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Die Chroniken der Uchiha: Der verfluchte Clan

von astala7
Kurzbeschreibung
GeschichteAbenteuer / P16 / Gen
Hashirama Senju Izuna Uchiha Madara Uchiha Obito Uchiha Zetsu
18.06.2011
23.10.2013
27
156.562
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Dieses Kapitel
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18.06.2011 8.952
 
01.Zeijako Kodomo – Zerbrechende Kindheit
Einhundert Jahre, bevor Uchiha Sasuke und Uzumaki Naruto ihre Genin-Prüfung ablegen, achtzig Jahre vor der Gründung Konohagakures, des ersten Ninjadorfes, lebte in den Weiten des unbenannten Kontinents der Ninja ein kleiner Junge namens Madara mit seiner Familie.
Seine Welt ist düster und voller Kriege. Das Blutvergießen gehört für seinen Clan zum Alltag, denn damit verdienen sie ihr Geld. Ihre gesamte Gesellschaftsstruktur ist danach aufgebaut, wie fähig die Shinobi sind und welches Potenzial sie haben.
In einem solchen Clan gibt es keine Kinder. Es gibt nur die 'nächste Generation'.

XxX

„Und du tust alles, was ich sage! Verstehst du? Wenn ich sage, 'spring!'-“
„Dann frag ich: 'Wie hoch?', schon klar“, erwiderte er augenrollend.
„Das tust du nicht“, widersprach sie. „Du springst einfach. Andernfalls haut dir nämlich ein Riesenshuriken die Beine weg.“
„Oh“, machte er. „Klingt logisch.“


XxX

Sommer 05

Licht flutete durch das dichte Geäst der Bäume. Es war ein strahlend heller Tag mit klarem Himmel und etlichen Singvögeln, die ein wahres Konzert angestimmt hatten. Doch wo Licht ist, da ist auch Schatten. So hatte auch dieser Tag eine dunkle Seite, eine Finsternis direkt unter dem Blätterdach. Dort verbarg sich im Schatten eine Gestalt, zusammen gekrümmt, möglichst klein, unsichtbar. Der Mann war in Grau und matten Grüntönen gekleidet, um sich in seine Umgebung optimal einzufügen. Zwischen den Zähnen hielt er einen langen Grashalm, auf dem er herumkaute, während er wartete. Schweigend lauschte er dem Gesang der Vögel. Pfauenflügler, Natternschweif, gelbe Mali. Das ferne Tschilpen des Aurorafliegers.
Der Shinobi spuckte den Grashalm aus. Dieser Vogel sang nur zur Dämmerung, nicht aber mitten am Tag.
Der Mann legte die Hände an seinen Mund und ahmte den Ruf eines Brautköpfchens nach. Dann wartete er zehn Sekunden und wiederholte den Laut. Noch einmal eine halbe Minute Wartezeit, bevor er seinen sicheren Standpunkt verließ und von dem Baum herunter sprang. Sichtbar für Mensch und Tier. Praktisch auf dem Präsentierteller. Unruhig fuhr sich der Ninja mit der Zunge über die trockenen Lippen. Immer wieder drehte er sich herum, dann endlich nahm er ein fernes Rascheln wahr. Sein Partner war zu spät, viel zu spät...
Ein zweiter Mann trat jetzt unter den Bäumen hervor und sofort zückte der Shinobi ein Kunai.
„Verdammt heiß jetzt im Sommer, nicht wahr?“, zischte er angriffslustig. Eine Parole, die ihn gegen das Henge schützen sollte.
„Bald kommt die Dürrezeit, dann wird es noch schlimmer“, antwortete der zweite Ninja mit den abgesprochenen Worten.
Beide ließen nun ihre defensive Haltung fallen.
„Was hast du herausgefunden?“, fragte der Erste nunmehr entspannt und pflückte sich einen neuen Grashalm.
„Sie feiern“, erwiderte sein Gegenüber. „Ziemlich große Sache. Ihre Zeltstadt erstreckt sich auf einem Gebiet etwa halb so groß wie dieser Wald. Schätzungsweise 25 Mitglieder, die nicht mitgerechnet, die da draußen sind und unsere Kameraden umbringen.“ Die letzten Worte hatte er voller Abscheu ausgesprochen und spuckte am Ende sogar auf den Boden.
„Was feiern sie?“, fragte der Shinobi weiter. Seine Miene verfinsterte sich. „Etwa schon wieder einen Sieg?“
Die Antwort war ein Kopfschütteln. „Einer dieser Bastarde hat es wieder geschafft, ihr Bluterbe zu erwecken. Es ist ein Mädchen, zehn Jahre alt, deswegen sind sie ganz aus dem Häuschen.“
Der Mann mit dem Grashalm nickte nachdenklich. „Ja, es ist selten, dass die Frauen es aktivieren. Aber ihre Nachkommen werden dann mit hoher Wahrscheinlichkeit umso lästiger sein. Was meinst du, ist ein Attentat drin?“
Wieder ein Kopfschütteln. „Du weißt doch, die hüten ihren Nachwuchs wie ihren Augapfel. Im wahrsten Sinne des Wortes.“
Kein Laut, keine Bewegung, nur ein leichtes Schimmern in der Luft und plötzlich keuchte der Spion schmerzerfüllt auf.
„Wie Recht du doch hast“, säuselte eine leise Stimme. Der erste Shinobi wich erschrocken zurück, als sich auf der Brust seines Partners langsam ein dunkler Fleck ausbreitete.
„Verflucht!“, rief er aus, als er die Falle erkannte und schloss ein Fingerzeichen. „Kai!“
Er zuckte mit keiner Wimper, als sein Chakrafluss mit einem Mal durcheinander geriet. Sein Partner starrte ihn verwundert an, befühlte wie in Trance die Wunde in seiner Körpermitte, dann verdrehte er die Augen und sank auf die Knie, bevor er mit dem Gesicht voran in den Staub fiel.
Jetzt, wo der überlebende Ninja das Genjutsu aufgelöst hatte, konnte er hinter ihm eine Frau erkennen. Es war eine Kunoichi, das sah er sofort, denn sie trug praktische, schmucklose Kleidung. Über der knielangen schwarzen Hose trug sie einen grauen Waffenrock mit allerlei Taschen daran und das kurzärmlige dunkelblaue Shirt zierte an den Ärmeln ihr Clanzeichen, der Fächer. Ihr Gesicht war bleich, ihre Haut makellos. Aus grausamen, roten Augen fixierte sie den Ninja und um ihre Lippen lag ein harter Zug. Sie war nicht unbedingt eine Schönheit mit ihrem schwarzen, der Praxis halber nur schulterlangen Haar, aber das musste sie auch nicht sein. Allein, dass sie das Sharingan erweckt hatte, musste ihren Wert als Frau innerhalb ihres Clans in schwindelerregende Höhen getrieben haben. Für den Shinobi war ihr Gesicht das letzte, was er jemals sehen sollte. Er wusste es, denn er konnte seinen Körper nicht bewegen und sie, sie ging seelenruhig um die Leiche seines Partners herum und spielte mit dem blutbefleckten Kunai in der Hand.
„Irokuda-Clan, nicht wahr?“, fragte sie nebenbei. „Kanashibari no Jutsu solltest du trotzdem kennen.“ Ein kaltes Glitzern trat in ihre Augen. „Niemand vergreift sich an meiner Tochter!“ Mit diesen Worten stieß sie ihm die Klinge in die Brust, direkt ins Herz. Dann trat sie zurück und löste die Lähmung, sodass er sich röchelnd, hustend und Blut spuckend zusammen krümmte.
„Die Irokuda werden es niemals mit den Uchiha aufnehmen können“, flüsterte die Kunoichi und sah dem Mann mitleidlos beim Sterben zu. „Niemals!“

*

Uchiha Noriko wandte sich von den Leichen ab und machte sich daran, die Umgebung nach weiteren Feinden zu durchsuchen. Bereits nach fünf Minuten jedoch stieß sie auf auf einen Shinobi ihres Clans, nicht verwunderlich, immerhin wurden die Wachen rund um die Zeltstadt zu den Festlichkeiten immer verschärft.
„Da hinten liegen zwei tote Irokuda“, meinte der Ninja zu ihr.
Noriko nickte. „Ich weiß, ich hab sie umgebracht. Gibt es Hinweise, dass es noch mehr von der Sorte hier gibt?“
Er schüttelte den Kopf. „Wir haben auch nicht erwartet, dass heute überhaupt ein Angriff stattfindet. Shinoi-sans – entschuldige, ich meine natürlich Shinoi-samas Aufnahmezeremonie wurde ja bis heute absolut geheim gehalten.“
Noriko lächelte ein wenig. Sie war so stolz auf ihre kleine Shinoi, die jetzt tatsächlich das Sharingan aktiviert hatte und damit in den Kreis der vollwertigen Ninja aufgenommen wurde. Da sie ein Mädchen war, galt diese Leistung sogar noch viel mehr und fortan hatten alle Uchiha, mit Ausnahme nur der Eltern, Geschwister und engster Freunde, sie mit dem Suffix „-sama“ anzureden, wie es sonst nur mit den stärksten Mitgliedern gehalten wurde. Ihre kleine Shinoi wurde langsam erwachsen.
„Ich habe ein paar Worte von ihrem Gespräch aufgeschnappt“, berichtete Noriko der Wache weiterhin. „Sie haben nur zufällig von der Feier erfahren. Ich glaube nicht, dass in nächster Zeit ein Großangriff geplant ist. Die Irokuda sind ein eher kleiner Clan und der Verlust ihrer Späher wird sie erst einmal abgeschreckt haben.“
„Was macht Ihr dann noch hier?“, fragte der Mann, der nur ein entfernter Verwandter von Noriko war. „Geht zu Eurer Tochter. Sie würde sich bestimmt darüber freuen.“
Die Kunoichi schwanke, hin und her gerissen zwischen dem Wunsch, an ihrem großen Tag bei ihrem Kind zu sein, und der Verpflichtung ihrem Clan gegenüber. „Jedes Zelt muss doch zu den Festlichkeiten eine Wache stellen...“
„Die Wahrscheinlichkeit, dass wir hier noch einen feindlichen Spion finden, ist ja wohl sehr gering“, nahm er ihr einfach die Entscheidung ab. „Jetzt geht schon, Noriko-sama. Ihr habt es Euch verdient.“
„Ich danke Ihnen“, sagte sie leise, bevor sie sich abwandte, um seinen Rat zu befolgen. Wirklich schlecht fühlte sie sich dabei nicht, viel zu groß war die Freude, die Zeremonie vielleicht doch noch mit erleben zu können.
Ihre kleine Shinoi, eine echte Kunoichi! Sie war ja so stolz auf ihr Baby. Gerade mal zehn Jahre alt und schon das Sharingan erweckt. Gut, wenn ein Uchiha es nicht schaffte, diese Fähigkeit zu seinem vierzehnten Lebensjahr zu erwecken, dann gelang es meistens auch gar nicht mehr. Aber bei den Frauen des Clans war die Vererbung nicht so stark ausgeprägt und sie erlangten kaum jemals die Meisterschaft der Männer. Jedoch war die Wahrscheinlichkeit, dass ihre Söhne ebenfalls das Sharingan aktivieren konnten, sehr hoch. Die Benutzer des Kekkei Genkai brachten dem ganzen Clan, besonders aber dem Zelt, aus dem er stammte, großes Ansehen. Noriko erinnerte sich noch gut daran, wie die Bewerber um ihre Hand wortwörtlich vor dem Zelt ihres Vaters Schlange gestanden hatten, sobald sie das heiratsfähige Alter erreicht hatte. Bei dieser Auswahl hatte ihr Vater es ihr sogar gestattet, sich ihren Mann selbst auszusuchen. Auch wenn er mit ihrer Wahl, das musste natürlich gesagt werden, im Nachhinein alles andere als einverstanden gewesen war.

Die Zeltstadt der Uchiha umfasste zwölf Zeltgruppen. Entweder es war stets nur ein großes Zelt in dem ein Ehepaar mit oder ohne Kinder lebte, oder es waren manchmal für die älteren, aber noch nicht verheirateten Kinder eigene, kleinere Zelte daneben aufgebaut worden. Greise gab es in der Ninjawelt ohnehin so gut wie keine. Man durfte in der Regel nicht auf ein hohes Alter hoffen.
Nur die Zelte, in denen ein Sharinganbenutzer wohnte, durften das Clanzeichen auf dem dunkelblauen oder schwarzen Stoff tragen. Das Bluterbe brachte der jeweiligen Familie besonderes Ansehen, weswegen sie bestrebt waren, ihren Nachwuchs innerhalb des Clans zu verheiraten. Es wurden hin und wieder auch Außenstehende geduldet, niemals jedoch Menschen aus einem anderen Ninjaclan, mit dem kein festes Bündnis bestand. Ausnahmslos alle, die den Namen Uchiha trugen (und davon wurden jene, die nur eingeheiratet hatten, ausgenommen) waren Ninja. Sicher erfüllten sie Aufträge je nach Fähigkeiten mehr oder weniger oft, sondern kümmerten sich auch um andere Angelegenheiten, aber jeder von ihnen war ein Krieger und wusste sich in der strikten Hierarchie des Clans einzufügen.
Die Welt war zersplittert in mindestens dreißig verschiedene Kleinstaaten und wenn es Krieg gab (was eigentlich immer in irgendeiner Ecke der Fall war) brachen die Uchiha ihre Zelte ab und zogen in die Gebiete, in denen sie gebraucht wurden. Je mehr Aufträge sie bekamen, desto besser ging es ihnen, aber desto mehr nahmen auch die Übergriffe eifersüchtiger Clans zu. Die Uchiha hatten sich aufgrund ihres Kekkei Genkais bereits einen Namen gemacht und wurden oft angeheuert. Ein Krieg zwischen zwei so kleinen Ländern forderte außerdem kaum Opfer, wenn die gegnerische Seite überhaupt auf die Idee gekommen war, selbst Ninja anzuwerben.
Das Leben der Uchiha war also geprägt von ständigen Reisen. Sie kamen viel in der Welt umher und sie kämpften für Ruhm und Ehre. Ein stolzer Clan, der sich seines Wertes wohl bewusst und immer darauf bedacht war, sowohl von innen als auch nach außen hin stark, effizient und ehrenvoll zu sein. Ihre Macht stützte sich zum großen Teil auf das vererbte Augenjutsu, die 'Sharingan', mit denen sie fremde Jutsus kopieren und wirkungsvolle Genjutsu entwickeln konnten. Daraus resultierte, dass neben der Stärke und dem Ehrgefühl vor allem der Stammbaum für die gesellschaftliche Stellung innerhalb des Clans wichtig war.
Dass Noriko nicht nur selbst das Sharingan erweckt, sondern auch eine Tochter geboren hatte, die dazu fähig war, hatte ihr einen sehr hohen Stellenwert innerhalb des Clans eingebracht. Doch Noriko hatte noch zwei andere Kinder: ihre fünf- und dreijährigen Söhne Madara und Izuna. Die Erwartungen, die an diese beiden gestellt wurden, waren so hoch, dass Noriko manchmal fürchtete, ihre Kinder könnten daran zerbrechen. Es war keine Untertreibung zu behaupten, der ganze Clan würde den Werdegang der Brüder verfolgen.
Heute aber waren Madara und Izuna einfach nur zwei ausgelassene Kleinkinder, die zwischen den Zelten Fangen spielten. Noriko hatte die feierlichen Reden zu Ehren ihrer Tochter leider verpasst, aber es war ein großes Buffet aufgebaut und eine Tanzfläche freigeräumt worden. Jetzt erst kam richtig Stimmung auf: Einige der älteren Ninja stimmen verschiedene Musikinstrumente an und die Frauen führten traditionelle Fächertänze vor, die im Uchiha-Clan besonders geschätzt wurden. Shinoi selbst tanzte in der Mitte der Fläche, ein kunstvoller Tanz mit Taijutsu-Elementen darin. Ein wenig zu ausgelassen vielleicht, aber Shinoi war ja auch erst zehn Jahre alt. Noriko war froh, dass der Ninjaalltag sie noch nicht verbittert hatte. Nur allzu schnell würde diese herrliche Kindheit vorbei sein.
Jetzt hatte Shinoi sie entdeckt. Sie stieß einen lauten Freudenschrei aus und brach den Tanz ab, kam direkt zu ihr herüber gerannt.
Noriko wich automatisch einen Schritt zurück, als Shinoi sie heftig umarmte und fast umwarf.
„Okaa-san!“ Shinoi strahlte sie an. „Ich bin so froh, dass du kommen konntest!“
Noriko schmunzelte innerlich und strich dem Mädchen liebevoll über die Haare. Schwarze Haare, natürlich, wie fast alle in ihrem Clan und ebenfalls blass. Shinoi trug ihre Haare lang und offen, was zuweilen von Älteren missbilligt wurde: Lange, offene Haare galten als unpraktisch, nein, eher gefährlich im Kampf. Bei besonders starken Ninja hingegen galt es als modisch, die Haare lang zu tragen, um eben zu zeigen, dass man über solchen Kleinigkeiten stand. Eine weibliche Uchiha mit langen Haaren war also entweder unverschämt, oder besonders selbstbewusst. Bei Shinoi traf zweifellos Letzteres zu.
Noriko ging in die Hocke, um mit ihrer Tochter auf einer Augenhöhe zu sein.
„Ich bin auch sehr froh, dass ich es noch geschafft habe. Wie könnte ich auch deinen großen Tag versäumen? Ich bin so stolz auf dich, meine Kleine.“
Die junge Kunoichi reckte stolz ihr Kinn nach oben. „Ich bin jetzt nicht mehr deine Kleine! Pass auf, bald zieh ich aus und wohne in meinem eigenen Zelt, mit meinem eigenen Clanzeichen drauf!“
„Wie bist du nur so schnell erwachsen geworden?“, fragte Noriko lachend. „Na schön, dann geh nur rasch wieder zu deinen Freunden. Die vermissen dich sicher schon.“
Shinoi sah über die Schulter hinweg zu einer Gruppe Jugendlicher, die ihr auffordernd zuwinkten. „Das sind nicht meine Freunde“, murrte sie. „Die interessieren sich doch erst für mich, seit ich die Augen habe.“
„Aber das bedeutet nicht, dass du unter ihnen nicht ein paar richtige Freunde finden kannst, meine Liebe. Immerhin sind das die jungen Ninja, mit denen du ab jetzt auch auf größere Missionen gehen wirst. Du musst ihnen vertrauen können, Shinoi-chan.“
„Shinoi-sama!“, berichtigte sie das Mädchen grinsend und umarmte sie noch einmal. „Ist gut, ich werd' das schon machen. Ich werde eine großartige Kunoichi, genau wie du!“
Shinoi drehte den Kopf ein wenig, anscheinend hatte sie jemanden hinter Noriko entdeckt. Die junge Kunoichi winkte einmal begeistert, bevor sie dem Rat ihrer Mutter folgte und zu den anderen Jugendlichen hinüber rannte. Noriko musste sich nicht umdrehen, um zu wissen, wer in diesem Moment hinter sie trat.
„Ein Wunder, das du heute überhaupt kommst“, flüsterte sie ohne viel Lippenbewegung.
„Ich bin schon den ganzen Tag hier“, blockte eine männliche Stimme ab. Und etwas leiser: „Im Gegensatz zu dir.“
Noriko bemerkte, dass Shinoi wieder zu tanzen begonnen hatte. Sie setzte ein Lächeln auf und winkte ihr zu, während sie mit zusammengebissenen Zähnen murmelte: „Ich habe vor nicht einmal zwanzig Minuten unsere Tochter vor einem Attentat bewahrt. Wann hast du dich zum letzten Mal um deine Kinder gekümmert? Du bist doch nur körperlich anwesend, Seiko, in Gedanken bist du schon wieder  bei deinem Training.“
Seiko seufzte und legte der Kunoichi eine Hand auf die Schulter. „Noriko, lass uns nicht streiten, nicht heute...“
Noriko fuhr herum, machte sich von ihm frei und starrte ihn wütend aus schwarzen Augen an. Alle gespielte Freundlichkeit war wie ein Schleier von ihr abgefallen. „Ich will doch nur, dass du dich ein bisschen mehr um uns kümmerst! Ist das zu viel verlangt?“ Ein wenig der Härte schwand aus ihrem Blick, als sie sanft seine Hand ergriff. „Warum habe ich wohl damals keinen dieser mächtigen, erfolgreichen und lebensmüden Krieger erwählt? Weil ich jemanden an meiner Seite haben wollte, der nicht immer nur an Waffen und Blutvergießen denkt.“
„Noriko-chan“, flüsterte Seiko und strich ihr einmal sanft durch das Haar. „Ich bin trotz allem ein Uchiha und unser Leben ist ein einziger Kampf. Und du weißt, dass ich mich noch viel mehr anstrengen muss als alle anderen.“
Doch seine Frau schüttelte den Kopf. „Du verbringst mehr Zeit allein im Wald beim Training als bei uns und auf den Missionen zusammen. Das ist nicht mehr normal.“ Verbittert machte sie sich von ihm los. „Wenn es wenigstens etwas bringen würde...“
Seiko zuckte zurück. Eine unwillkürliche Reaktion auf diese verletzenden Worte. Noriko hatte doch keine Ahnung! Sie war seine Frau, aber sie verstanden sich schon lange nicht mehr so wie am Anfang. Seiko litt sehr unter ihrem Erfolg als Kunoichi, denn obwohl er ein reinblütiger Uchiha war, hatte er es nie geschafft, die Sharingan zu erwecken. Tag und Nacht trainierte er Ninjakünste, um es dennoch mit den anderen Clanmitgliedern aufnehmen zu können. Doch das Kekkei Genkai bot einfach einen zu großen Vorteil, den zu überwinden er nicht vermochte. Ein Jutsu, für dessen Beherrschung er wochenlang trainieren musste, hatten sie innerhalb weniger Sekunden kopiert. Dennoch machte Seiko immer weiter, um seinem Zelt keine Schande zu bringen. Immer in der Hoffnung, eines Tages vielleicht doch noch das Doujutsu erwecken zu können. Diese Entschlossenheit war das Einzige, für das er hier Respekt erntete.
Für ihn als Mann aber war es alles andere als leicht, hinter seiner Frau – bei Kami, und jetzt auch noch seine Tochter! - zurückzustehen. Am meisten aber machte ihm zu schaffen, dass seine eigene Frau ihn als Versager sah und ihn bereits aufgegeben hatte. Während sie auf Missionen ging und ihr Leben riskierte, sollte er zu Hause bleiben und die Kinder hüten!
„Okaa-san“, ertönte da eine leise Stimme. „Izuna hat wieder mit meinen Shuriken gespielt.“
Vor ihnen standen ihre beiden Söhne: Madara, der ein wenig mehr seinem Vater ähnelte mit seinem ruhigen, fast träumerischen Wesen, hielt seinen zwei Jahre jüngeren Bruder Izuna an der Hand, dessen rundes Gesichtchen noch eindeutig kindliche Züge trug. Natürlich hatten auch sie die schwarzen Haare und Augen, sowie die blasse Haut der Uchiha. Inwieweit sie auch talentiert waren, würde sich erst später zeigen: Der fünfjährige Madara hatte gerade erst begonnen, kleinere Waffen zu handhaben. Izuna durfte das noch nicht und jetzt stand er hier mit wehleidigem Blick, aber tapfer die Tränen herunterschluckend und hielt sich seinen linken Arm, an dem sanft das Blut hinunter rann.
„Bei meinen Ahnen!“, rief Noriko erschrocken aus, als sie das sah. Sofort fiel sie auf die Knie und griff nach der Hand ihres Sohnes.
„Wie hast du das denn hingekriegt?“, fragte sie entsetzt, als sie den langen Schnitt erblickte.
„Bin abgerutscht...“, murmelte der kleine Junge.
„Madara-chan, lauf schnell ins Zelt und hol mir etwas zum Verbinden!“, wies Noriko ihren älteren Sohn an.
Dieser streckte wortlos die Hände aus, in denen er ein paar Mullbinden, Desinfektionsmittel und eine Heilsalbe hielt. Er hatte sie schon vorsorglich mitgebracht, wusste nur nicht, wie der Verband anzulegen war.
Noriko lächelte flüchtig. „Braver Junge. Gib her, ich mach das...“
Sie verarztete den Kleinen rasch, dann nahm sie ihn auf den Arm.
„Madara-chan, wenn du nicht trainierst, musst du deine Waffen ordentlich wegpacken, hörst du?“, belehrte sie den Jungen. „Und du bist in Zukunft vorsichtiger“, meinte sie zu seinen Bruder. „Ich bring dich ins Zelt zurück...“
„Ich will aber noch Shinoi-chan tanzen sehen“, protestierte der Kleine.
„Das hättest du dir vorher überlegen sollen!“
Noriko rückte Izuna auf ihrem Arm zurecht und wandte sich ab. Seiko folgte ihr zurück zum Familienzelt.
„Die Shuriken abzustumpfen war deine Aufgabe“, zischte sie ihrem Mann möglichst leise zu, als sie sich außer Hörweite der Feiernden glaubte.
„Wie soll Madara mit stumpfen Shuriken trainieren? Ich hab dir gesagt, dass-“
„Wenn er sie mit genug Kraft wirft, bleiben sie trotzdem in der Zielscheibe stecken und nur darauf kommt es schließlich an! Was, wenn Madara Izuna nicht gefunden hätte? Bei Kami, er hätte verbluten können!“
„Glaub nicht, du wärst die Einzige, die sich um das Wohl unserer Kinder sorgt!“, knurrte er.
Auch darauf hatte Noriko eine wütende Erwiderung parat und irgendwann vergaßen die beiden auch, die Stimme zu senken.
Izuna schmiegte sich an die Schulterbeuge seiner Mutter, die Augen traurig in die Ferne gerichtet. Da stand sein Bruder Madara, ganz verlassen inmitten der Erwachsenen auf der Feier, die ihm alle über den Kopf strichen und ihm sagten, er könne so stolz auf seine Mutter und seine Schwester sein. Dass er sich genauso sehr anstrengen sollte. Noch weiter hinten stand Shinoi. Sie hatte in ihrem Tanz inne gehalten und Enttäuschung spiegelte sich auf ihrem Gesicht, als sie ihre Eltern weggehen sah. Alle drei wussten sie, dass es heute abend wieder ziemlich laut in ihrem Zelt werden würde.
Noriko und Seiko bemerkten nichts von alledem.

*

Frühling 06

Nachdem Shinoi nun offiziell eine Kunoichi war, sahen ihre Brüder sie immer seltener. Der Krieg, den die Uchiha momentan für das Land des Reises ausfochten, kam nun langsam zu seinem Höhepunkt. Madara und Izuna mussten immer öfter beim Verarzten der Wunden helfen und langsam bekamen sie Übung darin. Als die letzten Kämpfe bevorstanden, brachen die Uchiha ihre Zelte ab und folgten der verschobenen Frontlinie. Madaras sechster Geburtstag lag noch nicht lange zurück, da lagerte sein Clan an der Landesgrenze und wartete auf die Rückkehr ihrer Krieger, die im Norden gegen die Manya und die Torino kämpften, die Ninjacläne, die das feindliche Land angeheuert hatte. Madara wusste nicht einmal genau, welches Land das war, aber das war auch egal. Im Grunde waren nur die Ninja ihre Feinde und es konnten alle möglichen sein, wenn sie nur gut bezahlt wurden. Es war dieser Tag, an den Madaras ganzes Zelt – mit Ausnahme seines Bruders natürlich – zusammen mit vielen erwachsenen Tanten und Onkeln draußen war, um zu kämpfen, an dem der Clan zum ersten Mal seit Jahren frontal angegriffen wurde.
Madara hatte wie so oft die Aufgabe, auf seinen kleinen Bruder aufzupassen. Am liebsten wäre er mit seinen Eltern mit gegangen, doch er wusste, dass dieser Gedanke albern war. Anders als er es sich manchmal bei seinem Training ausmalte, kämpften sie dort gegen echte, gegen gefährliche Gegner. So saß er also mit Izuna gemeinsam bei dem Gepäck und versuchte dem Kleinkind alles beizubringen, was er über Chakra wusste. Das war schon eine ganze Menge, schließlich wollte er einmal ein großer Shinobi werden und hatte fleißig gelernt. Naja, vielleicht hatte er das nicht immer ganz freiwillig gemacht. Um genau zu sein hatte ihn seine Schwester Shinoi dazu gezwungen. Papa sei oft traurig, hatte sie immer gesagt, dass in ihrem Zelt nur die Frauen das Sharingan beherrschten. Seine Kameraden schätzen ihn deshalb geringer. Wenn Madara ein toller Ninja wurde, dann würde Papa glücklicher sein und sich nicht mehr so oft mit Mama streiten. Also hatte Madara all den langweiligen Theoriekram auswendig gelernt, denn auch wenn seine Eltern ihn noch nicht in Jutsus trainieren wollten, konnte er ja schon damit anfangen, Wissen zu sammeln.
Izuna aber wollte davon nichts hören. Vermutlich hätte er lieber ein wenig gespielt, doch auch er spürte die unruhige Stimmung im Lager, auch wenn er nicht wusste, woher sie rührte. Es waren nur wenige Erwachsene zurückgeblieben, die meisten verletzt, zu jung für den Kampf, oder nicht fähig, das Sharingan zu benutzen.
Madara beugte sich gerade über eine Schriftrolle, in der Kriegsstrategien beschrieben wurden. Er las Izuna laut daraus vor, hatte aber das Gefühl, dass der nicht so recht zu hörte. Er saß nämlich hinter ihm und flocht ihm winzige Zöpfchen in sein schulterlanges Haar. Madara wollte es mal ganz lang haben, so wie die großen Krieger und ließ es deshalb wachsen. Seine Mutter war dagegen und überfiel ihn regelmäßig des nachts mit der Schwere, aber er vermutete, dass ihn das nur trainieren sollte, einen leichten Schlaf zu haben, denn bisher hatte er sich erfolgreich gegen eine neue Frisur zur Wehr setzen können. Nicht allerdings gegen seinen Bruder.
„...und wenn der Feind dann umzingelt ist“, las Madara, „dann wirft die Nachhut aus ihren Verstecken heraus eine Reihe an Waffen, um ihn einzuschüchtern. Wirkt auch das nicht, können sie auch einzelne Gegner verletzen oder töten, um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen...“ Der junge Uchiha sah von der Schriftrolle auf und Izuna gab einen protestierenden Laut von sich, weil er seinen Kopf bewegte. Madara achtete nicht auf ihn, sondern rollte den Text zusammen und drehte sich um, um ihn in dem Bündel seiner Habseligkeiten zu verstauen, dass er als Lehnstütze missbraucht hatte. Daneben lagen die Säcke mit den Sachen seiner Eltern und der große Rucksack mit dem Zelt. Das ganze Lager hatte sich auf einen Haufen Gepäck reduziert, zwischen denen die Zurückgebliebenen saßen und sich unterhielten. Drei Wachen waren irgendwo in dem Gebüsch rings um die Lichtung postiert. Madara erkannte in der Nähe die Jungen Ryuji, Kenzo und Shouta, alle unter acht Jahre alt, dann seine Tante Ayaka, die schwanger war und bei dem Bruder von Madaras Großvater, einem der Ältesten, saß. Die beiden Mädchen  Rika und Midori, Cousinen des ersten und dritten Grades tuschelten am Rande des Lagers miteinander. Da waren noch ein paar andere Kinder, doch selbst die Ältesten waren in der Schlacht oder auf der Wache. Gut die Hälfte des Clans war zum Krieg aufgebrochen.
„Umdrehen!“, verlangte sein Bruder. „Bin noch nicht fertig.“
Madara seufzte, nahm sich die nächste Schriftrolle und wandte Izuna den Rücken zu, um sich weiter von ihm verunstalten zu lassen. Ein Jahr noch, dann würden seine Eltern anfangen, ihn auch in der Kontrolle des Chakras zu unterrichten. Aber wenn diese Schlacht gut verlief und Shinoi mehr Zeit hatte, vielleicht konnte er sie dann dazu  bringen, schon früher damit anzufangen. Wie aber sollte er das vor Mutter verbergen? Sie war ziemlich empfindlich, was das Trainieren anging...
„Fünftes Kapitel“, begann er mit der nächsten Rolle, „finde den Schwachpunkt der feindlichen Armee. - Moment, das kenn ich schon...“ Rückendeckung, die Flanken schützen, Versorgung und Spione... Nein, da am Ende war noch etwas. Madara erinnerte sich, dass er gestern abend dort aufgehört hatte zu lesen.
„Um einen langen Stellungskrieg zu verhindern, bietet es sich zuweilen an, eine besonders große Armee auszusenden, um den Feind mit einer Übermacht zu erdrücken. Dies sollte möglichst überraschend geschehen. Je nachdem, was das Ziel des Gegners ist, kann hierin aber auch ein Schwachpunkt liegen. Indem eine große Armee loszieht, bleiben die Städte und Festungen unbesetzt. Hier sind unbedingt Abwehrmaßnahmen aufzubauen, die auch von wenigen Leuten bedient werden können. Sonst besteht...“ Madara stockte, starrte ungläubig auf die Schriftzeichen. „Sonst besteht die Gefahr einer Invasion...“ Der Junge schluckte einmal und las dann schnell weiter: „Erfährt der Feind von dem Überraschungsangriff der großen Armee, kann er seinem Gegner in den Rücken fallen und das Gebiet einnehmen. Die eigene Streitmacht ist damit zum Rückzug gezwungen...“ Madara ließ die Rolle fallen und drehte sich erschrocken zu Izuna um, der wieder nur leise quengelte.
„Weißt du, was das heißt, Izuna?“, fragte er mit einem ganz furchtbar kalten Gefühl. „Das heißt, wir sind in großer Gefahr.“ Noch einmal ließ er seinen Blick über das so schwach bewachte Lager schweifen. Wenn jemand den Uchiha Schaden zufügen wollte – und das wollten so ziemlich alle rivalisierenden Clans – dann wäre jetzt der beste Zeitpunkt, um zuzuschlagen.
„Umdrehen!“, forderte Izuna, doch sein Bruder schüttelte den Kopf und strich ihm flüchtig übers Haar. „Nein Izuna-chan, ich kann jetzt nicht. Sei so gut und pass auf die Sachen auf, ja? Ich muss was erledigen.“
Madara schnappte sich eines seiner Übungskunai aus dem Bündel, stand auf und vergewisserte sich, dass niemand gerade in seine Richtung sah, denn eigentlich durfte er das Lager ja nicht verlassen. Dann schlich er zum Rand der Lichtung und hechtete zu den Büschen. Er hatte schon gelernt, wie man sich lautlos über das Laub bewegte und so schlich er umher, auf der Suche nach einer der Wachen.
Aber er fand die Wache nicht – die Wache fand ihn. Es war der Mann der Schwester des Ehepartner seiner Tante Suri, ein Mann namens Kenjiro, der einen Arm dick verbunden in einer Schlinge trug. Die freie Hand legte er ihm von hinten auf die Schulter und Madara, der ihn nicht hatte kommen hören, fuhr herum und hob abwehrend sein Kunai. Als er den vermeidlichen Angreifer erkannte, verbeugte er sich rasch.
„Entschuldigen Sie bitte, Kenjiro-san. Ich habe nicht-“
„Nicht nachgedacht?“, zischte der Ninja wütend. „Das scheint mir so, wenn du hier ganz alleine abseits vom Lager durch die Gegend streichst!“
Kenjiro war einer der 'Eingeheirateten'. Er besaß weder das Kekkei Genkai, noch war er ein Blutsverwandter von Madara. Deshalb war es eine große Beleidigung, wie er mit ihm redete, aber die Situation war gerade nicht normal und Madara hatte es eilig, weswegen er die Bemerkung einfach überging.
„Kenjiro-san, ich habe nur... Ich habe mir überlegt, was ist, wenn der Feind es ausnutzt, dass all unsere Krieger weg sind? Wir lagern hier ganz offen auf einer Lichtung, es ist doch-“
„Genau dafür gibt es ja wohl die Wachen! Genau darum sollen Kinder wie du bei den Zelten bleiben!  Solche Vorsichtsmaßnahmen sind Standard. Nicht dass wirklich ein Angriff zu erwarten wäre. Wir haben es hier mit dem Kaguya-Clan zu tun. Die sind zwar sehr gewalttätig, gefährlich  und kämpfen schlichtweg mit roher Kraft, aber an Intelligenz mangelt es ihnen etwas. Sie stellen sich unseren Leuten in einem Kampf Mann zu Mann, Hinterhalte sind nicht ihre Art.“
„Und was ist mit anderen Clans?“, beharrte Madara. „Die Uchiha haben doch so viele Feinde, das sagt Mutter immer wieder. Was ist, wenn jemand von außen sich einmischt?“
Mit diesen Worten schien er den Shinobi beunruhigt zu haben. Er zögerte bei der Antwort, warf einen raschen Blick um sich. „Gegen die Kaguya wird jeder gebraucht, der fit für den Kampf ist. Aber für ein paar feige Möchtegern-Ninja, die eine Gruppe wehrloser Kinder angreifen wollen, haben wir trotzdem noch genug Kraft. Außerdem können wir jederzeit Unterstützung vom äußeren Ring anfordern.“
Madara wusste, dass die Hauptangriffstruppe für den Krieg gegen die Kaguya aus den besten Ninja bestand, die die Uchiha hatten und dass eine weitere Gruppe aus jüngeren oder weniger starken Kriegern den Nachschub bildete und zwischen der Front und dem Lager bereitstand. In diesem äußeren Ring befand sich auch seine Schwester Shinoi. Sie würde nicht zulassen, dass Ninja sich von dem Schlachtfeld fortschlichen, um das Lager anzugreifen.  Davon war Madara überzeugt. Doch dann dachte er an seinen kleinen Bruder, der noch nicht einmal ein Shuriken richtig halten konnte. War dieser Schutz wirklich genug?
„Jetzt geh endlich zurück zum Lager“, befahl ihm Kenjiro in einem Tonfall, der keine Widerrede mehr zuließ. Madara hatte noch immer Zweifel, aber er ging tatsächlich.
Als er jedoch noch nicht einmal die Hälfte des Weges zurück zum Lager hinter sich hatte, vernahm er in der Ferne ungewöhnliche Geräusche. Natürlich war es in einem Wald niemals wirklich still, doch die meisten Tiere hielten sich von Menschen fern und das hier hörte sich so an, als würde sich etwas Großes durch die Büsche schlagen. Madara hielt inne, hin und her gerissen zwischen dem Befehl Kenjiros und seiner eigenen Neugier.
„Ach, scheiß drauf“, murmelte er dann trotzig und änderte seine Richtung. Weg vom Lager.
Schon nach kurzer Zeit fand er Spuren, die belegten, dass erst vor Kurzem jemand hier gewesen war. Abgebrochene Zweige, niedergedrücktes Gras und ab und zu auch ein paar Blutspritzer. Wer immer es war, feindlicher Spion oder ein Uchiha, der vom Schlachtfeld zurück gekommen war: Er war schwer verletzt und hatte nicht mehr die Kraft, seine Spuren zu verwischen. Madara wurde immer aufgeregter. Vielleicht konnte er ganz allein einen feindlichen Angriff auf das Lager verhindern, wenn er den Typen fand und die Wachen warnte? Dann würde Kenjiro ihn nicht mehr wegschicken. Oder er konnte einem Familienmitglied das Leben retten, indem er erste Hilfe leistete! Oder... Oder er könnte getötet werden, dachte Madara und schluckte.
Aber jetzt war es zu spät, noch einen Rückzieher zu machen. Ganz langsam tastete er sich vor und dann – ein Knacken hinter ihm. Madara fuhr herum, sein Kunai erhoben und bereit, auf jeden Feind loszugehen. Doch zu einem wirklichen Angriff kam er nicht mehr, denn sein Gegenüber packte sein Handgelenk und hielt ihn auf.
„Shinoi-chan!“, rief Madara erschrocken aus, als er erkannte, wer vor ihm stand.
Seine Schwester sah schrecklich aus. Ihr rechtes Auge war ganz geschwollen und blau verfärbt, an ihrer Schläfe rann Blut herab und ihre Kleidung war an mehreren Stellen zerrissen oder angesengt. Die nackten Arme waren voller blutiger Schnitte und Kratzern.
„Nimm das Ding runter!“, fuhr sie ihn an und entwand ihm das Kunai. „Was tust du hier, Madara?“ Doch sie wartete seine Antwort gar nicht erst ab: „Hör zu, unsere Spione haben herausgefunden, dass die Kaguya sich mit den Irokuda zusammengeschlossen haben. Das ist ein Clan, der beinahe erloschen ist und sich wohl neuen Respekt davon erhofft, einen hinterhältigen Angriff auf unsere Alten und Schwachen zu starten. Mein Team sollte sie aufhalten, aber einer ist entwischt und ich hab ihn verfolgt. Du musst sofort zurück zum Lager und eine Warnung rausgeben, während ich ihn suche! Er darf keine Gelegenheit kriegen, seine Leute zu kontaktieren!“
„Aber ich kann dir doch helfen!“, protestierte der Junge. „Ich habe dort vorn etwas gehört, ich war gerade dabei, nachzusehen...“
„Du hast was?! Es ist Krieg hier, hörst du, das ist kein Spiel-“
„Das weiß ich doch! Ich will sie doch auch nur beschützen, Izuna und die anderen. Aber wenn wir nicht schnell was machen, ist es zu spät und du hast kein Chakra mehr, um ein Jutsu zu machen. Du hast ja nicht einmal deine Sharingan aktiviert!“ Das stimmte: Shinois Augen waren rabenschwarz. Sie besaß das Doujutsu gerade mal ein Jahr und konnte noch nicht so lange ununterbrochen damit kämpfen.
„Hör zu, wir geben das Signal für einen Angriff aus dem Hinterhalt und dem Typen, den du verfolgt hast, stellen wir eine Falle, um ihn aufzuhalten. Bis die Wachen da sind, verstehst du? Ich kann dir helfen, Onee-san!“
Shinoi zögerte lange. Schließlich aber gab sie nach, hob die Hände zum Mund und ahmte einen Vogelschrei nach, der die Wachen in der Nähe auf einen Angriff vorbereitete. Dann  zog sie ein paar Kunai aus ihrer Beintasche und reichte sie ihrem Bruder.
„Das ist eine absolute Ausnahme, verstanden?“
Er nickte sofort.
„Und du tust alles, was ich sage! Verstehst du? Wenn ich sage, 'spring!'-“
„Dann frag ich: 'Wie hoch?', schon klar“, erwiderte er augenrollend.
„Das tust du nicht“, widersprach sie. „Du springst einfach. Andernfalls haut dir nämlich ein Riesenshuriken die Beine weg.“
„Oh“, machte er. „Klingt logisch.“
Shinoi seufzte einmal, zögerte. Für ein, zwei Sekunden ruhte ihr Blick auf ihm, dann umarmte sie den überraschten Madara. „Wir schaffen das“, flüsterte sie, als wolle sie sich selbst Mut zusprechen. „Lass uns loslegen.“

Der Plan, den Madara und Shinoi entwickelten, war einfach, denn sie hatten nur einfache Mittel zur Verfügung. Der Trick bestand darin, dem Feind vorzugaukeln, sie hätten alles unter Kontrolle. Gemeinsam schlichen sie sich an ihr Opfer heran, das im Geäst eines Baumes hockte und sich aus trockenen Zweigen eine Art Fackel zu bauen versuchte.
„Er will Rauchzeichen an seine Kameraden schicken“, flüsterte ihm Shinoi das Offensichtliche zu. „Unsere Wachen beobachten den Himmel nicht, durch die Baumkronen hindurch kann man ohnehin nichts erkennen.“
„Wir müssen ihnen mehr Zeit verschaffen“, sagte Madara und musterte den Ninja. Grüne Tarnkleidung, eine halbe Maskierung durch eine Gasmaske – oder war es ein Stimmverzehrer? - vor Mund und Nase. „Er darf das Signal nicht geben. Ich kann die Falle vorbereiten, aber ich brauche ungefähr sechs Minuten, in denen du mich unsichtbar machen musst“, sagte er zu seiner Schwester.
Shinoi schluckte schwer. Menimienai no Jutsu war das simpelste Genjutsu, das man mit den Sharingan erstellen konnte. Es kopierte die sichtbare Umwelt und projizierte sie einfach auf sich selbst. Dabei war es möglich, kleine Bereiche auszuschneiden und zu manipulieren. Da man dem Gegner dafür aber, wie bei allen Genjutsu, die auf dem Sharingan basierten, in die Augen sehen musste, verriet man damit seine Position. Diese Technik machte also nur Sinn, wenn man noch einen Partner hatte, jemand der aus der kopierten Umwelt herausgeschnitten und nicht wieder darauf projiziert wurde, also für den Gegner unsichtbar blieb. Das Problem war, dass das Sharingan einen gewissen Grundanteil an Chakra verbrauchte. Es war nicht besonders viel, aber Shinoi hatte kaum noch eigene Energie übrig.
„Du kriegst drei Minuten“, entschied sie, „aber achte genau darauf, wann ich ihn erwische.“
Jetzt bekam auch Madara ein schlechtes Gefühl, trotzdem nickte er. Von Shinoi bekam er sein benötigtes Werkzeug, dann rannte er los.
Shinoi atmete ein paar Mal tief durch. Jetzt durfte sie nur nicht die Ruhe verlieren. Die Ereignisse auf dem Schlachtfeld, all das Blut, die Waffen, die überall in der Erde und in toten Körpern steckten, diese Bilder hatten sich tief in ihre Seele eingeprägt. Aber sie war stark genug, es zu verkraften. Es stand nicht allzu schlimm um die Uchiha. Sie hatten gute Chancen auf den Sieg, doch wenn die Irokuda ein Massaker unter den Kindern anrichteten... Es wäre eine Katastrophe. Als taktischer Zug war es natürlich ideal. Sie töteten ihre Krieger, bevor sie ihnen zu gefährlich wurden. Dafür hasste Shinoi sie.
Die Kunoichi griff in ihre Kunaitasche. Ein paar Ellen Drahtseil, sieben Kunai, drei Shuriken, eine Briefbombe. Den Rest hatte sie in der Schlacht verbraucht oder Madara mitgegeben. Jetzt ging es um Alles oder Nichts.
Shinoi kletterte auf einen Baum hinauf, hockte sich auf einen viel zu dünnen Ast, nur mit dem Chakra an ihren Füßen festklebend. Sie griff sich das Seil, befestigte ein Shuriken an dem einen Ende und benutzte es so als Widerhaken. Ein paar mal schwang sie es über ihrem Kopf, zielte und warf es zu dem Shinobi hinüber. Ihre Sharingan blitzten auf und mit ihnen konnte sie die Weite genau abschätzen, sodass das Seil sich um die provisorische Fackel des Ninja schlang und sie ihm entriss. Das heißt: Sie wollte sie ihm entreißen, doch noch bevor sie ihn mit dem Shuriken erreichte, hatte der Irokuda sie bereits fallen gelassen und flüchtete mit einem Sprung auf den Boden. Naja. Wenn es so einfach wäre, hätte sie auch gleich auf sein Herz zielen können.
Shinoi holte das Seil wieder ein, und fluchte leise, als sie den Ninja direkt auf sich zu kommen sah. Er war schnell, verdammt... Die Kunoichi fummelte an dem Seil, sie brauchte viel zu lange, gleich war er da-
Rasch schloss sie ein Fingerzeichen, jetzt war er nah genug, sein Gesicht tauchte direkt vor ihrem auf. Angst durchflutete sie, trotzdem erfasste sie seinen Blick und aktivierte das Genjutsu. Nur einen Sekundenbruchteil später löste sie ihr Chakra an den Füßen und ließ sich rückwärts vom Ast hinab fallen, gerade rechtzeitig, um dem Kunai ihres Angreifers zu entgehen. Dafür landete sie aber unsanft auf der Erde. Heißer Schmerz durchzuckte sie, das waren mindestens zwei gebrochene Rippen... Aber ihr Plan hatte funktioniert, jetzt musste sie nur noch abhauen. Doch der Feind hatte sich bereits von ihrem plötzlichen Verschwinden erholt und sprang zu ihr herunter.
„Du wolltest mich kriegen, was, du kleine Schlampe? Jetzt bist du es, die mir nicht entkommen wird!“, höhnte der Ninja.
Shinoi achtete nicht auf ihn, sie kam auf die Beine, schlug sich ins Gebüsch.
Der Kerl lachte hinter ihr. „Ich werde dich kriegen! Ich werde dir jeden einzelnen Knochen brechen!“
Er unterschätzte sie, das war gut, er ging langsam, es gelang ihr, genug Distanz aufzubauen. Der Feind bemerkte nicht, dass er unter einem Genjutsu stand, denn die Illusion kopierte lediglich die Umgebung und gab sie genauso wieder, wie sie war. Mit der Ausnahme, dass sie ihren Bruder verbarg. Zwischen den Bäumen erhaschte sie einen Blick auf Madara, der die Falle vorbereitete. Sie durfte den Gegner nicht zu weit von hier fortlocken.
Shinoi griff sich erneut das Seil, befestigte alle ihre Kunai bis auf eines daran und bereitete den Mechanismus vor. Dann schlich sie etwas zur Seite, konzentrierte ihr Chakra an ihren Fußsohlen und kletterte den nächsten Baum hinauf, um sich senkrecht am Stamm in etwa drei Schritt Höhe zu verbergen. Ihre geprellten, vielleicht gebrochenen Rippen protestierten schmerzhaft. Shinoi riss sich einen Stoffstreifen vom Ärmel ab und machte sich daraus ein Knebel. Auf keinen Fall durfte sie ihre Position verraten, indem sie einen Schmerzensschrei ausstieß. Es lag jetzt an ihr, ob Madara die Falle vorbereiten konnte oder nicht. Konzentriert erfasste sie mit ihrem Sharingan den Ninja. Der schien sie glücklicherweise wieder verloren zu haben, vielleicht war er auch zu erschöpft für eine Suche, oder er hatte beschlossen, dass das Signal für seine Leute doch wichtiger war. Jedenfalls war er in günstiger Position. Shinoi warf das letzte Kunai auf den Shinobi, der wieder in einer Baumkrone saß und sprang dann ab, ohne sich zu vergewissern, ob sie getroffen hatte.
Der Irokuda erkannte die heranschnellende Waffe rechtzeitig. Der erste Reflex bei einem solchen Angriff war Ausweichen, doch jeder Ninja lernte, eine einfach Waffe wie diese stattdessen lieber zu blocken, da sie höchstwahrscheinlich nur den Zweck hatte, einen in eine Falle zu treiben. Genau das beabsichtigte auch Shinoi, aber der Shinobi blockte die Klinge mit seinem eigenen Kunai ab.
„Falsch Entscheidung“, murmelte Shinoi. Die Worte gingen in einer lauten Detonation unter: Sie hatte ihre Briefbombe an dem Kunai befestigt. Durch die Formation der Äste blieb dem Ninja nur eine schnelle Fluchtmöglichkeit und die führte ihn... Bingo! Shinoi zog an den Enden der Drahtseile und die vorbereiteten Kunai zischten aus eben jenem Gebüsch auf den Shinobi zu, über dem auch der Baum aufragte, von dem aus sie ihre erste Attacke gestartet hatte. Der feindliche Ninja – selbst schwer verletzt und körperlich am Ende, sonst hätte sie es überhaupt nicht gewagt, es mit ihm aufzunehmen – duckte sich weg, machte eine Rolle auf dem Boden und sprintete dann zu dem Gebüsch, in dem er Shinoi vermutete – die dort allerdings längst nicht mehr saß.
Die Kunoichi hob einen Stein vom Boden auf und schleuderte ihn quer über den freien Platz, der von der Baumgruppe eingerahmt wurde. Der Irokuda, der nun bemerkt hatte, dass seine Feindin nicht an der Position steckte, an der er sie vermutet hatte, fuhr herum, als er das Geräusch des  aufschlagenden Steines hörte. Es war der älteste Trick der Welt, doch eben deshalb würde ihr Gegner nicht vermuten, dass sie ihn anwendete. Dennoch machte sie sich davon, denn die Vermutung, der Feind lauere genau gegenüber der Geräuschquelle, war naheliegend.
Nun lag sie auf dem Bauch, relativ geschützt unter einem Haselnussstrauch, biss fest auf den Knebel und wischte sich die Tränen aus den Augen, die ihr der Schmerz hinein getrieben hatte, weil sie ihr Körpergewicht auf die angeschlagenen Rippen lagern musste.
„Sorry, Madara-chan“, murmelte sie, unhörbar durch das Stück Stoff in ihrem Mund. „Ich kann nicht mehr...“
Sie löste das Genjutsu auf. Ihre Kräfte schwanden immer mehr, aber sie zwang sich, die Augen offen zu halten. Sie musste ihren Platz in dem Plan einnehmen, sie musste...
Eine Salve Kunai kam von rechts angeflogen. Der Irokuda wich aus, Shinoi wusste bereits, dass er schnell war.
Von der anderen Seite der Baumgruppe aber tönte jetzt eine Stimme herüber, eine raue, tiefe Stimme. Die Stimme eines erfahrenen Kämpfers.
„Stehen Sie still! Sie sind umzingelt, unsere Verstärkung hat sie eingeholt. Euer Hinterhalt ist gescheitert.“
Der Ninja spuckte aus. „Ihr glaubt doch nicht im Ernst, dass ich-“
Eine weitere Salve Kunai, diesmal aus einer dritten Richtung. Die männliche Stimme ertönte wieder: „Unterschätze niemals die Uchiha!“
Shinoi lächelte in sich hinein. Taubenfußkraut. Wuchs hier überall in der Gegend. Ihr Bruder würde sich in spätestens drei Stunden die Seele aus dem Leib kotzen, aber bis dahin klang seine Stimme ungefähr zwanzig Jahre älter, als er eigentlich war.
Noch eine Ladung Shuriken und die Illusion war perfekt.  Jetzt musste der Irokuda wirklich glauben, dass der Bereich umzingelt war.Niemand konnte so schnell unbemerkt die Position wechseln. Und das war ja auch gar nicht geschehen: Madara hatte überall mechanische Vorrichtungen erstellt und falsche Gegner  vorgegaukelt.
Doch der Ninja gab noch nicht auf. Shinoi biss wieder auf ihren Knebel, einen Schrei unterdrückend, als er direkt auf sie zugestürmt kam – die einzige Richtung, in der sich noch kein 'Feind' offenbart hatte. Aber das hatte Madara vorausgesehen. Drei dicke Eisenseile, verflochten zu einer stabilen Kette, spannten links und rechts an den Bäumen. Die versteckte Kette riss aus ihrer Erdtarnung heraus und schnellte nach oben. Madara hatte vorsorglich die Grasnarbe aufgeschnitten und sie im Boden verborgen. Jetzt schlang sie sich um den Shinobi und fesselte ihm die Arme an die Seiten. Der Gefangene schrie auf und Shinoi wagte bereits wieder Hoffnung zu schöpfen. Doch dann bäumte der Mann sich auf und schüttelte die Ketten ab. Na toll, auch noch ein Muskeprotz. Aber das war fast zu erwarten gewesen: Madara hatte die Kette an zwei gegenüberstehenden Bäumen befestigen müssen, indem er Kunai oder Shuriken in die Stämme rammte. Und ein Sechsjähriger besaß eben nicht die Kraft, dies gründlich genug zu tun.
Ein Rascheln oberhalb der Büsche. Shinois Blick flog nach oben und sie weitete entsetzt die Augen. Da kam ihr Bruder Madara, geradewegs und offen heraus aus dem Geäst gesprungen! Er hatte eine Klinge erhoben und sauste auf den Irokuda zu.
Hatte er den Verstand verloren!? Sich eine solche Blöße zu geben!
Der Irokuda fuhr herum. Blitzschnell hatte auch er eine Klinge gezückt. Shinoi spuckte den Knebel aus und wollte einen Warnschrei ausstoßen, aber dazu kam sie nicht mehr.
Madara trieb sein Kunai tief in die Brust des feindlichen Shinobi. Die Wucht seines Angriffes warf den Mann um und der Junge brachte ihm eine tiefe Wunde bei, als er seine Waffe seitlich herauszog und so schnell wie möglich zurückwich. Jetzt stand er mit dem Rücken direkt vor Shinois Versteck, seine Arme hatten eine defensive Haltung angenommen.
Der Irokuda war auf die Knie gesackt. Ungläubig, irritiert starrte er in die Ferne, seine Hand lag auf der schrecklichen Wunde. Dann riss er die Augen auf und sein Blick klärte sich noch für einen Moment.
„Was... ein Kind?!“, stieß er hervor.
„Nicht nur ein Kind“, knurrte Madara mit seiner unheimlichen, erwachsenen Stimme. „Ein Ninja!“
Der Shinobi holte noch einmal rasselnd Atem. „Un....möglich...“ Dann brach er zusammen. Der Mann verdrehte die Augen, bis nur noch das Weiße zu sehen war und fiel mit dem Gesicht voran zu Boden.
Shinoi wartete, zehn Sekunden, dreißig. Madara stand vollkommen starr da und rührte sich nicht. Eine Minute, zwei...
Schließlich wagte sie es, sich vorsichtig zu bewegen. Wieder durchzuckte sie der Schmerz, aber es gelang ihr, sich etwas nach vorn zu schieben. Noch einmal wartete sie, aber als nichts geschah, stand sie langsam auf und verließ ihr Versteck.
„Madara...“, hauchte sie heiser.
Der Junge drehte sich zu ihr um. Shinoi keuchte erschrocken auf.
Rote Augen. Ihr Bruder starrte sie aus roten Augen an, rote Augen mit schwarzer Musterung. Das Sharingan.
Madara sah sie an, doch sein Blick war leer. Er sagte nichts und er rührte sich auch nicht. Das Kunai entglitt seinen vom Blut glitschigen Händen. So klein und verloren wirkte der Junge, dass Shinoi zu ihm hinübergehen und ihn umarmen wollte.
Doch da wandte sich der Junge auch schon ab, stürzte zum Unterholz und übergab sich geräuschvoll. Mitleidig flog Shinois Blick von ihrem Bruder zur Leiche und wieder zurück. Ihr Plan hatte funktioniert, ja, aber trotzdem.... Sie hätte ihrem kleinen Bruder das nicht zumuten dürfen.
Madara kam nun wieder hervor. „Verfluchtes Taubenfußkraut“, murmelte er und wischte sich den Mund ab. Shinoi wollte auf ihren Bruder zugehen, auf ihren kleinen Bruder, der heute so stark hatte sein müssen wie ein Erwachsener und der sich noch immer keine Schwäche erlaubte. Sie trat den ersten Schritt, den zweiten, dann aber brach sie zur Seite weg. Als der Schmerz sie diesmal durchzuckte, hielt sie den Schrei nicht zurück. Sie stieß ihn aus und umklammerte ihren Knöchel. Wann hatte sie sich den verletzt? Es musste auch bei dem Sturz passiert sein, aber über den schrecklichen Schmerz in ihrer Seite, der jetzt langsam zu einem dumpfen Pochen abflaute, hatte sie es nicht wahrgenommen.
Madara trat zu dem toten Shinobi herüber und Shinoi beobachtete ungläubig, wie er einen Streifen von seiner Kleidung abriss. Dann sammelte er ein paar Zweige auf und kam zu ihr herüber.
„Dein Fuß muss geschient werden“, sagte er leise, noch immer mit rauer Stimme. „Und deine anderen Verletzungen... Ich verbinde sie.“
Shinoi starrte ihn nur an. Sie wusste, dass seine Ruhe nur vorgetäuscht war. Er hatte heute sein Sharingan erweckt. Er hatte einen Menschen getötet. Und vermutlich hatte er auch dem ganzen Lager das Leben gerettet. Da war man nicht... ruhig.
Doch Madara deutete ihr Verhalten falsch: „Ich hab seinen Puls gefühlt. Der steht nicht mehr auf.“
Sie schüttelte den Kopf. Dann zwang sie sich zu einem schwachen Lächeln. „Jetzt sag schon, Otoutou-chan, wie hast du's gemacht? Dein letzter Angriff war...“
„Bescheuert?“, fragte er. „Schon richtig. Aber er hat mich nicht gesehen.“ Madara deutete hinter Shinoi. Sie folgte seinem Fingerzeig mit dem Blick und entdeckte im Geäst ein reflektierendes Licht.
„Als du in Gefahr warst... Als du dem Kerl so knapp entkommen und so schlimm gestürzt bist, da hat sich... meine Sicht verändert. Ich habe ihn angesehen und auf einmal viel mehr Details wahrgenommen und ich konnte mir denken, was er als nächstes tun würde. Das hat mir geholfen, die Fallen zu koordinieren. Ich hab auch dein Genjutsu gesehen. Weil  du mir nicht in die Augen gesehen hast, wirkte es bei  mir nicht, aber ich hab das Chakra gesehen und es durchschaut. Durch den Spiegel hab ich den Ninja indirekt dazu gebracht, auch mir in die Augen zu sehen.“
„Moment“, unterbrach sie ihn, „willst du mir sagen, du hast dein Bluterbe erweckt, dir innerhalb einer Minute diesen Plan ausgedacht, mein Jutsu durchschaut und es kopiert!? Du, der du nicht einmal eine Ahnung von Chakrakontrolle hast, willst mal eben so ein Jutsu aus dem Hut gezaubert haben, das dich unsichtbar macht und dann auch noch den Nerv haben, den Kerl abzustechen?!“
„Das mit dem Jutsu ist einfach“, behauptete er und tippte sich an die Stirn. „Wenn man es sieht.“
Durch die roten Augen wirkte seine ganze Mimik auf einmal ganz anders und sein Blick irritierte sie, als er fragte: „War es denn falsch?“
„Falsch?“ Die Kunoichi lachte hohl. „Falsch nicht gerade. Eher so in der Größenordnung 'genial'. Aber, Madara... Als ich mein Sharingan erweckt habe, brauchte ich eine Woche Training, um überhaupt mit der neuen Sichtweise klarzukommen. Du hast sie sofort auf die Praxis angewendet, mehr noch, du hast ein Jutsu damit kopiert und angewendet! Ein einfaches Jutsu, okay, aber immerhin...! Und dann hast du auch noch... Also, ich hab schon Leute verletzt, klar, aber getötet...“
„Ich hab ihn besiegt“, betonte er, „aber das ging nur mit deiner Hilfe. Ich weiß nicht, was du meinst, Shinoi, das ist es doch, was wir tun müssen?“
Shinoi ließ mutlos die Schultern hängen. „Ja, du hast Recht... Das ist es, was Ninjas tun. Es ist nur verwirrend, zu sehen, wie aus meinem kleinen Baby-Bruder auf einmal ein Ninja wird.“
„Ich bin kein Baby“, knurrte er beleidigt. „Außerdem... Außerdem glaub ich nicht, dass ich das Jutsu besonders gut hingekriegt hab“, gab er zu. Noch während er das sagte, wurden seine Augen wieder pechschwarz. „Ich bin völlig fertig, weißt du...“
Er griff wieder nach den improvisierten Verbänden. „Aber du bist viel schlimmer dran.“
Madara begann, ihren verletzten Knöchel zu schienen und Shinoi tastete nach ihren Rippen. Geprellt, vermutlich, nicht gebrochen. Das war gut.
„Du weißt schon, dass Mutter ausflippen wird, oder?“, sagte sie leise.
„Weil ich so leichtsinnig war, das Lager zu verlassen?“
„Baka. Weil du das Sharingan aktiviert hast! Bei Kami, du bist sechs Jahre alt! Damit bist du so ziemlich der jüngste Uchiha in der Geschichte, der das geschafft hat...“
„Ich schätze mal, dann werden sie endlich anfangen, mich zu trainieren.“ Er half ihr auf. „Jetzt gehen wir aber zum Lager zurück. Auch wenn er das Signal nicht mehr abgeben konnte, seine Leute müssen ja trotzdem noch in der Nähe sein.“
Den Weg zurück zum Lager musste Madara seine Schwester stützen. Das war gar nicht so leicht, denn sie war nicht nur ein gutes Stück größer als er, sondern seine Kraftreserven waren ebenfalls aufgebraucht. Im Lager rief ihre Ankunft einigen Wirbel hervor. Sie berichteten nur in aller Kürze von dem Vorgefallenen und eine der Wachen machte sich sofort auf, die Irokuda zu suchen. Es wurde eine Nachricht mit einem Botenvogel an die Front geschickt und Shinoi ließ sich von der schwangeren Ayaka ordentlich verarzten. Man fand tatsächlich eine Gruppe in der Nähe lagernder Irokuda. Madaras Cousin Ryuji ließ sich die Stelle beschreiben, an der sie gegen den Feind gekämpft hatten. Als er wieder kam, trug er ein Stoffbündel bei sich, kugelförmig ausgebeult und rot verfärbt. An der Unterseite sickerte Blut heraus.
„Wenn sie erfahren, dass ihr Angriff nicht länger auf den Überraschungsmoment bauen kann“, erklärte er grinsend, „werden sie ihn abbrechen müssen. In fünf Minuten ist die Verstärkung da und die Schlacht neigt sich auch bereits dem Ende zu. Ihr beide habt uns gerettet, man.“
Gerettet. Das beinhaltete Sicherheit. Müde strich Madara seinem kleinen Bruder Izuna durch das Haar, der es sich auf seinem Schoß gemütlich gemacht hatte.
In Sicherheit...
Die Erschöpfung lähmte seine Glieder und schließlich fielen ihm die Augen zu. Er driftete ab in einen Schlaf, der mehr der Bewusstlosigkeit glich. Er hatte es geschafft, er hatte gesiegt... Und morgen würde für ihn ein neues Leben beginnen. Ein Leben als Ninja.

XxX

Vokabeln:

Kai=Fingerzeichen, um einfache Genjutsu aufzulösen
Kanashibari no Jutsu= ein lähmendes Jutsu
Okaa-san=Mutter
Kami=Gott
Onee-san= große Schwester
Otoutou-chan: kleines Brüderchen
Baka=Idiot


(WICHTIG!)
Anmerkung des Autors:

Diese Fanfiction wurde begonnen bevor der vierte Ninjaweltkrieg ausbrach. Kleine Änderungen konnte ich noch vornehmen, aber alles was ihr in Kapitel 620 und aufwärts über Madaras Kindheit erfahrt, konnte ich hier nicht mehr berücksichtigen. Wer noch nicht beim vierten Weltkrieg angekommen ist, mag zum Ende der Fanfic hin ein paar Spoilers finden, ansonsten ist das meiste seit Itachis Tod allgemein bekannt.
Am Anfang einer Szene wird außerdem angegeben, in welchem Jahr wir uns befinden. Als Orientierung gilt Madaras Geburtsjahr. Die Fanfic beginnt also im Sommer, als Madara fünf Jahre alt war. Izuna ist zwei Jahre jünger und Shinoi fünf Jahre älter als er.
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