Assassini

GeschichteAbenteuer / P12 Slash
26.07.2011
26.07.2011
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Die Dämmerung senkte sich auf Wien hinab und mit der Dämmerung kamen die Geräusche der Nacht. Das Hupen von Autos auf den stets hell erleuchteten Straßen der großen Stadt, das leise Flüstern des Nachtwindes und die murmelnden Stimmen der Menschen, für die der Tag noch lange nicht zu Ende war.
Düstere Wolken ballten sich am nächtlichen Himmel zusammen, sobald die Sonne verschwunden war, als hätten sie nur auf die Abwesenheit von Licht gewartet um ihr eigenes, dunkles Reich zu errichten. Es begann zu schneien, dicke weiße Flocken, welche sanft auf die Stadt herabrieselten und die nächtlichen Geräusche soweit abdämpften, dass sie nur noch wie ein Flüstern schienen.
In den Außenbezirken war der Schnee am stärksten, als würde die Wolke aus Smog und Rauch, die über der Innenstadt schwebte, ihn schwächen. Und tatsächlich war es so. Hier, wo die Häuser der gehobenen Schicht standen, konnten sich die weißen Flocken aber problemlos austoben. Der kalte, pfeifende Wind riss sie hinauf und hinab, spielte mit ihnen wie ein Kind mit seinen geliebten Seifenblasen.
Das große Haus stand einsam da, thronte auf seinem Hügel über den anderen, nicht minder prächtigen Villen des Viertels. Und doch war seine Lage etwas, das es über die anderen Häuser erhob, es wichtiger und prunkvoller erscheinen ließ als die Nachbarsdomizile. Das Haus war weiß gestrichen, erbaut in einem antiken Stil. Fast konnte man meinen, es sei aus Konstantinopel gekommen und hier Stein für Stein  genau so errichtet worden, wie es dort oder in einer anderen jener herrlichen Städte im fernen Osten gestanden hatte. Helles Licht fiel aus großen, bunten Mosaikfenstern nach draußen, auf den herumwirbelnden Schnee. Es schien, als seien die Bewohner des Hauses gerade erst erwacht. Und bei einem verhielt es sich auch so.
Kenyan Fowl, der Hausherr, stand mit hinter dem Rücken verschränkten Armen auf dem Balkon, der direkt unter dem kuppelartigen Dach lag. Die Kälte des Winters und der auf seinen dunkelblauen, topmodernen Anzug fallende Schnee schienen ihn nicht im Geringsten zu stören, seine Gedanken schweiften in weiter Ferne umher.
Er schnupperte abwesend, genoss den Geruch des frisch gefallenen Schnees, der den üblichen Gestank der Stadt überdeckte. Kenyan liebte den Winter. Er liebte die Nacht. Und er ahnte nicht, dass diese Nacht sehr wohl seine letzte auf Erden sein konnte.

Der Schatten einer Gestalt saß zusammengekauert auf den Fahrersitz des schwarzen Vans, der in der Ausfahrt einer großen Villa stand. Alle Lichter des Wagens waren erloschen, denn der Fahrer wollte nicht bemerkt werden. Noch nicht.
Die Augen der Gestalt, in der Finsternis unnatürlich glänzend, waren den Hügel hinauf gerichtet. Er beobachtete ein Haus, dessen antike Bauweise es von den anderen Villen abhob. Seine Augen durchdrangen mühelos die Finsternis der Nacht und auch der inzwischen immer dichter fallende Schnee konnte den Mann, der hoch oben auf dem weitläufigen und doch so schlichten Balkon stand nicht vor seinem Blick verbergen. Sein Opfer diese Nacht. Es würde nicht entkommen.
Die Augen der Gestalt glühten einen Moment lang auf, und seine Wahrnehmung änderte sich. Die Umgebung schien substanzlos zu werden, der Mann am Balkon aber war nun von einer farbigen Aura umgeben, die aus seinem Körper auszustrahlen schien. Sanftes, blaues Licht umspielte den Körper des Mannes, nur um einige Sekunden später zu einem helleren, bleicheren Blauton zu verblassen.
Die Gestalt im Van schüttelte leicht den Kopf, als wollte sie eine Fliege vertreiben.
Sie war nun sicher, dass es der richtige Mann war. Nicht viele sonst konnten eine solche Aura vorweisen. Der Beobachter streckte sich leicht, wie um seine Muskeln zu lockern, dann öffnete er die Fahrertür und stieg hinaus.
Ein verirrter Lichtstrahl aus einer nahen Villa fiel auf seine Gestalt, und der Schatten wurde zu einem Mann ganz in schwarz, mit kurzem, dunklem Haar.
Das Gesicht wirkte durchschnittlich, es würde wohl aus keiner Menschenmasse herausragen, doch die Haut des Mannes war leicht gelblich, wie jene der Mongolenvölker aus dem Nordosten des asiatischen Kontinents.
Der Mann schritt um den Van nach hinten, griff dann in den Kofferraum und förderte ein längliches, mit dunklem Stoff umwickeltes Bündel zu Tage.
Rasch schwang er es sich über die Schulter, band es mit einem kurzen Stück Schnur an sich fest. Dann griff er in seine Hosentasche und holte etwas aus schwarzem Stoff hervor, das sich als dunkle Maske entpuppte. Der Mann zog sie sich über den Kopf, so dass jetzt nur noch seine Augen zu sehen waren. Nicht, dass ein Mann wie er solch eine Verkleidung benötigte, aber es machte ihm Spaß, so aufzutreten. Mit einem leisen Geräusch schlug der Kofferraum des Vans zu und der Mann begann auf das Haus zuzugehen. Er warf einen Blick nach oben, doch sein Opfer war vom Balkon verschwunden. Leise lachend zuckte er die Achseln. Das würde es auch nicht retten.

Kenyan ließ sich ohne Hast in einen der rot gepolsterten Sessel seines Arbeitszimmers gleiten, während einer seiner Diener, ein hochgewachsener, breitschultriger Mann, die Balkontür zuzog. Der Hausherr streckte die langen Beine aus, legte sie auf einen kleinen, hölzernen Schemel während seine Hand wie von selbst nach einem schmalen Glas griff, das neben ihm auf einem Tischchen bereitstand. Er führte es an die Lippen, sog das Aroma der dunkelroten Flüssigkeit ein, die es enthielt. Herrlich! Ein wahrlich erlesener Saft!
Genüsslich nahm Kenyan Schluck um Schluck, bis das Glas leer war. Er seufzte zufrieden.
„Sir?“ Die Stimme des Dieners erklang neben Kenyan und der Mann verbeugte sich respektvoll.
„Was gibt es, Markus?“
„Benötigt ihr noch etwas, ehe Lord Viktor eintrifft?“
Kenyan winkte leicht ab. „Nein. Alles ist vorzüglich. Du darfst dich zurückziehen.“
Mit einer weiteren Verbeugung verließ Markus den Raum, zog die Tür hinter sich zu. Der Hausherr erhob sich rasch, schritt zu einem Kleiderkasten, der in der hinteren Ecke des Raumes stand. Schnell entledigte er sich seiner Kleidung, dann öffnete er die Schranktür. Eine Reihe von modischen Anzügen samt dazupassenden Krawatten und Schuhen hing darin, doch Kenyan griff nach einem anderen Kleidungsstück. Es war eine blutrote, samtene Robe, ein Kleid aus früheren Zeiten.
Lächelnd schlüpfte der Mann hinein und schnürte sie zu. Als die glatte Seide seine Haut berührte, erschauderte er leicht vor Kälte und Behagen. Es schien, als hätte der Winter seinen Weg ins Zimmer gefunden.
Kenyan drehte sich zum großen Kamin um, winkte lässig mit der Hand. Sofort leckten Flammen an dem bereitgelegten Brennholz empor und wohlige Wärme breitete sich aus. Nun endlich zufrieden ließ der Hausherr sich hinter seinem Schreibtisch nieder und begann, seine Papiere und Unterlagen zu ordnen. Er hatte heute Nacht noch viel Arbeit vor sich.

In genau diesem Moment fuhr ein schwarzer BMW vor dem Tor des Hauses vor. Die Frontscheibe glitt nach unten und ein Mann sprach einige Worte in eine kleine Sprechanlage. Sofort glitten die eisernen Tore auf und der BMW fuhr nach innen.
Keiner der Insassen bemerkte den dunklen Schatten, der sie von einem verschneiten Baum aus beobachtete.

Shansu Khan sprang ohne jegliche Anstrengung von den Ästen der Eiche aus über den hohen Zaun. Er setzte geräuschlos auf, rollte sich ab. Seine schwarze Gestalt schien mit der Dunkelheit zu verschmelzen, während er vorwärts glitt. Das Gehen durch den Schnee schien ihm keinerlei Probleme zu bereiten, nicht einmal der Dampf seines Atems war zu sehen. Die drei sorgfältig vor Blicken verborgenen Kameras, an denen er vorbei schritt, ließen ihn verächtlich lächeln. All jene, die sich auf solche mechanischen Augen verließen, waren Narren. Die Wächter, die die Monitore beobachteten, würden nichts bemerken, außer dem flüchtigen Schatten eines sich im Wind wiegenden Astes. Und vielleicht nicht einmal das. Auch die Bewegungsmelder stellten für einen Mann mit seinen Fähigkeiten kein Problem dar.
Shansu Khan erreichte in dem Moment eines der Fenster, als die Insassen des BMWs im Haus verschwunden waren. Es wurde Zeit für ihn, seine wahren Fähigkeiten einzusetzen.

„Ah, Viktor, willkommen.“
Kenyan Fowl reichte seinem Besucher die Hand. „Und, wie gefällt dir meine neue Zuflucht? Wie gefällt dir Sofia Manor?“
Viktor, ein schmaler, blasser Mann in einem dunklen Anzug grinste leicht.
„Vorzüglich, Kenyan. Sowohl die Wahl des Hauses als auch die des Namens sind genial. So, wie man es von dir gewohnt ist.“
„Ich danke dir, mein Freund. Aber bitte, setz sich.“ Kenyan deutete auf einen schweren Stuhl aus dunklem Leder, auf dem sich sein Besucher sofort niederließ.
„Der Rat schickt seine Grüße,“ sagte Viktor förmlich. „Sie hoffen, es geht dir gut.“
„Die Sorge des Rates um mein Wohlergehen rührt mich.“ Ein Hauch von Ironie und Sarkasmus waren in Kenyans Stimme zu hören. „Aber ich versichere dir, mir geht es gut. Richte dem Rat meinen Dank aus.“ Beide Männer lächelten jetzt leicht. Beide wussten, dass diese Förmlichkeit am Anfang üblich und nötig war.
„Aber nun,“ meinte der Hausherr mit einem Blick auf den von unterschiedlichsten Papieren bedeckten Schreibtisch, „sollten wir vielleicht über den Grund deines Besuches sprechen. Meine Vorbereitungen für das Ritual.“
Viktor beugte sich leicht vor. „Du hast Recht. Ich brauche wohl nicht zu erwähnen, wie wichtig das Ritual für den Rat ist. Ein Fehlschlag könnte die Tremere um Jahre zurückwerfen.“
„Natürlich. Ich versichere dir und dem Rat, das alles glatt laufen wird,“ meinte Kenyan beruhigend. In dem Moment begann ein Alarm zu läuten. Fluchend sprangen beide Männer auf die Beine.
Shansu Khan rauschte wie der Engel des Todes selbst durch die Gänge des Hauses. Das Schrille Läuten des Alarms durchschnitt die Stille alle paar Sekunden.  Er wusste nicht, wodurch er sich verraten hatte, und es war ihm egal. Die Blutdurst hatte ihn ergriffen. Er konnte sein Opfer riechen. Und es war ein weiterer Tremere im Haus. Vorzüglich und lecker!
Zwei Wächter eilten ihm entgegen. Shansu lächelte, entblößte seine scharfen Eckzähne. Die Wächter sahen nur eine Schatten, der zwischen sie glitt. Dann war es zu spät. Seine kurze gebogene Klinge stieß zu. Die Männer starben lautlos und schnell. Und ihr Mörder eilte weiter, die prunkvollen Treppen hinauf. Ghule, dachte er verächtlich. Sie waren die Mühe seines beiläufigen Angriffs beinahe nicht einmal wert. Und doch durfte es keine Zeugen geben.
Da, links, war eine Tür! Verschlossen. Ein wuchtiger Tritt schleuderte das schwere Hindernis aus den Angeln. Shansu rannte in fünf Männer hinein, die Maschinenpistolen hielten. Fluchend richteten sie die Waffen auf ihn. Der Vampir lächelte. Zu spät. Die Schatten schienen von den Wänden zu fließen, um den Angreifer zu bedecken, während er vorwärts sprang. Automatisches Feuer peitschte durch den Raum, ein Kugelhagel ging auf Shansu nieder. Dann wurde alles still. Kein Geräusch war mehr zu hören. Mündungsblitze erhellten kurzzeitig das Zimmer, das in plötzliche Dunkelheit getaucht war. Der Vampir wirbelte herum, ein Hagel von Faustschlägen ließ drei Männer zu Boden gehen. Eine Garbe schlug neben ihn in die Wand ein, dann schleuderte ein Fußtritt den Schützen mit gebrochenen Knochen durch die Luft. Der letzte Mann wich zurück, versuchte angestrengt, etwas zu sehen oder zu hören, während er wild seine Waffe schwenkte.
Stahlharte Finger, wie Klauen, gruben sich in seinen Hals. Ein Ruck, dann spritzte ein Blutschwall aus der Kehle des Mannes. Er sank zusammen, den Mund zu einem unhörbaren Schrei aufgerissen. Shansu riss die nächste Tür auf.

Kenyan und Viktor erstarrten, als die schwarz gekleidete Gestalt in der Raum sprang. Eine lange, gekrümmte Klinge glitt mit einem Zischen aus der Scheide.
Die beiden Tremere wichen zurück.
„Assamit,“ flüsterte Viktor. Kenyan starrte wie betäubt auf den hoch gewachsenen Angreifer. Die Gedanken wirbelten in seinem Kopf durcheinander. Wie war er so schnell, so leicht, hier hereingekommen? Wo waren die Ghule?
Dann sprach die Gestalt.
„Ich bin Shansu Khan. Euer Blut ist mein, im Namen Hakakens.“
„Hakaken?“ Kenyan hatte diesen Namen schon einmal gehört. Nur wo?
Viktor stieß rasch einige Worte aus. Der Boden ging um Shansu herum in Flammen auf. Doch der Assassine stand nicht mehr dort, wo er eben noch gewesen war. Er sprang über einen Sessel, berührte den Tremere leicht mit einer Hand.
Einen Augenblick lang schaute Viktor nur erstaunt drein, dann begann er zu schreien und taumelte zurück. Aus jeder seiner Poren, aus jedem Blutstropfen, schlugen Flammen. Brennend und schreiend stieß er gegen die Wand.
Kenyan sprang zurück, versuchte Abstand zwischen sich und seinen in Flammen stehenden Freund zu bringen. Sein Gesicht war zu einem raubtierhaften Fratze der Angst verzogen, beide Eckzähne waren lang und sichtbar. Dann stolperte er über den Fußschemel und knallte der Länge nach auf den Boden.
Ein roter Nebel der Wut und der Angst verschleierte Kenyans Sicht und er bemühte sich krampfhaft, sich zu beruhigen. Ein Zischen, und Viktors gequälte Schreie brachen ab. Alles war still, als wäre Kenyan gerade taub geworden. Er schüttelte den Kopf, richtete sich schwankend auf. Seine Augen weiteten sich. Wo war der Assamit?
Der Schatten einer Bewegung zur Linken…
Kenyan warf sich nach vorne, die gekrümmte Klinge seines Angreifers sauste nur einige Zentimeter von seinem Hinterkopf vorbei. Der Tremere wirbelte herum, rannte in Richtung seines großen, kunstvoll verzierten Schreibtisches. Wenn er nur an die oberste Lade herankommen könnte…ein Schlag gegen seine Schulter brachte ihn zum Wanken. Schmerz, heiß und beißenden, schoss seinen ganzen rechten Arm hinauf. Dann folgte ein Gefühl der Taubheit, der Schmerz verblasste. Panisch versuchte Kenyan den Arm zu bewegen nur um zu erkennen, das es ein vollkommen sinnloser Versuch war. Ein Messer des Assassinen war knapp unterhalb seiner Schulter eingedrungen, musste beträchtlichen Schaden angerichtet haben. Doch all das hatte keine Bedeutung mehr. Denn Kenyan hatte den Schreibtisch erreicht.
Er hechtete über die massive Holzplatte, die den oberen Teil des Möbelstücks bildete und griff nach unten. Seine linke Hand tastete umher, zog eine Schublade auf…
Ein schweres Gewicht landete brutal auf seinem Rücken, Schmerzen schossen durch Kenyans Körper als die Assamitenklinge tief in seinen Rücken eindrang, ihn durchbohrte und im Schreibtisch stecken blieb. Dann grub der Assassine seine Fangzähne von hinten in seinen Hals.
Einen Augenblick lang erstarrten beide, Mörder und Opfer. Dann zuckte der Tremere, fühlte, wie seine Lebensenergie, die Macht, die ihn schon seit beinahe zweihundert Jahren begleitete, aus ihm herauslief. Shansu Khan saugte fester und noch einmal zuckte sein Opfer, doch noch immer war im ganzen Zimmer kein einziges Geräusch zu hören.
Kenyans Sicht verschwamm langsam, er wurde immer schwächer. Nun lief Blut auch aus der schrecklichen Wunde in seinem Rücken. Er konnte sich kaum noch bewegen. Nur mit enormer Willensanstrengung schaffte er es zu tasten…Er musste die Finger seiner linken Hand bewegen, nur die Finger, nur noch ein kleines Stück…Ja!
„Yzgrak blaeden teiborei!“
Die drei Worte durchdrangen den Raum, zerschmetterten den Vorhang aus Stille den der Assamit wie einen Mantel um sich und sein Opfer gezogen hatte. „Yzgrak blaeden teiborei!“ Kreischend wurde Shansu Khan ruchwärts geschleudert, riss dabei mit seinen Zähnen eine tiefe Wunde in Kenyans Hals. Dann prallte der Assassine brutal gegen eine Wand. Knochen brachen mit einem lauten, hässlichen Krachen. Schansu stieß ein tiefes Knurren aus, Angst und Wut standen auf seinem Gesicht. Er fauchte und mühte sich ab, konnte sich aber nicht bewegen.
Langsam, unendlich langsam, begleitet von dem stetigen Tropfen von Blut aus zwei tiefen Wunden richtete der Tremere sich auf. Sein Gewand war zerfetzt und blutgetränkt, sein rechter Arm hing schlaff und leblos herab doch seine linke Hand…in seiner linken Hand hielt er ein Stück Pergament. Es brannte in einem violetten Feuer, ohne dabei jedoch die Haut der Hand auch nur anzusengen. Sein schulterlanges Haar fiel Kenyan ins Gesicht. Langsam und behutsam hob er den Kopf. Seine Augen hefteten sich auf seinen Angreifer. Augen, derer eines in blauem, das andere in grünlichem Licht leuchtete. Die Lippen des Hausherrn verzogen sich zu einem leichten Lächeln, das seine Fangzähne sehen ließ.
Behutsam hob er den linken Arm, streckte ihn aus in Richtung des Assamiten. Erneut formten seine Lippen drei Worte. „Yzgrak…blaeden…teiberoei.“  
Shansu Khans Gesicht war eine Maske der Angst, kreischend versuchte er sich ein letztes Mal zur Seite zu werfen. Doch es war zu spät. Die Hölle brach los.

Kenyan Fowl saß erschöpft auf den verbrannten und zerschmetterten Überresten dessen, was einst sein Balkon gewesen war. Neben ihm, in einer gewaltigen Blutlache, lag der Dolch des Assamiten. Der Blutstrom aus seinen Wunden war versiegt, die Bisswunde an seinem Hals hatte sich sogar schon fast zur Gänze geschlossen. Bei der anderen Wunde, dem Loch in seinem Unterleid, würde es wohl noch einige Tage dauern bis sie verschwand. Sie schmerzte immer noch, nach beinahe drei Stunden, würde ihn wahrscheinlich noch länger quälen, denn der Assamit hatte die Klinge mit seinem eigenen Blut bestrichen, und ihr Biss brannte wie die Sonne. Der Assamit…
Kenyan drehte leicht den Kopf als zwei seiner Leibwächter, beides Ghoule mit militärischer Ausbildung, auf ihn zukamen. Sie hatten ihm in dieser Nacht überhaupt nichts genützt und allein an ihren Minen konnte er erkennen, dass sie unter den Trümern des Südflügels des Hauses keine Überreste seines Angreifers gefunden hatten. Einer der Ghoule, ein bretischultriger Deutscher namens Frank, verbeugte sich knapp vor seinem Meister.
„Habt ihr etwas gefunden?“ Kenyan tat, als konnte er die Antwort nicht ohnehin in den Augen des Ghoules lesen.
„Nein, Meister.“ Beide Ghoul wirkten verängstigt, erwarteten offensichtlich ihre Bestrafung. Kenyan lächelte leicht.
„Keine Sorge, meine tapferen Beschützer. Es war nicht eure Schuld. Gegen einen Assamiten konntet ihr nichts ausrichten.“
Die Leibwächter blickten einander an, die Erleichterung war ihnen anzusehen.  
Der kleinere der beiden, Paul, wandte sich nach kurzem Zögern an Kenyan:
„Sollen wir versuchen die Spur des Attentäters aufzunehmen, Meister? Wir könnten ihn vielleicht noch erwischen, solange er geschwächt ist.“
Der Tremere überlegte einen Augenblick, schüttelte dann aber den Kopf.
„Nein. Noch nicht. Ich werde mich persönlich um diesen…Shansu Khan kümmern. Sobald ich wieder gestärkt bin gehört er mir.“
„Was sollen wir wegen Lord Victor tun, Meister?“ fragte Frank.
„Nichts. Vorerst. Ich werde den Rat früh genug von seinem Ableben in Kenntnis setzen. Und von der Anwesenheit eines Assamiten.“
Mit einer Handbewegung entließ Kenyan die beiden Ghoule, die sich eilig davonmachten, noch immer sehr erleichtert. Der Tremere lächelte leicht. Noch war die Zeit nicht gekommen, sich mit seinem Angreifer zu befassen. Shansu Khan…ein Assamit der für Hakaken arbeitete. Das konnte interessant werden.
Mit einem boshaften Lächeln auf den Lippen betrachtete Kenyan Fowl, der Herr des prächtigen Hauses, das heute Nacht so in Mitleidenschaft gezogen worden war, den Dolch mit der gewellten Klinge, der noch immer von seinem Blut bedeckt war. Hier hatte er das Werkzeug sich für den Angriff zu rächen. Aber jetzt nicht. Noch nicht…
Der Tremere erhob sich, raffte seine zerrissene Robe um sich und bückte sich um den Dolch aufzuheben. Dann verschwand er, immer noch lächelnd, wieder im Haus. Der Angriff des Assamiten veränderte vieles, neue Pläne mussten geschmiedet werden…die Nacht war noch jung.