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1983

von Reg Dixon
Kurzbeschreibung
GeschichteLiebesgeschichte / P18 / MaleSlash
Ennis Del Mar Jack Twist
10.06.2011
12.02.2013
3
20.375
11
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Dieses Kapitel
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10.06.2011 9.316
 
1983              

Anmerkung: Jack und Ennis gehören Annie Proulx.

Der Sommer des Jahres war kalt und regnerisch. Im Mai hatten Jack und Ennis eine kalte Woche zusammen in den Bergen verbracht. Beim Abschied hatten sie heftig gestritten und lange unterdrückter Frust war aus Jack herausgebrochen. Sie hatten nichts geklärt. Ennis war mit seinem Pferdeanhänger abgefahren und Jack hatte ihm, wie schon so oft, nachgeschaut.

Jack wollte so nicht mehr weiter machen. Er konnte die ewigen Wechselbäder der Gefühle aus Vorfreude und Enttäuschung, weil Ennis immer noch nicht, nach fast zwanzig Jahren, zu ihm stehen wollte oder konnte, nicht mehr länger ertragen. Er fühlte sich zu alt um immer weiter Gefühle und Lebenszeit in eine Beziehung ohne wirkliche Zukunft zu investieren. Ennis war geschieden, seine Kinder fast erwachsen. Er war ein freier Mann aber er konnte nicht auf sein Herz hören. Wenn sie zusammen waren, wusste Jack, dass Ennis ihn immer noch liebte aber seine Hoffnungen auf ein gemeinsames Leben waren immer und immer wieder enttäuscht worden. Wie oft hatte er sich auf dem Weg zurück nach Texas gefragt was das alles sollte. Hatte nach ihren Treffen tagelang gesoffen um den Schmerz zu betäuben. Ennis war wütend auf ihn gewesen als er über Mexiko gesprochen hatte. Wütend und eifersüchtig! Jack hätte ihn am liebsten umarmt und ihm gesagt wie ekelhaft und beschämend seine wenigen Besuche bei den mexikanischen Strichjungen gewesen waren. Auch für diese Spielchen, im Stehen und in irgendwelchen Hinterhöfen, nach denen er sich schmutzig fühlte und sich vor sich selbst ekelte, fühlte sich Jack inzwischen zu alt. Er sehnte sich nach einer liebevollen Beziehung. Und er sehnte sich nach Wahrhaftigkeit. Wenigsten gegenüber dem Mann den er liebte wollte er sagen dürfen:“Ja, ich bin schwul. Ja, ich liebe dich.“  Er wollte keine falsche Fassade mehr um sein Herz bauen müssen. Wenigstens zu Hause wollte er der sein, der er wirklich war. Als sie sich getrennt hatten konnte Jack auf dem Weg zu seinen Eltern über alles nachdenken. Innerlich trennte er sich von Ennis. Er würde keine Postkarten mehr schreiben und auch auf keine mehr antworten. Innerlich trennte er sich auch von Lureen. Ihre Ehe war ihm nur noch Ballast. Lureen war letztendlich auch nicht mehr glücklich mit ihm. Jack wollte nun endlich Ordnung in sein Leben bringen und war nicht mehr zu faulen Kompromissen bereit.

Seit einigen Monaten hatte er ein Verhältnis mit Randall. Vorarbeiter auf einer großen Ranch in einem Nachbarort. Randall war auch verheiratet aber er hatte sich schon von seiner Frau getrennt und plante eine gemeinsame Zukunft mit Jack. Jack mochte Randall sehr. Er war klug, ein guter Kumpel, zum ausgehen, jagen, fischen und ein zärtlicher, einfühlsamer Liebhaber. Es war nicht wie mit Ennis, nichts war wie mit Ennis! Aber diese Geschichte schien eine Zukunft zu haben. Randall schämte sich seiner Gefühle nicht. Schon an dem Ballabend an dem sie sich kennengelernt hatten, flirtete er so heftig, das Lureen dachte, sie wäre gemeint. Jack fühlte sich auch angesprochen und Randall hatte nach dem Ball, als sie auf ihre Frauen warteten, die Gelegenheit genutzt, um sich mit Jack zu verabreden. Es war so einfach gewesen. Ihre Frauen verstanden sich ganz gut und deshalb war es überhaupt kein Problem das auch die zwei Männer Zeit miteinander verbringen konnten. Die Erfahrung zusammen auszugehen, Billard oder Dart in der Bar zu spielen, etwas zu trinken, sich zu unterhalten oder einfach nur nebeneinander an der Theke zu sitzen bevor sie zusammen im Bett landeten war ganz neu für Jack. Er liebte die Berge aber er liebte auch gelegentlich menschliche Gesellschaft  und es war sehr schön für ihn, dass Randall ihre gemeinsamen Abende genauso genoss wie er selbst und offenbar stolz darauf war, mit Jack auszugehen. Natürlich achteten sie darauf die wahre Natur ihrer Beziehung nicht zu offensichtlich werden zu lassen. Offiziell waren sie sehr enge Freunde. So ging das nun schon einige Monate und Jack konnte sich immer mehr mit dem Gedanken anfreunden, mit Randall nach Lightning Flat auf die Ranch seiner Eltern zu ziehen. Randall hatte Viehwirtschaft studiert, das waren gute Voraussetzungen. Er hatte sich  von seiner Frau getrennt. Sie war schon zurück nach Dallas gezogen. Jetzt musste Jack nur noch Ordnung in sein eigenes Leben bringen. Ennis wollte keine gemeinsame Zukunft. Das war ihm nach ihrem letzten Streit nun endgültig klar geworden.

Der Besuch bei den Eltern dauerte drei Tage und Jack berichtete von seinen Scheidungsplänen und das er sich vorstellte, mit Randall zu ihnen zu ziehen um die Ranch auf Vordermann zu bringen. Der Vater war skeptisch, wie immer bei Jacks Ideen. Allerdings wäre ihm die Hilfe zweier jüngerer Männer schon willkommen.



Der Juni und der Juli 1983 waren viel zu kalt. Im August regnete es keinen Tropfen und Ennis Boss machte sich große Sorgen, weil die Preise für Rindfleisch so schlecht waren wie seit Jahren nicht. Im September erfuhr Ennis, dass er nur noch ein paar Wochen Arbeit hätte, weil die Ranch verkauft worden war. Er würde sich neue Arbeit suchen müssen. Aber vielleicht könnte man ein, zwei Wochen Zeit mit Jack verbringen. Seine Sehnsucht war  groß und Ende September schrieb er eine Postkarte. Schon einen Tag später kam ein Telegramm von Jack. Das hatte es noch nie gegeben und konnte auch fast noch nicht die Antwort auf seine Karte sein. „Hat der Junge wohl auch  Sehnsucht…..“ dachte Ennis als er aufgeregt den Umschlag öffnete.



HALLO ENNIS; VATER TÖDLICH VERUNGLÜCKT; MUTTER BRAUCHT DRINGEND HILFE; KANN HIER NICHT WEG; BITTE GEHE NACH L.F.

GRUSS JACK

Das war nicht das, was Ennis erwartet oder erhofft hatte! Diese Nachricht war beunruhigend. Ennis dachte den ganzen Abend darüber nach was er nun tun sollte. Am Morgen hörte er auf sein Herz; zum ersten Mal in all den Jahren. Packte seine Siebensachen, kündigte, verlud seine Pferde auf den Anhänger und machte sich auf den Weg zu Jacks Mutter. Der Weg nahm einige Zeit in Anspruch weil er mit dem Anhänger nicht schnell fahren konnte und Ennis dachte daran, wie furchtbar es war, als seine eigenen Eltern verunglückt sind und er und seine Geschwister allein zurückblieben. Seine Kindheit endete mit diesem Unfall.

Es war das erste Mal, dass Jack ihn um Hilfe gebeten hatte und Ennis war sich sicher, dass Jack gute Gründe dafür haben musste das er nicht selbst sofort zu seiner Mutter fahren konnte um ihr zu helfen. Ennis erinnerte sich noch ganz gut daran wie froh sein Bruder und seine Schwester waren das sich einige Nachbarn ihres Viehs angenommen haben und ihnen bei Behördenangelegenheiten zur Seite standen.

Es war schon dunkel als er seinen Anhänger vor der Twist Ranch parkte. Auf einmal kam es ihm seltsam vor das er in all den Jahren niemals mit Jack her gekommen war. Mrs. Twist schaute vorsichtig aus der Tür. Sie war eine gestandene Farmersfrau aber sie war etwas mitgenommen von den Ereignissen der letzten Tage. Ennis ging langsam auf sie zu und als er im Lichtkegel der Hauslaterne stand zog er den Hut und sagte: „N` Abend M`am, Jack schickt mich um zu helfen. Tut mir leid wegen des Vaters.“ „Guten Abend, sie müssen Randall sein, Jack hat uns von ihnen erzählt. Kommen sie doch herein.“ Sie trat zur Seite. Ennis wurde es flau im Magen und er rührte sich nicht von der Stelle. Wer zum Teufel war Randall????!!!!! „Möchten sie nicht reinkommen? Sicher haben sie auch Hunger.“ Ennis ging ihr langsam nach, in das Haus und hatte das Gefühl völlig fehl am Platz zu sein. Er tastete nach dem Telegramm in seiner Tasche. Im Licht der Wohnküche sah die Frau wie verunsichert Ennis war und fragte ihn ob ihm nicht gut wäre. Er hielt ihr das Telegramm hin und sie las es. Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht. „Ennis del Mar! Ich freue mich sie kennen zu lernen! Jack hat immer sehr viel von ihnen gesprochen wenn er uns besucht hat. Bitte nehmen sie doch Platz. Ich mache gerade etwas zu Essen.“ Sie ging zum Herd um etwas umzurühren, brachte noch einen Teller, Besteck und ein kaltes Bier. Ennis setzte sich, nahm einen großen Schluck Bier und hatte das Gefühl das Jacks Mutter sich ehrlich freute, dass er hier saß und nicht dieser Randall?! Nach dem Essen zeigte Mrs. Twist, Ennis einen Platz für seine Pferde in Ihrer Scheune und Ennis lud seine wenigen Sachen aus dem Auto. „ Ennis, sie können in Jacks Zimmer schlafen. Ich habe es so gelassen wie es war als er ein Junge war. Ich glaube, das hat ihm gefallen. Einfach die Treppe hoch.“ Ennis bedankte sich für das Essen, sagte Gute Nacht und ging mit seiner Tasche hoch in Jacks altes Kinderzimmer. Hier schlief er also wenn er seine Eltern besuchte. Ennis war aufgeregt. Er betrachtete das Jungen Zimmer beim Schein der kleinen Lampe. Ein schmales Bett, Schreibtisch, Luftgewehr über dem Bett, Mauernische als Kleiderschrank. Ennis zog sich aus, legte sich auf Jacks Bett und fühlte sich  Jack auf einmal ganz nah. „Ich wünschte du wärst jetzt hier mein Freund……..“ Mit diesem Gedanken fiel er in einen unruhigen Schlaf.

Der nächste Morgen begann früh mit Geklapper von Frühstücksgeschirr, Kaffeeduft und verlockendem Geruch von gebratenen Eiern mit Speck. So ein Frühstück war Ennis nicht gewöhnt. Meistens trank er nur aufgewärmten Kaffee zur ersten Zigarette. Beim Frühstück erzählte Jacks Mutter wie es zu dem Unfall des Vaters gekommen war. Er hatte einem Nachbarn bei Dacharbeiten geholfen und war unglücklich von der Leiter gestürzt. Er war sofort tot. John Twist war sein Leben lang sehr sparsam aber das Geld für eine Lebensversicherung hatte er ausgegeben, so dass sich seine Witwe nun wenigstens keine finanziellen Sorgen machen musste. „ Ennis, ich würde mich freuen wenn sie eine Zeit lang bei mir bleiben könnten. Ich kann zwar nicht sehr viel zahlen aber sie haben Kost und Logis für sich und die Pferde frei und ich mache ihnen auch die Wäsche.“ Ennis dachte nicht lange nach und sagte: „Ich freue mich wenn ich helfen kann.“

Mrs. Twist war praktisch veranlagt und zeigte Ennis gleich nach dem Frühstück die Ranch. Ennis sah die Arbeit auf einen Blick und machte sich gleich ans Werk. Da war viel zu tun.

Beim Abendessen erfuhr er dann warum Jack im Moment  nicht aus Texas kommen konnte. Er ließ sich von Lureen scheiden und bei dem Gerichtstermin musste man persönlich erscheinen. Ennis erinnerte sich noch gut an seine eigene Scheidung von Alma auch wenn es schon einige Jahre zurücklag. Über diesen Randall verlor Mrs. Twist kein Wort.

Es vergingen einige Tage und Ennis fühlte sich wohl. Langsam lief der Betrieb wieder rund und Mrs. Twist schien es zu gefallen für ihn zu sorgen, wie für einen Sohn. Er genoss die mütterliche Fürsorge. Als Ennis sie zum ersten Mal in die Stadt fuhr um Besorgungen zu machen hatte er ein seltsames Gefühl. Er spürte auf einmal sehr deutlich den Verlust seiner eigenen Mutter. Diese Gedanken hatte er immer verdrängt. Mrs. Twist stellte ihn überall als Jacks guten Freund vor, der extra gekommen war um ihr zur Seite zu stehen. So wurde Ennis überall sehr freundlich begrüßt und in der nächsten Woche kannte man schon seinen Namen.

Nach zwei Wochen begann Ennis sich schon langsam zu fragen warum Jack so gar nichts von sich hören ließ. Er lag nachts wach. Seine Blicke wanderten umher und nach einer Weile hielt ihn nichts mehr in dem Jungenbett das etwas zu kurz für ihn war. Er wanderte im Zimmer umher. Randall geisterte in seinem Kopf. Was mochte es mit diesem Typen auf sich haben. Hatte Jack sich wohlmöglich wegen dem scheiden lassen? Aber warum schickte er dann ihn, Ennis zu seiner Mutter? Ennis wusste sich keinen Reim darauf zu machen. Er wusste nur, dass seine Sehnsucht nach Jack immer größer wurde und er wurde das Gefühl nicht los, dass Jacks Mutter ganz genau wusste wer er eigentlich war aber sie sprach es nicht direkt aus. Es war nur etwas im Klang ihrer Stimme wenn sie sagte: „Das ist Jacks guter Freund Ennis.“ Vielleicht war es ja auch nur Einbildung. Er wanderte durch das Zimmer. Ennis wusste schon das er ziemlich paranoid war, was seine Liebesbeziehung zu Jack betraf. Vor dem Schrank blieb er stehen. Er schob Jacks Jacke in der Kleidernische ein bisschen zur Seite und plötzlich sah er die Ritze neben dem Schrank. Er schob seine Hand hinein und tastete Stoff. Ein blaues Hemd. Jacks blaues Hemd mit einem Blutfleck am Ärmel. Er hatte es an ihrem letzten Tag auf dem Brokeback getragen. Ennis zog das Hemd aus der Ritze und fand darin eingefügt vom Kragen bis zu den Ärmeln sein eigenes kariertes Hemd, das er verloren geglaubt hatte. Jack hatte es genommen, versteckt und all die Jahre aufgehoben. Eine warme, zärtliche Welle ergoss sich über Ennis. Er sehnte sich unsagbar nach Jack und auf einmal überkam ihn die Angst, das es für sie beide zu spät sein könnte weil er, Ennis, sich all die Jahre nicht, für den Menschen den er am meisten liebte, entscheiden konnte. Tränen stiegen in seine Augen, seine Angst Jack für immer verloren zu haben wurde immer größer. Er dachte an ihren letzten Abschied im Streit. Er legte sich auf das Bett, auf die zwei Hemden und versuchte einen kleinen Rest von Jacks Geruch zu finden aber da war nichts mehr, nur die Erinnerung.  Plötzlich brachen alle Dämme. Er weinte auf ihren beiden Hemden und alle Fehler die er in den vielen Jahren gemacht hatte kamen ihm in den Sinn. Jack hatte recht gehabt. Sie hätten zusammen ein schönes Leben haben können! Er hatte einfach nicht genug Mut gehabt.------- Er hörte die Tür nicht.  Auf einmal saß die Mutter an seinem Bett und sagte leise. „ Jack hat wochenlang auf diesen Hemden geschlafen und jede Nacht habe ich ihn weinen hören. Ich habe damals nicht den Mut gehabt ihn zu trösten weil ich Angst vor der Wahrheit hatte. Jetzt weiß ich, dass niemand etwas daran ändern kann, wenn er  liebt.“ Sie legte eine Hand auf Ennis bebende Schulter und flüsterte: „Schsch, es ist gut. Ich hätte gerne, zwei Söhne.“ Ennis schluchzte hemmungslos und zum ersten Mal in seinem Leben konnte er alles sagen, alles raus lassen. Sein Kindheitstrauma vom Verlust der Eltern, das schreckliche Erlebnis mit dem toten Nachbarn, seine Liebe zu Jack, ihre Zeit auf dem Berg, seine Zweifel, seine immer mehr anwachsende Angst entdeckt zu werden, seine Unfähigkeit sich selbst einzugestehen das er schwul war, seine verkorkste Ehe mit Alma, sein mieses Leben. Die alte Frau hörte zu und auch sie hatte ein Geheimnis. „Ennis, ich weiß das mit euch schon seit 1963. Jack hat nicht so leise geweint wie du gerade. Er war so jung und sein Herz war gebrochen. Er hat oft im Schlaf deinen Namen geschrien. Als er dann das Fieber bekam, nachdem er  ausgerissene Kälber eingefangen hatte, hat er im Fieberdelirium immer und immer wieder von Dir erzählt. Ich hatte gehofft es vergeht… Dann hat er geheiratet und ich dachte alles sei gut. Aber nach Jahren, als er uns zum ersten Mal wieder besuchte, sprach er kaum von seiner Frau und dem Kleinen, sondern nur von eurem Wiedersehen nach vier Jahren. Da wusste ich endgültig, dass das eine wirklich große Liebe ist. Aber die Tatsache, dass mein Sohn homosexuell ist hat mich umgeworfen. Ich brauchte ärztliche Hilfe. Die Ärztin merkte schnell, dass mich seelische Sorgen quälten und ich sagte ihr ganz offen was mich bedrückte. Sie schickte mich zu einem Psychologen in die nächste Stadt. Meinem Mann sagte ich nur etwas von einem Spezialisten… Mir wurde geholfen, die Tatsachen zu akzeptieren und ich habe gelernt, dass ich mit meinem Problem ganz und gar nicht alleine bin. Ennis, ich liebe meinen Sohn und wünsche mir nichts mehr als das er glücklich ist. Dazu scheint er nur dich zu brauchen. Suchst du nicht auch nach ein wenig Glück und Geborgenheit?“ Das saß! Ennis war sprachlos. Die Frau hielt das Schweigen aus. Nach einigen, langen Minuten sagte Ennis: „ Danke, Mrs. Twist.“  Endlich im Schutz der Nacht kamen die Dinge ans Licht.  Nach Stunden reden und zuhören war  Ennis leer aber auch ruhig und getröstet. Er hatte Vertrauen zu Jacks Mutter. Sie würde nicht ausnutzen was sie heute Nacht alles erfahren hatte. Als sich der Himmel aufhellte sagte sie: „Jetzt brauchen wir auch nicht mehr zu schlafen. Ich koche Kaffee.“ Ennis dachte noch eine Weile nach. Er fühlte sich von einer großen Last befreit. Von der Last alles mit sich allein austragen zu müssen. Es war ein gutes Gefühl und er spürte neue Lebenskraft in sich fließen. Jack hatte Glück so eine Mutter zu haben.

Beim Frühstück erzählte ihm die Mutter von ihrer schwierigen Ehe mit dem cholerischen John Twist, der gerne mal zuschlug, egal ob Frau oder Kind und das sie nun, nach seinem Tod, gerne ihre eigenen Träume verwirklichen würde. Ein paar Milchkühe anschaffen um ein zweites Standbein zu haben wenn der Preis für Fleisch schlecht ist. Einen Anbau ans Haus machen mit einer  überdachten Veranda. Ihr Mann hatte das immer abgelehnt. Und wenn du willst bauen wir zwei Pferdeboxen in der Scheune ein. Ennis grinste und sagte: „ Mum ich baue dir alles was du willst.“  Später bei der Arbeit fühlte sich Ennis ein bisschen so, als sei es seine Ranch auf der er jetzt arbeitete. Gutes Gefühl. Jetzt musste nur Jack herkommen und alles wäre perfekt. Die Gedanken an Randall schob er beiseite.

Der Brief von Lureen kam zwei Tage später. Sie berichtete kurz und knapp das Jack einen schweren Unfall gehabt hätte und mit dem Hubschrauber nach Dallas in die St. Pauls University Klinik geflogen worden war, weil das kleine Krankenhaus in Childress nicht gut genug ausgestattet sei, um Jack zu operieren. Es sei noch nicht sicher ob Jack überleben würde. Von der Scheidung schrieb sie kein Wort.

Mrs. Twist las Ennis den Brief beim Abendessen vor. Beide waren geschockt und sehr besorgt um Jack. Ennis wollte noch nie nach Texas und schon gar nicht in die Großstadt Dallas. Aber jetzt hätte er sein rechtes Auge dafür gegeben um nur eine Stunde bei Jack zu sein zu können.

Lureen hatte die Telefon Nummer der Intensivstation unter den Brief geschrieben. Mrs. Twist hatte kein eigenes Telefon, also mussten sie bis zum nächsten Tag warten um dort anzurufen.



Dallas /Texas



Jack spürte eine weiche Hand an seinem linken Handgelenk.  Eine Frauenstimme sagte: „ Doc  ich glaube er wacht auf.“ Und zu Jack: „Mr. Twist, bleiben sie ganz ruhig, sie hatten einen Unfall. Der Schlauch kommt gleich aus ihrer Nase.“ Jack versuchte die Augen zu öffnen. Es gelang ihm nur, sie einen kleinen Spalt weit auf zu machen. Sprechen konnte er gar nicht. Sein Mund war wie zugeklebt. Das helle Licht tat ihm in den Augen weh und er wehrte sich gegen den Schlauch in seiner Luftröhre. Piepsende Geräusche und ein schrecklicher, langgezogener Alarmton machten ihm Angst. Jack versuchte sich zu bewegen aber es ging nicht. „Mr. Twist, bleiben sie ruhig. Gleich wird es besser.“ Diesmal eine Männerstimme. Jemand, den Jack nicht richtig sehen konnte, löste ein Pflaster auf seiner Nase. Es schmerzte und etwas wurde aus seinem Hals durch seine Nase gezogen. „Besser jetzt, Mr. Twist?“ fragte die Männerstimme. Der Alarm verstummte und Jack konnte besser atmen. Er versuchte zu nicken und etwas zu sagen aber es gelang ihm nicht. „Versuchen sie nicht zu sprechen, sie haben einen gebrochenen Unterkiefer. Wir mussten ihn verdrahten, deshalb können sie den Mund nicht aufmachen. Haben sie Schmerzen? Wenn ja, dann kneifen sie die Augen zweimal fest zu.“ Jack hatte im Moment keine Schmerzen. Er wusste nicht wo er sich befand und wie er hier her gekommen war. Das letzte an was er sich erinnerte, war eine Eisenstange, die auf seine Nase aufschlug. Dann Dunkelheit. Jetzt hörte er Menschen kommen und gehen, leise Gespräche, unbekannte Pieps Geräusche und Türen klappern.

Er wusste nicht, wie lange er so gelegen hatte. Irgendwann ließen sich die Augen besser öffnen. Er blickte in das junge Gesicht einer Krankenschwester, die mit einem Waschlappen sein Gesicht bearbeitete. Es tat ihm weh und er stöhnte auf. Die Schwester erschrak und sagte: „Oh, Entschuldigung, Mr. Twist ich wollte ihnen nicht weh tun.“ Sie machte mit ihrer Waschaktion weiter, jetzt aber besonders vorsichtig. Sie ließ allerdings auch keinen Zentimeter von Jacks Körper aus und es war ihm zutiefst peinlich. Er konnte sich immer noch nicht richtig bewegen aber als die Schwester ihn abdeckte um seinen Körper zu waschen gelang es ihm ein Blick auf seinen Bauch zu werfen. Scheiße! Wenn alles andere auch so zugrichtet wäre wie dieser Bauch dann musste er ja super aussehen. Sein linker Arm  hatte einen Gipsverband, auf dem Bauch war ein langes Pflaster vom Brustbein bis in die Schamhaare. In seinem Penis steckte ein Schlauch an seinem rechten Handgelenk hing ein Infusionsschlauch. „ Jack, Du siehst ja toll aus sagte er zu sich selbst.“ Die Schwester hatte ihr Werk beendet und stellte das Kopfteil des Bettes hoch, damit Jack etwas sehen konnte. Einige Zeit später kam ein Arzt zu Jack ans Bett. Er setzte sich neben ihn und wollte wissen wie es Jack ginge. „Ich werde sie verschiedenes fragen und ihnen erzählen was passiert ist. Können sie mir folgen?“ Jack nickte. Haben sie Schmerzen? Jack verneinte. Wissen sie wo sie sind? Jack verneinte. Wissen sie wer sie sind? Jack nickte. Es war fürchterlich für ihn nicht sprechen zu können und er wollte nun endlich wissen, was genau geschehen war. Der Arzt erzählte ganz ruhig von Anfang an: „ Es war genau vor einer Woche. Sie sind als Notfall bei uns angekommen. Mit dem Hubschrauber aus Childress“ Jack bekam schreckensweite Augen und der Arzt konnte die Frage richtig deuten. „Ach ja, sie sind im St. Pauls University-Hospital in Dallas. Soll ich weiter erzählen oder möchten sie eine Pause?“ Jack bedeutete ihm weiter zu erzählen. „ Sie hatten einen schweren Verkehrsunfall. Ihre Frau hat sie zufällig gefunden weil sie eher vom Büro nach Hause gefahren ist als sonst. Sie hat sie mit ihrem eigenen Wagen ins Krankenhaus nach Childress gebracht aber dort haben sie  gleich gemerkt, dass sie zu schwer verletzt waren und sie mit dem Helikopter zu uns verlegt. Wir haben sie mehrmals operiert und sie waren fünf Tage lang im künstlichen Koma. Aber es sieht besser aus als wir anfangs angenommen hatten. Machen sie sich keine zu großen Sorgen. Die Chancen wieder gesund zu werden stehen ganz gut.“ Jack stöhnte auf. Dieses Gespräch machte ihn fertig. „ Schlafen sie etwas Mr. Twist. Es wird jetzt jeden Tag etwas besser werden. Ach ja, ihre Frau kommt morgen. Ich habe sie selbst angerufen.“ Der Arzt stand auf und ließ Jack sich von diesen Nachrichten erholen. Jack schloss die Augen und die Ereignisse, die ihn in dieses Krankenhausbett gebracht hatten, liefen wie ein Film vor seinem inneren Auge ab:

Am Vormittag war der Gerichtstermin mit Lureen gewesen. Die Scheidung lief sehr sachlich und geschäftsmäßig ab. Sie hatten sowieso alles vorab geklärt. Lureen war viel zu sehr Geschäftsfrau und hatte ihre Emotionen gut im Griff.  Das war an dem Abend im Mai anders gewesen als er aus Wyoming zurückgekommen war und ihr eröffnet hatte, dass er sich trennen wollte und warum. Eine andere Frau ja, sowas tut weh, kommt aber überall vor. Aber ein Mann als Nebenbuhler! Dagegen kann keine Frau der Welt etwas ausrichten! Sie war tief getroffen und verletzt obwohl sie schon länger gespürt hatte, dass in ihrer Ehe etwas nicht stimmte. Es wurde geschrien und geweint und es dauerte Tage bis sie beide eine sachliche Ebene finden konnten um alles zu besprechen. Jack schlief von da an im Gästezimmer oder bei Randall. Natürlich wollte Lureen das alleinige Sorgerecht für Bobby haben. Jack wusste, dass sie das auch bekommen würde. Genau das war der Grund warum er mit der Trennung so lange gezögert hatte. Aber jetzt war der Zustand für ihn selbst so unerträglich, dass er nur darauf hoffen konnte, dass sein Sohn ihm später einmal verzeihen und ihn verstehen würde. Jack hatte sich während dieser Zeit oft mit Randall betrunken und sich von ihm trösten lassen. Er war schwach und hilflos wenn er betrunken war. In so einer schwachen Stunde zwischen Mitternacht und Morgengrauen; sie lagen nebeneinander im Bett und rauchten, passierte es. Jack erzählte alles, was zwischen ihm und Ennis passiert war. Alles, er ließ nichts aus. Den Sommer auf dem Berg, seinen Liebeskummer, ihr Wiedersehen nach vier Jahren, das Ganze, beschissene, heimliche Verhältnis, die Lügen, die Mexiko Ausflüge. Er kotzte alles aus. Randall wurde immer ruhiger beim zuhören. Er war bei weitem nicht so betrunken wie Jack und erkannte die Tragweite der Geschichte sofort. Er war rasend eifersüchtig auf Ennis. Als Jack zu Ende erzählt hatte, machte sich eine unangenehme Stille zwischen ihnen breit. Obwohl Jack immer noch nicht wieder nüchtern war, spürte er doch, dass etwas nicht stimmte. „ Randall, was ist, schläfst Du?“ „Nein, ich höre Dir zu aber es gefällt mir nicht was ich höre.“ Jack drehte sich zu Randall und sah in an. Randall sagte  eiskalt: „Du hast deine große Liebe nicht gekriegt Jack und jetzt bin ich dein Trostpflaster. Scheiße nur, dass DU meine große Liebe bist!“ Jack hörte Wut und Eifersucht und bereute seinen Mund nicht gehalten zu haben. Sie haben nicht wieder über diese Sache gesprochen. Bis zu dem Tag, drei Tage vor dem Scheidungstermin, als die Nachricht vom Tod des Vaters kam. Randall tobte als Jack ihm sagte, dass er Ennis mit einem Telegramm um Hilfe gebeten hatte. Sie waren in der Bar und es fielen laute und grobe Worte. Einige Leute schauten zu ihnen und schüttelten verständnislos die Köpfe. Die Sache eskalierte komplett als zwei Tage später die Postkarte von Ennis ankam mit der er sich mit Jack verabreden wollte. Lureen hatte sie, aus reiner Bosheit, in Randalls Briefkasten gesteckt, nachdem ihr nun klar war, was für Ausflüge das waren die ihr Mann mehrmals jährlich gemacht hatte! Seit Jahrzehnten!  Wenn er nun darüber nachdachte, konnte Jack seine Frau sogar verstehen. Allerdings brachte diese Postkarte Randalls Fass zum überlaufen. Diesmal war er es, der sich in der Bar voll laufen ließ. Und der Barkeeper hörte der interessanten Geschichte die da von Lureen Newsomes Mann erzählt wurde, gerne zu. Jack war nicht überall beliebt und nachdem die Story über den schwulen Jack die Runde gemacht hatte, kam es, einen Tag nach der Scheidung, zu dem miesen Überfall, bei dem drei Männer, Jacks Auto in den Graben drängten, ihn aus dem Wagen zerrten und  verprügelten. Jack wehrte sich, aber gegen drei hält man nicht sehr lange durch. Er wehrte den  Schlag einer Eisenstange mit dem linken Unterarm ab, dabei brachen Elle und Speiche. Jack griff sich bei der Erinnerung an den Schmerz unwillkürlich an den Gips an seinem Arm. Sie traten auf ihn ein, er kam zu Fall, die Fußtritte gegen die Rippen und in seinen Unterleib ließen seine Milz und seine Blase zerreißen. An den inneren Blutungen wäre er beinahe gestorben. Das letzte an was er sich erinnerte war ein Schlag mit der Eisenstange auf seine Nase. Dann verlor er das Bewusstsein. Sie müssen nochmal zugeschlagen haben, denn sein Kiefer und das linke Jochbein waren auch gebrochen. Jack spürte welch großes Glück er hatte noch am Leben zu sein.





Am nächsten Tag wurde er von der Intensivstation verlegt. Er bekam ein Zimmer mit Blick über die Skyline von Dallas. Jack war noch nie in einer so großen Stadt gewesen. Er war beeindruckt. Neben ihm lag noch ein Mann  der etwa gleich alt war. Er wartete auf seine Operation und hatte kein Auge für Jack. Und der konnte sich ja mit seinen Drahtschlingen im Mund sowieso nicht unterhalten. Er schaute also aus dem Fenster. Der Bettnachbar, er hatte sich als Bob vorgestellt, wurde zu seiner OP abgeholt. Kurz darauf erschien der Arzt den Jack schon kannte. Er schaute nach dem Verband auf Jacks Bauch und sagte: „Ich denke wir können die Klammern bald entfernen. Den Katheder aus der Blase kann ich ihnen gleich rausziehen. Dann können sie auch leichter aufstehen. Die Drähte im Mund kommen nächste Woche raus. Nur der Gips am Arm wird  sie nach Hause begleiten.“ Nach Hause! Jack dachte, wo zum Teufel, ist zu Hause? Der Arzt hatte das Pflaster auf Jacks Bauch erneuert. Dann griff er mit der linken Hand an Jacks Penis, hielt ihn straff, entblockte mit einer Spritze den Blasenkatheder, „Tief, einatmen, Mr. Twist.“ Jack sog hörbar die Luft ein. Der Arzt zog den Schlauch aus seinem Penis. „Keine Angst, es wird alles wieder funktionieren wie vorher.“ Er hielt Jacks Penis einen kleinen Moment zu lange, gerade so, dass er das heran flutende Blut der Erektion unter seinen Fingerspitzen fühlen konnte. Jack wurde feuerrot im Gesicht. Der Arzt sah ihn nicht an. Er deckte Jack zu, räumte das schmutzige Verbandzeug weg, wusch sich gründlich die Hände. Die Röte war wieder von Jacks Wangen verschwunden als sich der Doc zu ihm drehte und sich von ihm verabschiedete.

Einige Stunden später, nach einem flüssigen Mittagessen, mittlerweile hatte er diesen Umstand mit dem Strohhalm gründlich satt, kam Lureen. Sie war blass und schmal im Gesicht und trug eine Reisetasche und einen Aktenkoffer. Als sie Jack ansah, sah er in ihren Augen, wie furchtbar er aussehen musste. Er selbst hatte den Blick in einen Spiegel noch nicht gewagt. „Hallo, Jack.“ Sie hauchte einen Kuss auf seine Wange. „Sie haben gesagt, du kannst nicht sprechen.“ Jack nickte. „Ich bin so froh das du lebst! Das es dir besser geht. Ich hatte solche Angst um dich!“ Es klang aufrichtig. Sie setzte sich auf den Stuhl neben seinem Bett. „Randall war bei mir. Er hat alle deine Sachen gebracht. Er ist aus Childress weg und kommt nicht mehr zurück. Hat auch keine Adresse hinterlassen.“ Jack nickte schwach. Lureen schwieg einen Moment, so als müsse sie Kraft für das sammeln was sie jetzt sagen wollte. „Jack, ich habe dir Verschiedenes zu sagen und ehrlich, es fällt mir schwer.“ Sie hob den Aktenkoffer, den sie mitgebracht hatte, auf ihre Knie, öffnete ihn und drehte ihn, so das Jack hineinschauen konnte. Obenauf lag sein Autoschlüssel und ein Parkticket, daneben ein Umschlag der offenbar Bargeld enthielt und darunter jede Menge Papiere. Jack schaute fragend in Lureens Gesicht, obwohl er schon ahnte was das bedeutete. „Jack, ich habe dich einmal sehr geliebt. Das ist mir schmerzlich klar geworden als ich dein Blut vom Rücksitz meines Autos gewaschen habe. Ich wusste nicht ob du leben oder sterben würdest. Ich wusste nur, dass ich einmal auf genau so einer Rückbank die glücklichste Frau der Welt war, weil du mich in den Armen hattest.“ Jack schluckte an ein paar Tränen. Er hatte auch einige, wirklich schöne Erinnerungen, an die Anfangszeit ihrer Liebe. Lureen sprach weiter, ein bisschen froh darüber, dass Jack ihr einmal zuhören musste ohne widersprechen zu können. „Das in dem Koffer sind die Scheidungsunterlagen und  alle Deine Papiere. Du wirst sie für dein neues Leben brauchen. Deine anderen Sachen sind in Deinem Truck. Ich haben ihn in der bewachten Garage neben der Klinik abgestellt.“  Jetzt wusste Jack was das für ein Parkticket war, das er in dem Koffer gesehen hatte. „ Ich werde mit dem Greyhound nach Hause zurück fahren.“ Sie machte eine lange Pause. Dann kam der schwerste Satz: „ Du kannst nie mehr nach Childress zurück. Ich werde überall sagen das du gestorben bist.“  Und ganz leise: „Auch unserem Sohn. Ich möchte ihm und mir die Schande eines schwulen Vaters ersparen. Er wird in der Schule schon genug gehänselt, wegen deines ´Unfalls´“.

Schweigen.  Jack wusste, dass sie im Recht war, mit allem was sie gesagt hatte. Im Gegenteil, sie hätte es ihm viel, viel schwerer machen können. Er war seiner jetzt Ex-Frau unendlich dankbar. Sie hatte ihm nicht nur das Leben gerettet, sie entließ ihn auch mit Anstand und Würde aus ihrer Ehe. Natürlich hat alles im Leben seinen Preis aber das wusste er vorher. Der Preis, den er zahlen musste, war der Verlust seines Sohnes. Sie saß, wie ein Häufchen Elend, auf dem Stuhl. Den Koffer noch immer auf den Knien. Jack schluckte und streichelte ihr mit der rechten Hand über die Wange. Er deutete ihr an etwas aufschreiben zu wollen. Sie klappte den Koffer zu und stellte ihn neben die Reisetasche auf den Boden. In ihrer Handtasche fand sich ein Notizbuch und ein Stift.

Er suchte eine leere Seite und schrieb:

<Bitte verzeih mir. Ich konnte Dich nicht so lieben wie du mich. Glaub mir, ich habe es versucht. Danke für alles. Küsse meinen Sohn von mir. Dein Jack>



Beide weinten. Lureen umarmte Jack kurz und ging dann sehr schnell. „Leb wohl, Jack.“ Sie verschwand und Jack schaute ihr nach. Mit ihr verschwand ein großer Teil seines Lebens, wie groß, das spürte er erst jetzt, in dem Moment als sie ging.

Den Rest des Tages verbrachte Jack im Bett, tief in Gedanken und froh darüber allein zu sein. Am Abend wurde der noch schlafende Bob zurück ins Zimmer gebracht und die Krankenschwester lief ein paarmal rein und raus. Jack starrte an die Wand. Als sie zum dritten Mal hereinkam und Jack immer noch regungslos war, stellte sie sich vor sein Bett und sagte: „Hey, Mr. Twist, alles in Ordnung?“ Jack erschrak ein bisschen, löste sich aus seiner Erstarrung und nickte der Schwester  zu. Die deutete auf die Reisetasche, die neben dem Bett am Boden stand und fragte: „Haben sie noch gar nicht  geschaut was ihre Frau ihnen mitgebracht hat?“ Jack schüttelte den Kopf. „ Soll ich ihnen beim Auspacken helfen?“ Jack nickte und die Schwester machte sich daran die Tasche auszupacken. Es fand sich saubere Wäsche, neue Pyjamas, zwei neue Jeans, Hemden, Socken, Schuhe, Wasch und Rasierzeug. Die Kleidung, die er bei seinem Unfall getragen hatte, lag in einem Plastikbeutel unten in seinem Schrank. Jack war froh die Sachen nicht mehr anziehen zu müssen. Alles war blutig und schmutzig. Er bedeutete der Schwester den Beutel mit zu nehmen und weg zu werfen. Sie ging, kam aber nach einer Minute mit einer kleinen Plastiktüte zurück. „Mr. Twist, ich glaube es ist Zeit für eine heiße Dusche.“ Sie zog die Tüte über den Gips Arm und bugsierte den verdutzten Jack, mitsamt dem Wasch und Rasierzeug in das Badezimmer. Jetzt war der Blick in den Spiegel nicht mehr zu vermeiden. Von draußen hörte er die Schwester: „Wenn sie Hilfe brauchen, drücken sie auf die Klingel.“

Jack hatte schon öfter ein zerschundenes Gesicht gehabt, aber das war lange her, als er noch Rodeos ritt! Der Anblick den er jetzt bot, war erschreckend. Schürfwunden mit Krusten, Hämatome die schon von grün nach gelb umschlugen, eine Naht quer über den Nasenrücken und eine in der linken Augenbraue. Dazu die Drahtschlingen im Mund und ein scheußlich unrasiertes Gesicht und viel zu lange Haare. Er war blass und hatte sicher zehn Kilo verloren. Gut, auf die zehn Kilo verzichtete er gern. Lureen hatte beim Packen der Tasche nichts vergessen! Es war eine Wohltat nach diesen Tagen im Bett, heißes Wasser über den Körper laufen zu lassen, das Gesicht glatt zu rasieren und saubere Wäsche anzuziehen. Als er nach einer halben Stunde wieder im Bett war, fühlte sich Jack wie ein neuer Mensch und die Schwester war ganz entzückt darüber das der Schnurrbart und der Rest der Gesichtsbehaarung weg waren. „So gefallen sie mir schon viel besser! In ein, zwei Tagen können sie sicher schon in die Lobby gehen. Da gibt es einen Friseur.“ Sie stellte das, immer noch flüssige, Abendessen auf den Tisch und Jack hatte plötzlich einen Bärenhunger. Auf das erste Steak, ohne Draht im Mund, freute er sich jetzt schon!

In dieser Nacht träumte Jack von Ennis. Er erwachte um sechs Uhr mit dem Gefühl neben Ennis zu liegen auf und war schockiert als er merkte wo er sich befand. Bob im Nachbarbett schnarchte. Jack konnte nicht mehr einschlafen und sah aus dem Fenster der Stadt beim Aufwachen zu. Er versuchte sich seine Zukunft auszumalen. Seine Ehe war Geschichte. Randall war abgehauen ohne jede Erklärung, für seinen Sohn war der Vater tot. Diese Tatsache schmerzte Jack am meisten. Und Ennis? War der nach Lightning Flat gefahren, oder nicht? Und würde er dort bleiben wollen?

Noch vor dem Frühstück kam die Schwester und holte Jack in ihr Dienstzimmer. „Mr. Twist, Telefon für sie, Ihre Mutter ist dran. Ich habe ihr schon gesagt das sie heute noch nicht sprechen können aber sie möchte ihnen unbedingt etwas sagen.“ Jack hielt sich den Hörer ans Ohr und hörte die vertraute Stimme seiner Mum. „Jack, Darling geht es Dir besser? Mach dir keine Sorgen. Hier läuft alles ganz gut. Kurier dich aus und dann komm nach Hause!“ Jack brummte ein mh mh ins Telefon. „ Schatz, ich hab dich lieb! Bitte gib mir die Schwester noch mal.“ Jack hörte nicht was seine Mutter zu der Krankenschwester sagte, nur deren Antwort: „ Heute ist Donnerstag, Montag kommen die Drahtschlingen raus und wir machen ein paar Laborwerte zu Kontrolle. Ich schätzte am Mittwoch kann er nach Hause. Rufen sie doch am Montagabend nochmal an, dann kann ihr Sohn selbst mit ihnen sprechen. Ja, bitte, gern geschehen. Auf Wiederhören.“

So war es dann auch. Am Montagmorgen, noch vor dem Frühstück, kam die Laborantin mit ihrem Blutabnahme Tablett und nahm Jack aber auch Bob etliche Röhrchen Blut für die Kontrolluntersuchungen ab. Beide machten bei der Prozedur keinen Muckser. Etwas später entfernte der Kieferchirurg Jacks Drahtschlingen. Er war zufrieden mit dem Heilungsverlauf. Jack auch. Er feierte danach eine Orgie mit der Zahnbürste und das darauffolgende Mittagessen war eine der besten Mahlzeiten seines Lebens. Am Nachmittag spazierte er durch das riesige Hospital auf der Suche nach dem Friseur Salon von dem die Krankenschwester gesprochen hatte. Jack war schon ein bisschen eitel und da er genau wusste, dass er im Moment nicht so toll aussah, war er motiviert sich Mühe zu geben. Wenn schon ein neues Leben, dann so gut aussehend wie möglich.

Schließlich fand er den Friseur. Er war der einzige Kunde und der Friseur freute sich und nahm sich Zeit für ein Gespräch. Jack hatte sich seit Wochen mit niemandem unterhalten können und genoss es ungeheuerlich. Er ließ sich die Haare kurz schneiden, so kurz wie vor zwanzig Jahren. Sie waren zwar nicht mehr so schwarz wie vor zwanzig Jahren aber er war auch noch nicht ganz grau. Der Friseur sagte: „Wenn sie wollen, ich mach sie ihnen auch wieder ganz schwarz. Macht sie sicher zehn Jahre jünger.“ Jack genoss es, sich  in dem Friseurstuhl verwöhnen zu lassen und antwortete: „Wissen sie was, machen sie das. Ich wäre gern zehn Jahre jünger, vielleicht hätte ich manches anders gemacht.“ Der Friseur rührte schwarze Farbe an und sagte philosophisch: „Leider kann man die Zeit nicht zurückdrehen aber wenigstens an den Haaren muss man die Jahre nicht sehen.“ Als Jack den Salon nach einer Stunde wieder verließ gefiel er sich selbst schon wieder ein wenig besser. Als er am Dienstzimmer der Schwestern auf seiner Station vorbeiging hörte er einen Juchzer: „Huuch, sind sie aber schick heute Mr. Twist!“ Er schenkte ihr ein strahlendes Lächeln. „Danke Schwester!“

Seinem Bettnachbarn Bob ging es, nach seiner Operation, auch schon wieder besser und jetzt konnten sich  die zwei Männer endlich ein wenig unterhalten. Bob wollte natürlich wissen was Jack so zugerichtet hatte und Jack blieb bei der Version mit dem Verkehrsunfall. „ Ach, ich hatte schon gedacht, dich hätte ein Rodeo Bulle niedergetrampelt aber für Rodeo bist Du vielleicht doch schon ein wenig zu alt.“ Hinterher dachte Jack, dass das keine schlechte Geschichte wäre, wenn man nach den Narben gefragt würde. Könnte man einfach einem Rodeo Bullen die Schuld geben.







LIGHTNING FLAT / WYOMING

Ennis stand neben Mrs. Twist in der Telefonzelle, bei der Post, in Lightning Flat. Sie hatte mit der Klinik in Dallas telefoniert und war jetzt total aufgeregt. „Ennis, es geht ihm besser! Montag soll ich nochmal anrufen und vielleicht darf er am Mittwoch schon raus. Aber er kann doch noch nicht den ganzen Weg fahren! Von Dallas! Ennis du musst ihn holen! Bitte Ennis, du musst!“ Ennis ging aus der Telefonzelle und zog Mrs. Twist leicht am Arm mit nach draußen. Er nahm sie in den Arm und sagte ganz ruhig: „Mum, beruhige dich. Es geht ihm besser. Alles wird gut, beruhige dich. Es wird sich alles finden.“ Die besorgte Mutter tat ihm leid, aber war selbst auch erleichtert zu hören das es Jack schon so gut ging das er in ein paar Tagen entlassen werden konnte. Sie fuhren nach Hause. Ja, so fühlte es sich für Ennis an. Jetzt schon, nach nur zwei Wochen mit Jacks Mum. Wie würde es erst mit Jack zusammen sein. Er sehnte sich nach Jack aber er hatte auch die alten Bedenken und Ängste, wegen der Leute.

Ennis hatte vor dem Mittagessen noch einiges zu tun und Mum verschwand gleich in der Küche als sie auf der Twist Ranch ankamen. So konnte Ennis bei der Arbeit in Ruhe darüber nachdenken wie die Sache nun weitergehen sollte. Obwohl er in seinem Innern eigentlich ganz genau wusste, was er wollte. Einen Anbau, mit Veranda, für Mum bauen, das Haus für Jack und sich renovieren, schöne Milchkühe anschaffen, Pferde züchten…… „del Mar, du träumst!“ sagte er zu sich selbst. Als er zum Essen zu Mum in die Küche kam, hatte sie sich schon wieder beruhigt. Sie überlegten gemeinsam wie man den verlorenen Sohn am besten nach Hause holen konnte. „Ennis, du machst ein komisches Gesicht. Ist etwas nicht in Ordnung? Freust du dich nicht auf Jack?“ Ennis wurde rot. „Doch, doch, sehr sogar, es ist nur….“  „Was ist, nur?“ Er druckste ein wenig herum. „Na, ja ich weiß nicht ob ich hier bleiben kann?“ Mum brauste auf: „Ja warum denn nicht?! Wegen, was  die Leute denken, oder was? Ennis die Leute sehen immer genau das, was sie sehen wollen. Die sehen einen  vorbildlichen Familienvater und Ehemann. Dass der zuhause Frau und Kinder prügelt sehen sie nicht. Und in dir sehen sie den hilfsbereiten Freund der Familie. Mach dir keine Sorgen, dafür habe ich in Frauenkreisen schon gesorgt. Es wird ganz schnell, vollkommen normal sein, das du zu unserer Familie gehörst. Und was zuhause passiert, geht keinen was an! Kannst du damit leben?“ Ennis nickte stumm. Dann klopfte es an der Tür. Der Nachbar stand draußen. Mrs. Twist bat in herein und er kam auch gleich zur Sache. „Also, meine Frau hat gehört, dass Jack im Krankenhaus in Dallas ist. Da kann er sicher nicht allein her fahren. Also, ich dachte, wenn Ennis ihn holen fährt, helfen mein Sohn und ich solange bei euch aus.“ Mrs. Twist nahm das Angebot sehr gern an. Sie bedankte sich herzlich und ließ auch nicht unerwähnt das Jack sicher noch länger Hilfe brauchen würde und sie ja so froh wäre Ennis da zu haben. „Ja, es ist immer gut einen Freund zu haben.“ Stimmte der Nachbar zu. Ennis bedankte sich auch und verabschiedete sich höflich.

Freitagmorgen. Jacks Mum klapperte noch etwas lauter in der Küche als sonst. Dabei summte sie vor sich hin. Als Ennis zum Frühstück kam, sah er dass sie sich heute besonders schön angezogen hatte. „Guten Morgen. Willst du heute ausgehen, weil du dich so fein gemacht hast?“ Sie lächelte, stellte die Pfanne mit den Eiern auf den Tisch, goss frischen Kaffee in beide Tassen und setzte sich zu Ennis an den Tisch. „Wir beide, haben heute etwas Wichtiges zu erledigen.“ „Ah, ja was denn?“ fragte Ennis zwischen zwei Bissen. „Wir müssen in die Stadt fahren und ein Greyhound Ticket nach Dallas buchen und wir müssen etwas Wichtiges einkaufen. Dazu müssen wir die Ladefläche vom Truck sauber machen.“ Ennis schaute von seinem Teller hoch. „Ticket, verstehe ich, aber was müssen wir mit dem Truck transportieren?“ Die Mutter freute sich selbst  über ihre Idee und wollte Ennis ein bisschen zappeln lassen deshalb sagte sie nur: „Du wirst es sehen und du hast heute Abend noch eine wichtige Arbeit.“ Ennis fragte nicht mehr und beendete sein Frühstück mit der obligatorischen Zigarette.

In Lightning Flat gab es keine Greyhound Station also mussten sie in die nächste, größere Stadt fahren. Es war gut das Ticket nach Dallas schon heute zu kaufen denn der Bus war schon fast ausgebucht. Ennis wollte am Montag in der Früh losfahren damit er auch sicher am Mittwoch in Dallas wäre. Als das erledigt war, schaute Ennis fragend zu Mum. Sie sagte: „OK, jetzt lasse ich die Katze aus dem Sack. Wir fahren in das Gewerbegebiet. Dort gibt es einen großen Möbelladen.“ Ennis war ziemlich schwer von Begriff. Er wusste immer noch nicht worauf Mum eigentlich hinaus wollte fuhr sie aber brav zu dem riesigen Möbelmarkt. „Was willst du hier eigentlich einkaufen?“ „Ich weniger, aber Du!“ Ennis hatte endlich verstanden. Er wurde rot im Gesicht und konnte sie nicht ansehen. Diese Frau war unmöglich! Er stand mit Jacks Mutter in einem Möbelladen um ein Bett bzw. zwei Betten für Jack und sich zu kaufen! „Ennis mach nicht so ein Gesicht. Wo wollt ihr schlafen wenn ihr nach Hause kommt? In dem Jungenbett hat kaum einer von euch beiden Platz.“ Flüsterte sie ihm leise zu. Das stimmte. Also suchten sie zwei gleiche Betten aus. Ein Ehebett wollte Ennis dann doch nicht kaufen. Und diese zwei konnte man wenn nötig einfach zusammenschrauben. Dazu Matratzen, Decken, Kissen und die Mutter bestand auch noch auf neuer Bettwäsche. Ennis war das alles irgendwie  peinlich. Aber als er an die kommenden Nächte mit Jack dachte…… An der Kasse sagte die Verkäuferin zu Jacks Mum: „ Da wird sich ihre Schwiegertochter aber freuen.“ Während  sie die Bettwäsche einpackte. Nachdem sie ihre ganzen Einkäufe auf die Ladefläche gepackt hatten und sich auf dem Heimweg befanden sagte Mum: „Ennis, hast du es gemerkt?“ „Was?“  „Die Leute sehen immer nur das was sie sehen wollen, so wie das Mädchen an der Kasse gerade. Weißt Du was ich meine?“ Ennis brummte „ Hm“  Den restlichen Heimweg dachte er darüber nach dass er jetzt ein Bett hatte, in dem er mit Jack würde schlafen können. Schlafen und auch alles andere, was man in Betten so machen kann. Allein die Gedanken erregten ihn derartig, dass er das Gefühl hatte es nicht mehr aushalten zu können,  Jack endlich wiederzusehen.  Am Abend nach dem Essen, baute Ennis, Jacks  altes Bett ab und die zwei neuen Betten auf. Mum half ihm ein bisschen und jetzt war gar nichts mehr peinlich. Sie freuten sich gemeinsam an ihrem Werk und an der Überraschung, die dieses Schlafzimmer, für Jack sein würde. In der ersten Nacht kam Ennis das neue Bett viel zu groß vor, aber er schlief trotzdem voller Vorfreude ein.

Das Wochenende war arbeitsreich. Ennis musste am Montag in der Früh an der Greyhound Station sein und wollte den Nachbarn nicht zu viel Arbeit hinterlassen. Mum richtete Ennis eine Reisetasche und hatte mit der Wäsche einiges zu tun. Beide waren aufgeregt wie Kinder vor Weihnachten!

Früh am Montagmorgen bestieg Ennis den Greyhound Bus nach Dallas und machte sich auf den langen Weg nach Texas. Er hatte die Ermahnungen von Mum noch im Ohr, auf dem Rückweg nur ja genügend Pausen zu machen. Das war allerdings auch in seinem Interesse. Er freute sich sehr darauf ein paar Tage mit Jack ganz allein zu sein. Ob der sich wohl freuen würde ihn wiederzusehen? Ennis dachte über ihren Abschied im Streit nach und er hoffte diesmal keinen Fehler zu machen.

Am Abend telefonierte Mum mit Jack im Krankenhaus. Er konnte sie beruhigen und sagte das er sich schon auf zu Hause freute. Nach Ennis fragte er nicht. Die Krankenschwestern standen neben ihm und er wollte nicht so viel Privates preisgeben. Mum sagte auch nichts von Ennis. Es sollte eine Überraschung werden.



Dallas / Texas  

Dienstag. In der Früh kam der Arzt zu Jack und Bob ins Zimmer. Er war guter Laune und verkündete dass alle Laborwerte in Ordnung seien und Jack am Mittwoch entlassen würde. Etwas weniger aufgekratzt sagte er beim Rausgehen zu Jack „Ich hätte sie gern heute Nachmittag noch gesprochen. Die Schwester sagt ihnen Bescheid.“ Der Tag verging langsam. Jack packte seine Sachen. Was mit einem Arm in Gips gar nicht so einfach war und überlegte ob er wohl Auto fahren könnte. Am Nachmittag probierte er gerade ob ihm die neuen Jeans passten, die Lureen ihm eingepackt hatte, als die Schwester ihn zum Gespräch ins Arztzimmer führte. So saß er vollständig angezogen vor dem Schreibtisch des Arztes und fühlte sich schon wieder ziemlich gesund. Auf dem Tisch stand ein Namensschild: Dr. Peter Macintosh. Jack wusste bis jetzt nicht wem er die lebensrettenden Operationen zu verdanken hatte. „Hallo, Mr. Twist, oder darf ich Jack sagen?“ „Hallo, Doc.“ „Sagen sie Mac, alle tun das.“ Sie reichten sich die Hand und Jack war gespannt darauf, was der Doc ihm sagen würde. „ Jack, ich bin sehr zufrieden. Sie sind ein starker Mann und haben alles besser überstanden als ich es erwartet hatte. Ich hätte nur gern gewusst ob sie sich an den Vorfall erinnern können?“ Er vermied das Wort Unfall. Jack sah ihm gerade ins Gesicht und fragte warum das wichtig wäre. „Wissen sie, ich habe schon hunderte Verletzte gesehen und ihre Verletzungen passen gar nicht zu den Angaben, die ihre Frau uns über den Unfall gemacht hat.“ Mac schaute Jack ebenso offen an. „Darf ich ihnen etwas zeigen?“ Jack nickte und schaute fassungslos auf die Fotos von, sicher zwanzig, Männern die genauso zerschlagene Gesichter und getretene Leiber hatten wie er selbst. Er schluckte und  befürchtete in welche Richtung dieses Gespräch jetzt gehen würde. „Was habe ich mit diesen Männern zu tun?“ „Gar nichts, weil sie noch am Leben sind und diese gehören alle in die Statistik für Gewaltverbrechen an Homosexuellen und sind tot. Ich dachte dass wir in unserem Land diese Dinge hinter uns gelassen hätten und toleranter geworden wären. Diese Bilder sind alle schon mindestens zehn Jahre alt. Und dann, liegen sie auf meinem OP-Tisch und ich muss alle meine Kunst und eine ganze Nacht aufwenden um ihr Leben zu retten, dass ihnen mindestens drei, wenn nicht vier miese Schweine nehmen wollten. Ich möchte einfach nur wissen ob ich recht habe? Ob die Gewalt gegen uns immer noch nicht aufhört?!“ Jack zuckte förmlich zusammen. Mac hatte, uns, gesagt. Also war er auch…Jack rang einen kleinen Moment mit sich. Dann dachte er: „Er hat mir das LEBEN gerettet, da kann ich ihm meine Geschichte auch erzählen. Außerdem sind wir anscheinend Brüder.“ Jack grinste und sagte: „ Es ist nicht in zwei Minuten erzählt. Hast Du Zeit?“ „So viel du willst, ich habe schon Feierabend und zuhause wartet auch keiner auf mich.“ Jack erzählte seine Lebensgeschichte in knappen Worten, nur auf die Ereignisse die ihn auf Macs OP-Tisch gebracht hatten ging er ausführlicher ein. Mac war ein guter Zuhörer. Er fragte interessiert nach und hing gespannt an Jacks Lippen. Nach einer halben Stunde sagte er „Jack, ich bin unhöflich. Möchtest du vielleicht etwas trinken?“ „Gerne, solange es kein Tee ist.“ Mac grinste und holte zwei Flaschen Bier aus einem kleinen Kühlschrank. Sie tranken aus der Flasche und Mac setzte sich neben Jack um ihm weiter zuzuhören. Jack tat es gut offen zu reden und als er seine Story beendet hatte, mit der Ohnmacht nach dem Schlag auf die Nase, konnte er, Mac gespannt zuhören, der erzählte, was alles geschehen war während Jack fest schlief. Der Bericht war schockierend und Jack dachte daran, dass das was ihm geschehen war ganz genau das war wovor Ennis seit zwanzig Jahren Angst hatte. Er hatte einfach nur Glück gehabt. „Jack, alles OK? Du bist auf einmal so still. Bekommt dir das Bier noch nicht, oder schockt Dich was ich gesagt habe?“ Mac, legte den Arm um Jack und klang besorgt. „Nein, es ist alles gut. Obwohl, das Bier spüre ich schon und es ist schaurig was du erzählst aber ich dachte gerade an einen Freund, eigentlich mehr als das, der hatte sein Leben lang  Angst vor so etwas weil er in seiner Kindheit einen toten Rancher gesehen hat, der…..“ Jack schluckte und konnte auf einmal nicht mehr weiterreden. Die ihm zugefügten Verletzungen waren nicht nur körperlich. Er hatte auf einmal Tränen in den Augen und  konnte sie nicht zurückhalten. Mac sagte nichts. Er wusste genau was in Jack vorging. Jack ließ sich in den Arm nehmen und weinte ein paar Minuten an Macs Schulter. Als er wieder sprechen konnte sagte er leise „Entschuldige, ich wollte mich nicht so gehen lassen.“ Und löste sich aus den Armen des Anderen. Nach ein paar Minuten Schweigen, holte Mac noch zwei Flaschen Bier und sagte: „Jack, ich danke dir für dein Vertrauen. Ich möchte Dir auch etwas  erzählen. Oder bist Du zu müde?“ „Nein, nein ich höre Dir gerne zu.“ Mac schaltete die kleine Lampe auf seinem Schreibtisch ein und drehte sie von ihnen weg. Er setzte sich wieder neben Jack und begann leise zu erzählen: Ich war ungefähr neunzehn Jahre alt und auf der High School, als ich es vor mir selbst nicht mehr länger leugnen konnte Männer zu lieben. Nicht, dass ich keine Frauen kannte. Im Gegenteil, die Frauen mochten mich aber ich wollte immer nur Freundschaften mit ihnen und an irgendeinem Punkt erwarteten sie geküsst zu werden, was ich dann nicht tat. Kurzum, ich hab es zu  irgendeiner gesagt.“ Jack beugte sich zu ihm rüber. „Was, hast du gesagt?“ „Na ja, das ich mit ihr nur befreundet sein kann und das mich nur Männer anmachen.“ „Und dann?“ „Hysterisches Geschrei, heulen und die ganze Palette weiblicher Vorwürfe.“ Jack verstand was Mac meinte. Lureen hatte ganz ähnlich reagiert. Mac sprach leise weiter und Jack spürte wie schwer es ihm fiel über das nun folgende zu reden. Er schaute in Macs Gesicht und sah ähnliche Zweifel und Ängste wie bei Ennis oder sich selbst. Es war hart, so konfrontiert zu werden. „OK, Sie war sauer und verletzt. Aber was sie mir angetan hat übertraf alle meine Albträume.“ Mac schluckte und Jack konnte  sehen dass es grausame Erinnerungen waren. Nach einem großen Schluck aus der Bierflasche redete Mac weiter. „ Sie machte es öffentlich, so richtig im Großen und Ganzen nicht nur bei ihren Freundinnen, sonder in der Schülerzeitung und am schwarzen Brett. In dem Jahr habe ich gelernt was es bedeutet gehasst zu werden und wie viel oder wenig eine Freundschaft wert ist. Ich wurde beschimpft, bespuckt, geschlagen, mein Auto wurde zerkratzt, meine Eltern beschimpft und irgendwann war ich an dem Punkt wo ich am liebsten von einer Brücke gesprungen wäre.“ Jack schluckte und fragte leise: „Und dann?“ „ Ich wechselte die Schule und versuchte mich aus allen Konflikten raus zu halten. Dann traf ich Chris. Erste Liebe, große Gefühle……“ Jetzt schluckte Mac an Tränen, aber nur kurz dann sagte er mit fester Stimme. „Er ist mir, so, genommen worden. Weil keiner da war der ihm geholfen hat! Das war der Grund für mein Medizinstudium. Ich hatte gehofft nie mehr solche Traumata sehen zu müssen, deshalb war ich schockiert über deine Geschichte.“ Leise fügte er hinzu „Ganz sicher war ich mir nicht ob du schwul bist aber ich hab es gespürt, als ich dir den Katheder entfernt habe.“  Jack schaute verlegen zu Boden. Soviel Offenheit erschreckte ihn. „Hey, ich bin Arzt, mir ist nichts Körperliches fremd. Tut mir leid, ich wollte dir nicht zu nahe kommen.“ „Ist schon gut. Außerdem stimmt es ja.“ Jack spürte die zwei Bier und sehnte sich auf einmal nach seinem Bett. Morgen durfte er nach Hause. Dieses Gespräch ging ihm sehr nahe, obwohl es gut war zu sehen, dass er mit seinen Problemen nicht allein war. Er schaute Mac tief in die Augen und sah darin Trauer und Einsamkeit, dann flüsterte er „Danke, danke für alles. Ich werde dich nie vergessen.“ Mac schaute auf Jacks Mund und stahl sich einen winzigen Kuss. Dann stand er auf, drehte Jack den Rücken zu und sagte „ Ich glaube nicht, dass wir uns morgen noch einmal sehen werden. Ich wünsche dir alles Gute.“ Jack stand auch auf, berührte den Arzt kurz an der Schulter und ging aus dem Zimmer.  Inzwischen war es Nacht geworden und Jack ging ohne Umwege direkt in sein Bett.
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