Rückkehr

von Mumpitz
KurzgeschichteDrama / P16
10.08.2011
10.08.2011
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Es ist alles genauso, wie er es in Erinnerung hat.
Vor den Strahlen der aufgehenden Sonne erhebt sich stolz und majestätisch die Silhouette seiner Heimatstadt und unter dem purpurnen Himmel erstrahlt in einem leuchtenden Blau das glitzernde Meer.
Er steht da, den Hut zum Schutz vor der Helligkeit in die Stirn gezogen, das frische Gras kühlend unter seinen nackten Fußsohlen und genießt die angenehm saubere und leicht salzige Brise, die ihm durch Lunge und Haare weht. „Willkommen daheim“, scheint sie in seine Ohren zu wispern.
Genau wie damals.
Er steuert auf die Hauptstraße zu, nimmt den Mittelstreifen und folgt ihm wie einem Wegweiser in Richtung Innenstadt. Er macht sich keine Sorgen wegen des Verkehrs; heute ist nicht viel los.
Und so taucht er schließlich in den Schatten der Häuser ein, zu beiden Seiten flankiert von parkenden Autos. Ein frischer Wind kommt auf und er presst seinen Strohhut mit der Linken fester auf seinen Kopf, in der Rechten schaukelt ein Bündel wild umher, während seine Hornhäute weiterhin unermüdlich über den rauen Asphalt gleiten.
Ein Autofahrer lehnt am heruntergekurbelten Fenster, sein Arm hängt heraus und schwingt lässig hin und her. Zu seiner Linken kommt er an einem Laden vorbei, in dem er in seiner Kindheit oft Süßigkeiten eingekauft hat. Der gleiche Verkäufer wie damals lehnt gemütlich in seiner üblichen Position in seinem Lieblingssessel neben der Verkaufstheke, das Gesicht hat er zur Straße hingewandt, auf Kundschaft wartend.
Wie immer.
Er geht an einem Schaufenster vorbei, besieht sich kurz die Schaufensterpuppen und die Reklamepappen, die in grellen Farben mit „Sommerschlussverkauf“ und „Neueste Herbstkollektion“ werben. Hier hat er seine erste Schuluniform erstanden.
Damals.
Auf der rechten Seite schließlich öffnet sich die Häuserfront und gibt den Blick auf eine große Parkanlage frei. Sie ist größer geworden, der Wuchs stärker, seitdem er sie das letzte Mal gesehen hat. Er bleibt noch kurz stehen, genießt das lebendige Grün der Pflanzen, die saftige Luft, das Gezwitscher der Vögel und das Rauschen des Windes in den Blättern der Bäume.
Auch sie sind schon immer hier gewesen, stumme Zeugen, und während das menschliche Leben an ihnen vorüber zieht, bleiben sie stehen, überdauern, überleben.
Unverändert.
Schließlich steht er vor der Tür, das ausgebleichte Klingelschild trägt seinen Namen und die sanfte grüne Farbe der Tür scheint ihm sagen zu wollen: „Hier bist du willkommen, das ist deine Heimat.“
„Heimat“, das flüstert er nach, ehrfurchtsvoll, ungläubig, während er mit dem Daumen den Staub vom Schild wischt.
Die Tür ist nicht abgeschlossen und gibt unter dem sanften Druck nach. Fast vorsichtig schleicht er über die knarrenden Holzstufen, kleine Staubwolken wirbeln auf und ein spärlicher Lichtstrahl fällt durch die milchig schmutzigen Fenster und erhellt nur ungenügend das schummrige Treppenhaus.
Die Wohnung liegt im ersten Stockwerk, er erkennt sie an dem Hund, der auf der Fußmatte liegt. Sein Stammplatz. Guter Hund, immer schön brav auf der Wache.
Er beugt sich runter, streichelt das Tier, dann schließt er die Wohnungstür auf.
Sie haben ihn schon sehnlichst erwartet; alle sitzen sie um den großen runden Küchentisch versammelt, seine Eltern, seine kleine Schwester.
Auf sie geht er zuerst zu. Sie trägt das blaue Kleidchen, das er ihr letztes Mal mitgebracht hat und er muss sagen, es steht ihr ausgezeichnet. Ein bisschen magerer ist sie geworden, aber ansonsten hat sie sich nicht sonderlich verändert.
Er schiebt ihr ein kleines Päckchen mit einem Geschenk in die ausgebreiteten Hände, tätschelt ihren Kopf, dann geht er zu seinen Eltern und umarmt sie.
Die übliche Prozedur.
Er schlurft durch die zentimeterdicke Staubschicht auf die Spüle zu. Nach einigen Minuten hat er schließlich den Kampf gegen den angerosteten Wasserhahn gewonnen und wenig später sitzen sie alle vier am Tisch mit einer dampfenden Teetasse vor sich.
Er fängt an, zu erzählen, von großen Abenteuern und weiten Ländern und sie hören ihm schweigend und gebannt zu.
Mittlerweile ist es Nachmittag, die Sonne steht tiefer und malt zusammen mit dem auffliegenden Staub kleine glitzernde Wirbel in die Luft.
Der Mann steht auf und spült die Tassen ab, dann lässt er sich wieder auf den Stuhl fallen.
Vielleicht eine Spur zu schwungvoll, denn ein Ruck geht durch den Tisch und ehe er etwas dagegen machen kann, rutscht sein Vater an der Lehne entlang und kippt vom Stuhl.
Der Körper fällt dumpf auf den Boden, ein Stück Kieferknochen und ein paar Zähne kullern über die Bohlen.

Es knallt überall und Rauch hüllt sie ein. Die Stadt versinkt in Lärm, Chaos und Feuer.
Der Hund wirft sich ihnen mutig und treu entgegen, ein Schuss und er landet winselnd auf der Fußmatte.
Seine Schwester fängt an, zu schreien, aus Angst, Panik, hilfloser Wut. Sie brüllen sie an, sie solle aufhören. Sie schreit und weint nur noch lauter. „Bringt dieses Balg zum Schweigen!“, und dann rattern die Gewehre los und das Mädchen verschwindet hinter einem roten Sprühnebel. Sie fällt und verstummt, ihr kleiner Körper bleibt liegen, durchlöchert und durchtränkt wie die Wand hinter ihr.
Kurze Stille, dann fängt seine Mutter an, zu kreischen und sich auf sie zu stürzen. Sie wird erbarmungslos niedergeschossen, wie nichts, wie ein Hund.
Sein Vater steht noch, bereit, das letzte Familienmitglied mit seinem Leben zu schützen. Er sieht ihn nicht mehr fallen, er läuft, weg von den Toten, hinein ins Leben.

Er steht am Fenster, hinter sich die Toten. Die laue Spätnachmittagsluft zieht durch die Öffnung und bringt Frische in die Küche, wirbelt den Staub auf, auf dem Boden, in seinen Erinnerungen.
Schließlich packt er sein Bündel und geht zur Tür. Ein letztes Mal dreht er sich um, wie um Lebewohl zu sagen und sie starren zurück aus leeren Höhlen, keine Regung auf den mumifizierten Gesichtern, die straffe Pergamenthaut spannt über ihre spitzen Wangen.
Und so geht er wieder durch die Straßen, vorbei an ausgebrannten Autowracks und Ruinen, zerbrochenen Schaufenstern, Schutt, Staub und Leichen.
Hinter ihm taucht die Abendsonne die traurige Trümmerlandschaft in ein fahles Licht und das Meer leuchtet in einem giftigen Grün.
Der Wind trägt den abgestandenen Geruch nach Moder über die Stadt und er scheint ihm zuzuflüstern: „Das ist kein Ort für die Lebenden. Geh und lass das alles hinter dir.“
Und er wendet sich ab von den Toten, geht weg, hinein ins Leben. Vorerst.
Wie immer.
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