120 x Mittelerde

GeschichteAllgemein / P12
Eowyn Faramir
23.07.2011
14.08.2011
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Als Faramir aus dem Hause Hurin Eowyn von Rohan zum ersten Mal seine Stadt zeigte, war es tatsächlich „seine“ Stadt, mehr als zu jeder anderen Zeit, denn der König hatte sein Amt noch nicht angetreten und damit war Faramir der regierende Statthalter.

Er stieg mit ihr von den Häusern der Heilung in den ersten Zirkel hinab, um von dort den Aufstieg durch die ganze Stadt zu beginnen und ihr all die Orte zu zeigen, die wichtig oder ihm lieb waren, Handelslager, Werkstätten und Gärten, Gassen und Plätze, Tore und Ratshäuser.


Ein wenig schien es Eowyn, als zeige er nicht so sehr ihr die Stadt, sondern sie der Stadt. Denn er sprach viele Leute an, Händler und Wachen, Marktfrauen und sogar Kinder, nach deren Wohlergehen und Wünschen er sich erkundigte – und wurde seinerseits von Vielen angesprochen, die ihm ihr Beileid bezeugten oder ihre Freude über das Kriegsende ausdrückten und ihm Gratulationen und gute Wünsche mit auf den Weg gaben. Er vergaß nie, bevor er ein paar Worte mit ihnen wechselte, Eowyn vorzustellen; hatte sie aber zunächst erwartet, als seine Verlobte oder die künftige Frau des Statthalters vorgestellt zu werden, bemerkte sie bald, dass Faramir nichts dergleichen tat, niemandem gegenüber. Er sprach von ihr kein einziges Mal als von seiner Braut oder seiner künftigen Frau, sondern ausschließlich als einer bewundernswerten Kriegsheldin und Bezwingerin des Hexenkönigs, so dass die Leute auch mit ihr freundlich ins Gespräch kamen, für ihre Hilfe in solch niegehörtem Ausmaß dankten und ihr dafür fortdauerndes Wohlergehen und baldige Genesung von ihrer Verletzung wünschten, sodass sie sich sehr schnell gar nicht mehr fremd fühlte.  


Als er ihr die Kornspeicher zeigte,  bemerkte er in der Nähe plötzlich eine Katze, die sich an einer Mauer in der Sonne aalte. Er lachte und trat langsam auf sie zu. Die Katze, die sich bedächtig das Fell am Bauch leckte, hörte damit auf und beäugte ihn interessiert, als er näherkam.

„Schon gut, ich will dir nichts tun.“

Er ging in die Hocke und streckte vorsichtig seine Hand aus. Die Katze schnupperte, machte aber keine Anstalten, aufzuspringen oder zu kratzen. Schließlich hatte er mit seinen Fingern das helle Brustfell erreicht und kraulte es. Die Katze blinzelte träge und ließ es sich schnurrend gefallen. Faramir sprach leise zu ihr.

„Komm, kleine Schönheit, lass mich dich hochnehmen, damit ich auch dir unsere Retterin in höchster Not, die Bezwingerin des Hexenkönigs vorstellen kann.“

Er umfasste sie vorsichtig mit der einen Hand und hob sie dann mit der anderen hoch, bis er sie in den Armen hielt. Er kraulte sie weiterhin und drehte sich dann zu Eowyn um.
Ihr Anblick überraschte ihn aufs Äußerste: sie stand kerzengerade, die aufgerissenen Augen fest auf das Tier auf seinem Arm gerichtet und ihre ganze Körperhaltung wirkte – nun ja, kampfbereit?

Er lächelte und ging mit der Katze auf sie zu, da sie nicht näherkam. Sie bewegte sich nicht. Ihr Gesicht bekam einen Ausdruck, der zwischen Misstrauen, Unglaube und Bewunderung schwankte.

„Komm, streichle sie nur! Sie tut dir nichts.“

Zögerlich, sehr zögerlich und offenbar mit großer innerer Überwindung streckte Eowyn eine Hand aus – wie bereit, sie jederzeit wieder zurückzuziehen. Faramir redete beruhigend auf die Katze ein, obwohl seine Worte eher Eowyn galten. Die Katze ihrerseits peitschte träge ein wenig mit dem Schwanz und beobachtete genau, wie Eowyn sich Stückchen für Stückchen näherte. Es schien Faramir, als sei sie amüsiert über Eowyns großen Respekt vor ihr. Schließlich erreichten Eowyns Fingerspitzen die Haarspitzen des Katzenfells und strichen sacht darüber. Als die Katze sich nicht wand oder fauchte, wurde sie mutiger und streichelte richtig.
„Ganz weich...“, flüsterte sie hingerissen.

„Ja, siehst du? Und ganz lieb.“ Er rieb seine Wange ein paar Mal am Fell der Katze, um zu zeigen, wie ungefährlich das sei. Die Katze schnurrte vor Behagen. Eowyn zuckte sofort zurück.

„Keine Angst, das tun sie, wenn sie sich wohlfühlen.“

„Das hätte ich nicht gedacht.“

Sie näherte sich und streichelte eine Weile weiter, zunächst immer noch sehr vorsichtig, dann aber ruhiger, sicherer. Er bemerkte auf ihrem Gesicht einen Ausdruck der konzentrierten Versunkenheit und des Erstaunens, wie bei einem Kind, das etwas zum ersten Mal tut. Langsam, ganz langsam, mischte sich ein Lächeln darunter.

Irgendwann wurde es die Katze überdrüssig, wand sich aus seinen Armen und Faramir setzte sie wieder auf den Boden, wo sie sich gemächlich, aber ohne einen Blick zurück zu werfen, davonmachte. Er strich sich ein paar helle Katzenhaare von seiner Kleidung und bemerkte dann, dass Eowyn ihn von der Seite ansah.

„Hast du das schon immer gekonnt?“, fragte sie mit Bewunderung in der Stimme.

„Was denn?“, fragte er, verständnislos.

„Nun… dass dir Katzen so vertrauen. Dass sie sich in die Arme nehmen und streicheln lassen von dir.“

Er lachte. „Jeder kann das!“

„Nein.“
Sie schüttelte den Kopf, sehr ernst. „Ich weiß von Männern, die das mit Pferden tun können. Sie flüstern ihnen Zauberworte in die Ohren und dann vertrauen die Tiere ihnen. Aber ich habe das nie von Katzen gehört. Es hieß immer, dass Katzen, obwohl sie recht klein sind, sehr gefährliche Tiere sein können und man sich in Acht nehmen muss vor ihnen. Sehr scheu, aber in der Not sehr angriffslustig. Sie verteidigen sich bis aufs Letzte, und kratzen und beißen dann – mehr als alle anderen Tiere. Man kann sie nicht fangen, nur töten.“

„Du meinst, Wildkatzen – ja.", gab er zu. "Aber das hier ist ja eine zahme.“

Sie staunte. „Es gibt in Gondor zahme Katzen?“

„In Rohan etwa nicht? Aber, wie wird man denn dann bei euch der Mäuse Herr?“

„Nun, die Schlangen fressen sie, damit es nicht zuviele werden. Man stellt kleine Schüsselchen mit Milch hin, und das lockt Hausnattern an.“ Jetzt war es an ihm, erstaunt zu sein.

„Ist das nicht gefährlich? Wenigstens für kleine Kinder?“

Sie sah ihn verständnislos an. „Warum sollte es? Nattern sind doch nicht giftig. Als ich klein war, habe ich sehr gern mit Nattern gespielt. Sie bringen Glück, heißt es. Und sie sind sehr klug. Aber in Gondor hat man stattdessen dafür Katzen gebändigt und gezähmt? Wie schafft man das?“

„Wilde Katzen zähmen? Das geht nicht.“ Faramir überlegte. „Ich weiß gar nicht genau. Ich glaube, sie haben sich selber gezähmt.“

Eowyn schüttelte verwundert den Kopf. „Sich selber zähmen...“ Sie schwieg eine Weile, in Gedanken versunken.


„Es hieß immer…“ sie brach ab.

„Dass du wie eine Katze seist?“, vermutete er leise.

„Ja. Es sollte heißen, dass ich mich mehr benehmen soll, wie es einer Frau zukommt. Aber ich habe mich immer wohlgefühlt, wenn sie das sagten und ich war stolz darauf. Weil selbst Jäger Respekt vor Katzen haben und sie ihre eigenen Wege gehen lassen. Katzen sind mutig. Katzen kämpfen. Aber diese hier…“ Sie schüttelte verwundert den Kopf.

„Kämpft auch, wenn jemand ihr etwas Böses will.“, versicherte er ihr. „Und dann tut man recht daran, sich vor ihr in Acht zu nehmen. Sie lässt sich nichts aufzwingen, von  niemanden, für keinen Preis. Aber sie wusste, dass ich ihr nichts Böses will. Nur deshalb kam sie zu mir und ließ sie sich auf die Arme nehmen und streicheln. Weil sie es selbst wollte.“

„Weil sie es selbst wollte. Ich verstehe.“  Eowyn lächelte und nahm seine Hand.  

„Ich finde, du bist ein bewundernswerter Katzenflüsterer.“


Während sie gemeinsam ihren Weg zum nächsten Zirkel hinauf fortsetzten, durchforschte er sein Gedächtnis, konnte sich jedoch nicht erinnern, jemals ein so seltsames und so hohes Lob gehört zu haben.


ENDE.




Hach, ich wollte schon lange mal was über die Kulturunterschiede zwischen Rohan und Gondor schreiben: Ringelnattern hießen übrigens früher auch Hausschlangen, weil sie aus ebendem von Eowyn genannten Zweck im Früh- und Hochmittelalter gern gesehene Gäste im Haus waren, mit denen man auch die Kinder spielen ließ, wie später mit Kätzchen (darüber berichten auch einige Sagen und Märchen).
Und Wildkatzen sind tatsächlich ausgesprochen scheue und wehrhafte Tiere.
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