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Grenzen

von cricri
GeschichteSchmerz/Trost, Liebesgeschichte / P16 / MaleSlash
Kriminalhauptkommissar Frank Thiel Rechtsmediziner Professor Karl Friedrich Boerne
18.06.2011
19.06.2011
4
6.826
1
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18.06.2011 1.893
 

Beta war wieder Nipfel - vielen Dank!
Eigentlich war das ganze eine längere Geschichte, die quasi die gesamte Handlung von "Höllenfahrt" nacherzählt hat. Nipfel hat mich aber davon überzeugt, daß das nicht so prickelnd ist. Tatsächlich schrieb sich der Teil ziemlich zäh, und ich habe der eigentlichen Tatorthandlung auch kaum etwas hinzugefügt - die ist in dem Fall ja schon slashig genug ;)

Ich gehe jetzt also davon aus, daß alle Leserinnen die Episode kennen, und starte ziemlich abrupt. Kapitel 1 ist quasi eine fehlende Szene aus der Tatortepisode (d.h. der Dialog ist in Teilen wörtlich übernommen), 2-4 sind post-ep.

Man muß "Höllenfahrt" nicht gesehen haben, um den Text zu lesen. Lohnt sich aber auf jeden Fall und ist auf youtube zu finden!

Und weil ich nix wegwerfen kann, werde ich die 2 Kapitel Höllenfahrt-Nacherzählung auch noch auf meinem Journal posten (Kap. 1 und Kap. 2) - falls jemand zusätzlich Lust hat, die Zusammenfassung zu lesen :)



_____________________________


Sie folgten Frau Kolb, die in immer kleinere Straßen einbog und zuletzt sogar auf etwas, was sich nur noch als Feldweg mitten im Wald bezeichnen ließ. Oder hieß das jetzt Waldweg? Mitten im Nichts verloren sie plötzlich an Geschwindigkeit, und Thiel sah besorgt zu Boerne hinüber. Der sah auch nicht wirklich zuversichtlich aus, und Thiel fragte sich gerade, ob er vielleicht vorhin beim Ziehen des Hauptsteckers unter der Motorhaube etwas Wesentliches beschädigt hatte, als der Wagen schließlich zum Stehen kam, noch mal kurz aufblinkte, und dann mit einem kläglichen Geräusch den Geist aufgab.

„Scheiß Neuwagen! Alles elektronisch ...“, fluchte Thiel. Mit seiner alten Karre wäre so etwas nicht passiert.

Boerne war inzwischen aus dem Auto gesprungen und hatte einen Blick unter die Motorhaube geworfen. „Sie waren das! Sie haben vorhin hier am Zentralstecker rumgeprokelt! Schauen Sie sich das an, der ist total verkohlt!“

Na klasse, jetzt sollte er an allem schuld sein, dachte Thiel mit einem Anflug von schlechtem Gewissen. „Ich werd‘ mich hüten, an Ihrem Stecker rumzuprokeln ...“

Während Boerne weiter unter der Motorhaube herumwühlte, zückte Thiel sein Handy – nur um festzustellen, daß der Akku leer gelaufen war. Verdammt. Und Boerne war ernsthaft verstimmt, das war nicht zu übersehen. Wortlos ging der andere zum Kofferraum, nahm das Notlicht und stapfte Richtung Wald. Wollte er ihn hier etwa alleine lassen?

 „Meinen Sie nicht, wir könnten noch ...“ Thiel war sich nicht sicher, ob sie nicht doch lieber beim Auto warten sollten, statt nachts orientierungslos durch den Wald zu wandern. Im Hintergrund rief eine Eule, und das Ganze war schon ein bißchen unheimlich. Boerne war schon fast außer Sichtweite … „Boerne ...“ Der andere antwortete nicht, und er beschloß, lieber doch hinterher zu laufen, bevor er alleine im Dunkeln zurückblieb.

Nach einigen Minuten verbissenen Schweigens und nachdem er schon mehrmals gegen Boerne gestolpert war, beschwerte er sich schließlich doch.
 „Mensch Boerne, können Sie auch mal nach hinten leuchten!“
 „Sie können ja vorgehen!“
 „Dann kann ich ja nicht mehr zusehen, wie Sie in Wildschweinkacke treten ...“ Das sollte die Situation eigentlich etwas aufheitern und entspannen, hatte aber nicht den gewünschten Effekt. Stattdessen drehte sich Boerne um und schrie ihn an.
 „Reife Leistung, wirklich! Gratuliere! Hier kommt man nie mehr weg! Das ist schlimmer als die Sahara!“
Das war nun wirklich zuviel. Schließlich ließ er sich hier nicht anschreien, bloß weil Boerne sauer war und jemanden brauchte, dem er die Schuld an der ganzen Sache geben konnte.

 „Kann ich was dafür, daß Sie so eine Schrottkarre fahren?!!“

 „Das sagt mir ein Fahrradfahrer, der nicht mal sein Handy aufladen kann!“

 „Ohne mich hätten wir gar kein Handy!“

 „Ein leeres Handy ist gar kein Handy!“

 „Ja und, wieso sind Sie denn überhaupt mitgekommen, häh! Ein paar interessante Leichen aufsammeln, über die man im Golfclub Witze machen kann ...“

 „Das nehmen Sie zurück!“

 „Ist doch wahr! Jeder poplige Kadaver ist Ihnen tausendmal lieber als alles Lebendige, geben Sie’s doch endlich zu!“

 „Ende! Aus! Kein Wort mehr mit Ihnen!“

 „Versprochen!?“

Sie starrten sich an, und Thiel mußte sich beherrschen, den andern nicht weiter zu schubsen. Sonst würde das hier noch in Tätlichkeiten ausarten, zu allem Überfluß. Wieso war Boerne bloß immer so …

Während er noch nach einem passenden Adjektiv suchte, setzte der Regen ein. Mit Blitzen und Donnergrollen – wie hatte er nur denken können, daß die Lage nicht mehr schlimmer werden konnte? Sie liefen beide los, ziemlich sinnlos eigentlich, aber vielleicht fand sich ja irgendwo ein Unterstand. So wie es losregnete, würden sie sonst in wenigen Minuten naß bis auf die Haut sein. Und tatsächlich – da konnte man in der Dunkelheit schemenhaft ein Gebäude sehen. Wenigstens ein Lichtblick.


***


Nach dem Sprint zur Scheune im Regen war die Luft aus ihrem Streit raus. Thiel war erleichtert, daß sie wenigstens einen trockenen Platz gefunden hatten, wo sie zur Not übernachten konnten. Es hätte ja immer noch schlimmer kommen können – sie hätten auch weiter im Regen durch den dunklen Wald stolpern können. Er zog seine nasse Jacke aus und ließ sich auf ein paar Strohballen fallen. War doch gar nicht so übel. Als Kind hatte er bei einer Radtour mal im Stroh übernachtet – allerdings nicht in nassen Klamotten. Hier war es jetzt schon ein bißchen frisch.

Als Boerne etwas sagte, dachte er im ersten Moment, der andere habe seine Drohung, kein Wort mehr mit ihm zu reden, ja verdammt schnell wieder vergessen. Aber der Pathologe rezitierte nur irgendwas Wirres, was Thiel nicht zuordnen konnte. An das Zitieren eigenartiger Textfragmente hatte er sich zwar mittlerweile gewöhnt, aber auch nach mehreren Jahren war es ihm noch nicht gelungen, den Auslöser für diese unvermittelten lyrischen Anfälle zu identifizieren. Er sah zu dem andern hinüber, der neben einem alten Motorrad saß und von seiner blinkenden Notleuchte immer wieder einige Sekunden erhellt wurde. Boerne sah auch ganz schön naß aus, und irgendwie jünger als sonst.

Im Nachhinein tat es ihm leid, daß er Boerne so angefahren hatte. Gut, der Pathologe war wirklich eine Nervensäge erster Güte und die letzte Person, mit der man in so eine Lage geraten wollte. Aber er hätte nicht sagen sollen, daß Boerne sich nur für Leichen interessierte – das war unter der Gürtellinie. Er wußte gar nicht genau, woher das plötzlich gekommen war. Der Pathologe schien ernstlich verstimmt zu sein, denn inzwischen hatte er tatsächlich schon länger als zehn Minuten nicht mehr mit Thiel gesprochen. Eigentlich hätte er über die Ruhe froh sein sollen … aber verflucht, er hatte nach einem Streit noch nie gut einschlafen können.

Er wartete noch ein paar Minuten, bis er das Schweigen nicht länger ertragen konnte.
 „Boerne?“
 „Hm.“
 „Wegen vorhin – ich nehm’ alles zurück.“
 „Ich nicht!“
Das hätte er sich ja denken können … Idiot. Aber sein Gewissen war jetzt wenigstens rein, und Boerne hatte immerhin schon wieder mit ihm gesprochen. Meistens beruhigte er sich ja doch so schnell wieder, wie er beleidigt war.

 „Gute Nacht.“ Keine Antwort. Nun gut. Er drehte sich zur Seite und versuchte einzuschlafen. Das war gar nicht so einfach bei der Geräuschkulisse – wer hätte gedacht, daß ein Wald im Münsterland nachts derart unheimlich sein konnte. Jetzt hörte er neben dem Eulengeschrei und dem Prasseln des Regens auch noch ein knisterndes Geräusch, das näher zu kommen schien. Er fragte sich gerade, ob er sich sehr lächerlich machen würde, wenn er hektisch aufsprang um zu überprüfen, ob irgendein Tier in die Scheune gekommen war – was gab es hier schon? Bedrohliche Rehe? Oder ein Wildschwein … – als ihn Boernes Stimme dicht an seinem Ohr zusammenzucken ließ.

 „Rücken Sie mal ein Stück rüber!“
 „Spinnen Sie, Boerne? Warum bleiben Sie nicht auf Ihrer Seite der Scheune!“ Fast hätte ihn vor Schreck der Schlag getroffen und jetzt kam er sich ziemlich blöd vor.
 „Hier ist es wärmer. Jetzt machen Sie sich mal nicht so breit.“
 „Das ist doch völliger Quatsch ...“
Boerne achtete einfach nicht auf seinen Protest, sondern zwängte sich neben Thiel auf den Strohballen. Wenn er nicht handgreiflich werden wollte und den Pathologen über den Rand schubsen, mußte er wohl oder übel zur Seite rücken. „Also ehrlich, Boerne. Muß das sein.“

Statt einer Antwort rückte Boerne näher und legte den Arm um ihn. Das ging nun wirklich zu weit. Auch wenn es tatsächlich wärmer war. Thiel versuchte sich wieder freizumachen, aber Boerne leistete hartnäckig Widerstand.
 „Boerne! Lassen Sie mich wieder los!“
 „Jetzt seien Sie nicht so spießig, Thiel. Das ist deutlich bequemer und wärmer.“
 „Für Sie vielleicht! Ich hätte Sie lieber in zehn Meter Abstand!“
 „Pfff ... das sagen Sie doch nur.“
Thiel war ratlos. Wenn Boerne sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, tat er in der Regel alles  außer zuzugeben, daß die Idee vielleicht doch nicht so gut war. Draußen prasselte der Regen unaufhaltsam auf das Dach der Scheune, und Boernes Körperwärme ließ ihn schläfrig werden. Ihr Streit war dann wohl irgendwie auch beigelegt, schoß ihm durch den Kopf. In Gottes Namen, dann ließ er ihm eben seinen Willen. Mußte ja niemand wissen. Aber irgendwann würde er doch einmal mit dem Pathologen über Grenzen reden müssen, und daß es Dinge gab, die man einfach nicht tat. Mit diesem Entschluß schlief er ein.

Als er wach wurde, mußte er feststellen, daß er sich im Schlaf seinerseits an Boerne gekuschelt hatte. Sein Kopf lag an der Brust des Pathologen, der seinen Arm immer noch lose über seinen Körper drapiert hatte. Jetzt fehlte nur noch, daß eine Suchmannschaft der Kollegen die Scheune stürmte und sie so fand, dachte er säuerlich. Er versuchte etwas abzurücken, mit dem Erfolg, daß Boerne wach wurde und begann, mit seiner Hand kleine Kreise auf Thiels Rücken zu malen.
 „Boerne!“
 „Hm ...“
 „Würden Sie mich jetzt wohl loslassen? Ich möchte aufstehen.“
 „Jetzt schon ...“ Boerne klang ziemlich verschlafen, und statt seinen Rücken zu streicheln, was ja doch immerhin noch relativ harmlos war und sich beruhigend angefühlt hatte, wanderte seine Hand nun nach oben und fuhr sachte durch Thiels Haaransatz im Nacken. Das fühlte sich jetzt alles andere als beruhigend an ... Das war gar nicht gut. Thiel rückte abrupt ab und wäre fast vom Strohballen gerutscht. Wenigstens hielt Boerne ihn nicht mehr fest, sondern grummelte etwas Unverständliches und rollte sich auf die andere Seite um weiterzuschlafen. Thiel blieb einen Moment auf dem Rücken liegen und zählte langsam von zehn rückwärts, bis sich Atmung und Herzschlag wieder normalisierten. Hatte Boerne überhaupt eine Idee, was er da gerade angerichtet hatte? Es sah nicht so aus. Thiel sah seinen Kollegen an, der arglos vor sich hin schlummerte, und war ziemlich … ja, was eigentlich? Wütend? Es war schwer, lange auf jemanden wütend zu sein, der schlafend so harmlos aussah.

Es mußte noch sehr früh sein – draußen konnte man gerade den allerersten Hauch von Dämmerung erahnen. Und eigentlich war er noch sehr müde. Thiel zögerte kurz, drehte sich dann aber doch seinerseits um und beschloß, diese Episode unter der Rubrik „Seltsame Dinge, die man nur mit Boerne erlebt“ abzuhaken. Erst mal würde er zusehen, daß er selbst auch noch eine Runde Schlaf bekam. Es war sowieso noch zu dunkel, um aufzubrechen.

Als er zum zweiten Mal an diesem Morgen erwachte, war er allein. Er entdeckte Boerne schließlich vor der Scheune beim Schrauben an dem alten Motorrad, das er gestern gefunden hatte. Ihm lagen einige Kommentare zur letzten Nacht auf der Zunge, die er dem anderen gerne an den Kopf geworfen hätte. Aber gleichzeitig wollte er auf keinen Fall über die Szene am Morgen sprechen und war froh, daß Boerne selbst das Thema nicht anschnitt. Vielleicht war der andere ja noch gar nicht richtig wach gewesen und erinnerte sich an nichts.

*wird fortgesetzt*

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