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Bonbons und Schokolade

von Kuro Inji
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama / P12 / Gen
23.06.2011
23.06.2011
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Ich öffnete die Augen und sah mich um. Noch immer war ich hier unten in diesem "Labor".
Mein ganzer Körper schmerzte von den Tests, die die Wissenschaftler mir angetan hatten und ich wusste bisher immer noch nicht, wieso.
Mein Zimmer war karg eingerichtet. Ein kleiner Teppich, kahle Betonwände... keine Fenster. Ich wusste nicht, wie lange ich bereits hier war und auch nicht, wie lange das alles noch dauern würde.
Plötzlich kamen einige Männer in weißen Kitteln in den Raum und schienen sich bereits draußen über mich unterhalten zu haben.
"Das ist sie. Bisher liegen ihre Testergebnisse in den Bereichen, wie wir sie haben wollten. Es gibt kaum Abweichungen von den gewünschten Werten. Damit ist sie bisher die einzige, die in Frage kommt", sagte einer der Männer und sah zu meinem Bett, in dem ich lag. "Wir werden weitere Tests mit dem Objekt durchführen, um ganz sicher zu gehen, dass sie für unser Projekt die Richtige ist."
Sie schienen sehr angetan von dem, was sie herausgefunden hatten.
"Die nächsten Tests sind für den heutigen Abend angesetzt", sagte einer und sah zu mir hinüber. "Wir werden sehen, inwiefern das Objekt nützlich ist."
"Objekt? Mein Name ist Sai! Ich möchte keine weiteren Tests... ich will nach Hause!" rief ich ihnen hinterher, als sie gerade dabei waren, das Zimmer zu verlassen, doch keiner von ihnen würdigte mich auch nur eines Blickes.
Mit Schmerzen im ganzen Körper stützte ich mich noch immer auf mein Bett, doch ich hatte kaum Kraft, so hatten mich die Tests gezeichnet und ich kniff die Augen zusammen, um meine Tränen zurückzuhalten.
"Hier." Als ich die Augen wieder öffnete, lag ein Bonbon vor mir und ich sah zu dem Wissenschaftler auf, der vor mir stand.
"Danke", sagte ich überrascht, doch er schenkte mir ein Lächeln, was ich einfach erwidern musste.
"Gib nicht auf, ja? Du wirst das schon schaffen."
Mit diesen Worten wandte er sich wieder ab und verließ das Zimmer. Ich wickelte das Bonbon aus und steckte es mir in den Mund.
Als ich nun die Augen schloss und mich auf das Kissen sinken ließ, genoss ich den Geschmack und es war fast wieder so wie vorher... als ich noch nicht hier war. Als ich noch mein ganz normales Leben hatte.
Nachdem das Bonbon in meinem Mund zergangen war, schlief ich wieder ein. Es war einfach alles zu schwer für mich gewesen und die Erschöpfung der letzten Tests saß mir einfach noch zu tief in den Gliedern.
Es musste bereits abends gewesen sein, als ich wieder aufwachte, denn die Wissenschaftler rissen mich recht unsanft aus dem Schlaf. Ich wehrte mich, da ich wusste, was kommen würde... doch ich hatte keine Chance und wurde mitgeschleift.
Die folgenden Stunden wurden die Hölle für mich.

Als ich in meinem Bett wieder zu mir kam, traute ich mich nicht, mich zu bewegen. Ich hatte Angst, sie würden wieder kommen und Tests mit mir machen. Ich wollte nicht mehr...
Dann ging meine Zimmertür auf und sofort begann mein Herz zu rasen. Ich versuchte, so reglos wie möglich liegen zu bleiben.
Eine Hand nahm meinen Arm und fühlte meinen Puls.
"Wie geht es dir?"
Bei dieser Stimme öffnete ich die Augen. "Wie...?"
"Dein Puls. Er wäre nicht so schnell, wenn du noch geschlafen hättest", lachte er und ich konnte ein verlegenes Lächeln nicht verkneifen.
Erst jetzt bemerkte ich, dass seine Hand noch immer auf meiner ruhte und ein gutes Gefühl machte sich breit. Ich hatte gehofft, dass er seine Hand nie wieder von meiner lösen würde...
"Ich habe auch noch ein paar Bonbons und etwas Schokolade für dich."
Er schob die Sachen unbemerkt zu mir herüber und ich versteckte sie unter meinem Kopfkissen.
"Vielen... Dank", stammelte ich.
"Keine Ursache. Eher muss ich mich bei dir bedanken."
"Was? Wieso?" Ich war verwirrt. Was tat ich schon für ihn?
"Das du das alles durchstehst und nicht aufgibst."
"Aber... Sie hatten doch gesagt, dass ich durchhalten soll", sagte ich und sah dabei auf mein Bett. "Können Sie... mir eine Frage beantworten?"
"Welche?"
"Was soll das alles? Wozu sind diese Tests gut? Ich will das nicht mehr. Ich will nach Hause." Unweigerlich lief mir eine Träne über die Wange.
"Wir wollen es möglich machen, dass die Menschen sich weiterentwickeln. In der Vergangenheit war es der Menschheit möglich, sich nur mit Hilfe ihrer Gedanken zu verständigen. So können Feindschaften beigelegt werden... Kriege werden aus der Welt geschafft... endlich werden sich alle Menschen verstehen und Sprache wird nicht länger notwendig sein."
Ich sah das Leuchten in seinen Augen, doch seine Worte brauchten eine Weile, bis ich verstand, was er da gerade gesagt hatte. Es war einfach zu unvorstellbar.
"Ich muss gehen. Vielen Dank, was du bisher zu unserer Forschung beigetragen hast, Sai."
Seine Hand löste sich von meiner und er stand auf. Ich wollte ihn festhalten, doch er war bereits an der Tür.
"Warten Sie... das ist..." Ich stockte kurz und brach ab, was ich eben noch sagen wollte. Eine andere Frage erschien mir plötzlich wichtiger.
"Mein Name ist Shin."
Diese vier Worte waren die letzten, die ich von ihm hörte, bevor die Tür zu schlug.
Ich wollte ihn nach seinem Namen fragen und er hatte ohne meine Frage geantwortet. War es nicht das, was er beschrieben hatte? Wir hatten uns ohne Worte verständigt...
"Shin", flüsterte ich und ein warmes Gefühl breitete sich in mir aus. Ich legte mich wieder hin und schloss die Augen und was ich vor mir sah... war er. Dann griff ich nach einem Bonbon unter meinem Kopfkissen und sah es an. Ich wollte es probieren, doch ich konnte nicht... Er hatte es mir geschenkt.

In den folgenden Tagen kam er öfter und wir redeten, während er vorgab, mich zu untersuchen.
"Bald wird der Glaskäfig fertig sein und wir werden die Wellen über die ganze Welt versenden und du wirst uns dabei helfen. Ich freue mich schon. Endlich wird unsere harte Arbeit Früchte tragen und dein Leid einen Sinn gehabt haben."
"Ich...", begann ich, doch er unterbrach mich.
"Ich muss gehen. Wenn ich das nächste Mal komme, wirst du wahrscheinlich endlich hier raus kommen."
Mit diesen Worten stand er wieder auf und ging zur Tür.
Zuerst wollte ich meine Einwände zu diesem Projekt los werden, doch noch ehe ich meine Worte ordnen konnte, war er auch schon wieder verschwunden und ich blieb alleine zurück.
"Aber... wenn diese Fähigkeit so ultimativ gewesen wäre... wieso hat sich dann die Sprache entwickelt...?, flüsterte ich vor mich hin.
Dann aber kamen mir seine Worte in den Sinn. Ich würde hier raus kommen, wenn das alles vollbracht wäre.
In meinen Kopf sah ich ihn und mich. Wie wir zusammen durch den Park schlendern oder shoppen würden... in einem Kaffee oder im Kino sitzen... und diese Gedanken machten mich glücklich.
Ich wollte ein Teil seines Lebens werden und ich wollte bei ihm sein. Stück für Stück wurde es mir klar und ich sehnte mich bereits danach, dass er wieder in mein Zimmer kommen würde.
Nur für ihn ließ ich die Tests inzwischen über mich ergehen und wehrte mich nicht mehr, auch wenn mir jeder Test Schmerzen und Angst bereitete.

"Komm. Heute wird es geschehen."
Seine Hand umfasste meinen Arm.
"Was?" fragte ich. Innerlich fühlte ich Glück und dachte sofort an die Vorstellungen, dass ein Leben mit ihm zusammen beginnen würde, wenn alles vorbei sei.
Inzwischen sah ich sogar das Projekt mit anderen Augen und war einfach froh, ihm helfen zu können, es zu verwirklichen.
"Ich bin so glücklich", sagte Shin unterwegs zum sogenannten Glaskäfig, durch den die Gedanken in den Köpfen der Menschen transparent gemacht werden sollten.
Mit einem wenig aufbauendem Gefühl legte ich mich hinein, doch langsam gewann die Panik die Oberhand. Ich hatte Angst. Angst, dass ich, nachdem es vorbei sein würde, Shin vielleicht nie mehr wieder sehen könnte.
Als das Metall sich über mir schloss, gab ich auf, mich gegen das Panikgefühl zu wehren und hämmerte dagegen, doch es öffnete sich nicht mehr.
"Sai. Bitte. Dies ist das letzte Mal und dann wird alles vorbei sein. Hilf uns noch ein letztes Mal."
Seine Stimme ließ mich meine Arme sinken und ich legte mich ruhig hin.
"Ich liebe dich, Shin", flüsterte ich mehr zu mir selbst und er konnte mich wahrscheinlich auch nicht hören. Mit Tränen der Angst und gleichzeitig Tränen des Glücks schloss ich die Augen und umfasste eines der Bonbons von ihm, die ich noch immer hatte, während der Schmerz in meinem Körper immer stärker wurde.

Die Wellen verbreiteten sich.
Die schlafenden Menschen, die diesen Fortschritt begrüßten und sich darauf freuten, schliefen glücklich ein.
Doch keiner von ihnen erwachte wieder.
Nie mehr.
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