Die Gefühls-Bremse

von Jeaney
GeschichteRomanze / P12
Captain Becker Jess Parker
26.07.2011
26.07.2011
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Die Gefühls-Bremse


Rrrring

Rrrring

Stöhnend erhob sich Jess. Sie blieb für einen Moment auf der Bettkante sitzen und rieb sich müde über die Augen. Ein lautes Gähnen konnte sie nicht mehr rechtzeitig unterdrücken, als sie sich mühselig erhob und in der Dunkelheit zur Tür ihres Schlafzimmers stolperte. Die Müdigkeit steckte ihr noch ziemlich in den Knochen.

Rrrring

»Ich komm‘ ja schon«, grummelte sie, auch wenn sie wusste, dass sie derjenige, der draußen an ihrer Wohnungstür Sturm klingelte, nicht hören konnte. Sie rutschte nur so über den Fußboden ihres Wohnbereiches, da die weichen Ringelsocken nicht unbedingt fürs Laufen, sondern eher für das Warmhalten der Füße im Winter, gedacht waren. Schlitternd kam sie schließlich vor ihrer Wohnungstür an. Vor lauter Müdigkeit vergaß sie glatt, durch den Spion zu schauen, um sich zu vergewissern, wer sie zu solch später Stunde noch störte.

Rrrring

Jess brummte gereizt und öffnete mit Schwung die Tür. »Ist ja gut, ich -«, fing sie an, als ihr Blick die letzte Person streifte, die sie zu dieser späten Stunde erwartet hätte. Ihr stockte der Atem und sie meinte, ihr Herz müsse ebenfalls kurz ausgesetzt haben. Vor ihr stand –

Captain Becker. In voller Lebensgröße. Zwar nicht in seiner üblichen Uniform, aber es handelte sich hier unverkennbar um ihn. Er hatte seinen Mantel gerade von dem vielen Schnee befreien wollen, doch war er in seiner Bewegung erstarrt, als Jess die Tür geöffnet hatte. Was bei ihrem Outfit kein Wunder war, wie sie selbst zu spät bemerkte. Sie trug nur ein rosafarbenes, ziemlich kurzes Nachthemd mit einem riesigen Teddybär-Aufdruck und die erwähnten lilafarbenen Ringelsocken.

Am liebsten hätte Jess ihm sofort die Tür wieder vor der Nase zu geschlagen, aber sie tat es nicht. Stattdessen öffnete sie den Mund und erwartete, dass irgendwelche Worte hervor purzeln würden. Leider kamen keine Worte aus ihrem Mund und sie stand da mit einem Gesichtsausdruck, wie ein Fisch auf dem Trockenen. Angestrengt schluckte sie. »Beck- Becker«, schaffte sie es zu sagen, »w- was machst du de- denn hier?«

Becker legte leicht verlegen, wenn das denn überhaupt möglich war, eine Hand in den Nacken und versuchte vehement nicht auf Jess‘ entblößte Beinpracht zu starren. »Entschuldige die späte Störung, Jess«, sagte er mit fester Stimme, schaute allerdings überall hin, nur nicht in ihr Gesicht. »Ich war nur gerade in der Nähe und -«

Gebannt wartete Jess auf seine Erklärung. Sie konnte nicht verhindern, dass eine ihrer Augenbrauen nach oben wanderte, als er stockte. Eine peinliche Stille trat ein und sie macht hastig eine Handbewegung, um ihn dazu zu bringen einzutreten. »Äh – ähm – komm‘ … doch erst mal rein.«, sagte sie mit bebender Stimme, als er nicht auf ihre Handbewegung reagierte.

Jess rümpfte die Nase, als er an ihr vorbeitrat. Verblüfft runzelte sie die Stirn. War es denn die Möglichkeit … ? – Nein, auf keinen Fall. Das ist immerhin Captain Becker, um den es sich handelt! Niemals würde er …  oder doch? Jess runzelte die Stirn. »Setz‘ dich.«, wies sie ihn in einem Ton an, der keinen Widerspruch zu ließ, und deutete auf einen der Stühle in der Küche.

Widerstands- und widerspruchslos setzte sich Becker und schaute mit einem zerknirschten Gesichtsausdruck zu seiner jungen Kollegin auf. Trotzdem machte er nicht den Eindruck, als würde er ihr demnächst eine vernünftige Erklärung abgeben können.

Beinahe empört stemmte Jess beide Hände in die Hüften. »Hast du getrunken, Becker?«, fragte sie streng.

Bei ihrem Ton wagte es der Angesprochene nicht einmal sie anzulügen, nicht dass er das überhaupt vorgehabt hatte. Stumm zuckte er die Schultern.

Jess‘ Gesichtsausdruck erhärtete sich. »Und das ist der eigentliche Grund, warum du -«, sie schaute kurz auf die Uhr, die an der Wand links von ihr hing, »um halb zwei Uhr morgens bei mir vor der Tür stehst?«

Noch immer nichtssagend nickte Becker und senkte schon fast beschämt den Blick.

»Du kannst also nicht mehr fahren, aber noch geradeaus gehen?«, fuhr Jess unbeirrt fort und versuchte Becker mit ihrem strengen Blick in Grund und Boden zu starren. Auch wenn sie das Verhalten des Captains mehr schockierte, als alles andere. Noch nie, soweit sie sich erinnern konnte, hatte sie ihn betrunken erlebt. Und selbst jetzt, wo er doch zugebenen hatte, dass er getrunken hatte, wirkte er nicht einmal angeschlagen. Nur der Geruch nach schalem Alkohol, der von seiner Kleidung ausging, hatte sie überhaupt Verdacht schöpfen lassen.

Wieder zuckte Becker nur die Schultern. »Meine Wohnung liegt siebzehn Blocks entfernt.«, versuchte er zu erklären. »Ich will nicht wegen Trunkenheit am Steuer festgenommen werden.«

»Macht sich nicht so gut in deinem Lebenslauf, oder?«, feixte Jess, dann wurde sie jedoch wieder ernst und nahm Becker gegenüber auf einem der Küchenstühle Platz. »Auf mich wirkst du aber nicht, als seist du betrunken, Becker.«

Becker schaute auf, vermied es jedoch sie direkt anzusehen. »Ich habe meine Gefühle eben sehr gut unter Kontrolle.«

Das war ihr nicht nur einmal aufgefallen. »Ah«, machte sie unzufrieden und schürzte die Lippen, »die ewige Gefühls-Bremse, was?«

Verdutzt schaute Becker sie aus verklärten Augen an. »Was?«

Jess winkte ab. »Nicht so wichtig.« Etwas unbehaglich wandte sie dann den Kopf und schaute sich kurz im Raum um, ehe sie einen Entschluss fasste. »Du kannst im Gästezimmer schlafen.«, erklärte sie ohne Umschweife und auch ihr Blick ließ keinen Widerspruch seitens Becker zu.

»Danke.«

»Keine Ursache.« Sie erhob sich und packte den überraschten Captain am Arm. »Na, komm‘.«, befahl sie und zog ihn vom Stuhl. Stumm ließ Becker sich von ihr abführen und in das Gästezimmer bugsieren. Beinahe mühelos drückte sie ihn auf das Doppelbett, das zusammen mit einer weißen Kommode in dem kleinen Raum untergebracht war, nachdem sie das Licht eingeschaltet hatte. Jess zog die Vorhänge des riesigen Fensters zu und drehte sich wieder zu ihm um. »Das Badezimmer ist eine Tür weiter, falls -«, sie räusperte sich und errötete wieder, »falls der Alkohol doch noch Wirkung zeigen sollte.«

Becker nickte wieder stumm.

Jess nickte und schenkte ihm noch ein Lächeln, ehe sie Anstalten machte, den Raum zu verlassen.

»Jess?«

Der Klang seiner Stimme ließ sie sich wieder umdrehen. »Ja?«, sagte sie mit neugierigem Gesichtsausdruck.

Langsam erhob er sich und kam auf sie zu. »Danke«, murmelte er, als ihn nur noch ein halber Schritt von ihr trennte.

Der Geruch von Alkohol stieg Jess wieder in die Nase und sie presste die Lippen zusammen. »Scho- schon okay, Becker.«

»Aber, weißt du«, sagte er weiter, während er eine Hand auf ihre Schulter gleiten ließ, »es gibt noch einen weiteren Grund, warum ich hergekommen bin.«

Jess Mund fühlte sich plötzlich sehr trocken an. »Und der wäre?«, fragte sie atemlos.

Zwei Augenblicke lang blieb Becker wieder stumm, nur sein Griff um ihre Schulter festigte sich. Gerade überlegte Jess, ob sie ihn nicht vielleicht doch wieder zurück zum Bett bringen sollte –

»Ich fürchte«, fing Becker schließlich an, als Jess die Spannung kaum mehr aushalten konnte, »ich habe diese Gefühle für dich entwickelt.«

Jess wurde so langsam aber sicher schwindelig. Ist das sein Ernst?

»Gefühle, die ich weder verstehe«, fuhr er ruhig fort und hielt eisern ihren Blick fest, »noch empfinden dürfte.« Ein Lächeln stahl sich auf seine Lippen, als Jess‘ Wangen ein ziemlich dunkler Rotton überschattete. »Aber«, sagte er langsam, »das Herz will, was das Herz will, oder?«

Mühsam schluckte Jess. »Das war das … wahrscheinlich Sentimentalste, das du je gesagt hast.«, hauchte sie, noch immer atemlos.

»Wahrscheinlich«, stimmte Becker ihr zu und neigte seinen Kopf zu ihr hinunter.

Wieder schluckte sie. »I- ich dachte, du hast deine Gefühle unter Kontrolle?«, sagte sie und bemerkte zu ihrem Leidwesen, dass ihre Stimme sehr viel höher als sonst klang.

»Wie du schon richtig bemerkt hast, Jessica«, murmelte er leise und erwiderte den Blick ihrer geweiteten Augen, »bin ich betrunken.«

»Ja, aber -«

Allerdings würde Jess wohl nie wieder etwas gegen den Gebrauch von Alkohol sagen, was Captain Becker betraf. Denn im nächsten Moment küsste er sie mit einer Inbrunst, die sie ihm niemals zugetraut hätte. Zwar schmeckte sie deutlich den Alkohol auf seinen Lippen, welcher sich nun unweigerlich auch auf ihre übertrug, doch es tat dem übermächtigen Gefühl in ihrem Bauch keinen Abbruch. Sie verschränkte die Hände in seinem Nacken und zog ihn zu sich hinunter, als sie den Kuss nicht minder heftig erwiderte. Becker grinste in den Kuss hinein, während er sie nun seinerseits hinüber zum Gästebett bugsierte.

So viel zur Gefühls-Bremse.

Letztendlich hatte der Alkohol also doch noch seine Wirkung … gezeigt.
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