Die Hinrichtung

GeschichteFamilie, Schmerz/Trost / P12
03.07.2011
30.12.2011
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Titel: Die Hinrichtung

Kurzbeschreibung:
"Es war eine ganz normale Autofahrt [...] Abgesehen davon, dass wir zu meiner Hinrichtung fuhren."
Eine Geschichte über ein Mädchen, das sich für den Tod entscheidet, damit ihre Schwester leben kann.

Anmerkung:
Die Geschichte ist mein geistiges Eigentum. Ich bitte darum, ohne meine Genehmigung keine speziellen Ideen oder Textteile zu übernehmen.

Ereignisse und handelnde Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten zu tatsächlichen Ereignissen oder lebenden Personen wären unbeabsichtigt.


***

Die Hinrichtung

Es war eine ganz normale Autofahrt. Vater saß am Steuer, Mutter neben ihm mit aufgefalteter Landkarte in den Händen, und ich, ich saß hinten. Das Navi sagte Jetzt rechts abbiegen, Mutter meinte Ich glaub aber, links wäre besser und Vater fuhr einfach geradeaus, als wäre dies ein geeigneter Kompromiss.
Eine normale Autofahrt eben. Abgesehen davon, dass wir zu meiner Hinrichtung fuhren.

Hinrichtung – das war ein hartes Wort. Wenn ich darüber nachdachte … aber es war die Wahrheit. Irgendwie. Irgendwie aber auch nicht. Jedenfalls war es meine eigene Entscheidung. Irgendwie. Aber andererseits …

Es war eine total verrückte Story. Wäre es eine Geschichte, würde es niemand für glaubhaft halten. Aber das Leben war schon immer viel verrückter, als man es je für möglich hielt. Das müsst ihr mir glauben.

Wir fuhren durch eine enge Straße und suchten nach einer Wendemöglichkeit. Geradeaus zu fahren hatte sich offenbar als falsch erwiesen. So etwas Dummes aber auch. Jedenfalls waren es kostbare Sekunden, die ich länger bei Bewusstsein, länger am Leben blieb. Das war es wert.
Vielleicht wäre es besser gewesen, ich hätte es schneller hinter mich bringen können. Sicherlich wäre es einfacher gewesen. Aber dennoch war ich glücklich darüber, so wie es war. Jede Millisekunde, die ich noch am Leben war, wollte ich in vollen Zügen genießen. Es würden nicht mehr allzu viele sein.

Auf der Straße spielten zwei kleine Mädchen. Sie konnten höchstens im Grundschulalter sein. Ungeduldig drückte mein Vater auf die Hupe. Erschrocken rannten die Kinder aus dem Weg.

Eine kleine Träne entwich meinem Augenwinkel. Dabei wollte ich nicht weinen. Aber die Erinnerungen … meine Schwester … doch ich würde sie retten können … das war es wert, heute zu sterben.

Meine Schwester brauchte ein neues Herz. Mein Herz. Ich war bereit, es ihr zu geben. Bisher hatte sich kein anderer – toter – Spender gefunden. So etwas konnte Ewigkeiten dauern. Viele Jahre, die sie verpassen würde – insofern sie überlebte. Und was war mein Leben schon wert im Gegensatz zu ihrem?

Inzwischen hatten wir auf den richtigen Weg zurückgefunden und fuhren die Bundesstraße entlang.
Ein Tramper stand am Straßenrand, mit hochgerecktem Daumen, eine Mitfahrgelegenheit suchend. Die Autos fuhren reihenweise an ihm vorbei, schenkten ihm keine Beachtung.
Ähnlich, wie es bei mir gewesen war, all die Jahre. Aber weshalb sollte ich mich beklagen?

Ich war wertlos – vor allem im Gegensatz zu meiner Schwester. Meine Eltern hatten mich dazu gedrängt, diesen Schritt zu wagen. Selbstverständlich war es meine Entscheidung. Aber hatte ich überhaupt eine Wahl gehabt?

Volksentscheid – Ihr Stimme zählt, prangte mir von einem Wahlplakat entgegen. Ständig musste man Entscheidungen treffen. Das gehörte zum Leben dazu. Die wenigsten jedoch waren von wesentlicher Bedeutung. Meine jetzige war es. Ich glaube nicht, dass ich sie bereuen würde – wenn ich dazu noch fähig sein würde.

Meine Entscheidung war mir nicht sonderlich schwer gefallen. Natürlich hatte ich gezögert – wer täte das nicht, wenn es um sein Leben ginge?  
Dennoch – es war richtig, was ich tat. Jeder in meinem Umfeld würde es befürworten, wäre er eingeweiht. Es ging immerhin um meine Schwester. Den Sonnenschein, das liebe, fröhliche Mädchen, beliebt, bekannt. So anders als ich. Nicht so langweilig, nicht so ernst. Glücklicherweise.

Wir bogen auf die Autobahn ab. Und wieder ein Schild: Raserei kann tödlich enden.

Meine Schwester wurde krank, als sie sechzehn war. Schwer krank. Urplötzlich. Niemand hatte damit gerechnet. Wieso sie? Wieso traf es immer die Guten? Ich wusste genau, was sie gedacht hatten: Es wäre besser gewesen, ich wäre die Betroffene. Und sie hatten recht.

Mein Vater setzte den Blinker. Wir fuhren von der Autobahn ab. Fuhren meinem Tod entgegen. Die Klinik konnte nicht mehr weit entfernt sein. Natürlich war diese Art der Transplantation illegal. Natürlich war es teurer und die Qualität schlechter. Aber dieses Risiko war es wert.

Der Parkplatz vor dem Klinikum war relativ leer. Wir stiegen aus dem Wagen und betraten das Gebäude. Meine Beine zitterten. Ich war nicht mehr im Stande, die Umgebung, den mich umgebenden Raum bewusst wahrzunehmen. Vielleicht stellten meine Sinne, mein Gehirn sich schon auf meinen Tod ein. Wie absurd das klang. Tot. Wie weit entfernt. Aber so nah. Viel zu nah.

Die ernste Assistenzärztin brachte uns in ein kleines Zimmer. Dort sollte ich mich umziehen und mich verabschieden. Von meinen Eltern.
Mutter schluchzte und fuhr mir durchs Haar. Eine letzte liebevolle Berührung. Eine Geste der Zuneigung. Auch das war es wert.
„Danke, Marie“, flüsterte sie. „Ich bin so glücklich, dass du …“ Schluchzend brach sie ab.
„Wir sind stolz, dass du diese Entscheidung getroffen hast.“ Vater stand einige Schritte entfernt von dem Krankenbett, auf dem ich saß. Er wirkte wesentlich gefasster. „Du tust das Richtige.“
Ich nickte langsam Auch ich hatte etwas auf dem Herzen. „Könnt ihr das hier Lara geben? Wenn sie aufwacht?“ Ich blickte etwas verlegen auf den gefalteten Zettel in meinen Händen, bevor ich ihn zögernd Mutter reichte. „Aber bitte lest ihn nicht.“
Mutter nickte. Sie biss die Lippen zusammen, um die Tränen zu unterdrücken.

Es klopfte an der Tür. Die Assistenzärztin trat ein. „Sind Sie soweit?“

Meine Eltern nickten. Ich tat es ihnen gleich und legte mich auf das Bett.
Die Ärztin schob das Bett hinaus. Meine Eltern folgten bis vor die OP-Tür. Ich prägte mir ihr Gesicht ein. Für die letzten Sekunden.

Dann fiel die Tür zu und ich war mit der Assistenzärztin allein. Wir waren in einem Gang zwischen dem Raum, in dem der Eingriff vorgenommen wurde. Die Ärztin wies mich an, mich auf ein anderes Bett zu legen. Sie klang bemüht freundlich. In Wirklichkeit war sie gelangweilt.
Mir wurde das OP-Häubchen über die Haare gezogen.
Dann wurde ich in den OP-Raum geschoben. Der Ort, an dem ich sterben würde. Wenigstens würde ich keine Schmerzen haben. Und Lara würde leben. Ein kleiner Trost.

Das Schlafmittel wurde mir gespritzt. Nun würde es nicht mehr lange dauern, bis ich für immer das Bewusstsein verlor.

Ich wusste, dass es gut war, was ich tat. Aber doch – es gab eine Person, die enttäuscht sein würde über meine Entscheidung. Die nicht verstehen würde, wieso ich dies tat. Die furchtbar wütend sein würde. Aber sie würde leben. Mit meinem Herz.

Das war es wert.
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