New "End of an Era"

GeschichteAllgemein / P12
Emppu Vuorinen Jukka "Julius" Nevalainen Marco Hietala Tarja Turunen Tuomas Holopainen
02.08.2011
09.10.2015
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02.08.2011 1.964
 
So lange her. Es war so lange her. Tuomas stand im Wohnzimmer seiner Wohnung in Helsinki und schaute auf die Stadt hinab. Ein Meer von hellen, kleinen Lichtern erhellte die Dunkelheit. Es war als würde er von oben auf die Sterne hinabblicken.

Tuomas hob abwesend das Glas Wein in seiner Hand an die Lippen und trank einen Schluck. Normalerweise nahm er sich immer Zeit, um den Geschmack des Weines und sein Aroma zu genießen. Aber heute?

Er war in Gedanken, sehr oft in letzter Zeit. Eigentlich war er die ganze Zeit in Gedanken gewesen. Und diese Gedanken drehten sich um jenen Tag, jenen Tag, an dem Tuomas sich selbst wissentlich und offenen Auges ein Messer ins Herz gestoßen hatte. Der 21. Oktober 2005. Tuomas konnte sich noch an alles genau erinnern. Er hörte das enthusiastische Schreien der Fans, erinnerte sich an alle Gerüche, ließ  das gesamte Konzert vor seinen Augen Revue passieren.

Der letzte Song. „Wish I had an Angel“. Noch heute, nach so langer Zeit, dass er dieses Lied nicht mehr gespielt hatte, wusste er wie man es spielte.

Dann, das Outro aus dem Film King Arthur von Hans Zimmer. Ein brillanter Komponist. Dachte Tuomas. Er holte die Erinnerungen zurück. Nahm die Klänge des Liedes wieder wahr. Versuchte sich zu erinnern, wie er damals gedacht, wie er damals gefühlt hatte, wie er damals gewesen war.

Er, Marco, Jukka, Emppu, John-Two-Hawks und Tarja hatten sich vor der jubelnden Masse verbeugt, hatten ihnen Süßigkeiten und Luftschlangen zugeworfen. Ja, es war ein wunderschöner Abend gewesen.

Und dann? Der Brief. Dieses kleine, verfluchte Stück Papier, was alles kaputt gemacht hatte. Ein kurzes ironisches Lächeln huschte über Tuomas Gesicht. Immer wieder hatte er sich versucht einzureden, dass es Tarjas schuld gewesen sei. Dass ihr „divenhaftes“ Verhalten, ihre Abkehr von den „Idealen“ von Nightwish, der Grund für die Trennung war. Aber als er anfing zu begreifen, dass es doch seine Schuld gewesen war, hatte er den Brief, den er in einem Moment des Zorns geschrieben hatten, beschuldigt.

Aber so war es nicht. Es war seine Schuld, ganz allein seine Schuld. Die Schuld von Tuomas Holopainen. Er hatte diesen Brief geschrieben, die anderen hatten nur ihre Unterschrift darunter gesetzt. Weder Tarja, noch die Band, noch der Brief hatten Schuld. Ganz allein Tuomas.

Wütend stellte der Poet das Glas Wein auf einem Tisch ab und setzte sich an den Flügel, der in seiner Wohnung stand. Immer, wenn Tuomas wütend oder traurig war, setzte er sich an das Instrument und spielte ein paar Lieder. Früher waren ihm damals immer die besten Einfälle für neue Songs gekommen. Doch jetzt saß er vor den Tasten und starrte sie an. Auf einmal war ihm, als wisse er nicht mehr, wie man auf diesem Instrument spielte. Es war als würde er zum ersten Mal einen Flügel sehen. Er fragte sich, wozu dieses Ding, vor dem er jetzt saß, nützlich sei, wofür man es brauchte. Unsicher drückte er eine der Tasten nach unten. Verwirrt betrachtete er den Flügel und wusste irgendwie nicht, was er damit anfangen sollte. Wusste er jetzt auf einmal nicht mehr wie man Klavier spielt? Konnte man das einfach so, von einem Moment auf den anderen vergessen? Doch kaum, dass Tuomas sich diese Fragen gestellt hatte, kannte er auch den Grund. Er war nicht bei der Sache. Sein Kopf weigerte sich.

Tuomas stand von dem Flügel auf, ging zurück zum Fenster und nahm das Glas Wein wieder in die Hand. Ohne nachzudenken kippte er sich den restlichen Wein auf Ex hinter die Binde. Er hatte sich zu der Erinnerung an diese Zeit hinreißen lassen, jetzt musste er es auch zu Ende bringen. Tuomas begann sich an die darauffolgende Zeit zu erinnern. Anette als neue Sängerin, ein neuer alter Stil, neue Alben. Neues Nightwish.

Und dann hatte sich die Band schließlich aufgelöst. Einfach so, von einem Moment auf den anderen. Aber es war notwendig. Es ging einfach nicht mehr. Versuchte sich Tuomas zu rechtfertigen.  

Nightwish, seine Band, das Abbild seiner Seele, war dem größten Feind zum Opfer gefallen, den eine Musikgruppe haben konnte. Der Monotonie.

Das Feuer war weggewesen, alles war Routine. Das Gefühl etwas Großes, etwas Wunderbares zu tun, war verschwunden. Ersetzt durch ein Gefühl das  man hat, wenn man seit Jahren ein und denselben Job macht. Die Proben, die Aufnahmen, die Konzerte, das Schreiben neuer Songs, alles Routine. Von allen Wörtern, mit denen man Nightwish hätte beschreiben können, war dieses eine übrig geblieben. Arbeit.



Sie hatten in Helsinki gespielt, die gleiche Halle wie damals, das gleiche Datum, die gleiche Zeit. Sie waren zurück in die Kabine gegangen, schweigend, keiner hatte gelächelt. Völlig emotionslos waren sie in der Kabine gesessen, hatten zu Boden gestarrt und sich angeschwiegen. Und dann hatte Tuomas es gesagt. „Es hat keinen Sinn mehr, oder?“ Alle hatten ihn angesehen, ausdruckslos. Doch sie hatten alle genickt. Dann war Emppu aufgestanden, hatte seine Tasche genommen und gesagt. „Lasst mal von euch hören.“ Dann war er gegangen. Dann Jukka, dann Marco und zuletzt Anette. Tuomas war allein zurückgeblieben.

Und von einem auf den anderen Tag war Nightwish verschwunden. Es hatte keine Pressemitteilung und kein Statement von den anderen Bandmitgliedern gegeben. Schließlich hatte Tuomas der Plattenfirma mitgeteilt, dass es kein weiteres Nightwish Album geben würde. Daraufhin hatte das Management die Trennung der Band bekanntgegeben. Das Ergebnis, zahlreiche Einladungen zu Interviews und Pressekonferenzen. Weder Tuomas noch Marco oder jemand anders hatte etwas zu der Trennung von Nightwish gesagt. Man hatte es totgeschwiegen.

Als die Zeitungen, Reporter und Journalisten endlich begriffen, dass niemand von der Band etwas sagen würde, hatte sich die Sache schließlich totgelaufen. Die Trennung von Nightwish verschwand in der Dunkelheit der Geschichte. Noch immer wurden alte Platten der Band verkauft und das auch noch nicht mal schlecht. Aber ein neues Album würde es nicht geben.



Jetzt schrieb man das Jahr 2016.

Tuomas ging zu seinem CD-Regal und griff zielsicher nach einer bestimmten CD. Es war Tarjas zweites Soloalbum What Lies Beneath. Ja, er hatte sich jede ihre CDs gekauft. Aber war es ihm um die Musik darauf gegangen? Nicht wirklich. Für ihn war die Frau, die auf dieser CD gesungen hatte, wichtig gewesen. Tarjas Opernstimme, die so sanft und doch so stark und mitreißend sein konnte. Nein, es war ihm nicht um die Musik gegangen. Er hatte einfach nur wieder Tarjas Stimme hören wollen.

Langsam legte er die CD wieder zurück ins Regal. Er vermisste Tarja. Warum? Warum hatte er sie damals weggeschickt? Warum hatte er nur diesen verdammten Brief schreiben? Warum, in Gottes Namen, warum? Weil du eifersüchtig warst. Weil du es nicht verkraftet hast, dass sie einen anderen geheiratet hat. Ja, er war eifersüchtig gewesen. Er war bei Tarjas Hochzeit dabei gewesen. Hatte gelächelt, so getan als würde er sich für sie freuen. Und als der Priester gefragt hatte, ob jemand etwas gegen die Ehe hätte, hatte er sich mit aller Kraft zwingen müssen sitzen zu bleiben. Was fand sie eigentlich an diesem Kerl? Er sah scheiße aus, war eingebildet und arrogant.  Aber Tarja hatte ihn geheiratet.

Einen kleinen Triumph hatte es für Tuomas gegeben. Tarja hatte sich vor zwei Jahren von Marcelo scheiden lassen. Der Grund war, Tarja wollte Kinder, Marcelo aber nicht. Tuomas rief sich Tarjas Kommentar zu ihrer Scheidung in Erinnerung. Sie hatte Marcelo irgendwann einmal auf Kinder angesprochen. Darauf hatte er geantwortet, sie solle sich solchen Blödsinn aus dem Kopf schlagen und lieber an ihre Karriere denken. Das sei wichtiger. Schließlich war es zum Streit gekommen, indem Marcelo nach Tarjas Worten gesagt hatte, dass er mit so einem kleiner, ständig schreiender Windelscheißer nichts anfangen könnte und dieser nur Tarja von ihrer Karriere ablenken würde. Tarja hatte noch am selben Tag ihre Koffer gepackt und war zurück nach Finnland gezogen.

Tuomas hatte damals wieder die Gelegenheit. Er hätte Tarja anrufen können, hätte versuchen können mit ihr reden. Aber das hatte er nicht über sich gebracht. Die Erinnerungen an den 21. Oktober waren einfach noch zu frisch gewesen. Dabei war die Geschichte damals schon neun Jahre her.

Er hatte Tarja geliebt. Und er liebte sie immer noch. Eine kurze Zeit lang hatte es in den Zeitungen die Vermutung gegeben, dass Tuomas etwas mit Anette haben würde,  aber dieses Gerücht war sowohl von ihm als auch von Anette dementiert worden. Nach der Trennung von Tarja und ihrem gegenseitigen Zerwürfnis war es für Tuomas nicht mehr in Frage zu kommen mit einer anderen Frau zusammen zu sein. Hätte Tarja ihn nach Kindern gefragt, er hätte sofort ja gesagt. Tuomas hatte sich immer Kinder gewünscht.

Mit Tarja.

Tuomas seufzte traurig, nahm die Weinflasche vom Tisch, setzte sie an die Lippen und nahm ein paar kräftige Züge. Jetzt fang ich schon an zu saufen. Kaum das dieser Gedanke in seinem Kopf auftauchte, stellte er die Weinflasche wieder ab. Nein, Alkoholiker würde er auf keinen Fall werden.

Er wünschte sich eine Zigarette. Abwesend griff er sich in die Tasche. Doch was er fand, war kein Zigarettenpäckchen, sondern ein Haufen Bonbons. Einen kurzen Moment starrte er die Süßigkeiten verwirrt an, bevor es ihm wieder einfiel. Das Rauchen hatte er sich vor drei Jahren abgewöhnt. Um dieses Verlangen nach Glückshormonen dennoch ausgleichen zu können, hatte er sich mit Bonbons beholfen.  Und das hatte in den letzten Jahren auch wunderbar funktioniert. Noch immer etwas abwesend packte er eins der Bonbons aus und steckte es sich in den Mund. Dann stellte er sich zurück ans Fenster.

Was machten die anderen wohl gerade? Anette hatte inzwischen vier Kinder, von vier verschiedenen Vätern. Marco spielte nach wie vor mit seinem Bruder in der Band Tarot. Emppu? Das wusste Tuomas nicht so genau. Jukka spielte in einer anderen Band Schlagzeug und versuchte nebenbei Kinder und andere Menschen vom Vegetarianismus zu überzeugen.

Und Tarja? Sie hatte sich nach ihrer Scheidung aus der Musik verabschiedet und arbeitete seitdem als Gesangslehrerin an der Hochschule für Musik und Gesang in Helsinki.

Sein Blick fiel auf das Telefon. Es schien in förmlich anzuschreien, so offen wie es da stand. Langsam, beinahe schon vorsichtig, näherte sich Tuomas dem Telefon. Jetzt stand er direkt davor. Aber was sollte er tun? Kaum dass er sich die Frage gestellt hatte, bekam er auch die Antwort. Ruf Sie an und sag dass es dir Leid tut. Nein, das würde er nicht tun.

Das konnte er nicht tun.

Ja, er musste Tarja sagen, dass es ihm Leid tat. Aber das konnte er nicht am Telefon machen. Das war einfach nicht anständig. Außerdem wusste er nicht mal, ob sie ihn überhaupt anhören und nicht gleich wieder auflegen würde. Sich am Telefon zu entschuldigen war fast so schlimm, wie eine Trennung per SMS. Nein. Er musste sich etwas anderes einfallen lassen. Aber was?

Tuomas wandte sich von dem Telefon ab. Sein Blick fiel auf erneut auf das CD Regal. Tuomas kam näher. Als er davor stand griff er, wie von einer unsichtbaren Hand gelenkt, in die Unmengen von CDs und holte eine hervor. Als er sah, welche CD er in der Hand hielt, stockte ihm kurz der Atem.

Es war das Livealbum End of an Era.

Tuomas war ein Mensch, der an das Schicksal glaubte. Und deswegen tauchte in seinem Kopf sofort die Frage auf. Was hat das zu bedeuten. Das er aus all diesen CDs ausgerechnet diese hervorgezogen hatte, konnte kein Zufall sein. Es wollte ihm irgendetwas sagen. Aber was…

 

Tuomas schreckte aus dem Schlaf auf. Es hatte ihn wie der Blitz getroffen. Ein unglaubliche Idee hatte in seinem Kopf Gestalt angenommen. Natürlich. Das war die Lösung. Das wollte es ihm sagen. Tuomas sprang aus dem Bett und lief in die Küche, wo an der Wand sein Kalender hing. Es war Juli.

Gut. Tuomas hatte genug Zeit um seine Pläne umzusetzen. Er schaute auf die Uhr. Drei Uhr morgens. Er würde noch heute damit beginnen, diesen – es gab kein anderes Wort dafür- vollkommen irrwitzigen Plan in die Tat umzusetzen.
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