Küss die Hand schöne Frau

von Earthling
GeschichteHumor / P12
Dr. John H. Watson Inspektor Lestrade Sherlock Holmes
23.06.2011
20.08.2011
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Nein, keine Angst! Hier gibt es keine Toten, bis auf ein anonymes Mordopfer, das ich an dieser Stelle nicht weiter erwähnen will. Es geht viel mehr um Watson....

Die Idee zu diesem One-Shot kam von einem zugegebenermaßen ziemlich beknackten Traum und ich hatte den Drang verspürt, diesen mit euch zu teilen – quasi als Leckerchen für zwischendurch und für mich als Einstimmung, da ich am Sonntag (mitten in der Nacht D:) zu einer Klassenfahrt ins gelobte Land aufbreche.
Nee, nicht nach Israel – viel besser! Es geht nach England mit zwei Tagen London inklusive und wenn ich’s schaffe, gehe ich in jenes welche Museum in der Baker Street.^^

Aber bis dahin wünsche ich euch viel Spaß beim Lesen.

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Der Kaffee in Holmes Tasse wurde langsam kalt und die aufgeschlagene Zeitung in seinen Händen war mehr Attrappe als echte Beschäftigung. Es war schon weit nach zehn Uhr und Watson war noch immer nicht aufgestanden und zum Frühstück herunter gekommen.  
In der Zeit ihres Zusammenlebens, was nunmehr zwei Jahre andauerte, hatte Holmes die watsonschen Aufstehgewohnheiten schon zur Genüge studieren können, aber so spät war der Doktor höchstens dann zum Frühstück erschienen, wenn es ihm wirklich schlecht ging.
Außerdem bestand kein Zweifel daran, dass er schon wach war. Schließlich hatte Holmes vor über zwei Stunden das typische, hölzerne Knarzen gehört, wenn Watson sich schlaftrunken aus dem Bett hievte, um anschließend seine Morgentoilette zu beginnen.
Doch nicht einmal von seinem wohlgepflegten Schnurrbart war ein Härchen zu sehen gewesen.
Frei nach dem Motto „Nachsehen schadet nichts“ erhob der Detektiv sich schließlich, trank langsam seinen Kaffee aus und stieg die Treppen zum Schlafzimmer seines Freunds und Chronisten herauf.

Als er Augenblicke später vor Watsons Zimmertür stand, traute er seinen Ohren kaum.
„Oh mein Gott! Wie soll ich ihm denn so unter die Augen treten? Holmes wird mir niemals glauben... der arme Mann!“ Nicht die Worte an sich waren es, die Sherlock Holmes so bestürzten, sondern die Stimme, die sie aussprach.
Es war nicht Watson, der da hinter der Tür ein verzweifeltes Selbstgespräch führte und den Geräuschen nach etwas in den Schränken suchte.
Nein.
Es war viel schlimmer.
Die Stimme gehörte zu einer Frau.
Holmes analytischer Verstand arbeitete auf Hochtouren und hatte schnell einige Lösungsansätze für die Frage gefunden, wie sie denn in Watsons Schlafzimmer gekommen war. Der Höflichkeit zuliebe, klopfte er schließlich an und hörte als Reaktion einen halb erstickten Schrei.
„Madam, kann ich Ihnen helfen?“, fragte der Detektiv vor der Tür.
„Nein, nein. Kommen Sie nicht herein, es ist schrecklich!“ Der Zustand der Frau wurde, ihrer Stimme nach zu urteilen, langsam hysterisch und Holmes gestattete seiner Phantasie, ein äußerst groteskes Bild zu erschaffen.
„Was haben Sie denn für ein Problem, Madam; stimmt etwas nicht mit Watson?“ Was war in diesem Zimmer nur geschehen?
„Ach Watson? Dem fehlt nichts, wenn man davon absieht, dass er sich sehr verändert hat.“, wich sie einer direkten Antwort aus.
„Na gut. Dann bringen Sie ihn doch heraus, wenn ihm nichts fehlt.“ Langsam wurde Holmes dieses Spielchens müde und das erschrockene Quieken auf der anderen Seite sagte ihm, dass sein Vorschlag nicht so gut war.
„Um Himmels Willen, was ist denn nur los, Madam? Wenn Watson nicht heraus kann, dann komme ich eben herein!“
„Lieber nicht, Holmes!“, hielt sie ihn im letzten Moment zurück.
„Warum denn, wenn ich fragen darf?“, war die genervte Antwort.
„Er... ähm... schläft noch. Ja, er schläft noch.“
„Dann würden Sie bitte die Güte erweisen, ihn zu wecken? Sie wissen es ja nicht, aber ich habe ein Telegramm von Scotland Yard bekommen und Lestrade wird jeden Moment hier sein.“ Ja. Holmes verlor langsam die Nerven mit der ihm unbekannten weiblichen Person in Watsons Schlafzimmer. Gleichzeitig fragte er sich aber, warum der  nicht von diesem in keiner konversationstauglichen Lautstärke gehaltenen Gespräch geweckt wurde.
Der Verweis auf die täglichen Pflichten, die Holmes Beruf mit sich führte, bewirkte einen Umschwung im Verhalten der Unbekannten und der Detektiv hörte, wie vorsichtige Schritte zur Tür gingen.
„Ich warne Sie,“, erklang nun wieder die Stimme der Frau, „es ist schrecklich und ich kann es mir selbst nicht erklären.“ Mit diesen Worten ließ sie Holmes in das Zimmer und der hätte nun an der Zuverlässigkeit seiner Augen gezweifelt, wären die Indizien nicht eindeutig gewesen.
„Was in drei Teufels Namen, Madam! Sind Sie etwa –“  
Vor Holmes stand eine schlanke Frau Mitte zwanzig, deren kastanienbraunes Haar ihr zerzaust ins Gesicht hing, welches ganz eindeutig Verzweiflung und Verwirrung wiederspiegelte.
„Ja, Holmes. Ich bin Watson. Oder war er zumindest bis zum gestrigen Abend.“, sagte sie niedergeschlagen und rang die Hände.
„Aber wie ist das möglich?“, entfuhr es dem Detektiv, der sich schwerfällig auf einen Stuhl sinken ließ.
„Das weiß ich auch nicht, Holmes, aber sehen Sie mich doch an! Ich bin eine Frau! Wie kann ich so je wieder das Haus verlassen? Wie kann ich so je wieder arbeiten?“ Die Frau, die vor wenigen Stunden noch ein vergnügt plaudernder Arzt mit Schnauzbart gewesen war, plumpste nun ungeschickt auf das Bett zurück und zu Holmes Entsetzen schimmerten in ihren Augen, die als einziges an den Mann von einst erinnerten, zwei winzige Tränen.
„Was erzählen wir denn jetzt der guten Mrs Hudson?“, schluchzte sie und vergrub das Gesicht in den Händen.
„Überlassen Sie das mir, Watson.“, versuchte Holmes sie zu beruhigen und tätschelte ein wenig unbeholfen ihre Schulter.
„Ich bin in ein paar Minuten zurück, dann haben Sie zumindest etwas respektableres zum anziehen als Ihren Pyjama.“

Gesagt getan – Holmes war schnurstracks die Treppe hinab zu seiner gütigen Vermieterin gegangen und da diese gerade für ein paar Besorgungen außer Haus war, verschaffte er sich kurzerhand selbst Zutritt in ihre Wohnung. Dort fand er mit der Sicherheit des geübten Beobachters, der aus Kleinigkeiten auf das Leben seiner Mitmenschen schloss eine Truhe, der er zwei Kleider und sonstige Frauenkleidung entnahm. Diese brachte er der immer noch erschütterten Ms Watson, welche in der Zwischenzeit wenigstens soweit erholt von dem Schrecken war, dass sie sich allein ankleiden und anschließend ein kleines Frühstück zu sich nehmen konnte.
Wenige Minuten später saßen sie beide im Wohnzimmer an ihren angestammten Plätzen in den Sesseln vor dem Kamin und Watson gab sich alle Mühe, den inzwischen vergangenen Morgen seit seinem – nein, ihrem – Erwachen zusammenzufassen.
„Wie ich schon sagte, alles war ganz normal, bis ich in den Spiegel sah, um mich zu rasieren. Vorher war mir diese... Veränderung gar nicht aufgefallen.“ Hilflos zuckte sie mit den schmalen Schultern und der Detektiv ließ nachdenklich das Kinn auf die Brust sinken.
„Bei diesem Problem muss ich passen. So leid es mir auch tut, Watson, aber das übersteigt wirklich meinen Horizont.“ Auch Holmes wirkte hilflos, aber die Ruhe in seiner Stimme ließ die Vermutung zu, dass er sich zumindest mit der Tatsache arrangiert hatte und um keinen Preis den Überblick über die Situation verlieren wollte. Nach wenigen Sekunden horchte er auf und nahm die Pfeife aus dem Mund.
„Wenn ich mich nicht irre, Watson, kommt da gerade Lestrade die Treppe heraufgepoltert. Kommen Sie doch herein, Lestrade! Ich habe das Vergnügen, Ihnen Miss Jane Watson vorstellen zu dürfen. Die Schwester unseres verehrten Doktors.“
Der Polizeiinspektor war nach Holmes Aufforderung ungestüm in den Raum gesaust und sah sich nun nach der ihm vorgestellten Dame um. Als er sie entdeckte, huschte ein kurzes Lächeln über seine Züge.
„Es ist mir eine Freude, Sie kennen zu lernen, Miss Watson.“ Er nickte Watson höflich zu und fuhr dann fort: „Sicherlich hat Ihr Bruder Ihnen von mir geschrieben. Er und Mr Holmes konnten mir bei einigen kniffligen Fällen helfend zur Seite stehen. Wo steckt der Doktor eigentlich?“ Noch ehe Watson antworten konnte, war Holmes schon aufgestanden und antwortete an ihrer statt.
„Er ist eine Weile zu seiner kranken Mutter aufs Land gefahren. Miss Watson, die sie die vergangenen Jahre gepflegt hat, ist zum Ausgleich in die Stadt gekommen und soll hier ein wenig Zerstreuung von ihrer aufopferungsvollen Aufgabe finden.“ Der Blick den Watson und Holmes austauschten, fiel dem Polizisten glücklicherweise nicht auf und er erkundigte sich mitfühlend, woran denn Mrs Watson leide.
„Sie ist eigentlich in Ordnung, Sir. Das einzige was nicht mehr richtig will, ist ihr Geist. Ständig vergisst sie etwas und im Moment macht auch ihr Herz Probleme. Es ist nicht mehr so stark wie früher und ich habe John gebeten, sie sich einmal näher anzusehen.“, berichtete Watson mit bemüht ruhiger Stimme, denn sie war es nicht gewohnt, zu lügen. Doch Lestrade fasste die mit leicht zitternder Stimme gesprochenen Worte ganz anders auf.
„Das ist ja furchtbar traurig, Miss Watson! Richten Sie Ihrer Frau Mutter doch bitte die besten Genesungswünsche aus, wenn Sie wieder nach hause fahren, ja?“
Watson nickte nur und sowohl ihr als auch Holmes war es fast unmöglich, ein amüsiertes Grinsen zu verbergen.
„Nun, Inspector, was führt Sie her? Ihr Telegramm hat äußerst dringend geklungen.“, führte Holmes das Gespräch endlich aufs geschäftliche, um Watson aus der Bredouille zu helfen.
„Es hat da einen Mord gegeben und – Madam, Ihnen macht es doch nichts aus, wenn ich über solche Scheußlichkeiten rede, oder?“, begann Lestrade und blickte Watson im selben Moment entschuldigend an. Watson schüttelte nur betont langsam den Kopf.
„Durchaus nicht. Ich finde es im Gegenteil unglaublich faszinierend. John hatte mir in zahlreichen Briefen von seinen und Mr Holmes Erlebnissen berichtet und es wäre mir eine Ehre, einmal selbst bei solchen Ermittlungen teilnehmen und ihm  die Ergebnisse mitteilen zu dürfen.“ Watson hatte schnell gesprochen, denn die Vorstellung allein zuhause zu bleiben erschien ihr mit einem Mal noch viel schlimmer, als in Gestalt einer Frau auf die Straße zu gehen. Außerdem hätte sie keine Macht der Welt davon abhalten können, sich an der Seite ihres besten Freundes in ein neues Abenteuer zu stürzen.
Lestrade hatte sie also eine Weile zweifelnd gemustert, doch dann versicherte Holmes, dass es Miss Watson nicht schaden würde einmal selbst bei einer kriminalistischen Untersuchung dabei zu sein.
„Wenn doch etwas passieren sollte, würde mich ihr Bruder sicherlich zur Rechenschaft ziehen, da ich im Moment die Verantwortung über sie habe. Aber da Sie darauf bestehen, Miss Watson, von mir aus können Sie mitkommen.“ Schließlich gab auch der Polizist klein bei und sie fuhren in zwei verschiedenen Droschken zum Schauplatz des Verbrechens.

Während der Fahrt konnte Holmes allerdings sein Amüsement über die Unterhaltung mit Lestrade nicht mehr zurückhalten und er lachte auf seine eigentümliche Art so lange, bis Watson ihn gekränkt ansah und fragte, was denn so lustig sei. Dies hätte nun beinahe für eine weitere Lachsalve gesorgt und Holmes konnte sich kaum auf dem Sitz halten, als er endlich prustend wieder zu Atem kam und sich beruhigte.
„Entschuldigen Sie bitte, mein Lieber, aber es ist so offensichtlich! Eigentlich sollten Sie mir leid tun, aber die ganze Situation ist einfach zu köstlich.“
„Bitte, was meinen Sie? Ich finde die Situation überhaupt nicht komisch. Es ist viel mehr so, dass ich mich ausgesprochen unwohl fühle.“ Watson schob schmollend die Unterlippe vor.
„Na gut, ich will ehrlich zu Ihnen sein. Es würden Ihnen sowieso auffallen; spätestens dann, wenn Lestrade Ihnen einen Antrag macht. Erschrecken Sie nicht! Sie scheinen ihm zu gefallen, Watson, und wenn ich Sie daran erinnern darf: Sie stecken im Körper einer Frau und ich wäre kein Mann, wenn ich nicht behaupten könnte, dass Sie als solche doch recht gut aussehen.“
Nach dieser Eröffnung verbrachte Watson die folgenden Stunden immer möglichst weit entfernt von Lestrade und atmete erleichtert auf, als sie und Holmes abends endlich in die vertrauten Räume in der Baker Street zurückkehrten.
„Was für ein Tag! Wissen Sie, Holmes, irgendwie glaube ich, dass alles nur ein böser Traum war und ich morgen wieder ich selbst bin.“
„Das hoffe ich doch, Watson. Stellen Sie sich mal vor, Lestrade sollte wirklich eines Tages mit einem Ring hier aufkreuzen! Was wollen Sie ihm denn als Begründung erzählen, wenn Sie Nein sagen?“ Holmes amüsierte sich immer noch über das ungewohnte Interesse, das Watson bei dem Polizisten weckte. Ihm war es völlig egal, wie Watson aussah. Schließlich änderte sich dadurch ja nicht der Charakter und diese kleine Aufregung kam ihm mittlerweile selbst wie ein böser Traum vor.
Kurze Zeit später war John „Jane“ Watson zu Bett gegangen und auch Holmes hatte sich in sein Schlafzimmer zurückgezogen.

Die Sonne schien munter durch die Gardinen, als Sherlock Holmes erwachte. Noch während er im Bett lag und die Wärme der Decke genoss, wanderten seine Gedanken zu den vergangenen Erlebnissen zurück.
Er war sich sicher, dass er nur geträumt hatte.  
Watson konnte unmöglich plötzlich und auf unerklärliche Weise eine Frau geworden sein.
Ja. Das konnte alles nur ein Traum gewesen sein. Nichts anderes wäre auch nur annähernd logisch oder rational erklärbar gewesen.
Mit diesem Schluss stand Holmes auf, um sich zu rasieren. Ein Blick auf die Uhr verriet ihm, dass auch Watson jetzt etwa aufstehen müsste.
Gespannt lauschte er auf das Knarzen des Bettes, was das Erwachen seines Mitbewohners ankündigte.
Doch was war das?
Aus dem Schlafzimmer des Doktors drang ein spitzer Schrei.
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