Arten der Entspannung

von Jari
GeschichteAllgemein / P16 Slash
Quen Trenton "Trent" Aloysius Kalamack
19.06.2011
23.04.2014
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Für Milande, meine Lieblings-”Zwergin” (und größtem Quen-Fan, den ich kenne).

Arten der Entspannung - Teil 2

Ring.

Jeder Mann in dem Konferenzzimmer schreckte von seinen Papieren hoch. Quen bildete keine Ausnahme. Es galt das ungeschriebene Gesetz, bei einem Meeting das Handy zumindest auf lautlos zu stellen, und selbstverständlich hatte er vor Teilnahme an den Verhandlungen dafür Sorge getragen, nicht angerufen werden zu können.

Ring.

Beim zweiten Klingeln registrierte Quen, daß es sein eigenes Handy war, das dieses Störgeräusch von sich gab. Mit so wenig Körperbewegung versuchte er an das Gerät zu gelangen, das sich dummerweise in seiner linken Hemdtasche, und somit unter der Anzugjacke befand, um den lästigen Anrufer abzuwürgen.

Ring.

Und erst als es das dritte Mal klingelte fiel ihm ein, daß es nur zwei Personen gab, deren Nummern von der Sperrfunktion nicht umfaßt wurden. Die eine von ihnen, sein Auftraggeber Aloysius Eugene Kalamack, saß ihm gegenüber an dem runden Tisch und blickte ihn unter einer blassen, hochgezogenen Augenbraue mißbilligend an; die andere befand sich Hunderte Meilen entfernt in einer renommierten Privatschule und sollte eigentlich keinen Grund haben ihn anzurufen.

Eigentlich.

Es erfolgte kein weiteres Klingeln.

Für gewöhnlich neigte Quen nicht dazu sich übermäßige Sorgen zu machen, aber wenn Trenton, der fünfzehnjährige Sohn seines Bosses, versuchte ihn zu erreichen, mußte es einen triftigen Grund dafür geben.

„Meine Herren, entschuldigen sie mich bitte.“ Er erhob sich, als für einen Moment sämtliche Anwesenden schweigend über ihre Unterlagen gebeugt waren und die Pläne zum Bau eines neuen Krankenhauses in Cincinnati studierten.

Das geschäftige Geklapper der Tastaturen verstummte, als Quen aus dem Zimmer auf den Flur trat. Er wußte, daß sein Erscheinen die Sekretärinnen vermutlich in höchste Alarmbereitschaft versetzte und mehr Anlaß zu Klatsch und Tratsch bot, als der alljährlich stattfindende Weihnachtsball. Es war einfach nicht vorgesehen, daß jemand vor Ende der Verhandlungen den Ort des Geschehens verließ.

Noch im Gehen zückte er das Handy und drückte die Rückwahltaste. Ganz sicher würde er das Gespräch mit Trenton nicht führen, wenn ihn drei Damen, die inzwischen angestrengt auf ihre Bildschirme blickten und so taten, als stände dort, wo es Designer-Schuhe zum halben Preis gab, belauschten.

Es tutete bloß einmal, da wurde am anderen Ende abgenommen. „Quen, … Hilfe … kann das nicht … doppelte Füße … Ball … nur noch eine Woche.“

Die Stimme des hoffnungsvollen Sprosses des Hauses Kalamack klang leicht panisch, zudem faselte er, was ganz und gar nicht seiner Art entsprach. Auf jeden Fall machte er es Quen unmöglich zu verstehen, was dieser überhaupt von ihm wollte. „Ganz ruhig und noch einmal von vorne. Worum geht es?“

Er hörte, wie Trenton einmal tief durchatmete und sein Anliegen wiederholte. „Am übernächsten Wochenende findet in meiner Schule der traditionelle Erstsemester-Tanzabend statt.“

Quen ließ sich auf eine Bank fallen. Er hatte gar nicht bemerkt, wie ihn sein Weg nach Draußen in das weitläufige Gelände geführt hatte. Im Beisein von Sonnenstrahlen und Vogelgezwitscher entspannte er sich. Es ging Trenton nur um ein Jungenproblem. Vielleicht wollte er fragen, wie man ein Mädchen auf den Ball einlud, und obwohl Quen daran zweifelte, in solchen Angelegenheiten der richtige Ansprechpartner zu sein, würde er versuchen zu helfen. Hauptsache, es ging Trenton gut.

„Es ist nur so, daß ich scheinbar zwei linke Füße besitze, denn ich kriege das mit dem Tanzen einfach nicht hin“, fuhr Trenton fort.

Das Lächeln Quens vertiefte sich, bis seine Backen schmerzten. Es war absolut ausgeschlossen, daß der junge Kalamack nicht tanzen konnte. Jeder Elf beherrschte diese Kunst.

„Und deshalb möchte ich, daß du mir das Tanzen beibringst.“

~*~


Quen hielt den schwarzen BMW mit den getönten Scheiben in einer Seitenstraße der von Trenton angegebenen Adresse.

Ein Blick auf die Uhr zeigte ihm, daß er eine halbe Stunde zu früh war. Das gab ihm die Gelegenheit, noch einmal darüber nachzudenken, ob er nicht lieber postwendend zurückfuhr und sich während der Autofahrt eine Ausrede überlegte, die er Trenton auftischen konnte und vernünftig erklärte, warum es ihm nicht möglich gewesen war zu erscheinen. Dummerweise kam Kalamack jun. in Bezug auf das Erkennen einer Lüge ganz nach seinem Vater.

Wie um alles in der Welt hatte er sich dazu überreden lassen können, Trenton das Tanzen beizubringen? In dem Telefonat hatten die Ausführungen des jungen Kalamack und vernünftig gelungen, und aus irgendwelchen Gründen hatte Quen sich am Ende sagen hören, daß er ihm gerne behilflich wäre. Möglicherweise war er auch krank gewesen.

Jetzt, wo sein Verstand wieder mit normaler Kapazität arbeitete, hielt er die ganze Angelegenheit für verrückt und absolut indiskutabel. Es gehörte sich für einen Sicherheitschef nicht, mit dem Sohn seines Herrn zu tanzen. Aus welchen Gründen auch immer.

Unaufhaltsam bewegten sich die Zahlen auf der Digital-Anzeige fort, bis es an der Zeit war den Wagen zu verlassen.

Es war ein angenehmer Abend; die Luft warm und erfüllt von den Geräuschen des Sommers.

Laut Navigationsgerät befand sich Quen fünf Minuten vom Zielort entfernt. Zu Fuß mußte er wohl einige Minuten mehr einplanen. Im Vorübergehen musterte er die zu beiden Straßenseiten befindlichen Gebäude. Hübsche Vorgärten, nette Fenster mit blumenbedruckten Gardinen und vermutlich bewohnt von rechtschaffenen Bürgern.

Quen haßte Gegenden, in denen er sich nicht auskannte oder nicht wenigstens zuvor einen kurzen Sicherheits-Check hatte durchführen können. Genau genommen haßte er bereits die Tatsache, daß sich Trenton nicht mehr in seinem täglichen Umfeld befand. Zum Glück gab es Tom und Barney, zwei von ihm persönlich ausgebildete Bodyguards, die über den jungen Herrn wachten. Da ein Großteil der Schüler auf Trentons Schule aus Söhnen und Töchtern von Stars und Sternchen und sogar dem ein oder anderen Politiker-Kind bestand, war es nicht ungewöhnlich, daß sich auch Leibwächter auf dem Schulgelände befanden.

Angesichts der Gewöhnlichkeit der Siedlung wunderte Quen sich nicht wenig. Was um alles in der Welt konnte Trenton in diese Gegend verschlagen haben? Der Junge war in Reichtum und Luxus aufgewachsen. Bestimmt gab es auch an der Schule einen Raum, den man zur Abhaltung einer Tanzstunde hätte nutzen können. Wozu ein Treffen in einer normalen Wohn-Siedlung?

Schließlich gelangte Quen an die von Trenton angegebene Adresse. Dort befand sich ein Gebäude von der Optik eines dunkelgrauen Kinder-Bausteins. Es entsprach so überhaupt nicht Trentons Stil und Geschmack, daß sich Quen tatsächlich für einen Augenblick fragte, ob er sich verfahren hatte.

Dann bemerkte er das über der Eingangstür angebrachte Schild. „Tanzstudio Carmen“. Quen seufzte.

Er nahm die Treppenstufen, betätigte die Türklinke. Abgeschlossen. Seine Uhr verriet ihm, daß er noch immer zu früh war.

Pünktlich auf die Sekunde hingegen kam Trenton um die Straßenecke geschlendert. Zu Quens Leidwesen war von den beiden Bodyguards keine Spur zu sehen. „Wo sind Tom und Barney?“

„Ich freue mich auch, dich zu sehen, Quen.“ Leichtfüßig sprang Trenton die Treppenstufen hinauf. „Was die beiden Wachhunde betrifft; die sind … plötzlich eingeschlafen.“

Natürlich waren sie das nicht. Kein von ihm ausgebildeter Angestellter würde im Dienst versagen. Schon gar nicht einschlafen. Für sich beschloß Quen mit Barney und Tom ein ernstes Wort darüber zu reden, auf gar keinen Fall irgendwelche Lebensmittel von Trenton anzunehmen. Vorsichtshalber würde er auch noch Sicherheitsrunen gegen elfische Zaubersprüche in deren Arbeitskleidung einarbeiten lassen. „Es hat einen Grund, daß sie für deine Sicherheit zuständig sind.“

„Es reicht, daß mich meine Mitschüler für den Sohn eines Hollywood-Schauspielers halten und dauernd nach Autogrammkarten fragen“, beschwerte sich Trenton. „Darauf, daß die halbe Stadt der gleichen Ansicht ist, kann ich verzichten.“ Er zauberte ein strahlendes Lächeln auf sein Gesicht, von dem Quen mit Sicherheit sagen konnte, daß Trenton bewußt war, wie wenig Leute ihm zu widerstehen vermochten. Auf jeden Fall gehörte Quen nicht dazu. Gleichzeitig zog er einen Schlüssel aus seiner Hosentasche. „Wollen wir?“

Kurzerhand nahm Quen ihm den Schlüssel aus der Hand und schob den jüngeren Mann beiseite. Trenton sollte ja nicht glauben, daß er sich –fast unwiderstehliches Lächeln hin oder her- auf dem Kopf herumtanzen ließ. „Ich gehe voran.“

„Ich war bereits hier. Allein.“

Schon wieder war es an der Zeit für Quen zu seufzen. Manchmal verhielt Trenton sich wirklich wie der pubertierende Teenager, der er war. „Egal.“ Zwar glaubte Quen nicht wirklich daran, daß irgendeine wie auch immer gelagerte Gefahr in dem Gemäuer lauerte, aber Vorsicht war besser als Nachsicht.

Quen betätigte den neben der Tür befindlichen Lichtschaltern. Künstliches, hartes Licht aus Neonröhren flutete den Raum.

In der Luft lag der Geruch von Schweiß, Tränen und muffigen Kostümen.

Angewidert verzog Quen das Gesicht und versuchte, möglichst flach zu atmen. Es war schlimmer, als er angenommen hatte. Womit habe ich das verdient?

Außer dem Eingang gab es drei weitere Türen. Anhand der Mann- und Frau-Zeichen an den zwei Holztüren ging er davon aus, daß es sich um die Umkleiden handelte. Die dritte Tür bestand aus Glas und offenbarte einen Blick in einen Hinterhofgarten, der mit seinen wild wachsenden Pflanzen und dem Grasteppich wie die Aussicht aus einem Gefängnisfenster auf eine Oase wirkte.

Hastig wandte Quen seinen Blick ab und konzentrierte sich auf das Desaster, den der schmucklose, fast sterile Raum bot. Eine Wand war komplett verspiegelt. Davor angebracht befand sich eine hölzerne Haltestange. Zur Rechten der Spiegelwand befand sich ein Schrank, von dem Quen vermutete, daß er irgendwelche, ihm nicht näher bekannte, Tanzhilfsmittel barg.

Ungefähr in der Mitte des Raumes stand ein Klavier und daneben, auf einem Stuhl, ein Plattenspieler, von dem Quen nicht geglaubt hatte, daß er ein solches Modell jemals wieder zu Gesicht bekommen würde, wo doch inzwischen MP3-Player die gängigen Geräte zur Musikwiedergabe waren.

Hinter ihm erklangen Schritte. Gleichzeitig konnte er in den Spiegeln sehen wie Trenton, die Hände lässig in die Taschen seiner Anzughose vergraben, den Ort des Grauens betrat.

„Ein Ballettstudio?“ Quen drehte sich zu dem jungen Kalamack um.

„Was sonst ist für unsere Zwecke besser geeignet? Ich habe es für die nächsten Tage gemietet.“

Eindeutig bekam der Junge zu viel Taschengeld. Quen überlegte ernsthaft, mit dessen Vater darüber zu sprechen, vermutete jedoch, daß dieser sich wenig einsichtig zeigen würde. Solange Trenton mit seinen Ausgaben nicht die Interessen von Kalamack sen. behinderte, konnte der Knabe sich auch eine mit Diamanten gefüllte Badewanne bestellen.

Ergeben in sein Schicksal wollte Quen wissen: „Was genau hast dir vorgestellt.“

„Walzer. Für den Eröffnungstanz“, erklärte Trenton. „Es reicht, wenn ich den beherrsche. Danach werde ich mich freundlich und unter Hinweis auf ansonsten nicht zu bewältigende außerschulische Verpflichtungen verabschieden und die von vornherein zum Scheitern verurteilte Veranstaltung verlassen. Spätestens zwei Stunden nach Beginn wird sowieso von einem geordneten Tanzvergnügen keine Rede mehr sein, Alkohol und sexuelle Ausschweifungen werden die Kontrolle übernehmen und ich habe keine Lust auf einen Ausgang des Abends mit Kotze im Haar.“

Das klang ja wenig begeistert. “Ist deine Tanzpartnerin hübsch?” fragte Quen nach. Vielleicht lag es ja gar nicht am Tanzen an sich, daß Trenton keinen Gefallen daran fand, sondern eher an seiner Begleiterin.

“Recht ansehnlich“, räumte Trenton ein. “Für ein Menschenmädchen.”

Schon besser. Darauf konnte Quen aufbauen. „Stell dir einfach vor, ich wäre sie.“

„Warum sollte ich das tun?“ Trenton zeigte sich verwirrt. „Du siehst doch auch gut aus. Besser als die meisten Menschen allemal.“

Ein Seufzen von der Unendlichkeit des Ozeans bildete sich in Quens Kehle. „Haben wir Musik?“ Er schaffte es nicht zu verhindern, daß seine Stimme rauh klang.

„Moment.“ Trenton ging zu dem Schrank, öffnete diesen und holte eine Schallplatte heraus. „Strauss - Vianna Blood Waltz?“

Quen mochte das Stück nicht sonderlich, aber Walzermusik war Walzermusik. Er hoffte bloß, daß das Stück für einen blutigen Tanzanfänger nicht zu schnell war und nickte.

Knarzend erwachte der Schallplattenspieler zu Leben und spuckte die Klänge in den Raum.

Trenton nahm gegenüber Quen Aufstellung. Wie auch der ältere Mann trug er einen maßgeschneiderten Anzug. An diesem Abend war Quen für die kleidungstechnischen Vorlieben der Kalamacks für edlen Zwirn dankbar. Nicht, daß er nicht gerne sah, wenn der Junge seinem Alter entsprechend in Jeans und T-Shirt herumlief, aber ein Anzug wahrte eine gewisse Distanz, wo zu viel Nähe hinderlich war.

Quen griff nach Trentons rechter Hand und legte sie sich knapp über die Hüfte. Trentons linken Arm führte er abgewinkelt zur Seite und legte seine eigene Hand über die des Jungen.

Es machte Quen nichts aus, die Damenrolle zu übernehmen. Von ihren Körpergrößen sah es ohnehin besser aus, wenn Trenton gleich den Männerpart lernte, denn obwohl dieser viele Jahre jünger war, überragte er Quen bereits um mehrere Zentimeter. „Wir fangen langsam an.“ Er deutete auf einen imaginären Punkt auf dem Boden. „Du startest mit dem rechten Fuß, ich mit dem linken. Im Dreivierteltakt. Wenn es noch nicht ganz auf die Musik paßt, einfach weitertanzen. Die Feinjustierung nehmen wir später vor. Bereit?“

Begierig nickte Trenton, legte gleich los und ließ seinen rechten Fuß auf Quens rechten krachen.

Quen gab keinen Ton von sich, doch sein Spiegelbild zeigte ihm, wie seine Gesichtszüge entgleisten.

„Entschuldigte, bitte“, flüsterte Trenton tonlos und verzog seinen hübschen Mund zu einem schiefen Grinsen.

Der Junge sah so zerknirscht aus, daß Quen es nicht über das Herz brachte, ihn zu schelten. „Sei froh, daß ich nicht wirklich ein Mädchen bin und in paillettenverzierten Stöckelschuhen vor dir stehe.“

Die Vorstellung von dem Security-Chef seines Vaters schien Trenton aufzuheitern. Auf jeden Fall verwandelte sich sein schiefes Grinsen zu einem strahlenden Lächeln, das seine grünen Augen zum Leuchten brachte. Sein nächster Schritt erfolgte vorsichtiger. Zu vorsichtig. Sein Fuß landete mehrere Zentimeter von der angestrebten Position entfernt, wodurch sie ins Straucheln gerieten. Es war Quens Reflexen zuzuschreiben, daß sie nicht in die Spiegelwand krachten.

„Ich bin ein hoffnungsvoller Fall“, stöhnte Trenton. Er löste sich von Quen, fuhr mit den Fingern durch seine Haare und starrte angestrengt auf den Boden, als sei dort mit Kreide aufgezeichnet, wohin er seine Füße zu setzen hatte.

„Nein, ganz bestimmt nicht“, versuchte Quen ihn zu beruhigen. „Wir müssen nur noch ein wenig an deiner Haltung arbeiten.“

Hoffnungsvoll blickte Trenton auf. „Ja?“

„Ja.“

Gegen Mitternacht war Quen dazu bereit sich einzugestehen, daß sein Schützling keinerlei Talent im Tanzen besaß. Vermutlich sahen seine Füße mittlerweile aus, als hätte Trenton sie als Punchingball mißbraucht. Doch wie brachte man einem Kalamack sanft, aber bestimmt bei, daß er in einer Angelegenheit, die er sich in den Kopf gesetzt hatte, nicht die benötigten Grundvoraussetzungen mit sich brachte?

Verlangend warf Quen einen Blick hinaus auf das hinter samtiger Schwärze versteckte Gartenstück. Liebend gerne hätte er einen Kampf gegen eine Überzahl an Gegnern ausgefochten, anstatt Trenton sagen zu müssen, daß seine Karriere als Walzerkönig nicht stattfinden würde.

In dem schmalen Streifen zu erkennenden Himmels glitzerte ein Stern. Plötzlich erinnerte sich Quen daran, wie er selbst das Tanzen gelernt hatte. Nicht in einem Studio. Nicht einmal in einem von Mauern begrenzten Raum. Sein erster Tanz hatte in einer regenreichen Vollmondnacht, begleitet von den Geräuschen eines vorbeiziehenden Gewitters, stattgefunden. Noch heute konnte Quen das Rauschen des Windes in seinen Ohren hören und die Nässe auf seiner Haut spüren. Es war eine Nacht gewesen, in der alle Kontrolle außer Kraft gesetzt schien.

Das war die Lösung. Kein Elf konnte an einem sterilen Ort wie diesem das lernen, was ihm seit Anbeginn der Zeit im Blut lag. Warum war er da nicht früher drauf gekommen? Für gewöhnlich tanzten Elfen in der freien Natur. Natürlich gaben die Kalamacks und andere hochrangige Elfenfamilien menschlich anmutende Tanzveranstaltungen, aber nur, wenn es galt etwas zu repräsentieren.

„Komm mit.“ Kurzerhand faßte er nach Trentons Arm und zog den verdutzt dreinblickenden Jungen hinter sich her in den Hintergarten.

Die kühle Luft war eine Wohltat für Quens von Menschenausdünstungen malträtierten Sinne. Neben ihm atmete Trenton gleichfalls tief ein, legte den Kopf in den Nacken und starrte hinauf in den samtigen Nachthimmel.

Voller Schrecken realisierte Quen, daß er etwas in seinen Überlegungen nicht bedacht hatte - der Gartenbereich war wesentlich kleiner, als er angenommen hatte. Im Grunde bestand er aus einer Rasenfläche von wenigen Quadratmetern, umrahmt von drei Rosenbeeten, die die Nacht mit ihrem Duft erfüllten. Auf jeden Fall führte es dazu, daß Trenton ihm näher stand als während ihrer Übungsstunde. Viel näher.

Für gewöhnlich bereitete Quen das keine Probleme. Je näher ihm der junge Herr war, desto weniger Blödsinn konnte dieser anstellen, doch für einen Walzer war die Fläche definitiv nicht ausreichend. Ein langsamerer, intimerer Tanz mußte her.

Quen hatte keine Ahnung, ob Trenton mit dem Resultat zufrieden sein würde. Immerhin wünschte er am Eröffnungstanz teilzunehmen, aber eine andere Möglichkeit als in einem anderen Tanz zu glänzen und den Walzer ausfallen zu lassen, gab es wohl nicht. Langsam griff er nach den Fingern des jungen Mannes. Nur leicht berührten Trentons Fingerspitzen den Stoff seines Anzugs, und doch fühlte sich Quen, als laste ein unerträgliches Gewicht auf ihm. Er durfte diesen jungen Mann nicht enttäuschen. Nie.

So deutlich, als stünde die Warnung an den Himmel geschrieben, wußte Quen, daß die guten Zeiten bald vorbei wären. Durch eine Gefahr, die durch ihn nicht abgewendet werden konnte. Doch noch war es nicht soweit.

„Zieh deine Jacke aus.“ Um Trent zu zeigen, daß er nicht allein damit sein würde, ging Quen mit gutem Beispiel voran, lockerte seine Krawatte und ließ die Anzugjacke zu Boden gleiten.

Trenton zuckte kurz mit den Schultern, tat es dann Quen nach.

„Die Schuhe“, ordnete Quen an.

Trenton gehorchte ohne nachzufragen.

„Auch die Socken.“

Ein weiteres Mal bückte sich der Angesprochene und ließ diese den italienischen Designerschuhen folgen. Dann richtete er sich auf.

„Entspann dich.“ Quen legte seine Arme um Trentons schmale Hüfte. „Spüre das Gras unter deinen Füßen, den Wind im Haar und die Schönheit der Nacht. Laß mich führen und konzentriere dich auf nichts.“

Hinter der geöffneten Gartentür verklangen die letzten Töne der Schallplatte. Stille breitete sich aus.

Und sie tanzten.

Es war perfekt. Kein einziges Mal landeten Trentons Füße auf Quens. Nachgiebig wie Kerzenwachs lag er in seinen Armen. Nicht, als hätte er endlich begriffen, worauf es beim Tanzen ankam, sondern als habe jemand einen Schalter umgelegt und ihn in einen Profi-Tänzer verwandelt.

„Du hast mir die ganze Zeit etwas vorgespielt“, brach es aus Quen heraus.

„Nein, ja, doch, aber …“

Es war interessant zu sehen, wie Trenton ins Stottern geriet. Ein Zustand, den man selten genug hervorzurufen schaffte, und definitiv genossen werden mußte. Quen verschränkte die Arme vor der Brust und wartete.

„Es war doch nur, weil ich einen Tag mit dir allein verbringen wollte“, gestand Trenton.

„Und da konntest du nicht einfach anrufen und mitteilen, daß du nach Hause kommst und ich Zeit für dich haben soll?“

„Schon, aber spätestens nach einer halben Stunde wäre Vater etwas zu erledigen eingefallen. Die Überprüfung der äußeren Mauern oder ob im seit Jahrzehnten nicht mehr benutzten letzten Kellerraum Sicherheitsmängel vorliegen.“

Leider klangen Trentons Ausführungen erschreckend logisch. Manchmal erschien es Quen fast, als habe Kalamack sen. etwas gegen die enge Bindung zwischen ihm und seinem Sohn, doch schließlich war es dessen gutes Recht darüber zu bestimmen, womit sein Angestellter den Tag verbrachte. Immerhin war er nicht Trentons persönlicher Leibwächter, auch wenn dieser sich manchmal so benahm.

Resignierend setzte sich Quen auf die winzige Stufe, die vom Tanzsaal nach Draußen führte. Seine Füße schmerzten, als habe ein Elefant darauf herumgetrampelt. „Ich habe mir also völlig umsonst die Füße zu Brei tanzen lassen?“

„Hast du wirklich geglaubt, ich könne nicht tanzen?“ wollte Trenton wissen. „Meine erste Tanzstunde erhielt ich mit Sechs. Gut, bei den Festen meiner Eltern war ich nie anwesend, doch nur, weil Mutter Angst hatte, ich könnte sie blamieren - als würde sie nicht selbst dafür Sorge tragen. Und später hatte ich keine Lust, mich von Damen, die meine Ururgroßmutter hätten sein können, zum Tanz auffordern zu lassen.“ Mit einem Lächeln von der Schönheit eines Rehs, bevor es von einem Tanklaster erfaßt wurde, ließ sich Trent zu Boden gleiten und setzte sich im Schneidersitz Quen gegenüber auf das Gras.

Quen spürte eine Welle der Scham über sich hinwegschwappen. Er hatte nicht einmal ansatzweise darauf geachtet, ob sich Trent unter den Feiernden befand oder nicht. Halte dich stets in meiner Nähe auf. Er konnte förmlich die sonore Stimme des älteren Kalamack in seinem Kopf hören. „Und wozu das Tanzstudio? Wir hätten doch genauso gut eine Privatstunde in deinen Räumlichkeiten abhalten können.“

„Die Betreiberin konnte die finanzielle Zuwendung mehr als gut gebrauchen - und sie hat versprochen, den Namen Kalamack bei der nächsten Tanzveranstaltung lobend hervorzuheben.“ Auch wenn Trentons Verhalten zuweilen nicht den Wünschen seiner Eltern entsprach, würde er nie etwas tun, was gegen die Firmenpolitik seines Vaters verstieß.

„Und nun?“ Quen hoffte inständig, daß Trenton nicht auf die Idee verfiel, ihm in dieser Nacht noch beweisen zu wollen, daß er nicht nur den Walzer, sondern sämtliche Tänze in Perfektion beherrschte.

„Zeige ich dir, daß ich nicht nur Ahnung vom Tanzen, sondern auch von einer ausgezeichneten Fußmassage habe.“




Uaaargh, ich habe null Ahnung vom Tanzen – ich hoffe, es klang nicht allzu bescheuert.

Außerdem kann ich Trent nicht ausstehen – mein ursprüngliches Ende sah ganz anders aus, aber er bestand darauf, daß ich ein neues schreiben muß.

Und ja, es wird einen 3. Teil geben. Wann? Äh, 2021 oder so … ;-)










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