Konoha Side Stories

GeschichteAbenteuer / P12
20.06.2011
23.07.2016
80
690142
7
Dieses Kapitel
27 Reviews
 
 
 
Konoha Side Stories
von Ace Kaiser

Info:
Ich bin seit Jahren ein Fan von Naruto, und verfolge regelmäßig seine Abenteuer im japanischen Original mit englischen Untertiteln. Dennoch weiß ich nicht annähernd genug über Naruto und seine Welt, um als Experte zu gelten. Ich selbst würde mich als erfahrenen Amateur bezeichnen; wohl auch deshalb weil ich den Manga nicht kenne, und mir deshalb viele Informationen gar nicht zugetragen wurden. Dennoch hält mich das nicht davon ab, ebenfalls in diese Welt einzutauchen. Nur will ich nicht, wie es bei zu vielen Fan-Stories üblich ist, die Hauptcharaktere zu sehr in Anspruch nehmen oder gar belasten. Die ganze Welt von Naruto ist groß und weit, und es gibt so viel zu erleben, so viel zu entdecken, so dass ich mich immer gefragt habe, wie viel wir gar nicht erleben, nicht erleben können. Meine Erzählung hat also wenig mit Naruto selbst zu tun, und setzt, wenn der Plot stabil bleibt, einige Jahre vor der Zeit an, in der er ein Genin wird. Aber meine Helden sind selbst Genin, und ich erfinde sie mit dem, was ich über Konoha weiß. Anschließend entlasse ich sie in Narutos Universum, und hoffe, spannende Geschichten zu schreiben, ohne Naruto zu benutzen, der bei mir im Moment ohnehin erst acht Jahre alt ist, und weniger durch sein Können, als durch das abfällige Geflüster der Älteren und seine eigenen dreisten Streiche von sich reden macht.

Prolog:
Als ich das erste Mal in die Verlegenheit kam, einen Menschen töten zu müssen, war ich gerade einmal zwölf Jahre alt. Jenes Alter also, in dem man von der Akademie abging, um fortan der versteckten Stadt Konoha als Ninja zu dienen, als Genin. Einige Ninja blieben ihr ganzes Leben lang Genin, was nicht zuletzt daran lag, dass die Auswahlverfahren für den nächsthöheren Rang, den Chunin, und den höchsten Rang, den Jounin, unglaublich harsch waren; und außerdem taugten manche Menschen einfach nicht dazu andere anzuführen, oder sie fühlten sich als Befehlsempfänger wohl. Dennoch, mit den ersten Schritten als Genin stehen für jeden die Chancen gleich, eines Tages Jounin, oder sogar Hokage zu werden, Oberhaupt der Versteckten Ninjastadt im Land des Feuers.
Nicht, dass mich das in diesem speziellen Moment interessiert hätte. Nicht, dass ich mich auf etwas anderes konzentriert hätte als auf das maskierte Gesicht mit den stechenden Augen, auf das tödliche Kunai in der Hand meines Gegenübers, und auf sein Zeichen am Stirnband, die vier Wellen, das ihn als Ninja aus Kirigakure auswies. Wie gesagt, ich war zwölf, und er war mindestens dreißig, mir an Körperkraft und Erfahrung weit überlegen. Mein Ende war besiegelt, alleine schon dadurch, dass meine Spezialität das Katon-Jutsu war, also die Kraft, Feuer zu kontrollieren, während mein Feind das traditionelle Suiton beherrschte, das Wasser. Damit war es meinem eigenen Jutsu überlegen, sein natürlicher Feind, und mein Ende erschien unausweichlich.
Wie gesagt, ich hatte gerade erst begonnen, ein Genin zu sein, war noch grün und feucht hinter den Ohren, und eigentlich wurden Neulinge wie ich keinen großen Gefahren ausgesetzt, bis sie wenigstens grundlegend den Unterschied zwischen dem Leben in der Schule und jenem in der Realität begriffen hatten. Damit sie das auch konnten, bekam jedes dreiköpfige Team in den ersten Jahren einen Jounin als Aufpasser und Lehrmeister mit. In meinem Fall war es der ewig kränkliche Schwertkämpfer Gekko Hayate, der rein äußerlich nicht viel hermachte. Aber er war ein Jounin, und die Bedeutung dieses Wortes sollte ich später noch begreifen.
Und wie ich auch schon erwähnte, so wurden uns Neulingen niemals Missionen zugeteilt, deren Gefährlichkeit über einen E-Rang oder in Ausnahmefällen einen D-Rang hinausgingen. Aber es gab leider keine Garantie, dass sich eine E-Mission nicht in ihrem Verlauf in eine B- oder gar A-Mission wandelte, ganz einfach weil die Gefährlichkeit zunahm.

Meine ersten Missionen waren daher auch klassisch gewesen: Entlaufene Haustiere einfangen, um Teamwork zu trainieren, körperliche Arbeit wie Unkraut jäten und Holz hacken, um Fitness und Muskeln aufzubauen sowie Transportmissionen, um für längere Reisen fit zu werden und die Umgebung mit ihren Menschen kennen zu lernen. Mir war trotz meiner Jugend klar, dass wir nicht mit "unwichtigen Missionen, die unserer nicht wert waren", getriezt wurden, sondern das unser Training wie in einem großen Praktikum weiter ging, und deshalb war ich im Gegensatz zu meinen beiden Kameradinnen sehr gespannt auf den Zeitpunkt, an dem die E-Rang-Missionen dauerhaft von denen des D-Rangs abgelöst wurden. Oder wir die erste C-Rang-Mission zugeteilt bekommen würden, sobald Hayate-Sensei meinte, wir wären soweit.
Meine Kameraden nörgelten also, und wollten "richtige Ninja-Arbeit machen", während ich hinnahm was ich nicht ändern konnte und darauf hinarbeitete, dass Team 3 für erfahren genug gelten würde, um vom Sandaime Hokage eine höhere Klassifizierung zu erhalten.
Oh, ich war nicht scharf darauf, meinen ersten echten Kampf zu erleben, Menschen zu verletzen oder zu töten. Welcher Mensch mit genug Verstand war das schon, oder fand sogar Gefallen daran? Aber ich war mit dem vollen Bewusstsein Ninja geworden, dass dieser Beruf tödlich war. Irgendwann einmal für mich, und bis dahin für meine Gegner. Und ich hatte schon mit acht gewusst, dass es Ninjas geben musste. Dass Konohagakure einzig zu dem Zweck existierte, Ninjas auszubilden, zu behausen und für den Schutz des Landes des Feuers bereit zu halten. Auch, um sie für das Land zu opfern. Und ich hatte mich dazu entschlossen, einer von ihnen zu werden. Ninja zu werden, ein stolzer Shinobi Konohas. Soweit meine Planung. Chunin, Jounin, das hatte ich alles schon mal gehört, aber es stand nicht auf meiner mentalen Liste. Ninja zu werden, in einen Einsatz zum Wohle Konohas zu gehen, das war mein Ziel gewesen. Nützlich zu sein, das hatte ich erreichen wollen. Beides hatte ich geschafft, und in diesem einen Augenblick war ich kurz davor, als Genin der Stadt versteckt unter den Blättern zu sterben.

Worum es ging? Ich weiß es nicht mehr. Wir waren jedenfalls mit einer dieser langweiligen Transportmissionen beschäftigt, und noch innerhalb der Grenzen unseres eigenen Landes. Die Angreifer gingen also ein Risiko ein, um uns hier zu attackieren. Das Risiko musste ihnen vertretbar erschienen sein, und ihre Chancen kalkulierbar im Angesicht einer Gruppe blutjunger Genin und nur eines einzigen Jounin, der zudem auch noch aussah, als würde der nächste Hustenanfall ihn umbringen. Sie waren zu acht, und uns damit zwei zu eins überlegen. Vier banden Hayate-sensei, jeweils einer kümmerte sich um uns drei Genin, und der Letzte koordinierte den Angriff, bereit einzuschreiten, wenn etwas nicht so lief wie er es erwartet hatte. Damals konnte ich nicht wissen, dass unser Transport während der Reise von Rang D auf Rang B aufgerückt war. Die Quellen unserer Gegner aus dem Land des Wassers hatten leider ein paar falsche Informationen zusammen getragen, sodass die Ninjas aus dem Dorf hinter dem Blutnebel glauben mussten, wir würden taktisch wichtige Informationen zur Grenzverteidigung transportieren, getarnt als banale D-Mission für ein paar Genin. Natürlich rechneten sie mit einem Backup-Team, vermutlich ANBU, das in so einem Fall einschreiten würde, also trachteten sie danach, die Sache schnell zu beenden. Unsere Leben schnell zu beenden. Und so war ich mit einer Lanze aus Wasser attackiert worden, war zur Seite gesprungen und befand mich nun direkt in der Stoßrichtung des Kunais meines älteren, erfahreneren und schwereren Gegners, hineingetrieben wie ein Fisch in die Reuse, tödlich gezielt auf mein Herz.
Man sagt, wenn ein Mensch stirbt, zieht sein bisheriges Leben vor seinem inneren Auge vor ihm ab wie ein Film. Ich bezweifle das, denn ich kannte nicht viele Leute, die gestorben waren und danach davon hatten berichten können. Oder wollen. In meinem Fall überkam mich eine tiefe innere Ruhe, keine schnelle Abfolge von Bildern meines bisherigen Lebens. Eine Ruhe, und eine prickelnde, sinnliche Erfahrung, die meinen Körper vibrieren ließ. Mehr und mehr schien die Welt in Zeitlupe einzutauchen. Ich sah den Angriff kommen, und ich fühlte mich reagieren, wie ich es beim Training tat. Nur hatte ich mich willentlich zu einer Variante entschlossen, und die Verlangsamung meiner Umgebung verlieh mir die Zeit für eine Entscheidung und ihre Umsetzung. Mein Training hatte mir diese Situation gezeigt, und mich gelehrt, das Kunai mit rechts zu blocken, mich in den Körper des Angreifers hinein zu drehen und ihm den linken Ellenbogen in das Sterngeflecht unterhalb des Brustkorbs zu rammen. Da dies bei einem vierzig Kilo schwereren Mann wenig Erfolg versprach, wandelte ich den Angriff um und machte mir seine Größe und sein Körpergewicht zunutze. Einige wenige Sekunden, vielleicht nur Bruchteile von Sekunden, würde er mein Körpergewicht tragen können, mein ganzes Gewicht mit einer Hand, und mir damit die Basis für einen Angriff geben. Ich ergriff seine angreifende Führungshand, benutzte sie als Anker und schwang mich auf ihr herum, wie im Sportunterricht auf dem Barren oder dem Springbock. Ich riss meine Beine hoch, und mit einer bestimmten Abfolge Zehenbewegungen, die zu beherrschen ich Monate gebraucht hatte, schob sich eine schmale Klinge aus dem rechten Schuh hervor.
Bevor der Angreifer sein Erstaunen darüber richtig verdaut hatte, das ich nicht einfach stehen blieb und mich erdolchen ließ, hatte ich bereits zugetreten; die Klinge drang auf der Höhe seiner linken Halsschlagader ein, und ein heftiger Ruck meinerseits riss eine tiefe Wunde, aus der das Blut einem Schwall gleich schoss. Nun war auch mein linker Fuß in Reichweite. Ich hatte das linke Bein angezogen, und die Hand meines Gegners, noch immer mein Ankerpunkt, erwies mir genügend Rückhalt für den zweiten Angriff. Ich streckte den linken Fuß mit voller Geschwindigkeit zum Tritt wieder aus und traf den Kehlkopf meines Gegners. Ich spürte Knorpel unter meinem Tritt brechen, hörte ihn erstaunt und erschrocken aufgurgeln. Dann riss ich die Klinge aus seinem Hals hervor, wirbelte weiter nach rechts an ihm vorbei, kam nach einer seitlichen Rolle wieder auf die Beine. Noch während ich in die Höhe schoss, langte meine Rechte nach einem meiner eigenen Kunais, und als ich abwehrbereit stand, hatte ich es zur Parier in der Hand. Und ließ die Waffe, plötzlich vollkommen entkräftet, wieder sinken. Langsam, beinahe gequält, ging ich in die Knie, atmete heftig aus und ein, zwang mich wieder ruhiger zu werden.

"Das war ja eine beeindruckende Leistung, Weichkeks", klang die spöttische Stimme von Hanako Yodama auf, der heimlichen Anführerin unserer Gruppe. Sie gehörte einem Nebenzweig des  Yamanaka-Clans an, und deren in der Familie vererbte Spezialtechnik war die Kontrolle fremder Körper. Sie hatte in der Sekunde des Angriffs ihren Gegner übernommen und dazu gezwungen, den Befehlshaber außerhalb des Kreises zu attackieren. Der hatte sich zu spät und überrascht gewehrt, und so hatten sie sich gegenseitig erstochen. Danach hatte sich Hanako ein neues Ziel gesucht, aber keines mehr gefunden. Übrigens ein Beweis dafür, dass die Informationen unserer Angreifer fehlerhaft waren, sonst hätten sie sich gegen die Übernahme durch dieses Jutsu besser geschützt, oder jemanden auf Hana-chan gehetzt, dessen stärkerer Wille die Übernahme verhindert hätte.
Sie war im engsten Sinne ein wahrer Hitzkopf und wäre wohl besser als Junge geboren worden. Aber sie war eben auch eine Anführerin, und neben ihren Sticheleien kümmerte sie sich um uns, so gut sie es konnte.
"N-nun lass ihn doch in Ruhe", klang die wie immer verschüchternd klingende Stimme von Karin Akimichi auf, der dritten Genin in unserer Runde. "Er hat seinen Gegner doch besiegt!"
Noch ein Beweis dafür, dass unser Feind nicht vorbereitet gewesen war: das Baika no Jutsu ihrer Familie, in diesem Fall die durch Ninjutsu ins Riesenhafte vergrößerten Hände, hatten ihren Gegner aus der Luft gewischt wie eine Fliege. Er lag zerschmettert vor einem Baum, gegen den sie ihn geworfen hatte. Ihre durch das Jutsu monströs vergrößerten Hände verrieten die Nähe zur Akimichi-Familie, ihr zierlicher Körper hingegen widersprach. Sie entsprach nun überhaupt nicht dem Idealbild der Familie mit dem traditionellen Körper-Jutsu, die gerne mal zwanzig, dreißig Kilo Übergewicht als "gesund" titulierten. Für ein Körper-Jutsu war Masse eben einfach besser, aber bisher hatte Karin sich behauptet. Irgendwie. Andererseits, zwanzig Kilo mehr an dieser Bohnenstange, und man hätte sie auch ohne Jutsu rollen können.
"Gute Arbeit. Ihr alle."Hayate-sensei löste seinen Schattenklon auf, der inmitten seiner niedergestreckten Feinde stand und zog zugleich - außerhalb des Kreises stehend - sein Schwert aus dem letzten Gegner, den er getötet hatte. Schattenklone gehörten zu seinen Spezialitäten. Er versuchte uns diese Kunst immer wieder nahe zu bringen, aber bisher hatte ich lediglich Talent dafür gezeigt zwei, maximal drei normale Doppelgänger zu erschaffen. Niemand bedauerte das mehr als ich selbst.

Ich atmete noch einmal tief durch und erhob mich dann wieder. Das war also mein erstes echtes Gefecht gewesen. Und ich hatte es überlebt. Und meinen Gegner getötet.
Übergangslos fand ich mich erneut auf den Knien wieder und kämpfte hart darum, mein Frühstück im Magen zu behalten. Ich wusste nicht, was mir mehr Übelkeit bereitete: Die Tatsache, einen Menschen getötet zu haben, oder die Leichtigkeit, mit der mir das gelungen war.
Ich spürte Hayate-senseis Hand auf meiner Schulter. "Bist du unverletzt, Mamoru-kun?"
"Mir geht es gut", ächzte ich. "Gleich zumindest."
"Nimm dir die Zeit, die du brauchst. Es ist nicht leicht, seinen ersten Gegner zu töten." Er klopfte mir anerkennend auf die Schulter und ging neben meinem Gegner in die Knie. Selbstredend hustete er bei dieser Anstrengung asthmatisch. "Sauber erwischt. Du verlässt dich immer noch mehr auf deine körperlichen Fähigkeiten als auf dein Ninjutsu."
"Nicht, dass er das wirklich beherrschen würde", bemerkte Hana-chan amüsiert. "Ich hingegen... Zwei auf einen Streich. Haben Sie gesehen, Sensei?"
"Ja, ich habe es gesehen. Und ich habe es von dir erwartet, Hanako-chan. Es gibt kein Lob dafür, dass man seine Leistung erbringt."
Hana-chan blies frustriert die Wangen auf. Sie war schon immer sehr darauf bedacht gewesen, jede Anerkennung zu erhalten, die sie glaubte verdient zu haben. Sie drängte sich nach vorne, stellte sich aber auch ohne zu zögern vor andere. Man konnte sie lieben oder hassen. Ich war mir persönlich noch nicht sicher, ob ihre positiven Seiten ihre negativen aufwogen.
"Ist wirklich alles in Ordnung mit dir, Mamoru-kun?", fragte Karin schüchtern. Sie sah mich besorgt an und legte mir dabei ihre Rechte auf die Schulter.
Ich wusste nicht warum die Mädchen ihre ersten getöteten Feinde so gut wegsteckten; vielleicht stimmten die Gerüchte, und Mädchen waren von Natur aus grausamer. Vielleicht waren sie auch nur einfach entschlossener, und immerhin brauchten sie sich keine Schuldgefühle einreden zu lassen. Wir waren überfallen worden. Auf unserem Land. Von ausländischen Shinobi. Warum es mich so mitgenommen hatte, wusste ich damals nicht zu sagen. Aber leichter wurde es nie. Ich hatte nur gelernt, die Zweifel und den Schmerz auf später zu verschieben.
Langsam erhob ich mich. Die Übelkeit ging vorbei. Nüchtern stellte ich fest, dass ich drohte, für Team 3 der Klotz am Bein zu werden, das Anhängsel. Und das war etwas, was ich niemals wollte. Also kämpfte ich die Gefühle, das Entsetzen, nieder. Ich war ein Ninja von Konohagakure, und ich war seit vier Jahren darauf trainiert worden, eines Tages im Kampf zu stehen und meine Feinde zu überleben. "Ich bin in Ordnung. Nur etwas schockiert. Der Angriff kam so plötzlich."
"Gewöhne dich dran. Angriffe von Ninjas kommen immer plötzlich", sagte Hanako, wieder dieses amüsierte Grinsen im Gesicht.
"Richtig. Und da wir nicht wissen, ob diese Gruppe ein Backup-Team hat, brechen wir die Mission hier ab und ziehen uns zurück." Sensei hustete laut und vernehmlich.
"Die Mission abbrechen? Aber wir sind fast da!", begehrte Hanako auf. "Wir können fast liefern!"
Das war neben ihrem losen Mundwerk und ihrer Arroganz, geboren aus ihren Fähigkeiten, ihr zweiter großer Fehler: Eine Mission abzuschließen bedeutete, dafür bezahlt zu werden. Und ich hatte selten ein geldgierigeres Biest als Hanako Yodama erlebt.
Senseis Hand legte sich auf den Gegenstand, den wir hatten liefern sollen. Bisher hatte ich ihn als Stärkster der Genin getragen. Als er sich den schweren Rucksack überwarf, wusste ich, wie ernst er die Situation einschätzte. Damals hatte ich noch nicht einmal annähernd so viel Vertrauen in ihn gehabt, wie er in den folgenden Jahren erwerben sollte. Aber er war der Jounin, und wenn dieser Titel irgend etwas wert war, dann sicherlich die Erkenntnis, dass es Sinn machte, auf ihn zu hören.
"Nein!", sagte er schlicht. "Wir verschwinden sofort von hier."
"Ich kann ihn fast selbst ausliefern!", keifte Hana-chan beinahe ein wenig hysterisch. Sie hatte noch nie verlieren können, und aufgeben bedeutet für sie immer auch versagen. Dinge wie "zweite Chance" kannte sie nicht.
"Wir gehen", sagte Sensei erneut mit seiner ernsten Stimme und ging voran, den Weg nach Konoha zurück.
"Aber... Aber... Sensei!"
Ich schloss mich ihm wortlos an. Und, nach einem Moment des Zögerns, schloss auch Karin zu uns auf. Dies brachte nun auch Hanako dazu, nach einem Wutschnauben, das sich gewaschen hatte, endlich zu uns aufzuschließen.
"Und was ist mit den Leichen?", fragte Karin leise, fast unhörbar.
"Wir kümmern uns darum. Ihre Verletzungen verraten zu viel über unsere Kampfkunst. Das können wir uns nicht leisten." Sensei klopfte mir auf die Schulter. "Dein Part, Mamoru-kun."
Ich nickte und blieb stehen. Langsam wandte ich mich um, zurück zu den toten Shinobi aus dem versteckten Dorf des Nebels. Ich wusste, dass sie ein hartes Auswahlkriterium hatten, am Ende ihrer Laufbahn einen anderen Schüler töten mussten, und deshalb als die härtesten Shinobi galten. Aber nach dem heutigen Tag war mir klar, dass Gnadenlosigkeit noch keine Stärke war, und dass der Gedanke, zu den Besten zu gehören, unvorsichtig und verletzlich machte.
Ich hörte, wie die anderen stehen blieben, um mir zu zu sehen. Das machte es nicht gerade leichter. Aber letztendlich war mein Element das Feuer, und auch wenn ich im Kampf mein Katon-Jutsu fast nie anwendete, so beherrschte ich es doch im ausreichenden Maße.
Ich sammelte mein Chakra, ein Vorgang, der mir unendlich lange zu dauern schien. Dann holte ich tiefen Atem, füllte die Wangen mit Chakra meines Elements. Für einen Augenblick meinte ich spüren zu können, wie mein Mund in Flammen stand, dann spie ich einen Feuerball aus, der über das Feld auf den ersten toten Gegner zuflog. Noch bevor ich die Leiche in der heißen Flamme meines Ninjutsus aufgehen sehen konnte, schleuderte ich einen weiteren Feuerball, einen dritten, vierten, fünften, bis alle acht Leichen brannten, und unsere Kampfspuren an ihnen eindrucksvoll verwischten. Auch das war etwas, was ich nicht gerne getan hatte. Aber es war eine würdigere Handlung gewesen, als sie einfach liegen zu lassen, wie es Shinobi in dieser Welt viel zu oft geschah. Langsam wandte ich mich wieder um, nachdem ich sicher sein konnte, dass mein Feuer alles verzehren würde. "Wir können gehen", sagte ich seltsam tonlos, selbst für meine eigenen Ohren.
"Ich bevorzuge laufen", sagte Hayate-sensei, "denn die Rauchsäulen deiner Flammen sind noch im weiten Umkreis zu sehen. Und acht Rauchsäulen werden dem, der die Zeichen zu deuten weiß, einiges darüber erzählen, wo er seine Leute finden wird."
Da hatte Sensei Recht. Also begannen wir zu laufen.

Wenn ich eines in dieser Situation gelernt hatte, dann sicherlich, dass man niemals und an keinem Ort wirklich sicher war. Nicht im eigenen Land, nicht einmal in der eigenen Stadt. Versteht mich jetzt nicht falsch, ich war nie Paranoiker. Und die Wahrscheinlichkeit, im eigenen Land vom Feind überfallen zu werden ist immer noch geringer als in einem Lastkarrenunfall zu sterben. Aber sie ist vorhanden, wird es immer sein. Und deshalb sollte man immer ein wenig zur Abwehr bereit sein. Jederzeit und überall. Das ist es, was den Weg des Shinobi auszeichnet. Keine übertriebene Angst vor dem eigenen Schatten, aber eine gewisse Grundanspannung, und eine feine Ahnung der Umgebung, permanent. Natürlich besaß ich sie damals nicht in dem Maße, in dem Hayate-sensei sie bereits erworben hatte, und das ganze Adrenalin meines ersten Kampfes machte meinen Kopf nicht gerade klarer. Aber als Sensei mitten im Lauf stockte, tat ich dies auch, und spürte gleich darauf etwas anderes, bedrohliches. Wir wurden verfolgt. Noch schlimmer, wir wurden bedroht. Und die ultimative Steigerung war: Wir wurden angegriffen. Ich erkannte sofort, dass unser Gegner nicht versuchte, uns unter Genjutsu zu legen. Auch wenn ich nie eine große Affinität dafür hatte, diese Kunst selbst anzuwenden, so spürte ich sie doch recht deutlich. Was eventuell an der Nähe zu Hanako lag, die mehr als einmal versucht hatte, meinen Körper zu übernehmen, um mich zu piesacken. Nicht, dass ich jedes Genjutsu erkannt oder gar abgewehrt hätte, aber sicherlich die meisten, eventuell bis zu den Fähigkeiten eines Chunin. Andererseits war es nicht besonders schwer, die aggressive Aura, die bis zu uns durchschlug, als solche zu identifizieren, und nicht als Genjutsu misszuverstehen.
"Wie viele?", fragte Hanako, während sie automatisch in Abwehrhaltung ging.
Ich schluckte. Als Team 3 zusammengestellt worden war, folgte man einer sich selbst erhaltenden Tradition. Man steckte nur zu gerne jeweils einen Angehörigen Körperjutsu-Beherrscher der Akimichi, einen Mentaljutsu-Beherrscher der Yamanaka und einen Schattenbeherrscher aus dem Nara-Clan zusammen, um die Kombination der natürlichen Fähigkeiten voll auszuschöpfen. Dies tat man, um das legendäre Ino-Shika-Cho-Team zu imitieren, jenen Shinobi, die heute als die Oberhäupter ihrer Clans bekannt waren. Diese Shinobi-Gruppe hatte sich einen legendären Ruf erworben, weit über die Grenzen Konohas und des Landes des Feuers hinaus. Da ich über meinen Vater mit dem Nara-Clan weitläufig verwandt war, hatte man mich mangels eines Nara-Abkömmlings in meinem Jahrgang in diesem Team eingespannt. Meine sensorischen Fähigkeiten und meine Taijutsu-Begabung sollte hierbei das fehlende Talent, Schatten zu manipulieren, kompensieren.
Die Zeit sollte später zeigen, dass unser halbherziges Imitat der Ino-Shika-Cho-Legende dennoch ihren Erfolg haben würde. Aber bis dahin war es ein langer, tränenreicher und gefährlicher Weg für uns alle. Und für Hayate-sensei... Aber ich schweife ab.
"Einer." Ich spürte den Feind, allerdings nur einen Feind. Falls ich das Tier, das er beschworen hatte, nicht als einen zweiten Gegner rechnete. Das musste das Backup-Team des Gegners sein, der uns attackiert hatte. Und dieser Gegner musste sich sehr sicher fühlen, wenn er uns angriff, nachdem wir gerade erst acht Genin ausgeschaltet hatten. Das ließ auf eine arrogante Persönlichkeit schließen, auf versteckte Verstärkungen, die eingreifen würden, sobald wir im Kampf gebunden waren. Oder auf jemanden, der sich ausrechnete, gegen uns zu gewinnen. Mit anderen Worten, wir hatten es mit einem Jounin zu tun.
Hayate-sensei nickte mir bestätigend zu, während seine Rechte langsam zum Schwertgriff glitt. Mit der Linken zog er den Rucksack vom Rücken und gab ihn mir zurück. "Mamoru-kun, du führst die Gruppe zurück. Noch eine Stunde, dann habt Ihr die Patrouillen von Konoha erreicht. Ein ANBU-Team wird euch ab dort decken."
"Moment mal, warum soll uns Mamo-chan zurück führen?", ereiferte sich Hanako verärgert.
"Weil du in deinem Eifer nach ein paar hundert Metern zurückkehren würdest, um mir zu helfen, Hanako-chan", sagte Hayate-sensei mit einem ironischen Tonfall. "Aber du kannst mir hier nicht helfen. Keiner von euch kann mir helfen. Ihr seid mir jetzt eine Last, wenn ich auch noch auf euch aufpassen muss. Mamoru-kun versteht das. Du nicht, Hanako-chan."
"Aber...", begehrte sie auf.
Ich hingegen nickte. Im Gegensatz zu Hana-chan neigte ich eher selten dazu, dem Sensei zu widersprechen, oder ihn gar offen zu kritisieren. Geschweige denn seine Anweisungen abzuschmettern. "Wir gehen, Karin."
Die junge Akimichi nickte mir zu, und zusammen setzten wir den Weg fort.
"Aber... Aber... Aber..." Ein frustrierter Laut folgte, und mit einem Satz hatte Hanako zu uns aufgeholt. "Wehe, Sie sterben, Sensei! Das verzeihe ich Ihnen niemals!", blaffte sie über die Schulter zurück. Ich hätte beinahe geschmunzelt, denn ich hörte die Angst in ihrer Stimme, Angst um den Sensei, den sie doch so verehrte. Und das machte sie trotz ihrer polterigen, bestimmenden Art doch irgendwie sympathisch. "Keine Angst", sagte ich mit Nachdruck in der Stimme, "kein dahergelaufener Jounin kann unseren Sensei besiegen."
"Wer hat denn hier Angst?", blaffte sie zurück.
Hinter uns hörten wir Bäume zerbrechen, hörten die dumpfen Laute, mit denen umgeworfene Baumkronen zu Boden krachten, spürten die Erschütterungen. Wir sahen über unsere Schultern hinweg und erkannten ein gigantisches Reptil, das, mit einem Shinobi auf dem Kopf, Hayate-sensei attackierte. Es wirkte wie ein übergroßes Chamäleon, das es eventuell auch war. Doch da waren wir auch schon außer Sicht. Und der eigentliche Kampf begann.

Als wir eine Stunde später tatsächlich die Vorpostenkette erreichten, löste unsere Meldung Hektik aus. Noch bevor wir unseren Fuß über die Pforte nach Konoha setzten, sandte die Stadt zwei ANBU-Teams als Verstärkungen aus. Ein so dreister Angriff einer anderen Nation mitten im Herzen des Feuerlandes war eine Provokation sondergleichen. Zu schwer um sie zu ignorieren, zu schwer, um nicht mit aller militärischen Härte darauf zu antworten. Wenn Sensei noch lebte, wusste ich in diesem Moment, dann würden sie ihm helfen, ihn retten. Und wenn er nicht mehr lebte, erkannte ich, dann hatte er eines der Vorrechte eines Anführers ausgeführt, die Konoha kannte.
Das erste Vorrecht jedes Shinobi, der andere befehligte, war, seine Untergebenen in den sicheren Tod zu schicken. Manchmal erforderte die Situation solch ein Opfer und verhinderte den Tod Dutzender, vielleicht hunderter oder gar tausender Menschen.
Das zweite Vorrecht war, sein eigenes Leben zu riskieren, um jenes seiner Untergebenen zu retten. Und genau das hatte Hayate-sensei getan. Und bange fragten wir uns, ob er überlebt hatte.
Wir wurden sofort weiter befohlen, und Kamizuki-sensei geleitete uns direkt zum Sandaime-Hokage. Sarutobi-sama empfing uns in seinem Büro, nicht in der Registrationsstelle für Aufträge. Bei ihm war ein ANBU mit Wolfsmaske, der schweigend zuhörte, während wir unseren Bericht abgaben. Der Hokage lauschte geduldig, fragte nach und kitzelte Details aus uns heraus,  an die wir uns bewusst gar nicht mehr erinnerten. Vor allem interessierten ihn Details zum beschworenen Tier unseres letzten Angreifers. Bevor wir uns versahen, war über eine Stunde vergangen.
"Eine unglaubliche Dreistigkeit", sagte der Hokage schließlich, und der ANBU nickte bestätigend. "Allerdings erscheint mir einiges an der Geschichte nicht stimmig. Angefangen beim Auslöser dieser Attacke." Nachdenklich hielt der Hokage den Gegenstand in Händen, den wir hatten transportieren sollen, einen Kunstgegenstand, der mehr einen ideellen als einen tatsächlichen Wert hatte. "Und weiter bei der tatsächlichen Identität der Angreifer."
Der ANBU räusperte sich. "Ein Ablenkungsmanöver können wir ausschließen. Was immer die Angreifer erreichen wollten, sie hatten geplant, Team 3 im ersten Ansturm auszulöschen. Das nützt nicht viel, wenn sie damit von einer anderen Aktion ablenken wollen."
"Also ging es ihnen tatsächlich um das hier? Oder darum, einen Jounin auszuschalten?", fragte der Hokage nachdenklich.
"Niemand schaltet unseren Sensei aus!", sagte Hanaka ärgerlich. "Schon gar nicht so ein dämlicher Ninja aus dem Dorf im Nebel!"
Darauf erwiderte der Hokage nichts. Er sah sie nur an, und irgendwann begann er zu schmunzeln. "Ich muss euch drei loben. Ihr habt gegen überlegene, ältere und erfahrene Shinobi gesiegt. Ihr habt gekämpft, wie man es von einem Shinobi Konohas verlangen kann. Und Ihr habt in dieser Mission stets die richtigen Entscheidungen gefällt." Durch das Bürofenster konnten wir einen Falken sehen, der über der Stadt kreiste; genau in diesem Moment stieß er schrille Schreie aus.
Das Schmunzeln wich einem breiten Lächeln. "Und gerade wurde mir gemeldet, dass Hayate-san seinen Kampf gewonnen hat, und auf den Weg zurück nach Konoha ist. Damit dürfte diese unerfreuliche Episode abgeschlossen sein."
"Uff", sagte ich erleichtert. Ich hatte damit gerechnet, aber im Hinterkopf war da immer noch der Gedanke gewesen, die Option, dass Hayate-sensei doch hätte getötet werden können. "Dann ist alles in Ordnung."
"Idiot!", blaffte Hanako mich an und schlug mir gegen den Hinterkopf. "Du hast doch nicht ernsthaft auch nur eine Sekunde geglaubt, Sensei würde sterben?"
"Kein Grund, mich gleich zu schlagen", beschwerte ich mich und wandte mich zu ihr um. Ihr Gesicht war tränenüberströmt, und es hätte nicht viel gefehlt, dann wäre ihr auch noch der Rotz aus der Nase geflossen. Karin flossen die Tränen der Erleichterung wie Wasser die Wangen hinab, aber merkwürdigerweise gelang es ihr dabei, wie der strahlende Morgen zu lächeln.
Ich versuchte zu lächeln. "Nicht eine Sekunde habe ich geglaubt, irgendjemand wäre dem Sensei gewachsen, Hana-chan."
"Wirklich?", fragte sie merkwürdig sanft und zog deutlich hörbar den Rotz hoch.
"Wirklich", erwiderte ich mit fester Stimme. Himmel, warum musste ich auf einmal der Starke sein?
"Was mich angeht, so habe ich alles erfahren, was ich wissen wollte", sagte der Hokage, noch immer lächelnd. "Ihr seid entlassen. Und wenn Ihr euch beeilt, könnt Ihr Hayate-san noch am Tor in Empfang nehmen."
Das ließen wir uns nicht zweimal sagen. Nach einer mehr als kurzen Verbeugung verließen wir das Büro des obersten Ninjas von Konoha im Laufschritt. Wir schafften es tatsächlich rechtzeitig, am Tor zu sein, als Hayate-sensei es in Begleitung eines ANBU-Teams überschritt. Bei uns dreien schwappte die Erleichterung über uns hinweg, und wir stürzten, erleichtert, froh und zufrieden mit dem Universum, Sensei in die Arme.
Das war der glückliche Epilog unseres ersten Kampfes. Und es sollte nicht der Letzte gewesen sein.

(Aus der Geschichtensammlung von Mamoru Morikubo, Konoha: Chunin und dann? Erinnerungen eines Shinobi.)