Superman`s Tochter Teil III Cosimo

von K Ehleyr
GeschichteAbenteuer / P12
15.07.2011
29.07.2012
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Kapitel 1

“Pulitzerpreis”. Für einen Moment schloss Sanna beglückt ihre Augen. In nur wenigen Stunden würde sie eine der gläsernen Trophäen, nach dem jeder Reporter im Land strebte, in den Händen halten. Endlich. Heute würde es soweit sein. Heute würde sie in die Reigen der Reporter aufgenommen werden, die als die Besten ihres Faches galten. Und sie - Sanna Kent, Tochter von Lois Lane und Clark Kent - würde einer von ihnen sein.
Sanna warf ihrem Spiegelbild einen letzten kritischen Blick zu. Max McColin, ihr Partner und bester Freund, hatte versprochen, sie abzuholen. Und er würde pünktlich sein, denn Max hatte sich über ihre Ernennung zur diesjährigen Preisträgerin genauso gefreut wie sie selbst. In seinen Glückwünschen hatte keine Spur von Neid mitgeschwungen - wozu er auch keinen Grund gehabt haben dürfte, da er den Preis ein Jahr davor gewonnen hatte. Mit einem leichten Heben ihrer Augenbraue dachte Sanna an die Preisverleihung im letzten Jahr. Max hatte den Preis für die ausführliche Reportage über die Kryptonier verliehen bekommen. Er hatte die Story alleine geschrieben, da sie, Sanna, zur selben Zeit psychisch wie physisch schwer angeschlagen gewesen war. So hatte Max - ohne sich zu beschweren oder über die Krankheit seiner Partnerin zu äußern - die Reportage alleine abgehandelt. Der Preis dafür war der Pulitzer gewesen.
Ein Klingeln an der Haustür riss Sanna aus ihren Gedanken. Noch einmal warf Sanna der jungen Frau in dem Spiegel einen Blick zu: Sie trug ein langes und enges, in blau gehaltenes, schulterfreies Abendkleid. Eine dünne, goldene Kette lag um ihren Hals, in deren Mitte eine große Perle aufgehängt war. Ihre langen, dunklen Haare hatte sie, entgegen ihrer Gewohnheit, zu einer kunstvollen Frisur hochgesteckt. Auf ihren Schultern schimmerte heller Puder, was einen schönen Kontrast zu ihren dunklen Augen bildete. Zufrieden warf Sanna dem Spiegel eine Kusshand zu. Sie hoffte, Max würden bei ihrem Anblick die Augen hervorquellen. Das allein wäre die Mühe, die sie sich mit ihrem Aussehen gemacht hatte, wert gewesen.
Ein weiteres, sehr ungeduldiges Klingeln, lies Sanna zur Haustür eilen und mit einem Schmunzeln durchleuchtete sie die Tür. Auf dem Flur stand Max. Angetan in einem dunklen Anzug, der nicht recht zu seinem jugendlich - verschmitzten Gesicht und den blonden Haaren passen wollte.  Zudem war er flankiert von den Zwillingen aus der Parterre, Ben und Tom. Beide Jungen sprachen gleichzeitig auf Max ein, der sich dem Redeschwall der Zwillinge nicht erwehren konnte. Mit einem leisen Lachen öffnete Sanna ihre Haustür. Sofort erstarb der Redeschwall und Sanna sah sich von drei bewundernden Blicken bestaunt. Ben fand als erstes seine Sprache wieder: “Sanna!” rief er laut. “Wie siehst du denn aus?”
“Mann!” fügte sein Zwilling dazu. “Richtig erwachsen.”
“Das will ich doch meinen!” meinte Max mit einem Zwinkern. In seinen Augen leuchtete es.
“Komm herein!” Einladend öffnete Sanna die Tür. Und zu den Zwillingen gewandt, sagte sie: “Und ihr geht wieder runter. Ich bin nur mit Max verabredet.”
“Och!” Die Zwillinge blickten sie enttäuscht an. “Immer nur der....” Doch sie drehten gehorsam um und trotteten zur Treppe.
Sanna lachte als sie die Türe schloss. “Ich fürchte, seit meinem letzten Kinobesuch mit den beiden denken sie, dass ich diejenige bin, die für ihren Spass verantwortlich ist.”
“Nun, was mich betrifft, stimme ich dem voll und ganz zu.” Bei diesen Worten legte Max einen Arm um ihre Taille und küsste sie leicht auf die Schulter.
Sanna errötete kaum merklich. “Hey!” rief sie in einem Anfall von Schüchternheit. Ihr Partner hatte ihr noch nie derart eindeutige Avancen gemacht.
“Ja?” Ohne auf Sannas leicht pikierten Tonfall zu achten, verstärkte er seinen Griff.
“Also, weißt du....” Sie brach ab. Max war ihrem Gesicht gefährlich nahe gekommen. In seinen Augen stand Bewunderung, sowie Zuneigung - und eine Frage.
“Oh, Gott, Max...” flüsterte Sanna. Ihr Herz klopfte ihr plötzlich bis zum Hals. “Du weißt nicht, mit wem du dich da einlässt.”
“Mit der Frau, die ich über alles liebe!” flüsterte Max zurück. Er begann sie zaghaft zu küssen. Erst leicht und dann, als Sanna seine Küsse erwiderte, immer heftiger.    
“Max!” sagte Sanna als sie wieder Luft holen konnte. “Bist du dir sicher?”
“Seit Jahren.” Er lachte sie glücklich an. “Ich will seit Jahren nur dich....” Plötzlich stockte er und wurde ernst. “Das heißt...., wenn du genauso fühlst.”
Mit einem Seufzen legte Sanna ihren Kopf an Max Schulter. Sein After Shave, das so gut zu ihm passte, stieg ihr in die Nase. Sie lächelte. Ja, sie wollte es. Sie war bereit dazu. Lange genug hatte sie gebraucht - ein ganzes Jahr - um für sich für diesen Moment zu rüsten. Zwölf Monate, um die Mauern, die sie um sich herum aufgebaut hatte, nieder zu reißen. Aber nun hatte sie es geschafft. Sie war bereit, zu lieben und geliebt zu werden. Max musste das intuitiv gespürt haben. “Ich fühle mich genauso!” sagte sie deshalb bestimmt.
Ein glückliches Lachen ausstoßend hob Max Sanna hoch und wirbelte sie im Kreis herum. Als er sie wieder auf den Boden abstellte meinte er: “Du bist ja gar nicht so schwer!”
Sanna lachte ebenfalls. Ihr war leicht schwindelig - vor Glück und von Max`s Wirbelei. “Warum sollte ich schwer sein? Sehe ich aus wie ein Elefant?”
“Nein!” Max küsste sie wieder. “Vergiss, was ich gesagt habe.” Trotzdem wunderte er sich ein wenig. Er war davon ausgegangen, dass Sanna, die immerhin so stark wie ihr Vater war, wenigstens etwas schwerer als andere Frauen ihres Formats war. Das dem nicht so war, erstaunte ihn im ersten Moment und er fragte sich, welche Überraschungen Supermans Tochter noch auf Lager hatte.  
“Gut, ich vergesse es.” Sanna blickte Max tief in die Augen. “Nicht vergessen dagegen kann ich, dass wir schwer im Verzug sind - wir haben noch einen Preis abzuholen.”
Max nahm sie noch fester in seine Arme. “Wir lassen ihn uns mit der Post bringen.”
“Oh nein!” Entschlossen wand sich Sanna aus Max Griff. “Das lasse ich mir nicht entgehen. Außerdem kommen meine Eltern.”
“Das ist natürlich etwas anderes.” Max nahm ihre Hand und führte Sanna zur Haustür. “Um nichts auf der Welt würde ich versäumen wollen, deine Eltern zu treffen.”
“Du verstehst dich gut mit ihnen, nicht wahr?” Sie warf ihm einen amüsierten Blick zu, während sie ihre Tür verschloss.
Max nickte. Natürlich verstand er sich gut mit ihnen. Die Ereignisse im letzten Jahr hatten sie sehr eng verbunden. Zudem wusste er um Clarks Geheimnis - und das von Sanna. Sie wusste nur nicht, dass er es wusste.
“Ich bin gespannt, was sie sagen werden,” sagte Sanna, als sie kurze Zeit später in Max Auto stiegen. “Ich meine, das zwischen uns.”
Er lächelte. “Ich bin sicher, es wird sie nicht erstaunen. Meiner Meinung nach erwarten sie es schon länger.”
“Ja, ist das nicht komisch?” Sanna lachte. “Ich glaube, sie kennen mich besser als ich selbst.”
“Das trifft wahrscheinlich auf die meisten Eltern zu.”
Sanna stimmte zu. Dann schwieg sie. Ein tiefes Gefühl der Zufriedenheit breitete sich in ihr aus. Sie bekam den Pulitzerpreis, sie und Max hatten endlich den längst fälligen Schritt getan und sie würde ihre Eltern treffen. Heute war einer der interessantesten Tage ihres Lebens!

Der Festsaal war bereits gefüllt mit Menschen, als Max und Sanna ihn betraten. Sämtliche Honoratioren der Stadt und der Nachrichtenwelt schienen sich zu diesem Ereignis versammelt haben. Trotzdem stießen sie schon kurz nach dem Eintreten auf die Belegschaft des “Daily Planets”. Neben dem Chefredakteur James Olsen, einigen Kollegen wie Elaine Carson, Michael Forrest und Dave Potter, standen auch Sannas Eltern mit dabei. Als die beiden Reporter auf die Gruppe zutraten, konnte man ein leises Raunen hören. Sanna sah außerdem, wie ihre Mutter Clark mit dem Ellenbogen anstupste. Dieser schmunzelte vergnügt.
Sanna beugte sich zu Lois Wange, um sie zur Begrüßung zu küssen. “Ach, Mom,” flüsterte sie in ihr Ohr. “Ich bin ja so glücklich.”
“Man sieht es dir an,” gab Lois zurück. “Du strahlst mit den Leuchtern im Saal um die Wette.”
“Wirklich?” Sanna lachte leise. “Ich habe auch allen Grund dazu.”
Max trat zu ihnen und begrüßte Lois. “Lois, wie schön, dich zu sehen.” Er warf ihr einen bewundernden Blick zu. “Gut siehst du aus - an deine Klasse kommen viele der jungen Mädchen hier nicht ran!”
“Danke!” lachte Lois. “Aber mit meiner Tochter kann ich nicht mehr mithalten.”
Max legte seinen Arm um Sanna und küsste sie auf die Wange. “Das kann keiner.”
Clark, der sich kurz mit seinem Freund Jimmy unterhalten hatte, trat zu ihnen und runzelte die Brauen. “Was sehe ich da?” fragte er scherzend. “Habt ihr euch eigentlich die Erlaubnis des Vaters eingeholt?”
“Dad!” Die Stimme Sannas klang ein weiteres Mal pikiert.
“Hört nicht auf ihn, Kinder.” Lois warf ihren Mann einen vergnügten Blick zu. “Wenn ihr wüsstet, wie oft er mir wegen euch schon in den Ohren lag. Lois - sagte er - die zwei sollten ihre Probleme endlich auf die Reihe kriegen!”
Sanna konnte nicht verhindern zu erröten. “Ich hoffe, außer euch hat keiner etwas von meinen Gefühlsleben mitbekommen.”
In diesem Moment klopfte Jimmy Olsen Max auf die Schulter. “Na, alter Junge!” rief er jovial. “Ist Ihr Eisberg geschmolzen?”
“Eisberg?” wiederholte Sanna entsetzt.
“Genau so hast du dich verhalten,” fügte der Bürobote Dave hinzu. “Es wurden schon Wetten abgeschlossen, wie lange Max das durchhält.”
“Wetten?” Sanna blickte auf Max. “Hast du das gewusst?”
Energisch schüttelte Max den Kopf. “Nein!”, und zu Dave gewandt sagte er: “Das war jetzt nicht sehr taktvoll.”
“Aber vollkommen richtig.” Elaine Carson, eine schöne junge Frau mit pechschwarzen Haaren und eine heimliche Rivalin Sannas, sagte es mit einem spöttischen Lachen. “Wäre ich an Max Stelle gewesen, hätte ich schon längst aufgegeben.”
Beruhigend drückte Max Sanna an sich. “Ich hätte nie aufgegeben, Elaine,” sagte er. “Ob Eisberg oder nicht.”
“Kein Wunder,” warf Michael Forrest ein. “Jeder konnte sehen, wie sehr du dich um Sanna bemühtest.”
“Ich ringe um meine Fassung,” meinte Sanna, sichtlich betroffen. “Ich hätte niemals gedacht, dass mein oder Max Gefühle so von öffentlichem Interesse ist.”
“Macht euch nichts draus,” tröstete Jimmy sie. “Frag mal bei deinen Eltern nach, wie spannend sie es uns damals gemacht haben.”
“Erinnere mich bloß nicht daran,” seufzte Lois. “Wir hätten unsere Dispute an das berühmte schwarze Brett hängen sollen - so interessiert war die Belegschaft des “Daily Planet” an unserer Beziehung.”
Clark lachte. “Das stimmt. Und ich wette, ein gewisser Bürobote war der Schlimmste von ihnen. Zusammen mit seinem Chef haben sie jeden unserer Schritte ausdiskutiert.”
Die Reporter lachten. Sanna warf ihren Eltern einen dankbaren Blick zu. Dadurch, das sie zugaben, in einer ähnlichen Lage wie sie und Max gewesen zu sein, erschien ihr die Begebenheit nicht mehr ganz so peinlich.
“Wir sind aber nicht hier, um über das neue Paar zu reden,” sagte in diesem Moment Jimmy. “Wir sind hier, weil Sanna den Pulitzerpreis bekommt. Und dafür wollen wir sie feiern.” Er nahm ein Glas Sekt, das von einem livrierten Ober auf einem Tablett herumgereicht wurde. “Stoßen wir auf die diesjährige Pulitzerpreisträgerin an. Auf die beste Reporterin des Jahres, die - wie kann es anders sein - im “Daily Planet” arbeitet!”
Die anderen nahmen sich ebenfalls ein Glas. Gemeinsam prosteten sie sich zu und beglückwünschten Sanna. Sogar Elaine tat so, als würde sie sich wirklich für Sanna freuen. Sanna, die sich heute nicht einmal von Elaine die gute Laune verderben lassen wollte, nahm die Glückwünsche lachend an.
Kurz darauf begann die Preisverleihung.  

Es geschah, als Sanna nach vorne ging, um ihren Preis entgegenzunehmen. Sie wollte gerade ans Mikrofon treten und sich dafür bedanken, als das große  Fenster zerbarst. Es war an der Vorderfront, ein kreisrundes Fenster von mehreren Metern Durchmesser, das an eine Rosette einer Kirche erinnerte. Mit einem lauten Knall sprang es in Millionen Einzelteile und regnete auf die Menschen in der Halle herab. Für einen Moment stand die Menge wie erstarrt. Dann trat von einer Minute auf die andere Panik auf. Die Menschen begannen zu schreien und versuchten aus der Halle zu flüchten. Erschrocken blickte Sanna zu ihren Eltern hinüber. Ihre Mutter stand neben Max, die Arme zum Schutz über ihr Gesicht gelegt. Sannas Blick ging zum Eingang. Superman trat soeben durch die breiten Türen und versuchte die Menschen vor den herab regnenden Glassplittern zu beschützen. Und plötzlich, inmitten der Schreie und Rufe ertönte das Lachen einer Frau.
Über Sannas Rücken lief eine Gänsehaut. Das Lachen hatte hart und metallen geklungen. Sie blickte zum Fenster, von wo das Lachen ausgegangen war. Dort war, inmitten der zerbrochenen Rosette, eine Frau erschienen. Es war, als schwebte sie. Sofort erstarb das Schreien und jeder blickte auf die Frau. Selbst Superman starrte wie gebannt auf die urplötzlich aufgetretene Erscheinung. Die Frau bot aber auch, wie Sanna zugeben musste, einen ungewöhnlichen Anblick: Sie trug ein enganliegendes, schwarzes Ledersuit, das ihre weiblichen Kurven auf unnachahmliche Art und Weise hervorhob. Ihre Füße steckten in kniehohe Stiefel mit metallenen Schnallen. Als krassen Kontrast zu dem martialisch wirkenden Anzug besaß sie ein junges und hübsches Gesicht, das von goldenen Locken umrahmt wurde. - Sie wirkte wie ein Engel, der in das falsche Kostüm gesteckt worden war.
Die Frau hob die Arme, als wollte sie die Menge unter ihr segnen. "Ich bin Cosimo!" rief sie den Menschen zu. "Ich bringe den Frieden."
Sanna sah, wie sich ihr Vater langsam zum Fenster erhob. "Aber nicht hier!" rief er der Frau zu. Plötzlich stutzte er. Er flog auf die Frau zu und dann zum Erstaunen aller durch sie hindurch. Jemand im Saal rief: "Das ist ein Hologramm!"
"Ein Hologramm?" wiederholte Sanna verblüfft. Rasch ging sie die Stufen zur Empore, auf der die Preisverleihung stattgefunden hatte, hinab. Dann bahnte sie sich einen Weg zu Lois und Max.
"Wer zum Teufel ist das?" fragte Max gerade. "Platzt hier einfach rein und schmeißt die Party!"
"Seid ihr okay?" fragte Sanna ihre Mutter. Die nickte knapp und zeigte auf die Frau im Fenster: "Ist das nicht unglaublich?"
"Sie hat für ihren Auftritt einen schlechten Zeitpunkt gewählt," gab ihre Tochter zurück. Doch zu Dave gewandt sagte sie: "Ich hoffe, du hast deine Kamera dabei. Das gibt eine tolle Schlagzeile."
"Ich bin schon dabei!" grinste Dave. Voller Stolz zeigte er auf die Kamera in seiner Hand.
"Von wo aus wird das Hologramm gesteuert?" fragte Elaine während sie sich umblickte.
Lois zeigte auf Superman, der seinen Platz am Fenster verlassen hatte und nun suchend über die unruhige Menge schwebte. Nach kurzem Zögern flog er in einen hinteren Teil des Saales. "Superman hat es, glaube ich, schon gefunden."
Kaum hatte Lois zu Ende gesprochen verschwand das Bild von der Frau. Mit einigen Geräten in der Hand ging Superman auf die Empore. Doch da trat wieder Unruhe im Eingangsbereich ein. Eine Sirene erklang und Polizei trat ein. Die Reporter sahen zu, wie Superman zu den Polizisten trat, ihnen die Geräte auslieferte und mit ihnen sprach.
"Wo ist eigentlich Clark?" fragte Jimmy plötzlich. "Ich sehe ihn nirgends."
"Er hat die Polizei gerufen." Lois lächelte knapp. "Gleich, nachdem das Fenster zersprungen ist."
"Wirklich, sehr reaktionsschnell von ihm!" Bewundernd blickte Michael Forrest auf Lois Lane. "Ich bin nur furchtbar erschrocken. Aber er rennt gleich los und holt Hilfe."
"Superman war trotzdem schneller." Elaine warf dem Mann aus Stahl einen schmachtenden Blick zu. "Meine Güte, was für ein Mann."
Sanna und Lois wechselten einen kurzen Blick. Doch zu Sannas Erleichterung war Lois mehr amüsiert als verärgert. Sie kannte um die Verehrung junger Damen für ihren Ehemann und konnte damit umgehen.
Superman und die Polizisten verschwanden durch die Türe. Kurze Zeit später kehrte Clark Kent zu seiner Familie zurück. "Ich - äh - habe die Polizei gerufen," entschuldigte er sein Verschwinden
"Das wissen wir, Dad!" Sanna lachte kurz. Anschließend sah sie sich um. Einige Menschen verließen den Saal. Es war offensichtlich, dass die Feier zu Ende war. Bedauernd zuckte sie mit den Schultern. "Cosimo hat mir meinen Triumph verdorben - die Party ist aus."
"Du kannst von Glück reden, dass sie erst nach der Preisverleihung kam." Elaine konnte sich ein spöttisches Lächeln nicht verkneifen. "Wer weiß - sonst müsstest du vielleicht ohne den Pulitzer nach Hause gehen."
"Wir lassen uns den Abend von niemanden verderben!" James Olsen klatschte energisch in die Hand. "Sanna hat ihren Preis - das ist die Hauptsache. Jetzt fehlt nur noch die Feier."
"Gehen wir doch alle ins "Jazz Metropolis"," schlug Max vor. "Und feiern dort."
"Ich werde nicht mitgehen können." Bedauernd blickte Clark zwischen Lois, Sanna und Max hin und her. "Ich muss noch etwas dringendes erledigen!"
"Sicher, Dad!" Sanna schluckte unwillkürlich und blickte zu Boden. Sie wollte sich ihre Enttäuschung nicht anmerken lassen. Es war wie immer. Egal, ob es ihre Abschlussfeier vom College, ihre Entlassung aus der Universität oder die Verleihung des Pulitzerpreises war - Superman kam dazwischen und zerstörte das besondere Familienereignis.  
Sanna spürte, wie Max ihr den Arm auf die Schulter legte und sie drückte. "Das ist schade, Clark - aber wir verstehen das."
"Natürlich Clark," sagte auch Lois. "Vielleicht hast du ja noch Zeit, nachzukommen."
"Sanna?" fragte Clark leise. "Ist das Okay für dich?"
Seufzend blickte Sanna auf. Ihr Vater blickte sie, um Entschuldigung heischend, an. Sie zwang sich zu einem Lächeln. "Es wäre wirklich schön, wenn du noch nachkommen würdest!"
Clark umarmte sie kurz. "Versprochen, Liebes!"
"Verspreche es lieber nicht - sonst kannst du es nicht halten," flüsterte sie ihm ins Ohr. "Aber ich lasse mein Fenster offen - falls du mich heute Nacht noch einmal beglückwünschen möchtest."
Clark lachte. Dann küsste er seine Tochter auf die Wange und verabschiedete sich von Lois. Mit einem kurzen Winken in die Runde bahnte er sich einen Weg durch die nach draußen strömende Menge. Zurück blieben die Reporter des "Daily Planets".

Sanna kehrte erst spät in der Nacht in ihre Wohnung zurück. Es war ein netter Abend gewesen. Nachdem alle zum "Jazz Metropolis" gegangen war und dort ausgiebig gefeiert und getanzt hatten, hatten sie und Max Lois in ihr Hotel gebracht, wo sie sich in der Bar noch einen Kaffee gegönnt hatten. Gesprächsthema war die seltsame Frau mit dem Namen Cosimo gewesen. Die Reporter waren jedoch mehr amüsiert als verwundert. Die Vergangenheit hatte bereits gezeigt, dass es in ihrem Land, und vor allem in Metropolis, mehr als genug Verrückte gab. Die Stadt schien sie anzuziehen wie Licht die Motten. Sie waren sich aber sicher, dass Superman bald herausfinden würde, wer die Frau war und damit würde die Sache bereinigt sein. Cosimo hätte ihren Auftritt gehabt, ihr Bild wäre auf der ersten Seite jeder Zeitung von Metropolis gewesen und ein kostenloser Psychiater würde ihr auch so gut wie sicher sein. Mehr Aufmerksamkeit konnte ein normaler Mensch in einer Millionenstadt von seinen Mitbürgern nicht erwarten.  
Die gläserne Figur des Pulitzerpreises auf einen Tisch stellend, ging Sanna zum Fenster und öffnete es. Sie wusste, bevor ihr Vater ins Hotel zu Lois gehen würde, würde er bei ihr vorbeischauen. Es war eine Angewohnheit von ihnen beiden geworden, nächtens bei einigen Sandwichs und einer Dose Cola oder einer Tasse Kaffee, Supermans Einsätze zu besprechen. Denn seit Sanna ihren Vater als Supermaid vertreten hatte, nahm sie mehr Anteil an seine Aufgabe. Sie wusste jetzt, wie wichtig es für Superman war, sich mit jemandem darüber auszutauschen. Normalerweise übernahm das Lois - tagsüber. Doch wenn Superman in der Nacht von einem Einsatz zurückkehrte, flog er zu diesem Zweck zu seiner Tochter. Lois brauchte ihren Schlaf.
Als Sanna sich in ihr Bett legte und die Augen schloss, dachte sie an Supermans letzten Besuch. Clark hatte sie mitten in der Nacht geweckt, weil er ihr unbedingt davon erzählen musste, wie jemand das neue U - Boot der englischen Marine versenkt hatte. Durch Supermans Hilfe war niemand zu Schaden gekommen, trotzdem war der materielle Schaden am Boot selbst beträchtlich hoch. Und obwohl Superman nach dem Schuldigen des Anschlags gesucht hatte, war niemand gefunden worden, den man zur Verantwortung hätte ziehen können. Sanna lächelte leicht. Das war erst letzte Woche gewesen und ihr Vater hatte nach diesem Einsatz unglaublichen Hunger gehabt. Ein Glück für Lois, dass ihr ihre Tochter die nächtliche Arbeit des Brotschmierens jetzt abnehmen konnte. - Wie Max wohl reagieren würde, wenn seine Freundin nachts aufstand, um für einen hungrigen Helden eine Mahlzeit zusammenzustellen?
Bei diesem Gedanken fuhr Sanna plötzlich ein Schreck in die Glieder und sie wurde hellwach. Max hatte Supermaid nicht ausstehen können. Er würde alles andere als begeistert sein, wenn er wüsste, das er gerade mit ihr liiert wäre. Erschrocken über diesen Gedanken setzte sich Sanna auf. Max würde sich zurückziehen - schließlich hatte er Supermaid als unweiblich empfunden. Er hatte es mehr als einmal ihr gegenüber erwähnt. Eine Frau mit der Stärke eines Supermans wäre nichts für ihn, hatte er gesagt. Mit wachsendem Entsetzen fragte sie sich, warum sie nicht schon früher über dieses Problem nachgedacht hatte. Wahrscheinlich hatte es daran gelegen, da Max Supermaid niemals wieder erwähnt hatte. Und auch, weil sie so darauf bedacht gewesen war, Max zu gefallen, dass sie seine Abneigung gegenüber Supermaid völlig verdrängt hatte.
Mit einem leisen Stöhnen sank Sanna zurück in ihr Kissen. So lange hatte sie gebraucht, um ihre Hemmungen abzubauen. Ein ganzes Jahr war nötig gewesen, bis sie so weit gewesen war, um die Gefühle, die sie für Max empfand, sich selbst einzugestehen. Sie fragte sich, ob das alles jetzt umsonst gewesen wäre. Würde sie - beim ersten Mal, wo sie es wagte, jemanden wie Max zu lieben - enttäuscht oder verstoßen werden? Und das nur, weil sie anders war, als alle anderen Frauen auf diesem Planeten?
Sanna horchte in die Ruhe der Nacht. Sie konnte hören, wie die Autos auf der Strasse fuhren, wie sich die Nachbarn liebten und wie der Hausmeister in der Kellerwohnung schnarchte. Und im Stillen begann sie die Umstände zu verfluchen, die sie letztes Jahr zu Supermaid hatte werden lassen. Wäre Supermaid nicht gewesen, so hätte sie Max Schritt für Schritt darauf vorbereiten können, dass sie anders war. Dass sie Superman zum Vater hatte und sie deshalb seine Kräfte hatte. Sie konnte schließlich nicht einfach zu Max sagen: "Ach übrigens, Liebling - ich war es, die Superman vertreten hatte. Du weißt schon - Supermaid, die du als abstoßend empfunden hast, weil sie Stahlträger verbiegen kann."
Sannas Herz tat einen Stich, als sie an die Begebenheit vor einem Jahr nachdachte. Und während sie über das Problem nachdachte und nach einem Lösungsweg für ihr Problem suchte, hörte sie, wie Superman durchs Fenster flog und in ihrem Wohnzimmer landete. Sofort stand Sanna auf. Sie griff nach ihrem Morgenmantel aus chinesischer Seide, zog ihn an und ging ins Nebenzimmer.
"Hallo Dad!" sagte sie, während sie darauf wartete, wie sich Superman zurückverwandelte.  
"Habe ich dich geweckt?" fragte Clark und rückte seine Brille zurecht.
"Nein - ich war noch wach." Sanna seufzte leicht. "Ich glaube, heute musst du mir zuhören."
"Was gibt es?" Clark ging in die kleine Küche und setzte sich auf einen der dort stehenden Barhocker. "Probleme beim Planet?"
"Nicht direkt." Während Sanna zu ihrem Kühlschrank ging und Clark diverse Lebensmittel hinstellte, erzählte sie ihm von ihren Hemmungen Max gegenüber. Am Schluss fügte sie hinzu: "Dad, ich bin so froh darüber, dass ich mit dir darüber reden kann. Denn nur du kannst mir da helfen."
"Ja, wirklich," stimmte Clark zu. "Wir haben schon eine besondere Beziehung, nicht wahr? Sie geht weit über das übliche Vater - Tochter - Verhältnis hinaus."
Sanna lächelte. "Uns verbindet aber auch mehr als das, was andere Väter mit ihren Töchtern verbindet."
Er nickte. "Zurück zu deinem Problem." Clark schwieg für einen Moment. Dann sagte er: "Sei am Besten offen zu ihm. Ich bin mir sicher, Max würde die Neuigkeit besser aufnehmen, als du jetzt annimmst. Er liebt dich, Sanna. Das alleine zählt."
"Es ihm einfach sagen?" Sie warf ihrem Vater einen entsetzten Blick zu. "Niemals!"
"Wann willst du es ihm dann eröffnen? Wenn seine Kinder durch das Wohnzimmer fliegen?"
"Also, wirklich - Dad!"
"Nein, ich meine es ernst. Spiel mit offenen Karten. Deine Mutter war sauer, weil ich es ihr nicht früher erzählt habe."
"Warum hast du ihr zu einem früheren Zeitpunkt die Wahrheit über dich gebeichtet?  Warum hast du nicht gesagt: Ach übrigens, Lois, ich bin Superman!?"
Clark verstummte. Er wusste, wie schwierig Sannas Situation war. Doch im Gegensatz zu Lois damals, wusste Max bereits von Sannas Geheimnis. Er hatte sich schon längst damit ausgesöhnt, dass Sanna die Tochter des Stählernen war. Nur konnte Clark nichts darüber verlauten lassen. Nicht, wenn er das Vertrauen Max und letztendlich das von Sanna nicht verlieren wollte.
Sanna wartete immer noch auf eine Antwort. Als keine kam, fragte sie herausfordernd: "Und? Warum hast du es ihr nicht eher erzählt?"
"Ich war in einer schwierigen Situation," gab Clark schließlich zu. "Lois liebte Superman. Sie war bis über beide Ohren in ihn verschossen, während sie dem Kollegen aus Smallville keinerlei Bedeutung beimaß..."
Sanna winkte ab. "Ich kenne die Geschichte, Dad. Aber wenigstens lehnte Mom deine Kräfte nicht ab. Aber Max tut es. Sie sind ihm nicht geheuer - wahrscheinlich hat er Angst, ich würde ihm wehtun, wenn..." Sie brach ab und errötete. "Du weißt schon, was ich meine."
"Hm." Clark grinste. "Also - darüber solltest du vielleicht besser mit deiner Mutter reden."
"Das werde ich machen." Sie lächelte etwas gezwungen. "Wechseln wir das Thema: Hast du noch etwas über diese Cosimo herausgefunden?"
"Nicht das geringste. Die Projektoren für das Hologramm war das einzigste, was ich gefunden habe."
"Wahrscheinlich nur jemand, der glaubt, Held spielen zu müssen."
"Hoffen wir es." Er stand auf. "Erinnerst du dich an den Anschlag auf das U - Boot letzte Woche?"
"Ist jemand Verantwortliches gefunden worden?"
"Nein - aber es erfolgte ein ähnlicher Anschlag auf eine Spielzeugfabrik. In Mexiko."
"Gibt es denn ein Zusammenhang?"
"Man hat Reste einer unbekannten Bombe gefunden. Sie lag in Einzelteilen auf dem ganzen Gelände verteilt.  Welche Art Sprenstoff es war, hat man noch nicht herausgefunden, Nur, dass die Bombe bereits vor vor Tagen angebracht worden sein muss."
"Warum hat man sie dann nicht früher gefunden?"
"Sie muss wie beim U - Boot an einer sehr unauffälligen Stelle gewesen sein." Clark tippte sich ans Auge. "Wenn man nicht gerade über einen Röntgenblick verfügt, dann war sie als Bombe anscheinend nicht erkennbar."
"...und den hat nun mal nicht jeder." Sanna lachte kurz. Dann wurde sie sofort wieder ernst. "Aber warum erst ein U - Boot und dann eine Spielwarenfabrik?"
"Ich weiß es nicht - es sei denn es störte jemanden, dass dort Plastikspielsachen hergestellt werden."
"Das ist doch Unsinn. Die meisten Spielwaren werden aus Plastik hergestellt."
"Eben. Deshalb werde ich noch mal nach Mexiko gehen und dort recherchieren."
"Und du meinst, Mom lässt dich das tun? Als dein Chefredakteur wird sie dich eher auf das diesjährige Smallviller Kürbisfest schicken."
"Oh nein. Auf das Kürbisfest wird sie schon selbst gehen müssen. Die "Smallville Press" ist schließlich dafür bekannt, dass ihr Reporter Clark Kent nur Reportagen von außerhalb Smallvilles bringt."
"Also, weißt du, Dad. Manchmal habe ich direkt Lust, in euren kleinen Familienbetrieb mit einzusteigen."
Clark lachte. "Das kannst du Jimmy nicht antun - noch nicht. Dein Zeitpunkt, den Planet zu verlassen, kommt noch früh genug. Bis dahin nutzt du die dir gegebene Zeit um dir einen eigenen Namen zu machen."
"Ich bin auf dem besten Weg dorthin."
"Ja, und ich bin stolz auf dich. Du hast dir den Pulitzer wirklich verdient."
"Danke Dad!" Lächelnd sah Sanna zu, wie sich ihr Vater wieder in Superman verwandelte. "Grüß Mom von mir. Sage ihr, ich werde sie morgen aufsuchen. Fliegt also bitte erst zurück, wenn ich mit ihr gesprochen habe."
"Versprochen. Die Superman - Airline richtet sich ganz nach den Wünschen ihrer Benutzer."
Sie lachte wieder. "Als ob ich ein Benutzer deiner Airline wäre."
Ihr Vater zwinkerte ihr fröhlich zu und nach einem letzten Gruß flog er aus dem Fenster. Nachdenklich kehrte Sanna in ihr Bett zurück. Sie fragte sich, ob ihr Vater recht hatte. - Ob sie Max die Wahrheit wirklich einfach ins Gesicht sagen konnte!


Schon bevor Sanna am nächsten Morgen den Aufzug des Verlagshauses betrat, konnte sie die Stimme ihrer Mutter hören, wie sie mit Jimmy scherzte. Mit einem Lächeln trat Sanna in den sich öffnenden Aufzug. Ihr Vater war wie immer zuverlässig gewesen und hatte ihre Bitte prompt ausgeführt. Und Lois hatte sich sogar die Mühe gemacht, in den Planet zu kommen.
Während Sanna nach oben fuhr, überlegte sie, wie sie mit ihrer Mutter dieses heikle Thema am Besten erörterte. Da sie aber annahm, dass Clark ihr gegenüber bereits Andeutungen gemacht hatte, durfte Lois zumindest darauf vorbereitet sein, von ihrer Tochter ungewöhnliche Fragen gestellt zu bekommen.
Als Sanna dem Aufzug in ihrem Stockwerk verlies, ging sie gleich in die Richtung von James Olsens Büro. Kurz davor wurde sie jedoch von Max gestoppt. Mit einen fröhlichen: "Hallo, du Sonne meines Lebens!" nahm er sie in den Arm und drückte ihr einen Kuss auf den Mund.
"Max!" rief sie halb lachend, halb protestierend. "Jeder hier sieht uns zu!"
"Sollen sie doch," meinte ihr Partner unberührt. "Wenn es ihnen Spaß macht...!"
Sanna wollte gerade etwas darauf erwidern, als jemand rief: "Kommt schnell, das müsst ihr euch ansehen!"
Sofort horchten alle Mitarbeiter des "Planet" auf. Im großen Büroraum standen mehrere Fernseher, die die Reporter rund um die Uhr mit wichtigen Informationen belieferte. Vor einem der Apparate stand Michael Forrest und starrte gebannt auf den Bildschirm. Seine Partnerin Elaine stellte sich neben ihn und fragte: "Was gibt es denn?"
"Ein Anschlag auf eine Munitionsfabrik in Ohio. Das ganze Werk ist zerstört worden."
Durch den Raum ging ein erschrockenes Murmeln. Jemand fragte: "Ist jemand verletzt worden?"
"Glücklicherweise nicht." Michael schüttelte den Kopf. "Es geschah in den frühen Morgenstunden. Nur der Pförtner hatte Dienst und er war anscheinend weit genug von der Explosion entfernt gewesen."
Max hatte Sannas Hand genommen und sie zu einem der Fernseher gezogen. "Weiß man schon, wer hinter dem Anschlag steckt?" fragte er besorgt.
"Es gab noch einen Anschlag heute Nacht," sagte Sanna. "Eine Spielwarenfabrik in Mexiko."
"Wohin soll das nur führen?" erklang auf ein Mal die Jimmy Olsen hinter Sanna. Die Reporterin drehte sich um. Ihr Chef und ihre Mutter waren aus dem Büro getreten und zu ihnen gekommen. Ebenso Clark, der unbemerkt von allen kurz nach ihr den "Planet" betreten hatte.
Sanna lies Max`s Hand los und trat zu ihren Eltern. "Weiß Superman schon etwas darüber?" fragte sie leise.
Ihr Vater schüttelte den Kopf. "Es ist das gleiche Prinzip wie bei den anderen Anschlägen. Der gleiche Zündkörper, die gleiche Vorgehensweise –  es muss eine Zeitbombe gewesen sein."
"Ich wiederhole mich zwar ungern, aber: "Wo ist da der Zusammenhang?"
Lois seufzte hörbar auf. "Das weiß wahrscheinlich nur der, der für diese Explosionen verantwortlich ist!"
Die Kents begannen den Bericht des Nachrichtensprechers vor Ort weiter zu verfolgen. Es war ein junger Mann, der sichtlich bewegt über die vollkommen zerstörte Fabrik hinter ihm aufgeregt berichtete. Plötzlich erstarrte er jedoch mitten im Satz und starrte auf etwas, was hinter der Kamera zu sein schien. Dann begann das Bild zu wackeln und die Kamera schwenkte um. Sie zeigte jetzt eine junge, blonde Frau in einem schwarzen Ledersuit.
"Aber das ist doch Cosimo!" rief Dave Potter.
"Eindeutig!" murmelte Clark Kent. Auf seiner Stirn erschien eine steile Falte.
"Dieses Mal erscheint sie sogar in Persona." Sanna konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Sie musste zugeben, dass es sie amüsierte, wie Cosimo Superman an der Nase herumgeführt hatte. Das schafften schließlich nicht viele. Ihr Gesicht wurde allerdings wieder ernst, als Cosimo sagte: "Ich bin für diese Anschläge verantwortlich! Sie sind mein Werk, denn ich bringe den Frieden!"
Rasch warf Sanna Clark einen heimlichen Blick zu. Er blickte sehr ernst, als wartete er auf weitere Bekenntnisse. Und er wurde auch nicht enttäuscht. Cosimo hob ihre Arme und rief: "Ich rufe Superman auf, sich mit mir zu verbünden!"
"Ach nein!" Dave lachte spöttisch auf. "Für wen hält die sich eigentlich?"
"Ruhe Dave!" gebot Jimmy. "Das ist sehr ernst."
"Ich will Frieden," erklärte Cosimo weiter. "So wie Superman. Deshalb rufe ich ihn auf, sich mit mir zusammen zu tun. Wir werden Ordnung in die Welt bringen."
"Die und Superman?" Mit einem ungläubigen Lachen drehte sich Elaine zu Sanna um. "Das gäbe ein Bild, das dir nicht passen würde, nicht wahr, Sanna?"
Max antwortete statt ihrer. "Keinem von uns würde das passen!"
"Nein, wirklich nicht," knurrte Clark leise. Er tippte Lois kurz an die Schulter und nickte leicht. So unauffällig wie möglich zog er sich anschließend zurück. Wenige Sekunden später nahm Superman Kurs auf Ohio.

Für die Menschen vor dem Fernseher sah es aus, als wäre Superman, kaum hatte Cosimo ihren Aufruf beendet, zu ihr gestoßen. Selbst Cosimo zuckte kurz zusammen, so als wäre sie  über die schnelle Reaktions Supermans überrascht. "Superman!" antwortete sie mit unbewegtem Gesicht.
"Freu dich nicht zu früh, Cosimo!" erwiderte Superman scharf. "Ich heiße dein Verhalten keinesfalls gut. Im Gegenteil - Anschläge auf unschuldige Menschen verabscheue ich zutiefst." Drohend ging er auf die junge Frau zu, die Hände zu Fäusten geballt und mit einer tiefen Furche zwischen den Augenbrauen.
"Stopp Superman!" rief Cosimo laut. "Sobald du mir zu nahe kommst, wird ein weiterer Anschlag geschehen!"
Sofort blieb Superman stehen. "Was soll das heißen?" fragte er leise und mit unterdrücktem Zorn in der Stimme.
"Das soll heißen!" entgegnete Cosimo immer noch sehr ernst "dass wir beide - du und ich - zuerst einen Pakt schließen werden. Erfüllst du ihn, passiert keinem etwas  -  tust du das nicht, wirst du das zutiefst bereuen."
Superman zog hörbar die Luft ein. "Was für einen Pakt schlägst du vor?"
"Einen, der das Wohl der Menschheit betrifft." Cosimo wandte sich wieder an die Kamera. "Superman und ich werden dafür sorgen, dass Frieden in die Welt kommt. Wir verurteilen deshalb jede Art von Militär sowie jegliche Art Industrie, die diese Macht unterstützt. Außerdem verlangen wir, dass alle Satelliten, die zur Verteidigung und Abwehr dienen, aus dem All geholt und verschrottet werden. Spielzeug, das Gewalt verherrlicht, muss erst vernichtet und dann verboten werden.  Dann müssen die Laboratorien, die chemische Waffen oder deren Vorstufen herstellen, geschlossen werden. Zum Schluss muss jeder Mensch seine Waffen abgeben und terroristische Vereinigungen ihre Auflösung bekannt geben." Mit einer weit ausholender Geste fügte sie hinzu: "Diese Forderungen gelten der ganzen Welt und jedes Zuwiderhandeln wird mit schweren Strafen geahndet werden."
Nachdem Cosimo geendet hatte, schwenkte die Kamera auf Superman. Sein Gesicht war starr, so dass es keinerlei Gefühlsregung zeigte. Langsam sagte er: "Frieden ist wichtig für die Welt. Er ist wichtig für uns Menschen und vor allem für unsere Kinder. Gerade sie brauchen eine Umgebung, in denen sie ohne Angst, ohne Gewalt und ohne Tod aufwachsen können. Aber das, was Cosimo vorschlägt, ist falsch. Waffen zu verbieten ist nicht der richtige Weg. Menschen müssen den Frieden wollen - ihn zu erzwingen, wäre ein falscher Frieden. Denn Frieden fängt bei uns selbst an. In unseren Familien, bei unseren Freunden, auf der Arbeit. Ich distanziere mich deshalb von den Forderungen Cosimos." Er blickte sie an. "Zwischen uns wird es keinen Pakt geben, Cosimo. Ich will nichts mit dir und deinen Forderungen zu tun haben."
Für einen Moment stand Cosimo wie erstarrt. Es war offensichtlich, dass sie nicht damit gerechnet hatte, von Superman abgelehnt zu werden. Schließlich sagte sie mit tonloser Stimme: "Das wirst du bereuen, Superman. Noch bevor dieser Monat um ist, wirst du dir wünschen, auf meine Forderungen eingegangen zu sein. Denn merke dir - ich habe dich in der Hand."
"Was wirst du machen?" fragte Superman mit einem zynischen Unterton. "Noch mehr unschuldige Menschen töten?"
"Ich treffe keine unschuldigen Menschen!" entgegnete Cosimo mit ruhiger Stimme. "Ich treffe Menschen, die ausbeuten, vernichten und töten. Menschen, die zu so etwas fähig sind, haben jedes Recht auf Schonung verspielt."
Superman trat einen Schritt auf sie zu. "Ich werde nicht zulassen, dass du noch mehr Leid und Vernichtung bringst!"
"Wage es nicht, mir zu nahe zu kommen!" Cosimo hob abwehrend eine Hand. „Ein Schritt zuviel, und eine weitere Bombe wird explodieren. Und du wirst es nicht verhindern können." Zum ersten Mal zeigte sich so etwas wie ein Lächeln auf ihrem bisher unbewegtem Gesicht. Sie nickte Superman knapp zu und ging mitten durch die Menge davon, die sich bereitwillig vor ihr teilte.

Im Großbüro des "Daily Planet" war es still geworden. Bis Lois leise sagte: "Er kann nichts gegen sie tun - sie hat ihn wirklich in der Hand."
Ihre Tochter nickte. Die Menschen standen für Superman an erster Stelle. Solange Cosimo damit drohte, weitere Fabriken hochgehen zu lassen, waren seine Hände gebunden.
Max runzelte die Stirn. "Was wird Superman jetzt unternehmen?"
Sanna hob die Schultern. "Er wird versuchen, mehr über Cosimo herauszufinden: Wer sie ist, wo sie sich versteckt, was sie als nächstes vor hat... Etwas in der Art." Sie wandte sich an Jimmy. "Chef, das wäre eine tolle Story für den "Planet". Ich würde Superman gerne helfen."
Schneller als Jimmy antwortete Elaine: "Wie wirst du ihm schon helfen können? Diese Frau ist Superman über. Und wenn nicht einmal er etwas gegen sie tun kann, wer dann?"
"Wir - weil Cosimo nicht mit uns rechnen wird." Sanna warf dem Chefredakteur einen bittenden Blick zu. "Bitte, Jimmy. Geben Sie Max und mir die Story - wir machen dir eine neue Pulitzerpreisstory daraus!"
Mit einem Lachen wehrte James Olsen ab. "Willst du nicht erst einmal deinen Partner fragen, was er von deiner Idee hält?"
"Er wird natürlich allem zustimmen, was Sanna auch nur vorschlägt," rief Elaine. Ihre Stimme bekam einen leicht schrillen Klang . "Wenn man sieht, was für Kuhaugen er macht, wenn..."
"Elaine, es reicht!" schnitt Max ihr scharf das Wort ab. "Du vergisst deine gute Erziehung."
Durch das Büro ging ein leises Raunen. Lois, die der Unterhaltung bis jetzt wortlos zugehört hatte, warf Michael Forrest einen Blick zu. Der Partner Elaines hatte sich auf die Lippen gebissen und blickte auf den Boden. Es war offensichtlich, dass er litt. Von Sanna wusste Lois, dass Michael seiner Partnerin mehr als kollegiale Gefühle entgegenbrachte. Zu seinem größten Bedauern hatte Elaine aber ihre Augen von Beginn an auf Max geworfen. Michael Forrest war für sie nur der Partner, der sie bei ihren Reportagen unterstützte.
In diesem Moment trat Clark aus dem Aufzug. Er rückte gerade seine Krawatte zurecht, als er    
die peinliche Stille bemerkte. Mit einem Räuspern trat er zu seiner Frau. "Habe ich gerade etwas verpasst?" fragte er leise.
"Clark?" Jimmy musste es jetzt erst bewusst geworden sein, dass sein ehemaliger Kollege die ganze Zeit abwesend gewesen war. "Wo zum Teufel hast du gesteckt?"
"Ich musste zu unserem Auto. Unsere Parkuhr war abgelaufen."
"Mensch, Clark!" Sein Freund grinste. "Du hast dich keinen Deut geändert. In der Welt passieren die seltsamsten Dinge und du steckst Münzen in eine Parkuhr. Du bist schon ein Pechvogel!"
"Seltsame Dinge?" fragte Clark, sichtlich neugierig. "Was ist passiert?"
Lois griff unter seinen Arm und zog ihn fort. "Das erkläre ich dir unterwegs. Wir müssen zurück nach Smallville." Und zu Sanna gewandt sagte sie: "Wir reden am Wochenende über dein Problem. Du kommst doch Sanna?"
Ihre Tochter nickte und winkte ihren Eltern einen kurzen Abschiedsgruss zu. Jetzt war wirklich nicht der richtige Zeitpunkt, um über heikle Dinge zu reden. Plötzlich spürte sie, wie Max hinter sie trat und sehr leise in ihr Ohr flüsterte: "Du hast Probleme? Kann ich dir vielleicht helfen?"
In Sanna stieg ein hilfloses Lachen auf. Doch sie beherrschte sich, da sie Max`s Hilfsangebot nicht vor den Kopf stoßen wollte. So gab sie, ebenso leise, zurück: "Danke, dass ist lieb von dir. Aber ich glaube, das ist nur etwas, was ich mit meiner Mutter besprechen möchte." Sie zwinkerte. "Vorerst wenigstens."
Max warf ihr einen erstaunten Blick zu. Doch er schwieg. Trotzdem konnte Sanna erkennen, wie es in ihm arbeitete. Sie wollte ihm deshalb gerade etwas beschwichtigendes erzählen, als Jimmy sagte: "Zurück zum Alltag. Sanna - Du und Max habt meine Erlaubnis, euch an Cosimos Spuren zu heften. Elaine - soweit ich weiß, hast du mir einen fertigen Bericht für die morgige Ausgabe versprochen und die anderen" - er klatschte in die Hände - "an die Arbeit. Nur weil es eine Verrückte mehr auf diesem Planeten gibt, legen wir nicht die Hände in den Schoß. Wer sind wir denn? Das sprichwörtliche Kaninchen vor der Schlange?"
"Jimmy hat Recht!" Sanna streckte sich, während sie wartete, bis sich ihre Kollegen verzogen haben. "Legen wir dieser Cosimo das Handwerk!"
"Und wie gedenkst du das anzufangen?" fragte Max amüsiert.
"Indem wir sie finden?" Fragend blickte Sanna auf ihren Partner. "Oder hast du einen anderen Vorschlag?"
"Nein!" Er zuckte grinsend mit den Schultern. "Es war deine Idee. Ich vertraue ganz auf deine Führung."
"Das ist ja was ganz Neues." Mit einem Lachen lies sie sich auf einen der herumstehenden Stühle fallen. "Fassen wir also erst einmal unsere Fakten zusammen. Was haben wir?"

Kapitel 2

Wie sie es Lois versprochen hatte, besuchte Sanna am Wochenende ihre Eltern in Smallville. Bei ihrer Ankunft traf sie jedoch nur Lois an, die über der „Smallville Press“ gebeugt an dem Esstisch saß. Von ihrer Mutter erfuhr sie, dass Clark als Superman zu einem weiteren Bombenattentat gerufen worden, das die Handschrift Cosimos trug. Sanna warf ihre Tasche mit ihren Kleidern auf einen der Stühle im Esszimmer und fragte: "Wo?"
"Ich weiß es nicht genau. Irgendwo in Europa."
"Europa ist groß, Mom. Kannst du mir nichts genaueres sagen?"
"Frankreich, glaube ich."
Mit einem Seufzen lies sich Sanna ebenfalls am Küchentisch nieder. "Wann kommt Dad zurück?"
"Ich schätze in etwa einer Stunde." Lois sah von ihrer Zeitung auf. "Arbeitest du jetzt an der Story mit Cosimo?"
"Ja - leider, wie ich inzwischen zugeben muss."
"Warum leider?" Lois, die wieder in die Zeitung gesehen hatte, blickte nun erstaunt auf ihre Tochter.
"Weil wir nicht vorwärtskommen. Max und ich haben keinerlei Hinweise auf Cosimo gefunden. Keiner scheint sie zu kennen. Keiner weiß, wo sie herkommt oder wo sie wohnt. Sie erscheint einfach - und sie verschwindet auf die selbe Art und Weise. Geheimnisvoll. Wenn sie sich mal zeigt, dann meist nur sehr kurz. Es ist zum Verrücktwerden."
"Clark findet sie auch nicht. Obwohl er im ganzen Land nach ihr gesucht hat. Er sagt, sie kriecht wie ein Kakerlake aus einem dunklen Loch, greift sich ein Stück Kuchen, um dann wieder in ihrem Loch zu verschwinden."
"Das ist ja ein netter Vergleich!" Sanna lachte trocken auf. "Eine Kakerlake, was?" Doch sie wurde sofort wieder ernst. "Eigentlich sollte mir alles andere als zum Lachen zumute sein. Cosimo richtete eine Menge Unheil an."
Lois nickte. "Ich glaube, inzwischen ist jedes Land hinter ihr her. Überall richtet sie heillose Zerstörung an. Und niemand kann vorher sagen, was sie als nächstes tun wird."
".... oder wie sie die Zeitzünder an ihre Bomben überhaupt anbringt. Das einzige, was am Ende zu sehen ist, sind diverse Einzelteile. Man hat noch nicht einmal die Art des Sprengstoffes herausgefunden oder auf welchen Weg man die Anschläge herbeiführt. Die Bombe geht einfach hoch – als hätte man sie zu einem Fenster hereingeworfen." Sanna stand auf und ging zur Küchentheke, wo sie sich eine Tasse Kaffee einschenkte. Mit der Tasse in der Hand blickte sie auf ihre Mutter, die müde am Küchentisch saß. Plötzlich wurde ihr bewusst, dass Lois graue Haare bekam. "Mom?" fragte sie besorgt. "Geht es dir gut?"
Mit einer langsamen Handbewegung strich sich Lois einige Haare aus dem Gesicht. "Doch mir geht es gut," sagte sie leise. " Aber ich mache mir Sorgen um deinen Vater."
"Was ist mit ihm?" fragte Sanna, während sie sich zurück auf ihren Platz setzte. "Was kann Superman schon schaden?"
"Spotte nicht, Sanna!" antwortete Lois streng. "Clark nimmt sich die Sache mit Cosimo wirklich zu Herzen. Diese...diese Frau ist ihm immer eine Nasenlänge voraus. Er weiß einfach nicht, was er noch tun soll, um sie fassen zu können. Er kann nicht einmal ihre Attentate vereiteln." Sie schüttelte den Kopf, als würde sie es selbst nicht verstehen, warum Superman in dieser Sache nicht vorwärtskam. "Und dann ist noch dieser Brief."
"Ein Brief?"
"Ja - ich zeige ihn dir, schließlich betrifft er auch dich."
Neugierig sah Sanna zu, wie Lois durch die Küche ging und in dem anderen Zimmer verschwand. Nach einigen Minuten kam sie zurück - mit einem Brief in der Hand. "Ist das der Brief?"
Lois nickte und legte das Schreiben auf den Tisch. "Er ist von Cosimo!"
"Von Cosimo?" Etwas aus der Fassung gebracht nahm Sanna den Brief in die Hand.  Es war ein einfaches, weißes Kuvert, auf das in Schreibmaschine die Adresse der Kents geschrieben war. Sanna warf einen Blick auf den Poststempel: Es war der von Metropolis.
Mit raschen Griffen nahm Sanna nun den Briefbogen aus der Hand. Was sie nun las, lies ihren Atem stocken:

                    DIES IST EINE WARNUNG!
                    SOLLTE SUPERMAN MEINEN FORDERUNGEN
                    NICHT FOLGE LEISTEN,  WERDE ICH MICH AN
                    DEN KENTS RÄCHEN!

                    GEZ. COSIMO

Langsam lies Sanna das Papier sinken. "Was soll das heißen - sie wird sich an den Kents rächen?"
"Ich weiß es nicht. Aber Clark ist um mich besorgt. Und auch um euer Geheimnis."                
"Warum habt ihr mir nicht schon eher etwas gesagt? Wann kam dieser Brief?"
"Donnerstag. Also vor zwei Tagen."
"Er kommt aus Metropolis. Dass müsste uns einen Hinweis geben."
"Fehlanzeige. Clark ist der Spur schon nachgegangen. Aber es ist wie immer..."
"Die Kakerlake verschwindet in ihrem Loch." Sanna nahm die Hand von Lois und drückte sie. "Was unternimmt Dad zu deinem Schutz?"
Lois lächelte leise. "Wenn er hier ist, lässt er mich nicht aus den Augen. Doch Cosimo lässt ihn nicht oft bei mir bleiben - Clark kann seinen Anzug schließlich nicht einfach an den Nagel hängen. Er ist viel außer Haus."
"Dann komm doch zu mir nach Metropolis."
Ihre Mutter schüttelte den Kopf. "Wie stellst du dir das vor? Soll ich mich an deinen Rockzipfel hängen? Was würden Max oder Jimmy sagen, wenn du überall deine Mutter mitschlepptest? Nein, Sanna. Ich bleibe hier. In Smallville bin ich zu Hause. Außerdem habe ich eine Zeitung herauszubringen. Und ich bin kein Feigling - ich verkrieche mich nicht wie eine feige Ratte in einem Loch. Das habe ich noch nie getan."
Von der Eingangstür her erklang plötzlich die ruhige Stimme Clarks: "Manchmal würde ich wirklich wünschen, du würdest auf mich hören, Lois!"
Die Frauen fuhren herum. Am Türrahmen gelehnt stand Superman. Er hielt seine Arme verschränkt und blickte zu ihnen herüber. Sanna stand auf. "Wie lange stehst du schon da?"
"Seitdem du den Brief gelesen hast."
"Ich habe dich nicht gehört."
Mit ernstem Blick nahm sich Clark - immer noch in seinem Kostüm - ebenfalls eine Tasse Kaffee und setzte sich zu seiner Frau an den Tisch. "Das spricht nicht für dich, Sanna. Wenn du nicht einmal mich gehört hast, wie willst du dann deine Mutter vor Cosimo schützen?"
"War das etwa ein Vorwurf?"
"Das kannst du nehmen, wie du willst. Ich sage nur, dass du nicht in der Lage bist, Lois vor Cosimo zu schützen."
"Überschätzt du Cosimo nicht etwas, Dad? Sie ist doch nur ein Mensch..." Sanna verstummte. Ihr Vater hatte ihr einen Blick zugeworfen, wie sie es an ihm noch nie gesehen hatte: Streng und unnachgiebig.
"Im Gegenteil!" antwortete dieser scharf. "Ich habe sie bis jetzt unterschätzt. Cosimo ist gefährlich und unberechenbar. Sie nimmt keinerlei Rücksicht auf Menschen - es ist ihr egal, ob jemand bei einem ihrer Anschläge umkommt oder nicht. Alles, was sie will, sind ihre eigenen Ziele durchsetzen." Erregt stand er auf. "Deshalb muss ich sie finden, koste es, was es wolle!"
"Wir arbeiten ebenfalls daran. Max und ich versuchen bereits seit mehreren Tagen, mehr über Cosimo heraus zu finden."
Superman fuhr herum. "Ihr seid immer noch hinter Cosimo her? Das könnt ihr nicht tun - das muss sofort aufhören!"
"Wie bitte?" Sanna glaubte, ihren Ohren nicht zu trauen. "Was soll das heißen?"
"Cosimo ist zu gefährlich für zwei so junge Reporter. Ich wundere mich, dass Jimmy euch die Erlaubnis dazu gegeben hat."
"Ich glaube wohl, ich höre nicht recht!" Sie schnappte empört nach Luft. "Du willst mir verbieten, an der Story zu arbeiten?"
"Jawohl, das tue ich. Ich werde noch heute mit Jimmy darüber sprechen. Es ist unverantwortlich von ihm..." Weiter kam er nicht. Sanna war aufgesprungen und hatte nach seinem Arm gefasst.
"Ich werde mir von dir nicht vorschreiben lassen, an welcher Story ich arbeiten darf und an welcher nicht."
"Lass meinen Arm los, Sanna. Glaube mir, mit Cosimo ist nicht zu spaßen. Wenn sie herausfindet, dass ihr hinter ihr her seid, wird sie das nicht lustig finden."
"Alle Welt ist hinter ihr her. Jede Polizei in jedem Land will sie finden. Was kümmert sie dann zwei Reporter?"
"Sanna, mach mich jetzt nicht wütend! Du weißt genau - meine oberste Pflicht ist es, die Menschen zu schützen. Du gehörst dazu und Max ebenfalls. Max sogar noch mehr, da er nur ein Mensch ist. Und ich weiß, dass Cosimo mit ihrer Art von Friedenserhaltung erst angefangen hat. Sie wird nicht aufzuhalten sein, wenn sie glaubt, mit ihren Mitteln zum Erfolg zu kommen."
"Gerade deshalb brauchst du uns." Ihre Stimme wurde flehend. "Dad!"
"Nein, Sanna. Meine Entschluss ist unumstößlich. Es ist zu gefährlich. Ich werde mit Jimmy sprechen. Er muss euch von der Story abziehen."
"Dad – Nein!" Leichte Wut stieg in ihr auf und Sannas Griff um den Arm ihres Vaters wurde fester. "Das kannst du nicht tun. Ich werde nicht zulassen, dass du mir meine Story vermasselst."
Superman blickte an seinem Arm hinunter. Sannas Hand hielt ihn umfasst, als wäre sie in einem Schraubstock gefangen. "Was soll das werden?" fragte er leise. "Ein Kräftemessen?" Mit undurchdringlicher Miene sah er seiner Tochter ins Gesicht, bevor er nach einigen Sekunden leise sagte: "Willst du es wirklich darauf ankommen lassen?"
"Sofort aufhören!" Lois sprang auf und ging zu Mann und Tochter. "Clark! Sanna! Seid ihr von Sinnen?" Sie wandte sich an Clark. "Was ist los mit dir? So kenne ich dich gar nicht. Hat dir Cosimo den Verstand geraubt?" Und zu Sanna gewandt sagte sie: "Benimm dich, Sanna. Wie kannst du es wagen, deinen Vater anzugreifen. Lass ihn sofort los!"
Sanna löste ihren Griff und trat einen Schritt zurück. Ihre Mutter hatte recht. "Entschuldige Dad!" sagte sie mit einem Ton in der Stimme, dem man immer noch ihre Erregung anhörte.
"Entschuldigung angenommen." Er nickte ihr zu und nahm sich anschließend die Zeit, um sich in Clark Kent zurückzuverwandeln. "Trotzdem bleibe ich dabei. Du solltest Max nicht in die Sache verwickeln. Cosimo ist unberechenbar."
"Jetzt fangt nicht wieder mit dem Streiten kann." Ebenfalls wütend werdend, baute sich Lois vor Clark auf. "Ich kann Sanna voll und ganz verstehen. Es ist ihre Story und du hast kein Recht, sie ihr fortzunehmen. Außerdem, finde ich, übertreibst du ein wenig, was Cosimo betrifft. Sie hat uns zwar einen Drohbrief geschrieben, aber sie wird sich hüten, der Familie etwas anzutun, mit der Superman am Besten befreundet ist. Den Zorn, der sie dann treffen würde, wird sie nicht über sich ergehen lassen wollen."
"Das ist natürlich klar, dass du auf ihrer Seite bist." Clark wurde nun ebenfalls laut. "Du bist genauso unvernünftig wie sie. Wie oft musste ich dich aus brenzligen Situationen herausholen? Zwanzigmal? Fünfzigmal? Und das nur, weil du nicht auf mich hören wolltest."
"Oh ja, ich verstehe." Die Augen Lois Augen begannen zu funkeln und sie hob drohend einen Finger. "Das ist es also, was du von mir erwartest! Du willst eine Frau, die jederzeit das tut, was aus deinem erlauchten Munde kommt. Aber nicht mit mir, Clark Kent - Du wusstest damals genau, mit wem du vor den Traualtar getreten bist. Nämlich mit Lois Lane - der besten Reporterin aus Metropolis. Und das wird man nicht, wenn man hinter dem Ofen sitzt und Socken für den lieben Ehegatten strickt. Denn wenn es das ist, was du dir wünscht, dann hättest du Lana Lang heiraten sollen. Ich bin sicher, sie hätte so ein braves Frauchen abgegeben."
"Jetzt lass aber Lana aus dem Spiel. Was kann sie dafür, dass sie einen Trottel von Ehemann geheiratet hat?"
"Ach, ich soll Lana aus dem Spiel lassen? Wer kommt denn regelmäßig hier vorbei und macht meinem Ehemann schöne Augen? Perry White vielleicht?" Schwer atmend verstummte Lois. Ihr Gesicht war plötzlich aschfahl. Sanna, die sich schuldig am Streit ihrer Eltern fühlte, fasste Lois unter den Arm. "Mom - was ist mit dir? Fühlst du dich nicht gut?"
"Ja - Nein!" Mit einem Japsen lies sich Lois auf einen nahestehenden Stuhl fallen. "Ich fühle mich auf einmal so elend. Oh Gott, ist mir schlecht."
"Lois - Liebling!" Clark beugte sich besorgt über sie. "Verzeih mir, bitte. Ich hätte dich nicht so anschreien sollen."
Kraftlos hob Lois die Hand. "Das hat nichts mit dir zu tun. Ehrlich gesagt, ist mir schon seit gestern Abend so übel."
"Seit gestern Abend? Warum hast du mir nicht eher davon erzählt?"
Lois winkte ab. "Ich werde dich ausgerechnet jetzt  bestimmt nicht mit meinen Wehwehchen belästigen."
"Das ist doch Unsinn, Lois. Sag mir, was fehlt dir genau?"
"Ich weiß es nicht. Ich fühle mich nur elend und fürchterlich schwach."
Liebevoll nahm Clark sie in den Arm und hob sie hoch. "Du hättest nicht mit mir streiten sollen. Ich bringe dich besser zu Bett. Du wirst sehen, morgen geht es dir wieder besser."
"Ich streite mich mit dir, wann und wo ich will," antwortete Lois matt, während sie ihren Kopf an seine Schulter bettete.
"Sicher doch, aber jetzt schläfst du erst mal."
Sanna sah zu, wie ihre Vater Lois aus dem Zimmer trug. Dann lies sie sich auf den Stuhl fallen, auf den vor wenigen Sekunden ihre Mutter gesessen hat und blickte nachdenklich auf den Brief Cosimos, der immer noch auf dem Tisch lag. Eigentlich war sie hergekommen, weil sie ihr Problem mit ihrer Mutter hatte besprechen wollen. So wie es aussah, würde wieder nichts daraus werden. "Armer Max," dachte sie. "Er wird wohl noch etwas warten müssen."

Den restlichen Tag verbrachte Sanna damit, ihre Mutter zu pflegen. Lois wurde von Stunde zu Stunde kränker: So erbrach sie sich ständig und begann zu fiebern. Gegen Abend wurde es dann so stark, dass sie den Notarzt riefen, der sie in ein Krankenhaus einwies.
Traurig sah Sanna zu, wie Lois auf der Krankenbahre aus dem Haus geschoben wurde. Neben ihr stand Clark, der unruhig seine Hände rieb. Sanna wollte etwas beruhigendes sagen, doch ihre Kehle war plötzlich wie zugeschnürt. Der Streit, der dem ihrer Eltern vorrausgegangen war, lag ihr schwer auf dem Herzen. Da trat der Notarzt auf sie zu und fragte: "Fährt einer von Ihnen mit ins Krankenhaus?"
Sanna blickte zu ihrem Vater. "Gehst du?"
Er nickte. "Natürlich. Bleibst du in der Zwischenzeit hier?"
"Wenn du das möchtest..."  
"Nein. Ich meine...du musst nicht hier bleiben. Du kannst auch zurück nach Metropolis gehen.
Lois ist im Krankenhaus in guten Händen."
"Ich werde an meiner Story weiterarbeiten." Obwohl sie es nicht gewollt hatte, klangen ihre Worte herausfordernd.
Clark blickte über sie hinweg zu den Weizen - und Maisfeldern, die sich vor dem alten Farmhaus erstreckten. "Ich weiß."
"Dad!"
Mit einem Seufzen nahm Clark seine Tochter in den Arm und drückte sie leicht. "Deine Mutter hatte recht. Wenn ich ein braves Frauchen hätte haben wollen, hätte ich nicht sie heiraten dürfen. Aber ich wollte nun mal die beste Reporterin des "Planets". Also darf ich mich nicht wundern, wenn ihr Kind die gleichen Flausen im Kopf hat, oder?"
Für einen Moment stiegen Sanna, ohne, dass sie es verhindern konnte, die Tränen in die Augen. Gleichzeitig musste sie auch ein wenig Lachen. "Weißt du was?" sagte sie, während sie verstohlen ihre Augen trocknete. "Wir sind eine komische Familie."
"Meinst du?" Clark lächelte leicht. "Dabei finde ich Lana Lang mit ihrer Kinderschar und ihrem Haustierzoo viel komischer."
"Nicht zu vergessen, ihren Trottel von Ehemann." Trotz der Umstände musste Sanna nun doch lachen. Sie küsste ihren Vater auf die Wange. "Geh mit Mom. Mein Flugzeug geht in wenigen Stunden. Und halte mich bitte auf dem Laufenden."
"Natürlich, Sanna. Ich bin sicher, der Arzt hatte recht und es ist nur ein Virus."
"Bestimmt. Grüße Mom von mir, sobald es ihr besser geht."
"Ja. Ich rufe dich an, wenn die Ärzte genaueres wissen."
"Danke Dad." Sie wartete, bis Clark in den Ambulanzwagen eingestiegen war. Dann ging sie ins Haus zurück und rief die Taxizentrale an. Max würde sich wundern, wenn sie sich morgen früh zum Frühstück einlud. Hoffentlich freute er sich darüber.

Es kam jedoch anders, als Sanna es sich gedacht hatte: Kaum hatte sie gegen Mitternacht ihrer Wohnung betreten, läutete das Telefon. Mit einem ungutem Gefühl nahm Sanna den Hörer ab.
"Ja?" fragte sie mit klopfendem Herzen.
"Sanna, ich bin es," antwortete ihr Vater. "Deine Mutter geht es sehr schlecht. Die Ärzte sagen...," seine Stimme brach ab. "Die Ärzte sagen, sie wissen nicht, was ihr fehlt."
Sanna schluckte. "Aber wieso...? fragte sie tonlos. "Was ist mit ihr?"
"Alle Anzeichen sprechen anscheinend dafür, dass Lois vergiftet wurde."
"Mein Gott." Ihre Gedanken begannen wie wild durcheinander zu laufen. "Wer sollte denn so etwas tun?"
"Kommst du?"
"Natürlich. Das nächste Flugzeug geht in etwa zwei Stunden."
"Sanna!" Clark Kents Stimme am anderen Ende wurde ärgerlich. "Du wirst mir doch jetzt nicht erzählen, dass du erst auf das nächste Flugzeug warten willst. Du kommst sofort. Ich erwarte dich in spätestens zwei Minuten hier! Verstanden?"
Mit einem wütenden Knall wurde der Hörer aufgelegt. Zurück blieb Sanna, die ihr Telefon langsam in die Ladeschale zurück  legte. Sie fragte sich, ob es ihrer Mutter wirklich so schlecht ging. So bestimmt hatte ihr Vater noch nie von ihr verlangt, dass sie ihre Kräfte anwenden sollte. Und wenn sie es sich genau überlegte, hatte er es bis jetzt noch nie getan - vor allem nachdem er begriffen hatte, dass sie eine andere Vorstellung von ihrem Leben besaß, als er es für sie geplant hatte. Mit einem raschen Blick auf die ihre Armbanduhr ging sie zu ihrem Wohnzimmerfenster und öffnete es. Von Metropolis nach Smallville in zwei Minuten - das war etwas, was sie leicht unterbieten konnte...

Sanna traf ihren Vater am Krankenbett von Lois an. Dort saß er, den Finger nachdenklich an seine Lippen gelegt, und mit besorgten Blick auf seine Frau.  Als er Sanna an das Bett treten sah, stand er auf und stellte sich neben sie.
"Es ist erschreckend, nicht wahr?"
Sanna konnte nur, starr vor Entsetzen, nicken. Ihre Mutter lag leblos in dem weißen, unpersönlichen Bett. Das Gesicht war kaum zu sehen, da es unter einer großen Atemmaske lag - und jedem zischenden Luftstoß, den das Atemgerät in ihre Lungen presste, konnte man die Qual, die der Körper Lois erlitt, am Erbeben ihrer Brust erkennen. Über Lois Kopf hingen mehrere Infusionsflaschen, deren Schläuche alle zu ihrem Hals führten, wo sich zu einem einzigen vereinten und unter einem großen Pflaster in ihrer Halsschlagader verschwanden. Das erschreckendste aber waren die vielen Monitore hinter ihrem Kopfende. Sie piepten, klopften und ließen kleine Lichtpunkte über die Bildschirme hüpfen. Sie zeigten unverständliche Zahlen und Sinuskurven an. Dann und wann gaben sie einen Warnton ab oder hörten ganz auf, Geräusche von sich zu geben. Alles in allem gaben sie für einen Laien das beängstigende Bild, dass es um den Patienten nicht gut stehen konnte.
"Wie geht es ihr?" fragte Sanna kleinlaut. Sie hatte plötzlich einen trockenen Hals.
Als Antwort schüttelte Clark den Kopf. "Nicht gut. Die Ärzte sagen, dass Lois eine ihnen unbekannte Dosis Gift abbekommen hat. Es zersetzt ihr Blut."
"Wie lang..." Sanna musste erst schlucken, bevor sie die Frage stellen konnte. "Wie lange kann sie damit noch leben?"
"Das weiß man nicht. Man hat ihr schon mehrere Blutkonserven gegeben. Angeblich verzögert das den Zersetzungsprozess. Aber inzwischen hat sich das Gift bereits in ihrem Körper verteilt - es ist nur eine Frage der Zeit, bis ihre Organe ebenfalls betroffen sind."
"Kann man denn nichts für sie tun?" Erregt ging Sanna in dem Zimmer auf und ab. Sie wollte nicht glauben, was ihr Vater gesagt hatte. "Das gibt es doch nicht! Es muss ein Gegengift oder so etwas geben. Jedes Gift hat ein Gegengift!"
In diesem Moment trat ein älterer Herr mit grauen Haaren und Vollbart in das Krankenzimmer. Er räusperte sich, als er Sanna und Clark sah. "Guten Abend!" sagte er ernst. "Ich bin Doktor John Newby. Ich bin der Arzt ihrer Frau."
Clark nickte und gab ihm die Hand. "Ich bin sicher, dass sie alles in ihrer Macht stehende tun werden, um meiner Frau zu helfen."
"Das tun wir." Der Doktor schloss die Tür zum Krankenzimmer. "Ich will offen zu ihnen sein, Mr. Kent. Wir wissen nicht, welches Gift ihre Frau abbekommen hat. Unsere Laboratorien arbeiten rund um die Uhr, um mehr darüber herauszufinden. Aber wir sind hier in Smallville. Und ich gebe zu, uns sind Grenzen gesetzt. In Metropolis wäre ihre Frau besser aufgehoben."
"Aber kann man sie dann nicht verlegen?" fragte Sanna.
"Nicht in diesem Zustand - es tut mir leid." Der Arzt blickte zu Boden. Als er den Kopf wieder hob, sagte er leise: "Ich habe jedoch eine Idee. Eine - zugegebenermaßen - ungewöhnliche Idee, aber ich sehe keinen andere Möglichkeit." Er räusperte sich und fragte dann: "Soweit mir bekannt ist, sind sie doch mit Superman befreundet?" Und als Clark das bejahte, sagte er: "Vielleicht kann er helfen. Er könnte ihre Frau nach Metropolis bringen. Wenn er schnell genug ist, können wir das Risiko einer Verlegung eingehen."
"Ich denke, das kann ich in die Wege leiten. Wenn Sie meinen, das es für Lois das Beste wäre..."
"Auf jeden Fall. Ich sage ihnen das als verantwortlicher Arzt. Es gibt in Metropolis einfach mehr Möglichkeiten, ihre Frau zu untersuchen. Vielleicht finden die Ärzte dort etwas." Dr. Newby runzelte die Stirn. "Aber ich muss sie darauf aufmerksam machen, dass es wirklich schnell gehen muss. Wir können ihre Frau nur für kurze Zeit dem Stress einer Verlegung aussetzen."
"Keine Angst." Sanna versuchte ein Lächeln. "Superman kann wirklich sehr schnell sein." Sie warf ihrem Vater einen fragenden Blick zu. "Nicht wahr, Dad?"
"Gut!" Mit einem erleichterten Lächeln strich sich der Arzt über seinen Bart. "Dann müssen wir nur noch eines klären: Wissen Sie, auf welche Art und Weise ihre Frau mit dem Gift in Berührung gekommen ist?"
Grimmig schüttelte Clark den Kopf. "Nein. Ich kann mir nur denken, wer dafür verantwortlich ist."
"Sie sollten das der Polizei melden."
"Glauben Sie mir - ich werde persönlich dafür sorgen, dass diejenige dafür zur Rechenschaft gezogen wird."
Sanna blickte nachdenklich auf ihren Vater. Clark sah in diesem Moment unglaublich bestimmend aus. Sie hatte ihn noch nie in einer derartigen Verfassung gesehen: Gefasst und zugleich nervös, wütend und doch besorgt. Aber sie musste zugeben, dass sie ähnlich fühlte. Inzwischen war selbst ihr klar, dass Cosimo hinter Lois Leiden stehen musste. Auf irgendeiner Art und Weise musste es ihr gelungen sein, Lois vergiftet zu haben.
"Wann können wir meine Frau verlegen?" fragte Clark, nun wieder gefasst.
"Sobald ich denen in Metropolis Bescheid gegeben habe. Was meinen Sie - wann werden Sie Superman herbeigerufen haben?"
"Er wird hier sein, wenn Sie ihn brauchen."
Der Doktor lächelte zufrieden. "Dann haben wir ja alles geklärt. In etwa einer halben Stunde werden wir soweit sein."
"Er wird Sie nicht in Stich lassen." Nach diesen Worten trat er an Lois Bett und streichelte sie leicht an der Wange. Leise sagte er: "Superman wird dir zur Hilfe kommen - selbst wenn es das letzte Mal für dich sein sollte." Dann wandte er sich mit feuchten Augen ab und verlies das Zimmer. Sanna konnte nichts anderes tun, als ihm folgen.

Es dämmerte bereits, als Sanna und Clark in die kleine Wohnung von Sanna betraten. Superman hatte Lois ohne großen Probleme in die Stadtklinik von Metropolis gebracht, wo sie ihm sogleich abgenommen und versorgt wurde. Als Sanna und Clark dann anschließend im angemessenen und glaubwürdigen Zeitabstand ebenfalls die Klinik betraten, lag Lois bereits auf der Intensivstation, wo sie von einer Schar Krankenschwestern und Ärzte überwacht wurde. Lois engste Angehörigen konnten somit nichts anderes tun, als sich einen Stuhl zu nehmen und zu warten. - Immer darauf hoffend, dass ein Arzt ihnen die neuesten Erkenntnisse über Lois Gesundheitszustand mitteilte. Gegen Morgen wurden sie allerdings von einem energischen Oberarzt nach Hause geschickt. Selbst als Clark Kent meinte, er würde keinen Zentimeter von der Seite seiner Frau weichen, blieb dieser unerbittlich. "Sie können jetzt nichts mehr für sie tun", hatte er gesagt. "Schlafen Sie, Mr Kent. Essen Sie ein wenig und kommen dann anschließend wieder - wir benachrichtigen Sie, sobald sich etwas geändert hat."  
Clark Kent hatte schließlich nachgegeben. Allein schon deshalb, weil die Hilfe Supermans in diesem Moment auch woanders noch gebraucht wurde. So war er - gleich nachdem er mit Sanna die Klinik verlassen hatte, als Superman in Richtung Innenstadt geflogen, wo er die Alarmanlage eine Bank geortet hatte.
Sanna war nach Hause gegangen. Doch kaum hatte sie die Türe des Mietshauses aufgeschlossen, hörte sie, wie ihr Vater hinter ihr zwischen den Mülltonnen landete. Mit einem Lächeln wartete sie, bis Clark zu ihr stieß. Dann fragte sie: "Schon fertig?"
"Wie man es nimmt - ich habe zwei junge Burschen der Polizei übergeben. Ich muss aber noch eine Aussage machen."
"Es fällt dir schwer, nicht wahr?" Sanna ging zur Treppe und betrat die erste Stufe.
Clark, der ihr gefolgt war, nickte. "Ja. Ich gebe zu, dass ich jetzt lieber bei Lois wäre."
Beide Kents stiegen schweigend die vier Stockwerke zu Sannas Wohnung hoch. Oben angekommen, sagte Clark leise: "Irgendwie ist es immer das Gleiche. Sobald Lois meine Anwesenheit braucht, kommt eine Hilferuf für Superman dazwischen." Er sah zu, wie Sanna ihre Haustüre öffnete. Mit einem schiefen Lächeln sagte er: "Wusstest du eigentlich, dass ich beinahe zu deiner Geburt zu spät kam?"
Sanna lächelte kaum merklich. "Ich glaube, Mom hat mir es mindestens fünfmal erzählt. Sie hat es dir wirklich übelgenommen, dass du immer noch Dreck im Gesicht hattest."
"Was sollte ich machen? Ich musste einen Erdrutsch aufhalten und hatte keine Zeit, mir das Gesicht zu waschen, wenn ich nicht die Geburt meines Kindes verpassen wollte."
"Wenn ich den Worten Moms glauben soll, kamst du gerade noch zur letzten Presswehe."
Clark lachte. "Nein - so spät war es auch wieder nicht. Wir hatten noch ganze zehn Minuten Zeit, bevor du kamst." Mit einem Seufzen wurde er wieder ernst. "Aber das zeigt die Situation, in der ich stecke. Entweder schaffe ich es nicht rechtzeitig oder komme zu spät."
Sanna schwieg. Ihr Vater hatte mit seiner Aussage den Nagel auf den Kopf getroffen. Doch sie behielt sich vor, nichts dazu zu sagen. Diese Erkenntnis musste Clark alleine herausfinden. Sie ging deshalb in ihre Küche und griff nach ihrem Wasserkocher. "Kaffee, Dad?"
Ihr Vater nickte und setzte sich auf einen der Barhocker, der am Küchentresen stand. Nachdenklich schaute er Sanna zu, wie sie Kaffeepulver in einen Filter kippte. "Ich kenne deine Mutter schon seit vielen Jahren," begann er wieder. "Sie ist eine selbständige Frau, so weit ich mich zurückerinnern kann. Und die einzige Hilfe, die sie je angenommen hat, war die von Superman."
Den Wasserkocher anstellend, blickte Sanna zu Clark. Im ersten Moment konnte man denken, dass er sie anblickte. Doch dann erkannte sie, dass Clark durch sie hindurchschaute, als wäre sie durchsichtig. Was er wirklich sah, musste weit zurück in der Vergangenheit liegen.
"Ich weiß nicht, ob Lois froh war, als sie erkannte, dass Superman und Clark Kent eine Person waren," resümierte er weiter. "Aber sie ist den Schritt zum Traualtar bewusst gegangen. Sie wusste, dass ich als Superman nicht ständig an ihrer Seite sein konnte. Sie wusste, dass ich jederzeit abrufbereit sein musste." Jetzt blickte Clark seine Tochter voll an. "Ich bin Superman! Ich stehe für Gerechtigkeit und Hilfe für jeden, der mich braucht. Das galt vor dreißig Jahren und das gilt auch noch heute. Ich kann doch nicht einfach in Rente gehen!" Mit einem verzweifelten Aufschluchzen legte Clark seinen Kopf in seine Hände. "Aber was habe ich davon? Was hatte ich je davon? Wie viel habe ich in meinem Leben verpasst, nur weil ich anderen Menschen geholfen habe? Wie oft hat sich Lois gewünscht, ich wäre in diesem Moment an ihrer Seite anstatt in der Luft?" Seine Schultern bebten. "Mein Gott. Meine Frau stirbt. Lois kämpft mit dem Tod und kann ihr nicht einmal versprechen, dass ich ihr in der letzten Minute die Hand halten kann."
Sanna hatte bei seinen letzten Worten den Kaffee beiseite gestellt und war zu ihm gegangen. Mit Tränen in den Augen legte sie ihre Hand auf seine Schulter. "Dad..." sagte sie hilflos.
"Lois braucht mich, Sanna. Sie braucht mich jetzt mehr, als in jeder anderen Situation vorher. Was wäre ich für ein Ehemann, wenn ich nicht einmal am Ende ihres Lebens bei ihr sein kann?"
Die Tränen liefen Sanna nun über die Wangen. Tränen der Angst und Tränen des Mitgefühls. "Sag doch so etwas nicht, Dad," antwortete sie bebend. "Die Ärzte hier werden Mom wieder gesund machen."
"Nein, Sanna. Glaube mir. Ich habe schon so oft dem Tod ins Angesicht gesehen und weiß deshalb, dass er jetzt Lois geradewegs anlacht." Clarks Gesicht bekam etwas verzweifeltes. Und mit einem unterdrückten Schrei riss er sich von seiner Tochter los, verwandelte sich in Superman und flog hinaus in den Himmel.
Wie betäubt blieb Sanna an der Küchentrese stehen. Der Luftzug, den ihr Vater verursacht hatte, hatte Gläser, Kannen und Bücher aus ihren Regalen geweht. Erst als ein Hupen von der Strasse zu ihrer Wohnung hinaufdrang, löste sich ihre Starre. Schnell ging sie zum Fenster und verschloss es. Dann starrte sie auf die Stadt unter ihr. Die ersten Milchboten gingen durch die Strassen und verteilten ihre Flaschen. Arbeitnehmer hasteten zu den U-Bahnstationen oder zu ihren Autos. Schüler, Studenten, Hausfrauen liefen über die Bürgersteige. Autos hupten und Busse fuhren - Metropolis erwachte.

Leise betrat Sanna das Krankenzimmer von Lois. Seit ihrem letzten Besuch vor wenigen Stunden hatte sich nichts geändert. Lois lag immer noch unter ihrer Atemmaske, vollgepumpt mit Medikamenten, die den Zersetzungsprozess ihres Blutes aufhalten soll.
Nachdem Sanna ihre Mutter leicht auf die Stirn geküsst hatte, nahm sie sich einen Stuhl und setzte sich an das Bett. Vorsichtig nahm Sanna Lois Hand und drückte sie. Lois zeigte keine Reaktion. Ihre Hand lag schwer in der von Sanna, so als wäre sie ihr fremd oder würde nicht zum Rest des Körpers gehören.
In Sanna stieg eine Welle der Liebe für ihre Mutter auf. Lois war es gewesen, die ihr die ersten Schritte und das Fahrradfahren beigebracht hatte. Sie hatte ihr von den besonderen Kräften erzählt, die sie mit ihrem Vater gemein hatte. An Lois hatte sie sich gewandt, wenn sie Probleme mit ihnen gehabt hatte oder wenn sie meinte, sie nicht kontrollieren zu können. Lois war für Sanna die engste Vertraute und die beste Freundin. Würde sie nicht mehr sein, würde für Sanna eine Leere entstehen, die kein anderer Mensch würde füllen können.
Sannas Gedanken gingen zu Clark. Sie fragte sich, was Lois für ihn bedeutete. Für ihn war sie schließlich mehr als nur eine Ehefrau. Sie war diejenige, die am Besten sein Anderssein begriff und im gewissen Sinn auch teilte. Sie war die Hüterin seines Geheimnisses und sein Alibi, wenn es nötig war. Lois Lane hatte als einzige die Kraft und die Magie besessen, einen Mann wie Superman fesseln zu können. Einen Mann, der jede Frau auf diesem Planeten hätte haben können. Aber es war Lois gewesen, die er gewählt hatte. Sie war es, die sein Kind empfangen und geboren hatte. Und das Kind war sie - Sanna. Sie hatte die gleichen Fähigkeiten wie Superman. Sie war wie er: unverwundbar, stark, schnell und fähig, die Schwerkraft zu besiegen.
In Sanna stiegen Gewissensbisse auf. Mit Tränen in den Augen blickte sie auf die blasse Hand ihrer Mutter. Sie war sich sicher, dass Lois - genau wie Clark - gehofft hatte, ihre Tochter würde ihre Fähigkeiten zum Wohle der Menschen nützen. Und doch: Lois hatte sie niemals gedrängt, das Kostüm anzuziehen. Aber wahrscheinlich hatte sie es sich gewünscht. Wie jede Mutter wollte sie, dass Sanna gewissen Erwartungen entsprechen würde. Dass sie vielleicht auch eine Hilfe für ihren Vater sein würde - eventuell auch, um ihn zu entlasten, so dass er mehr mit einer normal Sterblichen zusammen sein konnte.
"Was bin ich nur für eine Egoistin," flüsterte Sanna. "Ich gehe durch mein Leben, als ginge mich die Menschheit nichts an. Was habe ich nur aus den Fähigkeiten Supermans gemacht? Nichts - sie liegen brach und werden nicht genutzt. Ich halte mich sogar für etwas besseres - weil ich fähiger als meine Mitmenschen bin. Dabei bin ich es, die unfähig ist. Ich nutze nur ein Prozent meines Potenzials - und das nur, weil ich mich entschlossen habe, eigenwillig und selbstsüchtig durch mein Leben zu gehen."
Weinend lies sich Sanna auf ihre Knie nieder. Den Kopf an den von Lois gelehnt, sagte sie: "Verzeih mir Mom. Verzeih mir, dass ich deine Erwartungen nicht entsprochen habe. Verzeih mir, dass ich ein so egoistisches Wesen geworden bin. Verzeih mir, dass ich den einzigartigen Kräften deines Mannes abgesagt habe. Ich verspreche dir, ich werde mein Verhalten ändern. Noch heute wird es Dad sein, der hier sitzt und deine Hand hält. Ich werde Cosimo für ihn suchen. Halte durch, Mom, sie wird dafür bezahlen, was sie dir und uns angetan hat!"
Über Sannas Rücken lief ein Schauer. Sie wusste, von diesem Moment an würde sich ihr Leben grundlegend ändern. Aber das war sie ihrer Mutter schuldig. Ihrer Mutter, ihrem Vater, ihren unbekannten Vorfahren auf Krypton. Keiner von ihnen sollte sich dafür schämen, ihre Gene an Sanna Kent vererbt zu haben.
Entschlossen küsste Sanna noch einmal Lois Stirn und stand dann auf. Ohne der hereintretenden Schwester noch einen Blick zu würdigen, verlies sie das Krankenzimmer und das Spital.