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Das Auge des Kjer

Kurzbeschreibung
GeschichteFantasy, Liebesgeschichte / P16 / Gen
Ahmeer Lijanas Mordan Rusan
25.06.2011
25.06.2011
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25.06.2011 3.292
 
Kapitel 1


"Vergib deinen Feinden, aber Vergiss niemals ihre Namen."
John F. Kennedy




Die beiden Soldaten, die den Eingang des Herrscherpalast bewachten, deuteten eine Verbeugung an, eher einem Nicken gleich, als der hochgewachsene junge Mann den Torbogen schnellen, aber dennoch maßvollen Schrittes hinter sich ließ. Er maß die beiden eines kurzen Blickes und nickte ihnen dann zu, ehe er die Aufmerksamkeit ganz dem grauhaarigen Krieger zuwandte, der am Eingang des Schlosses auf ihn gewartet hatte. Von den einst vier Vertrauten, die er um sich geschart hatte, war nur noch er geblieben, der Älteste und dennoch der, dem er am meisten Vertrauen schenkte, auf dessen Ratschläge er – manchmal – sogar hörte, wenn sie ihm nicht gar zu sehr gegen den Strich gingen. Derjenige, dem er wohl verdankte, dass er jetzt so hier stand, wie er es tat.
„Brachan.“ Er nickte ihm zu und die Andeutung eines Lächelns huschte über die ernsten Züge des jungen Mannes. Der Ältere Krieger erwiderte es mit einem Breiten Grinsen. schlug ihm mit der Hand freundschaftlich auf die Schulter und wenn man aufpasste, so konnte man es an seinem rechten Ringfinger dabei golden Aufblitzen sehen. Mordan hatte den Ring abgegeben, noch bevor wirklich bekannt geworden war, welcher hohen Abstammung er eigentlich war: Das Blut zweier Herrscherfamilien – einst verfeindet – floss in seinen Adern. Er war der Freiste der Freien – und doch als Sklave groß geworden. Aber vielleicht war es besser so. Er wäre nicht der, der er heute war, hätte er all diese Erfahrungen verschmäht. Und bei dem Gedanken, er könnte sich so entwickeln wie der Prinz der Nivard schauderte er unwillkürlich.
Brachan sah ihn von der Seite her fragend an, aber er schüttelte nur den Kopf und ging weiter. Mittlerweile war er wieder recht gut zu Fuß, obwohl Ljanas immer noch meinte, ihn schonen zu müssen. Etwas das – aus seiner Sicht – völlig unnötig war. Zwar zwickte es an manchen Stellen bei der falschen Bewegung noch ein wenig, aber Mordan war schon so oft verletzt gewesen, dass er seine Grenzen eigentlich recht gut kannte und sich nur selten verschätzte.
Mordan ließ den Blick über die Menge gleiten. Die meisten von ihnen waren Kjer, was natürlich kein Wunder war, denn schließlich befanden sie sich in der Hauptstadt der Kjer, Turas. Allerdings konnte er auch einige Nivard erkennen, zumeist ehemalige Sklaven, für deren Freilassung er zusammen mit seiner Mutter in den letzten Wochen und Monaten gesorgt hatte. Die meisten von ihnen sahen ihn noch ein wenig schel an und er wusste, dass sie ihm nicht wirklich vertrauten, aber wenn sie jetzt keinen Schritt nach vorne, auf die Nivard zu taten, dann würden sie es nie mehr machen. Die Stimmung war trotz des kleinen Dämpfers dennoch ausgelassen und alle schienen sich auf das kommende Fest zu freuen. Ein Fest, das ausschließlich auf Kosten des Eisfuchsclans stattfand, auf den Kosten des Königs also, und ganze drei Tage und Nächte dauern sollte.
„Mir gefällt irgendwie der Gedanke nicht, dass wir gleich drei so hoch gestellte Gäste aus Anchára empfangen sollen...“, brach Brachan die Stille zwischen ihnen und Mordan neigte leicht den Kopf und zuckte dann leicht mit den Schultern.
„Es ist dem Frieden nicht gerade abkömmlich, wenn wir sie alle empfangen.“ Mordans Schritt ging vollkommen ruhig und von Außen her war keine Spur von Nervosität oder gar Angst vor seinen hohen Gästen zu sehen. Allerdings kannte Brachan ihn zu gut, um sich von dieser äußerlichen Ruhe über seine wahre Meinung hinweg täuschen zu lassen.
„Es gefällt dir aber genauso wenig, sie hier empfangen zu müssen.“
„Das tut nichts zur Sache.“, erwiderte Mordan fast schon kühl. Aus dem Augenwinkel sah er wie jemand sich ihm von hinten schnell näherte und unwillkürlich spannte er sich an und als die Gestalt dann an seinen Rücken sprang lagen die Dolche, die er in seinen fast kniehohen Stiefeln verborgen hatte, bereits in seiner Hand. Um ein Haar hätte er sie gegen sie geführt, erst im letzten Moment erkannte er die zierlichen Züge des Mädchens, das entrüstet zurück sprang und ihn mit funkelnden silbergrauen Augen ansah.
„Kayaleen!“ Er schüttelte den Kopf und steckte die Dolche weg.
„Wen hattest du denn sonst erwartet?! Wir sind in Turas!“, schnappte Kaya ein wenig eingeschnappt und richtete sich dann gänzlich auf. Sie strich sich eine Rostbraune Strähne aus dem Gesicht und richtete sich gänzlich auf – reichte ihm aber dennoch nur bis knapp unter das Kinn. Ihre zierliche Gestalt, die zarten Gesichtszüge und ihre geringe Körpergröße ließen sie beinahe schutzlos wirken – allerdings wusste Mordan, dass sie alles andere als schutzlos war.
Nur noch einen Moment verharrten seine Augen auf ihr, ehe er sich mit einem leisen Schnauben abwandte und die Dolche, die nach wie vor in seinen Händen lagen, erneut in seinen Stiefeln verbarg. „Ich bin Krieger, Kaya. Und du solltest mich mittlerweile gut genug kennen, dass ich es nicht mag, wenn du mich unvermittelt von hinten anspringst! Irgendwann erkenne ich dich mal zu spät und schneide dir versehentlich die Kehle durch.“
Die junge Frau verschränkte die Arme vor der Brust. „So schlecht bin ich nun auch wieder nicht, Mordan!“, beschwerte sie sich und boxte ihm in die Seite – oder versuchte es zumindest. Mordan wich ihrem Stoß geschickt aus und ein angedeutetes Grinsen huschte über seine Lippen, als er Kayaleen ansah und ihr dann ohne Vorwarnung die langen Haare zerzauste.
„Hey!“ Kaya sah ihn böse an, musste dann aber doch grinsen. Brachan schmunzelte nur kaum merklich. Die Sticheleien zwischen Mordan und seiner Tochter kannte er schließlich nicht erst seit gestern. Schon als Mordan Tribun geworden war, hatten sie sich kennen gelernt... und sich sofort gut verstanden. Mittlerweile glich ihr Verhältnis zu einander wohl am ehesten dem zwischen Geschwistern.
Bald schon wurde vor ihnen das Tor sichtbar und erst jetzt rissen sie sich am Riemen. Aus der Ferne konnte Mordan drei ihm fast schon zu vertraute Gestalten wahrnehmen. Seine Schritte waren ruhig und dennoch... die besorgten Ausdrücke seiner beiden Freude entgingen ihm nicht und er verdrehte leicht die Augen, blieb dann einige Meter vor den drei hohen Gästen stehen. Einige Sekunden lang musterten sie sich nur. Zwar waren sie in bequeme Kleidung gehüllt, die auch längere Reisen zuließ und hatten ein Arsenal an Waffen, die selbst bei den Kjer beachtlich war, aber dennoch hatten sie es sich nicht abschlagen lassen, dennoch einen gewissen Prunk mit sich zu nehmen – und wenn es nur die goldene Gürtelschnalle oder ein paar Maschen in der Ledernen Hose waren.
„Fürst Rusan.“ Er nickte seinem... Onkel kurz zu, wandte sich dann an die Herrführerin und nickte auch ihr leicht zu. „Heerführerin Eliazanar.“ Erst bei der dritten Gestalt zögerte er. Sein Blick glitt über die braunen Haare des Prinzen und er musste an sich halten um nicht das Gesicht zu verziehen. Fürst Rusan und Herrführerin Eliazanar hatten stets nur gehandelt, weil sie es für das Beste für ihr Volk gehalten hatten und hatten persönliche Rache zurück gestellt. Er jedoch hätte ihn wohl zu Tode geprügelt noch ehe er Anchára überhaupt erreicht hätte, hätte Eliazanar ihn nicht daran gehindert. Nicht, dass er sie mochte, aber... „Prinz Ahmeer.“ Diesesmal fiel die Verbeugung selbst für diese Verhältnisse reichlich klein aus und glich eigentlich eher einem gezwungen höflichen Nicken.
„König Mordan.“, meinte Rusan und Mordan schüttelte den Kopf.
Noch Prinz Mordan.“, verbesserte er ruhig, während er ein paar passierenden Dienern bedeutete die Pferde wegzuführen. Zwar war er nun nicht mehr Heerführer, aber noch immer behandelte man ihn, als hätte er die Befehsgewalt – das Heer vertraute ihm blind, setzte sich nach wie vor für ihn ein, weil er ihnen gegenüber komplett loyal gewesen war. Und er hatte die beiden zu erstem und zweitem Heerführer ernannt, denen er selbst blind vertraute: Brachan und seine Tochter Kayaleen, die er selbst zur Kriegerin erzogen und trainiert hatte. Sie hatte zwar einen ganz anderen Stil des Kampfes wie ihr Vater, aber sie war definitiv genial – und ein so schlauer Fuchs, dass er ihr den vertrauensvollen Posten als zweiter Heerführer auch zutraute.
Ihre Gäste musterten nun hauptsächlich die beiden Personen an seiner Seite, die genauso wie er selbst bewaffnet mit einem Kereshtai-Schwert waren. Schließlich brach Eliazanar die Stille. Ihr Blick war auf Kaya gerichtet.
„Das kleine Mädchen an eurer Seite, wer ist das? Und was hat sie hier zu suchen? Der Mann ist Brachan, einer eurer Getreuen, aber das Mädchen habe ich nie zuvor gesehen.“
Kayas Augen verengten sich sofort zu Schlitzen. Nichts konnte sie weniger leiden, als wenn man sie als kleines Mädchen bezeichnete. „Das kleine Mädchen“, fauchte sie und ihre silbergrauen Augen blitzten, als sie ihr die drei geflochtenen Strähnen im Haar präsentierte. „ist Mordans persönliche Schülerin, zweite Heerführerin und Tochter Heerführer Brachans!“
Eliaznar hob die Arme, musterte Kayaleen aber mit unverholenem Neugierde. Eine Heerführerin der Kjer war etwas, dass ihr sichtlich neu war. Einige Momente lang musterte die erste Heerfüherin Rusans sie, ehe sie den Kopf wandte und stattdessen zu Mordan sah.
„Und ich dachte immer ihr hieltet nicht sonderlich viel von Frauen, Mordan.“ Das Amusement war deutlich im Tonfall der mächtigen Frau zu hören. In den Mundwinkeln des Thronerben zuckte es leicht.
„Woraus wolltet Ihr das schließen? Ihr hattet das Vergnügen eine einzige Nacht lang mit mir, Heerführerin Eliazanar, es sei denn Ihr würdet die drei Tage am Kreuz zu Eurer gemeinsamen Zeit mit mir zählen. Erwartet Ihr ernsthaft, dass ich Euch für eure Foltermethoden bewundere? Und abgesehen davon: In Anwesenheit einer anderen Frau als Euch selbst habt Ihr mich doch bisher nie erlebt, nicht wahr?“ Eine gewisse Süffisanz war durchaus in seiner Stimme hörbar. „Ihr mögt eine gute Menschenkenntnis besitzen, aber eine einzige Nacht ist nicht lang genug, um so viel aus einem Menschen heraus zu bekommen.“ Ganz besonders nicht, wenn dieser nicht gewillt war, auch nur eine einzige ihrer Fragen zu beantworten. Egal wie groß die Qual wurde.
Ahmeer schien das anders zu sehen. „Ich glaube nicht, dass ich eine ganze Nacht brauche um Euer Wesen heraus zu finden, Vetter.“ Das letzte Wort gefiel ihm sichtlich nicht. Das Lächeln auf den Zügen des Kjer wurde breiter, bis die spitzen Eckzähne sichtbar wurden. Derer hatte man sich nicht angenähert, denn auch wenn man ihm vor der Kreuzigung die wie bei allen Kjer zu Klauen gekrümmten Fingernägel gezogen hatte, an seine Zähne hatte man sich nicht heran gewagt.
„Seid Ihr Euch da sicher? Ihr solltet die Vielschichtigkeit Eurer Mitmenschen nicht derart unterschätzen, Prinz Ahmeer.“
„Vielschichtigkeit“, schnaubte Ahmeer verächtlich und sein Blick sagte deutlich, dass er es stark anzweifelte, dass es bei ihm überhaupt mehr gab, als die bestialische Seite, die Willenslos jeden Befehl ausführte. Die Bestie von Sajidarrah. Kayaleen neben ihm spannte sich an und er konnte die zierliche Hand der jungen Frau auf seinem Rücken spüren.
Rusan räusperte sich. „Verzeiht die Unhöflichkeit meines Neffen, Mordan.“ Er schien sich sichtlich um Höflichkeit zu bemühen und Mordan merkte, dass es mehr als nur Respekt war, den der Fürst der Nivard ihm zollte. Ein Mann vom Kaliber des Mannes den man – immer noch – hinter seinem Rücken den 'Blutwolf' nannte an der Spitze eines Landes... Er schätzte es wohl als Risiko ein. Allerdings solange es dem Frieden nicht abkömmlich war störte dieser Fakt Mordan nur geringfügig bis gar nicht.
Mordan erwiderte die Geste mit einem knappen Nicken in Richtung des Fürsten, ehe er sich umwandte, die Hand in einer beiläufigen Bewegung die beinahe schon Angewohnheit war, auf das Schwert an seiner Seite gelegt. „Wenn Ihr wollt, so werden wir Euch nun Eure Schlafgemächer zeigen. Ach ja...“ Er wandte den Kopf zu Prinz Ahmeer. „Im Palast herrscht übrigens für jeden Waffenverbot außer der persönlichen Leibwache meiner Mutter, den Heerführern meines Volkes und meinen engsten Vertrauten.“
Ahmeer zog eine Augenbraue hoch. „Soll das heißen wir sollen Euch ernsthaft vertrauen?!“ <
„Das werdet Ihr wohl müssen. Die Strafen hier sind ein wenig... strenger als bei Euch. Und ich würde den Tag meine Krönung ungern mit einer öffentlichen Hinrichtung beginnen müssen, wenn Ihr versteht, Vetter.“ Ein gefährliches Lächeln glitt über die Züge des Kjer, bei dem die langen Eckzähne sichtbar wurden. Die Drohung war unübersichtlich.
Eliazanar räusperte sich unbehaglich. „Ich denke wir sind Gäste... Und... nun ja, ich denke einige Kjer... dürften alles andere als Erfreut über unsere Anwesenheit sein. Ein kleiner Dolch kann doch nicht verboten sein, oder?“
Fast wie ich selbst... Niemals ohne Waffe.
Ein kurzes, amüsiertes Lächeln zuckte über die sonst eher ernsten Züge des Kjer, war aber gleich darauf wieder hinter der üblichen kühlen Fassade verschwunden. „Ich an Eurer Stelle würde mich jedenfalls nicht damit erwischen lassen.“, meinte er nur und fügte hinzu: „Ich hege keine Rachegelüste gegen Euch, König Rusan oder Prinz Ahmeer, Ihr braucht euch um Meuchelmörder also keine Gedanken zu machen. Der Palast ist der Sicherste Ort in gesamt Telmáhr.“
Überraschung zeigte sich auf Eliazanars Zügen. Natürlich, wenn jemand Grund hatte, sich an ihnen rächen zu wollen, dann wohl er. Immerhin hatte wohl kaum jemand derart viel Schmerz durch diese drei Personen erlitten wie er selbst, aber als baldiger König der Kjer musste er über diese persönliche Ebene erhaben sein.
„Oh, glaubt blos nicht, ich hätte Levan vergessen!“ Ein böses Grinsen machte sich auf den Lippen Mordans breit. „Aber eine gewisse junge Frau hat mich gelehrt, dass es auch noch ganz andere Wege gibt um Vergeltung zu üben. Ich hab nicht vor mich in dieser Weise an Euch zu vergreifen. Wir können das ganze auch auf einer ganz anderen Ebene regeln...“ Mordan dachte da an einen Ritt auf Ired... Allerdings war er sich noch nicht sicher, ob er lieber Eliazanar oder Ahmeer auf ihren Rücken setzen wollte...
Mordan wandte sich um und langsam setzte der kleine Zug in seiner Führung sich in Bewegung.

*


Königin Naisée hatte die junge Verlobte ihres Sohnes als stets ruhige, junge Frau kennen gelernt, die wusste, was sie wollte, durchaus auch zurück fauchen konnte und im Falle einer drohenden Katastrophe normalerweise die Ruhe behielt. Zumindest sofern es nicht um Mordan ging.
Nun jedoch, wo der Puffer bis zu Prinz Ahmeers Ankunft auf kaum mehr als ein paar Minuten geschrumpft war, schien sie sich kaum noch ruhig halten zu können. Nervös tigerte sie in der Eingangshalle auf und ab, sah nur dann und wann auf und strich sich eine der langen Strähnen zurück, in denen sie stets das Mitternachtsfeuer zu glimmen sehen glaubte. Sie war sich fast sicher zu wissen, was die jüngere dachte. Es war ihr nicht entgangen, wie angespannt das Verhältnis auch zwischen ihrem Sohn und seinem Vetter war.
Von hinten trat die Königin an Lijanas heran und legte ihr eine Hand auf die Schulter. „Beruhige dich. Sie werden sich schon nicht gleich ein tödliches Duell liefern. Immerhin ist Prinz Ahmeer Gast hier und zudem in Rusans und Eliazanars Begleitung... Sie würden etwas derartiges nicht ausgerechnet in der Hauptstadt ihres ehemaligen Feindes wagen.“, meinte sie sanft.
Lijanas hob den Kopf und sah sie an, seufzte dann aber leise und nickte ergeben. „Ihr habt recht, Hohe Herrin...“ Naisée runzelte leicht die Stirn. Sie hatte Lijanas noch so oft darum bitten können – die junge Erbin der Weißen Schlange wollte einfach nicht damit aufhören, sie mit ihrem Titel anzureden. Hoffentlich würde das ein Ende finden, wenn Lijanas selbst Königin war. Denn sie zweifelte nicht mehr daran, dass sie die neue Königin ihres Hauses werden würde. Mordan liebte sie und umgekehrt war es nicht anders. Natürlich fürchtete sie um die Sicherheit ihres Sohnes, aber andererseits...
Egal wie risikoreich es sein mag, Mordan hat sie gewählt. Er liebt sie und würde niemanden anderen an seiner Seite akzeptieren als sie... Naisée sah Lijanas nachdenklich an. Und bei ihr ist es nicht anders. Hoffentlich wird ihnen mehr Glück vergönnt sein als Kédar und mir.
Ein Geräusch an der Tür und die gleich darauf erklingende, vertraute Stimme rissen die beiden Frauen aus den Gedanken und Lijanas Lippen formten stumm den Namen des Königssohnes: Mordan. Naisee lächelte leicht, als sie die unverholene Freude und Nervosität im Gesicht der jungen Frau sah. Sie war wohl das, was sich jede Mutter für ihr Kind wünschte: Die wahre Liebe.
Er hat es verdient, nach allem, was er durchmachen musste...
Kurz begegnete ihr Blick dem ihres Sohnes, als dieser eintrat und ihr zunickte. Sein Lächeln war weniger offensichtlich, als er den Blick Lijanas zuwandte, aber sichtbar war es dennoch für jeden besseren Beobachter. Er ging nur kurz zu ihr, beugte sich zu ihr herab und gab ihr einen kurzen Kuss auf die Stirn, der ihre Wangen erröten ließ. Sie zwickte ihn in die Seite; ihre Augen funkelten, als sie ihm etwas zuzischte, dass sich für sie gewaltig nach: „Was fällt dir eigentlich ein, Kjer?!“ anhörte. Naisee schmunzelte abermals. Nur selten nannte sie ihn noch so – nur wenn sie sich über ihn ärgerte eigentlich, aber sie fand es dennoch süß.
]Wären sie unter sich gewesen, so hätte Mordan nun sicher einen Kommentar hören lassen, aber so beließ er es bei einem schelmischen Grinsen, ehe er das Gesicht wieder seinen Gästen zuwandte. Lijanas folgte seinem Beispiel und ihre Haltung wurde um einiges Steifer, ihre Miene bedeutend kühler, als sie die drei Menschen musterte, unter deren Hand Mordan wohl am meisten gelitten hatte, auch wenn zumindest einer es bereute und eine Weitere...
Naisee ließ ihren Blick über Eliazanar gleiten. Die dunkelbraunen Haare hatte sie zu einem geflochtenen Zopf gebändigt, der ihr einen Kampf mühelos möglich machte. Um ihre Hüfte hatte sie einen Waffengurt geschlungen – die Waffen jedoch hatte sie abgenommen. Sie hielt sich offenbar an die Waffenfreiheit im Palast. Offenbar schien sie Mordan durchaus für einen ehrbaren Krieger zu halten. Es war auch wahr, Mordan hatte nie zu unfairen Methoden gegriffen und mit Bögen ließ er ungern schießen. Zwar mochte ihr Sohn unkonventionell sein – ebenso wie seine Herkunft eben unkonventionell war – aber ihr schätzte stets das Fairplay. Selbst auf dem Schlachtfeld. Niemals würde er einen unbewaffneten Mann angreifen.
Eliazanar nickte ihr kaum merklich zu, während die Stille zwischen Prinz Ahmeer und Lijanas allmählich unangenehm wurde. Lijanas Smaragdgrüne Augen funkelten und Naisee meinte sich einzubilden, wie sie sich schützend vor Mordan schob und dem Nivardprinzen schließlich etwas steif zunickte. „Ahmeer.“
Ahmeer presste die Lippen aufeinander, erwiderte aber nichts. Schließlich räusperte sich Mordan um das peinlich gewordene Schweigen zu durchbrechen. „Wie wäre es, wenn wir uns in den Speisesaal begeben?"
„Um Euch Gelegenheit zu geben, uns zu vergiften?“, murmelte Ahmeer.
Nun schien es Lijanas endgültig zu bunt zu werden. Sie löste sich von Mordan und ging mit glühenden Augen zu ihrem ehemaligen Verlobten hinüber. Den Zeigefinger erhoben piekste sie ihm ihn in die Brust und sah ihn mit zornfunkelnden Augen an. „Wag es noch einmal so mit ihm zu reden und ich schwöre dir, ich werde dich eigenhändig vergiften! Im Gegensatz zu DIR hat Mordan nicht ein einziges Mal mit unfairen Methoden gespielt. Er hat dir den Hals gerettet! Ohne ihn wärst du tot! Und was ist dein Dank?! Du prügelst ihn fast zu Tode und lässt ihn ans Kreuz hängen! Na schönen Dank auch! Sei lieber froh, dass Mordan besser im Verzeihen ist als du! Ich glaube nämlich nicht, dass du ihn im Zweikampf schlagen könntest!“, fauchte sie und wandte sich dann abrupt um und ging zu Mordan zurück.
Ahmeer starrte sie geschlagene Zehn Sekunden lang einfach nur mit offenem Mund an, ehe er den Kopf schüttelte und zu dem etwas älteren Mann sah. „Ihr habt ihr ein Mundwerk verpasst, dass sich bei einer Frau nicht ziemt, Vetter.“, meinte Ahmeer abschätzig.
Mordan lächelte breit. „Ach, ich habe eine Frau, die mir die Meinung sagen kann lieber, als eine, die vor mir kriecht. Aber ich bin sicher euch stören Schlangen nicht.“, meinte er so liebenswürdig und böse zugleich, wie nur er es konnte, ehe er den Weg zum Speisesaal einschlug.
Nun schien es Ahmeer vorzuziehen zu schweigen, doch er starrte Mordan den ganzen Weg über lang böse an. Den jedoch schien es nicht zu stören. Im Gegenteil, Naisee konnte ein süffisantes Lächeln auf seinen Lippen erkennen. Ihr Sohn hatte seinen eigenen Weg gefunden, Rache zu nehmen.
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