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Dunkle Geheimnisse

von LadyAthos
Kurzbeschreibung
GeschichteAbenteuer / P12 / Gen
07.07.2011
14.02.2012
13
35.095
 
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07.07.2011 2.363
 
In der Nähe von Orléans, Herbst 1640

Der kleine Raoul de Bragélonne, der Sohn des Grafen de La Fère ging fast jeden Tag in den Wald, der direkt hinter dem väterlichen Anwesen begann. Oft spielte er im Wald mit seinen Freunden aus dem Dorf Robin Hood, aber manchmal ging er auch alleine in den Wald, um auf Bäume zu klettern, was sein Vater ihm eigentlich nicht gestattete, oder mit seinem Degen, den er sich aus einem Ast selbst geschnitzt hatte, gegen imaginäre Gegner zu kämpfen, selbst das sah der Vater nicht gerne, aus Angst, dass er sich bei solchen Spielen verletzen könnte.
Bei jedem Windstoß lösten sich goldgelbe und leuchtend rote Blätter von den Bäumen, die dann sachte wie Schneeflocken zu Boden segelten. Im Herbst hatte der Wald eine besondere Magie, der sich Raoul nicht entziehen konnte. In seiner Fantasie wurde das goldgelbe Blätterdach mehrerer Bäume, deren Kronen ineinander verwachsen waren, zum Palast eines Elfenkönigs und er zum Musketier dieses Königs. Musketier spielte er oft, weil sein Vater ein Musketier gewesen war. Am liebsten würde er später selbst ein Musketier werden, doch er wusste, dass sein Vater ihm das niemals erlauben würde, denn der Vater erlaubte ihm fast gar nichts, weil ihm alles zu gefährlich erschien. Er wusste, dass der Vater ihn lieb hatte, aber er vestand nicht, warum er ihm dann so vieles, was doch so viel Spass machte, einfach verbot.
In den Wald durfte er zwar alleine gehen, sich aber dabei nie allzu weit vom Anwesen entfernen. Raoul liebte seinen Vater abgöttisch, doch er war auch oft wütend auf ihn. Er durfte nicht seinen Freunden aus dem Dorf zum Schwimmen in den Weiher, weil der Vater Angst hatte er könnte ertrinken. Ausserdem weigerte der Vater sich bisher standhaft, ihm das Reiten beizubringen, obwohl er ihn schon mehrmals darum gebeten hatte, weil er befürchtete, dass er dann vom Pferd fallen und sich das Genick brechen könnte. Auf Bäume klettern konnte er nur, wenn sein Vater nicht in Sichtweite war.
Dass er sich manchmal heimlich tiefer in den Wald wagte, durfte der Vater ebenfalls nicht wissen. Oft fragte der Siebenjährige sich, warum der Vater so um sein Leben bangte, und glaubte, ihn ständig vor allem beschützen zu müssen. Er war das Ein und Alles seines Vaters, das spürte er instinktiv, doch warum hatte dieser so große Angst ihn zu verlieren? War seine Mutter womöglich gestorben, und der Vater hatte auch Angst, dass auch er sterben könnte? Verbot er ihm deswegen so vieles?
Seine Freundeim Dorf hatten alle Mütter, er wer der einzige, der keine hatte. Wenn er den Vater danach fragte wo seine Mutter war, wechselte der immer rasch das Thema und wich seinem Blick aus.  

Auch an diesem Nachmittag hatte der Junge sich wieder tiefer in den Wald begeben, als er es eigentlich durfte. Er wollte nicht ständig vom Vater wie ein rohes Ei behandelt werden, er wollte herumtoben, genau wie seine Freunde im Dorf. Und an diesem Herbsttag geschah schliesslich etwas, das das Kind sehr aufregend fand.
Auf einer Lichtung im Wald begegnete er einer Frau, deren blondes Haar in der Herbstsonne wie Gold glänzte. Im Haar trug die Frau einen aus roten und goldgelben Herbstblättern geflochtenen Kranz. Sie trug ein strahlend weißes Kleid und einen bordeauxroten Umhang. Als sie Raoul auf die Lichtung kommen sah, schenkte sie ihm ein freundliches Lächeln und ihre sanften blauen Augen ruhten auf ihm.
Diese Frau war so überirdisch schön, das musste eine Waldfee sein, so wie die Feen in den Geschichten, die die Amme ihm früher oft vorgelesen hatte. Er vermisste seine Amme, die vor über einem Jahr gestorben war, sehr, denn sie war für ihn wie eine Mutter gewesen. Damals hatte er viel geweint, und der Vater hatte ihn vergebens zu trösten versucht. Am Anfang hatte er gar nicht begreifen können, dass er sie niemals wiedersehen würde.

Die Frau, deren Umhang im Herbstwind wehte, winkte ihn näher zu sich heran.
“Komm her zu mir, kleiner Raoul. Du brauchst vor mir keine Angst zu haben, ich werde dir nichts tun.”
Verwundert blickte der Siebenjährige die Fremde an.
“Sagt, woher kennt Ihr denn meinen Namen?”
Noch wagte er sich nicht näher an die Frau heran, und betrachtete sie lieber neugierig aus der Ferne. Der Vater hatte ihm schliesslich eingeschärft, Fremden gegenüber immer misstrauisch zu sein.
“Ich bin eine Waldfee, kleiner Raoul de Bragelonne, und wir Waldfeen wissen alles. Deswegen kenne ich auch deinen Namen. Komm her zu mir, vor mir hast du nichts zu befürchten.”
Raoul blieb wo er war, und betrachtete die Fremde nachdenklich. Wenn sie wirklich eine Waldfee war und alles wusste, dann konnte sie ihm womöglich auch sagen, wo seine Mutter war, und ob sie noch lebte.
“Wenn Ihr wirklich alles wisst..könnt Ihr mir dann sagen, wo meine Mutter ist? Ob sie noch lebt? Vater sagt, wir wären auch alleine glücklich, wir bräuchten gar keine Frau bei uns, aber ich würde sie so gerne kennnlernen, wüsste gerne wer sie ist. Jeder hat doch eine Mutter, und ich will endlich auch eine haben.”
Erneut winkte die geheimnisvolle Fremde ihn näher zu sich heran.
“Ich bin eine Waldfee, Raoul und ich kann alles sehen. Ich habe tief im Wald einen magischen Spiegel, und wenn wir da hineinschauen, dann könnten wir sehen, wo deine Mutter jetzt ist. Falls sie noch am Leben ist wirst du sie im Spiegel sehen. Du musst nur mit mir kommen, dann zeige ichs dir..”
Das klang für Raoul schon sehr verlockend, endlich schien sein Wunsch, mehr über seine Mutter zu erfahren, ihm zum Greifen nah.
“Das würde ich schon ganz gerne…wie weit ist es denn bis zu dem Spiegel? Weit darf ich nicht gehen, denn bald gibt es Abendessen, und wenn ich dann nicht zuhause bin, macht Vater sich gleich Sorgen..”
“Es ist nicht weit, Raoul, wir wären in zehn Minuten dort, dann schaust du kurz in den Spiegel, und danach bringe ich dich zurück”; lockte die schöne Frau, “dann wirst du endlich mehr über deine Mutter wissen, wie du es dir wünschst?”

Zaghaft ging Raoul ein paar Schritte auf die Fremde zu.
“Sagt, könnt Ihr auch zaubern?”
“Feen können immer zaubern, mein Kleiner”; antwortete die Fremde geheimnisvoll lächelnd.
“Könnt Ihr dann vielleicht machen, dass mein Vater mir mehr erlaubt? Dass ich endlich Reiten lernen und schwimmen darf, wie andere Jungen in meinem Alter…”
“Ich denke, das lässt sich einrichten”; erwiderte die schöne Waldfee lächelnd, “ich verspreche dir, dass sich bald einiges verändern wird. Und nun komm her zu mir, dann bringe ich dich zum magischen Spiegel…”
Nun fasste Raoul allmählich Vertrauen zu ihr. Er ging zu ihr und ließ es zu, dass sie seine kleine Hand in ihre nahm und mit ihm noch tiefer in den Wald ging.
Sie sprach jetzt nicht mehr mit ihm, und allmählich wurde ihm mulmig zumute.
“Wie weit ist es denn noch?”; fragte er sie, “ich muss wirklich gleich zurück, es gibt bald Abendessen, und ich will nicht, dass Vater sich wieder Sorgen um mich macht..”
“Wir sind gleich da”; versicherte die Frau und zog ihn mit sich, “hab noch etwas Geduld, Raoul.”
Und so ging die Frau mit dem Kind immer tiefer in den Wald hinein, und Raoul sah nicht, wie ein hämisches Grinsen sich auf ihre Lippen stahl, als sie durch einen düsteren Teil des Waldes kamen, in dem die Bäume so dicht nebeneinanderstanden, dass ihre Kronen fast alle zusammengewachsen waren, und nur wenig Licht durch sie hindurch drang.
Athos wird leiden, dafür werde ich sorgen, dachte die Frau, während sie den Jungen immer tiefer in den Wald hineinführte. Ja, sie wollte Athos alles nehmen, so wie er ihr einst alles genommen hatte…Auge um Auge, Zahn um Zahn…das hatte sie sich schon vor langer Zeit geschworen.

“Grimaud, wo ist denn Raoul?”; fragte Athos seinen Diener, als um sieben Uhr das Abendessen auf den Tisch kommen sollte.
Grimaud hatte im Esszimmer bereits für Athos und seinen Sohn gedeckt, es sollte heute Hühnchen mit einer süssen Füllung aus Pflaumen und Kastanien, eine von Raouls Leibspeisen, geben.
Athos setzte sich an den Tisch und goss sich ein Glas Rotwein ein. Seitdem er Vater war, war er nicht mehr dem Laster des Trinkens erlegen, und genoss Alkohol nur noch in Maßen. Dank Raoul hatte er gelernt, das Leben wieder zu genießen, und die alten Wunden in seiner Seele waren mit den Jahren allmählich verheilt. Von dem Moment an, als er dein Säugling damals aus der Herberge mitgenommen hatte, hatte sich sein ganzes Leben zum Positiven verändert, dank der Fürsorge für dieses kleine Wesen trat sein jahrelang gewachsener Weltschmerz immer mehr in den Hintergrund, und er war nun endgültig von den Wunden befreit, die Mylady in sein Herz geschlagen hatte. Trotzdem gab es keine Frau in seinem Leben, denn dazu fühlte er sich trotz allem noch nicht bereit, er konnte den Frauen immer noch nicht bedingungslos vertrauen.
“Ich weiss nicht genau wo er ist. Ich werde ihn holen gehen…”; meinte Grimaud, “er kann ja nicht weit sein.”
Mit diesen Worten stand der Diener auf um Raoul suchen zu gehen.
Früher hatten Athos und Grimaud sich fast nur wortlos verständigt, Athos hatte seinem Diener beigebracht, seine Gesten und Blicke richtig zu deuten. Doch mit Raouls Geburt hatte sich alles verändert, von da an war Athos nicht mehr so verschlossen gewesen wie früher und redete auch wieder mehr, und so war diese wortlose Verständigung nicht mehr notwendig gewesen.
Im Kamin prasselte ein gemütliches Feuer. Athos lehnte sich im Sessel gemütlich zurück, um auf Grimaud und Raoul zu warten. Wie jeden Tag so freute er sich auch heute auf die gemeinsame Zeit mit dem Sohn. Zuerst würden sie zusammen essen, dann würde er vielleicht noch eine Runde Karten mit Raoul spielen, oder ihm etwas vorlesen. Obwohl der Junge mittlerweile selbst lesen konnte, ließ er sich vor dem Schlafengehen noch immer gerne von ihm vorlesen.

Nach einer Weile kam Grimaud zurück, und blickte seinen Herrn mit ernster Miene an.
“Raoul ist nirgendwo zu finden, er ist nicht in seinem Zimmer, und draußen ist er auch nicht…”
Als Athos das hörte, gefror ihm regelrecht das Blut in den Adern. Raoul war nicht da…das konnte doch gar nicht sein….der Junge war bisher noch nie zu spät zum essen gekommen.
“Hast du auch überall nachgesehen, Grimaud? Vielleicht ist er ja in die Stallungen gegangen, du weisst ja, wie gerne er sich dort aufhält.”
“In den Stallungen bin ich gewesen, und auch sonst überall. Der Junge war wirklich nirgendwo zu finden, und die anderen Diener haben ihn alle nicht gesehen.”
Athos sprang so stürmisch auf, dass er dabei seinen Stuhl umstieß.
“Du musst dich irren, Grimaud, Raoul muss hier irgendwo sein! Du hast nur nicht gründlich gesucht..muss ich eben selbst nachschauen!”
Sein Herz pochte heftig, und in ihm keimte eine panische Angst auf. Was, wenn Raoul wirklich nirgendwo zu finden war?
Sofort machte er sich daran, das ganze Anwesen nach seinem Sohn zu durchsuchen. Zuerst schaute er in dessen Zimmer nach, dann in den Stallungen, im Rosengarten, und dann auch noch in die Küche, wo die Köchin den Jungen ab und zu mit ein paar leckeren Bissen verwöhnte, wenn er bei ihr vorbeischaute. Doch er war nirgendwo auf dem ganzen Anwesen zu finden.
Nun geriet Athos in Panik. Was, wenn Raoul etwas Schlimmes zugestoßen war? Den Gedanken konnte er nicht ertragen, denn er wusste, dass ein Leben ohne seinen Sohn ihm sinnlos und leer erscheinen würde. Bestimmt hatte Raoul nur herumgetrödelt und beim Spielen die Zeit vergessen…

Athos verlor keine Zeit. Raoul schwebte womöglich in großer Gefahr und brauchte seine Hilfe. Raoul war bisher noch nie zu spät zum Essen gekommen, da musste etwas Schlimmes passiert sein.  
“Los, komm, Grimaud, wir gehen zuerst ins Dorf. Bestimmt ist er bei seinen Freunden und hat darüber die Zeit vergessen…”
Doch als sie zum Dorf kamen, waren die Straßen bereits leer. Die Sonne würde bald untergehen, und die Bauernjungen, mit denen Raoul immer spielte, waren längst nach Hause gegangen. Sie klopften dennoch bei allen an die Tür, um zu sehen, ob Raoul vielleicht mit einem von ihnen mitgegangen war. Doch es stellte sich heraus, dass keiner der Jungen Raoul an diesem Tag schon gesehen hatte.
“Wo kann er nur sein, mein armer kleiner Liebling..hoffentlich geht es ihm gut”; klagte Athos, “ich hätte ihm niemals erlauben dürfen, alleine zum Spielen nach draußen zu gehen. Das ist viel zu gefährlich. Hätte ich nur besser auf ihn aufgepasst…”
“Wir finden ihn, da bin ich sicher”; versuchte Grimaud seinem Herrn Mut zu machen, “vielleicht ist er ja nach Hause gekommen, während wir im Dorf waren.”
Also gingen sie zurück zum Anwesen und schauten dort nach, nur um feststellen zu müssen, dass Raoul nicht nach Hause gekommen war. Die Sonne ging gerade unter und tauchte die umliegende Landschaft für wenige Augenblicke in ein rotgoldenes Licht. Bald würde es dunkel werden.
Der Gedanke, dass Raoul ganz alleine im Dunkeln draußen herumirren könnte, war Athos unterträglich. Wo konnte der Junge bloß sein?
Konnte es sein, dass Raoul sein Verbot missachtet hatte und tiefer in den Wald gegangen war?
“Komm, Grimaud, wir gehen in den Wald, vielleicht finden wir Raoul ja dort…”
Der Diener rief ein paar andere Diener zusammen, und zusammen mit Athos durchsuchten sie den ganzen Wald. Athos gebärderte sich wie ein Bessener, er bestand darauf, nicht eher nach Hause zu gehen, bis sie Raoul gefunden hatten. Und so suchten sie den ganzen, mindestens zwanzig Meilen langen Wald ab, doch auch diesmal fanden sie keine Spur von dem Jungen.
“Raoul! Raoul! Wo bist du? Mein Kleiner, kannst du mich hören?”; rief Athos immer wieder, bis seine Stimme ganz heiser war, “bitte, Raoul, antwortete doch.
Tränen liefen über seine Wangen und er zitterte am ganzen Körper.
“Wir sollten jetzt nach Hause gehen, heute finden wir ihn ja doch nicht mehr”; wagte Grimaud schliesslich einzuwenden, “morgen früh, wenn es hell wird, können wir ja weitersuchen, im Dunkeln kommen wir ohnehin nicht mehr weit.”
Athos funkelte ihn böse an.
“Niemand geht nach Hause, bevor wir Raoul gefunden haben! Verdammt, Grimaud! Es geht hier um das Leben meines Sohnes…wie kann ich daheim im Bett liegen, wenn er womöglich gerade irgendwo um sein Leben kämpfen muss….”
Und so suchten sie die ganze Nacht, doch sie fanden Raoul nicht
 
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