Ausgelaugt

GeschichtePoesie / P12
20.06.2011
20.06.2011
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Ausgelaugt


Schwankend stehe ich auf. Hoffentlich sieht keiner, wie unsicher ich auf den Beinen bin, wie sehr ich mit mir gehadert habe, ob ich nun aufstehen soll oder nicht. Denn mein Erheben kommt einer Flucht gleich. Einer Flucht vor meinen eigenen Gedanken, eine Flucht vor den Gesprächen der anderen, die mehr als langweilig und vor allem oberflächlich sind. Eigentlich mag ich sie ja, aber ich habe heute keinen Bock. Keinen Bock auf gar nichts.
Sie fragen nicht, wo ich hin will. Habe ich das erwartet? Ja, ein bisschen. Ich bin froh, dass sie nicht nachfragen, aber auch enttäuscht. Würden sie es merken, wenn ich nicht wieder komme? Ja, würden sie. Würde es sie interessieren? Nein, würde es nicht. Sie würden vielleicht einen kleinen Moment erstaunt und vielleicht sogar verwundert darüber sein, dass ich nicht da bin, doch dann ist dieser Gedanke genauso schnell wieder vergessen, wie er ihnen gekommen ist.
Die Schritte hören sich für jeden anderen genauso an, wie sonst auch. Nur für mich nicht. Dieses schleppende Geräusch, wenn die Sohlen meiner Turnschuhe über den hässlichen, gefliesten Schulboden streifen, erscheint für andere lässig und cool. Nur für mich nicht. Meine Glieder fühlen sich schwer an, bleiern. Meine Arme schlackern seitwärts an meinem Körper entlang und ich habe gerade so die Kraft, sie zu heben und sie gegen die Glastür zu stemmen, um ins Treppenhaus zu gelangen. Die Stufen der Treppen erscheinen mir höher als es sonst der Fall ist und ich brauche gefühlte zehn Minuten länger, bis ich das nächste Obergeschoss erreicht habe. Auch hier fällt es mir schwer, die Arme zu heben. Aber es muss sein. Ich kann ja nicht wie blöd vor der Tür stehen bleiben und sie einfach nur anstarren. Obwohl... Nein! Man könnte es sehen! Sie könnten es sehen!
Ich bringe die letzte Energie auf, die notwendig ist, um das Treppenhaus wieder zu verlassen und schnell nach links zu den Damentoiletten zu gehen. Nur noch ein paar Meter! Schneller als ich es mir in der jetzigen Verfassung zugetraut hätte, schlüpfe ich in die Kabine und verriegele die Tür.
Dann wanke ich wieder und dieses Mal gebe ich nach. Ich sinke gegen die Wand und rutsche an ihr hinab. Hier ist niemand. Hier kann mich niemand sehen. Und so ziehe ich mit letzter Kraft die Beine an und lasse meine Stirn auf meine Knie sinken.
Ich kann nicht mehr...
Ich will nicht mehr...