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Loki

von Liat
GeschichteFantasy, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
21.07.2011
14.01.2021
46
178.297
27
Alle Kapitel
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Dieses Kapitel
25 Reviews
 
 
21.07.2011 4.358
 

Hinweis:

"Loki" folgt in wesentlichen Teilen der Edda.
Das heißt, dass es neben Sex auch Gewalt gibt. Zudem war das damalige Moralverständnis deutlich anders, so dass manche Dinge nach unserem heutigen Empfinden alles andere als politisch korrekt sind.

Liebe Grüße,
Liat






Er ist so überheblich, dass mir schon fast übel wird, wenn ich ihm zuhören muss. Er war schon immer aufgeblasen und selbstherrlich, aber heute ist er in herausragender Form, so großmäulig habe ich ihn selten erlebt. Und ich bin einiges gewohnt, schließlich lebe ich schon lange unter Asen, aber das heute ist wirklich unerträglich.

Thor steht mitten in Walhall, das Trinkhorn in der Hand und nur die Stiefel und Beinkleider am Leib und erzählt eine seiner immer gleichen Geschichten. Der heldenhafte Thor erschlägt auf die eine oder andere Art und Weise die blutrünstigen und hinterlistigen Jötunn. Vor ihm steht eine Horde Einherjer und hört gebannt zu.
Sie müssen noch ganz frisch sein, in irgendeinem Schlachtfeld in Midgard gefallen und von Odins Walküren nach Asgard gebracht. Zumindest sind sie ordentlich gekleidet und gewaschen, und ihre zerbrechlichen Menschenkörper wieder geheilt. Manche sehen wahrhaft schauerlich aus, wenn sie hier ankommen. Zerfleischt, verstümmelt und blutüberströmt. Die, die den Tod nicht fürchten, die tapfersten unter den Menschen, ehrenvoll im Kampf gefallen. Odins Streitmacht für das Ragnarök. Ich würde lieber die Krieger nach Walhall holen, die die Schlacht überlebt haben, denn dazu gehört zumindest ein kleines bisschen Klugheit. Ich verstehe nicht, warum es eine Auszeichnung wert sein soll, wenn ein Mann als Futter für Schwerter und Streitäxte gedient hat.

In jedem Fall erklärt es, warum die Einherjer an Thors Lippen hängen wie die Fliegen am Honigtopf. Thor benutzt seinen Kopf auch bestenfalls als Helmständer, verziert mit einem Mund als praktisches Einwurfloch für die Unmengen an Essen und Met, die er vertilgt. An ihm gibt es nur zwei bemerkenswerte Dinge, seine Stärke und seine Überheblichkeit. Von beidem hat er im Überfluss, mehr als jeder andere Ase. Und Thor macht aus beidem kein Geheimnis. Allerdings muss ich zugeben, dass die Muskeln an seinem nackten Rücken im unsteten Licht der Fackeln ausgesprochen beeindruckend wirken. Die kleinste Bewegung schafft neue Täler und Hügel auf den breiten Schultern und der Feuerschein tanzt darüber wie ein goldener Kobold und verteilt in schnellem Wechsel Licht und Schatten. Baldur neben ihm wirkt schon fast zart und schmal.

„Er dachte, dass er sich verstecken und so seinem Schicksal entkommen kann,“ tönt Thor, so dass selbst ich ihn in dieser Entfernung verstehen kann, „aber ich, ich kann sie riechen diese Jötunn. Ihr Gestank verpestet die Luft und ich finde sie, egal wo sie sich auch verkriechen. Und diesen habe ich auch gefunden. Er hat geschrien vor Angst, aber es hat ihm nichts genutzt. Jetzt sitzt er doch in Hels dunklem Reich und wird dort für immer bleiben.“
Thor leert den Rest seines Horns in einem einzigen langen Zug.
Jetzt brüstet er sich sogar, dass er Jötunn riechen kann. Da könnte ich meinen Kopf gegen die Wand schlagen, oder besser noch, Thors Kopf. In mir regt sich das dringende Gefühl, diesen aufgeblasenen Angeber in seine Schranken zu weisen. Und es kostet mich tatsächlich einiges an Beherrschung, meine ruhige, gleichgültige Mine zu behalten.

„Bringt Met für meinen Bruder, den Asathor!“ Baldur winkt eines der Mädchen herbei, das das Horn auch eilig nachfüllt. Thor nimmt es kaum wahr, er würdigt sie keines Blickes,  aber Baldur schenkt ihr sein berühmtes Lachen. Prompt schlägt sie die Augen nieder und senkt den Kopf. Wieder eines dieser dummen Hühner, die sich bereitwillig von dem hübschen Gesicht und den schönen Worten Baldurs einlullen lassen.
Thor leert auch das nächste Horn ohne ein einziges Mal abzusetzen und Baldur dreht sich mit einer fließenden Bewegung um und greift nach dem Handgelenk des Mädchens, das schon wieder gehen will. Ich kann praktisch sehen, wie sie unter Baldurs Berührung erzittert. Er sagt etwas zu ihr, aber das kann ich von hier hinten nicht verstehen. Dann füllt sie mit unsicheren Händen Thors Horn erneut, bevor Baldur sie an sich zieht. Für einen kleinen Moment versteift sie sich, aber sie ist wohl nur überrascht, denn schon wenige Augenblicke später scheint sie recht anschmiegsam. Erst jetzt, als sie in Baldurs Armen liegt, scheint Thor zu bemerken, dass sie überhaupt da war. Es ist nur ein schneller Blick zu ihr, und dann ein etwas längerer zu Baldur, bevor er sich wieder umdreht, diesmal nur einen Schluck trinkt und das Horn dann an die Einherjer weiterreicht.

Ich muss gestehen, dass ich diesen Blick von Thor zu Baldur bemerkenswert finde, schon weil ich ihn überhaupt nicht deuten kann. Das Mädchen kann es nicht gewesen sein, sie hat Thor nicht gekümmert. Und Baldur bezirzt jedes weibliche Wesen in seiner Umgebung, das muss sogar Thor schon aufgefallen sein. Baldur sind selbst viele Männer verfallen, wenn auch nicht auf die gleiche Weise wie die Weiber. Er hat diese einschmeichelnde Art, ich glaube, er könnte fast jeden zu fast allem bewegen. Baldur ist ein Speichellecker und Arschkriecher. Thor dagegen ist stur und wenn er etwas will, dann erreicht er es, weil er mit dem Kopf durch die Wand geht oder durch seine unglaubliche körperliche Stärke. Er ist zu simpel gestrickt, als dass er noch andere Möglichkeiten kennen würde. Und scheinbar taugt diese Art nicht um Mädchenherzen zu brechen. Vielleicht ist er neidisch auf Baldurs umgängliche Art und die Leichtigkeit, mit der er Herzen einsammeln kann?
Meistens weiß ich ziemlich gut, was in Asgard vor sich geht, aber mir ist nichts über irgendwelche Liebschaften Thors zu Ohren gekommen. Und er ist seit Ewigkeiten mit Sif verheiratet und trotzdem haben die beiden nur eine einzige Tochter, die passenderweise auf den Namen Thrud, was Kraft bedeutet, hört. Das spricht nicht gerade für eine glückliche Ehe. Wenn ich so recht überlege, weiß ich, abgesehen von den offensichtlichen Dingen, nicht viel über Thor, falls es da überhaupt etwas zu wissen gibt. Ich hatte bisher nie den Wunsch verspürt, mit diesem aufgeblasenen Angeber mehr zu reden als die Höflichkeit erfordert. Aber vielleicht sollte ich das ändern.

Neugier war schon immer meine größte Schwäche. Und schon öfter auch die Ursache für viel Ärger, aber wenn ich nicht so neugierig wäre, würde ich nicht wissen, was ich heute weiß. Wissen ist Macht. Und vielleicht ergibt sich dabei auch eine Gelegenheit, Thor in seine Schranken zu verweisen.


Odin stellt sich neben mich. Auf seiner linken Schulter sitzt sein Rabe Munin und wie immer trägt er die Binde über der leeren Höhle seines Auges. Die Haare und der kurz geschorene Bart sind schlohweiß, auch wenn die Haut in seinem Gesicht fast glatt ist und nur um die Augen und auf der Stirn Falten zeigt. Odin könnte auch anders aussehen, wenn er wollte, aber er liebt die Aura von Respekt, die ihm das sichtbare Alter unter den ewig jugendlichen Asen verleiht.
„Loki, alter Freund, du siehst gelangweilt aus.“
Ich lehne den Kopf zurück an eine der Säulen, die, wie Speere geformt, die gewaltige Decke der Walhall tragen.
„Wie könnte ich gelangweilt sein, bei dem Schauspiel, das deine Söhne hier bieten?“ frage ich ihn und Odin kennt mich gut genug, um den spöttischen Unterton zu hören.
Er folgt meinem Blick die Stufen hinunter in die Menge der Einherjer. Baldur steht jetzt etwas  abseits, ist aber immer noch mit dem Mädchen beschäftigt. Thor ringt in einem Gewusel aus Gliedmaßen mit einer ganzen Gruppe an Männern. Trotz der zahlenmäßigen Übermacht ist es in etwa so, als ob ein Jäger mit einem frischen Wurf Hundewelpen hantiert. Thors Lachen schallt durch die ganze Halle.

Ein Lächeln zeigt sich auf Odins Gesicht. Das typische Lächeln eines Vaters, voller Nachsicht für die wilden, ungestümen Söhne. Väter neigen dazu, die Schwächen ihrer Kinder zu übersehen, mit meinen eigenen Sprösslingen ging mir das wohl genau so, und deshalb hat Odin sich darum gekümmert.
„Thor sagte, dass er Jöten an ihrem Gestank erkennen kann.“
„Hat er?“
Odin beobachtet den ungleichen Ringkampf, bevor er sich wieder an mich wendet. „Loki, mein Bruder, du weißt, dass er manchmal etwas vorlaut ist. Ein Teil von ihm ist immer noch ein  kleiner Junge, und ich weiß, dass du klug genug bist, dir solche Kindereien nicht zu Herzen zu nehmen.“

Odin legt die Hand auf meinem Unterarm. Ich kenne ihn. Die Geste soll mich beruhigen, und die Bezeichnung Bruder daran erinnern, dass er und ich schon einen langen Weg gemeinsam gegangen sind. Dass wir uns gegenseitig immer geachtet und vertraut haben, und er nie bereut hat, dass wir unser Blut vermischt und uns so zu Brüdern gemacht haben. Und gleichzeitig weiß ich, dass er nichts unternehmen wird. Bei allem was uns verbindet, die Wahl seiner Frauen habe ich nie nachvollziehen können, ebenso wenig warum er unter all seinen Söhnen Thor und Baldur so unverhohlen bevorzugt. Aber vielleicht ist genau das das Geheimnis unserer Freundschaft: es hat uns nie nach den selben Dingen gelüstet und so hatten wir nie einen Anlass uns zu streiten.
Es wird mich allerdings nicht daran hindern, Thor einen kleinen Streich zu spielen. Mir wird schon noch etwas einfallen. Mit irgendetwas muss man sich die Zeit in der Ewigkeit ja vertreiben.

„Wir waren schon lange nicht mehr zusammen auf Wanderschaft“, wechsle ich das Thema. „Ein paar Jahre in Midgard wären wirklich eine willkommene Abwechslung. Wie lange warst du schon nicht mehr da?“
Odin grinst mich an. „Dir ist also doch langweilig.“
Ich grinse unwillkürlich zurück.
„Jeden Abend ein Trinkgelage in Walhall kann auf Dauer sehr langweilig werden. Weißt du, egal wo ich bin und was ich tue, wenn ich dieses Kribbeln spüre, dann muss ich raus und etwas Anderes sehen, sonst werde ich unleidlich. Spürst du diese Unruhe nicht auch?“
„Nie so sehr wie du. Und ich habe nicht dein Talent, Abenteuer buchstäblich anzuziehen.“
„Ja, wir beide haben schon wilde Geschichten in Midgard erlebt.“
„Ja, das haben wir. Ich habe erst neulich an diese Sache mit dem Otter denken müssen. Hönir war damals dabei, oder nicht?“
„Erinnere mich nicht daran. Ich wollte nur ein paar schöne Otterfelle für einen warmen Wintermantel. Wie kann ich denn ahnen, dass eben dieser Otter der Sohn von Hreidmar, dem Jötunn ist? Und wenn der dumme Junge seine Gestalt schon wandeln muss, dann soll er wenigstens aufpassen. Ich muss das schließlich auch.“
„Er hat eben nicht mit deinem Jagdgeschick gerechnet. Und eigentlich finde ich schon seltsam, dass ihr Wandler euch gegenseitig nicht erkennt, wenn ihr eine andere Gestalt angenommen habt.“
„Wo wäre denn dann der Reiz daran, eine andere Form zu haben, wenn trotzdem jeder wüsste, wen er vor sich hat? Das wäre komplett sinnlos.“ Ich lache, und jetzt nach all der langen Zeit kann ich auch über diese Geschichte lachen, damals hat mich das schon ein paar Nerven gekostet.

„Jedenfalls wollte Hreidmar Wergeld für den Tod seines Sohnes. Die ganze Otterhaut sollte mit rotem Gold gefüllt werden. Ich kann mich gerade nicht mehr erinnern, wie du es eigentlich geschafft hast, das ganze Gold aufzutreiben.“
Natürlich weiß er es. Odin kann sich immer an alles erinnern. Aber er mag es, wenn andere vergessen, dass er nichts vergisst. So kann man schön sehen, wie sich die Geschichten im Laufe der Jahre verändern.
„Ich musste Schulden eintreiben, bei Andwari, dem Zwerg. Schließlich habe ich ihm das Leben gerettet, denn der Otter hatte ihn in seiner Hechtgestalt gerade gefangen, als ich ihn tötete. Also fand ich es nur recht und billig, dass Andwari das Wergeld bezahlt. Aber er ist geizig und gierig, hat mich nur ausgelacht und wollte mir natürlich nichts geben. Er hat sich wieder in einen Hecht verwandelt, ist in den Fluss gesprungen und weg war er. Ich musste zu Rán ans Meer gehen und mir das Netz leihen mit dem sie die Seelen der ertrunkenen Menschen aus dem Meer fischt und Andwari wieder einfangen.“
„Jedenfalls hast du wirklich ein Talent dafür, einer Jötunn Dinge abzuschwatzen.“
Oh, ich denke Odin hat wirklich Angst, dass mich Thors dumme Bemerkungen getroffen haben. „Mit seinesgleichen geht es immer leichter. Und bitte keine Schmeicheleien, das hast du nicht nötig, und dafür kennen wir uns zu gut, alter Freund. Dieses Talent ist doch nicht zuletzt auch ein Grund dafür, warum du dich mit mir abgibst?“
Odin lacht auch. „Das ist sicher nicht der wichtigste Grund, aber schon einer der vielen. Aber zurück zu Andwari. Als du ihn gefangen hattest, musste er dir das Gold für Hreidmar geben, nur Andwari hat es verflucht, so dass es jedem seiner Besitzer Unglück bringen wird. Tatsächlich hat dann Hreidmars anderer Sohn Fafnir seinen Vater erschlagen und seither sitzt er in einer Höhle und bewacht das geraubte Gold. Man sagt, sein Hass und seine Gier haben inzwischen dafür gesorgt, dass er die Gestalt eines schrecklichen Untieres angenommen hat.“
„Dazu fällt mir nur ein, dass ich für ganz kurze Zeit auch im Besitz von Andwaris Schatz war.“
Ich grinse wieder, vielleicht eine Spur herausfordernd.
„Oh Loki, du willst mir nicht einreden, dass ausgerechnet du Angst vor dem Fluch eines goldgierigen Zwerges hast?“ Jetzt sieht Odin mich spöttisch an. Ich weiß, dass er mir das nicht abnimmt, und er weiß, dass ich das nicht ernst meine.
Wir kennen beide unser Schicksal, Zwerge werden in dem Zusammenhang nicht erwähnt. Und im Gegensatz zu Odin bereitet mir meine Zukunft kein ständiges Kopfzerbrechen und ich muss nicht alles in meiner Macht stehende tun, um zu verhindern was geschehen soll. Falls es denn überhaupt so kommen wird. Die meiste Zeit glaube ich, dass das einfach nur eine Geschichte ist und es nicht lohnt, weitere Gedanken daran zu verschwenden.

Munin auf Odins Schulter wird unruhig, schlägt mit den Flügeln und die schwarzen Federn streichen über mein Gesicht. Odin nimmt ihn herunter, wirft ihn in die Luft und der Rabe zieht fast unsichtbar seine Kreise in der dunklen Höhe der Walhall.
„Du hast recht, wir sollten wieder eine Wanderung machen. Wir könnten nachsehen, was wirklich aus Fafnir geworden ist und Midgard vielleicht von einem Scheusal befreien.“
„Es wird sich jemand finden, um bei Fafnir den Helden zu spielen. Ich fürchte unsere Talente sind dabei völlig verschwendet. Und ich habe schließlich einen Ruf zu verteidigen. Außerdem ist Thor  der Beschützer von Midgard. Soll der sich doch darum kümmern.“ Ich drehe mich um, aber weder Baldur noch Thor sind noch zwischen den Einherjern zu sehen.
„Wir werden sehen, wohin es uns verschlägt. Aber jetzt setz dich zu mir, und lass uns noch ein paar alte Geschichten erzählen. Außerdem habe ich Durst.“


Später, die dunkelste Stunde der Nacht ist schon überschritten, verlasse ich Walhall durch eines der zahlreichen Tore. Weil es schon so spät ist, werde ich hier bleiben, Odin hat mir eines der vielen Zimmer in seiner Burg Gladsheim dauerhaft überlassen. Ich wähle den unteren Weg, am Fluss entlang und durch den Hain um von Walhall zu den Wohnräumen zu gelangen. Er ist um einiges weiter, aber die Nachtluft ist mild und der Himmel übersät mit Sternen. Die Wohnräume in Gladsheim liegen etwas erhöht auf einem Felsen zwischen dem Hain und der Walhall. Auf dem langen Weg umrunde ich den Berg von unten und komme auf der Dienstbotenseite an.

Im Hof ist Wäsche zum Trocknen aufgehängt, neben der Tür ein ordentlicher Stapel Feuerholz aufgeschlichtet und davor stehen Körbe mit Gemüse. In einem der Fenster brennt Licht, es gehört zu einem der über den ganzen Palast verstreuten Küchenräume. In Odins Palast kann man zu jeder Tages- und Nachtzeit Essen bekommen. Hinter den niedrigen Gebäuden führt die so genannte schmale Treppe in mehreren Schleifen nach oben. Eigentlich ist sie nicht so eng, wie ihr Name vermuten lässt, aber über diese Treppe kommen fast nur Lieferanten und Dienstboten. Alle anderen benutzen die breite Treppe, die erst zur Walhall und dahinter dann weiter zum Eingangstor von Gladsheim führt.
Die schmale Treppe endet jedoch direkt an einer geschützten Terrasse, die auch Friggs Terrasse genannt wird, weil es im Sommer der Lieblingsplatz von Odins erster Frau ist. Die Weinstöcke am Rankgitter bilden im hinteren Teil ein dichtes Blätterdach als Schutz gegen fremde Blicke und die Strahlen der Sonne. Schon als ich um die erste Biegung der Treppe komme, sehe  ich Thor oben an die Mauer der Terrasse gelehnt. Er steht regungslos und sieht in die Dunkelheit des nächtlichen Asgards hinaus. Ich warte und beobachte ihn ein paar Minuten lang.

Plötzlich kommt mir eine Idee. Ich wusste doch, dass mir bei passender Gelegenheit etwas einfällt.
Vorsichtig schleiche ich in den Hof zurück und schaue mir die Kleider genauer an. Ich brauche eine Frau, nur welche? Sie muss natürlich eine Jötunn sein, das ist unbedingte Voraussetzung, und außerordentlich schön selbstverständlich auch, wenn ich zumindest eine kleine Hoffnung auf Erfolg haben will. Dann wäre es auch noch von Vorteil, wenn sie nicht an Odins Hof verkehrt und Thor bei nächster Gelegenheit über den Weg läuft. Zumindest die letzte Anforderung ist einfach, denn es gibt sehr, sehr wenige Jötunn die den Weg nach Asgard finden, die alte Feindschaft sitzt zu tief. Eine der neun Töchter von Rán und Ägir wäre ideal. Man hat seit Jahrhunderten keines der Mädchen mehr gesehen, man sagt sie reiten fern der Küste als Wellen auf dem Meer.

Allerdings hat eine von ihnen Odin einen Sohn geboren. Man sagt sogar, alle neun zusammen haben Heimdall ausgetragen, aber man muss ja nicht jede Geschichte glauben, die man so hört. Dennoch wäre es dumm ausgerechnet die auszuwählen, die Odin hatte. Und ich weiß nicht, welche es war, er hat es nie erwähnt und ich habe ihn nie gefragt. Also kann ich nur raten. Vermutlich war es keine von denen, die mir gefallen hätten, Odins andere Frauen würde ich auch dann nicht anfassen, wenn es die letzten Wesen außerhalb Niflheims wären. Angeyja fand ich ansprechend und Jarnsaxa auch. Sie sind beide sehr hübsch. Ich entscheide mich für Jarnsaxa, weil sie die meergrünen Augen ihrer Mutter hat. Und eine Frau, die Eisenklinge heißt, scheint mir auch zu Thor zu passen.

Auf der Leine finde ich ein Kleid, das passen könnte. Es ist einfach geschnitten, aber aus einem feinen, hellen Stoff gefertigt. Nichts was ein Dienstmädchen tragen würde. Ich nehme es mit in einen dunklen Winkel und ziehe eilig meine Sachen aus. Ich muss schnell machen, wer weiß wie lange Thor da oben stehen bleibt. Und dann werden wir schon sehen, wie gut er Jöten riechen kann.
Der bekannte Druck stellt sich ein. Wann immer ich eine kleinere Gestalt annehme als meine eigene, habe ich das Gefühl, dass mein Körper zusammengepresst wird bis die Knochen knirschen und brechen und ich ersticke, weil ich gegen diesen Druck nie Luft in meine Lungen atmen kann. Aber Jarnsaxa ist nicht so viel kleiner als ich, und so ist es schnell vorbei. Außerdem habe ich die Wandlungen schon so oft gemacht, dass dieser Schmerz fast wie ein alter Freund ist.
Das Kleid ist ein Stück zu kurz, und während ich es anziehe, merke ich, wie unsicher ich mich auf diesen Beinen fühle. Es dauert immer eine Weile, bis ich mich an die Abmaße eines neuen Körper gewöhnt und das Gleichgewicht gefunden habe.
Meine nackten Füße verursachen kleine Geräusche auf dem Stein der Treppe und in der Stille der Nacht erscheinen sie mir sehr laut. Ich habe keine Schuhe. Meine kann ich ganz sicher nicht tragen, und ich habe keine Zeit andere zu suchen. Ich gehe so schnell ich es mir in dem fremden Körper zutraue. Als ich oben ankomme, bin ich fast außer Atem.

Thor sieht noch genau so aus, wie vorhin in der Walhall, er trägt nur die Stiefel, Beinkleider und seinen Gürtel Megingjarder. Ich bin mir sicher, dass er mich aus den Augenwinkeln gesehen hat, und ich war nicht zu überhören, aber Thor schenkt mir keine Beachtung. Langsam gehe ich auf ihn zu, und ich versuche erst gar nicht, aufreizend zu wirken, ich kann froh sein, dass ich nicht über meine eigenen Füße stolpere. Eigentlich hätte ich mehr Zeit für eine bessere Vorbereitung gebraucht, aber ob sich diese Gelegenheit so schnell wieder ergibt?

„Sei gegrüßt, Thor Odinson.“
Er dreht sich zu mir um und sieht mich an, aber in seinem Gesicht ist keine Regung zu erkennen. Schade. Vielleicht hätte ich mein eigenes Gesicht auch mal überprüfen sollen. Ich frage mich gerade, ob ich vielleicht zu voreilig war. Meine Idee gefällt mir noch immer, aber die Umsetzung hätte wirklich besser geplant sein müssen. Jetzt ist es zu spät, ich kann nur noch das Beste daraus machen, aber was soll schon passieren? Ein anderer Körper ist immer auch eine Art Schutzschild.
„Was willst du?“ Thor versucht gar nicht erst, freundlich zu sein.
„Warum stehst du so lange hier und schaust in die Dunkelheit?“
„Was kümmert dich das?“ Thor sieht mich immer noch an. „Wer bist du überhaupt?“
Diese Frage kommt zu früh, und daher beachte ich sie nicht. Ich starre zurück. Er soll bloß nicht glauben, dass ich klein beigeben werde. Und ich weiß plötzlich, was  ich tun werde. Ich werde vorgehen wie Gullveig damals bei mir. Sie hatte immerhin Erfolg, also kann das nicht so schlecht sein. Und ich kann mir nicht vorstellen, dass Thor Sinn für tief schürfende Gespräche hat, und da ich ihn nicht heiraten will, ist es mir auch egal, was er hinterher von mir hält.

„Ich will dich“, antworte ich ihm, komme noch einen Schritt näher und fasse ihm direkt an die Vorderseite seiner Hose. Thor klappt fast sofort mit dem Oberkörper vorn über, als hätte ich ihm einen Schlag in seine besten Stücke versetzt, und er keucht. Ich lasse meine Hand wo sie ist, reibe ihn, und er wird hart. Fast augenblicklich. Ich könnte glatt neidisch werden.

„Du willst mich?“ Thor hat sich aus seiner offensichtlichen Überraschung wieder gefangen. Er packt mich grob am Unterarm und zerrt mich mit festem Griff ein paar Schritte hinter sich her. Mir bleibt nichts übrig, als hinter ihm her zu stolpern. Und das liegt nicht daran, dass ich mich noch nicht richtig an den fremden Frauenkörper gewöhnt habe.
Thor schubst mich an die Wand und ich schlage mit dem Rücken schmerzhaft dagegen. Er pinnt mich mit seinen Hüften regelrecht fest. Dann hebt er mein Kinn hoch, so dass ich ihm in die Augen sehen muss und seine Stimme ist fast zart, als er sagt: „Pass das nächste Mal besser auf, was du willst. Es besteht immer die Gefahr, dass du es tatsächlich bekommst.“

Mit einer Hand macht er den Gürtel ab und öffnet die Schnürung seiner Hose, mit der anderen schiebt er in einer fließenden Bewegung mein Kleid nach oben, legt seine Hand auf meinen Hintern und hebt mich hoch, weil ich zu klein für ihn bin. Ich fühle die zweite Hand, dann seinen Schwanz und in der nächsten Sekunde ist er da, wo er hin muss. Er ist hart, brutal, rücksichtslos. Er stößt in mich und es kümmert ihn nicht, dass mein Rücken jedes Mal gegen die rauen Steine schlägt. Er benutzt mich, und ich weiß das ebenso wie er. Ich schlinge die Beine um seine Hüften und klammere mich damit an ihm fest. Die Arme presse ich gegen die Mauer. So ist der Schmerz im Rücken leichter zu ertragen. Und es hilft, um mir vorzutäuschen, ich hätte zumindest einen Hauch von Kontrolle über den Körper in dem ich mich gerade befinde. Es ist wenig genug, tatsächlich bin ich ihm ausgeliefert. Thor ist mir körperlich in jeder Hinsicht überlegen.
Der Kerl ist wie eine Naturgewalt. Unaufhaltsam, gewaltig, zerstörerisch.

Gut für mich, dass ich das mag.
Seit Gullveig ist mir so eine Wildheit nicht mehr begegnet. Überhaupt wenn ich an Gullveig denke, gefällt mir das noch sehr viel besser. Gullveig hätte im Übrigen meine Idee auch gemocht. Ich kippe mein Becken so weit nach vorne wie ich kann, um die Reibung an diesen bestimmten Punkt zu kriegen. Thor keucht im Takt seiner Stöße und ich rieche in seinem Atem den Honig und die Kräuter aus dem Met. Die Haut seiner Brust ist nur wenige fingerbreit von meinem Gesicht entfernt und glänzt vor Schweiß.
„Fester!“ fordere ich. Thor wird tatsächlich schneller und es fühlt sich verdammt gut an, als die Reibung da ankommt, wo sie auch was nützt. Ich mache die Augen zu und denke wieder an Gullveig. Ich schreie, als mich dieses Gefühl überkommt und mein ganzer Unterkörper fängt an zu zittern. Thor lässt mich plötzlich los und ich falle auf den Boden. Ich schlage hart auf dem Steißbein auf, es tut weh, aber das kümmert mich jetzt nicht, ich lasse mich auf die Seite rutschen und halte die Augen fest geschlossen. Ich bin zu sehr mit dem Nachhall in mir beschäftigt, und mit all den Erinnerungen, die jetzt wieder hochkommen. Es ist nicht das erste Mal, dass ich in einem Frauenkörper bin, und nicht das erste Mal, dass ich mich nehmen lasse, aber bisher hatte ich dabei kein einziges Mal dieses Gefühl.

Ich öffne die Augen wieder und sehe zu Thor hoch. Er steht immer noch vor mir, den Unterarm an die Wand gelegt und dagegen seinen Kopf. Er atmet tief und keuchend. Ich liege zwischen seinen Füßen und er bildet eine Art Brücke über mir. So wirkt er noch viel riesiger als er sowieso schon ist.
„Es tut mir leid“, sagt er.
Es wäre mir lieber, wenn er still wäre. Er stört mich.
„Es tut mir leid“, wiederholt er nach einer Weile.
„Was tut dir leid?“
„Das. Ich bin sonst nicht so.“ Thor kniet sich neben mich und streckt vorsichtig die Hand aus.
Ich weiche zurück, denn ich will jetzt nicht angefasst werden, nicht von ihm.
„Es tut mir so furchtbar leid“, sagt er schon wieder.
„Hör auf dich zu entschuldigen, du Schwachkopf. Du warst gut, du warst sogar sehr gut und nur deswegen habe ich geschrien. He, ich bin dir gleich an die Eier gegangen, und wenn ich das tue, dann bin ich nicht in der Stimmung für Minnegesänge und zarte Küsse. Also hör auf mit dem Geflenne.“
Ich stehe auf und stakse auf wackeligen Beinen in Richtung Treppe. Ich fühle mich wie in der Mitte auseinander gerissen und alles schmerzt, vor allem die Hüfte und der Rücken. Und es fühlt sich hohl an, im Herzen, weil ich Gullveig noch immer vermisse, und tiefer, zwischen den Beinen seltsamerweise auch.

Ich bin schon fast wieder unten im Hof, als mir einfällt, dass ich vergessen habe, es ihm zu sagen. Thor kann ganz sicher keine Jöten riechen. Er erkennt sie ja nicht mal, wenn er es gerade mit einem von ihnen treibt.
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