Nankurunaisa

von Maruda
GeschichteAllgemein / P6
Kai Miyagusuku Loulou
03.07.2011
03.07.2011
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Hallo! =)
Ich begrüße alle Leser herzlich zu meiner ersten Blood+ FF.
Da ich erst neulich auf Blood+ gestoßen bin und das Ende mich wirklich hingerissen hat (auf verschiedene Art und Weise ;D), bitte ich um Nachsicht, falls ich irgendein wichtiges Detail, in den Augen der Alteingesessenen, vergessen haben sollte.
Die Geschichte ist mein gedankliches Gut, Figuren, ect. gehören selbstverständlich nicht mir.
Viel Sapß beim Lesen! ^^
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Die erdrückende Schwüle des Sommers, die in den langen Korridoren nur umso schwerer zu lasten schien, ließ ihn jede seiner Bewegungen mit der doppelten Anstrengung spüren und jeder Atemzug dieser abgestanden Luft verließ seine Lunge, ohne ihn überhaupt als solchen wahrgenommen zu haben. Es war erneut einer dieser unerträglich heißen Sommertage in Okinawa, die einen den letzten Rest an Energie und Sauerstoff aus dem Körper zu treiben vermochten. Trotzdem verlangsamte der junge Mann seinen Lauf nicht, der bereits vor wenigen Minuten in einen Laufschritt verfallen war. Er war augenblicklich und vielleicht auch etwas zu überstürzt aufgebrochen, nachdem ihn der besorgniserregende Anruf erreicht hatte.
Nur noch selten begegneten ihm irgendwelche Grundschüler, die meistens einen argwöhnischen Blick durch die Fenster zum Himmel warfen, an dem die Sonne bereits hinter schwarzen, unheilvollen Wolken verschwunden war. Leises Donnergrollen ließ die schwüle Luft erzittern, die zuvor von dem klangvollen Zirpen von Zikaden und Grillen erfüllt gewesen war. Vorboten eines längst überfälligen und von vielen Einwohnern ersehnten Gewitters. Eilig schlang er sich um die letzte Kurve und entdeckte sogleich das Klassenzimmer, das er sicherlich seit der letzten Zeugnissausgabe im Frühling nicht mehr betreten hatte. Er nahm einen tiefen Atemzug, um seine beschleunigte Atmung zu beruhigen, während er entschieden den Griff der Schiebetür fasste. Doch kaum, dass er sie mit einem leisen, gleitenden Geräusch beiseite geschoben hatte und im Türrahmen erschienen war, als ihn bereits zwei aufgeregte Kinderstimmen freudig begrüßten.
„Kai!“
Auf der Stelle erblickte er die vertrauten Gestalten der Zwillinge, die soeben energisch von ihren Stühlen gesprungen waren, sodass diese beinahe nach hinten über zu fallen drohten. Doch während Ayaka sogleich auf ihn zustürmte, befiel Reika bereits nach ihren ersten Schritten eine Art Zögern, bis sie vollends in ihrer Bewegung gefror und in einer gewissen Entfernung zu ihm verharrte. Dennoch genügte Kai ein Blick in ihr zerkratztes Gesicht, um seine Befürchtungen zu bewahrheiten und er musste einen aufkommenden ermüdeten Seufzer in seiner Kehle ersticken. Ihre Wangen waren schier tapeziert mit bunten Pflastern. Um ihr rechtes Auge begann sich bereits ein leichter, bläulicher Schimmer zu legen, der im Laufe der nächsten Stunden an Intensität gewinnen, bis er schließlich in das charakteristische Lila eines Veilchens übergehen sollte. Am Kragen ihres Kleides erkannte er einige kleine Blutflecken, die sich bereits dunkel verfärbt hatten.
Ohne Zweifel, sie hatte sich erneut geprügelt. Doch wenn Reika schon dermaßen mitgenommen wirkte, konnte sich Kai nur lebhaft vorstellen, wie ihr Gegenüber aussehen musste, der es gewagt hatte, sich mit ihr in einen Kampf verwickeln zu lassen. Denn obwohl sie ein sehr zierliches Erscheinungsbild bot, entsprach dies nicht der Wirklichkeit und täuschte lediglich über ihre körperlichen Kräfte hinweg.
Währendessen hatte Ayaka ihn erreicht und vergrub ihr Gesicht schutzsuchend in seinem Hosenbein, worauf er sanft lächelnd zu ihr hinunterblickte und ihr fürsorglich durch ihr schwarzes Haar strich. Erneut huschten seine dunklen Augen zu Reika, die jedoch ruckartig ihr Blickfeld zu Boden senkte, als sich ihre Blicke trafen. Ihre kleinen Finger krallten sich krampfhaft in den blauen Stoff ihres Kleides. Kai spürte einen kleinen Stich von Enttäuschung, als er ihre kühle Reaktion beobachte, bevor er jedoch seine gesamte Aufmerksamkeit der Lehrerin zuwandte, die sich bis zu diesem Zeitpunkt diskret im Hintergrund gehalten hatte und nun von ihrem Stuhl aufstand.
Sie war eine etwas hagere, ältere Frau – Kai schätzte sie auf Mitte 50 – mit einem freundlichen Gesicht und bereits silbrig grauen Haaren, zwischen denen noch einige dunkelbraune Strähnen zu erkennen waren. Obwohl er sich an sie - auch wenn es nur ein sehr vages Bild war - aus seiner eigenen Schulzeit erinnern konnte und er bei der Einschulung der Zwillinge ebenfalls einige Worte mit ihr gewechselt hatte, benötigte Kai einige Zeit, bis ihm ihr Name wieder präsent wurde: Frau Yoshino.
„Es freut mich, dass Sie so schnell herkommen konnten, Herr Miyagusuku“, begrüßte sie ihn höfflich und verwies zuvorkommend auf einen Stuhl, der direkt gegenüber von ihrem Schreibtisch aufgestellt worden war. Trotz des netten Lächelns, das ihre Lippen zierte, ließ der allgemein sehr ernste Gesichtsausdruck Kai durchaus erahnen, in welche Richtung ihr Gespräch schlagen sollte.
„Ich musste noch das Lokal abschließen“, erklärte er unnötigerweise, da er ihr gegenüber seit seinen Jahren auf der Grundschule zu keiner Rechtfertigung mehr verpflichtet war. Nun ja, jedenfalls hoffte er, dass Lulu seine Nachricht rechtzeitig erhalten hatte und dass das Omoro nun nicht jedem zufällig dahergelaufenem Dieb zur freien Selbstbedienung offen stand. „Reika, Ayaka, wenn ihr bitte draußen auf mich warten würdet.“
Sogleich spürte er einen festen Zug an seiner Hose. Überrascht sah er zu Ayaka hinunter. Ängstlich musterte sie ihn durch einige zerzauste Strähnen, die er versehentlich durcheinander gebracht hatte und welche ihr nun in die Stirn fielen. Ihre sonst so strahlenden blauen Augen waren getrübt von Sorge um ihre Schwester, während sie ihre Lippen zu einer dünnen Linie verzogen hatte, um das Beben ihrer Unterlippe zu verbergen, sodass sie bereits weiß anliefen. Doch Kai wusste nur zu gut, dass sie ihre Tränen kaum noch zurückhalten konnte. Ayaka war schon immer die Sensiblere und Einfühlsamere der beiden gewesen. Kai grinste sie aufmunternd an und fuhr ihr nochmals durch ihr Haar, womit er ihrer Frisur den Gnadenstoß verpasste.
„Nankurunaisa.“
Augenblicklich erstrahlte sie vor Erleichterung. Lächelnd drückte sie sich ein letztes Mal dankend an ihn, bevor sie rasch den Raum verließ. Reika folgte ihrer Schwester wortlos und verschwand, ohne ihren starren Blick einmal erhoben zu haben, als verlange dieser ihre gesamte Aufmerksamkeit. Die Tür schloss sich geräuschvoll hinter den Zwillingen. Kai sah ihnen einen Moment wehmütig nach, bevor er eher widerwillig Platz nahm. Schon als Schüler hatte er es stets gehasst mit Lehrern ernste Gespräche führen zu müssen und auch jetzt, als Erwachsener, war ihm diese Situation immer noch nicht gänzlich geheuer.
„Sie können sich sicherlich schon vorstellen, worüber ich mit Ihnen reden möchte?“, begann Frau Yoshino ernst, nachdem sie sich erneut hinter ihrem Pult niedergelassen hatte und ließ ihre leicht zusammengefalteten Hände auf der Tischplatte ruhen.
Kai verkniff sich ein ironisches Lächeln, da ihm auch nicht unbedingt zum Lachen zu Mute war und er das mulmige Gefühl nicht abschütteln konnte, dass sie noch Aspekte ansprechen würde, die ihm missfielen.
„Sicher geht es um die Zwillinge.“
„Sie haben ihre Veränderungen also ebenfalls bemerkt?“, fragte sie vorsichtig, obwohl die Sicherheit in ihrer Stimme eher einer Feststellung gleichkam.
Resigniert zuckte Kai kurz mit den Schultern.
„Nun ja, es gehört nicht viel dazu, um festzustellen, dass die häufigen Verletzungen eines Kindes nicht vom Sportunterricht stammen.“
Überraschenderweise umspielte darauf ein amüsiertes Lächeln ihr Gesicht. Ihr Blick schweifte kurzzeitig durch die verwaisten Stuhlreihen des Klassenzimmers, als schwelge sie einen Augenblick in Erinnerungen.
„Sie waren zu Ihrer Zeit hier, wenn ich mich recht entsinne, ebenfalls ein kleiner Raufbold, der für einige Schwierigkeiten gesorgt hat.“
„Das hat nichts damit zutun!“, warf er ertappt ein, um schnell vom Thema abzulenken. Trotzdem erwischte er sich dabei, wie er kurz verlegen den Blick senkte, als er sich an seine eigenen kleinen und oft mit einer blutigen Nase endenden Eskapaden erinnerte. Und mit einem Mal fragte er sich, wie oft wohl sein Vater hatte solche Gespräche über sich ergehen lassen müssen.
„Wie dem auch sei“, fuhr Frau Yoshino unbeirrt fort, als hätte ihre kleine neckische Anspielung überhaupt nicht stattgefunden und fixierte erneut ihr Gegenüber. „Also, haben Sie keinerlei Veränderungen im Benehmen der beiden festgestellt?“
Kai ließ sich leicht in die Lehne seines Stuhls zurückfallen, während er nachdenklich den Kopf ein wenig in den Nacken legte, als wolle er die Decke, auf der Suche nach einer Antwort, mustern.
Veränderungen im Verhalten…Nun, sie aßen immer noch soviel – auch wenn sie manchmal seine Kochkünste bemängelten -, dass viele sich wunderten, dass sie nicht wie zwei kleine Kugeln durch die Straßen rollten. Sie weinten immer noch so schnell und herzzerreißend wie früher, wobei ihnen sogar gelegentlich Schnodder aus der Nase lief, und sie liebten es immer noch sehr, seine Nerven zu strapazieren, indem sie alles echoartig wiederholten, was er sagte und ihnen nicht passte, um dann in letzter Sekunde lachend und amüsiert kreischend vor ihm wegzurennen. So gesehen waren sie genauso verfressen, weinerlich und frech wie immer. Also unverändert.
„Nein“, erwiderte er letztendlich knapp, bevor er wieder eine akkurate Sitzhaltung einnahm.
Unschlüssig spielte Frau Yoshino mit ihren Händen, indem sie diese leicht aneinander presste und wieder locker ließ. Bestärkt wurde Kais aufkeimender Argwohn zusätzlich dadurch, dass sie einen Augenblick konzentriert die Augen schloss und langsam die Luft aus ihren Lugen entweichen ließ, als müsse sie ihre kommenden Worte mit besonderem Bedacht wählen.
Sie zögerte eindeutig. Er fragte sich nur, wovor.
„Bitte, verstehen Sie mich nicht falsch. Reika und Ayaka waren zu Beginn ihrer Schulzeit sehr aufgeschlossene und wissbegierige Mädchen. Doch in letzter Zeit ziehen sie sich auffällig zurück. Ihre schulischen Leistungen haben nachgelassen, selbst im Sport, wo sie ihre Mitschüler immer leicht überflügelten. Zusätzlich noch Reikas steigende Aggressivität und Brutalität im Bezug auf ihre Mitschüler…“
„Und, was wollen Sie mir damit verdeutlichen, Frau Yoshino?“, harkte Kai letztendlich ein, um diese umschweifende Erklärung von Tatsachen, mit denen er längst vertraut war, zu beenden, damit sie endlich zum eigentlichen Thema gelangten. In ungeduldiger Erwartung zog er seine Augenbrauen zusammen und verschränkte die Arme vor der Brust, während er nervös mit einem Fuß auf den Boden tippte. Das konnte eindeutig nichts Gutes bedeuten.
Erneut ein gedehnter Luftzug ihrerseits, der Kais ohnehin schon kurzen Geduldsfaden unnötig strapazierte.
„Nun, Herr Miyagusuku: Wir in der Lehrerschaft wollten Sie darauf ansprechen, ob nicht die Möglichkeit bestünde, dass all diese Probleme eine häusliche Ursache haben?“
Obwohl ihre Aussage in keiner Weise vorwurfsvoll klang, spürte er dennoch eine unterschwellige Wut in sich erwachen, die immer weiter ihre Wurzeln in ihm schlug, sodass sie mit jedem weiteren Wort mehr Besitz von ihm zu ergreifen drohte.
Schlagartig breitete sich eine Stille zwischen ihnen aus; ein unangenehmes Schweigen, das schwer über ihnen lastete. Aber Kai verspürte nicht das Bedürfnis, dieses für ihn mit diesem Augenblick nichtsnutzig gewordenes Gespräch fortzuführen. Doch seine Hände, die von seinen verschränkten Armen verborgen wurden, hatte er zu strammen Fäusten geballt, dass bereits eine Handinnenflächen leicht schmerzten. Harter Regen, den er erst jetzt bemerkte, prasselte laut gegen die Fensterscheiben, an denen er in großen, pulsierenden Wasseradern entlang floss. Irgendwo weit entfernt donnerte es unheilvoll, obgleich noch kein Blitz grell und schneidend den Himmel durchfahren hatte.
„Sie sind schließlich noch sehr jung und allein erziehend. Die beiden sind darüber aufgeklärt, dass sie von Ihnen adoptiert wurden, nicht wahr?“
Kai nickte lediglich. Wohlwissend, dass sein hitziges Gemüt ihn sonst zu einer hirnrissigen, unklugen Idee verleiten würde. Und genau diesen Fall wollte er unter allen Umständen verhindern. Zwar konnte er sich nur zu gut erahnen, worauf sie hinauswollte, trotzdem ließ er sie ausreden. Eigenartig; fiel ihm eigentlich nur als Einzigem auf, dass alle Lehrer sich beharrlich weigerten, die Zwillinge als seine Töchter zu bezeichnen?!
„Vielleicht…“, begann sie einfühlsam, während sie ihn mit einem verständnisvollen und doch belehrenden Ausdruck in ihren Augen betrachtete, als wäre er einer ihrer Schüler, dem sie etwas vorsichtig beizubringen hatte. Ein Blick, der seine Wut nur noch weiter schürte wie ein loderndes Feuer. Er war schließlich erwachsen und keiner ihrer Schüler. Sie sollte bloß nicht annehmen, dass sie die Weisheit löffelweise zu sich genommen hatte, nur weil sie älter war und als Lehrer mehr Erfahrung mit Kindererziehung hatte!
„beginnen die Zwillinge damit, sich Fragen zu stellen. Fragen über ihre richtigen Eltern, über ihre wahre Fami…“
„Wir sind eine wahre Familie!“, brach es letztendlich aufgebracht aus ihm heraus, während er sich ruckartig von seinem Stuhl erhob und sich entschieden vor Frau Yoshino aufbaute. Das konnte doch nicht wahr sein! Eine Faust, die er dank seines aufbrausenden Temperaments wütend auf den Schreibtisch hatte schlagen wollen, um seiner Aussage die nötige Ernsthaftigkeit zu verleihen, ruhte wenige Zentimeter über der Tischplatte. Nur im letzten Moment hatte er sich zügeln können. Trotzdem zitterte sie noch vor Wut „Sie brauchen sonst niemanden!“
Erschocken über seinen unerwarteten Ausbruch hatte sich Frau Yoshino, mitsamt ihrem Stuhl, um einige Zentimeter zurückgezogen und starrte ihn eingeschüchtert mit einer Mischung aus Überraschung und Ungläubigkeit an, die sich jedoch wenige Sekunden später in offenkundige Mistgunst wandelte.
„Beruhigen Sie sich, Sie reagieren ja über!“, warf sie ihm belehrend vor und strich sich hektisch eine graue Strähne hinter das Ohr, die sich bei ihrem ruckartigen Rückzug versehentlich aus ihrem Zopf gelöst hatte. „Ich verstehe Ihre Einwände…“
„Nein, verstehen Sie eben nicht!“, fuhr er ihr, fortwährend aufgebracht, dazwischen, bevor er sich verschwörerisch ein Stück über den Tisch zu ihr vorbeugte und ihren missfallenden Augenkontakt provokant erwiderte. „Sie wissen rein gar nichts über mich, geschweige denn meine Familie. Also belassen Sie es bei ihren Vermutungen. Aber wehe Sie beginnen damit, den Zwillingen solche Flausen in den Kopf zu setzten, denn dann zeige ich Ihnen allen, wozu ich als Vater imstande bin!“ Damit wandte er sich unvermittelt von ihr ab.
„Wa-warten Sie!“, befahl sie perplex nach wenigen Sekunden, in denen sie sich erneut gefasst hatte, und leicht außer Atmen. „Wohin wollen Sie?“
„Ich gehe“, erwiderte er entschieden. „Dieses Gespräch ist, wie mir scheint, überflüssig.“
Kai hörte, wie sie sich von ihrem Stuhl erhob, da er mit einem leisen Knall zu Boden fiel, der fast in einem erneuten Donnergrollen untergegangen wäre.
„Kai! Sie verhalten sich völlig verantwortungslos!“, rief sie ihm erbost und gereizt hinterher. „Damit beweisen Sie nur, dass Sie vor dieser Situation die Augen verschließen, weil Sie nicht mit ihr umgehen können. Aber es muss sich zwinglichst etwas ändern, sonst werden Sie die Konsequenzen tragen müssen und die Kinder darunter leiden!“
Doch Kai verschwendete keine weitere Zeit an sie und schlug brachial die Tür hinter sich zu.
Genervt zischte er ein paar Flüche, während er tief ein- und ausatmete, um seine innere Aufgewühltheit niederzuringen. Was bildete sie sich überhaupt ein?! Suchend huschten seine Augen hektisch über den Korridor hinweg. Kai seufzte ergeben, als er ernüchternd feststellte, dass die Zwillinge verschwunden waren. Ausgerechnet das hatte ihm noch gefehlt, aber es war mal wieder typisch. Verdrossen vergrub er seine Hände in den Hosentaschen, als er sich auf die Suche begab und mit festen Schritten stampfend durch die Schule ging. Noch immer spürte er unwillkürlich die Weißglut in sich aufsteigen, wenn er an die Worte von Frau Yoshino dachte.
Sie wusste nichts! Gar nichts… Er hatte bereits einmal hilflos mit ansehen müssen, wie seine Familie schmerzlich auseinander gebrochen war und das würde er kein zweites Mal zulassen. Nicht nach all dem. Und trotzdem schlich sich ebenfalls unterschwellig eine eisige Befürchtung in ihn ein, die sich lähmend in ihm auszubreiten versuchte und seine Schritte verlangsamte. Nachdenklich wandte Kai sein Gesichtsfeld zu Boden. Zwar war er vor Frau Yoshino so unerschütterlich und voller Entschlossenheit aufgetreten, doch insgeheim wünschte er sich, nur die Hälfte dieser Inbrunst wirklich zu besitzen.
Natürlich hatte er alles ehrlich gemeint, aber seit einiger Zeit fühlte er eine gewisse Distanz zwischen sich und den Zwillingen. Er konnte dieses Gefühl nicht einmal ansatzweise beschreiben, geschweige denn erklären und dennoch war es da. Manchmal, in bestimmten Situationen. Es war nicht an ihrem Verhalten oder ihren Reaktionen ihm gegenüber zu beobachten. Es tauchte unerwartet auf und verschwand genauso wieder. Und dann fragte er sich stets, ob er wirklich in die Rolle eines Vaters hineingewachsen war und ob er überhaupt die dazugehörige Reife besaß. Abermals fluchend fuhr er sich mit einer Hand durch sein rotes Haar. Das war doch zum Verrückt werden! Er dachte doch sonst auch nicht so viel nach, sondern handelte intuitiv. Woraus bestand denn ihre Familie? Aus ihm, einem ehemaligen Schläger, der keinen richtigen Abschluss besaß; zwei kleinen, überdurchschnittlich starken Mädchen, die Blutinfusionen benötigten, nichts über ihre wahre Herkunft wussten und vom Roten Schild bewacht wurden, und einer kleinen, nicht alternden und bluttrinkenden Shif, die momentan ihre rebellische Phase zu durchleben schien und ihre körperlichen Grenzen zu erproben versuchte, indem sie das Sonnenlicht herausforderte. Sicher, kein ideales Bild und trotzdem waren sie eine echte Familie, davon war er felsenfest überzeugt!
Überraschenderweise ließ ihn Ayakas aufgebrachte Stimme aus seinen Gedanken schrecken. Horchend folgte er ihrer hellen Kinderstimme, die mit jedem Schritt mehr an Klarheit und Intensität gewann, bis er schließlich ihre Worte verstand: „… du bist blöd! Rei, jetzt komm her, sonst wirst du krank und Kai macht sich Sorgen.“
Leise trat er aus dem Schulgebäude in einen überdachten Gang, der zu den Turnhallen führte. Dort stand Ayaka, angelehnt an einer der Säulen und sah hinaus in den strömenden Regen, während sie wütend mit einem Fuß aufstampfte. Lächelnd schweifte sein Blick hinaus auf den Schulhof. Der starke Regen hatte immer noch nicht nachgelassen und türmte sich einer Mauer gleich hell vor ihm auf. Gelegentlich blies der kräftige Wind, der mit dem Gewitter aufgezogen war und stürmisch an den Pflanzen und Dächern zerrte, feine Tropfen von Nieselregen zu ihm, die seine erhitzen Wangen kühlten. Begleitet wurden sie von einem leichten, kaum wahrnehmbaren Duft von frischem Meereswind. Der warme Boden dampfte unter der Masse an Niederschlag und ließ leichte Nebelschwaden aufsteigen, die sich gespenstisch um die Schule und Baumwurzeln schlängelten.
Und dort auf diesem verlassenen Schulhof erkannte er Reika. Energisch hüpfte sie durch die aufgeweichte Erde. Schlamm spritze hoch, sodass er bereits vereinzelt ihr Kleid und ihre Haare bedeckte, bevor er vom warmen Regen weggespült wurde. Kai kannte diese Bewegungen. Sie war wütend und versuchte sich ihrer Wut zu entledigen, indem sie sich körperlich verausgabte. Vielleicht sollte er ihr den Vorschlag unterbreiten, mit Baseball anzufangen, denn schließlich hatte es auch ihm eine gewisse Zeit lang geholfen, seine überschüssige Energie und Aggressivität auszuleben.
Unglaublich, dass seit jener entscheidenden Nacht in New York bereits über sieben Jahre ins Lang gezogen waren. Als ihr Leben wortwörtlich auf Messers Schneide gestanden hatte. David und Julia hatten ihre eigene Familie gegründet, auch wenn David darauf beharrte ein stolzes Mitglied vom Roten Schild zu bleiben. Sicherlich zu Julias Missfallen. Mao, die fortwährend mit Okamura durch die Weltgeschichte flog, meldete sich sogar gelegentlich bei ihm, um sich nach den Zwillingen zu erkundigen und ihn damit aufzuziehen, dass er längst nicht mehr so anziehend und attraktiv wirke, seitdem die Mädchen ihn um ihren kleinen Finger gewickelt hätten. Selbst Lewis, der kein Gramm seines stattlichen Gewichts eingebüßt hatte und irgendwelchen hochgeheimen Arbeiten nachzugehen schien, über die er ihm natürlich nicht das Geringste verraten durfte, kam gelegentlich im Omoro vorbei, um sich meistens über sein Essen zu beschweren, das er im Lokal anbot und ihn zu schikanieren, dass er zu einem ordinären Hausmann geworden wäre. Dabei hätte es mit ihm einen solch viel versprechenden Anfang genommen. Er bereitete Reika und Ayaka ihre Lieblingssuppe zu – die Kai wohl nie, zumindest laut ihnen, gelingen würde - wenn sie ihn mit ihrem kindlichen Charme verzaubern konnten. Was eigentlich immer der Fall war. Joel hatte weiterhin seine Führungsrolle inne und ließ sich von seiner körperlichen Behinderung nicht einschränken. Dank Lewis waren ihm sogar die Gerüchte zu Ohren gekommen, dass er die Absicht hätte, bald zu heiraten. Haji hatte bis jetzt noch nicht die Güte besessen, mitsamt seinem sonnigen Gemüt wieder aus der Versenkung aufzutauchen, auch wenn Kai weiterhin beschleifte Rosen vor dem Familiengrab vorfand. Die Mädchen gingen mittlerweile schon in die zweite Klasse und waren zu fröhlichen und unbeschwerten Kindern herangewachsen. Eine damals unmögliche Vorstellung, wenn man die schrecklichen und brisanten Umstände betrachtete, in denen sie in diese Welt hineingeboren worden waren. Kai seufzte abermals, als er zu Ayaka trat. „Was soll ich bloß mit euch beiden anstellen?“
Erschrocken fuhren beide Mädchen zu ihm herum. Sie sahen ihm mit einer Art angespannten Spannung und Nervosität entgegen, als befürchten sie einen ähnlichen Ausbruch, dem er sich kurz zuvor bei Frau Yoshino hingegeben hatte. Doch Kai vermochte ihre Anspannung mit einem aufrichtigen Lächeln zu verflüchtigen.
„Komm bitte aus dem Regen, Reika“, sagte er munter. „Ich weiß doch, dass du Angst vor Gewittern hast, also los“, fügte er noch vielwissend hinzu, als er in ihren zaghaften Gesichtsausdruck sah. Langsam, Schritt für Schritt kam sie auf ihn zu, bis sie schließlich vor ihm stand und zu ihm aufblicke. Einige Strähnen ihres Haares, deren Spitzen teilweise mit kleinen Schlammspritzern besudelt waren, klebten ihr auf der Stirn. Dicke Tropfen fielen leise von ihrem Kleid und ihren Haaren auf den Boden und hinterließen dort kleine dunkle Flecken. Ihre Lippen hatte sie zu einer ernsten Miene verzogen, sodass ihre nach unten gezogenen Mundwinkel beinahe schon ihr Kinn zu erreichen schienen. Eine schmale Falte war zwischen ihren Augenbrauen zu erkennen, da sie diese dermaßen fest zusammengezogen hatte. Ihre braunen Augen loderten schier vor Aufrichtigkeit und Trotz, auch wenn gelegentlich ein kurzes verzagtes Flackern diesen entschiedenen Glanz erlischen ließ, als wäre ihre Sicht von unterdrücken Tränen verschwommen.
Sie war bereit, ihre gerechte Strafe entgegenzunehmen, obwohl sie ihre Tat augenscheinlich keinesfalls bereute. Kai spürte, wie er angesichts ihrer feierlichen Ernsthaftigkeit ein Lachen unterdrücken musste. Ihr Gesichtsausdruck erweckte eher den Eindruck, als befürchtete sie, ein schwerwiegendes Verbrechen begannen und nicht einfach einen Jungen verprügelt zu haben.
„Mann, Mann, Mann….“, begann er amüsiert, während er sein Hemd auszog, welches er rasch über sein schwarzes Unterhemd geworfen hatte, um nicht völlig legier gekleidet in der Schule zu erscheinen. „Wenn man dich so ansieht, könnte man fast meinen, ich würde euch schlagen.“
Entspannt ließ er sich vor ihr in den Schneidersitz fallen, bevor er damit begann, sie vorsichtig mit dem Hemd trocken zu reiben. Wenigstens notdürftig, damit sie sich keine Erkältung zuzog.
„A-aber Kai…“, brach ihre überraschte Stimme unter dem Stoff hervor, während sie vergebens versuchte, ihr Gesicht zu befreien, doch so schnell entkam sie seinem beharrlichen Griff nicht. Weiterer und letzter Protest ging unbeachtet in einem Schwall von unverständlichem Gemurmel unter.
„Halt doch still.“
„Ich…“, setzte sie erneut ein, als ihr Kopf endlich unter dem Hemd hervorkam und sie erst einmal schnell nach Luft schnappte, als hätte er sie mit einer Fürsorge beinahe erstickt. Ihr Gesicht war nun gerötet und ihre Haare standen in bizarren Winkeln zu ihrem Kopf ab, als hätte sie versehentlich in eine Steckdose gegriffen.
„Du siehst aus wie ein Igel!“, warf Ayaka lachend ein, die sich mit einem Arm auf Kais Oberschenkel abstützte und neckisch nach einer Haarsträhne ihrer Schwester haschte, aber sie wich mit ihrem Kopf entschieden zurück und streckte ihr beleidigt die Zunge heraus.
„Nicht streiten“, schritt Kai sogleich automatisch ein, während er Reika nebenbei in das Hemd hüllte, da er sie nicht einmal ansehen musste, um zu wissen, dass sie bereits den Mund geöffnet hatte, um Ayaka mit einem verbalen Gegenangriff zu widersprechen. „So, das sollte reichen, bis wir zu Hause sind.“ Damit ließ er von ihr ab, bevor er sein Werk schmunzelnd bewunderte, da sie schier in dem Kleidungsstück versank. Die viel zu langen Ärmel hatte er ihr beinahe bis zu die Schultern hochkrempeln müssen. Trotzdem hatte sich bereits einer gelöst und baumelte schier leblos vor sich hin. Der Boden des Hemdes schliff auf der Erde, sodass Kai sich sicher war, dass Reika noch über die Ärmel stolpern würde, wenn sie nicht auf ihre Schritte achtete
Reika musterte ihn einen Augenblick unschlüssig, bevor ihr Blick an seinen Gesicht hinunterwanderte und sich auf seine Kette fixierte, die ihn als Mitglied vom Roten Schild auszeichnete und die er noch stets bei sich trug. Ihm war schon öfter aufgefallen, dass die Zwillinge ein besonderes Interesse an dem roten Kristall hatten, den die Kette einschloss, als ahnten sie unbewusst, dass er in einer gewissen Verbindung mit ihnen stand.
„Bist du denn gar nicht sauer?“, fragte sie stockend und wagte es nicht aufzusehen. Wahrscheinlich befürchtete sie, welche Reaktion sie sonst in seinem Gesicht lesen könnte.
Kai ließ laut die Luft aus seinen Lungen entweichen, was allerdings fast von der klangvollen Melodie des fallenden Regens übertönt wurde. War sie etwa dermaßen erpicht auf eine Bestrafung? In gewisser Weise war er sogar vielleicht wütend, aber definitiv nicht so wütend, wie er in so einem Fall eigentlich hätte sein sollen.
„Nicht unbedingt sauer, eher enttäuscht. Außerdem…“. Damit berührte er sanft ihr Gesicht in der Höhe ihres rechten Auges, das sich bereits in tiefere Blautöne verfärbt hatte. Allein der Anblick schien Schmerzen zu verursachen. „…glaube ich, dass du eine Lektion schon erhalten hast. Tut es sehr weh?“
„Nein“, entgegnete sie tonlos, ohne ihren Blick zu heben, obwohl sie kurz zuvor unter seiner Berührung kaum merklich zusammengezuckt war. Auch ihr Mund hatte sich schmerzlich verzogen. Stur wie ein Esel und dabei noch eine äußert schlechte Lügnerin. Aufmunternd stupste er ihr unter das Kinn. „Willst du mir nicht erzählen, was passiert ist?“
Reika hüllte sich darauf in hartnäckiges Schweigen und urplötzlich spürte Kai diese Distanz zwischen ihnen deutlicher, als jemals zuvor. Zwar konnte ihn Julia dafür sooft auslachen, wie sie wollte, aber er bildete es sich definitiv nicht ein! Er traf sie in der Klinik an, entweder wenn die Zwillinge zur Bluttransfusion mussten oder um gelegentlich Blutkonserven für Lulu abzuholen und hatte leider den Fehler begangen, ihr von seiner Sorge zu berichtet. (David schien in diesen Bereichen nicht unbedingt ein Fachmann zu sein – nicht, dass er jemals mit den Gedanken gespielt hatte, ihn überhaupt auf solche Themen anzusprechen.)
„Es war meine Schuld!“, gestand Ayaka urplötzlich, worauf Kai sie erstaunt musterte. Schuldbewusst hatte sie ihre Augen gesenkt, während sie konzentriert und mit zittrigen Fingern an der Naht seiner Hose herumzupfte.
„Sei still, Aya!“, rief Reika sogleich laut und herrisch dazwischen und zog Kai beständig stark an seinem Arm, um seine gesamte Aufmerksamkeit erneut auf sich zu lenken. „Es ist meine Schuld gewesen!“
„Du lügst!“
„Nein, tue ich nicht!“
„Du hast doch nur Angst!“
Verwirrt sah Kai einige Augenblicke zwischen den streitenden Zwillingen hin und her, während sich ihre kindlichen Stimmen bereits zu überschlagen begonnen hatten vor Eifer und Beharrlichkeit, um die Schuld auf sich zu nehmen, um die jeweils andere von ihr rein zu waschen. Immer schneller sprudelten die Worte aus ihren Mündern, sodass nur noch sie imstande waren, sich gegenseitig zu verstehen. Kurzerhand ließ Kai, der seit langem kein einziges Wort verstehen, geschweige denn überhaupt den Sinn ihres Streits nachvollziehen konnte, seine Hände jeweils auf einen der dunklen Schöpfe der Mädchen fallen. Die Zwillinge, die bereits vollkommen in ihr Streitgespräch vertieft gewesen waren und ihre Außenwelt dadurch längst ausgeblendet hatten, zuckten überrascht zusammen und verstummten schlagartig.
Zum ersten Mal wurde es still um die Drei, sodass man den strömenden Regen, der immer noch nicht nachgelassen hatte und prasselnd zu Erde fiel und das stetig nahende Donnergrollen im Wind vernahm, das längst nicht mehr von dröhnenden Lärm des Niederschlags übertüncht werden konnte.
„So, Ruhe jetzt“, durchbrach Kai nach wenigen Momenten erneut das natürliche Geräuschkonzert, das sie von allen Seiten umgab, ernst, bevor er die Zwilling eingehend betrachtete, die seinen Blick eher zweifelnd, gar fürchtend standhielten. Vorsichtig entfernte er seine Hände wieder. „Ich habe kein einziges Wort verstanden. Also, noch einmal, was ist passiert?“  
Gleichzeitig wechselten die beiden einen flüchtigen Seitenblick miteinander, bevor sie einander knapp und entschieden zunickten, als wären sie von neuem Mut und Kraft beseelt, endlich fähig, dem entgegenzutreten. Doch dieser Anflug von plötzlicher Entschlossenheit verflüchtigte sich urplötzlich, als sie zu ihm aufblickten, als beraube seine Anwesenheit ihnen ihre gesamte Willenstärke. Hilfesuchend fassten sie sich an die Hand. Ihre Augen schienen bereits in Tränen zu schwimmen, während ihre Unterlippen zitterten, als wären sie soeben aus warmen Badewasser gestiegen und in die Kälte getreten, ohne sich vorher abzutrocknen. Unter ihrer Furcht erkannte Kai dennoch Zweifel und Scham. „Kai…“, setzte Reika brüchig an und versuchte mit ihrer ganzen Kraft, den weinerlichen Unterton niederzuringen, der jeden Augenblick ihre Stimme zu übertünchen drohte. Ayaka verstummte lieber sogleich, da sie fest ihre Zähne zusammenbeißen musste, um ein aufkommendes Wimmern in ihrem Brustkorb zu ersticken, bevor er ungewollt über ihre Lippen kommen konnte. Ein Anblick der Kai längst in Alarmbereitschaft versetzt hatte und ihm große Sorgen bereitete.
„Du….bist doch….unser…Papa…, oder nicht?“ Ihre letzten Worte brachen in einem angestrengten Luftschnappen zusammen. Und obwohl Kai eher erahnen konnte, was sie gesagt hatte, glaubte er trotzdem, jedes Wort hätte sich messerscharf in seinen Gehörgängen eingebrannt. Eine Sitzhaltung versteifte sich ungewollt. Seine Gesichtszüge verloren kurzzeitig jeglichen emotionalen Ausdruck. Erneut diese Stille, gedämpft von den Klängen des Unwetters. Unwillkürlich hielt er kurz die Luft an, bevor er sie wieder langsam entweichen ließ und mit jenem neuen Atemzug spürte Kai wieder Leben in sich erwachen. Seine erstorbene Atmung wurde wieder rhythmisch, seine Sitzhaltung lockerte sich etwas und sein Gesicht begann wieder Gefühle zu spiegeln. Darum ging es also… Dies hatte ihnen die ganze Zeit dermaßen schwer auf den Herzen gelegen und diese so schmerzvoll  getrübt. Ruckartig, einem seiner spontanen Eingebungen folgend, hob er seine Hände und schnipste den beiden kraftvoll gegen ihre Stirn, sodass ein Knallgeräusch ertönte, worauf sie zischend die Luft einzogen. Verwirrt von dieser unerwarteten Reaktion ließen sie voneinander ab, um sich die schmerzende Stelle an ihrem Kopf zu reiben. Selbst ihr Tränen, die sie so beharrlich zu unterdrücken versucht hatten, vergasen sie für diesen Moment und sahen perplex zu ihrem Vater auf. Dieser hatte sich währenddessen bedrohlich ein Stück zu ihnen hinüber gebeugt und musterte sie erstmals mit einem säuerlichen und autoritären Blick, den die Zwillinge nicht recht einzuordnen wussten. „Jetzt bin ich aber sauer auf euch“, verkündete Kai verärgert, was die Verwunderung der Mädchen jedoch nur bestärkte und den fragenden Glanz ihrer großen Augen weiter entfachte.  
„Warum denn?“, kam es schier aus einem Munde, während sie sich weiterhin leicht eingeschnappt die Stirn rieben.
Seufzend zog sich Kai wieder zurück, wobei er sich genervt durch sein Haar fuhr. Wie oft hatte er Saya diese banale Tatsache eintrichtern müssen und jetzt fing es mit den Zwillingen auch noch an?! Wenn er erfuhr, dass diese Frau Yoshino ihre schmutzigen Finger in diese Sache verstrickt hatte, dann konnte sie noch ihr blaues Wunder erleben! Denn dann würde er seine ausgesprochene Warnung mit größtem Vergnügen erfüllen und ihr überhebliches Lächeln würde er ihr sogleich mit von ihrem Gesicht wischen! Kai hasste es, wenn Fremde sich in seine Angelegenheiten einzumischen versuchten, vor allem in seine familiären. Wie viele Anstrengungen und Mühen wären ihm bereits erspart geblieben, wenn Leute ihr dummes Geschwätz und ihre überflüssige Meinung einfach für sich behalten könnten.
„Warum?“, wiederholte er temperamentvoll, was seinen oft unüberlegten Aussagen seit jeher die nötige Stärke und Überzeugungskraft verliehen hatte. „Weil ihr, indem ihr euch mit den Kindern prügelt und euch zurückzieht, ihnen nur beweist, dass ihr ihren Worten Glauben schenkt, auch wenn ihr nur zu gut wisst, dass sie nicht der Wahrheit entsprechen!“
„Aber Kai, sie sagen-“
„Egal, was sie sagen!“ Damit deutete er energisch auf seine eigene Person, wobei er keine Widerworte duldete. „Ich bin euer Vater und das werde ich immer sein! Ich bin seit dem Augenblick eurer Geburt bei euch. Auch wenn wir nicht blutsverwandt sind, sind wir trotzdem eine echte Familie, wie jede andere! Was nützt es einem, wenn man zwar dasselbe Blut besitzt, sich trotzdem aber nur streitet und schließlich auseinander bricht? Mein Vater und ich waren auf nicht blutsverwandt, dennoch bleibt er mein Vater und ich bin stolz, als sein Sohn, seinen Nachnamen zu tragen, so wie ihr es sein solltet, seinen, ähm…also meinen, zu tragen. Ich weiß, dass wir uns nicht ähnlich sehen und dass ihr glaubt, ihr seid anders, als die anderen Kinder. Aber das ist egal. Jeder ist nun einmal anders, seid eher froh, dass ihr beispielsweise besser in Sport seid, das war ich früher auch. Indem ihr eure Talente ungehindert auslebt, stets euer Bestes gebt, fröhlich seid, zeigt ihr den anderen, dass euch diese dummen Lügen nichts ausmachen, dass ihr über ihnen steht, nur damit macht ihr ihnen eindeutig klar, dass wir eine wirkliche Familie sind. Auch wenn ihr dafür eigentlich keine Beweise benötigt. Eine Familie entspringt nicht einer bewussten Entscheidung im Kopf, sondern einem starken Gefühl im Herzen, das man nicht herbeiführen kann. Es ist einfach da. Aber das alles wisst ihr doch schon selbst, nicht wahr?“
Während seiner Aussage war seine aufbrausende, feste Stimme, die Reika und Ayaka zuerst zusehends eingeschüchtert hatte, zunehmend sanfter und ruhiger geworden. Kai betrachtete sie nun mit einem mitfühlenden und väterlichen Ausdruck, worauf die beiden Mädchen stumm nickten. Doch taten sie dies mit soviel Kraft, sodass ihnen ein paar Strähnen ihres schwarzen Haares wild um die Ohren flogen und Kai ihre unerschütterliche Zustimmung verdeutlichte.
Ayaka schniefte bereits tränenerstickt und versuchte die salzigen Tropfen am Fließen zu hindern, indem sie mit ihren Arm ständig über ihre bereits geröteten Augen fuhr. Selbst Reika, die bis zuletzt eisern versuchte hatte, ihre Emotionen zu unterdrücken, liefen dicke Tränenströme die roten Wangen entlang, die mit jeder weiteren Sekunde breiter zu werden schienen und bald ihr gesamtes Gesicht überschwemmen würden. Verständnisvoll streckte er ihnen eine Hand entgegen. Wenn ihre Klassenkameraden bloß ahnen würden, welche Heulsusen sich eigentlich hinter den starken und durchsetzungsfähigen Charakteren der beiden verbargen. Aber diese Eigenschaft hatte Kai schon längst an ihnen festgestellt. Meist begangen sie erst zu weinen, wenn er auftauchte, so, als ob sie erst mit seiner Anwesenheit all ihre Hemmungen überwinden konnten und auf diese Weise ihre schwache und verletzliche Seite an die Oberfläche kam. Dies war eine Eigenschaft, die ihm stets aufs Neue verdeutlichte, welch großes Vertrauen sie ihm entgegenbrachten. Ein blindes und bedingungsloses Vertrauen, dass nur er als Vater von ihnen erringen konnte, wie ihm mit einem Mal einleuchtete.
Ohne auch nur eine Sekunde zu zögern, erwiderten die Zwillinge Kais indirekte Einladung und überwanden ihre kurze Distanz mit lediglich einem großen Sprung, bevor sie sich hemmungslos in seine Arme stürzten und ihre Gesichter in seinen Schultern vergruben. Kai musste im ersten Augenblick angesichts der Wucht, mit der sie sich auf ihn gestürzt hatten, angestrengt mit seiner eigenen  Körperkraft dagegen wirken, um nicht versehentlich mit den beiden nach hinten herüber zu fallen. Behutsam schloss er seine Arme um sie und drückte sie sanft an sich. Ihre Schultern bebten unaufhörlich und ihre kleinen Körper erzitterten regelmäßig vor aufkommenden Schluchzern. Gelegentlich brach ein leises Wimmern und Schiefen an seiner Schulter hervor und drang an seine Ohren. Er spürte ihre schnellen Atemzüge auf seiner Haut, wenn sie begierig nach Luft schnappten und ihre Tränen, die langsam aber sicher sein Unterhemd durchtränkten, obwohl er sicher war, dass es nicht nur diese Art von Flüssigkeit war. Betrübt sah Kai auf ihre zwei dunklen Hinterköpfe hinunter, während er ihnen fürsorglich über ihre Rücken streichelte. Wie lange sie sich wohl mit dieser schweren Last herumgequält hatten, ohne ein Wort der Beschwerde über ihre Lippen kommen zu lassen? Ihre heftige Reaktion und die Tatsache, dass sie sich noch nicht ansatzweise beruhigt hatten, ließen ihn nur erahnen, wie tief der Schmerz hatte sitzen müssen. Er fühlte sich schuldig, da er nichts davon bemerkt hatte, aber jetzt war alles vorbei. Jedenfalls hoffte er das stark.
„Nankurunaisa.“
„Das sind magische Worte, oder Kai?“, erklang es zu seinem Erstaunen gedämpft, aber immer noch schniefend. Doch Reika drückte sich nur noch fester an ihn, während sie dennoch ihre versteiften Finger etwas lockerte, die sich zuvor in Kais Hemd verkrampft hatten.    
„Ja“, antwortete er flüsternd. „Ihr dürft sie niemals vergessen. Mir haben sie auch immer durch schwere Zeiten geholfen.“
Er spürte ein zustimmendes Nicken an seinen zwei Schultern und während sich die Zwillinge langsam wieder beruhigten, erfuhr Kai von ihnen die gesamte Geschichte. Nun, es waren eher Einzelheiten, die er ihnen zwischen den letzten Tränen entlockte und selbst zu einem Gesamtbild zusammenfügen musste. Allem Anschein nach hatte alles seinen Anfang bereits vor einigen Monaten genommen, ungefähr zu diesem Zeitpunkt, als er damit begonnen hatte, diese ominöse Distanz zu den Mädchen wahrzunehmen. Sie hatten im Unterricht ein Bild von ihrer Familie malen sollen. (Kai war dieses picassowürdige Meisterstück an fingerfertiger Malkunst durchaus bekannt, da sie ihm das Bild feierlich geschenkt und sogar notdürftig in Geschenkpapier eingeknüllt hatten. Und hätte eine der insgesamt vier Figuren nicht ansatzweise rote Haare besäßen, hätte er auch mit viel Fantasie nicht erahnen können, wo er auf dem Bildnis abgebildet sein sollte.) Danach hätten die Kinder begonnen, sie mit Fragen zu schikanieren und ihnen einzureden versucht, dass sie keine Familie sein konnten. Heute hätte ein Klassenkamerad Ayaka bedrängt, die darauf fast in Tränen ausgebrochen wäre, bis ihn Reika mit einem gezielten Schlag brutal zum Schweigen gebrächt hatte.
Langsam lösten sich die Mädchen von ihm und Kai reichte ihnen zwei Taschentücher, die er nebenbei aus ihren Schultaschen gezogen hatte und die diese dankend entgegennahmen. Dabei ignorierte er hartnäckig die Tatsache, dass seine Kleidung bestimmt den Großteil zuvor abgefangen hatte, wenn er die beiden verschnieften Gesichter der Mädchen betrachtete und damit wohl längst in die Wäsche gehörte. Trotz alle dem empfand Kai einen ungeheuren Stolz, der sich zunächst dezent bemerkbar gemacht hatte, doch nun sein ganzes Wesen erfüllte, worauf sich allmählich ein frohres Grinsen auf seinem Mund ausbreitete, das er nicht einmal aufzuhalten vermochte.
„Aber ich bin sehr stolz auf dich, Reika.“ Damit zerzauste er ihr das noch feuchte Haar. Reika, die jedoch noch mit dem Naseputzen eingenommen gewesen war, torkelte unter seiner kraftvollen Bewegung, als hätte sie zu tief ins Glas geschaut und fiel fast zur Seite, hätte sie ihr Gleichgewicht nicht in letzter Sekunde wiedererlangt, indem sie sich an Kais ausgestreckten Arm festhielt. Ihr benutztes Taschentuch fiel achtlos zu Boden.
„Warum?“, fragte sie sichtlich erstaunt, bevor von ihm abließ.
„Weil du deine Schwester verteidigt hast, als sie nicht mehr weiter wusste und damit zeigst, wie wichtig dir deine Familie ist und wozu du bereit bist, um sie zu beschützen.“
Im ersten Augenblick blinzelte sie ihn irritiert durch ihre rotunterlaufenen Augen an, bevor sich urplötzlich ein glückliches Strahlen auf ihrem runden Kindergesicht entfaltete, wie ein kräftiger Sonnenstrahl, der durch die dichte Wolkendecke brach. Obwohl Kai glaubte, ein wenig Verlegenheit zu erkennen, die ihr Lächeln unmerklich prägte.
„Heißt das, ich darf mich weiter prügeln?!“, rief sie begeistert und klatsche voller Tatendrang in ihre Hände. Doch ihre Freude schwand schlagartig und wich stattdessen einer zerknirschten Miene, die sich schmerzvoll zusammenzog, da Kai ihr eine Kopfnuss verpasst hatte.
„Nein!“
„War doch nur ein Scherz!“, verteidigte sie sich auf der Stelle vehement, bevor sie ihm frech sie Zunge herausstreckte und ihren dröhnenden Kopf schützend mit ihren zwei Händen umklammert hielt, als erwarte sie sogleich die nächste Bestrafung.
Sogleich erklang Ayakas fröhliches Lachen, dem ihre Zwillingsschwester zunächst vergeblich versuchte mit einem strengen Seitenblick Einhalt zu gebieten, letztendlich dennoch mit einstimmte. Es bot eher ein eigenartiges und gegensätzliches Bild, da ihre Gesichter fortwährend vom Weinen gerötet und leicht geschwollen waren. Auch Kai konnte sich ein amüsiertes Lächeln nicht verkneifen. Sie besaßen ein helles, freundliches und einladendes Lächeln, das ihn regelrecht mit Freude erfasste, als würde ihre Fröhlichkeit sich auf ihn übertragen. Doch das komischste und markanteste Merkmal an ihm war, dass sie sich scheinbar in ihrem Lachen ergänzten und sogar gleichzeitig nach Luft schnappten. Kai war stolz auf sie beide und vielleicht auch ein wenig auf sich selbst, da er einen flüchtigen Anflug von Selbstgefälligkeit in seinem Lächeln nicht verbergen konnte. Er hatte sich stets darum bemüht, die Zwillinge im Glauben zu erziehen, dass ihre Familie - doch vor allem sie als Schwestern - das wichtigste und wertvollste Geschenk war, das das Leben ihnen je machen würde. Deswegen galt es, diese unersetzliche Gabe mit aller Kraft zu verteidigen und augenscheinlich schien seine manchmal eher ungewöhnliche Erziehung Früchte zu tragen. Zwischen ihnen bestand ein unzertrennliches Band, das sich im Laufe der Jahre weiter gefestigt hatte.
Auch wenn sie hartnäckig darauf bestanden, nie die gleiche Kleidung zu tragen,  verlangten sie im Gegensatz dazu doch fast genauso beharrlich von ihm, ihnen die gleiche Frisur zur schneiden. Zu ihrer Einschulung hatten sie sich für einen praktischen und bubenhaften Kurzharrschnitt entschieden, aber mittlerweile waren ihre Haare wieder etwas länger geworden und reichten ihnen fast bis zu ihren schmalen Schultern. Außerdem beschwerten sie sich bei ihm, dass er ihnen, zusammen mit ihrer Tante Saya, Namen ausgewählt hatte, die dermaßen ähnlich klängen. Und ganz gleich, wie oft Kai auch beteuerte, dass er dies nicht absichtlich getan hätte und streng genommen nichts an ihnen ähnlich war, außer derselben Endsilbe, so weigerten sie sich stur, dies zu akzeptieren und riefen sich daher in verkürzter Koseform. Deswegen hassten sie es umso mehr, dass er sie immer mit ihren vollen Namen rief und funkelten ihn böse an. Doch genau diese Reaktion bestätigte ihn in seinem Unterfangen. (Letztendlich war er wohl der Einzige, dem sie dieses Privileg still gestatteten.) Weiterhin hatten sie seit ihrem sechsten Lebensjahr darauf beharrt, ihre eigenen, separaten Zimmer zu erhalten. Resignierend hatte er ihnen den Wunsch an ihrem siebten Geburtstag erfüllt. Reika und Ayaka waren überglücklich gewesen, obwohl ihre Zimmer nun wesentlich kleiner waren, als ihr früheres gemeinsames. Trotzdem hörte er des Nachts leise Schritte, die rasch den Flur entlang huschten, bevor er die beiden am nächsten Morgen zusammen in einem Bett vorfand.
Gelegentlich, stets wenn ein Gewitter oder andere Unwetter über Okinawa wüteten, endete das Fußgetrappel direkt vor seiner Zimmertür oder, wenn die Zeit noch nicht soweit vorangeschritten war, vor der Tür, die die Wohnetage von dem Lokalbereich trennte, da er noch Gäste hatte. Scheu öffneten sie dann die Tür einen Spalt breit, gerade ausreichend, um einen flüchtigen Blick ins Zimmer zu werfen, während sie verlegen ihre Kissen an sich drückten und darauf harrten, bis er auf sie Aufmerksam wurde, oder sie ihn gegebenenfalls weckten. Die stumme Bitte in ihren Augen, auf die sie eigentlich die Antwort bereits im Vorhinein wussten, taxierten sie ihn dann mit einem ängstlichen und flehenden Ausdruck, der ihn jedes Mal erweichen ließ. Kaum hatte die Erlaubnis dann seine Lippen verlassen, als sie auch schon beruhigt aufatmeten, begeistert in sein Zimmer stürmten und auf sein Bett hüpften. Eigenartig, dass sie annahmen, dass ihnen ausgerechnet in seinem Zimmer nichts Gefährliches widerfahren konnte. Dabei war es nur eine kindliche Illusion, da ihnen auch sein Zimmer im Falle einer Gefahr keinen Schutz böte. Im Laufe der Jahre, in denen die Mädchen herangewachsen waren, wurde es in Kais Bett zunehmend enger, sodass dort oft ein wüstes Durcheinander zu bewundern war: Während er auf dem Rücken lag und eine der beiden halb auf seinem Bauch schlief, lag die andere meist auf der Bettkante und wurde nur durch seinen Arm, den er um sie legte, von einem ruckartigen, unerwarteten und schmerzlichen Erwachen bewahrt. Immer öfter plagten ihn nach solchen Nächten Rückenschmerzen. Erschwerend kam hinzu, dass Reika und Ayaka sich im Schlaf ungeheuer viel bewegten, sodass es oftmals vorkam, dass er brutal aus dem Schlaf gerissen wurde, entweder durch einen Tritt und eine kleine Faust, die sich auf einmal in seinem Gesicht wieder fand.
„Verspricht mir, dass ihr euch ab jetzt besser verhaltet und in allen Bereichen euer Bestes gebt!“, verlangte Kai freundlich, als die Zwillinge geendet hatten. Trotzdem zog er seine Augenbrauen misstrauisch zusammen, als er das flüchtige Zögern bei ihrem zustimmenden Nicken bemerkte.
„Was ist los?“
„Nun ja...“, setzte Ayaka etwas unsicher an, gewann dann jedoch mit jedem weiteren Wort an Ernsthaftigkeit. „Was ist, wenn die anderen uns weiter ärgern?“
„Ist doch klar!“ Entspannt erhob sich Kai zu voller Größe und sah selbstsicher auf die zwei Mädchen hinab, wobei er angriffslustig eine geballte Faust gegen eine Handfläche schlug. „Dann sagt mir bescheid und ich werde mich um diese Giftzwerge kümmern. Niemand legt sich ungestraft mit meinen Töchtern an. Jetzt holt aber eure Taschen, damit wir los können. Lulu macht sich bestimmt schon Sorgen.“
Kichernd hüpften sie gut gelaunt zu ihren Schultaschen, um ihre Regenschirme hervorzuholen, die an deren Seiten befestigt waren. Währenddessen wagte Kai einen letzten Blick in den wolkenverhangenen Himmel, der sich unerwarteterweise zu lichten schien. War das Gewitter etwa an ihnen vorbeigezogen? Im Hintergrund vernahm er die quirligen Stimmen der Zwillinge, die momentan ausgiebig und eifrig darüber diskutierten, was er ihnen wohl zum Mittagessen vorbereitet hatte. Nur ungefähr ein Viertel von Sayas Schlafphase war vergangen. Wie sie wohl auf ihre Nichten reagieren würde, wenn sie erneut erwachte? Wann waren sie überhaupt zu seinen Töchtern geworden? Etwa als er die bewusste Entscheidung getroffen hatte, sie alleine großzuziehen? Nachdem ihm seine Schwester und somit das letzte Glied seiner Familie, an das er sich so hingebungsvoll geklammert hatte, geraubt worden war, oder doch schon viel früher? Seit dem Augenblick, als er dem spontanen Impuls gefolgt war, die seine temperamentvolle Art ihm häufig anzudrehen versuchte und die nicht immer besonders ausgereift waren, und ihr Leben vor Saya in New York unerschütterlich verteidigt hatte? Unerheblich. Entscheidend war nur, dass sie es waren und dass er beschlossen hatte, ihnen ein Zuhause zu schaffen, in dem sie immer Zuflucht finden würden. Kai hatte sich geschworen, dass er - ganz gleich, was er auch dafür anstellen müsste - dafür Sorge tragen würde, dass sie nicht Sayas und Divas trauriges und tragisches Schicksal teilen würden.
Obwohl sie den beiden äußerlich stark ähnelten, sah er sie in keiner von ihnen. Weder Saya in Reika, noch Diva in Ayaka. Viel eher erkannte er in einigen ihrer Zügen Riku wieder. In ihrer kindlichen Begeisterungsfähigkeit, ihrer naiven Gutgläubigkeit und vor allem in ihrem starken Drang, ihren Mitmenschen Freude zu bringen und Hilfe zu leisten. Für Kai war es ein äußerst tröstender Gedanke, dass sein kleiner Bruder, der auf solch grausame und schmerzvolle Weise aus dem Leben gerissen worden war, in gewisser Weise in ihnen weiterexistierte.
Dennoch verspürte er bei dem Gedanken an die Zukunft ein mulmiges Gefühl, das in seinem Unterbewusstsein aufkeimte. Eine Art von Furcht, die ihn heimsuchte und sein Gemüt verfinsterte, wenn er sich vorstellte, dass er ihnen irgendwann die gesamte Geschichte erzählen müsste. Er wusste, dass er sie nicht ewig vor dieser bitteren Wahrheit bewahren konnte. Spätestens wenn ihre Zeit anhielt. Aber dies war so ein unbestimmter, abstrakter Zeitpunkt, den selbst Julia nicht bestimmen konnte. Es könnte in fünf, sieben, vielleicht aber auch erst in zehn Jahren geschehen. Unmöglich, sich auf solch einen Moment vorzubereiten. Jedenfalls, solange dies möglich war, würde er die Wahrheit vor ihnen fernhalten, sodass sie ein unbeschwertes und sorgloses Leben führen konnten, ohne von dem dunklen Schatten ihrer Herkunft verfolgt zu werden.
Ein schier unsterbliches Leben erwartete sie, in dem er ab einem gewissen Zeitpunkt nicht mehr an ihrer Seite sein würde, ab dem sie auf sich allein gestellt wären. Er und das Rote Schild, das solange fortbestehen würde, solange die Gefahr neuer Chiopterans auf der Erde bestand, würden sie zwar in vollem Maß akzeptieren, doch die Vorstellung, dass dies nicht bei jedem der Fall sein würde, bereitete ihm Sorgen. Vor allem mussten sie erst einmal sich selbst akzeptieren. Aus diesem Grund war es ihm so ungemein wichtig, ihnen die Bedeutung und Notwendigkeit ihrer Familie zu vermitteln, damit sie sich stets aufeinander verlassen konnten. Es existierten noch so viele Angelegenheiten, die noch im Dunklen lagen und die erst die Zeit entscheiden würde.
„Kai!“
Verdutzt schreckte er aus seinen Gedanken, als er die Stimmen der Zwillinge hörte, bevor er Reika erkannte, die mit einem besorgten Gesichtsausdruck wild gestikulierend und mit ihrem Regenschirm bewaffnet vor ihm herum sprang, um seine Aufmerksamkeit zu erringen. Ayaka zerrte unruhig an seiner Hose und musterte ihn sorgenvoll. Er hatte ihre Anwesenheit bis jetzt gar nicht wahrgenommen. Plötzlich jedoch, als sie bemerkten, dass es ihnen gelungen war, ihn aus seiner bekümmerten Stille zu befreien, lächelten sie erleichtert.
„Nankurunaisa, Kai!“ Sie verfielen in einen amüsierten, echoartigen Sinnsang, während sie seine Hände nahmen und ihn freudig vorwärts zogen. „Nankurunaisa!“
Kai folgte ihnen im ersten Moment eher widerwillig, wobei er bei seinen ersten Schritten fast über seine eigenen Füße stolperte.
„Nankurunaisa!“, wiederholten sie fortwährend in einer hohen, einstimmigen Stimmlage, die eher den Anschein erweckte, als verspürten sie das Bedürfnis, zu beten oder zu meditieren. Unerwartet ließen sie von ihm ab, bevor sie sich erwartungsvoll zu ihm umwandten, wobei sie ihn fast mit ihren Regenschirmen erschlugen. „Nankurunaisa!“
„Ich habe verstanden!“, rief Kai angesichts ihrer Starrsinnigkeit und schnellen Handlungsweise überrumpelt. Trotz dessen war er ihnen genau dafür dankbar. Es war nur ein weiterer Beweis, dass er es sich lieber sparen sollte, zulange über etwas nachzusinnen, da sich nie besonders gute Gedanken dabei herauskristallisierten. „Danke.“
Abermals strahlend öffneten sie ihre Regenschirme und rannten ungeduldig voraus, als könnten sie es keine Sekunde länger in dieser Anstalt ertragen, sodass Kai sie bereits zurückrufen wollte, es aber letztendlich unterließ. Reika stolperte, wie bereits von ihm erwartet, über die langen Ärmel seines Hemds und landete darbietungswürdig mit dem Gesicht zuerst im Schlamm. Ayaka schien vor lachen bereits schwach zu werden und sank gefährlich weit in die Knie. Milde seufzend sah Kai ihnen nach. Sie hatten Recht mit dem, woran sie ihn soeben erinnert hatten. Vielleicht hatten sie diese Einstellung sogar bereits mehr einverleibt, als er erwartet hatte. Als wüssten sie es bereits, ohne jeglichen Zweifel.
Ja, alles würde gut werden.

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So, das war es. (War ja auch lang genug)
Man merkt schon, dass ich ein kleiner Kai-Fan bin, nicht wahr? xD
Deswegen war ich auch so überrascht, dass er in vielen FF´s entweder gar nicht vorkommt, oder nur als Nebenfigur fungiert. Aber jedem das Seine. Ich fand es damals schrecklich, als er sogesehen allein zurückblieb. Hatte alles versucht, verlor seine Familie aber trotzdem. Echt traurig....
Bei mir ist er etwas gereifter, als im Anime, hoffe man merkt es zumindest.
Jedenfalls hoffe ich, dass euch die FF gefallen hat. Mir hat es großen Spaß gemacht, an ihr zu schreiben! ^^
Über Rückmeldung würde ich mich selbstverständlich freuen.
Bis dahin, Maruda

P.s: Bei den Namen der Zwillinge habe ich mich an Blumen orientiert, war ja so ein durchgezogenes Leitmotiv in der ganzen Serie, falls es jemanden interessiert. xD
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