Der Test der Zeit: Band II "Chroniken der Ungesehenen Seherin"

von Nakago
GeschichteAbenteuer / P12
29.07.2011
11.10.2011
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Der Test der Zeit
Chroniken der Ungesehenen Seherin

Prolog


1. Eleasias Das Jahr der Visionen 731 TZ Chondathan

Ich wache auf und weiß nicht, wo ich bin. Verdammnis! Und das ist nicht, weil ich viel zu müde ins Bett gegangen bin oder weil ich im Brunnenhaus einen zuviel gebechert hätte. Ich weiß ganz genau, wie ich heute Nacht mit Thropp und ein paar seiner lustigen Gesellen in das Haus eines reichen Händlers eingestiegen bin und ihn ein wenig um die Bürde des Reichtums erleichtert habe. Fünfzig Goldmünzen waren mein fairer Anteil gewesen. Seit etwa einem Zehntag bin ich wieder in der Stadt, habe eine kleine Wohnung im besseren Teil des Westviertels bezogen und ein Mädchen für alles eingestellt, die sich etwas um Mili und die Wohnung kümmert. Thropp hatte mich angesprochen, ob ich nicht Lust hätte, ein wenig die Reichen der Stadt zu erleichtern. Und natürlich habe ich ja gesagt.

Ich richte mich auf und konzentriere mich auf das Jetzt. Meine Augen gewöhnen sich an die Dunkelheit. Der Raum ist kühl, gut gemauert, misst etwa drei auf vier Schritt im Quadrat, verfügt als einzige Einrichtung über die karge Pritsche, auf der ich gelegen habe. Durch ein vergittertes Loch sickert etwas von Selunes Licht in die Zelle, gerade genug, um zu erkennen, wie der Raum aussieht. Eine stabile Türe bildet den einzigen Ausgang. Der steinerne Boden ist kühl unter meinen bloßen Füßen. Leise schleiche ich mich an die Türe und lausche daran. Außer meinem eigenen Atem höre ich nichts. Überraschenderweise lässt sich die Türe öffnen und ich stehe vor einer Wendeltreppe, die nach unten führt. Eine Fackel sorgt für etwas Licht, die sich aber leider nicht aus dem Halter nehmen lässt, auch als ich mich mit meinem ganzen Gewicht dagegen stemme. Nun, dann muss es eben so gehen. Vorsichtig taste ich mich von Stufe zu Stufe, jederzeit auf eine unangenehme Überraschung gefasst.

Schließlich höre ich Stimmen. Behutsam taste ich mich weiter vor und linse schließlich in einen achteckigen Raum, indem sich sechs verhüllte Personen befinden. „Tritt näher, Kaira Rea.“ Nachdem ich den Raum betreten habe, kann ich im diffusen Licht erkennen, dass sie die braune Kleidung tragen, die auch Karn immer trägt, sozusagen das Markenzeichen der Gilde der Ungesehenen Seher. „Du willst also unserem Bund beitreten. Warum?“

„Nun“, dehne ich ein wenig. „Weil ich denke, dass dies mein Ding ist, Informationen sammeln, Finstere Geheimnisse aufdecken und die gemeinen, geheimen Pläne finsterer Schurken zu vereiteln.“
„Dich treibt also pure Abenteuerlust?“
„So kann man das auch ausdrücken“, meine ich ehrlich.
„Nun gut, wir werden dir vier Fragen stellen, beantworte sie so ehrlich wie möglich. Es gibt dabei kein falsch oder richtig, sondern wir wollen dich dadurch näher kennen lernen. Also erstens, stell dir vor, du möchtest jemandem wichtige Informationen abkaufen. Du gehst zum Haus des Verkäufers und findest die Tür unverschlossen. Leise gehst du hinein, wo du ihn tot in einer Blutlache am Boden liegen siehst. Der offenkundige Mörder kniet noch mit der blutigen Klinge in der Hand über der Leiche. Noch hat er dich nicht bemerkt. Was tust du?“

„Nun, ich würde versuchen den Mörder zu überwältigen, um aus ihm die Information herauszuholen. Und natürlich würde ich noch versuchen, die Leiche zu bergen. Es gibt klerikale Zauber, die einen erlauben, so etwas auch noch nach dem Tod zu erfahren“, antworte ich nach kurzem Überlegen. Meine Antwort scheint sie etwas zu überraschen.

„Nun gut, stell dir vor, wir, die Großmeister, haben dich zu einem Treffen in diesen Raum bestellt. Du kommst vor der Zeit und siehst aus den Schatten, wie wir in einer dir fremden Sprache mit einer dämonischen Kreatur in unserer Mitte sprechen. Du verursachst ein Geräusch und wirst gleich entdeckt werden. Was tust du?“

Au, dass ist knifflig. Ein Frage des Vertrauens, oder was gut und richtig ist? Da werde ich richtig unsicher. Was würde ich tun? Vertraue ich ihnen? Bis jetzt hatte ich keinen Grund, dies zu tun. „Ich würde mich zu erkennen geben, in dem Glauben, dass dies einem höheren Ziel dient.“

„Aha? Stell dir vor, du hast ein Buch mit höchst wichtigen Informationen in deinen Besitz gebracht und willst es zu uns bringen, aber ein überlegender Feind stellt dich. Er ist in Eile und bietet dir dein Leben im Austausch für das Buch. Eine Flucht ist aussichtslos. Was tust du?“

„Puh! Das Buch vernichten, bevor es ihnen in die Hände fällt?“

„Du würdest also unersetzliche Informationen lieber vernichten?“

„Das ist jetzt wirklich knifflig. Kommt wohl sehr auf die Situation drauf an. Vielleicht würde ich auch zum Schein darauf eingehen und dann alles daran setzen, es wieder zu beschaffen. Kommt wohl sehr auf die äußeren Umstände an.“ So langsam werde ich unsicher und auch nervös. Das Gespräch verläuft nicht so sehr, wie alle Beteiligten sich das gewünscht haben. Nicht gut.

„Kommen wir zur letzten Frage, stell dir vor, du besitzt ein Objekt von großer Macht. Zwei fremde Männer kommen zu dir. Beide erklären, dass das Objekt sowohl zum Guten als auch zum Bösen verwendet werden kann. Beide behaupten von sich, es zum Guten verwenden zu wollen und warnen dich davor, dem jeweils anderen zu vertrauen. Sie verfügen über einige Macht und könnten dir das Objekt auch mit Gewalt nehmen. Was tust du?“

„Ich glaube, ich habe ein Deja vu. Diese Frage hatten wir ja praktisch schon. Letztes Mal haben wir ja beide Parteien an einen Tisch gebracht.“

„Du würdest also lieber die Entscheidung anderen überlassen?“ Ich habe kein gutes Gefühl mehr. Bin ich für diese Art Arbeit vielleicht gar nicht geeignet? Die Helden in den Geschichten haben selten solche Situationen. Die erkennen ihre wahren Feinde immer am verschlagenen Blick. Leider ist das hier nicht so einfach. Ich seufze.

„Das ist so schwer zu beantworten. Ich würde versuchen, ihre Motive zu begreifen. Letztes Mal hatten wir keine wirklichen Informationen, keine eigenen Quellen. Wenn ich das nächste Mal in so eine Situationen komme, werde ich hoffentlich besser vorbereitet sein.“

Irgendwie habe ich das Gefühl, dass sie etwas unsicher sind, was sie von mir halten, als sie mich zurück in das dunkle Zimmer schicken. Aber ich sollte ja ehrlich sein und ihnen nicht unbedingt nach dem Mund reden, schätze einfach auch, dass sie das gemerkt hätten. Etwa dreihundert Herzschläge warte ich, dann werde ich nach unten gerufen. Karn hat sich als Siebter zu ihnen gesellt.

„Kaira Rea, du bist noch sehr jung und hast noch sehr viel zu lernen. Und wir werden dir dabei helfen. Willkommen in der Gilde der Ungesehenen Seher.“ Ich stoße einen spitzen Schrei der Freude aus, falle Karn um den Hals und drücke ihm einen dicken Kuss auf die Wange, was dieser völlig verdattert über sich ergehen lässt. Ich habe es geschafft!

Karn führt mich in wenig herum. Wir befinden uns in einem sehr großen Haus, dass einem Graf Ignus Voland gehört. Uralter Name, aber nur noch wenig Vermögen und Einfluss. Er hat der Gilde sein Haus als Hauptquartier zur Verfügung gestellt. Ich bekomme eine dieser braunen Kutten ausgehändigt. Total unmodisch die Dinger, aber sie helfen mit der Menge zu verschmelzen. Als Lehrerin und Ansprechpartnerin für meine weitere Ausbildung bekomme ich eine Frau namens Alana zugeteilt. Und sie hat gleich mal ein paar Lektionen für mich vorbereitet. Die Zeit des Lernens hat für mich erst begonnen, dünkt mich.

Kapitel 1
Die grüne Kugel der Macht

15. Eleasias Das Jahr der Visionen 731 TZ Chondathan

„Wisst ihr, was mich in den Fingern jucken würde?“, werfe ich in die vertraute Runde. Dolon ist von seiner Militärmission im Norden zurückgekehrt und seit langer Zeit sind wir wieder an einem Tisch im Brunnenhaus. Über Lias Anwesenheit bin ich nicht glücklich, aber auch wenn ich ihr nicht mehr trauen kann, sie gehört irgendwie zu unserem Haufen.
„Was denn?“, fragt Xana gnädigerweise.
„Diese Kiste im Abbathor Schrein. Da ist bestimmt noch ein Schatz drin.“
„Schreine Plündern ist keine gute Tat“, wirft Glücksbote Ryan ein.
„Nun, dieser Abbathor ist zum einen kein guter Gott, zum anderen, befindet sich die Kiste in einem Geheimgang neben dem Schrein. Also plündern wir nicht direkt den Schrein.“
„Da ist was Wahres dran“, meint Schlachtenrufer Dolon und leert seinen Humpen.
„Und wir sollten vielleicht in Erwägung ziehen, die Position des Schreins an jemanden zu verraten. Es gibt da zwei Optionen, wir verraten das der Tyrkirche, dass sie den Schrein versiegelt. Oder eben den Zwergen aus dem Tallynstein Clan, denen ist das bestimmt eine Belohnung wert.“
„Also ich wäre dafür,“ meint Glücksbote Ryan, „dass wir den Schrein von gefährlichen Fallen säubern und ihn dann an die Experten des Tyrtempels weitergeben.“
„Das hört sich gut an“, meine ich, „Ganz zufällig habe ich alles Notwendige dabei. Wer wagt, gewinnt.“
„Der Abend ist ja noch jung, worauf warten wir dann noch? Wer wagt, gewinnt!“, pflichtet mir Glücksbote Ryan bei.

Wir verabschieden uns von Renya und schlendern in entspannter Atmosphäre zu den drei Gargylen hinter der Taverne zu den drei Fässern. Klug aus bitterer Erfahrung hängen wir die Wäsche von den Leinen ab und stapeln sie in Sicherheit. „Ich sei geschützt!“, meine ich und wedle mit einem kleinen Umhang herum, den ich von einer von Milis Puppen gemopst habe. Dabei biege ich etwas Gewebe zu mir hin, dass gefährliche Einflüsse leichter von mir abprallen können. Unter meiner Kleidung trage ich mein Kettenhemd aus Mithril, das mich fast nicht behindert. Ich versuche, zuerst die bekannte Feuerfalle zu entschärfen, aber wie üblich zischt eine Feuerlohe an mir vorbei. Kein Problem, das gleiche Spielchen mache ich an der Kältefalle. Wieder zischt die Lanze aus Eis an mir vorüber und trifft mich nicht. Nur bei der Falle, welche den Spinnenschwarm herholt, habe ich das notwendige Können oder besser gesagt, Glück, sie zu entschärfen.

Die dunkle Treppe führt uns nach unten. Der Kadaver der Düsterschlange ist inzwischen vollständig verrottet und schleimiger Pilzbewuchs bedeckt die Überreste und Teile der Wände. Auf dem Boden bewegt sich was, ein Schleim. Iiiks! Ich lasse ihn einen Pfeil schmecken und auf einmal haben wir zwei davon. Nicht gut! Lia zeigt, dass sie sich in der Zwischenzeit auch arkanen Studien gewidmet hat und lässt eine Woge aus Feuer über den Schleim zischen, was ihn deutlich verschrumpelt. Wirklich gefährlich werden kann der Schleim uns nicht, na ja, jedenfalls nicht allen. Glücksbote Ryan und Dolon werden noch von ätzenden Berührungen getroffen, die aber zum Glück nur ihr Fleisch und nicht ihre Rüstung beschädigen. Schließlich schießen wir es mit unseren Schleudern und etwas Magie zusammen. Mistviecher!

Der Abbathorschrein ist so verlassen wie eh und je. Ich öffne die Geheimtüre und stehe vor der Truhe. „Geht am besten etwas zurück, das könnte gefährlich sein.“ Alle bis auf Glücksbote Ryan weichen zurück. Ich spreche ein Gebet an Tymora, küsse ihr heiliges silbernes Symbol, führe es an Stirn und Herz. Es dauert eine Weile, bis ich die beiden primären Auslöser gefunden habe. Beides sind flache Symbole, die kaum erkennbar in die Verzierungen der Kiste eingefügt sind. „Ich sei geschützt!“, rufe ich ein weiteres Mal und wedle mit dem kleinen Umhang in der Luft herum. Dieser Zauber hält leider nie allzu lange. Vorsichtig setze ich einen kleinen Meisel in die untere Endung des rechten Symbols und klopfe dann herzhaft darauf. Ein Stück Metall springt ab und mit einem harmlosen Leuchten verpufft die magische Ladung ohne Schaden anzurichten. Das Amulett von Maske fühlt sich leicht warm an. Da hat mir wohl jemand geholfen.

Das zweite Symbol ist etwas verzwickter, da es rund ist. Normalerweise kann man solche Symbole dadurch entschärfen, in dem man eine Endung erweitert, so dass die Magie abfließen kann. Bei einem Kreis ist das kniffliger. Schließlich entscheide ich mich für eine Stelle und rutsche ab. Verdammnis. Ich springe hoch und stütze mich an den Wänden ab, während zerstörerische Blitze unter mir den Gang entlang zischen, Glücksbote Ryan durchschütteln, die Statue des diebischen Zwergengottes in der Höhe seines Dolches treffen und diesen als Fokus benutzen, den gesamten Raum mit einem Blitzgewitter zu erfüllen. Gepeinigte Schmerzensschreie sind zu hören. Auweia!

15. Eleasias Das Jahr der Visionen 731 TZ Chondathan

„Tut mir Leid!“, meine ich und strecke meinen Kopf in den Schrein. Nur Xana, die ganz hinten stand, hat nichts abbekommen, alle anderen sehen aus, als würden sie eine exotische Frisur ausprobieren, da ihre Haare leicht rauchend in alle Richtungen abstehen. „Nichts Schlimmes passiert“, meint Schlachtenrufer Dolon und humpelt aus dem Schrein. Auch die anderen gehen etwas weiter zurück. Auf zum nächsten Versuch. Wieder rutsche ich ab, kann mich aber wieder retten. „Aller guten Dinge sind drei!“ Ein weiteres Gebet an Tymora und endlich klappt es. Glück gehabt!

Das zwergische Meisterschloss erweist sich als richtig zäh, aber endlich gibt es nach einer halben Ewigkeit nach. Vorsichtig öffne ich die Kiste. „Wahre Gier ist eine Tugend!“, steht da auf einem Beutel. Tja, und nur der eine Beutel ist da drin. Ich mach ein langes Gesicht. Vorsichtig nehme ich ihn heraus. Er ist ziemlich schwer. „Der ist magisch! Das muss ein Nimmervoller Beutel sein“, kreischt Xana, die immer sehr hoch spricht, wenn sie aufgeregt ist. Glücksbote Ryan grabscht ihn sich, obwohl ich ihn festhalten will und reißt ihn mir wortwörtlich aus den Fingern. „He!“ „Xana ist die Schwächste von uns, sie kann mit ihm am meisten anfangen“, belehrt mich Glücksbote Ryan auf seine herablassende Art, die ich so langsam an ihm hasse.

Xana schnappt sich den Beutel. „Da ist bestimmt noch was drin!“ Sie öffnet ihn und greift hinein. „Warte!“, rufe ich noch. Ich kenne Geschichten, dass solche Beutel manchmal keine solchen praktischen, nimmervollen Beutel sind, sondern sehr gemeine Fallen, genauer gesagt die Fressöffnung für ein Monster, das zwischen den Ebenen lauert. „Es wäre vielleicht besser, wenn ich das erst untersuche!“ Aber zu spät. Das erwartungsvolle Gesicht von Xana verzerrt sich auf einmal und sie wird totenbleich. Ein Ruck geht durch ihren Arm und der wird bis zum Gelenk in den Beutel gezogen. Glücksbote Ryan und Schlachtenrufer Dolon stürzen sich wie beim Kampfball auf sie und werfen sie zu Boden. Ryan hält sie fest, Dolon den Beutel, dann ziehen sie mit aller Kraft daran. Deutlich ist ihre Anstrengung an den Gesichtern abzulesen. Xana kreischt auf und wird zurückgeschleudert. Blut spritzt aus ihrem Armstumpf. Ich kann den zerbissenen Knochen unter dem zerfetzten Fleisch sehen und habe Mühe, mich nicht zu übergeben. Verdammnis!

Glücksbote Ryan presste einen Stoffballen aus der guten Illmater Heilertasche auf ihre Wunde. „Übernimm mal einer.“ Ich mach das und Glücksbote Ryan schnappt sich den Beutel. „Tu das nicht!“ schreie ich, aber zu spät. Entschlossen greift Ryan hinein. Tymora hilf! Sein Gesicht wird grimmig, dann beginnt ein Zerren. Schließlich reißt er seine Hand mit der Hand und dem Handschuh von Xana wieder heraus. „Wer wagt, gewinnt“, meint er triumphierend. Na, ob der Handschuh das wert war? Zum Glück ist Xana inzwischen in eine gnädige Ohnmacht gefallen.

„Das ist jetzt nicht so gelaufen, wie ich gedacht habe“, meine ich zerknirscht und schaue zu, wie die beiden Priester den Armstumpf verbinden. „Nun ja, wir wussten ja, dass es ein Risiko ist“, meint Schlachtenrufer Dolon. „Aber was machen wir jetzt mit ihrem Arm? Dazu ist große Heilmagie notwendig.“

„In der Tat“, meint Glücksbote Ryan, „in meinem Tempel ist niemand in der Lage, solch mächtige Heilmagie zu wirken.“
„Auch im Tempel des Feindhammers befindet sich kein solch heiliger Mann, um Regeneration wirken zu können.“
„Der Vorsteher der hiesigen Tyrannoskirche gilt als einer der mächtigsten Kleriker der Stadt. Auch der Hohepriesterin von Umberlee sagt man nach, dass sie Gliedmaßen nachwachsen lassen kann. Aber die beste Wahl dürfte der heilige Vorsteher der Kathedrale der Triade sein. Seine Exzellenz, Erzbischof Ulmar Jarven, Stimme der Gerechtigkeit zu Chondathan. Sein Ruf ist untadlig und seine Macht gilt als die höchste hier in Chondathan“, merke ich an.
„Ich glaube, keiner von uns will in der Schuld der Kirche von Tyrannos oder Umberlee stehen, also bleibt uns wohl nur Tyr übrig“, bringt Ryan es treffend auf den Punkt. „Tyr dürfte wohl die erste Wahl sein. Bringen wir sie unverzüglich hin.“ So nimmt Ryan sie auf und wir eilen nach oben.

Ohne Probleme erreichen wir die Kathedrale und sprechen einen der wachhabenden Tyrpriester an. Er zögert zuerst, bequemt sich dann aber, seinen Vorgesetzten zu holen. Wir müssen etwas warten und ich setze mich in die erste Bankreihe. Ich schlage die Hände vors Gesicht und weine. Es war meine verdammte Idee gewesen, diesen unseligen Schrein noch einmal aufzusuchen. Meine Gier nach mehr. Verdammt soll sie sein, die Gier, nicht nur meine, sondern auch die der anderen. Dass sie rein gegriffen hat, ist nicht meine Schuld, das hat sie sich selbst zuzuschreiben, aber ich habe sie dorthin geführt, also trifft ein Teil der Schuld auch mich. Ich seufze schwer und trockne mir die Tränen, bevor die anderen merken, dass ich geweint habe. Die Helden in den Geschichten weinen nämlich auch nie.

Der oberste Tempelherr, seine Exzellenz, Erzbischof Ulmar Jarven, Stimme der Gerechtigkeit zu Chondathan von Tyr, ist ein kräftiger Mann um die Fünfzig. Er trägt einen einfachen Morgenmantel. Er bedauert das Schicksal von Xana, aber da sie weder eine Gläubige ist, noch wir wir im Auftrag Tyrs gehandelt haben. Er will sich schon umdrehen, als ihm einer der Priester was ins Ohr flüstert. Er dreht sich noch mal um. „Nun, erzählt, wie es dazu gekommen ist, und wagt ja nicht zu lügen.“ Er macht ein paar theatralisch wirkende Gesten, aber er wirkt dabei wirklich einen Zauber. Ich lasse zu, dass der Zauber bei mir wirkt und erzähle ihm die Wahrheit. Eben wie wir die Truhe geöffnet haben und wie der Fressbeutel Xanas Arm gefressen hat. Ich lasse viele Details weg, bleibe aber bei der Wahrheit.

„Nun gut, ich werde der jungen Frau ihren Arm wieder geben. Aber ihr alle werdet mit einen entsprechenden Dienst für die Kirche Tyrs dafür bezahlen.“
„So soll es sein!“, sage ich ohne zu zögern. Bis auf Ryan sind alle sofort einverstanden.
„Dieser Dienst sollte aber nichts Unrechtes sein.“ Und ich dachte immer, ich wäre naiv, aber Ryan schlägt mich um Längen. Ich kann mich nicht halten und schlage die Hand vor die Stirn.
„Du Schwachkopf! Wir sind hier in der heiligen Kathedrale der Triade und Tyr ist der Gott der Gerechtigkeit. Sie werden nichts verlangen, was Unrecht sein könnte.“
„Wahr gesprochen, Kind!“, meint der Hohepriester des Tyr mit hochrotem Gesicht. „Und ihr solltet euch mäßigen, Glücksbote der Dame des Glücks. Vielleicht solltet ihr eure Herrin um etwas Verstand bitten, denn den scheint ihr bitter nötig zu haben.“ Nachdem auch Ryans Bedenken zerstreut sind, legen wir alle einen Schwur ab, diese Aufgabe zu erfüllen oder dabei zu sterben. So sei es!

16. Eleasias Das Jahr der Visionen 731 TZ Chondathan

„Tante Xana aua gemacht?“, fragt mich Mili, als ich sie am Tymora Hort abgebe und sie die Halbelfe sieht, die bleich mit verbundenem Armstumpf und vom Schmerzmittel beduselt in einer Ecke sitzt.
„Ja, Tante Xana hat sich groß aua gemacht, aber Mama und die anderen werden ihr helfen, sie wieder gesund zu machen.“ Das freut meine Kleine und sie schließt sich ihren kleinen Freundinnen an, die schon zusammen sitzen und ein Spiel mit einer etwa dreißig Jahre alten Tymora Priesterin spielen. Seitdem Glücksbote Ryan den Beshaba Priester im Glaubenskampf besiegt hat, sind nicht nur neue Anhänger gekommen, sondern auch einige wandernde Priester und Priesterinnen haben sich eingefunden, um den erweiterten Gläubigenkreis zu betreuen.

Ich habe Xana gestern noch ein Schmerzmittel besorgt und sie hat entsprechend glasige Augen. Normalerweise wird dieses Mittel auch benutzt, um einen etwas anderen Bewusstseinszustand zu erreichen, aber diese Droge unterdrückt auch Schmerzen. Der Hohepriester hatte den Zauber gerade nicht zur Verfügung und uns zur Morgenmesse bestellt. So ein Wunder wird natürlich vor Publikum gewirkt. Auch Tyrpriester wissen, wie man sich in Szene setzt. Also begeben wir uns rechtzeitig in die Kathedrale und wohnen der Morgenmesse des Tyrs bei. Heute hat die Kirche ihren heiligen Wochentag und es sind entsprechend viele Gläubige anwesend, die dann Zeuge werden, wie Xana ein neuer Arm wächst. Diese Macht zu erleben ist wirklich eindrucksvoll und auch ich bin tief bewegt. Die Halbelfe bedankt sich artig und wir sind entlassen. Puh!

Ich bleibe bei Xana, die etwas Orientierungsschwierigkeiten hat und begleite sie zu Tharadors Weinhandel. Leider ist ihr Schatz Serenius nicht da, sondern am Hafen, dann eben dorthin. Wir finden ihn, wie er gerade die Entladung von Wein aus der alten Heimat überwacht, als Xana ihm heulend im die Arme fällt. Der arme Kerl weiß gar nicht, wie ihm geschieht und ich erkläre ihm, was passiert ist. Der glatzköpfige Psioniker ist sehr besorgt über das, was mit seiner Freundin widerfahren ist. Tja, das ist eben auch etwas Berufsrisiko. Wir plauschen noch etwas und gerade, als ich die beiden Turteltäubchen allein lassen will, kommt Dolon mit Glücksbote Ryan und Lia im Schlepptau anmarschiert. Der Schlachtenrufer strahlt dabei über das ganze Gesicht. So aufgedreht habe ich ihn noch nie gesehen. Dolon ist sonst eher der zurückhaltende Typ.

„Stellt euch vor“, er breitet enthusiastisch die Arme aus, „ich könnte eventuell erfahren, wo das Grab von Arabas Korugan liegt, der Faust von Lyskarell.“ Die Namen sagen mir was, in irgendeiner Ballade habe ich schon mal davon gehört, kann sie aber nicht konkret einordnen. Ich gucke ihn deswegen auch groß fragend an. „Arabas Korugan ist einer der größten Helden der Tempuskirche. Er war in dem Kontingent, das Myth Drannor gegen die Scheusale verteidigte. Dabei führte er einen verwegenen Angriff in Lyskarell, welcher die dortige feindliche Armee vernichtete und den Verteidigern von Myth Drannor weitere Zeit erkaufte. Dann verschwand er, es heißt er wäre auf einer anderen Ebene begraben. Und das kann ich herausfinden! Und seinen Leichnam bergen, mit seinen Waffen und seine Rüstung!“
„Aha?“
„Das sind für meine Kirche wertvolle Reliquien. Wenn ich sie bergen kann, dann ist das ein großer Erfolg für meinen Tempel.“
„Ah, ich verstehe, wenn du die Rüstung besorgst, dann steigst du in der Hierarchie auf.“
„Kaira, nicht jeder denkt so materialistisch wie du“, weist mich Glücksbote Ryan zurecht. Der hat es gerade nötig. Wer war es denn, wer mir den Fressbeutel aus den Fingern gerissen hat und ihn Xana gegeben hat? Aber klar, Glücksbote Ryan hat den Durchblick und ich bin die naive Kaira vom Lande, die keine Ahnung hat. Wie auch immer, ich vertiefe diesen Punkt nicht weiter, sondern fokussiere mich auf das Wesentliche.
„Und wer kann dir das verraten, wenn er auf eine anderen Ebene begraben liegt?“
„Ein Reisender, er nennt sich Idi Adanich und er will dafür etwas haben.“ Irgendwie habe ich geahnt, dass dies noch mehrere Haken hat.
„Und was sollen wir dafür tun?“
„Das sagt er uns heute Abend, kommt zur Dämmerung in den Tempustempel. Wir treffen uns mit ihm in der Rüstkammer. Und als kleinen Anreiz bietet er noch magische Gegenstände im Wert von fünfzigtausend Goldmünzen an.“ Da fangen meine Augen an zu strahlen.

Pünktlich sind wir zur Stelle, um diesen Idi Adanich mal in Augenschein zu nehmen. Die Rüstkammer des Tempels ist voll von Rüstungen aller Arten. In einer Ecke steht die, welche wir vor einem halben Jahr geborgen haben. Irgendwie traurig, dass sie hier verstaubt. Dieser Idi Adanich entpuppt sich als ein gedrungenes Wesen, das mir gerade Mal zum Bauchnabel reicht. Er ist dick vermummt und kaum etwas von ihm ist zu sehen. Seine Stimme ist klar und magisch. Seine Augen sind überproportional groß und erinnern an die von Insekten. Die wenige erkennbare Haut ist sehr fahl. Wir stellen ihm verschiedene Fragen und es stellt sich heraus, dass er ein Dromid von der Erdebene ist. Er ist ein Forscher, aber was er genau erforscht, da hüllt er sich in Schweigen.

Der weltenreisende und forschende Dromid will, dass wir ihm eine grüne Kugel besorgen, die bequem in eine Handfläche passt. Sie wäre eine Art Portal, das in eine wahre finstere Ebene führen würde. Und diese Kugel befindet sich in der Pfennigfeste. Und er will diese Kugel haben, bevor sie in Hände fällt, die sie missbrauchen könnten, was für diese Ebene höchst unangenehme Konsequenzen haben könnte. Aha? Aber die Festung Klingenwacht, wie Pfennigfeste eigentlich heißt, ist ein sehr sicherer Ort. Mir wäre nicht bekannt, dass jemals jemand von dort erfolgreich geflohen oder dort eingebrochen wäre. Das stimmt wohl, aber die magischen Gegenstände, welche in der Asservatenkammer lagern, werden am Ende jedes Jahres ins Kollegiat zur weiteren Untersuchung geschafft. Und der erste Magier, der sie näher untersucht, könnte schon eine Katastrophe herbeiführen. Das kommt mir alles etwas fadenscheinig vor. Ich meine, warum sagt der kleine Kerl das dann nicht einfach den entsprechenden Leuten, dass sie so was Gefährliches haben? OK, weil die wahrscheinlich dann nachschauen lassen und dann passiert was vielleicht gar Schreckliches.

Unsere Aufgabe wäre es also, in die Klingenwacht einzubrechen und die Kugel zu stehlen, oder wie er es ausdrückt, in Sicherheit zu bringen. Bis zum Jahresende haben wir Zeit dafür, was also knapp etwas mehr als vier Monate bedeutet. Für die Kugel bietet er zum einen an, den Standort des Grabes von Arabas Korugan zu enthüllen und uns obendrein magische Gegenstände im Wert von etwa fünfzigtausend Goldmünzen zu geben. Das hört sich in der Tat sehr verführerisch an. Und da Idi Adanich ja ein Weltenreisender Forscher ist, erzähle ich ihm von der Längsten Nacht und dem Halblingsmagier Haparius. Er meint, er hat diesen Namen schon mal gehört und wüsste, wo er nachsetzen könnte. Nun gut, schlagen wir das gleich mal auf die Gebühren drauf. Er ist damit einverstanden. Dummerweise hat das jetzt auch Lia aufgeschnappt. Das wird sie bestimmt ihren Auftraggebern weiter geben. Verdammnis!

Wir sind uns somit handelseinig und das seltsame Wesen meint, dass es noch vor Jahresende wieder kommen wird. Ziemlich vage, aber wohl die beste Aussage, die wir bekommen können. Komisches Kerlchen. Wir stellen ihm noch ein paar Fragen über die Klingenwacht, aber er weiß kaum was darüber, nur dass sie verdammt gut geschützt ist. Dann verabschiedet er sich und wir sind alleine. Wir tragen unser recht geringes Wissen über die Festung zusammen. Sie ist auf dem Berg, grenzt an das Viertel der Adligen auf der einen und dem Burgpalast des Gouverneurs auf der anderen. Weil hier die Schuldner inhaftiert werden, nennt man sie auch die Pfennigfeste. Die Besatzung wird von verdienten Mitgliedern der Schildwacht gestellt. Tja, das war es dann auch. Renya weiß vielleicht mehr, also auf zum Brunnenhaus.

Wir finden die gute Frau Harloff oben in ihrem Dachzimmer, sie legt gerade ein Büchlein weg, in das sie emsig geschrieben hat, als wir eintreten. Sie ist entsetzt, als sie hört, dass wir in die Klingenfeste müssen. „Reiner Wahnsinn ist das! Die Pfennigfeste ist einer der sichersten Orte der Kolonien. Gut ausgebildete und loyale Wächter an den Mauern. Magischer Schutz überall. Und selbst wenn ihr erfolgreich seid, dürft ihr keinerlei Spuren hinterlassen, die zu euch führen könnten.“ Ja, da hat sie schon irgendwie Recht. Eine Nummer kleiner hätte es auch getan. Aber wer wagt, gewinnt!

Wenigstens kennt sie zwei Leute, die dort entweder mal eingesperrt waren oder dort gearbeitet haben. Na, wenigstens etwas. Aber da es heute schon spät ist, beschließen wir, uns mal kundig zu machen, wie es mit der Kanalisation aussieht. Also auf zu Sagrell, schließlich sind wir ja in der Kavernenwacht. Wir finden einen Einstieg und reden mit dem Stein gewordenen Anführer der Wacht. Der weiß zu berichten, dass schon das Adelsviertel von seinem Aufgabengebiet abgetrennt ist. Ebenso die Gegend unter der Festung, die ja hinter dem Viertel liegt. Ein Behir soll dort Wache schieben.

„Ein Behir?“ entsetzen lässt meine Stimme schrill werden. Ich habe schlimme Geschichten über diese Monster gehört, angeblich sind es kleine Drachen, im Verhältnis zu einem großen Drachen, mit ganz vielen Beinen und sie können Strahlen der Vernichtung speien. Aber es kommt noch besser, die Kavernen unter dem Adelsviertel sind mit weiteren Monstern besiedelt worden, welche jeden Eindringling fressen. Und obendrein hat Sagrell auch noch gleich etwas Arbeit für uns. Große Ratten, damit meint er menschengroße Ratten, hätten sich in der letzten Zeit in den Kavernen ausgebreitet. Nun gut, wir werden der Sache mal auf den Grund gehen. Ein paar vorwitzige Ratten töten ist genau das Aggressionsventil, das ich jetzt brauche.

16. Eleasias Das Jahr der Visionen 731 TZ Chondathan

Dank Sagrells Hinweisen haben wir bald eine Ansammlung der großen Ratten aufgespürt. Begleitet werden sie von einem Schwarm an kleinen großen Ratten. Eine der großen Ratten hat zwei Hörner und scheint der Anführer zu sein. Die anderen drei Ratten gehören einer etwas kleineren Art an. Bewaffnet sind sie nicht. „Ich sei geschützt.“ Wieder mal wedele ich mit dem kleinen Umhang und beuge das Gewebe zu meinen Gunsten. Geschlossen rücken wir auf die Ansammlung vor und werden recht schnell entdeckt, da wir Licht mit uns führen. Wir stellen den Gegner an einem T Zusammenfluss, wo die Wege durch drei Brücken sich über den Kanal verbunden werden. Hinter dem T Zusammenfluss ist noch ein trockener Bereich, der eine große Nische bildet, deren Sinn ich in diesem Bauwerk nicht ganz verstehe. Vielleicht war hier mal eine Fortführung geplant, die aber nie umgesetzt wurde.

„Möge der Feindhammer euch zerschmettern! Gesegnet seien die Tapferen!“ Schlachtenrufer Dolon streckt seine Axt in die Höhe und macht eine kreisende Bewegung. „Flankieren bringt den Sieg!“ Aus seinem Helm mit dem offenen Visier strahlt eine kurze magische Welle über uns hinweg. Die Rylkar sind sehr schnell, besonders der Schwarm wuselt als eine graue Masse auf uns zu. Die drei Rylkar stoßen geifernde Schreie aus, die mir das Herz in die Hose rutschen lassen. Kein Wunder, dass mein Pfeil die gehörnte Ratte nicht wirklich gut trifft und obendrein noch aus der Wunde gedrückt wird, die sich sofort daraufhin schließt, genau so wie der von Lia. Verdammnis! Schlachtenrufer Dolon stellt sich den Angreifern am rechten Ufer in den Weg, Glücksbote Ryan deckt die linke Flanke, während wir Mädels und auf der Brücke dazwischen aufbauen. Allerdings stürzt sich der Schwarm kurzerhand ins Wasser und kommt wie ein Tsunami auf uns zugerollt. Lia legt die Hände zusammen, verkeilt die Daumen und spreizt dann die Handflächen. „Brenne!“ Zwischen Händen bildet sich Feuer und eine Lohe schwappt den Ratten entgegen. Die Quietschen nur etwas, als das Feuer über sie darüber brandet. Ich kann keine einzige verkohlte Ratte untergehen sehen und ich habe selbst aus drei Schritt Entfernung gespürt, wie heiß die Lohe war. Das ist nicht gut!

Zwei der kleinen Ratten stürmen auf Glücksbote Ryan zu, der Tymoras Wurfscheibe benutzt, als er mit göttlicher Magie einen überdimensionalen Wurfstern formt und auf die Angreifer loslässt. Aber die göttliche Energie scheint vorbei zufliegen. Nicht gut. Tapfer nimmt Schlachtenrufer Dolon die gehörnte Ratte im Empfang und stellt auch fest, dass sich die geschlagene Wunde sofort wieder schließt. Wobei die gehörnte Ratte zeigt, dass die Hörner mehr als nur Zierde sind, indem sie ihm eines tief in die Schulter rammt. Eine zweite Menschenratte kommt herangewuselt und greift Dolon aus dem Wasser heraus an. Dann überrollt uns Mädels auf der Brücke der Schwarm. Ich trete nach ihnen, aber mein Stiefel trifft auf keinen wirklichen Widerstand. Ich spüre die vielen kleinen Bisse und wie mir schummrig wird. Panik steigt in mir hoch und ich renne so schnell ich kann. Nur weg hier!

Nach einigen Herzschlägen komme ich wieder zu Besinnung. Parallel auf der anderen Seite rennt Xana. Beide kommen wir zum Stehen. Wir tauschen kurz einen Blick und drehen uns entschlossen wieder um. Unsere Freunde brauchen uns. „Alles wird gut!“ Und meine Wunden schließen sich wieder, aber ich fühle mich trotzdem geschwächt, da die Wunden wohl nicht nur oberflächlich waren. Ich renne zurück und der Rattenschwarm kommt mir auf meiner Seite entgegen. Ich nutze den Schwung und springe schräg über den Kanal. Ohne Probleme überwinde ich den Schmutzwasserweg und lande noch vor Xana auf der anderen Seite, die vier ihrer Geschosse in den Schwarm jagt, was leider so gut wie keinen Effekt hat. Schwärme fangen so langsam echt an, mich zu nerven. In Vaters Geschichten gab es das nie, dass Helden sich mit solchen kleinen Mistviechern abplagen mussten. Finsternis!

Getan hat sich nicht wirklich viel, aber Glücksbote Ryan scheint stärker in Bedrängnis zu sein. Ich ziehe meinen Dolch aus Alchemistensilber, den wir einst im Anwesen des Weinhändlers gefunden haben. Mutig springe ich ins Wasser und komme so hinter eine der Ratten. Leider rutscht mein Dolch harmlos ab. Aber Glücksbote Ryan spaltet kurz darauf der Ratte den Schädel, Xana tötet die andere mit einer wahren Orgie aus grünen Geschossen, die in mehreren Wellen in es einschlagen. Inzwischen ist der Schlachtenrufer in großer Bedrängnis. Er blutet aus mehreren Wunden, hat aber inzwischen die Letzte der normalen Menschenratte in Stücke gehauen. Die gehörnte Ratte löst sich nun gewandt von ihm und macht sich wohl zu einem weiteren Sturmangriff bereit. „Bei Tempus! Bleib gefälligst stehen!“ Dolon rennt ohne sich vorher zu heilen hinterher und stürmt in die gehörnte Ratte hinein. Wenn das mal nur gut geht. Finsternis!

16. Eleasias Das Jahr der Visionen 731 TZ Chondathan

Ich wate durch den Kanal und eile zum Schlachtenrufer, der emsig Schlag auf Schlag seine Wunden vergilt. Aber die gehörnte Ratte zahlt es ihm mit gleicher Münze heim. Dadurch, dass die Ratte abgelenkt ist, komme ich in ihren Rücken und habe sie nun genau zwischen Dolon und mir. Ich ziele auf die Stelle, wo ich vermute, dass sich dort das Herz befinden muss. Tief ramme ich den Dolch zwischen die Schulterblätter. Schwärzliches Blut spritzt in erfreulicher Masse heraus, als ich den Dolch zurück reiße. Aber die Wunde wird augenblicklich kleiner, auch wenn sie sich nicht gänzlich schließt. Verdammnis!

Vor lauter Aufregung und Frustration vergesse ich, dass ich ein paar Zauber hätte, die mir in dieser Situation helfen könnten. So steche ich ein weiteres Mal zu, Ratte schreit gepeinigt auf, steht aber immer noch. Ist das Ding vielleicht mal zäh! Besonders da auch Lia verschiedene kleine Kugeln beschwört und sie auf die gehörnte Ratte wirft.  Inzwischen spielt Xana mit dem Schwarm, Hasch mich, aber das ist auch keine wirkliche Lösung für das Problem. Aus der ferne sind schwere Schritte zu hören, die schnell näher kommen. Kriegen diese Mistviecher etwas Verstärkung? Oder sind das die Schildwächter, die hier ihren Dienst schieben? Beides ist möglich, aber ich hoffe eher auf das letztere. Wir sind alle angeschlagen und unseren Zauberkundigen gehen so langsam die Zauber aus, ohne dabei wirklich was gegen den Schwarm ausrichten zu können. Finsterste Verdammnis!

Aber es ist Rettung, die naht. Drei Schildwächter, darunter ein Magier, nehmen sich des Schwarmes an. Der Magier macht die gleiche Geste wie für brennende Hände. „Erfrier!“, sagt er aber und eine eisige Kälte schwappt über den Schwarm. Das tut denen aber richtig weh, im Gegensatz zu Feuer. Interessant. Aber ich muss die Ratte vor mir töten. Ein weiteres Mal visiere ich eine empfindliche Stelle an, ramme den Dolch bis zum Heft in den Balg des Dings, drehe ihn und zieh dann raus. Die Ratte schwankt merklich, als Glücksbote Ryan, der sich zwischenzeitlich etwas geheilt hat, mit voller Wucht seinen Morgenstern auf den Schädel der gehörnten Ratte krachen lässt. Der Schädel wird zertrümmert, ein Horn wird abgerissen und ekliger Matsch aus Knochensplittern, Hirnmasse und Haut spritzt mir bis ins Gesicht. Iiiks!

Das war jetzt wirklich eklig. Die letzten Ratten werden durch eine weitere Eislohe vernichtet und wir haben das Schlachtfeld unter unserer Kontrolle. Wirkliche Freude kommt aber bei keinem von uns auf. Das war jetzt keine glorreiche Leistung gewesen. Erbärmlich wäre wohl der richtige Ausdruck. Das halbe Jahr Frieden hat uns nicht gut getan, mein Instinkt ist irgendwie dumpf geworden. Früher hätte ich schneller das Richtige getan. Nein, das war wirklich nur schlecht. Die Schildwächter quetschen uns aus, was wir hier zu suchen haben. Wir geben uns als Mitglieder der Kavernenwacht zu erkennen, die im Auftrag der Erbauer die Kavernen von Ungeziefer frei halten. Und dieses Ungeziefer war wirklich zäh. Ich frage den Magier, wie er das mit dem Eiszauber gemacht hat. Er erklärt mir, dass eine Möglichkeit gibt, Zauber so zu verändern, dass sie ganz anders wirken. Ja, davon habe ich gehört. Damals in der Vorlesung fand ich das etwas überflüssig, da es ja so viele Zauber gibt, die jeweils ein anderes Element repräsentieren. Aber da habe ich mich wohl geirrt. Gerade habe ich gesehen, wie sinnvoll das ist.

Beute ist leider auch keine zu machen. Für heute haben wir genug. Wir melden uns bei dem steinernen Zwerg ab und machen, dass wir hier raus kommen. Was für ein ekliger Ort. Da wir alle angeschlagen sind, klopfen wir Meister Olan aus dem Bett. Der hat zum Glück die notwendigen Zauber auf Lager, die er im Namen Moradins auf uns spricht. Ich fühle mich gleich wieder viel besser, da mein Gürtel nicht in der Lage war, die inneren Schäden zu heilen. Ebenso wenig die krankmachenden Kräfte dieser gemeinen Ratten. Und um dieses Problem müssen wir uns auch noch kümmern. Aber wenigstens haben wir eine schlüssige Ausrede, wenn wir einer Patrouille der Schildwächter dort unten begegnen sollten. Wenigstens etwas.

Wir verabschieden uns und ich eile nach Hause. Dort wechsle ich erstmal meine Kleidung. Da wird mein Hausmädchen aber gar nicht erfreut sein, die eingesaute Kleidung waschen zu dürfen. Das Kettenhemd, das ich unter der Kleidung getragen habe, reinige ich aber selbst. Meine Kleine schläft selig in meinem Schlafzimmer in ihrem Bettchen, ihren neuen Lieblingsbär in der Armbeuge. Ich küsse sie auf die Stirn und schleiche nach draußen. Ich muss unbedingt mit der Gilde der Ungesehenen Seher sprechen.

Gespielt am 9.2.2008
Spielleiter: Stefan
SC: Dolon (Kleriker Stufe 5), Kaira ( Schurke 4/ Seher 1), Lia (Ranger 2/Kriegsmager 2), Ryan (Kleriker Stufe 4), Xana (Hexenmeister Stufe 5)
Schrein des Ruhmes:
Erfahrungspunkte:  1150für Stufe 5, 1250 für Stufe 4. Kaira 75, Ryan 25, Xana 100, Dolon 50
Überwundene Gegner
1 Schleim
1 Super fieser aufgepimpter Schwarm Ratten
3 Rylkar
1 Quäler
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