Pour Delacroix

von Ava
GeschichteDrama / P12
04.07.2011
07.05.2012
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Dieses Kapitel
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Heey (:

Dieses Prequel zu Scandalous wird – falls es mir ausnahmsweise mal gelingt, mich an meine eigenen Pläne zu halten – allerhöchstens 10 nicht all zu lange Kapitel umfassen & kurz nach dem Tod von Désirée Nott enden.

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P O U R   D E L A C R O I X

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Träumer.

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Wenn sie dir einzig aus dem Grund Steine in den Weg legen, um dir voraus zu eilen und zu werden, zu wer du bestimmt bist zu sein, nagle sie ans Kreuz. Sei ein Vorbild für eine Generation an Hexen, die Stärke nutzt statt sie zu verstecken.

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Mit verbissener Konzentration schnitt die fünfzehnjährige Juliette Manon Delacroix am Saum ihres himmelblauen Seidenschulrockes entlang und ignorierte dabei das entsetzte Schnappen und Flüstern der anderen Mädchen im Schlafsaal. Sie verabscheute die triste Eintönigkeit, die eine Schuluniformpflicht mit sich brachte, zutiefst und hatte genug davon, verweigerte man ihr die volle Entfaltung ihres Selbst. Sie waren Individuen, verdammt noch mal, und jeder von ihnen musste das Recht haben dürfen, dies auch mit der Kleidung auszudrücken! Sie würde sich nicht mehr dazu zwingen lassen, Rückhaltung zu wahren und sich den Regeln Beauxbatons’ zu beugen.

Das Flüstern ihrer Mitschülerinnen verstummte, aber Juliette schnitt zuerst die letzten Fäden durch, ehe sie aufsah und sich vergewisserte, dass der Grund für das plötzliche Schweigen das Eintreffen einer weiteren Delacroix war. Clarice stand vor Juliettes Bett, den winzigen himmelblauen Hut mit der fingerbreiten Krempe exakt in jenem schrägen Winkel auf dem Kopf, der von den schulischen Benimmdamen als perfekt bezeichnet wurde. Wie stets gab es an Clarice’ Erscheinung nicht das Geringste auszusetzen, sofern man etwas davon hielt, was ihnen im ersten Schuljahr zum Thema Kleiderordnung beigebracht worden war. Ihre massgeschneiderte Schuluniform zeigte weder Falten noch Flecken, ihre Schuhe waren frei von jedem Dreck und das dunkelrote Haar, das jede der Schwestern von der Mutter geerbt hatte, war in diagonaler Parallele zu einem niedrigen, seitlichen Knoten geschlungen und kunstvoll aber dezent mit Diamanthaarnadeln festgesteckt. Clarice war das vollkommene Idealbild einer Delacroix Tochter, äusserlich wie innerlich.

»Juliette«, sagte sie streng und schüttelte dabei sachte den Kopf. »Wärst du so gut und erklärst mir, was du hier gerade zu tun gedenkst?«

»Was ich bereits getan habe«, begann Juliette lässig zu erklären, »ist, den Saum vom Rock und die Knopfleiste von der Bluse zu trennen. Den Blusenkragen habe ich dran gelassen, denn ich plane, eine Lochspitze anzunähen. Nur eine Farbe habe ich noch nicht gewählt. Vorschläge?«

Statt einer Antwort hob Clarice den Zauberstab, und bevor Juliette protestieren konnte, lag ihre Schuluniform in ihrem alten Zustand auf dem schweren Bettüberwurf. Clarice scheuchte die Fünftklässlerinnen mit einer fahrigen Handbewegung aus dem Schlafsaal und von den Eltern seit je her dazu ermahnt, sich stets gut mit einer Delacroix zu stellen, zögerten diese nicht damit, der Anweisung Folge zu leisten. So sehr, wie sie die Schuluniformpflicht verabscheute, verabscheute sie auch die Macht, die dem Namen Delacroix inne wohnte. Sie alle kuschten vor den Schwestern, versuchten eifrig, ihnen alles Recht zu machen und verweigerten ihnen nie etwas. Das Wort eines Delacroix war Gesetz. Wer dagegen verstiess, brannte – zu oft im wortwörtlichen Sinne. Grindelwald mochte inzwischen ein Insasse seines eigenen Gefängnisses sein, aber seine mit der Freiheit davon gekommenen Gefolgsleute lehrten die kranken Ideale der nächsten Generation und ein neuer machthungriger Mann war an seine Stelle getreten. Lord Voldemort. Beim Gedanken an die vielen Gerüchte, die sich um diesen Namen rankten, fasste sich Juliette instinktiv an die Stelle links über ihrem Schambein. Durch das dünne Unterhemd spürte sie die wulstige Narbe, dir ihr eigener Vater dort hinterlassen hatte. Einzig aus dem Grund, weil sie es bei Tisch gewagt hatte, die erste Silbe von Voldemort laut auszusprechen. Niemand durfte es wagen, den Namen dieses angeblich so mächtigen Mannes zu  benutzen, so viel hatte sie gelernt.

Als Clarice sah, wie Juliette nach der Narbe tastete, glättete sich ihre strenge Miene. »Juliette, bitte. Du siehst doch, wozu das blosse Beinaheaussprechen eines einfachen Namens geführt hat. Willst du denn unbedingt seinen Zorn spüren, wenn er hiervon erfährt?«

Juliette gab ihr Bestes, die aufkeimenden Tränen zu unterdrücken, scheiterte jedoch wie so oft daran. Wütend krallte sie sich an ihre Schuluniform und ballte die Fäuste. »Was soll er tun, mich töten?«, fragte sie höhnisch und lachte bitter auf. »Er mag noch so viel von einer Bestie in sich haben, er würde nicht so weit gehen, sein eigen Fleisch und Blut abzuschlachten. Nicht, so lange ich mich nicht mit den falschen Leuten abgebe – und dass ich diese Dummheit nicht begehe, dafür sorgt ihr schon, nicht wahr? Ich weiss, wen ich Freund und Freundin nennen, und wen ich meiden soll. Er kann mir vorschreiben, wie ich mich zu kleiden habe, aber wenn ich mich dagegen sträube, unterschreibe ich damit nicht mein Todesurteil. Diesen Teil von mir kann er nur versuchen, mir zu nehmen.«

»Ich mache mir Sorgen um dich.«

»Das ist dein gutes Recht. Ich sorge mich ebenfalls um mich. Und um dich, Désirée, Charlotte, Maman. Um all die Frauen, die teuren Schmuck zur Schau tragen, bei Gesellschaftsanlässen zu laut lachen und heimlich weinen, wenn sie sich zu Hause das Gesicht waschen. Ich verstehe nicht mehr, ob wir nur so tun sollen, als wären wir schwach, oder das tatsächlich ist, was man von uns verlangt. Und wenn wir es sind, sollen wir dann nach Aussen hin falsche Stärke vortäuschen? Ich bin durcheinander. Mir scheint es, als verkörpert unser Familienname alles, was ich bin. Als wäre Delacroix ein Käfig mit deutlichen Grenzen, das ich nur auf und ab schreiten, aber nicht verlassen kann.«

Clarice legte sanft eine Hand auf Juliettes schmale Schulter. »Du bist zu jung für solcherlei Überlegungen.«

»Gerade das ist es doch!«, protestierte sie. »Ich bin weder zu jung noch zu alt, ich bin schlicht eine Delacroix. So, wie es jetzt ist, wird es immer bleiben. Alle Entscheidungen werden von Papa gefällt und er hat es längst getan. Der Rahmen für unsere Zukunft steht. Papa wird einen Mann für mit wählen und du würdest lügen, würdest du vorgeben, nicht zu wissen, wie seine Kriterien aussehen. Einer, dessen Vorfahren Grindelwald folgten, einer, der begierig auf die Chance wartet, dem Lord dienen zu dürfen. Wir werden reinblütige Kinder zeugen, ich werde Mutter sein, aber weder über das Leben meiner Kinder noch über mein eigenes bestimmen. Alles, was nach Beauxbatons und dem Studium auf mich wartet, ist die Verbannung als schöner, nutzloser Schatten an die Seite eines Mannes. Ist es das, was du willst, Clarice, für mich, für dich, für unsere Schwestern? Du siehst, wie gequält Maman ist, und glaub mir, es ist nicht nur ihr eigenes Schicksal, das sie so plagt. Sie will mehr für uns. Wenn wir überhaupt irgendwie zu unseren Eltern aufblicken sollten, dann einzig zu ihr

»Was willst du tun? Davon laufen?« Seufzend zog Clarice ihre Hand zurück. »Wir sind gesegnet mit Privilegien, von denen die meisten nur träumen können. Unser Familienname bedeutet Sicherheit, Juliette. Uns mögen vielleicht gewisse Freiheiten fehlen, aber im Austausch dafür stehen uns andere zur Verfügung. Die Macht des Lords könnte weiter gehen, als es Grindelwalds tat. Wir müssen akzeptieren, dass wir in diese Zeit und dieses Leben hineingeboren wurden.«

Als Clarice die Tür hinter sich ins Schloss zog, griff Juliette abermals zur Schere. Sie war nicht dazu geboren worden zu akzeptieren und selbst wenn es sie hundert weitere Narben kosten mochte, sie würde dafür kämpfen, sich frei entfalten zu dürfen.

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»Wem will sie etwas vormachen? Die plötzliche Ansehnlichkeit ihres Gesichtes hat sie eindeutig dem Hause Pour Delacroix zu verdanken. Ich sollte veranlassen, dass Leute wie sie nicht bei uns bedient werden. Vor Neid zuerst über meine Familie spotten und dann heimlich unsere Kosmetika benutzen, von der sie immer behauptet hat, die barbarische Grausamkeit ihrer Herstellung wäre verachtenswert. Ist das zu glauben?«

Clarice schnippte die heimlich auf dem Schulhof gerauchte Zigarette auf den Boden und ihre Freundinnen fochten sofort einen kleinen Kampf um den noch glimmenden Filter aus. Mercys Fuss schoss als erster vor und mit einem zustimmendem »Unfassbar!« drückte sie den Filter mit der Schuhspitze aus. Zufrieden lauschte Clarice, wie allerlei für Camille Dupont gedachte Beschimpfungen und Beleidigungen gesprochen wurden, eine unschöner als die andere. Camille war ihr schon vom ersten Schultag ein Dorn im Auge gewesen. Obwohl sie ein Niemand war und es nicht einmal wert war, bemerkt zu werden, störte sie der Umstand, dass Camille nicht so auf den Namen Delacroix reagierte, wie es üblich war und es nicht müde wurde, gegen Clarice und ihre Freundinnen zu wettern.

»Sie hat eine Lektion nötig«, fand Mercy und Emma erwiderte mit einem diabolischem Lächeln auf den Lippen: »Ich teile mir den Schlafsaal mit ihr. Es wäre leicht, die Produkte von Pour Delacroix gegen Inhalte einzutauschen, die einer Dupont schon eher würdig sind.«

»Tu es«, sagte Clarice. »Je mehr Pustel sie danach hat, desto besser. Wir sehen uns später beim Abendessen.«

Sie überprüfte den Sitz ihres Hutes, zog mit Blick in ihren schweren Taschenspiegel den Lippenstift nach und stürzte die Lippen. Marcus wollte sie noch treffen und hatte sie gebeten, ihn bei der Grundstücksgrenze zwischen Beauxbatons und der dahinterliegenden Universität zu treffen. Dass er mit ihrer Freundin Mercy zusammen und sie fest davon überzeugt war, er würde nach ihrem Schulabschluss um ihre Hand anhalten, interessierte sie nur mässig. Viel wichtiger war, dass Marcus’ Familienname Saint-Luis war und er somit einer der hochangesehensten sowie vermögendsten magischen Familien Europas angehörte. Sie plante zwar nicht, an Mercys Stelle seine Gattin zu werden, hielt es aber für klug, sich alle Möglichkeiten offen zu halten. Zumindest wäre ihr Vater mit einem Saint-Luis als Schwiegersohn einverstanden gewesen. Und das war im Grunde bereits alles, das zählte.

Auf dem Weg zum vereinbarten Treffpunkt schweiften ihre Gedanken ab zu dem Gespräch, das sie vor ein paar Wochen mit ihrer jüngeren Schwester geführt hatte. Manchmal schreckte Clarice nachts noch immer zitternd aus einem Alptraum und kämpfte mit den Erinnerungen aus dem vergangenen Jahr. Das Abendessen war so weit ereignislos geblieben, der vierte Gang wurde gerade aufgetischt. Jean Delacroix redete über ihn, dessen Namen zwar jedem bekannt, aber nicht genannt werden durfte. Juliette war unkonzentriert, blickte plötzlich vom Teller auf und fragte: Geht es um Vol– Mehr hatte es nicht gebraucht. Beim nächsten Mal würde es womöglich der Folterfluch sein, der zum Einsatz kam.

Clarice erreichte die hohe Mauer, vergewisserte sich, dass niemand in der Nähe war, und öffnete das nicht so ganz geheime Tor. Auf der anderen Seite stand nicht Marcel sondern Désirée. »Du brauchst gar nicht erst nach ihm Ausschau zu halten«, sagte sie atemlos und zerrte Clarice hinter eine Hecke. »Die Nachricht war von mir. Ich wusste, wenn es um ihn geht, würdest du dich ausnahmsweise mal von deiner pünktlichen Seite zeigen.«

»Na dann, hat funktioniert«, erwiderte Clarice augenrollend. Sie unterzog ihrer Schwester einer genaueren Musterung und entdeckte dabei, dass Désirées Augen rot gerändert waren und sich Spuren von getrockneten Tränen auf ihren blassen Wangen abzeichneten. »Was ist passiert? Geht es dir gut?«

Désirée schüttelte den Kopf und zupfte unbehaglich an ihrer silbergrauen Uniform. »Ich schaffe es nicht.«

»Was schaffst du nicht?«

»Das Studium. Mir fehlt es an Intelligenz, um den Meister in Heilkunde oder Tränke, geschweige denn in beidem zu machen. Ich versuche es, aber das wird nichts. Papa wird ausser sich sein vor Zorn. Ich weiss nicht, wie ich ihm noch gegenüber treten kann, sobald er davon erfährt.«

Clarice’ Magen krampfte sich schmerzhaft zusammen. »Hast du mit Charlotte gesprochen? Kann sie dir nicht helfen?«

»Ich geniere mich, mit ihr darüber zu sprechen.«

»Aber wieso?«

»Weil sie das Studium genauso hasst wie ich, es aber trotzdem auf die Reihe kriegt, du Dummchen. Sie wird sagen, was sie kann, kann ich auch, doch dem ist nun mal nicht so. Wenn ich mit ihr darüber spreche, werde ich mir umso jämmerlicher und nutzloser vorkommen. Ich – Ich überlege, ob es nicht das Beste wäre, davon zu laufen.«

»Das wäre es nur solange, bis Papa dich findet.«

»Ich weiss nicht, was ich sonst tun könnte.«

»Désirée…«

»Nein, sag es nicht.«

»Ich muss«, wiedersprach Clarice. »Charlotte beendet ihr Studium in knapp zwei Jahren, ich beginne meines im nächsten Jahr. Zwei von uns, die aktiv bei Pour Delacroix mitwirken können, werden ihm reichen, sofern du andere Verpflichtungen für diese Familie eingehst. Er würde dich nicht verstossen. Das Einzige, was du tun musst, ist ihn einen Mann für dich aussuchen zu lassen.«

»Das Einzige«, höhnte Désirée. »Du sagst es, als wäre der ganze Rest meines Lebens nicht weiter von Bedeutung.«

»Ich will dir nur Gutes.«

»Gut für uns alle wäre eine andere Familie.«

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»Maman!«

Juliette war sich darüber bewusst, dass es sich für eine junge Dame ihres Standes nicht geziemte, mit ausgebreiteten Armen über weite Flächen von Pflasterstein zu rennen, erst recht nicht in dieser Aufmachung. Ihre Schuluniform hatte sie erfolgreich umgestaltet, doch innerhalb der Mauern Beauxbatons’ war sie noch niemandem präsentiert worden; vom himmelblauen Seidenrock war nur eine Handbreit übrig geblieben, darunter bauschten sich Schicht um Schicht perlmuttfarbener Tüll, verziert mit unzähligen silbernen und lavendelfarbenen Pailletten und umsäumt mit den Resten der Schuluniform; die weisse Bluse wurde statt der Knöpfe mit einem weissen, unten zu einer Schlaufe geknöpftem Lederband zugehalten, war eben so wie der Rock mit Pailletten verziert und besass einen Kragen aus hübscher Lochspitze (um ein gewisses Grundmuster beizubehalten, hatte sich Juliette schlussendlich für das ansonsten verhasste Himmelblau entschieden); statt der vorgeschriebenen Schuhe in Schwarz, oder natürlich Himmelblau, trug sie flache Riemensandalen in der selben Nuance wie ihr Tüll; den Hut hatte sie kurzentschlossen fortgeworfen; ihr langes, gewelltes Haar trug sie offen und war vom Rennen und vom Wind zersaust.

Ihre Mutter, Isabelle Charlotte Delacroix, schien sich an der stürmischen Begrüssung ihrer Jüngsten nicht zu stören. Sie öffnete die Arme, um Juliette zu empfangen, und drückte sie fest an sich. Juliette realisierte, wie sehr sie die tröstende, vertraute Nähe ihrer Mutter in den vergangenen Wochen tatsächlich vermisst hatte und wollte kaum mehr los lassen. Normalerweise war es den Schülern Beauxbatons’ nicht erlaubt, in die Stadt zu gehen, doch Juliette hatte es ausgenutzt, dass ihr Vater sich gegenwärtig ausser Landes befand und eine Eileule mit einem Brief an ihre Mutter losgeschickt. Schon am Tag darauf hatte Isabelle veranlasst, Juliette am nächsten Wochenende in der Stadt zu treffen.

Sie hakte sich bei ihrer Mutter ein und gemeinsam schlenderten sie zu einem Café, das sie oft besucht hatten, als Juliette noch die einzige Tochter gewesen war, die das schulpflichtige Alter noch nicht erreicht hatte. Als sie ins Innere traten, blieb Juliette vor Schreck stehen. An einem der Tische sass ihr Grossmutter väterlicherseits. Dazu erzogen, dieser Frau stets mit gebührendem Respekt und Höflichkeit zu begegnen, empfand Juliette nur wenig familiäre Liebe zu ihr. Hinzu kam, dass dieser Familienzweig seit je her Verfechter des Reinen Blutes war und unzählige Mitglieder aufzuweisen hatte, die einst Grindelwald dienten und ihm nach wie vor die Treue hielten.

»Grand-Maman, welch angenehme Überraschung«, grüsste sie zurückhaltend. Plötzlich schämte sie sich dafür, sich die umgestaltete Schuluniform angezogen zu haben und wünschte, sie hätte sich für eines ihrer vielen eleganten Kleider entschieden.

»Du brauchst sie nicht zu fürchten«, flüsterte Isabelle ihr zu und bedeutete ihr mit einem knappen Nicken, Antoinette auf die Wange zu küssen.

Juliette unterdrückte den Drang, um zu kehren und weg zu laufen, beugte sich zu der älteren Dame runter und drückte die Lippen auf die kühle, gepuderte Haut. Antoinette roch Sandelholz und Tabak, eine Duftmischung, bei der sich Juliette seltsam beruhigt und getröstet fühlte. Sie nahmen Platz und ein Kellner goss ihnen vom selben Melissentee ein, den Antoinette bereits trank.

»Nun, Juliette«, begann Isabelle, und Juliette suchte verzweifelt nach einem Weg, ihre Mutter zum Schweigen zu bringen. Was sie zu sagen hatte, kostete sie bereits Überwindung und Mut genug. Auf keinen Fall würde sie es zu Stande bringen, ihr Anliegen im Beisein ihrer Grossmutter darzulegen. »Was gibt es so Dringendes, das du mir erzählen möchtest?«

»Ich…«

»Sprich frei, Kind«, forderte Antoinette sie streng auf. Die Strenge an sich war nicht unüblich für sie, wohl aber diese spezielle Art davon. Es klang herausfordernd, im Sinne von: Bring das Thema auf den Tisch, dann reden wir darüber. Keine falsche Scheu. Dein Anliegen ist verhandelbar.

Juliette trank einen grossen Schluck vom heissen Tee und sammelte sich dabei innerlich. Was konnte schon geschehen, wenn Isabelle und Antoinette nicht mochten, was sie vor hatte? Bei ihrem Vater und Grossvater wäre der Fall anders gelegen, und Juliette war sich sicher, niemand würde die beiden in dieses Gespräch einweihen, so lange es sich vermeiden liess. »Ich möchte von der Schule abzugehen.«

»So?«, fragte Antoinette und lächelte milde. »Was gedenkst du ohne Schulabschluss zu tun? Wie die Made im Speck leben?«

»Nein, natürlich nicht«, erwiderte Juliette. Sie zögerte, rang sich aber schlussendlich dazu durch, die mitgebrachten Muggel Modezeitschriften aus ihrer Tasche zu holen. Mit angehaltenem Atem legte sie sie auf den Tisch und schlug eines davon auf. »Ich will tun, was diese Frauen tun. Ich will, dass die Leute staunend zu mir aufsehen, wenn ich schöne Kleider präsentiere und sich an meinen Namen erinnern. An Juliette, nicht Delacroix. Mir ist es gleich, wie viel Geld ich damit verdiene, so lange es nur genug ist, um etwas zu essen und ein einfaches Dach über dem Kopf zu haben. Ich will Kleider entwerfen und sie zeigen. Ihr haltet das womöglich für eine alberne, unangebrachte Vorstellung für meine Zukunft – aber das ist es, was ich wähle. Ich wähle dieses Leben über das Leben als dumme Ehefrau eines Mörders, die nur so viel wert ist, wie ihr Mann ihr erlaubt. Dazu stehe ich. Davon lasse ich mich nicht abbringen.«

Antoinette musterte sie eingehend. »Du verstehst, dass dein Wert auch in einem solchen Leben von anderen definiert wird und schwindet, so bald du ein gewisses Alter erreicht hast? Die Muggel werden einzig an deinem Körper interessiert sein. Was du an Verstand und Herz vorzuweisen hast, wird keinerlei Bedeutung haben.«

»Grand-Maman, du hast mich missverstanden. Ich will nicht einfach nur ein weiteres Mädchen sein, das für kurze Dauer ein Stern am Himmel der Muggel ist. Ich will diesen Teil ihrer Welt in unsere bringen. Ich wäre die erste, ein Pionier. Ist Ästhetik denn nicht ohnehin das Geschäft dieser Familie? Schönheit und Jungend? In gewisser Weise würde ich Pour Delacroix erweitern, dem Haus meine persönliche Note beifügen. Aber ich würde es von Grund auf selbständig aufbauen, mir den Erfolg auf eigene Faust erkämpfen.«

»Und wenn du scheiterst?«

»Lieber wage ich den Versuch und scheitere, als dass ich mich freiwillig dem füge, was Papa für mich plant.«

»Juliette…«, setzte Isabelle seufzend an, doch Antoinette hob die Hand und brachte sie zum Schweigen. »Du bist gewillt, dich dem zu verschreiben? Die Aussicht auf Erfolg ist gering, bestenfalls strandest du vermutlich letzten Endes doch bei den Muggel.«

»Träume lohnen das Risiko«, erwiderte Juliette aus tiefster Überzeugung. »Ich habe nur dieses eine Leben, Grand-Maman, also ich tue ich mein Bestes, es selber zu gestalten.«

»Gut.« Antoinette nickte. »Das war alles, was ich dich zu sagen hören brauchte. Deine Mutter wird veranlassen, dass du vorzeitig von der Schule abgehst und du wirst mit mir nach Paris kommen.«

Juliette verschluckte sich an ihrem Tee. »Grand-Maman, ich verstehe nicht…«

»Ich weiss nicht, wie genau du zu beginnen planst, aber in Paris wird es dir ohne Frage leichter fallen, die nötigen Kontakte zu knüpfen. Hinzu kommt, dass dein Vater dich nun wohl kaum noch dulden wird. Solange du kein eigenes Geld verdienst, wirst du ohne Hilfe deiner Familie nicht zurecht kommen. Du wirst in meinem Haus wohnen, abends mit mir speisen und mir über jeden deiner Fortschritte und Rückschläge berichten. Du hast dich dazu entschieden, mit fünfzehn erwachsen zu werden, also wirst du dich entsprechend verhalten.«

Was Antoinette sagte, leuchtete ein und hätte Juliette eigentlich erleichtern müsste. Paris war tatsächlich ihr vorläufiges Ziel gewesen, aber ihr war nicht im Traum eingefallen, die Grosseltern um Unterstützung zu bitten. »Wenn Papa mich nicht mehr dulden wird, würde Grand-Papa doch erst recht nicht – «

»Dein Grossvater liegt im Sterben«, erklärte Antoinette knapp. »Lungensterben. Du weisst, die Familie Delacroix wird seit Generationen davon heimgesucht. Ihm ist es nicht mehr möglich, über dein oder mein Leben zu bestimmen.«

Zum ersten Mal kam Juliette der Gedanke, dass Antoinette nicht die Überzeugung ihres Gatten teilen könnte. Sie hatte stets ein kühles und distanziertes Verhalten an den Tag gelegt, Juliette hatte nie in Erwägung gezogen, dass auch ihre Grossmutter vielleicht nur eine weitere Frau war, die gezwungen wurde, sich dem Mann anzupassen und sich ihm zu fügen.

»Aber…das ist ja furchtbar.« Hilflos suchte sie den Blick ihrer Mutter und versuchte in ihren Augen zu erkennen, was die angemessene Reaktion auf diese Nachricht war. Isabelle streckte die Hand aus und tätschelte in merkwürdigem Verständnis Antoinettes Arm. »Ist es das nicht?«

»Ich habe sechs Jahrzehnte an der Seite dieses Mannes verbracht. Ich kenne seine Alpträume, Abgründe und Ängste in und auswendig. Elendig an diesem Leiden zu sterben, ist nicht mehr, als er verdient hat. Du magst glauben, du wüsstest, was ein Leben als Delacroix bedeutet und bist klug genug, deine eigenen Wege zu gehen. Doch tätest du es nicht, wärst du entsetzt, wie viel dunkler als in deiner Vorstellung die Finsternis am Ende des Pfades in Wahrheit ist. Meine Söhne sind mir fremd, Duplikate ihres Vaters, und mir somit nahezu verhasst. Als es darauf ankam, besass ich nicht die Entschlossenheit, wie du sie an den Tag legst. Ich habe zugelassen, dass man mich zur reinen Zuschauerin meines eigenen Lebens verdammt. Meine Enkelinnen zu schützen und ihnen ein Halt zu sein, ist das einzige, was meiner tiefen Reue noch Milde zu verleihen vermag.«

Isabelle und Antoinette tauschten ein grimmiges, entschiedenes Lächeln. Juliette packte noch am selben Tag ihre Koffer.

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»Ich bin das Leben leid, Maman.« Désirée zog an der Zigarette und reichte sie an Isabelle weiter. Sie waren für die Beerdigung von Jeans Vater nach Paris gereist und hatten Juliette nur kurz gesehen, bevor sie von ihrem eigenen Vater unter Drohungen von der Trauergesellschaft fortgescheucht wurde. »Er hat seine Wahl getroffen, hat er dir schon davon erzählt? Ein Engländer. Natürlich. Dort übt dieser Lord schliesslich seine Macht aus. Timothy Nott. Er hat mir gut zwanzig Jahre voraus, ist also doppelt so alt wie ich. Hundertzwanzig Jahre wären mir lieber, dann hätte ich ihn nicht lange zu ertragen. Ob Papa es mir gestattet, in Schwarz vor den Altar zu treten?«

Isabelle zog sie an sich in ihre Arme und sie weinten stumm. Der Winterhimmel über ihnen war trist, die Kälte so beissend, dass sie Désirées Gefühle vorübergehend einfroren.

»Flieh«, flüsterte Isabelle.

»Ich habe daran gedacht«, gestand Désirée. »Aber fort von Papa bedeutet fort von euch. Ich sehne seinen Tod herbei und schäme mich trotz all seiner Grausamkeiten dafür. Es wäre leichter ihn zu hassen, würde ich ihn nicht im selben Atemzug lieben. Ich erinnere mich an gute, an schöne Momente mit ihm. Wenige nur, aber sie hindern mich daran, sein Blut mit meinen Händen zu vergiessen.«

»Du bist mir von euch vieren die Ähnlichste, und es tut dir nichts Gutes. Ich weiss nicht, wem Juliette ihre Entschlossenheit zu verdanken hat, aber sie es ihr ermöglichen, ihren eigenen Weg zu gehen. Charlotte schöpft Kraft und Halt in den schönen Dingen der Welt. Und Clarice… Ich fürchte manchmal um sie. Sie wurde geboren, um Grosses zu schaffen, aber der Einfluss eures Vaters leitet sie in die irre und wird vielleicht dafür sorgen, dass ihr Können für die falschen Dinge nutzt.«

»Ich glaube, insgeheim wäre sie gerne mit Juliette bei Grand-Maman, doch nichts auf Erden würde sie dazu bewegen, dich bei Papa zurück zu lassen. Warum bist du damals nicht geflohen, Maman? Warum erträgst du diese Ehe?«

Isabelle zündete die nächste Zigarette an und inhalierte tief. »Du bist mir die Ähnlichste. Sag du es mir.«

»Wir träumen«, erwiderte Désirée. »Charlotte, Clarice und Juliette verwirklichen ihre Träume alle auf ihre Art. Wir träumen nur. Träumen uns an einen anderen Ort, in ein anderes Leben. Und vielleicht fürchten wir uns davor, dass wir dem Leben ohnehin nicht gewachsen wären, würde es in unserer eigenen Hand liegen.«

Sie träumten ewig weiter.

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