Konoha Side Stories

GeschichteAbenteuer / P12
20.06.2011
23.07.2016
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Man kann es durchaus unglaublich nennen, wenn man den jungen Burschen betrachtet, der ich mit zwölf Jahren war, und dann den Jungen ansah, der ich mit vierzehn geworden war. Zwei Jahre Dienst als Genin hatten mich verändert. Ich war gewachsen, und das bezog sich nicht nur auf meine Körpergröße. Die meisten Missionen, die Team 3 zugeteilt bekam, waren mittlerweile C-Rank, und einige von ihnen waren nachträglich auf B hochgestuft worden, weil sie sich als gefährlicher entpuppt hatten, als sie eingeschätzt worden waren. Mit der Routine kommt die Erfahrung. Viele Dinge geschehen automatisch. Man überlebt automatisch, und man wird dadurch besser. Ein wichtiger Punkt, denn auch die Gegner werden besser. Das liegt in der Natur der Sache, wenn der Gefahrenlevel der Missionen an die Erfahrung angepasst wird.
Als ich vierzehn war galt ich schon als vollwertiger Ninja. Im dritten großen Krieg wäre ich an der Front eingesetzt worden, hätte mich in großen Schlachten beweisen müssen, die unsere Aufträge wie ein Zuckerschlecken erscheinen ließen. Schlachten, die kleine Lichter wie mich, wenn nicht in der ersten, dann aber in der zweiten oder dritten Mission verschlangen und nie wieder preis gaben.
Der dritte große Ninja-Krieg war ein Moloch gewesen. So hatte man es mir in der Schule beigebracht. Und er hatte nicht nur Genin wie mich verschlungen, sondern auch den Zweiten Hokage. Manche stilisierten die Kämpfe, sprachen von großartigen Helden, tapferen Shinobi, die sich für ihre Kameraden geopfert hatten, von Ruhm und Ehre. Ich hingegen vermutete, dass es ähnlich wie bei den Missionen von Team 3 zugegangen sein musste. Heftig. Blutig. Brutal. Und anschließend war jemand tot. Das war nicht die populärste Sicht der Dinge, aber als ich einmal mit dem Hokage darüber geredet hatte, da hatte er leise gelacht, mir über den Kopf gestreichelt und gesagt, ich solle diese Sicht der Dinge nie aus den Augen verlieren. Denn wenn ich einen Kampf, wenn ich einen Opfertod nicht heroisierte, dann würde ich an mein Überleben denken, und ein Ninja nützte seiner Stadt am Meisten, wenn er überlebte und ihr weiterhin diente. Abzüglich einiger Ausnahmen, die zu erkennen ich jedoch seiner Meinung nach noch zu jung war.
Na, Schwamm drüber. Heutzutage gab es keine großen Kriege wie den dritten Krieg nicht mehr. Es kam durchaus noch zu kleineren und größeren Scharmützeln zwischen den Ninja-Dörfern, denn selbst wenn wir Shinobi Frieden hielten, galt das nicht immer für die Staaten, denen wir dienten. Aber die Gefahr eines allumfassenden Krieges, der alle fünf großen Nationen und die kleineren mit den nicht so wichtigen oder kampfstarken Ninja-Dörfern umfasste, war seit dem Ende des letzten Krieges nicht mehr so wahrscheinlich. Vielleicht würde es bald einen vierten großen Krieg geben, vielleicht brach er aber auch erst aus, wenn ich nicht mehr lebte. So dachte ich damals. Ich hatte den vierten Krieg ja nicht herbei gesehnt, und ich hatte auch nicht ahnen können, wie merkwürdig er sein würde... Aber ich schweife ab.

Jetzt, im Nachhinein, da denke ich manchmal über den kleinen vierzehnjährigen Ninja nach, der von Hayate Gekko langsam an den wahren Ernst des Lebens herangeführt wurde, der in Ninja-Kämpfe ebenso verwickelt wurde wie in solche gegen Schwertkämpfer, Samurai, Banditen, Ronin, und wie sie alle hießen und waren. Ich hielt mich damals für überlegt, abgeklärt. Nicht so impulsiv kindlich wie Hana-chan, und nicht so verschreckt schüchtern wie Karin-chan. Punktum, ich hielt mich für einen Erwachsenen. Immerhin hatte ich schon erwachsene Ninja getötet, wie es meine Aufgabe war. Und nicht nur sie, ich hatte auch schon andere Menschen getötet; manche, die ich nicht getötet hatte, waren später per Gerichtsurteil hingerichtet worden. Das war genauso gut wie sie eigenhändig umzubringen. Zumindest dachte ich es damals. Und damals versuchte ich auch, mein Entsetzen und meine Angst zu verbergen, mir nicht anmerken zu lassen wie schwer mir das Töten fiel. Hana-chan und Karin-chan konnte ich damit täuschen, aber nicht Sensei. Er wusste es, und ich wusste, dass er es wusste. Wenn ich heute von mir sage, ich sei abgeklärt, erfahren und routiniert, ist das genauso richtig und falsch wie damals. Doch trennen diese Zeiten über dreißig Jahre an Lebenserfahrung. An Kampferfahrung. Meiner Kampferfahrung.
Wenn ich könnte, würde ich meinem jüngeren Ich über den Abgrund der Zeit zurufen, dass Angst zu haben, Zweifel zu haben vollkommen normal war. Und... Dass es sich lohnte, wirklich lohnte, ein Ninja Konohas zu sein.
***
"Wieso das denn nicht?", fragte Hana-chan aufgebracht, blies die Wangen auf und sah mich ärgerlich an.
"Wieso was nicht?", fragte Hayate-sensei, der wie immer fünf Minuten zu spät zu unserem Treffen kam. Er erwiderte Karins schüchterne Begrüßung, und wandte sich Hanako und mir zu.
Hanako, groß, blond und wütend, stieß beinahe Stirn an Stirn mit mir. Das war etwas, was ich gelernt hatte. Wollte ich mich von der energischen Furie nicht unterbuttern lassen, musste ich gegen halten. Mit voller Kraft.
Sie sah zu Hayate-sensei herüber und deutete anklagend auf mich. "Sensei, Mamo-chan will nicht mitmachen!"
"Will bei was nicht mitmachen?", fragte er irritiert.
"Beim Chunin-Examen", sagte sie ärgerlich und verschränkte trotzig ihre Arme vor der Brust.
Er beobachtete uns ein wenig verwundert. Kurz ergab er sich einem Hustenanfall, und nachdem er den überstanden hatte, räusperte er sich kräftig. "Das Chunin-Examen?"
Hanako nickte heftig. "Genau. Letztes Jahr haben wir wegen ihm schon ausgesetzt. Und dieses Jahr will er schon wieder nicht, dieser... Dieser..." Das Wort "Feigling" lag in der Luft, und ich hätte es ihr nicht verdenken können, wenn sie es ausgesprochen hätte.
"Soso." Hayate-sensei setzte sich umständlich auf die kleine Holzbank, ließ seinen Blick über den Park schweifen und lehnte dann den Kopf gegen die halbhohe Steinmauer hinter ihm. "Du willst also kein Chunin werden, Mamoru-kun."
"Ach was, kein Chunin werden! Er hat Angst, dass er die Prüfung nicht schafft! Ist doch so, nicht, Karin?"
Die Angesprochene sah mit ängstlich flackernden Augen zu uns herüber. Einerseits vergötterte sie die große, blonde und stattliche Hanako, verehrte ihr Temperament und ordnete sich ihr beinahe bedingungslos unter. Andererseits aber hing sie an mir wie an ihrem großen Bruder aus Gründen, die mir damals nicht verständlich waren. Deshalb saß sie zwischen den Stühlen. "I-ich glaube nicht, dass Mamo-chan Angst hat", sagte sie schließlich mit schwacher Stimme. "Aber vielleicht schafft er die Prüfung wirklich nicht."
Ich lachte amüsiert und schnaubte dabei durch die Nase. An der Prüfung konnte nur eine komplette Drei Mann-Zelle teilnehmen, ungefähr bis zur Hälfte des Auswahlverfahrens. Ab dort kam es zu Einzelkämpfen. Zuerst wurden die Prüflinge gefiltert, klassifiziert und sortiert. Dann wurden sie noch einmal nach Ninja-Aspekten sortiert. Und dann oblag die Ernennung zum Chunin einem Team erfahrener Ninjas, viele von ihnen Jounin, um zu beurteilen, ob ein Ninja das Zeug zum Chunin hatte. Also selbst wenn man sich durchkämpfte, wenn man anschließend selbst gegen seine Teamkameraden antrat, wenn man als Letzter übrig war, hatte man noch nicht das Chunin-Diplom in der Tasche. Dazu kam, dass die Chunin-Prüfung gefährlich war. Sehr gefährlich. Genauso wie der Beruf eines Ninjas, und deshalb fand ich das gerecht.
Ich hatte nicht wirklich Angst vor der Prüfung. Genauso wenig wollte ich meine Teamkameraden im Stich lassen oder ihnen zur Last fallen - was ich seit dem ersten Kampf gegen die Ninjas aus dem Nebel niemals gewesen war - aber ein anderer Aspekt machte mir mehr als Angst. Ein Chunin war nicht einfach irgendein Ninja. Es war keine höhere Soldstufe,  keine Auszeichnung, die man als Marke auf der Kampfweste trug. Es war eine Beförderung. Von einem Chunin wurde erwartet, dass er das Gleiche tat wie Hayate-sensei für uns: Teams führte, Missionen ausführte, für andere Ninjas Verantwortung übernahm. Chunin, das war ein magisches Wort, wie Jounin, es bedeutete Anerkennung und Ehre. Ein Chunin zu sein bedeutete einen beruflichen und gesellschaftlichen Aufstieg, und genau das wollte Hanako, genauso wie die höherrangigen Missionen, die Chunin zugeteilt wurden - weil sie besser bezahlt wurden. Und mir war klar, dass sie wusste, dass ein Chunin mehrere Genin in gefährliche Aufträge führen musste. Ein Umstand, der ihrer Persönlichkeit entsprach. Es gehörte zu ihrem Charakter, andere nach Herzenslust herum zu scheuchen. Aber es war nicht meine Art, andere herum zu kommandieren, auch wenn ich mich als Senseis Stellvertreter öfter bewährt hatte als Hanako und Karin. Mit vierzehn fühlte ich mich jedenfalls noch nicht dazu bereit, andere Ninjas in den Kampf oder sogar in den Tod zu schicken. Und dazu kam auch noch, dass das diesjährige Chunin-Examen in Kumogakure stattfinden würde, dem Ninjadorf unter den Wolken. Nun, es war klar, dass die kostspieligen, aber sehr wichtigen Chunin-Examen gepoolt, also zusammengefasst wurden, und die Chunin-Prüflinge nicht nur der fünf großen Nationen, sondern aller dreißig Dörfer gemeinsam in einem großen Verfahren auf ihre Tauglichkeit geprüft wurden. Und mir war klar, dass aus dem letzten Krieg etliche Ressentiments existierten, die keines der großen Dörfer wirklich zu einem Freund Konohas machte, aber die Stadt Kumo war mir besonders unsympathisch, seit einer ihrer Agenten versucht hatte, Hinata Hyuuga zu entführen, daran gescheitert war, und trotzdem der Tod eines hochrangigen Hyuugas gefordert und erbracht worden war, um einen Krieg zu vermeiden. Abgesehen von der Frechheit und Dreistigkeit der ganzen Aktion, den politischen Verwicklungen und vielen anderen Dingen, die mir Kopfschmerzen bereiteten, mochte ich alleine den Namen des Ortes nicht. Und freiwillig hingehen würde ich ohnehin nicht.
"Ich gehe nicht nach Kumogakure!", sagte ich ärgerlich.
"Ah, darum geht es also!", rief Hanako verärgert. "Deine dämliche Solidarität mit Kou Hyuuga! Kannst du nicht auch mal was für dich selbst bestimmen? Oder willst du nie Chunin werden?"
"In drei Jahren sind die Prüfungen in Konoha", wandte ich ein. Und ich hielt es für eine plausible Variante. Zumindest für ein paar bange Sekunden.
"SOLANGE KANN ICH NICHT WARTEN!", blaffte sie wütend. "Sensei, sag doch auch mal was! Einem Ninja muss so etwas doch egal sein! Er muss da doch drüber stehen können! Er muss doch den Auftrag erfüllen, egal was er persönlich denkt und fühlt! Er muss..."
"Die Anmeldung", unterbrach Hayate-sensei den Redefluss Hanakos, "erfolgt immer als Gruppe. Das liegt nicht daran, dass wir irgendwelche Traditionen bewahren wollen oder möchten. Im ersten Teil der Prüfung ist es für jeden anderen als ein eingespieltes Team jedoch zu gefährlich. Ihr müsst begreifen, dass Ihr in der Chunin-Prüfung durchaus gezwungen sein werdet, um euer Überleben zu kämpfen. Und dass Ihr dafür töten müsst. Vielleicht sogar Kameraden aus Konoha."
Das ließ mich triumphierend lächeln und Hanako entsetzt erstarren. Aber ich hatte Sensei unterschätzt.
"Aber die Chunin-Prüfung ist sehr wichtig für uns. Denn wenn wir aus denen, die das Talent haben, kein Anführer für unsere Shinobi machen, stagnieren wir und werden angreifbar. Verwundbar. Dann gefährden wir uns selbst. Und wenn wir uns selbst gefährden, steht nicht nur die Existenz der Shinobi Konohas in Frage, dann ist jeder unserer Bürger direkt mit dem Tod bedroht."
Nun waren die Rollen vertauscht, Hanako grinste triumphierend, und ich war entsetzt. Natürlich, so hatte ich es selbst nie gesehen, nicht bis zu diesem Moment.
"Was ich sagen will, ist, dass jeder Ninja Konohas nicht nur die Pflicht hat Befehle zu befolgen und dem Dorf, und damit dem Land des Feuers zu dienen." Senseis Augen ruhten schwer auf mir. "Ein Shinobi hat auch die Pflicht, so er die Fähigkeiten dazu hat, ein Anführer zu werden und Ninja in der Schlacht zu befehligen. Jeder muss so weit voran schreiten, wie es seine Fähigkeiten zulassen, denn wenn er das nicht tut, werden Schlechtere als er seine Aufgaben erfüllen und die Leben ihrer Untergebenen gefährden. Und dann wird es unnötige Tote geben, nur weil jemand nicht den Platz eingenommen hat, den er eigentlich einnehmen muss."
Das triumphierende Grinsen Hanakos wurde breiter. "Siehst du? Also müssen wir zum Chunin-Examen! Es ist unsere Pflicht!"
"Das Chunin-Examen", unterbrach Sensei sie, "ist eine wichtige und gefährliche Sache. Manchen Genin treten es nie an, manche versuchen ihr ganzes Leben Chunin zu werden, und scheitern doch immer wieder. Es kann immer nur einige wenige Chunin geben, und aus ihren Reihen rekrutieren sich die Jounin, von denen es noch weniger gibt. Aber sich nie an der Prüfung zu versuchen ist Verschwendung. Nicht für jeden Genin. Ich kenne viele von ihnen, die einen guten Job machen, respektiert werden und ihre Aufgaben hervorragend erfüllen. Doch sie können nicht führen. Vielen von ihnen hätte ich nie geraten, das Chunin-Examen zu versuchen. Wenn sie es nie, oder nie wieder tun, ist das nur gut für Konoha. Aber andere, die sollten das Examen probieren. Ganz einfach weil es ihre Pflicht ist." Er lächelte ins Rund, nur um erneut einen Hustenanfall zu bekommen, an dem er schwer laborierte. Schließlich versuchte er sich an einem Lächeln. "Ihr drei, Mamoru-kun, Hanako-chan, Karin-chan, müsst am Chunin-Examen teil nehmen. Jeder von euch hat das Potential, eines Tages ein Chunin zu werden. Und selbst wenn Ihr es dieses Jahr nicht schafft, so wird die Prüfung doch eine gute Erfahrung sein. Und ich denke auch, dass Ihr sie überleben werdet."
Bei Senseis letzten Worten ging ein Schauder über meinen Rücken. Verständlicherweise. Andererseits verstand ich den Sinn seiner Worte sehr wohl. Dann tat ich das, was ich heute nicht so recht einordnen kann - Fehler oder kein Fehler? "Also gut, dann machen wir halt dieses dämliche Chunin-Examen", sagte ich resignierend.
"Juhuuu!", rief Hana-chan, und hing mir plötzlich überglücklich am Hals. Karin hatte freudestrahlend meine Rechte ergriffen und drückte sie fest. Das war ihr ultimativer Gefühlsausbruch, zu dem sie in der Lage war. Und für einen Moment fühlte sich das wirklich gut an. Sogar richtig gut. Andererseits war mir klar, dass ich dafür den Preis bezahlen würde. Irgendwann. Und Sensei wusste das auch.
***
Ich seufzte leise, zog Rotz aus meiner Nase hoch und spuckte den Brocken weit die Böschung vor mir hinab, während ich die Hände hinter dem Kopf verschränkt hatte und den blauen Himmel betrachtete. "Und deshalb gehe ich also nach Kumogakure, Kou-kun", sagte ich säuerlich zu dem Ninja, der neben mir im Gras lag.
Kou Hyuuga grinste still vor sich hin. Er hatte bereits ein gescheitertes Examen hinter sich, aber das zweite erfolgreich absolviert. Als Mitglied des Nebenarms der Hyuuga-Familie galt er als viel versprechender junger Shinobi und zukünftiger Anführer. Nicht, dass sein Ehrgeiz wirklich über die Pflichten eines Chunin hinaus gingen. Als Mitglied der Zweigfamilie hatte er genug damit zu tun, die Hauptfamilie zu schützen. Und, selbstverständlich, das Geheimnis ihres Augen-Jutsus, des Byakugans.
"Du brauchst gar nicht so zu grinsen, Kou-kun", tadelte ich. "Wenn mir ein paar Kumogakure-Ninjas im Examen quer kommen, werde ich ordentlich mit ihnen Schlitten fahren."
"Ich bitte darum", sagte Kou ohne Spott in der Stimme, aber mit einer gehörigen Portion Belustigung. Er war drei Jahre älter als ich, und ich kannte ihn schon eine gefühlte Ewigkeit. Wie wir Freunde geworden waren weiß ich nicht mehr. Es lag vielleicht an meiner großen Schwester, aber sicher sein konnte ich mir da nicht.
"Soll ich dir ein paar ihrer Stirnbänder als Souvenir mitbringen?", fragte ich, plötzlich gut gelaunt. Genau das würde ich tun. Zum Chunin-Examen gehen, ein paar Ninjas der Stadt in den Wolken so richtig platt machen, und ihre Stirnbänder mit dem Drei Wolken-Symbol dem Hyuuga-Clan zum Geschenk machen.
"Ich bitte darum", sagte er erneut und setzte sich auf. Er lächelte mich an. Das war bei seinen Augen etwas gewöhnungsbedürftig. Denn wie jeder Nutzer des Byakugans hatte er eine schneeweiße Iris, und das irritierte mich. Die Kunst des Augen-Jutsus irritierte mich noch mehr, versetzte es Kou doch in die Lage, selbst das pulsierende Chakra in einem Körper sehen zu können, und noch viele weitere Dinge. Ein Grund dafür, dass ich froh war, nicht in den Hyuuga-Clan geboren worden zu sein.
"Dann werde ich das machen", sagte ich zufrieden und hockte mich ebenfalls auf.

Unter uns lag der Spielplatz, auf dem Kou und ich das erste Mal zusammen getroffen waren. Er hatte seinen Cousin abholen wollen, Neji, glaube ich, und meine Schwester hatte gerade mit mir diskutiert, um mich einerseits zu überzeugen, nicht die jüngeren Kinder zu terrorisieren, und andererseits endlich zum Essen zu kommen. Neji war einer der Jungen, die ich traktiert hatte. Nicht weil es meine Art war, andere zu ärgern. Aber schon damals hatte ich Arroganz auf den Tod nicht ausstehen  können. Und mir war es sehr sauer aufgestoßen, wie er einen blonden Jungen, der vielleicht nur ein Jahr jünger war als er aus der Sandkiste rausgeekelt hatte, in der er gespielt hatte.
So hatten wir uns kennen gelernt. Kou hatte nur gelacht, den sich sträubenden Hyuuga unter seinen Arm gesteckt, und war nach einigen Grußworten gegangen. Und meine Schwester hatte mir dann erklärt, dass ich für den Jungen, der zu dem Zeitpunkt einsam und traurig vor sich hin schaukelte, keine Partei ergreifen sollte. Warum nicht, hatte sie mir nicht sagen können. Oder sie hatte es nicht sagen wollen. Aber sie war größer und stärker als ich, und deshalb hatte sie sich durchgesetzt.
Als ich nun auf den Spielplatz sah, erkannte ich den blonden Jungen. Es freute mich zu sehen, dass er mit Shikamaru und Choji spielte. Shikamaru war der Sohn unseres Clanchefs und mein Cousin dritten Grades, und Choji ein entfernter Vetter Karins aus der Hauptlinie der Familie. Ein typischer Vertreter der Akimichi, gerade zehn Jahre alt, und schon jetzt kurz davor zu platzen. Karin hingegen war so dünn wie eh und je, was dem Clan einiges an Sorge bereitete, weil sie das mangelnde Körpergewicht von einigen wichtigen Jutsus ausschloss, die der Clan beherrschte.
"Da ist er ja wieder", sagte ich mit einer gewissen Zufriedenheit in der Stimme. "Und er hat Freunde."
Kou folgte meinem Blick. Sein Lächeln verschwand. "Das ist Naruto." Für einen Moment kämpften zwei Gefühle in seinem Gesicht. "Er wohnt alleine."
Als ich diese Worte hörte, wusste ich, dass Kou sich dafür entschieden hatte, nett über ihn zu reden.
"Alleine? Der Bursche ist doch höchstens zehn oder elf", wandte ich ein. "Wie kommt er dann alleine zurecht?"
"Der Sandaime kümmert sich um ihn", sagte Kou ausweichend. "Aber er wohnt nicht in seinem Haus."
Ich runzelte die Stirn. "Was ist mit ihm? Hat er Krätze?" Das sollte scherzhaft klingen, aber Kou schockierte mich damit, als er nickte. "Etwas in der Art. Sein Vater ist gestorben, als der Kyuubi unser Dorf überfallen hat, was aus seiner Mutter wurde weiß ich nicht. Er war damals noch ein Neugeborenes, und die Älteren reden alle... Nicht nett über ihn. Es ist beinahe so als hätten sie Angst vor ihm. Und das verstehe wer will. Jedenfalls lassen sie kein gutes Haar an ihm, und er macht es ihnen auch sehr leicht, ihn nicht zu mögen. Soweit ich weiß terrorisiert er mit seinen Streichen die ganze Nachbarschaft. Aber die Leute trauen sich nicht so recht an ihn ran, weil der Hokage auf ihn aufpasst."
Ich verdrehte entsetzt die Augen. "Alleine?"
"Hast du mir überhaupt zugehört?", tadelte Kou.
"Wie kommt der Bursche alleine zurecht? Wie kam er bisher zurecht? Wenn der Hokage schon auf ihn achtet, warum macht er es dann nicht richtig? Warum hat nicht einer der Clans den Jungen aufgenommen? Warum...?" Ich stutzte. "Okay, dumme Idee. Ich nehme an, irgendjemand mochte seinen Vater nicht, und das hat er auf den Sohn übertragen. Und er hat genügend Macht, um halb Konoha dafür einzuspannen. Der Hokage kann ihn beschützen, aber nicht bei sich aufnehmen, ohne sich angreifbar zu machen. Etwas in der Art?"
"Nicht ganz, Mamoru-kun", klang hinter mir eine Stimme auf, die ich sehr gut kannte. Überrascht sprang ich auf. Hinter mir stand wirklich der Sandaime Hokage, schmunzelnd, seine Pfeife im Mund, und mit Augen, die sagen wollten: Ich sehe alles.
"Sandaime", sagte ich hastig und nickte ihm zu.
Auch Kou kam auf die Beine. "Sandaime."
"Der Grund, warum ich Naruto nicht in mein Haus aufgenommen habe, ist ein anderer. Es hätte ihn gebrandmarkt. Beinahe so schlimm wie das, was... Die Leute ohnehin schon über ihn reden. Er hätte es noch schwerer im Leben gehabt als ohnehin schon. Und er hätte noch schwerer Freunde gefunden, als es ihm ohnehin schon fällt. Er..." Das Lächeln verschwand aus seinem Gesicht, und für einen winzigen Moment glaubte ich zu spüren, wie sich der Hokage selbst vorwarf, nicht genug für Naruto-kun zu tun.
"Nur wenn der Schutz den ich ihm gewähre, nicht so offensichtlich ist, bewahre ich ihn davor in einem goldenen Käfig zu sitzen. Noch erscheint es grausam und unverantwortlich zu sein. Aber in naher Zukunft wird das vielleicht schon ganz anders wirken." Das Lächeln kehrte zurück in das Gesicht des alten Mannes, der auch als der Professor bekannt war, als ein Mann, der über tausend Jutsu beherrschte. "Im Moment entwickelt sich alles etwas langsam, aber es entwickelt sich."
Er sah mich an. "Aber mal etwas anderes. Mamoru-kun, ich habe gehört, Team drei wird am Chunin-Examen in Kumogakure teilnehmen?"
Ich nickte leicht. "Wir haben es heute beschlossen."
"Gut", sagte der Hokage schmunzelnd. Er klopfte mir auf die Schulter und wendete sich ab. "Ich erwarte ein paar spektakuläre Resultate, Mamoru-kun. Und ich denke, ich bin da nicht alleine."
"Sicherlich nicht", pflichtete Kou ihm bei und grinste mich an.
"Bin ich hier eigentlich der einzige, der glaubt, dass die Erwartungen in mich etwas hoch gesteckt sind?", fragte ich halb amüsiert, halb verärgert.
"Ich glaube ja", erwiderte Kou, und der Hokage lachte dazu amüsiert.
Das brachte mich selbst zum Schmunzeln. Ich sah wieder hinab, zu den Jungen und Mädchen, die dort spielten. Und zu dem blonden Jungen, Naruto. Ich konnte mir nicht helfen, aber irgendwie hatte ich das Gefühl, dass der Hokage auch von ihm etwas erwartete. Etwas, von dem er selbst noch nicht wusste, wie oder was es sein würde. Ich für meinen Teil beschloss, Narutos Werdegang im Auge zu behalten. Falls ich meinen eigenen Werdegang, also das Chunin-Examen, überlebte, hieß das. Und es beinhaltete, so schwor ich mir, auf keinem Fall für den Jungen Partei zu ergreifen, und mir womöglich ein paar unnötige Feinde zu bescheren, die ich nun wirklich nicht brauchen konnte.
***
Manchmal überschlagen sich die Dinge. Im einen Moment war man noch auf irgendwelchen Missionen, um Banditen zu jagen, um Unterstützung für Teams älterer Jahrgänge zu sein, oder selbst von jüngeren Teams unterstützt zu werden, und dann war man plötzlich offizieller Botschafter Konohas und würde in ein fremdes Land reisen. Zwei Jahre noch, ging es mir durch den Kopf. Zwei Jahre noch, und unser Team hatte einen Erfahrungsstand erreicht,  in der wir nach Fertigkeiten neu eingeteilt wurden. Und Hayate-sensei würde dann vielleicht ein neues Team Grünschnäbel managen. Oder eine andere, einem Jounin angemessene Aufgabe annehmen.
Wir drei würden natürlich immer Team 3 unter Hayate Gekko sein, das stand außer Frage. Aber es war eher selten, dass Konoha ein Team aus Genin-Zeiten für alle Ewigkeiten existieren ließ. Doch es war nicht ungewöhnlich, dass die Bande aus dieser Zeit Jahrzehnte überdauerte.
Und unser Team, das nun nur noch zwei oder drei Jahre zusammen bleiben würde, würde als einzige Genin-Gruppe aus Konoha die versteckte Stadt bei der diesjährigen Chunin-Prüfung in Kumogakure vertreten. Ein Gedanke, der mir durchaus Angst machte, denn die Prüfungen wurden auch von den Offiziellen der großen Nationen beobachtet werden, und unsere Leistungen würden in die Bewertungen der Fähigkeiten der Ninjas der ganzen Nation einfließen. In manchen Fällen konnte das über die Vergabe von Aufträgen entscheiden. Aufträge, die Geld bedeuteten, und die Existenz einer ganzen Stadt. Nicht, dass mich diese Verantwortung lähmte. Nicht besonders, jedenfalls.
"Und warum", fragte Hanako ärgerlich, und riss mich wieder in die Realität, "kommst du nicht mit, Sensei?"
Hayate Gekko hatte beide Hände abwehrend erhoben. "Es ist nicht so als würde ich nicht wollen. Aber leider hat der Hokage mir verboten, nach Kumogakure zu reisen. Es gibt da ein paar alte Geschichten, die noch nicht zu den Akten gelegt wurden. Wäre ich ein Shinobi aus Kumo, dann würde ich dafür sorgen, dass ich einen unvermeidbaren und tödlichen Unfall habe. Versteht mich nicht falsch. Ich möchte weder das sich die Shinobi von Kumogakure einen besonders phantasievollen Unfalltod für mich ausdenken, noch möchte ich während der gesamten Chunin-Prüfung in Lebensgefahr schweben." Er deutete neben sich, zur großen, schlanken und schwarzhaarigen Frau. Sie trug die übliche Ausrüstung eines Konoha-Ninjas, schwarzer Kampfanzug und grüne Weste, was besonders verwunderlich war. Wir kannten sie normalerweise in der leichten Rüstung eines ANBU und einer Katzenmaske, denn sie führte eines der äußerst effektiven Kampf-ANBU-Teams Konohas, jener Elite-Einheit für den Schutz der Stadt, die auch schon uns mehr als einmal gerettet hatte. Sie hieß Uzuki, Yugao Uzuki, und war die feste Freundin des Sensei. Die letzten Jahre hatte ich mich immer gefragt, wie sie wohl unter der Maske aussah... Und jetzt verstand ich Sensei, warum er sich ausgerechnet sie ausgesucht hatte. Sie war eine wahre Schönheit. Ihr geradezu niedliches Lächeln, bei dem sie leicht die Augen zusammenkniff, fegte mich beinahe von den Füßen.
Ein schmerzhafter Knuff gegen meine rechte Schulter riss mich wieder in die Realität. Hanako sah mich böse an. Ihr gehörte die Faust, die mich so unsanft in die Realität gerissen hatte.
"Bist du wieder bei uns, Mamoru-kun?", fragte Sensei und lächelte scheinheilig. Er hustete belegt. "Wie ich also vorhin erklärte, wird Yugao-chan euch an meiner Stelle begleiten. Sie ist ein Intel-Ninja, wie Ihr wisst, und der Sandaime hat sie nicht zuletzt deshalb ausgesucht, weil sie uns einige neue Informationen über Kumogakure und ihre Ninjas beschaffen kann. Also bemüht euch, ihr so wenig wie möglich zur Last zu fallen und unterstützt sie, wo Ihr nur könnt."
"Natürlich machen wir das", ereiferte sich Hanako, nicht ohne mir einen bösen Blick zu zu werfen. "Jedenfalls die von uns, die nicht zu Tagträumen neigen."
"Hana-chan, so schlimm war es doch gar nicht", kam ein leiser Einwand von Karin, den Hanako mit einem bitterbösen Blick beantwortete.
"Hayate, bitte", sagte Uzuki-sensei, "du solltest den Kindern nicht mehr aufbürden, als sie schon ertragen müssen." Sie lächelte uns noch einmal an. "Ich bin Yugao Uzuki. Ich werde Team drei die nächste Woche führen, und ich hoffe, dass ich auch mit einer Gruppe zurückkommen werde. Die Chunin-Prüfungen sind brutal und hart. Und je weiter man kommt, desto größer ist die Chance, tatsächlich zu sterben." Sie seufzte leise. "Aber wenn Hayate sagt, Ihr könnt es schaffen, und wenn der Hokage zustimmt, dann muss ich wohl auf ihr Urteil vertrauen."
Das waren vollkommen neue Informationen für mich. Der Hokage selbst hielt uns für befähigt, um die Chunin-Prüfung zumindest zu überleben? Ein ermutigender Gedanke.
"Hayate-sensei", sagte Hanako maulig, "du hättest uns ruhig sagen können, dass du uns zutraust, das wir die Prüfung schaffen."
Sensei lächelte sie an und tätschelte ihren Kopf. Was nicht mehr so einfach war, denn Hana-chan war die letzten beiden Jahre beträchtlich gewachsen und mit Sensei beinahe auf Augenhöhe. Sie überragte sogar mich um ein paar Zentimeter, und das machte mir Sorgen. Denn im Gegensatz zum Yamanaka-Clan wurden wir Nara-Männer nicht besonders groß. In der Regel. Ich hatte aber noch die stille Hoffnung, dass die Linie meiner Mutter mir noch ein paar Extra-Zentimeter vererbt hatte.
"Was habe ich dir immer gesagt, Hanako-kun? Zuviel Selbstbewusstsein ist genauso tödlich wie zuwenig. Außerdem hättest du weniger hart trainiert, wenn ich euch zu früh gesagt hätte, was ich denke. Und glaubt mir, Ihr könnt jede einzelne Trainingseinheit gebrauchen." Sein Lächeln verschwand bei den letzten Worten. Sensei schnaubte wie über einen guten Witz und wechselte mit Uzuki-sensei einen wissenden Blick aus, den diese ebenfalls mit einem unterdrückten Lacher beantwortete. Sicher, die beiden hatten die Chunin-Prüfung absolviert und bestanden. Und Hayate-sensei war sogar zum Jounin aufgestiegen. Sie wussten aus erster Hand, wie es auf einer solchen Prüfung zuging. Wie gefährlich es war. Und wie sehr es sich lohnte, dort zu bestehen. Sie hatten sich beide nie über die Prüfung beklagt.
"Ja, Sensei. Verstehe, Sensei", murrte sie, aber ich konnte den Glanz und das neue Selbstbewusstsein in ihren Augen sehen.
Ich seufzte lang und tief. "Besser, wir bringen es hinter uns."
Sensei lachte erfreut auf. "Das ist die richtige Einstellung, Mamoru-kun. Diesen Wagemut vermisse ich sonst oft an dir."
Ich versuchte mich an einem missglückten Lächeln für Hayate-sensei. Es war kein Wagemut, es war Pragmatismus. Denn je eher wir in Kumogakure waren, je eher die eigentliche Chunin-Prüfung begann, desto eher würde Hanako abgelenkt sein und uns mit ihren Plänen, Tiraden und Ideen verschonen.
Uzuki-sensei klatschte in die Hände. "Dann ist ja alles geklärt. Lasst uns aufbrechen."
Sie sah noch einmal Hayate-sensei an, und beinahe erwartete ich eine Umarmung oder einen Abschiedskuss, wie ich es von einem Paar gewöhnt war. Aber diese beiden waren stolze Shinobi und würden vor ihren Untergebenen nicht mehr Schwäche zeigen als unbedingt nötig. Das verstand ich, aber ich fand es auch sehr schade, denn ich gönnte Sensei alles Glück der Welt.
Schließlich wurde es nur eine flüchtige Berührung Senseis an Uzuki-senseis Schulter, das leise Versprechen von ihr, gesund und vollzählig zurückzukehren. Sie wandte sich ohne weitere Worte ab.
Wir verabschiedeten uns von Sensei lauter und länger. Wir waren zwar nicht mehr die Kinder, die wir vor zwei Jahren gewesen waren, und nicht mehr ganz so überschwänglich, aber er war unser Sensei, und in manchen Dingen war er mir näher als mein eigener Vater.
"Kommt Ihr, oder soll ich alleine nach Kumogakure gehen?", fragte Uzuki-sensei schließlich amüsiert.
Also eilten wir ihr nach. Ich gebe zu, damals hatte ich noch recht gute Laune. Ich wusste ja auch nicht, was noch vor mir lag. Und hätte ich geahnt, dass meine Einschätzungen weit hinter der Realität zurück lagen, hätte ich es mir vielleicht doch noch mal mit der Prüfung überlegt. Aber letztendlich habe ich nur eine wirklich schlechte Erinnerung an Kumogakure: Die Musik war einfach scheußlich.
***
Um ins Land der Blitze zu kommen, in der die Versteckte Stadt in den Wolken lag, mussten wir natürlich das Land des Feuers verlassen und zwei kleinere Länder durchqueren. Das war die große Stärke von Kumogakure und das Militär des Landes der Blitze. Es war an über fünfundneunzig Prozent seiner Grenzen vom Meer umgeben, und seine einzige Landverbindung hatte auch noch zwei kleine Länder als Pufferstaat. Das Bekanntere und Wichtigere war zweifellos das Yu no Kuni, das Land der heißen Quellen, aber nicht wegen seiner militärischen Stärke. Die Mädchen waren deshalb ganz aus dem Häuschen, hieß es doch, dass hier heiße Quellen quasi jeden zweiten Meter aus dem Boden traten. Und wenn ich eines über Mädchen wusste, dann das sie für ihr Leben gerne lange und heiß badeten.
Und mit der Garantie, am Ende eines Reisetags eine Gaststätte mit heißer Quelle zu finden, war dieser Teil unserer Reise für sie eher ein vergnüglicher Urlaubstrip. Für mich als einzigen Mann der Runde - na ja, was heißt hier Mann, damals war ich zwar schon arrogant, aber immer noch ein Junge - bedeutete dies, nicht nur zwei bis drei Stunden pro Abend alleine verbringen zu müssen, es bedeutete Zeit, in der ich mich nicht auf die Rückendeckung meiner Kameradinnen verlassen konnte. Ich musste mir auch noch Hanakos Genörgel anhören, auf keinen Fall zu versuchen, ins Frauenbad zu linsen, um sie nackt sehen zu können.
Alles in allem eine recht unbefriedigende Situation. Und das nächste Land, das uns vom Land der Blitze trennte, das Land des Wassers, gehörte wegen seines starken Ninja-Dorfs, dem Kirigakure auch noch zu den fünf großen Nationen dieses Teils der Welt. Das machte die Dinge nicht gerade besser, denn wir hatten in unserem ersten Kampf ein neunköpfiges Team aus Kirigakure ausgelöscht. Zwar hielten wir im Moment Frieden, also Kirigakure und Konohagakure, aber vielleicht war es dem einen oder anderen Ninja der versteckten Stadt Kiri den Versuch wert.
Und dann würde die Reise noch stressiger werden. Andererseits konnte es auch kaum ein besseres Training für uns geben, und ich bewunderte Senseis Weitsicht, uns mit drei Tagen Vorsprung vor der Prüfung los zu schicken. Genügend Zeit, um uns auszuruhen und Kraft für die Prüfung zu sammeln.
Aber im Moment beschäftigte mich eher Senseis fehlerhafte Weitsicht, als er mich mit drei Frauen in ein Land geschickt hatte, das vor Onsen und entsprechenden Gasthäusern beinahe überquoll. Eines davon, ein stattliches, gut aufgeräumtes Haus auf einem Hügel mit getrennten Bädern für Männer und Frauen, wurde unser erstes Nachtquartier. Und meine Qualen begannen. Doch, wenn ich so dran zurückdenke, waren es Qualen. Auch wenn ich mich heute eher darüber amüsiere.

"Du versuchst doch nicht zu schmulen, oder?", klang Hana-chans Stimme über den Zaun hinweg auf, der das Frauenbad vom Männerbad trennte. Da wir im Moment die einzigen Gäste waren, hatten wir beide Bäder für uns.
Ich wusste nicht wieso, aber seit wir das Land der heißen Quellen betreten hatten, war das ihre einzige und größte Sorge, nicht nackt von mir gesehen zu werden. Ihre Nervosität hatte etwas Verstörendes. Also blies ich nur die Wangen auf, ließ mich noch tiefer ins heiße Wasser des Männerbades sacken und tastete dabei vorsichtig nach dem Kunai neben meinem rechten Bein. Die einzige Waffe, die ich ins Bad mitgenommen hatte.
"Hey, ich rede mit dir!", rief Hanako ärgerlich.
Wütend sprang ich auf und wirbelte herum. "Wer will dich schon nackt sehen?", rief ich ärgerlich. Das war ungefähr eine Sekunde, bevor ich realisierte, dass Hanako über den Zaun vom Frauenbad hinweg lugte. Dass sie mich ansah. Dass sie errötete. Und dass sie langsam aber sicher panisch wurde. "Du... Du... Du... Was zeigst du mir da?", rief sie beinahe panisch. "Du Perversling! Ich könnte dich..."
"Ich? Du bist doch diejenige, die schmult!", rief ich ärgerlich. Aber ich setzte mich nicht wieder hin. Sollte sie doch gucken! Ich hatte jedenfalls nichts zu verbergen.
"Da soll mich doch...", begann sie und machte Anstalten, sich über den Zaun zu schwingen, als Uzuki-senseis lange Arme von hinten nach ihr griffen und sie stoppten. Langsam und mit Nachdruck zog sie das Mädchen vom Zaun runter. "Entschuldige, Mamoru-chan. Ich habe einen Moment nicht aufgepasst."
Der Klang ihrer Stimme ließ mich erstarren. Tja, Hanako oder auch Karin im Bad zu beobachten, das war langweilig und der Mühe nicht wert. Aber wenn ich daran dachte, dass ich Uzuki-sensei vielleicht...
Ich spürte, wie mein Gesicht heiß wurde. Was hatte ich nur für Gedanken? Und das ausgerechnet bei Senseis Freundin?
"Komm, ich wasche dir den Rücken, Hanako", klang ihre Stimme vom anderen Bad herüber.
"Ich will jetzt lieber diesem Idioten so ordentlich einen... YIEKS!"
"Oh, habe ich da eine empfindliche Stelle gefunden? Du bist da sehr empfindlich, nicht, Hana-chan?"
"S-sensei", klang ihre Stimme herüber, gedrückt, irgendwie leidend und etwas hektisch. Ich spürte wie weitere Hitze in mein Gesicht stieg. Langsam ließ ich mich wieder ins Wasser sinken.
"Und du hast so zarte Haut, Hana-chan. So jung wie du möchte ich auch noch mal sein", sagte Sensei.
"Du kannst dich doch nicht beklagen", erwiderte Hanako-chan, halb gepresst, aber diesmal beinahe schon mit ihrer normalen Stimme. "Du hast doch selbst eine wunderbar zarte Haut.
Karin, komm her. Ich wasche dir den Rücken."
"A-aber... Mamo-chan kann uns doch hören", protestierte sie ängstlich.
"Mamo-chan, Mamo-chan, kannst du auch noch was anderes sagen? Komm endlich her und lass mich... YIEKS! Sensei!"
"Oh, entschuldige, aber ich musste unbedingt wissen, ob die Stelle immer so empfindlich ist", hörte ich Uzuki-sensei. Mittlerweile hatte ich mich so tief ins Wasser sinken lassen wie ich nur konnte.
"Ha-hana-chan. Da brauchst du nicht... AH!"
"Papperlapapp. Wir sind doch Freundinnen, fast schon Schwestern. Und es gibt doch nichts Schöneres, als richtig sauber in eine warme Quelle zu steigen, oder?
Sensei, ist das eine Narbe an deinem Po?"
"Oh, ja, da habe ich mal ein Kunai rein gekriegt. War ziemlich tief, und weil wir keinen Medi-Ninja dabei hatten, musste es genäht werden. Die Narbe erinnert mich daran, dass man nie vorsichtig genug sein kann. Und dass man als Mädchen auf seinen Hintern aufpassen sollte."
Bei diesem doch recht simplen Witz hätte ich beinahe gelacht. Aber das letzte was ich wollte, war, dass Hanako sich daran erinnerte, wer nebenan im Männerbad war.
"Darf ich mal anfassen? Eine richtige Narbe?"
"Gerne doch, aber sei vorsichtig. Sie tut manchmal noch weh, und... Uh."
"Oh, Sensei, hat das schon weh getan? Das tut mir leid. Ich werde vorsichtiger sein."
"Ah, Hana-chan, das ist... Ah!"
"Darf ich auch mal?" "Karin-chan..."
"Und das machen wir jetzt jeden Abend?", fragte ich anklagend in den Himmel. Egal wie schwer das Chunin-Examen sein würde, ich konnte mir nichts Schlimmeres vorstellen, als mir die drei jeden Abend im Bad anzuhören. Und das war erst Stop Nummer eins im Land der heißen Quellen.
"Ich kann dich hören, du Blödmann", rief Hanako ärgerlich. "Und wenn du schmulst, erwische ich dich."
Ich lehnte mich zurück, bis selbst meine Lippen unter Wasser waren. "Du bist doch die einzige, die hier schmult", beschwerte ich mich leise. Damit hatte ich zweifellos Recht, aber Hana-chan lebte in ihrer eigenen Welt nach ihren eigenen Regeln. Ich seufzte erneut und beschloss, das Bad, das herrliche, Muskeln tröstende, entkrampfende Bad, wieder zu verlassen.

Mit einem Yukata bekleidet wartete ich schließlich auf die anderen drei, und sie ließen sich Zeit. Die Hausherrin, die uns persönlich zum Abendessen bedienen wollte, kam eine Stunde, nachdem ich das Bad verlassen hatte. Servieren konnte sie aber erst eine weitere Stunde später. Aber das schien sie nicht zu stören, und auch die heißen Speisen waren, als sie gebracht wurden, auf perfekter Temperatur. Das war Professionalität, gepaart mit Erfahrung. Und wenn ein Shinobi etwas zu schätzen wusste, dann, dass er mit Profis arbeiten konnte. Und das grauhaarige Mütterchen, deren kluge Augen nur ab und an berechnend unter ihrer gerunzelten Stirn hervor blitzten, war ein Profi. Wenn nicht ein Meister, dem Range eines Jounin würdig. Sie hatte es zum Beispiel geschafft, mich mit wenigen beiläufigen Bemerkungen in ein Gespräch zu verwickeln, und mich gleichzeitig zu verpflichten, das Kunai, das ich auf der Innenseite an meinen Oberschenkel gebunden hatte, und die Shuriken unter meiner Tatami, die dort griffbereit lagen - nur für den Fall der Fälle - wieder weg zu packen. Sie wusste sehr genau, wer ihre Kunden waren, und sie wusste auch sehr genau, wie sie mit uns umzugehen hatte.
"Du bist ein Beschwörer?", fragte sie leicht heraus, während sie mir frischen Saft nachschenkte. Ich trank die trübe Flüssigkeit, hätte sie bei der Frage aber beinahe wieder ausgespuckt, als ich den Sinn verstand. Beschwörer, das so leidlich hingesprochene Wort, bedeutete nicht mehr oder weniger einen Kontraktträger, der mit einem Tierclan im Einverständnis stand. Ein Kontrakt bedeutete eine Partnerschaft auf gegenseitigem Nutzen. Meistens lief es so ab: Der Tierclan stellte sein Können, seine Erfahrung und seine Soldaten zur Verfügung, und der Kontraktträger offerierte als Gegenleistung Opfer. Das klang barbarisch, aber diese Opfer waren meistens recht materieller Natur, und selten lebendig. Gold, Silber, Informationen, besondere Speisen, aber auch Schulung der jüngeren Krieger und Gelehrten der Tierclans gehörten dazu. Kontraktträger bestätigten auf einer geheiligten Schriftrolle mit ihrem Blut, und dieses Blut war auch nötig, um jemanden aus dem Tierclan herbei zu rufen. Ich war Kontraktträger, der Hokage selbst hatte mich dazu gemacht. Wahrscheinlich aus Mitleid, weil ich keinerlei Affinität zur Schatten-Jutsu der Nara zeigte.
"Ja", gab ich zögerlich zu, denn Informationen waren für einen Shinobi genauso gefährliche Waffen wie Kunais, und man gab Informationen über sich selbst nicht ohne Not preis. Allerdings wollte ich wissen, was mich verraten hatte, also ging ich auf ihre Worte ein.
"Oh, das ist fein. Einen Kontraktträger hatten wir schon lange nicht mehr bei uns. Der Letzte war ein großer weißhaariger Ninja aus Konoha, der mit dem Hundeclan einen Kontrakt geschlossen hatte. Der Kleinste von ihnen, Pakkun hieß er, hatte so himmlisch weiche Pfoten." Vor Verzückung legte die Wirtin beide Hände an ihr Gesicht und errötete leicht. "Beschwörst du auch Hunde?"
Ich lächelte dünn. Vielleicht war diese Frau nicht nur als Wirtin ein Profi. "Was hat mich verraten?"
Sie nahm die Hände wieder ab und legte sie manierlich in ihren Schoß. "Dein rechter Daumen. Eine frische Verletzung wie von einem Eckzahn. Deinem Eckzahn."
Damit spielte sie darauf an, wie ein Kontraktträger normalerweise zum Blut kam, um seine Tierpartner zu beschwören: Er biss oder schnitt sich in eine Stelle seines Körpers, an dem ihn die Verletzung nicht weiter behindern würde, sorgte für ein wenig Blut und begann die Beschwörung.
Ich lächelte nun ein wenig breiter. Viele Jutsu-Beschwörer hatten Narben am Daumen, weil sie zu tief bissen oder schnitten. Und jetzt wo die Wirtin gesprochen hatte, hatte ich etwas Wichtiges gelernt. Ich konzentrierte mein Chakra und benutzte ein leichtes Genjutsu, um die schorfige Stelle zu verbergen und eine unverletzte Daumenkuppe vorzugaukeln.
Die Wirtin nahm es amüsiert zur Kenntnis. "Sie sind gut", stellte ich fest.
"Schätzchen", antwortete sie in einem belustigten Ton, der mit ihrer dienstbaren Stimme nicht viel zu tun hatte und sie in meinen Augen sofort sympathisch machte, "wenn du dreißig Jahre lang ein Gasthaus in einem Land leitest, das zwei großen Ninjadörfern als Durchgang dient, dann lernst du auch so einiges."
Das brachte mich zum Lachen. "Ich habe einen Kontrakt mit den Affen. Aber ich rufe sie selten."
"Affen?" Sie runzelte die Stirn. "Davon habe ich noch nie gehört."
Das wiederum verwunderte mich, denn Affen galten allgemein als geschickte, schnelle und harte Kämpfer. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass Enko O Enma, der König der Affen, seinem Volk nur Kontrakte mit Konoha erlaubte. Denn wenn ich nachzählte, dann gab es in ganz Konoha nur... Zwei Kontraktträger. Mich und den Hokage. Und dieser Gedanke machte mich etwas schwindlig, denn ihn umwehte eine tonnenschwere Last, die sich auf meine Schultern zu legen drohte. Verbunden mit der Angst, unweigerlich versagen zu müssen. Ich wusste damals genau, dass ich niemals in der Lage sein würde, die höherklassigen Krieger des Affenclans zu beschwören, geschweige denn Enma selbst. Damals.
"Rufst du einen?", fragte die Wirtin unvermittelt. "Einen kleinen vielleicht?"
Ich wog die Chancen ab. Zuviel über mich zu verraten, zum Beispiel. Aber schon die Bitte der Wirtin, einen kleinen zu rufen, zeigte, wie viel sie davon verstand. Ich wollte sie belohnen, dafür das sie einen Fehler in meiner Ninja-Kunst aufgedeckt hatte, also biss ich die Wunde wieder blutig und beschwor einen Kontraktpartner. "Kuchiose no Jutsu."

Als sich der Rauch der Beschwörung verflüchtigt hatte, saß ein kleiner Affe mit einer drolligen Imitation des Konoha-Kampfanzugs auf meiner Schulter, und musterte interessiert die Welt.
"Oh, der ist süß. Wie ist denn sein Name?"
Mir hingegen wurde es abwechselnd heiß und kalt. "Ha-hallo, Sensei", sagte ich vorsichtig, und unterdrückte das Verlangen mir den Schweiß abzuwischen. Ich hatte einen der kleineren Affen beschworen, und er maß nicht mehr als mein Unterarm, aber ihn deswegen zu unterschätzen wäre tödlicher Leichtsinn gewesen. Dieser Affe war Ranko-sensei, meine Ninjutsu-Lehrerin. Und bisher hatte nur der Sandaime sie beschwören können. Sie war eigentlich eine von den Kriegerinnen, die zu beschwören ich mir niemals zugetraut hätte.
"Puki?", machte sie unschuldig, und blinkerte mit ihren langen Wimpern.
"Sie", korrigierte ich vorsichtig, während der Angstschweiß meine Stirn herab lief, "heißt Ranko - Ranko-sensei!"
"Puki", kam es bestätigend von ihr, und die Wirtin schmolz dahin. Sie griff in ihren Ärmel und holte ein Stück Kandis hervor. "Hier, Ranko-chan, das ist für dich."
"Puki!" Sensei kletterte von meiner Schulter herab, sprang auf allen Vieren zur Wirtin herüber und ließ sich auf ihrem Schoß nieder. Dann griff sie nach dem Zucker, nahm ihn aus der Hand der Wirtin und begann daran zu knabbern. Das tat sie mit solch sichtlichem Vergnügen, das man sie tatsächlich für ein fröhliches Affenmädchen halten konnte, das etwas Süßes geschenkt bekommen hatte. Dazu schnurrte sie wie eine Katze als die Wirtin sie bis zur Schwanzspitze streichelte. "Pukiiii."
Ehrlich gesagt entnervte mich das Geräusch, und ich wusste, dass ich dem Tod näher war als dem Leben. Hastig schenkte ich etwas vom Fruchtsaft in eine der Schalen, die normalerweise für Sake benutzt wurden, und bot ihn Ranko-sensei an. "Hier, bitte, Sensei."
"Puki!", machte sie, und ich wusste, dass sie Spaß an der Situation hatte. Und das mein Kopf nicht rollen würde. Noch nicht. Ängstlich lüftete ich meinen Kragen.
"Oh, was für ein süßes Äffchen!", klang Hanako-chans Stimme vom Eingang her auf. Noch bevor die Tür ganz zur Seite geschoben war, hatte sie sich neben der Wirtin auf eine Matte geschmissen. "Darf ich ihn auch mal halten?", fragte sie mit bettelndem Blick.
"Aber das ist...", begann die Wirtin, doch sie schien meinen Wink rechtzeitig zu sehen, "...nicht meine Entscheidung. Wenn Ranko-chan zu dir gehen will, ist mir das Recht."
Nun begann Hana-chan mit verschiedenen Versuchen, den Affen zu sich zu locken. Und Karin, die mit Sensei nach Hana-chan den Raum betrat, beteiligte sich verzückt an diesen Versuchen.
Uzuki-sensei wurde kurz bleich, runzelte dann jedoch die Stirn. Vor allem als Ranko-sensei tatsächlich auf Hana-chans Schoß kletterte und dabei nach einem Stück Orange griff, das Karin ihr selig hin hielt. Sie ließ sich neben mir nieder und knuffte mich, ungesehen von den anderen, schmerzhaft in die Seite. "Die Beschwörung ist kein Spielzeug", belehrte sie mich ernst, während ihr Lächeln etwas anderes behauptete. "Und du wirst keine leichte Zeit haben, wenn Ranko-sensei genug von diesem Spiel hat."
"Ich weiß", murmelte ich reuig und erklärte ihr die Situation.
Sie lachte leise und besah sich die Wirtin, die gerade das Essen herein winkte. "Gut, gut, Mamo-chan, du hast wenigstens einen plausiblen Grund. Vielleicht reicht er, um Ranko-sensei zu beschwichtigen. Wie um alles in der Welt hast du das überhaupt geschafft?"
"Ich wollte nur einen kleinen Affen beschwören", erwiderte ich verschüchtert.
"Klein heißt nie weniger mächtig", tadelte sie mich.
"Das weiß ich jetzt auch", murrte ich als Erwiderung.
"Wir reden später darüber. Jetzt lass uns essen." Sie betrachtete die hübschen jungen Damen, die unser Abendessen herein trugen, und hoch erfreut registrierte sie eine Flasche mit Sake, eines ihrer Lieblingsgetränke für gesellige Stunden. Auch wenn sie nie viel davon trank.

Nach dem Essen entkam ich in den Garten, möglichst weit weg von den anderen und Ranko-sensei. Aber ich hatte da natürlich die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Das wusste ich, als ich den langen Schatten sah, der von hinten langsam auf mich zukam. Eine kräftige, mit Krallen bewehrte Hand legte sich auf meine Schulter und stoppte jeden Gedanken an Flucht. Vorsichtig wandte ich mich unter diesem Griff um. Ranko-sensei hatte ihre volle Größe von fast zwei Metern angenommen und wirkte nun fast vollkommen humanoid - wenn man pelzige Frauen mochte. Sie lächelte mich an, aber es war ein mürrisches Lächeln. Außerdem trug sie ihre Kampfrüstung. "So", sagte sie mit Ärger in der Stimme, "mittlerweile kannst du sogar mich beschwören. Und, wann lädst du den König zu einer Party ein?"
Ich spürte, wie mir das Herz tiefer in den Körper rutschte. Wenn ich eines Tages tatsächlich Enma O  selber beschwor, für nichts und wieder nichts, dann war mein Leben kein Kupferstück mehr wert. "I-ich hatte nicht vor, Sensei...", begann ich. Dann runzelte ich die Stirn, als das Lachen drin lauter wurde. "Äh..."
"Oh, das." Ranko-sensei lächelte spitzbübisch, was bei ihren Reißzähnen gefährlich wirkte, aber nicht annähernd so gefährlich wie sie wirklich war. "Ich habe einen Schattenklon da gelassen."
Langsam nahm sie die Hand wieder zurück. "Entspann dich. Ich bin nicht böse auf dich. Im Gegenteil, es erfüllt mich mit Stolz, das mein Schüler mich beschwören konnte."
"Es ging nur, weil du so klein warst", sagte ich entschuldigend. "Ich bin noch weit davon entfernt, wirklich mächtige Affen in ihrer vollen Größe zu rufen, so wie dich jetzt in voller Gestalt."
Sie öffnete den Mund, wie um etwas zu sagen, aber dann schloss sie ihn wieder und lächelte stattdessen. "Wir sind im Land der heißen Quellen, oder? Du bist auf dem Weg zur Chunin-Prüfung."
Ich nickte. Sie hatte etwas festgestellt, nicht wirklich gefragt. "Ja, das sind wir."
Sie taxierte mich mit ihrem wachen Blick. "Und, wirst du ein Chunin werden?"
"Das weiß ich nicht, Sensei."
"IDIOT!", blaffte sie mich an. "Das Chunin-Examen ist eine große Chance! Eine sehr große Chance! Jeder Shinobi, der fähig ist, den Rang eines Chunin zu erwerben, muss diesen Weg gehen! Und es ist die beste Methode, um den anderen Ninja-Dörfern zu zeigen, dass Konoha vielleicht groß, aber nicht langsam oder verfettet ist!" Wieder ergriff sie mich, diesmal aber mit beiden Händen an der Schulter. Sie beugte sich weit vor, unsere Gesichter trennte nur noch eine Fingerbreite. "Sprich mir nach, Mamoru: Ich werde Chunin!"
"Aber..." Ich hätte gerne widersprochen, gesagt das ich nur wegen Hana-chan am Examen teilnahm, dass mir der Chunin-Rang gestohlen bleiben konnte, oder andere Dinge, aber Ranko-sensei, die mir so nahe war, und augenscheinlich wütend, ließ mir keine andere Wahl. "Ich werde Chunin", sagte ich laut, denn Sensei hätte eine leise Stimme als Gewimmer abgetan.
Sie starrte mich einen Moment an, dann legte sie beide Hände um meine Schulter und drückte mich an sich. "Das ist mein Mamoru", schnurrte sie, und ich fühlte mich gegen ihre Brust gedrückt.
"M-Mamo-chan?"
Erschrocken wandte ich mich der Stimme zu. "Hanako!"
Entsetzt sah sie mich an. Erkennen konnte sie nicht viel, denn wir standen weit vom Licht entfernt. Aber meine Stimme hatte sie gehört, und die von Sensei.
"Da mache ich mir Sorgen um dich, suche dich sogar, und wo finde ich dich? W-w-w-wer ist dieses Weibsbild überhaupt?" Anklagend richtete sie den rechten Zeigefinger auf Sensei.
"Oh, hörst du? Sie ist eifersüchtig", säuselte Ranko-sensei, und drückte mich noch ein wenig enger an sich. Das löste einen Laut des Entsetzens bei Hanako aus.
Sensei lachte amüsiert. Sie ließ mich schließlich los und trat einen Schritt zurück. "Vergiss nicht, mich zu beschwören, sobald du Chunin bist", sagte sie, und löste die Beschwörung auf. Mit einem leisen Puffen verschwand sie vor unseren Augen.
"W-was...?", fragte Hanako ungläubig.
Ich machte eine abwehrende Handbewegung. "Eine Beschwörung. Du weißt doch, ich habe einen Kontrakt mit dem Affenclan."
"U-und solche Affen beschwörst du dann? Dafür brauchst du deinen Kontrakt?"
Ich verzichtete darauf, sie zu korrigieren und ihr zu erklären, wer zum Beispiel der kleine Affe auf ihrem Schoß gewesen war. Stattdessen ging ich an ihr vorbei. "Danke für die Rettung", log ich. "Sensei hätte mich vor Stolz über das Chunin-Examen beinahe zu Tode umarmt."
"Oh. OH!" Ihr Blick wechselte, und ihre natürliche Arroganz gewann die Oberhand. "Siehst du, habe ich dir doch gesagt. Am Chunin-Examen teil zu nehmen bringt uns viele Vorteile."
Ich seufzte laut und lang. Das hatte der Welt noch gefehlt, eine flexible Hanako.
"Lass uns rein gehen", murmelte ich, betrat wieder den Essraum, und stellte dann mit Entsetzen fest, dass Ranko-sensei ihren Schattenklon nicht aufgelöst hatte. Eventuell war auch die Person da draußen der Schattenklon gewesen. Jedenfalls saß der kleine Affe auf Karins Schoß, ließ sich mit Früchten füttern und spielte mit ihren Haaren, sehr zum Vergnügen von Uzuki-sensei, der Wirtin und den bedienenden Damen.
Als ich herein kam, sprang der Affe von Karins Schoß, kletterte auf meine Schulter und legte mir besitzergreifend eine Hand auf den Kopf. Als ich resignierend seufzte, wechselte sie wieder auf Karins Schoß, verfolgt von Hana-chan, die ihren Teil zur Liebkosung beitragen wollte.
Irgendwie wusste ich jetzt, dass Ranko-sensei nicht wirklich vorgehabt hatte, zum Affenclan zurück zu kehren.
***
Man sagt ja, das Leben eines Soldaten besteht aus ewiger Langeweile, unterbrochen von kurzen Momenten unendlichen Schreckens. Das Leben eines Ninjas war schon immer anders. Langeweile kannte er nie, und die Schrecken dauerten erheblich länger. Was dazu führte, dass er immer wachsam sein musste.
In unserem Fall bedeutete das, dass ich als einziger einigermaßen sensorisch begabter Ninja der Gruppe ein Auge auf die Umgebung hatte, während Hanako, Karin und Uzuki-sensei permanent ihre Waffen bereit hielten. Eigentlich eine unnötige Vorsichtsmaßnahme, wenn man mit einem erfahrenen Krieger des Affenclans reiste. Aber Ranko-sensei war nicht hier, um für mich zu kämpfen, sondern um sich von den Fortschritten zu überzeugen, die ich gemacht hatte. Ein Kampf wäre für sie ein gefundenes Fressen gewesen. Und bis dahin ritt sie einfach auf meiner Schulter, küsste reichlich feucht auf meine rechte Wange und hatte pures Vergnügen daran, meine Frisur umzuarrangieren. Nicht auf die plumpe, zerwühlende Art, sondern durchaus mit Finesse. Das hätte den Mädchen ein Hinweis darauf sein sollen, dass der kleine Affe tatsächlich ein sehr intelligenter Bursche war; stattdessen amüsierten sie sich über jede neue Form, die er meinen Haaren gab. Ich dachte ernsthaft darüber nach, mir eine Glatze zu scheren, sobald wir das nächst Mal hielten.
Mittlerweile hatten wir das Land der heißen Quellen verlassen, und durchquerten nun das Land, das unter Kontrolle Kirigakures stand. Ich befürchtete jeden Augenblick einen Angriff, und ich wusste, dass Uzuki-sensei das auch tat. Selbst wenn der Mizukage Kirikagures den Examensfrieden einhielt hieß das nicht, dass sich seine Leute alle daran halten würden. Immerhin hatten wir neun ihrer Ninja ausgelöscht, und einer von ihnen war vom Rang eines Jounin gewesen. Sie hatten Grund genug, uns anzugreifen, auch wenn Hayate-sensei nicht bei uns war. Er war es gewesen, der die meisten Shinobi des Dorfes unter dem Nebel und den Jounin getötet hatte. Aber ich war sicher, dass eine Gelegenheit auch für die Ninjas Kirigakures eine Gelegenheit war, mochte sie noch so klein sein. Und wer wollte sie anklagen, wenn wir dem dreisten Angriff von ein paar Straßenräubern zum Opfer fielen?
Ungefähr zum gleichen Zeitpunkt, als mir dieser Gedanke kam, fühlte ich etwas am Rande meiner doch recht begrenzten sensorischen Fähigkeiten. Das war immer noch mehr als Karin leisten konnte, aber gegen einen voll ausgebildeten sensorischen Ninja war das nicht viel, die Reichweite geradezu bescheiden. Dennoch spürte ich das unregelmäßige Chakra von fünf Personen, lange bevor wir die nächste Hügelkuppe auf unserem kleinen Waldweg überwunden hatten und sie sehen konnten. Ranko-sensei auf meiner Schulter unterbrach ihr Spiel nicht, also bedeutete das eventuell keine Gefahr für uns. Oder sie rechnete damit, das wir damit fertig wurden. "Uzuki-sensei", sagte ich leise genug, um außerhalb der Gruppe nicht gehört zu werden. "Fünf, dreihundert Meter vorab."
Ein Lächeln umspielte ihre Lippen. "Besonderheiten?"
"Ihr Chakra ist in wilder Unordnung. Sie müssen krank sein."
Sie lächelte dünnlippig. "Oder besoffen."
Sie sollte Recht behalten, denn als wir die Kuppe überwunden hatten, hörten wir schon ihre schweren, lallenden Stimmen. Ich versteifte mich, als ich sie sah, fünf Männer insgesamt, wie erwartet. Sie trugen Schwerter, und ihre Kleidung war schmutzig, zerrissen und schlecht angelegt. "Ronin."
"Vielleicht", erwiderte Uzuki-sensei, und erinnerte mich daran, dass in unserer Welt, in der Welt der Shinobi, oft genug etwas nicht so war, wie es auf den ersten Blick wirkte.
Die Männer stritten miteinander, und hauptsächlich ging es darum, wer wie lange das große Tongefäß an den Mund setzen durfte, das zwischen ihnen kreiste. Und wie ihr Chakra bewies, kreiste es schon eine ganze Weile. Es enthielt Sake oder sogar harten Schnaps. Das machte langsam, brachte das Herz aus dem Takt und war schlecht fürs Gleichgewicht im Chakra. Aber diese Männer, Ronin, Soldaten ohne Herrn, lebten von ihrem Schwertarm, und ich hatte oft genug gesehen, dass besoffene Männer viele Vorteile genossen. Zum Beispiel waren sie gegen Schmerzen unempfindlicher als andere, und manche hatten bessere Reflexe als im nüchternen Zustand, wenn sie noch nicht zu besoffen waren. Der Umstand, das sie auf dem Weg standen, anstatt auf ihm unterwegs zu sein, ließ darauf schließen, dass sie Reisenden auflauerten. Oder vielleicht wollten sie auch nur, dass wir das glaubten. Vielleicht waren sie auch nicht allein, vielleicht ging uns bereits eine zweite Gruppe von hinten an, weit außerhalb meiner Reichweite. Doch solange Ranko-sensei weiter mit meinen Haarsträhnen zauste, hielt ich die Gefahr nicht für zu groß.
"Und was haben wir da?", rief einer der Männer plötzlich und deutete in unsere Richtung. Er war ein großer Bursche, und hatte den Krug wohl am längsten und am meisten erhalten, denn selbst auf fünfzig Meter glaubte ich, seine Fahne riechen zu können. "Vier liebliche Kätzchen auf der Reise!"
Ich zuckte wie unter einem Schlag zusammen. Vier? Hatte sich Sensei verwandelt? Nein. Bedeutete das etwa, das dieser ungewaschene, schlecht riechende Bursche... Ich, ein Mädchen? Ich fühlte eisigen Zorn in meinem Magen, einen von der Sorte, die nicht überkochten, aber gut für die Nachdrücklichkeit waren.
Uzuki-sensei drückte mir eine Hand vor die Brust und hielt mich davon ab, vorzutreten.
"Wir wollen keinen Ärger, meine Herren", sagte sie mit ruhiger Stimme. "Wir wollen nur vorbei."
"So, vorbei wollt Ihr?", rief der Große und taxierte uns, während wir näher kamen. Uzuki-sensei hatte augenscheinlich vor, an den Männern einfach vorbei zu gehen, und wenn wir sie passierten war die Gefahr für uns vorüber, dann hatten sie gekniffen. Doch der Große tat uns den Gefallen nicht. Er stellte sich in unseren Weg. "Das kostet aber Wegezoll, meine Kätzchen." Er grinste schief und beinahe zahnlos, und seine Linke ruhte auf seinem Schwertgriff, den er sich in den Gürtel seines schlampig angezogenen Kimonos gesteckt hatte. Die anderen Männer stimmten ihm lautstark zu und besetzten die Straße auf ihrer vollen Breite. Damit hatte es sich mit einer entschlossenen und gewaltfreien Lösung.
"Du kannst deinen Wegezoll haben, du ungewaschener...", begann Hanako-chan in ihrer polterigen Art, doch Uzuki-sensei hielt sie auch zurück. "Ich habe ein paar Ryou bei mir", sagte sie vorsichtig und lotete die Grenzen in der Gier des Großen aus.
"Was wir wollen sind keine Ryous, aber vielleicht eure Gesellschaft für ein paar Stunden."
Er grinste sie noch breiter an, und entblößte dabei ein paar verfaulte Zahnstummel, die einmal Backenzähne gewesen waren.
"Ich will die da!", rief einer seiner Männer, und deutete auf mich.
Nein, ich sah damals nicht besonders weiblich aus, aber Ranko-sensei hatte mir eine unmögliche Frisur verpasst, und der Bursche war besoffen und wahrscheinlich vom Gesöff schon halbblind. Das änderte nichts daran, was für einen Wegezoll diese nach Schweiß stinkenden Bastarde von uns verlangten - unsere Körper. Und da setzte etwas in mir aus.

Für Beobachter musste es so aussehen als würde ich verschwinden, mich in Nichts auflösen, und erst knapp vor dem Großen wieder auftauchen. Der Fast Step war eine Fähigkeit, die jeder Ninja mit der Zeit erlernte. Sie gehörte zu unserer Kampfkunst wie das Sammeln von Erfahrung, und ich beherrschte ihn leidlich. Im Moment überraschte ich damit die fünf Ronin. Besonders ihren Anführer, denn mein Kunai schnitt sich tief und schmerzhaft in seine Kehle. Blut floss an der Klinge herab, und ich drückte noch ein wenig fester zu. Ein erstickendes Gurgeln klang aus seinem Mund, und ängstlich äugte er zu mir herunter.
"Wir suchen wirklich keinen Kampf", sagte ich mit mühsam beherrschtem Zorn, "denn ich bin sehr schlecht im Kämpfen. Ich kann nur töten, so wurde ich trainiert. Wenn Ihr also einen Kampf wollt, muss ich euch töten." Erneut verstärkte ich den Druck, und das Gurgeln des Großen wurde zu einem Winseln. "Muss ich euch töten?", fragte ich ernst in die Runde.
Die Männer ließen die Hände von den Schwertern, und nacheinander schüttelten sie den Kopf.
"Gut." Ich nahm das Kunai von der Kehle meines Gegners ab. Ich sah nach hinten. "Sie lassen uns durch, ohne Wegegeld."
Hastig machten die anderen vier Ronin Platz, als Uzuki-sensei und die beiden Mädchen uns passierten. Ich blieb stehen, neben ihrem Anführer, das Kunai noch immer stoßbereit erhoben, bis sie zwanzig Meter entfernt waren. "Deine Männer haben heute eine kluge Wahl getroffen, die dein Leben gerettet hat", sagte ich zu ihm, ohne ihn anzusehen. "Vielleicht solltest du jetzt eine gute Wahl für sie treffen, und darüber nachdenken, sesshaft zu werden, denn irgendwann werdet Ihr beim Raub auf der Straße auf einen Gegner treffen, der nicht so nachsichtig ist wie ich. Und dann sterben sie. Er, er, er, er, und schließlich du." Jetzt sah ich ihn an, zornig, und er wich unter meinem Blick einen halben Schritt zurück.
Ich steckte das Kunai wieder weg. Langsam, mit Bedacht. Ich tat es so, dass die anderen Ronin begriffen, dass ich diese Waffe jederzeit wieder ziehen konnte, und das sie in meinen Händen eine noch tödlichere Waffe war, als in den Händen eines normalen Kriegers. "Gebt die Wegelagerei auf. Sie ist nichts für euch", riet ich den Männern noch mal. Dann ging ich zwischen ihnen hindurch, als gäbe es sie nicht. Auf den Fast Step verzichtete ich, denn ich hatte diese Hunde zwar eingeschüchtert, aber sobald ich mir auch nur den Anschein gab, das ich fliehen wollte, Panik hatte, weg wollte, würde ihr Jagdinstinkt geweckt werden. Und dann würde ich sie töten müssen. Nicht, dass es in der Welt einen großen Unterschied gemacht hätte. Irgendwann würden sie auf den Falschen treffen und im Staub der Straße sterben, die sie hatte reich machen sollen. Aber ich wollte es nicht sein, der diesen hoffnungslosen Gestalten nun auch noch das Leben nahm.
"Wer bist du?", rief mir der Anführer mit rauer Stimme nach.
"Mamoru Morikubo", sagte ich ernst. "Ich bin ein Shinobi aus Konoha!"
Sie folgten uns nicht, versuchten auch nicht, mich hinterrücks anzugreifen. Aber ich fürchtete, das Entsetzen hatte sie ausgenüchtert. Ein Gedanke, der mich schmunzeln ließ.

Ranko-sensei tätschelte meinen Kopf. "Ich hätte zwar lieber gesehen, wie du dich in einem Kampf schlägst, Mamoru-kun, aber du hast die Situation gut gelöst. Sie waren einen Kampf auch nicht wert. Und einer von ihnen hat sich sogar eingepisst."
"Sensei, bitte nicht so vulgär", tadelte ich den Affen. Nicht, dass es den Geruch der Bande wesentlich verschlechtert hätte. Aber kein Krieger auf dem Schlachtfeld achtete wirklich auf die Überreaktionen menschlicher Körper, oder die Ergebnisse von Todesangst. Nicht solange die Angst Wahrheit werden konnte.
Der Affe griente mich an und tätschelte mich weiterhin.

Als ich zu den Frauen aufschloss, nickte Uzuki-sensei mir kurz und anerkennend zu. Gut, ich würde nicht für mein eigenmächtiges Handeln getadelt werden. Auch Hana-chan und Karin-chan sahen mich aus großen Augen an. "Was?", fragte ich, als mir ihre Blicke zuviel wurden.
"Ich gebe zu, das war cool", sagte Hanako widerwillig. "Ein bisschen, zumindest."
Karins Augen hingegen verschwammen fast unter Tränen. "Du hast uns beschützt, Mamo-chan. Das war ja so männlich."
"Eigentlich habe ich eher diese Männer beschützt", erwiderte ich unbehaglich. "Sie hätten ja schon gegen mich alleine keine Chance gehabt."
"Das glaube ich aber auch!", klang eine Stimme links von uns auf. Erschrocken fuhr ich herum, das Kunai sprang wie von selbst in meine Hand, und neben mir spürte ich, wie Hanako-chan Chakra für ihr Jutsu sammelte.
An einem Baum am Wegesrand lehnte ein Ninja. Er trug seinen Stirnschutz mit dem Zeichen seines Ninja-Orts um die Hüfte gewunden. Es war das Zeichen von Kumogakure. Darunter trug er schwarze Hosen und eine weiße Schärpe über einem grauen Hemd. Seine Haare waren weiß, und sein Teint recht dunkel. Ich hatte ihn nicht bemerkt, bevor er gesprochen hatte. Andererseits war er über zwanzig Meter von mir entfernt, aber das erschien mir damals eine Ausrede vor mir selbst zu sein. Meine bescheidenen sensorischen Fähigkeiten reichten eigentlich viel weiter. Und das sagte genug über ihn aus.
Er grinste uns mit einem jungenhaften Lächeln an, das in mir den Wunsch weckte, ihn zum Freund zu haben, und er schien genau zu wissen, wie er auf andere wirkte. Er war vielleicht zwanzig, aber bestimmt nicht älter.
Langsam stieß er sich vom Baum ab und kam auf uns zu. Uzuki-sensei ging nicht in Abwehrhaltung, und auch Ranko-sensei reagierte nicht, also gab ich meine Abwehrhaltung auf.
"Ein Kumo-Ninja, so tief in den Wäldern des Reichs des Wassers? Ich bin überrascht", sagte Uzuki-sensei, zeigte aber noch immer kein Anzeichen von Abwehr, während der große Mann immer näher kam.
Vor mir blieb er stehen und tätschelte meinen Kopf. "Du hast dich verhalten wie ein richtiger Mann, mein Kleiner. Du hast deine Mädchen tapfer beschützt, und du hast dich nicht dazu herabgelassen, diesen Abschaum ohne zwingenden Grund zu töten." Er tätschelte noch einmal, dann wandte er sich Uzuki-sensei zu. "Ich wurde geschickt, um die Teilnehmer aus Konoha zu eskortieren. Wärt Ihr nicht früher aufgebrochen, hätten wir euch an der Grenze zum Land der heißen Quellen in Empfang genommen. So aber mussten wir euch ein wenig suchen."
"Wir?", fragte sie interessiert, aber sie wusste die Antwort sicherlich schon.
Der große Kumo-Ninja grinste breit und sah nach hinten zwischen die Bäume. "Kommt Ihr endlich, oder braucht Ihr eine Extraeinladung?"
Drei Schatten lösten sich aus dem Wald. Zwei trugen ebenfalls den Stirnschutz Kumogakures, und waren fast so braun wie ihr Sensei. Die dritte, ein blondes hellhäutiges Mädchen, hätte auch aus Konoha stammen können.
"Das sind Samui", er deutete auf die Blonde, "Karui", er deutete auf die Rothaarige, "und Omoi", und zeigte auf den Jungen der Gruppe. Das machte ihn mir sofort sympathisch. Er steckte in einer ähnlichen Situation wie ich, eingepfercht zwischen zwei Mädchen. Und er schien nicht viel älter als ich zu sein.
"Da sind sie also", sagte Omoi mit einem interessierten Blick in unsere Richtung. "Wir dachten schon, Ihr hättet euch verlaufen. Oder wärt von irgendwelchen Straßenräubern abgeschlachtet worden. Oder beides."
Karui versetzte ihm einen herben Schlag in den Nacken. "Blamiere uns nicht vor unseren Gästen", knurrte sie angriffslustig.
"Genau!", ereiferte sich Hanako. "Wer lässt sich schon von billigen Straßenräubern abschlachten?"
Die beiden Mädchen sahen einander an, und irgendwie schien ein Funke überzuspringen.
Die Blonde schnaubte verächtlich aus und deutete eine Verbeugung an. "Entschuldigt, bitte. Für beide. Sie sind eben unverbesserlich. Zurückhaltung kommt in ihrem Wortschatz nicht vor. Vielleicht ein Grund, warum sie mich nötiger brauchen als die Luft zum atmen."
Hinter mir spürte ich, wie Karin in ihren Bewunderungsmodus wechselte. Ihr Chakra stieg stetig an, und ein leises, begeistertes Geräusch drang aus ihrer Kehle. Sie bewunderte die Selbstsicherheit und Stärke bei anderen, von der sie dachte sie würde ihr fehlen.
Der Anführer nickte Sensei freudig grinsend zu. "Also, wir begleiten euch bis zum Examen. Ich erwarte nicht wirklich, dass Kirigakure den Examensfrieden bricht, aber unsere Geschichte mit der Stadt unter den Blättern verlief nicht immer sehr glücklich. Diesmal wollen wir es besser machen." Er verbeugte sich erneut ansatzweise. "Mein Name ist Kirabi. Ich bin ein Jounin von Kumogakure. Es ist mir eine Freude, euch kennen zu lernen. Uzuki-san." Er nickte ihr aufmunternd zu. "Hanako Yodama." Auch für sie hatte er ein Lächeln. "Karin Akimichi." Sie wandte sich von seinem offenen Blick verlegen ab, was ihn noch ein wenig breiter lächeln ließ. "Und schließlich unseren tapferen jungen Mann Mamoru Morikubo. Ihr steht jetzt unter dem Schutz von Kumogakure."
"Sehr erfreut, Kirabi-sama", sagte Sensei mit Bedacht in der Stimme. Dass sie ihn Sama nannte ließ mich aufhorchen, denn dieser Namensanhang sollte großen Respekt andeuten, und klarstellen, dass der andere einem übergeordnet war.
Allerdings hatte ich nicht viel Zeit, um über diese Fakten nachzudenken, denn Omoi ließ seine Rechte krachend auf meinem Rücken landen. "Ihr Konoha-Typen seid ja doch keine solchen Weicheier. Schade, dass ich schon letztes Jahr an der Chunin-Prüfung teil genommen habe. Ich hätte mich gerne mit euch gemessen."
"Na, danke für das Kompliment", ächzte ich. Er war vielleicht nur ein oder zwei Jahre älter als ich, aber dafür hatte er einen Schlag, der Eisennägel in Eichenwände treiben konnte.
Ich hatte erwartet, dass die beiden Mädchen sich Karin und Hanako zuwenden würden, stattdessen kamen sie zu mir. "Das ist aber ein niedlicher Affe", sagte die blonde Samui, und brachte sogar so etwas wie ein Lächeln zustande. "Wie heißt er denn?" Karui indes machte große Augen. So große, dass ich schon fürchtete, sie hätte gerade einen Heißhunger auf Affen entwickelt. Zumindest bis sich ein zärtliches "Äffchen" aus ihrer Kehle entrang.
"Das ist Ranko", sagte ich in freundlichem Ton, und hoffte, dass Sensei mich nicht dafür strafen würde, sie nur mit dem Vornamen vorgestellt zu haben. "Sie ist meine Begleiterin."
"Also sogar vier Mädchen", sagte Kirabi und lachte lauthals. "Junge, du hast es nicht leicht."
"Darf ich sie halten? Darf ich? Darf ich? Darf ich?", rief Karui begeistert.
Samui errötete leicht. "I-ich würde sie eventuell auch halten. Wenn es denn sein muss."
Und wahrscheinlich wollte sie den Affen dringender als Karui auf den Arm nehmen.
"Sie mag Orangen", verriet Hanako den beiden, und hatte sich sofort als ihre Verbündete etabliert. Sie zog ein paar Stücke aus ihrer Weste und schenkte sie den beiden Mädchen. Als Ranko-sensei dann auch sofort auf Samuis Schulter wechselte, strahlte das blonde Mädchen, während Karui zu Tode betrübt zu sein schien, bis Sensei auch auf ihre Schulter kletterte, um ihre Orangen zu fressen. Das führte dazu, dass Samui wieder ihre alltägliche Miene aufsetzte. Aber das hinderte sie nicht daran, dem Affen wehmütig nachzusehen.

Als wir den Weg fortsetzten, wechselte Ranko-sensei mehrfach die Schultern unserer Begleiter aus Kumogakure, und mir war das Recht. Keine Frisur-Experimente mehr. Dass sie sogar auf Kirabi-samas Schulter ritt, überraschte mich etwas, aber nicht so sehr wie seine Reaktion, als er den Affen beinahe zärtlich und zufrieden lachend kraulte. Sogar Omoi bekam seine Portion Affenzuneigung, und auch wenn er versuchte es sich nicht anmerken zu lassen, er genoss es.
Nun waren wir also zu acht, neun, wenn wir Ranko-sensei mit einrechneten. Und falls wir wieder auf einen Onsen treffen würden, musste ich nicht mehr alleine baden. Und Hanako wäre endlich mal abgelenkt. Das stimmte mich froher als die Aussicht auf schlagkräftigen Begleitschutz.
Während wir über die Landstraße gingen, stellte ich Omoi Dutzende Fragen über ihn, über Kirabi und über sein Team. Er beantwortete die meisten von ihnen, jedoch nicht die, die sein Jutsu betrafen. Das hatte ich auch nicht erwartet. Sein Jutsu entblößte ein Ninja nur vor jenen, an deren Seite er kämpfte, und jenen, die er tötete. Aber so erfuhr ich, dass Kirabi-sama aus einer der mächtigen Familien Kumogakures stammte, die bisher immer den Raikage gestellt hatte, und das er selbst ein herausragender Jounin war. Daran zweifelte ich nicht. Er strotzte vor Kraft, vor Chakra, und die Geschmeidigkeit, mit der er sich bewegte, bewies seine Erfahrung und sein Geschick.
"Allerdings hat er eine Macke", verriet Omoi, zog zwei Lutscher aus seiner Hosentasche, wickelte einen aus und steckte ihn sich in den Mund, und bot mir den anderen an. "Eine ziemlich große sogar."
Ich runzelte die Stirn. Uzuki-senseis Aufgabe war es, neben unserer Begleitung, so viel wie möglich über Kumogakure heraus zu finden, und wir sollten sie unterstützen. Ich würde auch jedes Informationsquäntchen in mir aufsaugen, und war es noch so unwichtig. "Und die darfst du mir verraten?", fragte ich, vor allem weil Omoi mir sehr sympathisch war. Nur weil ich Freund eines Hyuuga-Sproß war, und die versteckte Stadt Kumo für den Versuch, Hinata Hyuuga zu entführen, von Rechts wegen hassen musste, konnte ich für diese vier, und speziell Omoi ruhig eine Ausnahme machen. Das ich damals den ersten Blick auf ein Dilemma geworfen hatte, dem jeder Krieger, sei er nun Ninja oder Soldat, in seinem Leben mehrfach begegnete, konnte ich damals noch nicht ahnen. Aber immerhin habe ich diese eine Entscheidung nie bereut.
Omoi lachte, als hätte ich ihm einen guten Witz erzählt. "Natürlich darf ich dir das verraten. Du wirst es ja früh genug selbst mitbekommen." Verschwörerisch beugte er sich zu mir herüber und legte mir einen Arm um die Schultern. "Weißt du, Kirabi-sensei hält sich für einen ganz großen Dichter. Wenn er in einem harten Kampf steckt, kann es schon mal passieren, dass er aus dem Stegreif zu reimen anfängt. Und die Reime müssen dann nicht mal besonders poetisch sein, sondern nur einfach cool. Wir haben eine ganze Musikrichtung in Kumogakure, in der die Sänger sprechen und dabei reimen. Sensei ist ein großer Fan dieser Musik, und er hält sich für ihren besten Vertreter."
"Und du hältst ihn nicht für den Besten?", hakte ich nach. "Musikalisch, meine ich."
"Abgesehen davon das ich diese Musik nicht mag? Hm, er ist mit viel Wohlwollen Mittelmaß, finde ich."
Unbehaglich wand ich mich unter seinem Arm hervor. "Du weißt schon, dass ein Jounin wie dein Sensei uns auf die paar Meter hören kann, die er uns mit Uzuki-sensei voraus geht?"
"Hm? Ach so, du meinst, er könnte auf mich böse werden?" Omoi grinste breit. "Ich glaube, es reicht ihm, wenn ich ihn für den größten Shinobi in Kumogakure halte."
"Und? Ist er der größte Shinobi von Kumogakure?"
"Natürlich ist er das!", brüllte mir Karui aus allernächster Nähe ins Ohr. "Und du, Omoi, hör auf, Senseis Musik zu kritisieren! Du hast da ja überhaupt keine Ahnung von! Du machst sie ja nicht mal selbst!"
Der Junge schnaubte amüsiert. "Ich lege auch keine Eier, und trotzdem verstehe ich mehr von Omelettes als jedes Huhn."
Kirabi-sama lachte lauthals und warf einen Blick zurück zu uns. "Das war ein guter Konter, Omoi. Aber ich bringe dich schon noch dazu, meine Musik zu lieben."
"Reicht es nicht, wenn ich dich liebe, Sensei?", fragte er fröhlich zurück.
"Eigentlich ja", schmunzelte der große Mann und wandte sich wieder Uzuki-sensei um.
"Er hat gute Laune", sagte ich.
"Natürlich hat er gute Laune. Zumindest seit ich ihm diese Schnapsidee ausgeredet habe, sich den gleichen Bart wachsen zu lassen wie ihn der Raikage trägt, sein älterer Bruder."
"Und ich weiß, das war ein großer Fehler!", blaffte Karui erneut aus nächster Nähe. "Ich finde, so ein Bart würde ihm super stehen! Und eine coole Sonnenbrille, und... Und... Und..."
Ich hielt eine Hand vor ihr Gesicht und brachte sie dankenswerterweise zum Verstummen. Nach ein paar Sekunden hörte dann auch der Nachhall ihrer Stimme in meinem Schädel auf. "Danke. Könntest du bitte darauf verzichten zu versuchen, meine Trommelfelle zum platzen zu bringen?"
Sie errötete. "Ich hatte nicht vor..."
"Aber du hast mir aus allernächster Nähe ins Ohr geschrien", erwiderte ich vorwurfsvoll. "Zweimal."
"I-ich wollte nicht..." "Dann lass es bitte. Oder komm auf Omois andere Seite, wenn du dich mit ihm streiten willst."
Verblüfft blieb sie stehen, und es dauerte einige Zeit, bis sie so etwas wie eine Entschuldigung murmelte und wieder zu uns aufschloss.
Omoi zog die rechte Augenbraue hoch. "Du hast Potential, Mamo-chan. Ich dachte schon, sie würde mit dir den Boden polieren, weil du ihr zu frech bist. Aber ausnahmsweise ist wohl der Sinn deiner Worte bis zu ihr durchgedrungen. Das kommt nicht oft vor."
"Genug gestichelt!", sagte Samui schnell und trat autoritär zwischen die beiden Shinobi. Es hätte sicher eindrucksvoller gewirkt, wenn Ranko-sensei nicht auf ihrem Kopf gesessen hätte, in den Händen ein halb verspeistes Stück Orange. "Omoi, du gehst mit Mamoru-kun ein bisschen vor. Karui, du bleibst bei mir und den Mädchen!"
So sprach sie, und so taten wir es auch.
"Tust du immer das, was sie sagt?", fragte ich.
"Was soll ich machen? Sie ist unser Chunin."
"Hä? Aber ich dachte, du..."
"Ja, ich habe das Chunin-Examen bestanden. Und Karui auch. Aber ich habe den Rang nicht angenommen. Noch nicht."
Entgeistert starrte ich ihn an. Mir fielen tausend Fragen ein, und die Lehren meiner eigenen Meister, die immer wieder betonten, das fähige Leute ihren Fähigkeiten entsprechend arbeiten mussten, dass sie für das Wohl aller Verantwortung übernehmen mussten, und ähnliches. Und da ging ich neben einem Genin, der ein Chunin sein könnte, und es sogar müsste. Mein Gesicht musste ein einziges Fragezeichen gewesen sein.
Omoi lächelte verschmitzt und legte beide Hände hinter seinen Kopf. "Ach, weißt du, wenn ich Chunin bin, dann muss ich selbst Einsätze leiten, Teams anführen und Verantwortung übernehmen. Ich weiß, ich kann dem nicht entkommen, und eines Tages werde ich das auch nicht mehr. Karui und ich sind uns dessen wohl bewusst, und wir haben auch schon letztes Jahr Einsätze angeführt. Aber..." Er sah nach vorne zu Kirabi-sama, dann zurück zu den beiden Mädchen. "Aber mir gefällt die Situation so wie sie jetzt ist. Viele alte Shinobi halten die ersten Jahre in ihrer ersten Dreier-Einsatzgruppe für die beste ihres Lebens. Was spricht dagegen, diese Zeit zu genießen, solange wie es das Schicksal zulässt?"
"Aber... Aber... Wenn du den Chunin-Rang nicht annimmst, dann macht ein Schlechterer deinen Job! Und dann sterben Ninjas durch unnötige Risiken!"
"Ich denke, im Moment bin ich da, wo ich bin, in diesem Team, unter Sensei, am Nützlichsten. Wir sind ein eingespieltes Team, eine sichere Bank in der Kalkulation des Raikages. Außerdem werden wir ja ab und an abgezogen, um besondere Einsätze durchzuführen. Es ist nicht so, als würden wir die Chunin-Pflichten überhaupt nicht wahrnehmen. Aber ich brauche diese Gruppe, und ich will, dass sie so lange wie möglich existiert. Und wenn ich dafür eine von den beiden heiraten muss." Grinsend deutete er hinter sich.
"W-wer will dich schon heiraten? Blödmann!", rief Karui von hinten, und verriet uns damit, das sie zugehört hatte. Ich sah zurück und erkannte die deutliche Röte auf ihren gebräunten Wangen. Allerdings war auch Samui unter ihrem hellen Teint kräftig rot geworden. Nun, ich verstand nicht allzu viel von Mädchen in diesen Tagen, aber ich verstand in jenem Moment, dass sie manchmal etwas ganz anderes sagten als sie wirklich dachten.
"Und wozu ist der Chunin-Rang dann überhaupt gut?", murrte ich ärgerlich.
Omoi lachte leise. "Das weißt du nicht? Als Chunin wirst du erheblich besser bezahlt. Das ist das ganze Geheimnis. Du kriegst in manchen Missionen sogar einen Anteil. Aber ich war nie besonders geldgierig."
Ich runzelte die Stirn. Wenn Hanako-chan das gehört hatte, dann würde ich keine ruhige Minute mehr haben.
"Chunin-Examen! Yay! Ich will Chunin werden!" Ihre Stimme. Sie hatte es gehört. Und ich wusste, dass mein Leben damit ein klein wenig komplizierter geworden war. Ich seufzte leise. "Ach, bringen wir es einfach hinter uns."
Omoi griente mich wissend an. Erneut legte er den Arm um meine Schulter. "Wird schon werden, Kumpel. Aber jetzt erzähl mal, wo seid Ihr lang gekommen? Wo habt Ihr Rast gemacht? Kennst du den "Drachen, der in zwei Quellen badet"? Finde ich ein großartiges Gasthaus."
Ich seufzte erneut, aber anschließend redete ich mit Omoi über viele unwichtige Themen, allerdings immer darauf bedacht, ihn ein wenig über Kumo auszuhorchen, während er nach Hinweisen über Konoha fischte, die nicht allgemein bekannt waren. Er wusste es, ich wusste es. Wir wussten es beide. Und deshalb grinsten wir und köderten einander mit kleinen Häppchen an Wissen. Es machte uns Spaß. Und ich glaube, wären die Dinge anders gekommen... Aber das führt schon wieder zu weit.

Wie ich schon erwähnte, war ich der einzige sensorische Ninja der Konoha-Gruppe, und meine Fähigkeiten waren damals nicht viel besser als heute, eigentlich erbärmlich zu nennen. Meine Stärken liegen halt woanders, und das sage ich ohne Ironie. Aber hätte ich Omois Fähigkeiten gehabt, oder jene von Kirabi-sama oder Uzuki-sensei, dann hätte ich gewusst, dass wir einige  Stunden lang von mehreren Shinobis Kirigakures begleitet worden waren. Ob sie nur sichergehen wollten, dass wir ihr Land schnellstmöglich wieder verließen, oder ob sie wirklich einen persönlichen Groll auf Team drei abbauen wollten, erfuhren wir nie. Aber als mir Omoi später davon erzählte, wurde mir klar, warum Kirabi-sama und Uzuki-sensei zwischen all ihrem Gelächter für kurze Zeit abwesend gewesen zu sein schienen. Und anscheinend war Kirabi-sama bei den Shinobi der Stadt hinter dem Blutregen wohl bekannt. Ich weiß nicht ob es seine Anwesenheit war, die Kirigakure vom Angriff abhielt. Ich weiß auch nicht, ob es ohne ihn einen Angriff gegeben hätte. Aber ich wollte es damals glauben, und ich will es heute noch glauben.
Der Rest der Reise nach Kumo wurde für uns junge Shinobi aus Konoha jedenfalls ein richtiger Spaß, den ich sehr genoss. Der Spaß, der dann allerdings in der Ninja-Stadt beim Chunin-Examen auf uns wartete, besaß ein eigenes Kaliber.
***
Heftig atmend presste ich die linke Hand auf die tiefe Schnittwunde im rechten Bizeps. Es blutete wie Sau, wahrscheinlich war eine Arterie verletzt worden. Der Ärmel war schon rot von meinem Blut, mir war übel, und irgendwie schien die Welt ein wenig zu wanken. Ich sah mich um, sah die Körper Toter und Sterbender, sah das Blut, das die Straße bedeckte, sah meine Kameraden und Gefährten, Blutbesudelt. Eins. Zwei. Konoha komplett. Drei. Vier. Fünf. Kumogakure war auch komplett.
Karin lehnte an einem Baum und atmete schwer. Hanako hockte neben ihr, das Gesicht so sehr von Blut bedeckt, das es wie eine Maske wirkte. Ihre sorgenvollen Augen sah auf das Akimichi-Mädchen herab, doch sie winkte nur zum Zeichen, das es ihr gut ging.
Omoi zog sein Katana aus einer Leiche hervor, schwenkte die Klinge mit jener Eleganz und Präzision, der mehr als zwanzig Männer zum Opfer gefallen waren und steckte sie wieder weg.
Karui japste wie ein Fisch auf dem Trockenen, in beiden Händen noch immer die Kragen der Männer, die sie zuletzt mit bloßen Händen getötet hatte. Ungläubig sah sie sich um, so als wollte sie nicht verstehen, dass es vorbei war.
Samui tötete den letzten Angreifer, mit all dem Bedacht und der Ruhe, der sie schon zuvor ausgezeichnet hatte. Damit hatten wir wie viele erledigt? Sechzig? Ich wusste es nicht, und ich wollte es auch nicht wissen.
Ich erinnerte mich daran, wie diese Burschen über uns gekommen waren, praktisch aus dem Nichts heraus, schwer bewaffnet, eine wilde Mischung aus Ronin mit Schwertern und Speeren sowie herrenlosen Ninjas mit den klassischen Waffen unserer Kunst. Eigentlich hätten wir jetzt tot sein müssen, mausetot. Alleine die Übermacht hätte uns erdrücken, erschlagen müssen. Allein der Anblick des Riesen mit den fettigen schwarzen Haaren hätte uns erstarren lassen müssen. Doch es war nicht passiert. Wir hatten so reagiert, wie wir es immer trainiert hatten. Jeder für sich, denn um eine Linie aufzubauen war alles zu schnell gegangen, aber mit all dem Eifer und der Kraft, die wir erworben hatten in den Jahren als Genin. Ich sah zu der Burg hinauf, auf der Kirabi-sama und Uzuki-sensei gerade zu Gast waren, und ich fragte mich, ob dies ein gezielter Angriff auf uns gewesen war, im Zeitpunkt der größten Schwäche, jener Moment, in dem die beiden Jounin nicht bei uns waren. Oder ob wir einfach in eine Schlacht hinein geraten waren; vielleicht hatten diese gedungenen Mörder uns einfach nur ausschalten wollen, damit wir die Burg nicht warnen konnten. Ich blickte mich weiter suchend um, doch ich konnte Ranko-sensei nirgends entdecken. Ich hatte sie doch bei mir gehabt! Ich hatte ihr Gewicht auf meiner Schulter gespürt, das vertraute Gewicht, die wohlige Wärme ihres Körpers, und ein Stück ihres Armpelzes hatte meine Wange gestreichelt. Sensei, wo war sie? Tot? Ranko-sensei? Niemals! Oder doch? Zweifel griffen nach meinem Herzen, und bevor ich mich versah, begann ich sie zu suchen, unter all den Toten. Was, wenn sie wirklich tot war? Was, wenn ich dem Hokage erklären musste, dass ich Sensei eigenmächtig beschworen hatte, nur um sie im Staub der Straße unter der Burg zu verlieren?
"Du darfst deine Wunde nicht loslassen", tadelte mich Omoi. Er drückte seine eigene Hand auf meine Wunde und zog mich von dem Toten fort, den ich gerade herum gewälzt hatte. "Samui!"
Die junge Chunin sah auf, es war beinahe so als würde sie aus einem Traum erwachen. Sie sah zu uns herüber, fixierte meine Wunde, warf dann einen letzten Blick auf den Toten, der, den sie zuletzt getötet hatte. "Komme."
Um zu Omoi und mir zu gelangen musste sie über ein Dutzend Leichen steigen, aber sie beachtete die Toten nicht wirklich. Die meisten dort hatte Karin mit ihrem beeindruckenden Baika no Jutsu  zerschmettert, bevor sie überhaupt gemerkt hatten, was ihnen passiert war. Und sie war nicht einmal die Gefährlichste von uns sechs.
"Ranko", sagte ich mit matter, verzweifelter Stimme. "Ich muss Ranko finden. Eben war sie doch noch da."
"Halte den Mund", tadelte Samui mich. Sie zog ein Kunai hervor und schlitzte meinen rechten Ärmel auf. Sie besah sich die Wunde. Ein Stirnrunzeln. "Sehr tief. Das kriege ich nicht geheilt."
"Aber du kannst die Ader schließen", sagte Omoi bedächtig.
"Natürlich kann ich das. Dafür reicht es noch. Den Rest müssen wir verbinden, bis wir einen Arzt oder einen Medi-Ninja finden." Sie legte mir eine Hand auf die Stirn. "Blutverlust, aber noch nicht bedrohlich. Nimm die Hand weg, Omoi."
Der Genin tat wie ihm befohlen wurde, das Blut schoss wieder hervor. Aber Samuis Chakra zeigte bereits Wirkung. Dünner Rauch kräuselte aus der Wunde, und dann war die Ader wieder geschlossen, geradezu geflickt. Anschließend schnitt sie mir den Ärmel ab. "Verbinde du ihn. Ich muss nach den anderen sehen. Obwohl er mein schwerster Patient gewesen zu sein scheint." Ein dünnes Lächeln huschte über ihre Züge, bevor sie sich Karin und Hanako zuwandte.
Plötzlich fühlte ich mich so schwach, so leer. "Was ist überhaupt passiert, zum Henker?", fragte ich, und ließ mich zu Boden sinken. Ein Wunder, dass ich das Straßenpflaster traf, und nicht eine der zahlreichen Leichen. "Was war das hier? Kämpfen um des Kämpfens Willen? Was...?"
"Das kann ich dir leider nicht beantworten. Ich kenne einige dieser Burschen vom Bingo-Buch für Kopfgelder, aber keiner von ihnen hat eine direkte Verbindung mit Kumogakure. Mir ist auch nichts davon bekannt, dass uns gemeldet wurde, eine Gruppe dieser Größe würde sich an der Grenze zum Land der Blitze herum treiben. Ich..."
Eine Explosion unterbrach ihn. Über dem Hauptgebäude des Schlosses hing eine gigantische Rauchwolke. Omoi lächelte dünn. "Ah, Sensei bei der Arbeit. Dann wird er die Sache sicherlich aufklären können." Er nickte in Richtung meiner Armwunde. "Wie ist das überhaupt passiert?"
Ich seufzte leise. Ranko-sensei, wo war sie nur? Es erfolgte eine weitere Explosion, die weite Teile des Haupthauses einstürzen ließ, und das alles schien mir seltsam entrückt zu sein. "Es war ein Katana. Hätte ich den Arm weg gezogen, hätte es dich in den Rücken getroffen. Dann rutschte die Klinge glücklicherweise am Armknochen ab, weil sie nicht scharf genug war. Und..." Ich stockte. "War das überhaupt nötig? Oder hattest du den Burschen längst im Visier?"
Omoi legte mir eine Hand auf die Schulter. "Glaube mir, Mamo-chan, ich habe ihn nicht gesehen. Tja, wer weiß, vielleicht hast du mir sogar das Leben gerettet. Aber wenn ich mir so ansehe, was Kirabi-sama mit dem Schloss macht, könnte mein Lebensende durchaus noch kommen. Falls das noch nicht alle gewesen sind."
Ich atmete erleichtert auf. Immerhin. Ich hatte meinen Arm nicht für Nichts riskiert. Das erleichterte mich. Ich war versucht, mich einfach nach hinten fallen zu lassen, tief einzuatmen und sofort einzuschlafen. Aber Omoi hatte Recht. Wir waren in eine unübersehbare Situation geraten, hatten viel Chakra verbraucht, und würden vielleicht noch einmal kämpfen müssen. Wir wussten nicht was im Schloss los war, wie es Kirabi-sama und Uzuki-sensei gerade erging, ob sie es überhaupt raus schafften. Wenn sie das nicht konnten, würden wir rein müssen. Und dann hatten wir es mit einem Gegner zu tun, der mindestens zwei Jounin binden konnte.
"Puki?", erklang es vor mir, ein Stück abseits der Straße. Ranko-sensei schien aus dem Nichts zu entstehen. In ihrer Form als kleiner Affe sprang sie auf die Straße, hüpfte über die Leichen und sprang auf meine Schulter. Sie sah Omoi dabei zu, wie er mir einen Verband anlegte. "Puki?"
"Schon in Ordnung. Ein tiefer Schnitt, aber nicht lebensbedrohend", erwiderte ich. "Karin, Hanako, alles in Ordnung bei euch?"
Die beiden Mädchen nickten. Samui war derweil zu Kamui weiter gegangen, die immer noch fassungslos auf die Toten starrte. Erst als das blonde Mädchen sie erreicht hatte, stahl sich ein wildes Grinsen auf ihre Züge, und sie ließ die Kragen der beiden Toten los. "Na, da soll noch mal einer sagen, es gäbe keine Überraschungen mehr im Leben. Hey, Mamo-chan, wo ist denn dein Affe gerade hergekommen?"
"Wahrscheinlich da her, wo auch die anderen hergekommen sind", sagte ich. Ranko-senseis Pfoten waren mit Blut verschmiert, und ich ahnte, dass sie sich diesmal nicht zurückgehalten hatte. Ich biss mir auf die Unterlippe und zwang mich aufzustehen. "Wir werden nachsehen müssen."
"Sie sind noch nicht zurück", gab Omoi zu bedenken, und er meinte unsere Senseis. Falls uns ein weiterer Kampf bevor stand, weil wir uns in Gefahr begaben, wäre es wesentlich klüger gewesen, auf die beiden zu warten. Normalerweise. Aber ich rechnete nicht damit, dass Ranko-sensei irgend etwas Gefährliches für uns übrig gelassen hatte.
"Was ist überhaupt passiert?", fragte Karin. "Ich weiß noch, ich hatte mich so erschrocken, und dann konnte ich gar nichts mehr machen."
Kamui sah die kleine Genin mit vor Entsetzen aufgerissenen Augen an. "Mädchen, dein Jutsu hat mindestens zwanzig von ihnen erwischt. Dafür, das du nichts mehr machen konntest, war das aber ziemlich viel."
"Ich habe vielleicht ein wenig in Panik reagiert", erwiderte sie und wurde rot.
Eine dritte Explosion erklang in der Festung, und diesmal lag sie nicht beim Hauptgebäude, sondern näher am Torhaus. Das lenkte mich für einen Augenblick ab, und ich rannte in etwas Hartes. Ungläubig blieb ich stehen. Da war doch nichts, da war doch einfach... Unter meiner Wange spürte ich Holz. Aber auch die schwache Ausstrahlung eines an einen Gegenstand gebundenen Genjutsus. Ich tastete in meiner unbequemen Haltung das Holz ab und fand die Ränder. Langsam und vorsichtig schob ich den Kopf um die breite Bohle. Und dann wurde mir alles klar, als ich die Welt aus einer neuen Perspektive betrachtete, nämlich seitlich. Dutzende Bohlen steckten hier in vier Reihen in der Erde, und sie waren so arrangiert, dass man immer die Bretter sah, wenn man von der Straße herab schaute. Die Planken waren bemalt, oder es war das Genjutsu, das es dem Betrachter vorgaukelte, den Hintergrund zu sehen, so als gäbe es keine Planken, als gäbe es das dahinter nicht.
"Mamo-chan, wo bist du plötzlich hin? Da passt man eine Sekunde nicht auf, und...", fluchte Omoi.
Ich trat wieder vor die Planken. "Ich weiß jetzt wo sie hergekommen sind."
"Wie hast du das gemacht?", fragte Samui ernst.
"Es ist ein Trick. Ein optischer Effekt. Verstärkt durch ein Genjutsu. Ein unterschwelliges, nicht besonders starkes. Man spürt es kaum, und deshalb funktioniert es wohl."
Ich verschwand wieder hinter dem Holz. Aus meiner Perspektive heraus war es einfach, einen Weg zwischen ihnen zu finden. Tatsächlich konnte man von der letzten Reihe bequem auf die Straße gelangen, indem man die Planken einfach schräg passierte. Auf den gleichen Weg gelangte ich hinter den optischen Wall. Vor mir breitete sich ein kleines Lager aus, das direkt hinter den Brettern begann, und von ihnen halbkreisförmig geschützt worden war. Ich entdeckte drei weitere Tote im Lager selbst. Die musste Ranko-sensei erledigt haben. "Wer waren sie, Sensei?", fragte ich leise.
"Shinobi. Sie gehörten nicht zu diesen bezahlten Killern. Profis, wenn du so willst."
"Du machst die Sache gerade unnötig kompliziert", tadelte ich.
"Weil sie kompliziert ist."
"Wow, das habe ich nicht erwartet", rief Hanako erstaunt, als sie den Weg hinter das Holz gefunden hatte. "Hier war ihr Lager? Das war doch ein gutes Versteck. Warum haben sie uns also angegriffen?"
Die anderen folgten nach, wir bestaunten die geschickte Konstruktion. "Ich hatte etwas gespürt, am Rande meiner Wahrnehmung. Ein Chakra flammte auf", sagte Omoi. "Schwach nur, aber es war da. Ich meine hier, wo man von der Straße aus aber niemanden sehen konnte. Vielleicht haben sie das gemerkt und deshalb angegriffen. Oder ich habe es gespürt, weil sie angegriffen haben." Er tätschelte die Bretter. "Diesen Aufwand haben sie jedenfalls nicht dafür betrieben, um uns harmlose Genin zu überfallen." Samui hüstelte. "Und Chunin." "Danke."
"Das glaube ich auch nicht. Nicht mehr", sagte ich. Der Aufwand war tatsächlich zu groß. Das Versteck lag zu nahe am Tor, und es war viel zu gut geschützt. "Sind wir etwa durch puren Zufall in diesen Mist hinein geraten?", fragte ich, und ich musste lachen, weil die Situation so lächerlich wirkte.
Da erklang eine weitere Explosion, diesmal ganz nahe. "Samui! Karui! Omoi!", klang die vor Sorge getränkte Stimme Kirabi-samas auf. "Wo seid Ihr?"
"Oh, diese Bohlen müssen unser Chakra unterdrücken", bemerkte Omoi amüsiert. Er griff nach seinem Schwert, zog es mit einem heftigen Ruck, und stieß es danach wieder in die Scheide. Vor ihm fielen auf einer Breite von fünf Metern die Balken um. Er hatte sie sauber in Bauchhöhe abgetrennt. "Wir sind hier, Sensei!"
Erstaunt starrte Kirabi zu uns herüber. "Was? Aber..." Er runzelte die Stirn. "Aber... Wie?"
Hinter ihm kam Uzuki-sensei aus dem zerstörten Tor der Burg. "Ihr habt hier ja ganze Arbeit geleistet, wie es scheint."
Ich sah zur Burg hoch, über der sich eine Rauchwolke gesammelt hatte. "Ihr anscheinend auch, Sensei."
"Und es ist noch nicht vorbei. Erklärt uns alles unterwegs. Hier haben wir nichts mehr verloren."
"Außer dem Kopfgeld für einige der Männer", sagte Hanako. "Sie stehen im Bingo-Buch."
"Wir können uns jetzt nicht mit Leichen belasten", sagte Uzuki-sensei ernst. "Diese Männer waren eine Vorhut. Die Hauptstreitmacht ist bereits auf den Weg, und wenn wir nicht richtig ins Kreuzfeuer geraten wollen, sollten wir wirklich verschwinden."
"Wir haben genug Dilemma angerichtet", fügte Kirabi-sensei hinzu. Was ich vermisste war eine Erklärung, dass wir der Hauptstreitmacht nichts entgegen zu setzen hatten. Kirabi-sama schien das auch nicht zu denken.
"Los jetzt", drängte Uzuki-sensei, "keine Zeit zu verlieren!"

Wir verließen die Straße und machten uns auf den direkten Weg zur Grenze ins Land der Blitze. Dazu nahmen wir den Weg durch einen Wald, sprangen von Ast zu Ast und versuchten dem Chaos hinter uns zu entkommen.
"Was ist überhaupt passiert?" Ich schüttelte den Kopf, energisch, um den leichten Schwindel abzuschütteln, der mich erfasst hatte. Der Blutverlust machte sich bemerkbar. Ich Trottel war als einziger verletzt worden. Damals hielt ich mich deshalb auch für den Schlechtesten Genin unserre Reisegruppe. Vielleicht hatte ich damit auch Recht, damals.
"Eigentlich ist es eine ganz witzige Geschichte", erklärte Kirabi-sama, während er an der Spitze unserer Gruppe reiste; Uzuki-sensei machte den Abschluss, und das sagte uns genug über den Ernst der Situation. "Koda, der hiesige Daimyo, der in dieser Burg residiert und die Grenze zu unserem Land überwacht, hat einen Privatkonflikt mit Artori, dem Herrn der Nachbarburg. Die beiden beharken sich schon eine ganze Zeitlang, und es sieht so aus, als hätte Artori zum finalen Schlag ausgeholt, als er diese Söldnerbande bis vor Kodas Burgtor geschickt hat. Er hätte nicht viel riskiert, wenn die Söldner beim Erstürmen des Burgtors gescheitert wären, aber er hätte alles gewinnen können. Als wir an seiner Burg vorbei kamen dachte Koda, sein Feind hätte uns beauftragt, seine Festung zu stürmen. Deshalb hat er Uzuki-chan und mich von euch getrennt. Als er versuchte, uns von seinen Wachen überwältigen zu lassen, beging er seinen ersten Fehler. Sein zweiter war, uns nicht gehen lassen zu wollen. Hätte ich gewusst, das Ihr zugleich von Artoris Banditen angegriffen wurdet, hätte ich mich beeilt."
Uzuki-sensei schnaubte von hinten amüsiert. "Wir mussten uns ja keine Sorgen um sie machen, oder?"
"Augenscheinlich nicht", sagte Kirabi, und mit Stolz blickte er über seine Gruppe hinweg. "Und deine Truppe war auch nicht schlecht, Uzuki-chan."
"Oh, das habe ich durchaus mitgekriegt", erwiderte sie zufrieden.
Ich seufzte. Und ich war als Einziger verletzt worden. Was für eine Schande. Das wir damals auch alle hätten sterben können, kam mir nicht zu Bewusstsein. Das war auch etwas schwierig, denn der Blutverlust und unser schnelles Reisetempo forderten von meinem Körper Tribut, und übergangslos wurde mir schwarz vor Augen. Alles wurde abgestellt. Sehen. Hören. Fühlen. Ich fühlte mich einen Moment lang dumpf und schwer, und irgendwo in der Ferne schienen Stimmen meinen Namen zu rufen. Aber es erreichte mich nicht, riss mich nicht aus der Lethargie. Dann wurde es richtig finster.

Als ich wieder erwachte, spürte ich als Erstes eine gewisse Wärme. Und ich werde mich wohl ewig an diese Mischung aus Rauch und dem Geruch eines erwachsenen Mannes erinnern, der gerade schwitzte.
"...hättest uns zuerst über seine Verletzung informieren müssen", hörte ich Uzuki-sensei sagen.
"Es tut mir leid", klang Samuis zerknirschte Stimme auf. "Ich habe den Blutverlust falsch eingeschätzt. Und als er mit uns problemlos mithielt, und weil es schnell gehen musste... Ich habe einen Fehler gemacht."
"Kein Fehler, den wir nicht noch korrigieren konnten. Aber der Junge muss dringend in ein Hospital. Wenn er es überhaupt zur Chunin-Prüfung schafft."
Ich erwartete Hanakos enttäuschtes Aufheulen zu hören, weil ich ihr ihre heiß geliebte Prüfung versauen würde. Aber da war nichts, keine Beschwerde, kein Geschimpfe.
Mühsam öffnete ich die Augen, sah auf Kirabis breiten Rücken. Er wandte sich so weit um wie er konnte. Da begriff ich, dass der große Shinobi mich trug. "Schlaf weiter, mein Junge. Wir haben es fast geschafft."
Ich wollte aufbegehren, etwas erwidern, aber es wurde nur ein gequältes Stöhnen. Bevor ich mich versah, kam die Schwärze wieder über mich.