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Eiskalt

Kurzbeschreibung
GeschichteKrimi / P16 / Gen
16.06.2011
08.09.2011
24
31.672
2
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16.06.2011 1.211
 
Seit er und Baker aus dem Hotel gekommen waren, war Lupo kalt. Jetzt, in seiner Wohnung, wurde es nicht besser. Er hatte keine Fenster mehr, einige Handwerker liefen geschäftig durch die Bude. In solchen Momenten empfand er seinen Beruf als recht praktisch: Bei einem Detective der New Yorker Polizei traute sich kein Handwerker, lange Finger zu machen.
Schnell stopfte er ein paar Klamotten in seine Reisetasche und klemmte sich seinen Laptop unter den Arm. Aus dem Büro hatte er die Ermittlungsakte mitgenommen, mit Tatortfotos und den wenigen Informationen, die er und Baker schon gesammelt hatten.
Hastig verließ er die kalte Wohnung und machte sich in seinem kalten Wagen auf den Weg in ein, so hoffte er, warmes Hotel.
Er betrat das Foyer und sah die Chefin, die an der Rezeption mit zwei jungen Damen etwas besprach. Die Frauen trugen farbenprächtige Kostüme im Stil der Zwanzigerjahre, wahrscheinlich waren es Tänzerinnen. Ihre Augen waren dunkel geschminkt, ihre Lippen knallrot. Als sie durch eine große Tür gegenüber des Eingangs verschwanden, trat Lupo an den Tresen. Hinter ihm schrie ein Pfau.
„Detective!“, rief Miss Mortell und überspielte, dass sie wenig begeistert war, Wellington wiederzusehen. „Kann ich Ihnen noch weiterhelfen?“
„Ja, das können Sie.“ Er stützte sich mit dem Unterarm auf den Tresen. „Ich hätte gern ein Zimmer.“
Edith Mortell sah ihn verwundert an. „Ein Zimmer?“, fragte sie mit leicht abfälligem Tonfall.
„Ein Zimmer… Das ist doch hier ein Hotel, oder?“
„Natürlich. Entschuldigen Sie, Detective…“
„Wellington.“
„Detective Wellington, ja. Verzeihen Sie, aber ich hätte nicht erwartet, Sie als Gast begrüßen zu dürfen.“
„Tja, Ihr Konzept ist eben sehr interessant.“
Die Hotelchefin schien jetzt beruhigt. Sie bekommen die 22 im Zweiten Stock. Roy wird ihr Gepäck aufs Zimmer bringen. Roy!“
„Oh nein, das ist nicht nötig.“, wollte Lupo abwinken, doch Miss Mortell blieb standhaft.
„Unfug, Detective. Bei uns ist der Kunde König. Niemand trägt hier sein Gepäck selbst aufs Zimmer. Dafür haben wir Roy und Malcolm.“
Roy, der Pinguin, erschien und verschwand mit Lupos Koffer im Gang rechts vom Tresen, der zum Aufzug führte. „Ich darf ihnen noch unser heutiges Abendprogramm empfehlen.“, erklärte Edith Mortell. „Heute Abend spielt die Jazzband ’Moon Men’ und dazu tanzen die Mädchen vom ’Roaring Twenties’.“
Lupo grinste. „Die Damen, die gerade eben noch hier waren?“
„Ganz recht.“, antwortete Miss Mortell. „Die beiden und noch achtzehn weitere.“
„Wow.“, murmelte Lupo anerkennend und konnte sich das Grinsen nicht verkneifen.
Ein Gast kam durch den Korridor und ging in den Saal, in dem auch die beiden jungen Frauen verschwunden waren.
„In etwa fünf Minuten beginnt die Show.“, erklärte Miss Mortell. „Viel Spaß, Detective.“
„Den werde ich haben, Danke.“
Wellington schritt durch die große, dunkle Tür. Auch in diesem Saal gab es mehrere Käfige mit Pfauen und Papageien, an beiden Seitenwänden stand jeweils ein riesiges Aquarium, Katzenhaie schwammen darin. Pompöse Kronleuchter schmückten die Decke, sogar ausgestopfte Leoparden und Geparden konnte Lupo entdecken.
An der Rückwand des Saals befand sich eine große Bühne mit schweren, dunkelroten Samtvorhängen. Vor der Bühne standen zahlreiche kleine, runde Tische, auf jedem eine Öllampe. Lupo Wellington nahm an einem der Tische platz, die nahe an der Bühne standen.
Einige Hotelgäste waren hier: einer der Vereine, von denen Baker gesprochen hatte, eine kleine Gesellschaft von Frauen und Männern, die im Stil der Zwanziger gekleidet waren, ein Pärchen und einige Männer. Die waren wohl hauptsächlich wegen der Tänzerinnen hier.
Ein Kellner, ein weiterer Pinguin, erkundigte sich, ob der Detective etwas zu essen oder zu trinken wünschte und Lupo entschied sich für ein Glas Rotwein. Das Licht einiger Kronleuchter erlosch und der Vorhang öffnete sich. Auf dem linken Teil der Bühne begann die Jazzband zu spielen, zwanzig junge Frauen tanzten dazu. Sie alle waren leicht bekleidet, viel mehr als Unterwäsche war das nicht, was sie trugen. Zudem waren sie mit opulentem Goldschmuck und Federröckchen geschmückt.
Lupo lächelte in sein Glas hinein und nahm einen großen Schluck. Hier wurde wirklich Wert auf Authenzität gelegt. Fast schon beschämt wandte Lupo den Blick von den Mädchen ab. Er wollte nicht einer dieser Männer sein, die beim Anblick einer solchen Show in irgendwelchen Phantasien versanken. Nein, er war nicht so einer. Er nicht, er konnte sich mit den ausgestopften Geparden begnügen, er brauchte sie sich nicht ansehen diese… grünen Augen.
Er nahm noch einen Schluck Wein. Noch nie hatte er so grüne Augen gesehen. Lupos Blick klebte an dem Mädchen mit diesen irisierenden Augen. Nein, nicht an dem Mädchen. Nur an den Augen. All die anderen Kerle konnten ihr ja sonstwo hinsehen, aber Lupo war nicht so, wirklich nicht. Er war nur an ihren Augen interessiert.
Die Show dauerte etwa eine Stunde. Zum anschließenden Applaus platzierten sich die Tänzerinnen in einer Reihe auf der Bühne und verbeugten sich einige Male. Das Mädchen mit den grünen Augen stand genau vor Lupo. Einmal trafen sich ihre Blicke.
Diese Augen!, dachte er. So was sollte verboten werden.
Nachdem die Tänzerinnen die Bühne verlassen hatten, wollte sich Lupo auf sein Zimmer begeben, im Foyer hielt ihn die Chefin jedoch noch einmal zurück.
„Detective Wellington, warten Sie.“
„Was gibt’s noch?“
Bei uns im Hotel läuft das so: Jeder Gast bekommt ein eigenes… ich nenne es mal Zimmermädchen. Eine der Damen bringt Ihnen alles aufs Zimmer, was Sie brauchen. Wenn Sie etwas Essen wollen, einen Drink wünschen, noch ein Kissen benötigen, rufen Sie an der Rezeption an, ich schicke Ihnen die Dame dann hoch.“
„Moment!“, unterbrach Lupo. „Was ist das hier, ein Bordell?“
„Hören Sie mal, Detective, nur, weil die Bedienung hier ausschließlich aus hübschen, jungen Damen besteht, die auf Abruf bereitstehen, um sich um ihre Wünsche zu kümmern, heißt das nicht, dass Sie auch mit ihnen schlafen dürfen.“, zischte Miss Mortell.
„Das will ich auch gar nicht.“
„Sehr gut. Die Dame ihrer Wahl wird Ihnen jeden Wunsch erfüllen bis auf diese körperlichen. Da müssen Sie woanders hingehen. Wir sind ein stilvolles und niveauvolles Etablissement.“
„Okay.“, sagte Lupo und hob beschwichtigend die Hände. „Ich wollte nicht unhöflich sein.“
„Gut. Also, haben Sie ein spezielles Mädchen im Auge? Oder soll ich Ihnen alle einmal schicken?“
„Nein, nein… Die mit den grünen Augen.“
„Schön. Falls Sie einen Wunsch haben, rufen Sie an der Rezeption an, ich werde Malina dann hochschicken.“
Schnell ging Lupo auf sein Zimmer. Sehr seltsame Regelung. Sehr seltsame Chefin.
Nachdem er die Tür hinter sich geschlossen kramte er aus den Tiefen seiner Tasche die Ermittlungsakte und sah sich die Tatortfotos an. Blut überall. Ein Mann ohne Gesicht. Doch es ließ ihn beinahe kalt. Immer wieder ging ihm die eigentümliche Regelung mit den jungen Damen durch den Kopf. Er dachte nicht im Traum daran, von dem Angebot Gebrauch zu machen, obwohl er mittlerweile ziemlich hungrig war. Und diese Augen waren es wert, noch einmal angesehen zu werden.
Obwohl sich etwas in ihm dagegen sträubte, rief Lupo an der Rezeption an. Miss Mortell empfahl ihm ein indisches Hühnchengericht. Egal was, er musste jetzt etwas essen.
Eine Viertelstunde später klopfte es. Wellington ergriff die Klinke, holte noch einmal tief Luft und öffnete schwungvoll die Tür.
Und da waren sie. Die Augen. Und der ganze Rest von ihr. Sie hatte nun etwas mehr an als bei der Show, trug ein graues Fransenkleid, war aber immer noch so stark geschminkt wie zuvor.
Aber das fiel kaum auf. Eigentlich gab es nur die Augen. Diese unglaublich grünen Augen.
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