Geschichte: Fanfiction / Anime & Manga / Nana / REN

REN

GeschichteRomanze, Freundschaft / P16
15.06.2011
10.07.2014
21
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,,Boah Satsuki, du bist so abartig Mann!” Ich saß mit meiner kleinen Schwester in ihrem Zimmer. Sie hatte mir gerade erzählt, für wen sie dieses Jahr wieder Valentins-Kekse backen wollte.
,,Wieso, wenn ich sie mit der Post schicke, weiß Shin-san doch nicht, von wem die sind! Der bekommt doch so viel Schokolade…” Traurig schob sie die Unterlippe vor.
,,Weißt du eigentlich wie alt Shin-san ist? Unmöglich dass du immer noch in ihn verknallt bist. Du bist so abartig Mann! Der könnte dein Vater sein! Der ist doch fast so alt wie Mum!”
Satsuki verschränkte die Arme vor der Brust. ,,Gar nicht wahr, er ist fünf Jahre jünger.”
,,Trotzdem ist er voll alt!“ Ich stand langsam auf. ,,Mann Satsuki, ich kann dir nur sagen, halt dich an Kerle in deinem Alter. Du bist 13 verdammt, da schwärmt man nicht mehr für den besten Freund der Mutter.”
Satsuki sah mich traurig an.
Ich wusste, dass sie die Kekse trotzdem abschicken würde. Und Mum würde wieder ausflippen. Ja und Dad sowieso.
,,Wo gehst du hin?”, fragte sie, als ich auf die Tür zutappte.
,,Raus hier, in meinem Kopf ist kein Platz für ein Fangirly.”
,,Du bist Scheiße, Ren!”, kreischte Satsuki und warf mir das Kissen nach, auf dem ich bis vor einer Sekunde gesessen hatte. Natürlich traf sie mich nicht.
Mit in den Hosentaschen vergrabenen Händen schlurfte ich in die Küche. Oder hatte es zumindest vor.
,,Heb die Füße hoch, wenn du läufst!”
Ich blieb stehen und sah aus dem Augenwinkel zu meiner Mutter. Ich war nicht sehr groß für meine 16, überragte Mum aber trotzdem ein wenig. ,,Schon gut Hachi. Mach brav Sitz und lass mich in die Küche gehen. Du bekommst auch ein Leckerli, wenn du aufhörst zu bellen.” Eigentlich wusste ich, dass ich mit Mum nicht so reden durfte, Dad wurde immer wahnsinnig wütend, wenn ich ,,so unverschämt mit meiner Mutter umging” aber Dad war mal wieder nicht zu Hause.
Mum schlug nur mit einem schnalzenden Geräusch die Hand weg, mit der ich ihr den Kopf tätschelte. ,,Du weißt, dass du mich nicht Hachi nennen sollst!”, tadelte sie mich mehr schlecht als recht und ich nickte sehr schuldbewusst.
,,Satsuki hat schon wieder vor Kekse für Shin-san zu backen!”, petzte ich mit angewidertem Gesicht.
Mum stemmte die Hände in die Seiten und bevor sie etwas entgegnen konnte, tönte es schon aus Satsukis Zimmer:
,,Ren, das hab’ ich gehört! Du bist so e'n scheiß Verräter-Schwein! Dann erzähl' ich Dad, dass du dir in der Dusche immer einen runterholst!”
Ich lief knallrot an und wäre unter den strafenden Blicken meiner Mutter am Liebsten im Erdboden versunken.
,,Stimmt das?”, fragte sie streng. Mein Blick schien Bände zu sprechen, denn Mum wartete gar nicht auf meine Antwort. ,,Na ja, besser als wenn du es mit irgendeinem Mädchen treibst…” Damit drehte sie sich um und ging in den Garten.
Ich sah zu Satsuki, die den Kopf aus ihrem Zimmer streckte.
,,Das is’ so unfair. Du kriegst nie für irgendwas Stress.”
Ich grinste breit und streckte ihr die Zunge raus. ,,Ich bin eben Mummys Liebling.” Dann ging ich endlich in die Küche um mir was zu trinken zu holen.

***


,,Danke, das war eine wunderbare Aufnahme, Satari. Machen wir für heute Schluss!”
,,Was meinen Sie Ichinose-san? Satari-chan hat wirklich Talent, oder? Mit ihr können wir viel Geld verdienen.”
Takumi nahm seine Brille ab und steckte sie in die Jacketttasche. ,,Natürlich hat sie Talent. Sonst würde ich sie nicht meine Lieder singen lassen.” Er nickte dem Aufnahmeleiter und seinem Gehilfen knapp zu, erhob sich und verließ das Aufnahmestudio. Gerade hatte er sein Handy hervorgeholt um Nana anzurufen, da kam Satari Jade um die Ecke gebogen.
,,Takumi-san!”, rief sie mit glockenheller Stimme, lachte und winkte herzlich.
Takumi lächelte und steckte sein Handy wieder weg.
,,Und, wie war ich heute?”, fragte sie begeistert.
,,Bezaubernd, wie immer.” Mit einem kurzen Blick musterte er die junge Frau. Er war froh, noch nicht Zuhause bescheid gesagt zu haben, dass er unterwegs war. ,,Und nicht nur deine Stimme.”
Ein leichter Rotschimmer legte sich auf Sataris Wangen, nervös strich sie ihr orangefarbenes Haar zurück. ,,Also Takumi-san, sie sind doch verheiratet…”
Takumi legte einen Arm um Sataris schmale Schultern. ,,Glaubst du wirklich, dass ich nur aus reiner Nächstenliebe einen Star aus dir mache?” Er schüttelte fast schon empört den Kopf. ,,Komm, lass uns essen gehen.”


***


,,Mum, hör auf Dad das Essen warm zu halten! Wenn er heimkommt und Hunger hat, kann er es sich in die Mikrowelle schieben.” Es machte mich krank zu sehen, wie Mum sich für Dad aufopferte. Und er wusste es gar nicht zu würdigen.
Früher gab es nur meinen Vater für mich. Wir haben zusammen mit Naoki-san und Reira-san in der Nähe von London gelebt. Manchmal fällt mir heute noch für etwas nur das englische Wort ein. Satsuki liebt es, sich darüber lustig zu machen. Fast fünf Jahre haben Dad und ich dort gelebt. Damit Reira-san gesund wird. Aber sie wurde nicht gesund.
Aber seit ich halbwegs vernünftig denken kann, empfinde ich meinen Vater als Schmierfleck unserer Familie. Gut, wenn wir zusammen Gitarre spielen, sind wir wieder ein Team, aber sonst… Ich will gar nicht wissen, wie oft er meine Mutter schon betrogen hat.
,,Aber vielleicht kommt er gleich. Jetzt ist doch seine Essenzeit”, sagte Mum traurig.
Ich legte ihr eine Hand auf die Schulter, schüttelte den Kopf und verließ die Küche.
,,Ah, da läuft der scheiß Verpetzer ja. Ren, Tsugumi ist am Telefon!”
Ich sah Satsuki mit zusammengezogenen Augenbrauen an und scheuchte sie mit einer Hand aus dem Zimmer.
Kichernd rannte sie weg.
Genervt verdrehte ich die Augen, dann nahm ich den Hörer in die Hand. ,,Hey Tsugumi!”, rief ich fröhlich.
“Hey Scheiß-Verpetzer”, begrüßte sie mich gut gelaunt.
Tsugumi war seit der Mittelschule meine beste Freundin. Sie war die einzige weibliche Schlagzeugerin, die ich kannte. Außerdem war sie genau anderthalb Jahre älter als ich und wir hatten uns geschworen, dass wir für immer Freunde sein würden und uns nie ineinander verlieben würden. Natürlich war ich schon damals unsterblich in sie verknallt gewesen, aber ich konnte meine Gefühle gut unterdrücken.
,,Was hat Satsuki dir erzählt?”, quetschte ich zwischen den Zähnen hervor.
,,Nichts”, lachte Tsugumi. ,,Nichts was ich nicht sowieso schon weiß.”
Mich beschlich ein ganz ungutes Gefühl, ich beschloss aber, es zu übergehen. ,,Wieso rufst du an?”, fragte ich deshalb schnell.
,,Ach ja!”, rief Tsugumi so laut, dass ich den Hörer vom Ohr reißen musste. ,,Du wirst es nicht glauben! In das neue Luxus-Hochhaus bei uns gegenüber ist heute eine WG gezogen! Drei Typen und ein Mädchen! Die Kleine wär’ bestimmt was für dich."
Ich zog die Augenbrauen an den Haaransatz. ,,Du rufst aber nicht an, um mich mit einem Mädchen zu verkuppeln, das mindestens zwei Jahre älter ist als ich, oder?”
,,Nein! Natürlich nicht, du Trottel. Also, ich komm' so mit Kisuke vom einkaufen, da rempelt mich der eine volle Kanne an. Hat wegen seinem großen Karton nichts gesehen, verstehst du?”
Ich nickte, auch wenn sie das gar nicht sehen konnte.
,,Na ja, mein ganzer Einkauf ist auf die Straße gefallen. Und du glaubst nicht, was der Typ gemacht hat.”
Ich zucke mit den Schultern. ,,Hat dir Geld gegeben, damit du neues Zeug kaufen kannst?”
,,Nein!”, blökte Tsugumi empört. ,,Das war ja gar nicht nötig. Das meiste war noch völlig heil. Nein! Er hat mich zum Essen eingeladen!”
Ich war etwas vor den Kopf gestoßen. ,,Zum Essen?”, murmelte ich, nachdem ich mich geräuspert hatte.
,,Ja, zum Essen, ist das nicht toll?!”
Ich wusste nicht wirklich, was ich davon halten sollte. ,,Wahrscheinlich zu Burger King oder zum Döner-Mann…”
Tsugumi gab einen Ton von sich, den ich bei ihr noch nie gehört hatte. ,,Du freust dich gar nicht für mich…”
Ich zog eine Schnute. Nein ich freute mich nicht wirklich, aber das hatte nichts damit zu tun, dass ich mich nicht für sie freute, sondern daran, dass ich lieber das Date wäre.
,,Jetzt leg endlich auf! Sakura wollte schon vor fünf Minuten anrufen!”
Ich hörte Tsugumi schnauben. ,,Du hörst ja, Kisuke hat Sehnsucht nach seiner Sakura. Wir sehen uns morgen in der Schule.”
Ich wollte gerade antworten, da hatte sie schon aufgelegt. Irgendwie fühlte ich mich ziemlich vor den Kopf geschlagen.

Mein Vater kam erst spät in dieser Nacht nach Hause. Mum lag natürlich schon im Bett, aber wahrscheinlich konnte sie nicht schlafen. Sie sorgte sich immer viel zu viel um diesen Mistkerl.
,,Hey Ren, was hältst du davon, wenn wir uns heute Abend mal wieder zusammen setzen und deiner Mutter und Schwester was vorspielen?”, fragte er am nächsten Morgen beim Frühstück.
,,Ich bin heute Abend bei Beniko.”, fiel Satsuki sofort ein.
Beniko war der nervigste Mensch, den ich mir vorstellen konnte. In vielen Dingen war sie genau wie meine Schwester, nur eins machte sie um längen schlimmer: Sie war in mich verknallt. Ich weiß nicht, ob ihr euch vorstellen könnt, wie es ist, wenn ein 13-jähriges Girly in euch verliebt ist. Machen wir es einfach: Euer schlimmster Albtraum und noch doppelt so schlimm. Na ja, vielleicht wisst ihr ja auch wovon ich spreche.
Dad sah jetzt hoffnungsvoll zu mir.
Ich wusste, dass er mich eh warten lassen würde und ich enttäuscht ins Bett gehen würde ehe mein Herr Vater nach Hause kam. ,,Tut mir leid”, murmelte ich deshalb. “Tsugumi hat mich eingeladen.” Das stimmte zwar nicht, aber wahrscheinlich würde sie es heute wirklich tun. Sie musste mir ja alles über >>den Kerl von gegenüber<< erzählen. Da kam Freude auf… Aber besser, als Zuhause zu versauern.
Mama sah traurig zwischen Satsuki und mir hin und her. Sie war die einzige, der was dran lag, unsere Familie zusammen zu halten.
Schließlich legte Dad seine Hand auf ihre. ,,Dann machen wir zwei uns mal wieder einen schönen Abend, was meinst du?”
Mum strahlte übers ganze Gesicht. Sie war so eine gute Person, Dad hatte das wirklich nicht verdient.

,,Woah, ich sag’ euch, Daichi sieht klasse aus! Lange, blonde Haase, grüne Augen, wie aus ‘nem Hollywoodstreifen, sag’ ich euch! Man, ich steh’ auf blonde Kerle.”
Ich zwirbelte eine meiner blonden Haarsträhnen um den Finger und seufzte innerlich. Gut, ich war nicht strohblond, trotzdem hielten es die meisten für gefärbt.
Tsugumi schwebte auf Wolke sieben. Ihre Füße schienen kaum noch den Boden zu berühren.
Ich sehnte mich nach einer Kloschüssel.
,,Was meinst du, wäre einer von denen auch was für mich?” Kirin, unser stockschwuler Kumpel, stemmte die Hände in die Seiten und präsentierte seinen wohlgeformten Körper.
Tsugumi kicherte und schüttelte hastig den Kopf. ,,Tut mir leid mein Guter. Aber sowohl Saburo als auch Tomi haben Freundinnen. Und dann bleibt nur noch Hinagiku für Ren.” Sie sah mich provokant grinsend an, während ich versuchte, ihrem Blick zu entgehen.
,,Uh, der Lotus und das Gänseblümchen, wie niedlich”, lachte Kirin.
Irgendwie fühlte ich mich ziemlich verarscht. ,,Das Einhorn sollte ganz den Mund halten”, zischte ich deshalb. Tatsächlich schwiegen die beiden für eine Weile. ,,Ach ja, Tsugumi, kann ich heute Abend zu dir kommen? Sonst will mein Vater wieder so ein Vater-Sohn-Ding drehen.”
Tsugumi lachte lauter als notwendig. ,,Ich weiß was du meinst. Kisuke und Inoichi beklagen sich auch immer darüber.”
Manchmal konnte man vergessen, dass Tsugumi ein Mädchen war. Das lag wohl daran, dass sie mit zwei älteren Brüdern aufgewachsen war. Sie verhielt sich wirklich manchmal wie ein Kerl, konnte spucken und das Alphabet rülpsen. Eigentlich war Kirin das Mädchen in unserer Clique.
,,Ähm, Ichinose-kun?”Irgendwoher kannte ich dieses dünne Stimmchen, das mich aus meinen Gedanken riss.
Hinter mir stand Kaori Niyu, ein Mädchen aus meinen Geschichtskurs. ,,Oh, hallo Niyu-san. Was gibt’s?”
Sie spielte nervös mit ihrem Ordner. ,,Wir wollten Takahashi-sensei etwas als Verlobungsgeschenk kaufen. Würdest du mitmachen?”
Takahashi-sensei war wirklich einer der nettesten Lehrer an der Schule. Vor zwei Tagen hatte er sich verlobt.
Ich nickte. ,,Na klar mach’ ich mit. An was hast du denn gedacht?”
Kaori schüttelte hastig den Kopf. ,,Das ganze war Teshi-kuns Idee. Ich helf’ ihm nur Geld von allen einzusammeln.”
Ich nickte verstehend und fing an, in meiner Tasche zu wühlen. ,,Viel hab’ ich nicht dabei.”
Kaori machte eine wegwerfende Handbewegung. ,,Ist schon OK.”
Nachdem ich ihr ein paar Münzen in die die Hand gedrückt hatte, verschwand sie ganz schnell wieder.
,,Die hast zu ja ganzschön nervös gemacht”, stellte Kirin mit breitem Grinsen fest.
Ich zuckte mit den Schultern. Wieso wollten mich die beiden unbedingt unter der Haube haben?

Ich ging gleich von der Schule mit zu Tsugumi, ich wollte mich nicht der Gefahr aussetzen Mums Dackelblick zu erliegen. Gerade saß ich auf Tsugumis Bett und klimperte auf der Gitarre ihres Bruders rum, als sie total hysterisch aufschrie. So kannte ich sie gar nicht.
,,Schnell, komm ans Fenster! Daichi und Hinagiku sind grad’ aus dem Wagen gestiegen!”
Etwas neugierig war ich schon, deshalb hastete ich zum Fenster.
Daichi sah haargenau so aus, wie Tsugumi ihn beschrieben hatte. Und Hinagiku? Sie war so schön, dass man es kaum in Worte fassen konnte. Große, dunkelblaue Augen und langes, schwarzes Haar. Dazu ein einladender Busen und sinnliche Hüften. Das war besser, als jedes Pornoheftchen unter Dads Bett. Am Liebsten wäre ich gleich unter die Dusche gegangen.
,,Schön ist sie, häh?” Tsugumi sah mich mit einem leichten Lächeln an.
Ich nickte etwas verpeilt und konnte den Blick kaum abwenden. Aber dann war sie im Hausflur verschwunden. ,,Was meinst du, wie alt sie ist?”, fragte ich leise.
,,Nicht älter als 20”, meinte Tsugumi, was mir gleich den Wind aus den Segeln nahm.
,,20?!”, fragte ich empört. ,,Das sind ja vier Jahre!”
,,Aha! Du findest sie also doch interessant!”, rief Tsugumi mit einem verschwörerischen Glitzern in den Augen.
Ich wich ihrem Blick aus. ,,Ehrlich Tsu, welcher normal gepolte Kerl würde sie nicht scharf finden..?”
Tsugumi lachte laut.
Ich mochte diese Lache gar nicht. Wahrschlich war ich wieder knallrot angelaufen, was zu meinem übrigen, eher finsteren Aussehen so gar nicht passte.
,,Wart ab, bald mach’ ich dich mit ihr bekannt. Samstag geh ich mit Daichi essen und Montag können wir sie zusammen besuchen.”
Ich war mir da weniger sicher. Montag war schon in drei Tagen, wie sollte sie sich in so kurzer Zeit mit vier Leuten so anfreunden, dass die mich einfach mitbringen konnte?

Aber tatsächlich machte sie ihre Drohung wahr. Montag nach der Schule fuhr ich erst zu ihr nach Hause und kurze Zeit später drückte sie den Klingeknopf neben dem vier Namen standen. Ishiguro, Ueda, Akanashi und Kohara. Der Türöffner wurde gedrückt und wir kamen in ein muffiges Treppenhaus. Die vier wohnten im fünften Stock. Die Wohnung selbst ging über zwei Ebenen.
An der Tür stand ein rothaariger Typ mit leicht verschlafenen Augen. ,,Hey Tsugumi-chan! Da bist du ja endlich!”
Tsugumi grinste. ,,Wie versprochen in Schuluniform. Das ist Ren, mein bester Freund. Ich hab Daichi erzählt, dass ich ihn mitbringe.”
Jetzt kam der Rothaarige auf mich zu und hielt mir seine Hand hin. Sein Händedruck war fest, aber nicht unangenehm. ,,Ich bin Saburo. Tsugumi-chan hat von dir erzählt, ach was heißt erzählt, sie redet eigentlich nur von dir.” Er lachte ein raues Lachen. “Aber komm erstmal rein!”
Wir betraten ein modernes Wohnzimmer mit Glasfront. An der Wand hing eine beachtliche CD-Sammlung. Eigentlich waren die Dinger doch ziemlich aus der Mode. Ich entdeckte auch fast nur alten Kram, um die 20 Jahre alt. Neben dem Sofa lehnte ein schwarzer Bass mit Stahlseiten. Auf dem Sofa saßen eine rothaarige Frau (ihre Haarfarbe war identisch die gleiche wie Saburos, wahrscheinlich hatten sie den gleichen Friseur) und ein schwarzhaariger Typ mit Brille. Die Frau trug altmodische Kopfhörer um den Hals, der Brillenträger beugte sich über ein Buch.
,,Das sind Setusko und Tomi. Setsuko-san ist Saburos Freundin, also lass sie besser in Ruhe.”
Jetzt wusste ich auch, wieso die beiden die gleiche Haarfarbe trugen. Saburo setzte sich neben die Frau, nahm den Bass in die Hand und Setsuko setzte die Kopfhörer wieder auf. Jetzt erst sah ich, dass der Bass nicht mit einem Verstärker, sondern den Kopfhörern verbunden war. Das Instrument gab nur leise Töne von sich, aber die junge Frau musste es in seiner vollen Stärke hören.
Tsugumi griff mich am Handgelenk. ,,Komm, ich stell dir Daichi vor. Wenn er nicht hier ist, hockt er wohl in seinem Zimmer.” Sie zog mich hinter sich her, bis wir vor einer schwarzen Holztür stehen blieben.
Ich fühlte mich unsäglich unwohl.
Tsugumi klopfte und ein leises ,,Herein” veranlasste sie, die Tür aufzureißen. ,,Hey Daichi! Ich wollte dir Ren vorstellen, meinen besten Freund.”
Jetzt kam ich mir noch viel dämlicher vor.
Daichi, der von weitem eher wie ein großes Kind gewirkt hatte, überragte mich um mehr als einen Kopf. Seine Haare waren so blond, dass es in den Augen schmerzte und seine Augen so grün, dass der Vergleich mit einer Katze unweigerlich im Raum stand. Dazu waren sie dunkel umrandet und sein Fingernägel schwarz lackiert. Er trug Lederklamotten. Eigentlich ein schreckliche Vorstellung, die ich sofort auf Kirin projiziert hätte, aber Daichi sah so männlich aus, dass ich neben ihm wie ein Vierjähriger wirkte.
Er nickte mir bloß zu und als ich nicht reagierte fing er an mit Tsugumi zu quatschen.
Ich hörte Hinagikus Namen fallen und wachte plötzlich aus meiner Trance auf.
,,Sie müsste bald zurückkommen. Du weißt doch, sie hat diesen Bürojob.”
Tsugumi nickte und zwinkerte mir zu.
,,Geht doch wieder ins Wohnzimmer, ich komm’ gleich nach, OK?”
Tsugumi antwortet knapp und zog mich nach draußen. ,,Sag mal, bist du verstummt?”, fragte sie ziemlich sauer. ,,Ich hab’ denen erzählt, du bist cool!”
Ich und cool? Da hatte sie wohl was missverstanden. Aber so uncool wie eben hatte ich mich in meinem ganzen Leben noch nicht gefühlt.

,,Ich bin Zuhause!”, drang knapp eine halbe Stunde später eine betörende Stimme durch die Wohnung.
Auch ich hatte meine Stimme wiedergefunden und unterhielt mich mit Saburo über Gitarren. Na ja, was hieß unterhielt? Ich redete und Saburo antwortete mit knappen Wortfetzen.
Hinagiku betrat das Wohnzimmer und auch sie sah von Nahem noch besser aus als aus der Ferne. Sie trug ein enggeschnittenes Kostüm und die langen, schwarzen Haare zu einem Pferdeschwanz. Ihre blauen Augen sahen mir direkt in die Seele. ,,Hey Tsugumi-chan, ist das Ren?”, fragte sie ohne den Blick von mir zu wenden. Wow, sie kannte sogar meinen Namen! “Ueda Hinagiku”, stellte sie sich vor, während sie mit geschmeidigen Schritten auf mich zu kaum. Sie war wirklich wunderschön, aber mindestens schon 20.
,,I-Ichinose Ren”, stammelte ich und versuchte nicht auf die Oberweite zu starren, die sie mir regelrecht ins Gesicht drückte.
Sie sah mich irritiert an. ,,Ichinose? Seltsam, so heißt meine Vorgesetzte auch. Wusste gar nicht, dass der Name so häufig ist.” Dann schwebte sie zu Saburo und forderte ihn auf, zu rücken.
Jetzt wo sie mir gegenüber saß, fühlte ich mich schon viel wohler. Und so redete ich mit Hinagiku über alles möglich. Ich kann mich gar nicht genau erinnern, was es alles war. Aber irgendwie benutze sie die Wörter so, dass mein spätpubertäres Hirn Zweideutigkeiten entwickelte, die wahrscheinlich gar nicht da waren. Unser Gespräch endete damit, dass ich sie Hina nennen durfte, ich erfuhr, dass sie tatsächlich 20 war und dass meine Mutter ihre Vorgesetzte war (was ich damals noch für mich behielt).

Gegen acht kam ich nach Hause.
Mum war gerade am telefonieren. ,,Hör zu Shin-chan! Das muss aufhören! Ich will nicht, dass du Satsuki dieses Jahr wieder was schenkst. Das Mädel macht sich viel zu viele Hoffnungen!” …,,Verdammt Shin-chan! Du könntest ihr Vater sein! Ich will nicht, dass meine Tochter so einen alten Sack heiratet! Auch wenn du reich bist!” … ,,Nein, das halte ich für keine gute Idee.” … ,,Also gut, dann komm halt vorbei! Aber wehe du bringst Satsuki was mit! Takumi reißt dir den Kopf ab.” … ,,Doch natürlich freu ich mich, mein Shin-chan zu sehen.” … ,,Gut verstehe.” … ,,Dann bis nächste Woche.” Sie legte mit einem unterdrückten Seufzer auf.
,,Kommt Shin-san zu Valentinstag?”, fragte ich mit einem breiten Grinsen. Ich konnte Shin-san gut leiden. Und ich mochte, wie er und Dad sich immer stritten.
Mum nickte fröhlich.
,,Da wird Satuski ja ganz aus dem Häuschen sein. Soll ich es ihr gleich erzählen?” Ich wollte schon loslaufen, aber da packte Mum mich am Unterarm.
,,Wag dich! Außerdem, wo warst du wieder so lange? Hast du schon deine Aufgaben gemacht?”
,,Ich… war bei Tsugumi und die Aufgaben… sind natürlich fertig.” Ich war ein miserabeler Lügner. Aber Mum sagte nie etwas. Wenn ich mit ihr allein war, durfte ich wirklich alles. Auch wenn mir das wahrscheinlich nicht gut bekam.
,,Bringst du Tsugumi mal wieder zum Essen mit? Ich hab sie so lang’ nicht mehr gesehen. Hat sie immer noch lila Haare?”
Ich nickte grinsend, wagte aber nicht, meiner Mutter zu gestehen, dass Tsugumi nicht gern zu mir kam. Ich wusste selbst nicht, woran es lag. Wahrscheinlich an Dad. Der mochte junge Mädchen einfach zu gern…

***


,,Was hältst du von diesem Ren?” Saburo lehnte sich im Sessel zurück und schloss die Augen.
Hinagiku atmete lange aus. ,,Er sieht gut aus für seine 16. Etwas zu gut, wenn du mich fragst. Aber… wieso fragst du überhaupt?”
,,Der Junge ist Wahnsinn. Der weiß Dinge über meinen Bass, die ich heute zum ersten Mal gehört hab’. Er scheint auch von ganzem Herzen Musiker zu sein.”
Hinagiku gähnte und warf einen Blick auf die Uhr. Es wurde langsam Zeit, ins Bett zu gehen. ,,Ich wette, der Kleine ist noch ein unbeschriebenes Blatt.”
Saburo öffnete ein Auge und sah sie misstrauisch an. ,,Hina, bring dich nicht in Schwierigkeiten! Der Junge ist noch minderjährig!”
Hinagiku verdrehte die Augen. ,,Du bist zu streng mit mir, Saburo, viel zu streng.” Damit stand sie auf und lief langsam in ihr Zimmer.
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