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those who sought freedom.

Kurzbeschreibung
GeschichteFantasy, Liebesgeschichte / P16 / Gen
Balthier Fran
31.07.2011
25.12.2013
3
11.015
 
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31.07.2011 3.770
 
II.

Balthier war sich nicht sicher, wie er an selbigem Abend nach Hause gekommen war.
Fast so, als hätte der Alkohol seine Wirkung entfaltet. Seine Sinne vernebelt und seine Wahrnehmungen eingeschränkt. Doch eben das konnte, nach einem simplen Glas Wein, welches er nicht einmal ganz ausgetrunken hatte, einfach nicht der Fall sein. Immerhin war er noch nie sonderlich anfällig für Alkohol gewesen, hatte es auf der anderen Seite aber auch nie drauf angelegt, sich derartig besinnungslos zu trinken, wie die meisten in seinem Alter das nun einmal taten, um ihre Grenzen auszutesten.
So konnte er sicher gehen, dass er sich diese Viera nicht eingebildet hatte, wären doch sonst alle Anwesenden in der Taverne mindestens genau so geistesgestört wie er sich gerade fühlte. Und das war bei weitem kein angenehmes Gefühl.

Sie war da gewesen, hatte sich, nach langem studieren der Karte, für eines der Mineralwässer entschieden, dessen Ursprungs-Quelle dem Golmore Dschungel am nahe gelegensten war, selbst hatte sie sich auf den ein oder anderen Plausch eingelassen. Wenn auch nur wortkarg und zurückhaltend. Ebenso, wie man es sich bei einer Viera vorstellen mochte.
Balthier selbst hatte nur starren können, auch wenn er dafür berüchtigt war, nichts anbrennen zu lassen. Und das, obwohl er erst noch vor kurzem einen Gedanken daran verschwendet hatte, dass ihm ein wenig Gesellschaft vielleicht ganz gut tun könnte, nach all den Wochen, in denen er sich für nichts weiter, als seine Arbeit interessiert hatte. Aber wer hatte da schon gleich an eine Viera gedacht?
Wahrscheinlich niemand, der klaren Verstandes war.
Es war nicht so, als hätte er Angst gehabt, sie anzusprechen, es war viel mehr die Tatsache, dass er nicht gewusst hatte, was er hätte sagen sollen.
Hier, in Archadis, viel mehr in ganz Ivalice, war sie etwas besonderes, ein Exot, jemand Einzigartiges, der wahrscheinlich immer wieder dieselben Fragen gestellt bekam und derer sicherlich schon müde wurde. Ganz gleich, als träfe man einen Superstar oder sein größtes Idol, so bekam auch sie immer dieselben Dinge zu hören. Und dass sie dann bloß zu später Stunde anzutreffen war, war jawohl nichts verwunderliches mehr.
Balthier konnte nicht leugnen, dass diese Viera ihn gehörig zum Nachdenken gebracht, ihm den Kopf auf eine gewisse Art und Weise verdreht hatte.
Vielleicht nicht in dem Sinne, als hätte er gleich körperliches Interesse an ihr, obwohl sie über alle Maßen attraktiv war, das konnte niemand leugnen. Viel mehr aber, wollte Balthier wissen, was wohl ihre Beweggründe sein mochten, aus denen sie ihr Dorf verlassen hatte. Wobei man natürlich wieder bei den Fragen angelangte, die ihr wohl jeder Fremde als erste stellen würde.

Er hatte die Weltkarte seines Vaters aus dessen Büro entwendet, sich sämtliche Bücher und Duden, die er nützlich oder informativ gefunden hatte, mit auf sein Zimmer genommen und brütete nun, im schwachen Kerzenschein, seit geraumer Zeit über einem Bildband des Golmore Dschungels, der eigentlich nicht langweiliger hätte sein können, hätte der Autor nicht seinen ein oder anderen informativen Gedanken über jenes Gebiet zu Papier gebracht.
Doch blieben die Dinge, die er sich erhofft hatte rauszufinden, weiterhin offen, schien doch wirklich niemand etwas über das Volk dokumentieren zu können, was da in den Tiefen des Dschungels hauste. Balthier seufzte schwer, warf einen kurzen Blick auf seine große Wanduhr, die ihm verriet, dass es viel zu spät dafür war, hier zu sitzen und sich Gedanken über sinnlosen Zeug, wie dem hier zu machen, zumal er in nicht einmal mehr vier Stunden schon wieder aufstehen musste.
War er ehrlich zu sich selbst, lag seine Motivation gerade gehörig auf der Strecke.
Und jetzt, wo er eigentlich erreicht hatte, was er wollte, sah er seine Arbeit als noch unwichtiger an, als er es zuvor getan hatte.
Wenn er wollte, konnte er sich bei den ersten Sonnenstrahlen in den Hangar schleichen, nachdem er Cid um das Geld für eine Tankfüllung erleichtert hatte und sich davonstehlen.
Wohin er wollte – wann er wollte. Ein großartiges Gefühl.
Und Geld würde schon irgendwie in die Kasse kommen. Luftpiraten verdienten zu dieser Zeit nicht schlecht, wenn sie ein bisschen was im Kopf hatten und sich nicht auf der Stelle erwischen ließen. Vielleicht war es das, was Balthier mehr lag, zumal ihm sein Vater in diesem Beruf bewiesen hatte, wie sehr man mit Macht und Geld abstürzen konnte, wenn man auch nur einen einzigen Fehltritt tat.
Noch einmal warf er einen Blick auf die Uhr, dann schlug er den Schinken zu, um sich nur kurz darauf die Augen zu reiben.
Seine Leserei hatte ihn zu nichts weiter gebracht, als noch mehr Fragen, die sich in seinem Kopf auftürmten. Fragen ohne Antworten, an die er ohne die Viera nicht kommen würde.
Es lag nicht in seiner Person, loszuziehen, um irgendjemanden zu löchern, wäre doch so ein Verhalten nichts weiter, als peinlich und er würde sich von all den Betrunkenen aus der Taverne nicht unterscheiden.  
Außerdem, wer konnte schon sicher sagen, ob die Viera überhaupt noch in der Stadt war..?
Immerhin mochte jemand wie sie sicher rastlos sein. Von einem Ort zum anderen ziehen, um so viel von Ivalice zu sehen, wie nur irgend möglich. Immerhin waren die Orte alles Plätze, die ihr vorher verwehrt geblieben sind, die eine Viera, aus Angst den Dschungel und die Verbindung zur Heimat zu verlieren, niemals zu Gesicht bekommen würde.

Mit einem genervten Seufzen, ließ er sich im Stuhl zurücksinken, ließ den Kopf fast zeitgleich in den Nacken kippen, die Augen geschlossen. Jetzt war er drauf und dran, sich das nächste Buch zu schnappen, um noch ein paar Seiten zu lesen. Allerdings würde er allerhand zu erklären haben, wenn er gleich auf der Arbeit nicht die gewohnte Leistung erbrachte, würde spätestens dann in das Küken-Schema fallen. Und das wollte Balthier bei Weitem nicht, war er doch viel zu ehrgeizig, als dass er sich auf irgendeine Art und Weise unterbuttern lassen würde.
Das, was er hier gerade tat, ergab in seinen Augen nicht mal einen Sinn, sodass er sich fragte, warum er sich überhaupt zu so einem Schwachsinn hatte hinreißen lassen.
Kein Buch der Welt, es sei denn, es wäre von einer Viera persönlich geschrieben, konnte einem Hume auch nur den geringsten Einblick in diese Welt verschaffen. Immerhin gab es nicht einen, von dem man sicher wusste, er hätte das Dorf Elt auch nur aus der Nähe betrachten können.
Stattdessen krochen sie alle durch den Golmore Dschungel, hofften, dass ihnen die eigenartige Botanik auch nur die geringste Auskunft über das Leben im Herzen des Dschungel geben konnte, ehe man sie, nach ihrer Rückkehr, in geschlossene Anstalten einwies.
Und er, Balthier, würde wahrscheinlich nicht anders enden, wenn er nicht auf der Stelle damit aufhörte, irgendwelchen Hirngespinsten nachzujagen.
Ein verborgener Pfad, irgendwo im Busch – wer konnte ihm auch nur das geringste Fünkchen Wahrheit an so einer Geschichte bestätigen?
So schob er den Bildband nicht viel später von sich, stapelte ihn ordentlich auf die anderen Bücher, die er eben noch, ja beinahe euphorisch, angeschleppt hatte.
Nun hatte er schon nichts mehr weiter, als ein Kopfschütteln für sie übrig, ehe er seinem Schreibtisch den Rücken zudrehte, sich kaum später auf seinem Bett niederließ, um sich sitzend seiner Stiefel zu entledigen und diese ordentlich neben sein Regal zu platzieren.
Viera hin oder her, für den Rest des Abends sollte er sich nichts weiter, als seinem Schlaf widmen, der jetzt so oder so zu kurz kam.

Er ließ die Kerze erlischen, eigentlich drauf und dran sich jetzt noch eine Mütze voll Schlaf zu gönnen, allerdings ertappte er sich selbst dabei, wie ihn seine Füße kaum viel später auf das Mannshohe Fenster zutrugen, er den Blick über die Dächer der Stadt schweifen ließ.
Irgendwo da draußen musste sie sein, hatte sich vielleicht zu einem Spaziergang durch die Straßen entschlossen oder tat das, was Balthier eigentlich so dringend tun sollte – schlafen.
Fragen über Fragen taten sich auf und obwohl es weniger in seiner Natur lag, sie sich wie ein kleiner Schuljunge beantworten zu lassen, hatte er sich innerlich doch schon längst dazu entschlossen, ihnen auf den Grund zu gehen, diese Viera wiederzusehen.
Sollte es gerade kosten, was es wolle.
Sie hatte die Freiheit erlangt, nach der Balthier noch so sehr strebte, was ihn, auf eine seltsame Art und Weise, eine gewisse Verbindung zu ihr fühlen ließ.

#

Es war seine Zeit her, dass er seinem Vater gegenüber gestanden hatte, hatte dieser sich doch, seit er auch Girugevan zurückgekommen war, mehr und mehr zurückgezogen.
Dennoch, so dachte Balthier zumindest anfangs, schien er konstanten Besuch zu haben, hörte man sich ihn doch ständig unterhalten, ja sogar lachen.
Erst ein paar Tage später, als er ihm eine Nachricht hatte überbringen müssen, musste er feststellen, dass Cid mit niemandem anders, als sich selbst sprach und diesem zweiten Selbst sogar schon einen Namen gegeben hatte.
Zu diesem Zeitpunkt hatte er gedacht und gehofft, es wäre vielleicht nur eine Vorrübergehende Sache, doch er erwischte sich immer öfter dabei, wie er spät Abends oder Nachts durch die Korridore schlich, um etwas von dem aufzuschnappen, was Cid sich da permanent erzählte. Er hatte ihm selbst hier und da sogar seine Gesellschaft angeboten, weil er nicht wollte, dass er seinen Vater irgendwann unter die Geisteskranken zählen konnte.
Aber Cid hatte, ein jedes Mal wieder, dankend abgelehnt, hatte das Zusammensein mit seinem zweiten Selbst seinem eigenen Sohn vorgezogen.
Und dann, nur ein paar wenige Tage später, blieb so ziemlich jedem der Zutritt zum Labor verwehrt. Cid schloss sich ein, wollte niemanden mehr sehen. Niemanden, außer seine Steine in Gesellschaft, seines nicht existenten Freundes, der ihn zu all diesem Schwachsinn zu verleiten schien.

Balthier war kein Einzelkind, hatte aber von seinen zwei Brüdern nicht viel mehr, als ein paar Geschichten gehört, genau so wenig, wie er jemals über seine Mutter erfahren hatte.
Er wusste nur, dass sie Cid verlassen hatte. Wahrscheinlich aus demselben Grund, der Balthier immer weiter von ihm wegtrieb. Auf der Welt gab es nicht viel, das Cid etwas bedeutete. Nur seine Arbeit und das, was dabei rumkam. Vielleicht war er ihm irgendwann einmal ein guter Vater gewesen. Aber an diese Dinge vermochte Balthier sich schon nicht mehr zu erinnern.
Und wohin seine Mutter, zusammen mit seinen Geschwistern, verschwunden war.. er wusste es nicht, genau so wenig, warum er der Einzige, der drei Söhne war, den sie zurückgelassen hatte.
Selbst, wenn sie noch irgendwo in der Stadt wären und er ihnen über den Weg laufen würde, wie sollte er sie erkennen? Er hatte nicht ein einziges Foto, bloß ein paar Erzählungen und Geschichten, die auf so ziemlich jede X-Beliebige Person zutreffen könnte, die ihm über den Weg lief. Außerdem lagen Jahre dazwischen, in denen Cid genau so viel Kontakt zu ihnen hatte, wie Balthier; garkeinen.
Und die Zeit veränderte die Menschen.
Doch selbst das Wissen, dass da draußen noch eine Familie existierte, hatte Balthier nie den Ansporn gegeben, nach ihnen zu suchen. Wer konnte ihm immerhin schon sicher sagen, dass nicht die nächste Enttäuschung auf ihn warten würde und wer bestätigen, dass seine Mutter nicht ein genau so abweisender Mensch war, wie Cid?
Da reichte es ihm zu wissen, dass es noch irgendwo jemanden gab, der vielleicht hier und da einen Gedanken an ihn verschwendete, sich vielleicht sogar um ihn sorgte.
Wie ein kleines Fünkchen Hoffnung am Ende eines schier endlosen Tunnels. Manchmal erheiterte ihn dieser einfache Gedanke, dass irgendwo in Ivalice noch eine Anlaufstelle für ihn war.
Vielleicht sogar ein zweites Zuhause.

#

Als hätte die Uhr keine Zeiger, so schien auch die Zeit schlichtweg zu stehen. Es war nicht so, als hätte Balthier jemals Spaß an seiner Arbeit gehabt, tat er sie doch bloß, weil er leicht und vor allem früh an einen gut bezahlten Job gekommen war, für den er nicht einmal großartig die Finger hatte krumm machen müssen.  
Und eben das hatte ihm die Türen zu anderen Welten eröffnet, ihm sich einen großen Wunsch im Alter von erst sechzehn Jahren erfüllen lassen.
Auch, wenn Cid wahrscheinlich nicht sonderlich erbaut darüber sein würde. Es war nun einmal Balthiers Entscheidung und er hatte schlichtweg keine Lust zuzusehen wie dieses, anfangs so glanzvolle Leben, ausuferte. Denn das würde es, immerhin war es ja schon mehr oder weniger auf dem besten Wege, auch wenn es bisher nur Cid war, der dermaßen aus der Reihe tanzte.
Es würde nicht lange dauern, da tanzte das ganze Imperium mit. Unter Leitung eines nicht existenten Vollidioten.
Natürlich war es nicht so, als würde er von dieser Erfahrung nichts mitnehmen, immerhin bildete das Imperium nicht gerade schlecht aus und nur die besten Soldaten hatten überhaupt eine Chance jemals Richter zu werden.
So kam auch Balthier recht früh in den Genuss allerlei Waffenausbildungen, nicht zu schweigen von all den Luftschiff und Piloten Erfahrungen, die er in seinem jungen Leben schon hatte sammeln können. Sie kamen ihm jetzt wahrscheinlich zu Gute, auch wenn er wahrscheinlich niemals vor Cid zugeben würde, dass er etwas mit diesen Dingen anfangen konnte, oder gar, dass Cid je etwas richtig gemacht hatte.
Es lag nicht in seiner Natur zu vergeben oder jemandem hinterherzulaufen, der ihm so offensichtlich den Rücken zugewandt hatte. Elternteil hin oder her, was brachte es ihm schon,
wenn er schlussendlich doch nicht das tun konnte, wonach er strebte?
Und wahrscheinlich war sein Leben schon verplant gewesen, bevor er überhaupt damit angefangen hatte, sich darüber Gedanken zu machen, was er selbst einmal damit anfangen wollte.

Dass er die Nacht mit zu viel sinnlosem Zeug verbracht hatte, bemerkte er schon am Morgen, als der Wecker ihn zu einer unmenschlichen Uhrzeit aus dem Bett klingelte. Er ärgerte sich nun, war beinahe beschämt darüber, sich so für etwas hinreißen zu lassen, lag es doch immerhin in den Sternen, die Viera jemals wieder zu sehen. Noch dazu kam die Tatsache, dass er einfach niemandem darüber erzählen konnte, was letzte Nacht vorgefallen war, ohne gleich als Wahrnehmungsgestört abgestempelt zu werden.
So hatte er sich den Vormittag, bis hin in den späten Nachmittag hinein mit seinen brennenden Augen und den Gedanken an etwas herumärgern müssen, was abwegiger nicht hätte sein können und anstatt nach Feierabend zum Hangar zu gehen, hatte er nichts besseres zu tun, als sich für die ein oder andere Stunde aufs Bett zu legen.  Glücklicherweise hatte er morgen seinen freien Tag, an dem er versuchen konnte, all das aufzuholen, was er für heute geplant und nicht geschafft hatte und verdammt, dazu gehörte nicht die Viera! Balthier wusste, was er wollte, hatte seine Pläne über Monate hinweg still und heimlich ausreifen lassen, ehe er sich für den Kauf des Luftschiffes entschieden hatte, um eine neue Karriere weit weg von Archadis und dem Draklor Labor zu beginnen.  Balthier drehte sich auf seinem Bett herum, spielte in Gedanken seinen Plan für den nächsten Tag ab, als plötzlich die Tür zu seinem Zimmer aufgerissen wurde und er eine Gestalt im Türrahmen ausmachte, die er dort schon lange nicht mehr hatte stehen sehen.

„Ffamran, mein Junge! Komm!“, rief Cid euphorisch, zog für einen Augenblick die Brauen zusammen, als er seinen Sohn auf dem Bett ausmache. „Lass mich dir etwas.. großartiges zeigen!“

Etwas durcheinander über die plötzliche Wandlung seines Vaters und die Tatsache, dass er tatsächlich wieder mal ein Wort mit ihm wechselte, setzte er sich auf, schenkte ihm einen genau so abschätzenden Blick, wie Cid es einige Sekunden zuvor getan hatte.
„Oh? Was bring dich hier her?“, fragte er ernst, wusste mit seiner Aufmerksamkeit gerade wenig anzufangen. „Wochenlang willst du mich nicht sehen und plötzlich tauchst du wieder auf. Und dann verlangst du, dass ich nach deiner Pfeife tanze“ Balthier schenkte ihm ein selbstgefälliges Grinsen, während er ihn nicht aus den Augen ließ.

„Dafür ist jetzt keine Zeit. Ich will, dass du es dir ansieht, weil du fürs Imperium arbeitest, also beweg dich! Du musst noch eine Menge lernen, wenn du es einmal so weit bringen willst, wie ich.“
Cid warf ihm einen durchdringenden Blick zu, ehe er mit dem Kopf Richtung Labor nickte und mit einem Lachen verschwand.

Balthier blieb zurück. Gleichermaßen durcheinander, wie belustigt. Entschuldigung? Es so weit bringen, wie Cid? Verrückt werden und mit sich selbst reden?
Ihm entkam ein leises Lachen, ehe er sich dazu überwinden konnte aufzustehen und in seine Stiefel zu schlüpfen. Cid war gewissermaßen sein Vorgesetzter, derjenige, der die ganze Party hier schmiss und ihm mehr oder weniger sein Luftschiff finanziert hatte, also wäre einer Verweigerung dieser Aufforderung nur auffällig.  
So fand er sich nicht viel später wieder, wie er tatsächlich sein Zimmer verließ, die Tür hinter sich zuzog und sich erneut, mehr oder weniger, auf zur Arbeit machte.  Es war durchaus seltsam, dass Cid ihn persönlich herbestellt hatte, schickte er doch sonst immer einen seiner Lakaien, die den ganzen Tag nichts anderes taten, als für ihn durch die Gegend zu huschen, Leute herzubestellen und sie wieder wegzuschicken, sodass Balthier sich wirklich fragte, was so tolles vorgefallen war.
Er stieg in den Aufzug, betätigte den Knopf zum höchsten Stockwerk, um sich, einige Sicherheitsvorkehrungen später, in Cids Labor wiederzufinden.

„Sieh dir diese Statistiken an!“ Cid klang euphorischer, als je zuvor, packte seinen Sohn am Arm, um ihn rüber an einen der Schreibtische zu ziehen, während er auf die Papiere deutete, die wild verstreut auf der großzügigen Arbeitsplatte auslagen.  „Wenn wir so weitermachen, könnten wir ganze Nationen ausrotten! Unsere Zukunft liegt in der Kraft der Nethicite!“ Er rückte seine Brille zurecht, musterte seinen Sohn mit einem abwartenden Grinsen.

Balthiers Augenbrauen wanderten erneut gen Norden. Und dafür rief man ihn nun her? Es war zu erwarten, dass Cids Forschungen sich nicht mehr zum Guten wenden würden, aber dass es mittlerweile schon so weit ging. „Erstaunlich“, murrte er nüchtern, befreite sich aus Cids Griff, der noch immer Papiere hin und herschob,  Zeichnungen hervorholte nur um den ganzen Kram dann wieder durcheinander zu bringen. Er ging ein paar Schritte, sah sich ein wenig um. Es war eine ganze Weile her, dass er das letzte Mal hier war und es hatte sich so einiges verändert.
„Gramis hat dem ganzen Spektakel also zugestimmt, nehme ich an?“, fragte er, kam vor einem großen Regal zu stehen, in denen Ordner standen, voll von weiteren Papieren, Plänen und Zeichnungen. Alle ordentlich beschriftet und dem Alphabet nach geordnet. Da machte sich jemand Mühe mit seinen Mordplänen.

„Er wird, mein Sohn. Er wird“
Balthier hörte Cids Stimme aus dem Hintergrund, dann das Knistern von mehr Papier.
„Wir sind auf dem beste Wege, das Imperium wächst und wächst und macht seinem Namen alle Ehre“

„Verstehe“ Balthier warf ihm einen ernsten Blick zu, fragte sich, wie Cid sich dermaßen in Rage reden konnte, dass er schon kaum noch wahrnahm, dass er überhaupt noch in Gesellschaft seines gleichen war. Aber vielleicht war er diesen Steinen schon viel ähnlicher geworden, sodass er diese als seine einzige, seine Wahre Gesellschaft ansah. Immerhin konnten diese ihm nicht widersprechen und lieferten das, was er haben wollte; Statistiken.
„Wirklich interessant, Cid. Aber ich werde mich für heute um interessantere Dinge kümmern. Meinen Feierabend zum Beispiel“
Er warf ihm einen kurzen Blick zu, sah nur, wie Cid ihm einen kurzen Wink gab verschwand dann zur Tür hinaus. Was in aller Welt dachte er sich dabei? Wie konnte er denken, Balthier fand den ganzen Zirkus hier noch gut oder gar.. erstrebenswert? Kopf schüttelnd machte er sich auf den Weg zum Fahrstuhl, betätigte allerdings nicht den Knopf zur Wohnetage, sondern vielmehr den zum Stadtausgang. Selbst, wenn es schon spät war, er musste raus. Raus aus dem Labor, raus aus seinem Zimmer und am besten raus aus der Stadt. Auch wenn es wohl nicht die klügste Idee wäre, mit einem ungewarteten Luftschiff von dannen zu ziehen. Aber wenn er Glück hatte, würde er noch einen Mogry am Hangar erwischen, den er darum beten konnte, sein Schiff in Augenschein zu nehmen, um ihn über eventuelle Mängel zu informieren.

Balthier liebte die Stadt in der Nacht, liebte die Stille und die Menschenleeren Straßen.  Er hatte es schon immer bevorzugt um die Häuser zu ziehen, wenn niemand zusah, wenn er für sich war und keinen Gedanken daran verschwenden musste, dass er vielleicht jemanden traf, den er kannte.  Es war nichts schweres, aus einer unangenehmen Unterhaltung zu entfliehen, allerdings war es Zeit, die er für etwas anderes nutzen konnte.
Er nahm einen tiefen Atemzug, spürte, wie die angenehme Nachtluft ihm den Kopf von alle den lästigen Gedanken befreite, die ihn am Tage quälten. Er hatte sich keinen Tag ausgesucht, an dem er abreisen würde, doch schien das Warten aufs Ungewisse noch unerträglicher zu sein, als würde er die Tage zählen. Vielleicht nicht heute, auch morgen nicht, aber wie sah es mit übermorgen aus? Er wusste es nicht, war sich seiner Pläne dann doch nicht so sicher, um sie gleich in die Tat umzusetzen.
Balthier bog die Straße Richtung Hangar ein, blieb einen Augenblick später stehen, als hätte ihn der Blitz getroffen. Das Glück musste auf seiner Seite sein, wenn sein Kopf ihm jetzt keinen Streich spielte.
Als er sie das erste Mal getroffen hatte, war sie ihrer bewusst gewesen. Selbstsicher, anmutig, stolz. Jetzt wirkte sie verloren, unsicher und fragte sich wahrscheinlich, was sie hier mitten in der Nacht und allein in der Stadt tat, wo sie doch in den Wäldern bei Ihresgleichen sein konnte.

„Ich erinnere mich an das hübsche Gesicht“, raunte er nach einer Weile in die Stille, in der er davon ausgegangen war, sie hatte ihn wahrgenommen. Stattdessen erschrak sie, drehte den Kopf nicht viel später in Balthiers Richtung mit einem Gesichtsausdruck, der einer Verwunderung sehr nahe kam. Sie antwortete nicht, warum auch.  
„Sieht so aus, als hätte sich da jemand verlaufen? Bis in den Dschungel sind’s ein paar Stunden von hier“, feigste er weiter, hob eine der schlanken Augenbrauen, während die grauen Augen sie ungeniert fixierten. Balthier ließ sich neben ihr, auf einem Mauervorsprung, nieder, darauf achtend, genügend Platz zwischen den beiden zu lassen, um nicht aufdringlich zu wirken.  
Sie reagierte nicht auf das, was Balthier ihr sagte, noch lief sie davon. Anscheinend war sie wirklich so verunsichert, wie sie gerade aussah.
„Okay, verstehe. Wie wäre es für den Anfang erst mal mit einem Namen, meine Gute?“ Er setzte vorsichtig an, lehnte sich ein Stück vor, um ihr direkt ins Gesicht zu sehen, bis die einzigartigen Augen ihn schließlich direkt fixierten. „Balthier mein Name“  
Er wusste von sich selbst, dass er ein verdammter Charmeur war. Jemand, dem es leicht viel, Frauenherzen für sich zu gewinnen und so schnell keinen Korb bekam. Wie er allerdings auf Viera wirkte, hatte er bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht austesten können.

„Fran“, antwortete sie schließlich. Ruhig und bedächtig, während sie den Blickkontakt noch immer aufrecht erhielt. Und Balthier konnte nicht leugnen, dass ihm ein Schauer über den Rücken lief, als sie das erste Mal so direkt zu ihm sprach. Denn dieser Moment hier war mit nichts vergleichbar, was er zuvor erlebt hatte. .
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