Das Recht des Stärkeren

GeschichteAbenteuer / P12 Slash
26.07.2011
26.07.2011
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Der Atem des Reiters auf dem großen, weißen Pferd wirkte beinahe wie Rauch in der kalten Luft des morgendlichen Waldes. Das weiche, noch von halb gefrorenem Tau benetzte Gras bog sich leicht unter dem ersten Hauch des warmen Frühlingswindes.
Die ersten Blumen des Jahres standen schon in voller Blüte, die dicke Schneedecke war geschmolzen, doch trotzdem war die Luft kalt, eine letzte Spur der eisigen Herrschaft des Winters, dessen weiße Truppen sich bereits auf dem Rückzug befanden.
Der Schimmelhengst schnaubte, sein warmer Atem wirkte in der Kälte wie der Rauch aus den Nüstern eines Drachen. Der weiß gekleidete Reiter beugte sich hinab und klopfte beruhigend auf den Hals des großen Tieres. Er strich sanft über die hellgraue Mähne, tätschelte die dicken Muskeln am Hals des Pferdes. Dann lockerte er die Zügel, und der Schimmel verlangsamte seine Gangart zu einem leichten Trab.
Der Reiter setzte sich wieder auf, griff mit beiden Händen nach oben, um den weißen Vollwisierhelm aufzumachen. Ein edles Gesicht kam darunter zum Vorschein.
Sanfte, angenehme Züge und eine gerade Nase verliehen dem Mann eine Spur von Jugend, beinahe Jungenhaftigkeit, obwohl er nicht mehr wirklich jung war.
Der Reiter atmete tief durch, sog die kalte Waldluft in seine Lungen, dann nahm er den Helm ab. Sein braunes, langes Haar fiel ihm zu einem Zopf zusammengebunden bis zu den Schultern und glänzte wie geölt. Der Reiter schüttelte erleichtert den Kopf und streckte seine Nackenmuskeln, froh, die Last des Helmes los zu sein.
Ihm schien nun keine unmittelbare Gefahr zu drohen. Er konnte nichts Böses spüren.
Ein verirrter Sonnenstrahl brach durch die dichten Baumkronen des Waldes und beleuchtete einen Augenblick lang das Gesicht des Reiters. Er blinzelte und hob kurz die Hand hoch, um lächelnd seine Augen vor dem strahlenden Licht des Frühlings abzuschirmen. Er sah es als gutes Zeichen für seine Mission.
Bei diesem Gedanken glitt des Reiters linke Hand auf seine Hüfte und berührte locker den Griff seines Langschwertes. Sein Lächeln verblasste.
Er ließ die Augen über den Waldweg vor ihm schweifen und brachte den Hengst mit einem leichten Zug an den Zügeln zum Stehen.
Im Halbdunkeln des aus dem nächtlichen Schlaf erwachenden Waldes versuchte er, eine Spur dessen zu finden, wegen dem er hier war.
Im nassen Schlamm des Waldweges zeichnete sich die Fährte jedes Tieres ab, das hier letzte Nacht vorbei gekommen war, nicht aber die Spur des Finsteren. Es schien, als würde das Pferd, welches er ritt, wie ein Geist über den Boden geschwebt sein, denn andere Hufspuren als die von Rehen waren weit und breit nicht zu sehen.
Und doch wusste der Reiter, dass der Finstere hier vorbei gekommen sein musste. Sein Pferd, auch wenn es keine Spuren hinterließ, konnte trotzdem nicht durch den dichten Wald reiten, ohne über ein verborgenes Loch zu stolpern und sich die Beine zu brechen. Und das würde der finstere Reiter nicht riskieren wollen.
Nein, dachte der Schimmelreiter verärgert. Der Mann, den er verfolgte, nannte sich der schwarze Ritter. Der Reiter auf dem weißen Pferd kannte seine Art, hatte sie schon zu Dutzenden niedergestreckt. Das Leben ihres Pferdes, das Leben ihrer Mitmenschen kümmerte sie nicht, aber sie würden nicht auf eine Transportmöglichkeit verzichten. Deswegen hatte der schwarze Ritter nicht gewagt, durch den Wald zu reiten. Er war sicher auf dem Weg geblieben. Wo aber waren dann seine Spuren?
Der Reiter schüttelte verärgert den Kopf. Auch wenn der Finstere keine Spuren hinterließ so würde er ihm doch nicht entkommen. Es war die Pflicht des Reiters, als einer von Heironeus auserwählten Paladinen, die Unschuldigen vor dem starken Bösen zu beschützen.
Und der schwarze Ritter war böse.
Der Reiter setzte seinen Helm wieder auf und ließ seinen Schimmel mit sanftem Druck zu einem schnellen Trab übergehen. Seine Blicke suchten weiter den Waldweg ab, doch noch immer waren keine Spuren zu finden. Der Paladin erlaubte seinen Gedanken, in die Vergangenheit zurück zu schweifen.
Er hatte das Bauernhaus am letzten Abend gefunden. Noch bei der bloßen Erinnerung daran, was er dort gesehen hatte, packte den Paladin blanker Zorn. Die Bauern, unschuldige und fromme Leute, die tagtäglich ehrlicher Arbeit auf den Feldern nachgingen, waren brutal abgeschlachtet worden. Blut war durch alle Zimmer gespritzt, Innereien lagen in Haufen verstreut herum. Die ganze Familie war tot gewesen. Fast.
Der Reiter hatte einen kleinen Jungen gefunden, im Stall zwischen den Kühen versteckt, der
das Gemetzel überlebt hatte. Er hatte dem Paladin von dem schwarzen Ritter erzählt.
Er war mit seinem Rappen einfach zum Hof geritten gekommen und als die Bauernfamilie sich versammelt hatte, um ihn zu begrüßen, hatte er angefangen, sie abzuschlachten.
Die meisten hatten versucht, sich ins Haus zu retten, doch die Tür war dem schwarzen Ritter kein Hindernis gewesen. Der Junge hatte, verborgen zwischen den Kühen, den Sterbeschreien seiner Familie gelauscht. Er hatte es stundenlang nicht gewagt, den Stall zu verlassen.
Der Paladin hatte den Jungen zum nahe gelegenen Dorf gebracht, und ihn dort gelassen.
Dann hatte er die Spur des Reiters aufgenommen, welche er erst im Wald verloren hatte.
Aber trotzdem würde er den Ritter finden und ihn vernichten.
Das war Gerechtigkeit. Heironeus Gerechtigkeit würde herrschen.
Der Reiter kam zu einer kleinen Lichtung, wo der Waldweg einen scharfen Knick machte.
Eine baufällige Hütte, offenbar unbewohnt, stand zwischen den Bäumen am Rande der Lichtung versteckt. Und davor wartete des schwarze Ritter.
Er saß regungslos und stumm auf seinem Reittier, einem Pferd von der Farbe der Nacht.
Das Tier war so groß, dass es selbst den Schimmel des Paladins winzig erscheinen ließ und  so dunkel, wie das andere Pferd weiß war. Das Tier selbst verströmte den Geruch des Bösen. Und weder Reiter noch Pferd bewegten sich.
Einen Augenblick lang war der Paladin vor Überraschung wie gelähmt. Es war offenbar, dass der schwarze Ritter auf ihn gewartet hatte. Aber woher hatte er gewusst, dass er verfolgt wurde? Es war nicht üblich für einen Schurken, sei er auch noch so von sich selbst überzeugt, sich dem strahlenden Schwert eines Paladins zu stellen. Das hatte noch keiner getan.
Was also machte der schwarze Ritter hier?
Trotzig den Kopf schüttelnd sprach der Paladin:
„Ich, Mikael, Streiter des Lichtes, Paladin von Heironeus, dem Gott der Gerechtigkeit, fordere euch zum Kampf, schwarzer Ritter! Ihr werdet für eure Taten zur Rechenschaft gezogen werden! Heironeus Gerechtigkeit wird herrschen!“
Die Worte waren stolz und überzeugt gesprochen worden. Und die Herausforderung konnte nicht ignoriert werden. Doch der schwarze Ritter bewegte sich nicht, reagierte nicht.
Ein Augenblick verrann, dann ein weiterer. Die beiden Männer musterten sich stumm.
Mikaels Blick war starr auf die Helmschlitze seines Gegners gerichtet. Dann fiel ihm etwas auf. Der Helm, ja die ganze Rüstung ähnelten verblüffend des Paladins eigener.
Bis auf die Tatsache, dass sie schwarz waren, so wie auch das Pferd schwarz war. So schwarz wie die Kapuze, die der schwarze Ritter unter seinem Helm trug. Keinen Platz am Körper des Ritters gab es, der nicht von schwarzem Stoff oder Metall verdeckt war. Nur die eisigen, blauen Augen waren zu sehen.
War dies überhaupt ein Mensch, dem der Paladin da gegenüber stand? Der weiße Reiter schauderte leicht. Er hatte schon gegen Untote und Dämonen gekämpft und war bestimmt kein Feigling zu nennen, doch etwas an diesem Widersacher ängstigte ihn. Er leckte sich die Lippen, hoffte, dass sein Gegner ihm seine Nervosität nicht ansehen konnte.
Dann endlich, nach einer Ewigkeit des Schweigens, sprach der schwarze Ritter.
„Ich nehme die Herausforderung an, Mikael vom Orden der Paladine. Zeig, was du kannst.“
Sobald die tiefe, durch den Helm gedämpfte Stimme des Ritters verklungen war, griff er auf dem Sattel nach hinten und brachte einen schwarzen Metallschild zum Vorschein.
Mikael hatte schon seinen eigenen, weißen Schild, der mit dem Emblem des Heironeus gezeichnet war, hervorgebracht, als ihm das Wappen auf dem schwarzen Metall in der Hand seines Gegners auffiel.
Auf dem Schild des schwarzen Ritters prangte in blutrot eine gepanzerte Hand, die zwei dunkle Pfeile umklammerte. Der Paladin kannte dieses Zeichen. Hextor!
Der Bruder und ewige Widersacher seines Gottes! Der Fürst des Krieges, der Geißler allen Lebens. Nun wusste Mikael, wen er vor sich hatte. Er hatte von seiner Art gehört.
Das Wort, das er grollte klang, als würde es einen ekelhaften Geschmack im Mund hinterlassen. „Atrar!“
Der Dunkle lachte auf, ein grauenvolles Geräusch.
„Ja, kleiner Paladin“, sprach er, das tödliche Lachen noch in der Stimme. „Jetzt weißt du, wem du gegenüber stehst. Jetzt weißt du, wie nahe du dem Tod bist. Ich bin Victor.“
Die Drohung war sanft gesprochen, aber mit einer eiskalten Gewissheit. Die meisten Menschen hätten angefangen zu zittern, nicht jedoch Mikael. Die feurige Wut in seinem Inneren wärmte ihn, vernichtete die kalten Fühler der Angst, die von seinem Gegner ausgingen. Atraren! Einst waren sie Heironeus auserwählte Streiter gewesen, Paladine der Reinheit und des Glaubens. Doch sie hatten sich vom Orden abgewandt und ihr Weg führte in die Dunkelheit. Nun waren sie Lakaien Hextors, die Fürsten unter seinen Ungeheuern.
Die weiße Lanze sprang in Mikaels Hand, und blitzschnell legte er sie an.
Die stählerne Spitze der geweihten Waffe zeigte genau auf Victors Herz, und sie zitterte nicht.
Mit einem Schrei gab der Paladin seinem weißen Ross die Sporen. Er hielt direkt auf sein dunkles Gegenstück zu.
Victor schien verächtlich zu lachen, als er seine Lanze, so finster wie die dunkelste Stunde der Nacht, aus ihrer Halterung löste und zu einem ironischen Gruß erhob. Dann legte auch er an und preschte vorwärts. Sein kaltes Lachen ging in Mikaels wütendem Schrei unter.
Die ungleichen Reiter galoppierten direkt auf einander zu, eine Lanze deutete genau auf die Brust des jeweiligen Reiters. Selbst die Pferde schienen kampflustig zu sein und musterten sich wütend.
Dann prallten sie zusammen.
Mikaels Lanze stieß nach Victors Brust, doch der finstere Paladin brachte sein Schild dazwischen, während er seine dunkle Lanze auf den Helm seines Gegners richtete.
Mit einem Krachen zerbarst Mikaels gesegnete Lanze auf dem finsteren Emblem des Schildes des Atraren. Doch auch der Angriff des Dunklen ging daneben, als sich sein Gegner im Sattel drehte und so der Lanze auswich.
Dann waren sie aneinander vorbei und galoppierten auf die Ränder der Lichtung zu.
Gleichzeitig rissen die Ritter ihre ungleichen Reittiere herum.
Mikaels rechte Hand zog sein blitzendes Langschwert, Heironeus bevorzugte Waffe, aus der Scheide. Er hob sie hoch über den Kopf.
„Dies ist die Klinge der Gerechtigkeit, deren Biss du bald kennen lernen wirst!“
„Ist dem so?“ Der dunkle Paladin klang nicht beeindruckt, während er seine Lanze fallen ließ. Er griff über die Schulter und brachte einen mächtigen, dornenbespickten Flegel aus schwarzem Metall zum Vorschein. Die Ketten der schrecklichen Waffe klirrten leise, als der Atrar sie leicht umherwirbelte. Dann hielt er inne und musterte seinen Gegner.
„Du bist stark, Paladin. Ich habe dich unterschätzt. Eine Schande, dass du deine Stärke daran verschwendest, die Schwachen zu verteidigen, die deine Hilfe nicht verdient haben.“
„Jeder Mensch verdient meine Hilfe“, antwortete Mikael zornig. „Vor allem muss ich sie gegen dich und deinesgleichen schützen.“      
„Eine Schande“, wiederholte der dunkle Ritter. „In Hextors Reihen würdest du deine Fähigkeiten weit besser einsetzen können. Sie wären nicht verschwendet.“
„Meine Kraft ist nicht verschwendet, Finsterer, solange ich auch nur das Leben eines einzigen Menschen mit meinem Schwert oder selbst mit meinem Tod besser machen kann.“
„Du würdest dich opfern?“ Die Stimme des Atrars klang verächtlich, ungläubig. „Du würdest dich für einen Bauern opfern?“
„Natürlich“, erwiderte Mikael stolz.
„Und warum? Damit die Schwachen überleben und noch mehr Schwache großziehen? Damit die Schwäche die gesamte Menschheit vereinnahmt?“
„Ich erwarte nicht, von deinesgleichen verstanden zu werden, Verräter! Meineidiger!“
Victors Augen wurden schmal. „Du Narr! Siehst du denn nicht, welche Macht der Herr des Krieges mir gegeben hat? Er ist ein starker Gott, der seine Diener belohnt!“
„Niemals!“ widersprach Mikael. „Aus der Dunkelheit entsteht niemals wahre Stärke! Liebe, Mitgefühl, Verständnis, das sind die Dinge, die einen Krieger stark machen! Gerechtigkeit ist das oberste Gebot!“
„Das Gebot Heironeus.“ Victors Stimme klang verächtlich.
„Ja! Das Gebot Heironeus, das Gebot eines wahrhaft guten und starken Herrn! Eines gerechten Gottes!“
„Eines Schwächlings“, meinte der Dunkle.
„Niemals! Er besitzt die wahre, wirkliche Stärke! Eine Stärke, die du und deinesgleichen niemals erahnen könnt! Die Stärke eines Gottes, dem du einst gedient hast!“
„Lächerlich! Ich spucke auf Heironeus, auf alles was er steht! Gerechtigkeit? Das Einzige Recht, das ich kenne, ist das Recht des Stärkeren! Die Schwachen müssen sterben, damit die Starken gedeihen! Das ist das Gesetz der Natur!“
Mikael schüttelte energisch den Kopf. „Nein! Wir sind Menschen, keine Tiere!“
„Menschen? Die Menschen sind schwach. Es gibt nur wenige, die es verdienen, zu leben.“
„Du spottest über die Menschheit und über alles, wofür ich stehe!“ Nun vibrierte die Stimme des Paladins vor heiliger Wut, und seine Augen glänzten vor Überzeugung.
„Niemals kann das Böse stark sein! Du lebst allein, Dunkler. Ohne Liebe, ohne Freunde, ohne all die guten Dinge! Dein Leben ist vergeudet!“
„Freunde? Liebe? Gefühle machen schwach, mein junger Paladin. Ich bin älter als du und über Pfade gewandelt, die deine Seele zu Asche verbrannt hätten. Hextor hat mir mehr Macht gegeben, als du dir vorstellen kannst. Ich habe wahre Stärke gekostet. Und das könntest du auch. Ich spüre den Funken der Kraft in dir. Schließe dich uns an.“
„Nie im Leben! Ich bin nicht wie du! Du kannst mich nicht überzeugen, Hextors Brut! Ich werde die Unschuldigen beschützen, solange ich atme! Unser Gespräch ist vorbei!“
Victor lachte leise auf und schüttelte den Kopf. Er schien belustigt.
„Wie du meinst“, sprach er, plötzlich wieder ernst werdend. „Mikael, vom Orden der Paladine, Streiter des Lichtes. Mach dich bereit zu sterben.“
Ohne ein weiteres Wort ließ der Atrar sein Pferd steigen, dann preschte es auf seinen Gegner zu. Die bösartige Kugel des Flegels schwang über dem Kopf des schwarzen Ritters.
Einen Moment lang überlegte Mikael, was er tun sollte, dann stieß er sein Schwert in die Luft und raste mit seinem Pferd auf Victor zu. „Für die Gerechtigkeit! Heironeus!“ erschallte der Schrei des Paladins. „Für das Gute aller guten Völker!“
Die Antwort seines Gegners war ein lautes, höhnisches Lachen. Der tödliche Flegel schlug zu, doch Mikael drehte sich im Sattel, und die tückische Waffe sauste an ihm vorbei. Dann griff der Paladin an. Sein Schwert blitzte auf, einmal, zweimal, doch Victors schwarzes Schild war stets zur Stelle und Metall schlug auf Metall. Mikaels dritter Angriff wurde vom dunklen Brustharnisch abgeblockt. Dann rissen beide ihre Pferde herum und schlugen aufeinander ein.
Schon bald wurde Mikael in die Defensive gedrängt. Sein dunkler Gegner konnte Dutzende von Treffern wegstecken, doch ein einziger Schlag mit dem Flegel wurde genügen, um ihn schwer zu verletzen. Also wich er aus und wartete auf seine Chance.
Und die kam bald.
Der schwarze Ritter beugte sich weit vor, um zu einem mächtigen Hieb auszuholen, der seinen Gegner zerschmettern würde, doch Mikaels Schimmel tänzelte in letzter Sekunde zurück und außer Reichweite. Victor konnte den Schlag nicht mehr stoppen und zog voll durch. Und da verlor er das Gleichgewicht.
Mikaels Moment war gekommen. Blitzschnell stieß er mit dem Schwert nach dem Helmschlitz seines Gegners. Doch da erkannte er die Falle.
Von unten her kam der Flegel und traf die Flanke des edlen Schimmels mit brutaler Gewalt.
Knochen brachen, als die teuflische Waffe das treue Ross zerschmetterte und zu Boden schickte. Mikael wurde unter seinem Pferd begraben, als es mit schmerzvollem Gewieher zu Boden sank. Angestrengt versuchte er, auf die Beine zu kommen, doch sein linker Fuß war eingeklemmt. Erst nach einigen Momenten, und nachdem er einen Stiefel geopfert hatte, konnte der Paladin sich befreien. Vorsichtig verlagerte er das Gewicht auf den befreiten Fuß, und er stellte erleichtert fest, dass er nicht nennenswert verletzt worden war.
Im Gegensatz zu Sonnenlicht.
Das treue Pferd lag nur noch schwach atmend auf dem Boden und Unmengen von Blut strömten aus der grauenvollen Wunde an seiner Seite. Mikaels Blick fiel auf zerschmetterte Rippen und das schwach schlagende, große Herz seines edlen Freundes. Tränen stiegen ihm in die Augen und er fuhr zu Victor herum, das Schwert in der Hand.
„Du Ungeheuer!“
Der Atrar schien nicht betroffen. Er war abgestiegen und wartete lässig auf die Fortsetzung ihres Kampfes. Sein dunkles Pferd stand schnauben einige Schritte hinter ihm. War das Schadenfreude in den Augen des Tieres? Mikael schüttelte den Kopf.
Der Hass wuchs in seinem Inneren heran. Sonnenlicht war sein bester und treuester Freund gewesen. Und nun lag er im Sterben.
Mit einem Schrei unartikulierter Wut stürzte der Paladin sich auf seinen Gegner.
Victor lächelte belustigt. Er trat beiseite und ließ Mikael, vom eigenen Angriffsschwung getragen vorbeisegeln. Mit dem Schild wehrte er den Schwerthieb ab, dann rammte er es seinem Gegner brutal in den Rücken. Mikael wurde zu Boden geschleudert.
Der Finstere trat mit einem affektierten Seufzen von ihm zurück.
„Ich sagte dir doch, dass Gefühle einen schwach machen. In deiner Wut bist du eine zu leichte Beute.“ Spott und Ironie tropften von jeder Silbe.
Mikael rappelte sich auf. Er schüttelte trotzig den Kopf.
„Ich werde dich töten!“ stieß er zwischen zusammen gebissenen Zähnen hervor.
Die Drohung schien den Atrar nicht sonderlich zu berühren. Er winkte seinen Gegner heran.
Diesmal war Mikael vorsichtiger, deckte seine linke Seite mit dem Schild.
Victor schlug zu, wirbelte den Flegel mit unglaublicher Geschwindigkeit herum, die eine gewaltige Kraft erahnen ließ. Er zwang seinen Gegner hüpfend auszuweichen.
Mikael wurde zurück getrieben, suchte nach einer Schwachstelle in der Verteidigung seines dunklen Widersachers. Doch es war keine Blöße zu erkennen. Der Paladin wäre mit Freuden gestorben, wenn er dadurch seinen Gegner hätte ausschalten können, doch es schien unwahrscheinlich. Zu sicher war des Atrars Verteidigung, zu schnell sein Angriff.
Also musste Mikael warten, bis Victor müde wurde. Doch das schien nicht zu passieren.
Die Kraft des finsteren Paladins ließ nicht nach. Sie schien unerschöpflich.
Seine pfeifenden Attacken mit dem Flegel wurden höchstens noch schneller.
Und Mikael wurde langsamer, erschöpft durch den brutalen Kampf. Noch keiner seiner Gegner, ob Mensch oder Dämon, hatte diese Stärke besessen. Keines der üblen Wesen, denen der Paladin schon gegenüber gestanden war, war so schnell gewesen.
Er würde den Kampf verlieren. Heironeus, hilf mir, erschallte sein stummer Hilferuf.
Mit einem brutalen Krachen brach der weiße Schild des Streiters des Guten, als der gewaltige, stachelige Kopf des Flegels darauf donnerte. Mikael taumelte zurück.
Der Flegel kam angesaust. Der Paladin versuchte auszuweichen, doch sein Gegner war zu schnell. Die Kugel traf mit voller Wucht Mikaels Brust, zerschmetterte seine Knochen, zermahlte sie zu Staub.
Der Paladin ging endgültig zu Boden. Der Helm flog ihm vom Kopf, das weiße Schwert entfiel seiner kraftlosen Hand. Besiegt blickte er zu seinem Gegner auf, der wie ein dunkler Engel des Todes über ihm stand.
„Eine Schande“, sprach der Atrar leise. „Aus dir hätte noch ein guter Kämpfer werden können. Grüß mir die Götter.“
Der Paladin sammelte Speichel in seinem Mund, um Victor ins Gesicht zu speien, doch der Flegel hob sich und sauste nach unten. Und das Licht in Mikaels Augen erlosch, um nie wieder zu entflammen.
Einen Augenblick lang betrachtete der finstere Ritter den zerschmetterten Körper seines Gegners, dann wandte er sich um und sammelte seine Waffen ein.
„Komm, Mitternacht“, sprach er zu seinem dunklen Reittier.
Er schwang sich mühelos in den Sattel und hob die Hand zu einem letzten, ironischen Gruß an seinen Gegner. „Das Recht des Stärkeren“, sprach er.
Dann ließ er Mitternacht wenden und ritt schweigend in den Wald davon.