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#8 - Unschuld

von Vistin
GeschichteDrama / P16
Zoë Washburne
09.08.2011
09.08.2011
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Diese Geschichte gehört zu meinem Versuch das 120er Projekt zu schaffen.
http://forum.fanfiktion.de/t/7084/1
Sie wurde zum achten Begriff geschrieben: Innocence – Unschuld

Eine Liste aller Beiträge findest du in meinem Profil.

***


Zoë sah sich selbst ins Gesicht. Wie ein abstraktes Spiegelbild oder eine Projektion. Sie sah sich selbst auf dem Schlachtfeld stehen, ein Sturmgewehr in der Hand und einen blutigen Dolch am Gürtel. Zu ihren Füßen lagen Männer der Allianz. Ihre leeren Augen verdreht, die Uniformen mit Blut überströmt. Mehrere der Leichen waren von Granaten zerfetzt, das Fleisch verbrannt, die Eingeweide quollen heraus wie die weiche Füllung von Kuscheltieren. Über ihr donnerten Flugzeuge und warfen pfeifende Raketen ab, die den rauchgeschwärzten Himmel zerrissen und dumpf detonierten. Auf dem Gesicht der anderen Zoë war keine Gefühlsregung. Keine Angst, keine Abscheu, kein Ekel und kein Mitleid. Sie war wie ein Fels, konzentriert und stark – unerschütterlich. Sie wusste, dass sie oft genug so ausgesehen haben musste, aber sie hatte sich selbst noch nie so beobachten können. Um sie herum schlugen Granaten ein und das Geschützfeuer ratterte, doch sie ging nicht in Deckung, sie blieb stehen, sah sie selbst an und sagte: „Ja, Sir!“

Zoë fuhr nach Luft schnappend hoch, neben ihr schreckte Wash verwirrt auf und blickte sich hektisch um.

„Was? Wie? Wo? Werden wir angegriffen? Stürzen wir ab?“, stammelte er verschlafen und blinzelte verwirrt in das Dunkel der Kabine.

„Nein, schon gut, Schatz. Alles ist in Ordnung“, beruhigte ihn Zoë und zog seinen Kopf in ihr Dekolleté.

„Alles ist in Ordnung. Hier ist immer alles in Ordnung“, murmelte Wash und schob seine Nase zwischen ihre Brüste, während er wieder einschlief. Zoë lehnte sich zurück und starrte an die niedrige Decke über ihrer Koje. Wash hatte ihr erst vor wenigen Tagen vorgeworfen, sie würde sich nicht trauen, sich gegen Mal zu stellen, weil sie einen seiner Vorschläge nicht gegen den Kapitän verteidigt hatte. Sie hatte diesen Vorwurf vehement abgeschmettert und sich in einem Ehestreit wiedergefunden, der zu Entführungen, Folter und einer blutigen Schießerei geführt hatte. Doch obwohl sie diesen Vorwurf immer noch für absolut unbegründet hielt, ließ sie die Frage nach ihrer Beziehung zu Mal nicht los.

Nein, sie war sich sicher, dass sie nicht in Mal verliebt war, das war sie nie gewesen. Das Schlachtfeld hatte jegliche Erotik aus ihrer Beziehung fern gehalten. Aber Wash hatte Recht, wenn er sagte, dass sie immer auf Mals Seite stehen würde. Sie kannte Malcolm Reynolds nun seit über zehn Jahren und sie konnte sich nicht daran erinnern, dass sie ihm je wirklich widersprochen hätte. Ja, sie waren sich oft genug uneinig, aber nie über das Was, höchstens über das Wie.

Wash schnarchte an ihrer Schulter, als ob nichts gewesen wäre, doch sie starrte noch immer an die Decke. Was hatte dieser Traum zu bedeuten? Sie war Soldat, ja, und sie war im Krieg gewesen. Sie hatte getötet, tat es immer noch und würde es auch in Zukunft immer wieder tun und Mal … war ihr Sergeant gewesen, ihr Befehlshaber. Es hätte wertvolle Zeit verschwendet, ihm zu widersprechen. Im Krieg zählte Zeit, die richtige Entscheidung im richtigen Moment und Mal hatte diese Entscheidungen immer getroffen. Er hatte sich ihr Vertrauen verdient, sie folgte ihm nicht blind.

Und nach dem Krieg? Nach dem Krieg war nichts mehr da. Die Menschen, die Organisation, ja, sogar die Idee, für die sie gekämpft hatte, waren tot, geschlagen und vernichtet. Doch sie war immer noch Soldat gewesen. Was hätte sie sonst tun sollen? Hätte sie die Seiten wechseln sollen? Malcolm war ihr ein treuer Gefährte und Freund im Krieg gewesen, seine Ideen und seine Moral waren das letzte Quäntchen dessen, für das sie gekämpft hatte. Es war nur logisch, dass sie ihm folgte. Und auf der Serenity war er ihr Kapitän. Ein Schiff war keine Demokratie, auch hier war es wichtig, Befehlen zu gehorchen. Sie vertraute Mal und er bezog sie in seine Entscheidungen mit ein ...

Zoë schluckte hart. Sie rechtfertigte sich. Sie rechtfertigte sich vor sich selbst! Ja, natürlich war es im Notfall wichtig, Befehlen zu folgen und ja, Mal war einer der Guten, seine Entscheidungen waren extravagant aber gut. Doch das erklärte nicht, wieso sie manchmal nicht einmal darüber nachdachte, was er ihr befahl, sondern nur folgte. Mal hatte ihr uneingeschränktes Vertrauen, doch das erklärte nicht, wieso sie ihm folgte, egal wohin er auch ging.

Sie schloss die Augen und sah wieder das Bild aus ihrem Traum; sich selbst mitten in einem Berg aus Leichen. Sie spürte die von Blut überströmte Erde unter ihren Füßen, roch die von Pulverrauch geschwängerte Luft, hörte das Zischen der Kugeln – ihre Finger schlossen sich um eine imaginäre Waffe, ihr Finger betätigte mechanisch den Abzug und Menschen starben.

Sie spürte keine Schuld, keine Verantwortung, kein Mitleid bis sie die Worte, an die sie sich geklammert hatte, plötzlich losließ. Ja, Sir. Die zwei kurzen Silben wurden vom Wind weggerissen, Sergeant Malcolm Reynolds, Captain Malcolm Reynolds, ihr Anführer und Befehlshaber verschwand und alles, was sie getan hatte, stürzte auf sie ein.

Ihre Lippen bebten, während sie sich atemlos öffneten und zu einer schmerzerfüllten Grimasse verzogen. Ihre Augen füllten sich schlagartig mit Tränen und ihre Brust schnürte sich zu. Lautlos ließ sie den Schmerz über sich ergehen, zitterte nur ganz leicht unter Washs Hand, ohne ihn zu wecken. Ihr Hals schnürte sich immer mehr zu und sie glaubte, ersticken zu müssen, sie hoffte es sogar. Sie wollte selbst sterben, um all dem Tod zu entgehen, all dem Tod, den sie verschuldet hatte, den sie bewirkt hatte, bei dem sie nichts empfunden hatte. Wenige Momente lang starb sie auch, doch dann knarrte die Luke in den Scharnieren und Malcolms Stimme rief: „Aufwachen, ihr Turteltauben! Wir haben ein Rendezvous mit einem Schrotthändler!“ Der Schutzschild der Unschuld fuhr wieder hoch, schloss sich um Zoë wie ein warmer Mantel, vertrieb den Schmerz und das Chaos aus ihrer Brust und füllte ihren Kopf wieder mit klaren Gedanken.

Zoë schob Wash von sich weg und ignorierte sein schlaftrunkenes Gebrabbel, während sie sich aufsetzte und Mal ein „Ja, Sir!“ zurief.
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