nickte gleichgültig. „Drei Stunden brauchen wir dafür aber nicht“, sagte er und ging zum Tisch hinüber.

Vorsichtig machten sie sich an ihr unerfreuliches Werk. Die Rezeptur verlangte, dass die große gehörnte Schnecke in drei Teile zerlegt wurde, wobei das braune Haus, der schleimige weiße Körper und die Hörner einzeln weiterverarbeitet werden mussten. Als erstes würde der Körper später dem Trank beigemischt werden müssen, doch vorher musste er zerkleinert und gedünstet werden.

Malfoy übernahm klaglos die Aufgabe, die Körperteile der Schnecke voneinander zu trennen und zerschnitt danach die weiße glibberige Masse, während Harry die beiden Hörner in einem Mörser pulverisierte. Zwischendurch gaben sie ein weiteres Mal die Rotwein-Lösungsmittel-Mischung zum Trank.

Während Harry mit einem geschliffenen Kiesel das Haus der Schnecke zerbröselte, hatte Malfoy ein Feuer unter einem zweiten Kessel entfacht und dünstete den Körper der Schnecke darin. Ein unangenehmer Geruch entströmte dem Kessel und Harry ging auf Abstand, nachdem er mit seiner Arbeit fertig war und kehrte erst wieder in Malfoys Nähe zurück, als der Wecker zum dritten Mal klingelte.

Kurz nachdem sie das Lösungsgemisch das vierte Mal zum Trank gegeben hatten, waren sie fertig mit den Vorbereitungen der Zutat, nach dem fünften Mal mit dem Aufräumen und sorgfältigen Verstauen der Einzelteile.

Harry stellte fest, dass Malfoy wieder einen Hauch von Farbe im Gesicht hatte und nicht mehr so wirkte, als ob er jeden Moment wie ein mittelalterliches Burgfräulein in Ohnmacht fallen könnte.

Weil keiner von ihnen die nächsten zwei Stunden auf dem kalten Boden hocken wollte, setzten sie sich auf den Tisch, jeder an ein Ende, und blickten auf den Trank. Harry überlegte, ob er die Zeit nutzen sollte, ein paar der kaputten Stühle, die an den Wänden standen, zu reparieren. Aber eigentlich saß er an und für sich gern auf Tischen (Beine baumeln lassen fand er ziemlich super), doch es war etwas anderes, wenn Malfoy auch auf dem betreffenden Tisch saß. Noch dazu auf dem Tisch, der vergangenen Samstag zum Schauplatz ihres, nun ja, ihres leidenschaftlichen Ausbruchs geworden war.

Malfoy riss ihn aus seinen Gedanken, was wohl auch besser so war, als er sich räusperte und leise, aber deutlich, sagte: „Tut mir leid, Potter“.

„Das hatten wir doch schon, Malfoy, lass es gut sein“, antwortete Harry und wandte den Kopf, um den Slytherin anzusehen. Malfoy blickte nach wie vor zum Kessel.

„Ich meine, dass ich vorhin so ausgeflippt bin“, sagte er und umklammerte mit seinen schmalen Händen die Tischkannte. Harry wusste nicht, was er darauf erwidern sollte.

„Ich habe zur Zeit viel um die Ohren“, fuhr Malfoy fort und atmete tief durch. „Ich weiß, du hast auch Training und diesen Lernplan und den Trank …“, er machte eine Pause und Harry dachte bei sich „und dich, Malfoy“, aber wartete stumm, dass der Slytherin weitersprach.

„Eigentlich geht es dich nichts an, aber angesichts meiner Reaktion heute ist es vielleicht besser, wenn du davon weißt“. Endlich hob Malfoy den Blick und sah Harry an. „Meine Familie ist Gegenstand eines Rechtstreits mit dem Zaubergamot. Es geht darum, ob Vermögenswerte zwangsenteignet werden, um Kosten für Wiederaufbaumaßnahmen und Unterstützung von Kriegsopfern und Angehörigen davon zu bezahlen“, erzählte er zögerlich und wirkte beschämt, was Harry nur schwer ertragen konnte.

„Da meine Eltern in Askaban einsitzen, bzw. mein Vater ohnehin seinen gesamten Besitz an meine Mutter übereignet hat, und ich volljährig bin, muss ich zu der Verhandlung erscheinen. Wir wussten nichts von der Verhandlung, bis ich am Montag einen Brief vom Ministerium erhalten habe. Seitdem stehe ich in ständigem Kontakt mit Mutter und ihren Anwälten“, schloss Malfoy und bemühte sich um Haltung.

Durch Harrys Kopf rasten hunderte Gedanken. „Und es geht um Geld, das Manor und eure Besitztümer?“, hakte er vorsichtig nach, weil er nicht wusste, was er sagen sollte.

Malfoy nickte. „Es wurden bereits viele Gegenstände beschlagnahmt und aus dem Haus entfernt“, sagte er und hob gleichmütig die Schultern, „aber das waren alles Dinge, die Vater gehörten. Mutter hat vor allem Angst um ihre persönlichen Sachen, glaub ich. Und um das Manor natürlich“.

„Und du?“, fragte Harry behutsam. Er wollte Malfoy nicht drängen, ihm mehr zu erzählen, doch es machte den Eindruck, als täte es dem Slytherin gut, über diese Angelegenheit zu sprechen. Malfoy zupfte am Saum seines Pullovers. „Die meisten Sachen und das Haus bedeuten mir nichts“, sagte er nach einigen Augenblicken der Stille, „ich sorge mich vor allem um Mutter“.

Harry öffnete den Mund, um zu antworten, als der Wecker losging und sie beide vor Schreck beinahe vom Tisch fielen. Hastig machten sie sich daran, dem Trank das Lösungsgebräu beizumischen.

Als sie sich wieder auf den Tisch setzten, zog Harry sich ganz darauf und verschränkte die Beine zu einem Schneidersitz. Er war unsicher, ob Malfoy nach der Unterbrechung noch weiter über das Thema sprechen wollte.

Tatsächlich war das eine mehr als gute Erklärung dafür, dass der Slytherin seit Beginn der Woche so abgekämpft wirkte. Harry selbst fand, dass auch Quidditch, Prüfungsvorbereitungen und der Trank schon eine recht ordentliche Belastung waren (ach ja, und nicht zu vergessen, die Geschichte mit ihnen beiden), doch eine anstehende Gerichtsverhandlung, bei der es um nicht weniger als die Existenz der Familie ging, ja, da konnten einem angesichts solcher Herausforderungen schon einmal die Nerven durchgehen.

„Was noch dazu kommt, ist, dass die Verhandlung in Anwesenheit der Vollversammlung des Gamots stattfindet. Das heißt, früher oder später werden die Zeitungen Wind davon bekommen. Und dann taucht wieder diese schreckliche Kimmkorn auf…“, sprach Malfoy dann doch von sich aus weiter, ließ den Satz aber offen.

Harry erinnerte sich nur ungern an seine eigene Verhandlung vor Beginn des fünften Schuljahrs zurück. Malfoy tat ihm leid. Er selbst war für den Rest seines Lebens versorgt, wenn er sich nicht allzu dumm anstellte. Malfoy hingegen blickte, da war ihm schon bei ihrem letzten Gespräch am Samstag klar geworden, einer unsicheren Zukunft entgegen.

„Das ist übel“, sagte er zu Malfoy. Der Slytherin hatte die Knie angezogen und das Kinn darauf abgelegt. Jetzt wandte er den Kopf und blickte wieder zu Harry. Auch Harry hatte sich ihm zugewandt. Wäre jemand zufällig in das unbenutzte Klassenzimmer gestolpert, hätte sich ihm ein merkwürdiges Bild geboten.

Nach kurzem Zögern fragte Harry: „Und es führt kein Weg daran vorbei, dass du da erscheinen musst? Können das nicht die Anwälte regeln, wenn sie mit irgendwelchen Vollmachten ausgestattet werden?“.

Malfoy schüttelte den Kopf, wobei ihm blonde Strähnen in die Augen fielen. Er setzte sich wieder aufrecht hin und schien bemüht, weniger bekümmert auszusehen. „Wie auch immer“, versuchte er nun das Thema zu beenden, „jedenfalls weißt du jetzt, wieso ich vorhin so bescheuert reagiert habe. Mir wächst das alles über den Kopf, so ungern ich es auch zugebe“.

Harry nickte verständnisvoll. Und spürte in sich wieder das Verlangen, den Slytherin aufzuheitern. Aber es gab nichts, was er sagen konnte. Oder doch?

Harry und Malfoy schwiegen, bis der Wecker sie wieder an ihre Aufgabe erinnerte.

Dieses Mal übernahm Malfoy die Zugabe, während Harry die Uhr neu justierte. Er versuchte, sich zurück zu halten. Das alles ging ihn nichts an, genau wie Malfoy es gesagt hatte. Und er wollte offensichtlich nicht weiter darüber sprechen.

Doch natürlich konnte er seine Klappe nicht halten. Als Malfoy wieder auf dem Tisch saß, blieb Harry mit der Uhr in der Hand vor dem Kessel stehen. „Leg das Ding weg, Potter, sonst machst du es noch kaputt“, spöttelte Malfoy in dem Versuch, die Stimmung aufzulockern. Harry kam zum Tisch hinüber und stellte die Uhr neben Malfoy.

„Ich möchte dir helfen!“, verkündete Harry und stemmte die Hände in die Hüften.



Draco starrte Potter entsetzt an. „Was?“, fragte er und musterte den Gryffindor, der beängstigend entschlossen aussah.

„Ja“, bekräftigte Potter, „aber dafür benötige ich noch ein paar weitere Informationen“. Er begann vor Draco auf und ab zu gehen. Dieser hatte keine Ahnung, was in den Gryffindor gefahren war, aber es schien ihm ernst zu sein. Sehr ernst.

„Lass den Quatsch, Potter“, sagte er trotzdem und versuchte zu lachen, was kläglich misslang. Der Schwarzhaarige ignorierte ihn. Lief hin und her, her und hin und sah aus, als ob er stark nachdenken würde.

Dann blieb er vor Draco stehen und sah ihn an. Seine Augen blitzten vor Tatendrang. „Ich habe da auch schon eine Idee“, sagte er und ein Grinsen spielte um seine Mundwinkel. „Das gesamte Vermögen gehört deiner Mutter, richtig?“. Draco nickte. „Und sie ist noch für fast vier Jahre in Askaban?“, fragte er weiter und Draco nickte erneut. Als er etwas einwenden wollte, schnitt Potter ihm das Wort ab. „Und es sind Zeugen zu der Verhandlung zugelassen?“, fragte Potter wieder und Draco zuckte die Schultern. „Ich hab keine Ahnung, Potter, was …“. „Das finden wir schon noch heraus“, Potter schien fürs Erste zufrieden. „Gib mir ein paar Tage Zeit“, sagte er zu Draco und ließ sich neben ihm auf der Tischkante nieder.

„Wofür, in drei Teufelsnamen“, rief Draco mit wachsendem Unmut, „das alles hat nichts mit dir zu tun, Potter! Du hast kein Recht, dich einzumischen. Ich hab das nur erzählt, damit du mich nicht für einen unfähigen, hysterischen Idioten hältst, der…“

„Ich halte dich nicht für unfähig oder hysterisch. Ok, manchmal vielleicht für einen Idioten, aber wir haben alle so unsere Momente“, unterbrach Potter ihn und jetzt grinste er wirklich, „und ich möchte dir helfen, einfach, weil ich die Mittel dazu habe. Du und deine Mutter, ihr seid genug gestraft“.

Draco starrte ihn fassungslos an. „Das siehst du vielleicht so“, sagte er düster. Potter stupste ihn schon wieder mit dem Ellenbogen an, das wurde ja heute regelrecht zu einer schlechten Gewohnheit. „Lass das“, fauchte Draco, der sich wieder zunehmend überfordert fühlte.

Potter stupste ihn noch mal, natürlich. „Ich bekomm noch blaue Flecken!“, rief Draco empört und musste selbst darüber lachen, als er Potters hochgezogene Brauen sah. „Ok, Prinzessin, Verzeihung!“, erwiderte Harry und hob spielerisch seine Hände in einer Geste der Kapitulation. Dann ließ er sie sinken und wurde schlagartig wieder ernst.

„Ich glaub ich habe wirklich eine Idee, die funktionieren könnte, Malfoy. Gib mir die Chance, was Gutes für euch zu erreichen“, sagte er und berührte Dracos linke Hand. Draco wollte erneut ablehnen, als das vermaledeite Ungetüm von einer Uhr wieder los ging. Sieben Höllen, war das nervig!

Sie glitten vom Tisch und kümmerten sich um den Trank. Draco verfluchte sich selbst und seine Unaufmerksamkeit, Potter und Severus noch dazu. Wetten, dieser hätte auch einen einfacheren Weg gekannt, den Trank zu verdünnen?

Als sie sich aufrichteten und einer weiteren Stunde des Trankverdünnens entgegenblickten, entfuhr ihnen ein kollektives Seufzen.

Und dann, einfach so, gab etwas in Draco nach. Vielleicht überwand er seinen Stolz, vielleicht war da aber auch etwas an Potter, dass Hoffnung verströmte. Zuversicht schien etwas zu sein, dass Draco fremd und dem Gryffindor auf natürliche Weise eigen war.

Seine Mutter würde ihn umbringen, wenn sie erfuhr, dass er zuließ, dass sich Außenstehende (und noch dazu Potter) in ihre rechtlichen Angelegenheiten mischten. Aber Draco war das mit einem Mal egal.

Er hatte geglaubt, dass der Großteil ihres Vermögens bereits vom Ministerium eingezogen worden war, doch es hatte sich herausgestellt, dass viele Gelder lediglich auf Eis lagen, solang der Fall nicht abschließend geklärt war. Tatsächlich würde auch das Manor vorrausichtlich nächsten Monat wieder frei gegeben werden. Ob es dann noch ihm und seiner Familie gehörte, wussten allerdings nur die Götter. Sie hatten also einiges zu verlieren. Viel mehr, als den kümmerlichen Rest der familiären Würde, die bestimmt besagte, dass sie sich nicht von Außenstehenden helfen lassen durften.

„Schön“, sagte Draco zu Potter und riss diesen aus seinen Gedanken, „meinetwegen. Aber wenn du mit der Presse sprichst, ersaufe ich dich in dem Kessel da!“, drohte er und beide blickten zum Trank hinüber.

Potter schenkte ihm ein Lächeln. Ein echtes Lächeln, kein Grinsen. Und Draco, bei Merlin, konnte nicht anders als zurück zu lächeln.

Draco spürte, dass er rot wurde. Auch Potter wandte sich ab, wuselte geschäftig zu seiner Tasche, zog ein Stück Pergament und eine Feder hervor und begann, emsig Notizen zu machen. Es war wirklich ein verrückter Abend.

Potter hörte erst auf, als die Uhr zum neunten Mal schellte.

Als sie eine Stunde später die letzten 30 Milliliter in den Trank gaben, hatte er die richtige Konsistenz und warf keine Blasen mehr. Auch der säuerliche Geruch war verschwunden. Potter rührte ein letztes Mal um und sie warteten noch ein paar Minuten, um sicher zu gehen, dass sie es tatsächlich geschafft hatten, den Trank zu retten.

Sie sahen sich an und ihn beiden stand die Erleichterung ins Gesicht geschrieben. Draco wusste im Nachhinein kaum noch, wie sie die letzte Stunde des Wartens überstanden hatten. Potter hatte ihm noch einige Fragen zu der Verhandlung gestellt und Draco sogar dazu gebracht, ihm Namen und Adressen ihrer Anwälte zu verraten.

Es machte ihn wahnsinnig, dass Potter nicht mit der Sprache herausrücken wollte, was genau er plante. Doch der Gryffindor hatte nur immer wieder gesagt, er wolle ihm keine falschen Hoffnungen machen, falls seine Idee an den äußeren Umständen scheiterte. Schließlich hatte Draco es aufgegeben.

Potter holte die Schale mit dem gedünsteten Körper der Wellhornschnecke vom Pult und trug sie mit ausgestreckten Armen und gerümpfter Nase vor sich her. Draco musste grinsen.

Sie mischten die Zutat bei und kontrollierten doppelt und dreifach, ob das Feuer die richtige Höhe und der Trank die richtige Temperatur hatte.

Es war kurz vor Mitternacht, als sie die Lichter im leeren Klassenzimmer löschten. Potter trat vor Draco in die enge Passage hinaus, während Draco die Tür verriegelte. Als sie den Gang zur Bibliothek betraten, lag dieser still und dunkel vor ihnen. Es war bereits lange nach Sperrstunde und auch Draco sehnte sich nach seinem Bett. Den blöden Wecker und das Lösungsmittel würde er Severus morgen früh zurückbringen. Mit Sicherheit erwartete ihn dann ein endloser Vortrag über Gewissenhaftigkeit und die Seele der Zaubertrankbraukunst.

Er seufzte tief und folgte Potter zu den Treppen.

„Dann treffen wir uns morgen um die gleiche Zeit wieder hier?“, fragte Potter ihn gedämpft und Draco erwiderte: „Besser erst um neun, damit der Körper auch wirklich genug Zeit hatte, sich aufzulösen“.

Er lächelte, als er sah, wie Potter angeekelt das Gesicht verzog. Mondschein fiel durch eines der hohen Fenster und erhellte die Züge des Gryffindors. Draco stellte zum wiederholten Male fest, wie seltsam Potters schwarze Haare in der Nacht auf Licht reagierten. Sie schluckten es, ohne es zu reflektieren, wohingegen sie tagsüber ganz normal auf die Sonne reagierten. Er machte sich definitiv zu viele Gedanken über Potters Haare!

„In Ordnung“, sagte Potter leise und sah aus, als ob er ihn gleich wieder mit seinem schrecklichen Ellenbogen in die Seite stupsen wollte. Doch stattdessen kratzte er sich nur verlegen am Kopf. „Dann gute Nacht, Malfoy“.

Draco trat einen Schritt näher und flüsterte: „Danke, Potter“.

Der Gryffindor legte den Kopf schräg. „Für heute“, erklärte Draco und war froh, dass der finstere Korridor die Röte in seinen Wangen versteckte, „und auch dafür, dass du uns helfen willst, auch wenn ich keinen Schimmer habe, wieso“.

Potter beugte sich vor und flüsterte zurück: „Wir werden sehen, ob es was nützt. Und bedank dich lieber bei deinem griesgrämigen Onkel“. Sein warmer Atem strich über Dracos Ohr und er schloss kurz die Augen.

Als er sie wieder öffnete, schwebte das Gesicht des Gryffindors nur wenige Zentimeter vor seinem in der Dunkelheit.

Wie ein Magnet zerrte alles in Draco an ihm, die Lücke zwischen ihnen zu schließen. Er hatte tausend bessere Dinge zu tun, als die Potter-Sache noch weiter zu verkomplizieren, doch es schien als wäre er machtlos gegen das, was Potter in ihm auslöste.

Der Schwarzhaarige erwiderte seinen Blick, doch Draco wurde nicht schlau aus seiner Miene. Sein Herz stolperte, als er eine Hand hob und Potter eine Hand auf die Schulter legte, eine schrecklich unbeholfene Geste.

Der Gryffindor öffnete den Mund, um etwas zu sagen, als mit einem Satz Mrs. Norris auf dem obersten Treppenabsatz auftauchte. Die Jungen spritzten auseinander als die alte Katze ein anklagendes Maunzen ausstieß. Ihre roten Augen glühten im Mondlicht.

Bevor sie aus alter Gewohnheit die Flucht ergreifen konnten (denn schließlich waren sie aufgrund ihres Projekts befugt, sich über die Sperrstunde hinaus außerhalb der Gemeinschaftsräume aufzuhalten), zog Draco seinen Zauberstab und machte eine kurze unfreundliche Geste in Richtung des Tieres.

Das Miauen erstarb augenblicklich. Mrs. Norris Augen schienen noch größer zu werden. Potter verscheuchte sie endgültig, als er ihr mit seinem Zauberstab einen leichten Klaps gab und sie sich dadurch ein kleines Stück vom Boden abhob. Sobald ihre Pfoten wieder den Stein berührten, wetzte sie davon, nicht aber ohne ihnen einen letzten vorwurfsvollen Blick zu zuwerfen.

„Mistvieh!“, stellte Potter fest und sie beide steckten ihre Zauberstäbe weg.

„Wo waren wir stehen geblieben?“, fragte Draco und im nächsten Moment stieß Potter ihn unsanft gegen die Fensterfront. „Hier, glaub ich“, grinste er und dann küsste er Draco, dass ihm Hören und Sehen verging.

Als Draco wenig später leise in sein Bett schlüpfte, um Blaise nicht aufzuwecken, schlug ihm sein Herz noch immer bis zum Hals.

In was für eine Sache waren sie da nur reingeraten?

Draco drehte sich auf die Seite und zog die Decke über den Kopf. Für einen Armleuchter hatte Potter auch wirklich erstaunlich positive Seiten.

Dass er ihm im Prozess helfen wollte, war Draco nicht geheuer, aber es schien zumindest gut gemeint zu sein. Ach ja, und er war zum Beispiel ein ganz hervorragender Küsser.

Draco wünschte aus tiefster Seele, der Kerkerboden möge sich unter ihm auftun und ihn mit Haut und Haar verschlingen.


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Super, wie ich mich immer kurz fasse, oder? Aber so ein mächtiger Liebestrank will halt mit Umsicht gebraut werden!

Ich hoffe, das neue Kapitel gefällt allen Leserinnen und Lesern und wenn ja, würde ich mich irre über einen Kommentar oder eine Empfehlung freuen (und wenn nicht, auch. Also über einen Kommentar, wenn die Kritik nicht direkt mein armes Schreiberlingenherz zerschmettert).

Einige von Euch haben ja bereits gerätselt, ob ein paar der offenen Handlungsstränge noch wieder aufgenommen/erklärt werden und so viel sei verraten: Die Ausmaße der Geschichte sind mir zwar ein winziges bisschen über den Kopf gewachsen, aber einige Sachen werden noch aufgelöst. Im nächsten oder übernächsten Kapitel zum Beispiel.

Also, stay tuned und bis zum nächsten Mal!

Grüße von Eurer

blaufastschwarz
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