Stolpern

GeschichteDrama / P12
11.07.2011
11.07.2011
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Stolpern

Ich lege meine Hand auf meine Brust. Ich spüre meinen Herzschlag. Kraftvoll. Laut. Stark. Unerschütterlich. Ein freudloses Lächeln stiehlt sich auf meine Lippen. Unerschütterlich. Ich schnaube. Aber sicher doch. Es ist so unerschütterlich, dass es stolpert wie ein Verbrecher auf der Jagd vor seinen Häschern. Ich spüre es. Jeden Tag. Auch, wenn gar nichts los ist. Wenn nichts passiert.
Aber in letzter Zeit passieren Dinge. Viele, verschiedene Dinge, die mein Herz noch mehr zum stolpern bringen. Heute dachte ich, ich würde ersticken oder einen Herzinfarkt bekommen. Oder beides. Schon heute morgen fing es an. Ich bekam kaum Luft und ich konnte das Stolpern spüren, ohne meine Hand auch nur in die Nähe meines Herzens zu bringen.
Manchmal hasse ich dieses verdammte Ding in meiner Brust. Es macht immer alles kaputt. Oder... nein, das ist falsch. Ich mache immer alles kaputt. Nicht mein Herz. Ich. Wieder schnaube ich. Es ist nur ein Wort und beschreibt doch alles. Ich. Manchmal erstaunt es mich, dass diese drei klitzekleinen Buchstaben eine ganze Person, eine ganze Existenz beschreiben können. Manchmal bedaure ich es. Manchmal will ich nicht das sein, was diese drei Buchstaben beschreiben. Ich wünschte, es wäre jemand anderes und manchmal, an vielleicht einem Tag im Jahr, schaffe ich es, mir einzureden, dass ich das wirklich nicht bin. Aber wenn ich nicht „Ich“ bin, was bin ich dann? Gar nichts? Ja, das wäre manchmal schön. Einfach irgendwohin zu gehen und von niemandem wahrgenommen zu werden. Einfach mal seine Ruhe zu haben. Niemand, der einen ansieht. Niemand, der einen kennt. Niemand, der freundlich zu dir ist, dir aber im nächsten Augenblick den Rücken kehrt.
Ich bemerke, dass meine Hand immer noch auf meiner Brust ruht und so langsam wird es auffällig. Ich spüre ganz deutlich den Blick von links. Die beiden Blicke. Ich ignoriere sie, nehme die Hand von meiner Brust, lege sie zu der anderen in den Schoß. Ich bin ruhig, nach außen hin. In mir drin ist der Verbrecher immer noch auf der Flucht und er rennt immer schneller. Stolpert immer mehr. Die Blicke lassen nach, der Verbrecher wird langsamer.
Ich atme... aus. Und bemerke erst in diesem Moment, dass ich die Luft angehalten habe. Immer weiter auf den Bildschirm sehen. Es ist dunkel im Raum. Wir schauen einen Film. Ich weiß nicht, worum es geht. Habe nicht einmal den Anfang mitbekommen.
Meine Atmung ist flach. Ich versuche, normal zu atmen, es funktioniert nicht.
Einige Stunden später geht mein Atem immer noch leicht stockend, doch jetzt fällt es niemandem auf. Meine Lehrerin nervt und ich schaue sie böse an. Sie realisiert das nicht einmal. Denkt wohl, ich würde die Augenbrauen wegen des schweren Stoffs zusammenziehen. Dummes Weib. Sie versteht nichts.
Gruppenarbeit. Auch das noch. Ich sehe mich um, suche nach den Leuten, die in meiner Gruppe sind. Sie sind okay. Das Stolpern lässt nach. Dennoch sage ich nichts. Kein Wort. Habe ich heute überhaupt schon einmal den Mund aufgemacht? Ja, heute Morgen. Zum Zähneputzen. Ich schweige mich aus. Lasse meinen Blick durch die Klasse schweifen. Du arbeitest auch nicht. Siehst dich auch um. Unsere Blicke treffen sich. Mein Herz stolpert wieder. Dieses Mal ist es anders. Aber es tut weh, weil da noch das andere Stolpern ist und mein Herz weiß nicht, wie es stolpern soll. Es tut so weh. Der Schmerz wandert nach oben, bleibt in meiner Kehle hängen, bildet einen Kloß. Ich merke, wie er immer größer wird und ich kaum noch atmen kann. Schnell schaue ich auf mein Blatt und merke, wie sich ein feiner Schleier über mein Sichtfeld ausbreitet. Panisch versuche ich, die Tränen weg zu blinzeln. Na toll, warum ausgerechnet jetzt?
Du siehst mich immer noch an. Fragend. Ich ignoriere dich. Bis zum Ende der Stunde.
Dann stolpere ich aus dem Klassenzimmer. Ich flüchte.