Halt dich an mir fest

von Tigerauge
GeschichteDrama / P12 Slash
09.06.2011
17.06.2011
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Dieses Kapitel
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Halt dich an mir fest


Es ist dunkel.

Dunkel und kalt. Und es regnet.

Draußen fahren die Autos wie wild durch die sich auf den Boden bildenden Pfützen. Jedes Auto, das durch eine Pfütze fährt schalt laut durch das gekippte Fenster durch.
Ein Auto. Zwei Autos. Drei, vier ... es hört gar nicht mehr auf. Wir wohnen direkt an einer Hauptstraße, auf der auch nachts geradezu Hochbetrieb herrscht.

Es stört mich nicht. Wenn man schon so lange hier wohnt, gewöhnt man sich an die Geräusche. Andere nennen es Lärm. Für mich sind es nur Geräusche. Geräusche, die hin und wieder sogar ganz angenehm sind. Genau wie jetzt.

Wir sind in dieser Gegend aufgewachsen. Kein Paradies, aber dafür ein Ort, an dem man sich Zuhause fühlt. Und das zählt, finde ich. Da nimmt man auch gerne solche Makel auf sich.

Der Regen prasselt laut. Es ist schwül. Wir haben Hochsommer und auch in den Nächten sinkt die Temperatur wenig. Tagsüber prallt die Sonne mit ihrer ganzen Kraft auf unsere kleine Wohnung und heizt sie auf. Eine Klimaanlage haben wir nicht. Die können wir uns nicht leisten. Aber auch daran gewöhnt man sich.

Seufzend schlage ich die dünne Decke beiseite und starre zum Fenster.

Neben mir im Bett wälzt sich eine Person hin und her. Er schläft, geplagt von Alpträumen, die immer und immer wieder seinen Schlaf überfallen.

Ich würde ihm gerne helfen, kann es aber nicht. Darf es nicht. Er möchte es nicht.

Als die Alpträume anfingen, war ich erschrocken, weckte ihn vorsichtig und nahm ihn in den Arm. Wollte ihm Schutz und Geborgenheit geben. Genau das, was ich mir in solch einer Situation auch wünschen würde. Mein Freund, der mich in die Arme nimmt und mich beruhigt, mir sagt es sei alles gut. Fürsorge, die sich zwei Liebende schenken. Eigentlich. So war es auch mal. Früher.

Anfangs ließ er es noch zu, dass ich ihn in den Arm nahm. Damals nahm ich nicht wahr, wie passiv er sich immer verhielt. Und dann mit der Zeit bemerkte ich seinen Unwillen. Er versuchte sich immer schnell wieder aus der Umarmung zu winden, erst noch so verpackt, dass ich  nicht wahrnahm. Aber bald war es nicht mehr zu übersehen. Kaum das ich nur meine Arme ausstreckte und instinktiv den Versuch startete, ihn schützend an mich zu drücken, wich er zurück. Bald darauf sagte er mir direkt ins Gesicht, er möge es nicht, ich solle es bitte bleiben lassen.

Eine Anweisung, die sehr schwer umzusetzen ist.

Wenn euer Freund wimmernd, sich hin und her wälzend, bleich und schweißnass direkt neben euch liegt, könnt ihr dann einfach tatenlos zusehen und warten bis es sich von alleine legt? Nein? Gut, dann bin ich ja nicht alleine mit der Meinung. Aber er möchte es so, also lasse ich es - was mir wirklich sehr schwer fällt, denn das ist etwas an das man sich ganz und gar nicht gewöhnt - und wecke ihn lediglich mit einem kurzen Rütteln.

Manchmal weint er sogar in der Nacht. Ich glaube, nein ich weiß, dass er in solchen Momenten wach ist. Denn er bemüht sich ganz leise zu sein. Ich soll es ja nicht mitbekommen. Aber das tue ich. Jedes Mal. Und jedes Mal zerreißt es mir das Herz.

Er schläft die Nächte von mir abgewandt. Fühlt er sich einsam neben mir? Genüge ich ihm nicht mehr? Kann ich ihm die Geborgenheit nicht mehr bieten?

Das Wimmern wird lauter.

Seufzend drehe ich mich auf die andere Seite, blicke auf seine vom Licht beleuchtete Gestalt und spüre einen heftigen Stich in der Herzgegend.
Braune Strähnen kleben schweißnass an seiner Stirn. Sein Gesicht ist ganz bleich, sein Mund steht einen Spalt weit offen und ein gequältes Keuchen entringt seinen schönen Lippen. Lippen, die ich so sehr liebe und die ich einst nach Belieben küssen durfte. Und nun ... wie lange ist unser letzter Kuss her? Wann waren wir uns das letzte Mal nahe?

Seine linke Hand krallt sich in die Laken. Sein Kopf schlägt unruhig hin und her.

Ich führe meine Hand an seine schmale Schulter und rüttle ihn leicht. „Felix, wach auf."

Keine Reaktion.

Ich rüttle fester. „Hey Felix, du hast wieder einen Alptraum." Diesmal rührt er sich. Seine Augen öffnen sich schlagartig und sein verwirrter Blick hastet hin und her, bis er den meinen findet und innehält. Seine Augen blicken traurig und Schutz suchend zu mir auf. Ein Ausdruck, den ich so selten bei ihm sehe. Ich würde ihn gerne an mich pressen, ihn küssen und nie wieder loslassen. Ich sehne mich nach ihm. Vermisse ihn, obwohl er doch so dicht neben mir liegt. Warum diese Distanz? Warum tut er mir das an? Warum setzt er unsere Beziehung aufs Spiel?

Ich wünsche mir die alten Zeiten zurück. Die Zeiten, in denen wir noch glücklich waren. Verliebt, wie zu Anfang, mit der Sehnsucht, dem anderen immer Nahe sein zu wollen. Kann mal bitte jemand die Zeit zurückdrehen. Bitte! Ich habe es selbst auch schon versucht, doch ich schaffe es nicht. Nein, sie schreitet unaufhörlich voran. Immer näher dem Ende entgegen. Es ist dunkel. Nicht nur im Zimmer, nein auch in unserer Beziehung herrscht Finsternis. Ich kann nichts mehr sehen, weiß nicht welchen Weg ich einschlagen soll und keiner reicht mir die Hand, um mich zu führen. Felix hat sich in der Dunkelheit von mir abgewandt.

Eigentlich ist unsere Beziehung nur noch eine Farce. Eine Gewohnheit, der wir nachhängen. Hätte ich den Mumm dazu, würde ich das alles beenden. Vielleicht packt Felix dann endlich die Einsicht und er kommt mir wieder etwas entgegen. Aber ich schaffe es nicht. Dafür liebe ich ihn zu sehr. Lohnt es sich überhaupt noch, dass alles mitzumachen? Wir tun uns wahrlich kein Gefallen damit. Aber bekommt Felix überhaupt noch mit, was geschieht?

Sein verwirrter und trauriger Blick verschwindet, als der Schlaf aus ihm weicht und er wieder voll und ganz anwesend ist. Seine Augen werden fremd. Sie distanzieren sich und verstecken sich.

„Hm", ist sein einziger Kommentar. Die dünne Stimme klingt heiser. Er dreht sich zur Seite, von mir weg und das war’s. Unendlich traurig sinke ich auf die Laken zurück und starre erneut Hilfe suchend zur Decke. Allmählich weiß ich wirklich nicht mehr was ich tun soll. Unsere Unterhaltungen sind sehr wortkarg. Außer natürlich wir streiten uns mal wieder. Das passiert in letzter Zeit sehr häufig.

Seit zwei Monaten geht das alles schon so. Schlagartig. Völlig unerwartet und mit seiner ganzen Wucht.

Felix war wie ausgewechselt.

Und das alles nur wegen seinem Ex-Freund. Seine erste große Liebe, mit dem er drei Jahre zusammen war. Drei Jahren in denen mich die Eifersucht fast völlig zerfraß. Dauernd musste ich ihr Turteln ansehen. Ständig sah ich ihre Küsse und ständig sah ich die Liebe zwischen ihnen. Dieser Kerl durfte all das mit Felix machen, wovon ich schon so lange träumte und mich nach sehnte. Aber ich wagte mich nie etwas zu unternehmen. Felix und ich sind seid klein auf die besten Freunde. Ich wollte ihn nicht verlieren und dann schnappte ihn mir plötzlich jemand anderes vor den Augen weg. Und mir wurde klar, was ich eigentlich wollte. Ich wolle Felix. Und ich würde die nächstbeste Gelegenheit ergreifen und ihn schnappen. Das tat ich dann auch. Allerdings musste ich mir drei Jahre lang mit ansehen, wie ein anderer Kerl ihn anfasste und küsste. Als diese Beziehung ein Ende fand, ergriff ich die Chance.

Ehrlich, ich hätte niemals geglaubt, dass ich es schaffe. Schon gar nicht nachdem es mit seiner ersten großen Liebe so unschön auseinander ging. Aber ich näherte mich Felix ganz langsam und er wich nicht zurück. Es hat noch ein ganzes Jahr gedauert, bis wir zusammenfanden. Bis Felix die Liebe für mich entdeckte. Aber das Warten und die Mühe hatten sich gelohnt. Für die Liebe tut man einiges. Unsere Beziehung war wie ein Traum. Fünf Jahre sind wir nun schon zusammen. Vor einem Jahr zogen wir zusammen und bauen uns Stück für Stück unser gemeinsames Leben auf.

Und dann kam der Schlag, der alles gewaltig zum Wanken brachte.

Sein Ex-Freund. Sein toter Ex-Freund. Er kam bei einer seiner Expeditionen ums Leben.

Felix und Conan - so hieß er - gingen damals in einem gewaltigen Streit auseinander. Conan war wissbegierig und abenteuerlustig. Er wollte die gesamte Welt bereisen. Alles sehen und am besten überall gleichzeitig sein. Nach seinem Studium verkündete er die tolle Botschaft. Er wollte eine Weltreise antreten. Und Felix wollte er gleich mitnehmen. Dieser war alles andere als begeistert von der Idee. Felix liebte die Gegend in der er lebte, ihm kam nie in den Sinn jemals von hier wegzuziehen. Hier und da Urlaub machen, in Ordnung, aber dauerhaft weg, war für ihn undenkbar.

Ich hatte gebangt und geschwitzt. Ein riesiger Stein fiel mir vom Herzen, als Felix verkündete, er würde auf keinen Fall hier weggehen.

Es begann mit Meinungsverschiedenheiten, ging über in Überredungsversuchen von beiden Seiten und endete in einer Tragödie. Im Streit trennten sie sich. Conan ging auf Reisen und Felix blieb leidend zurück.

Eins nagte stets in mir. Ein Streit brachte sie einst auseinander und nicht, weil sie sich nicht mehr liebten. Ob Felix mich wirklich liebt? Ob er mich genauso liebt, wie er einst Conan liebte? Vielleicht weniger? Vielleicht mehr? Bin ich nur eine Übergangslösung? War ich eben einfach zur Stelle als es ihm schlecht ging? Würde er mich verlassen, sollte Conan plötzlich auftauchen, um Verzeihung beten und beteuern, dass es ein Fehler war ihn zu verlassen? All die Fragen spuken wie Hirngespinste umher. Sie verfinsterten früher oft meine Gedanken, ließen mich Szenarien ausmalen, um auf alles gewappnet zu sein, brachten mich zu sinnlosen Taten, die ich bereute und brachten mich dazu, an unserer Liebe zu zweifeln.

Ja, wir sprachen darüber. Sehr viel und sehr intensiv. Felix beteuerte mir, er liebe nur mich und die Sache mit Conan sei Vergangenheit. Beendet. Schluss und vorbei. Und sollte er unerwartet tatsächlich wieder auftauchen, würde es gar nicht zu der Situation kommen, wählen zu müssen, den es sei von vorneherein klar: Er bliebe bei mir.

Er liebte mich.

...

..

.

Und nun das.

Lautlos seufzend rolle ich mich abermals auf die Seite und starre auf Felix’ Kehrseite. Uns trennt nur knapp ein Meter. Ich müsste nur meine Hand ausstrecken und könnte seinen Rücken berühren. Seine Wärme unter den Finger spüren, seine Atmung fühlen und mich nicht mehr so einsam fühlen. Und doch tue ich es nicht, denn ich weiß, wenn ich ihn berühre, wird er heftig zusammenzucken und wegrücken. Nur weg von mir.

Ich schließe die Augen und denke an den Tag zurück, an dem das Chaos seinen Anfang nahm. Es war Ende April. Wir genossen mehr oder weniger den turbulenten Wechsel des Wetters und hatten uns gerade eine neue Waschmaschine gekauft, da unsere alte leider ihren Geist aufgegeben hatte. Nur noch mit Mühe und Not brachten wir sie hin und wieder zum Laufen. Der Bringer war es allerdings nicht. Eine neue musste her.

Wir hatten tierischen Spaß beim Kaufen. Wir machten Witze über die seltsamen Abkürzungen von irgendwelchen Funktionen, von denen wir überhaupt keine Ahnung hatten. Ein netter Verkäufer, der Nerven aus Stahl haben musste, sonst hätte er uns keine fünf Minuten ausgehalten - zusammen können wir für andere schon ganz schön anstrengend sein - beriet uns so gut es ging. Am Ende haben wir von all dem eh nichts verstanden und entschieden uns für eine preisgünstige und optische ansprechende. Klar, eigentlich völlig schwachsinnig nach Äußerlichkeiten zu beurteilen, denn welches Schwein sieht die schon? Aber es waren die einzigen zwei Kriterien, nach denen wir beurteilen konnten. Und solange sie wäscht, war uns alles andere schnuppe.

Wir kamen noch dazu sie anzuschließen, bevor der Anruf kam. Es war Felix Mutter. Conans Eltern hatten bei ihr angerufen, da sie noch ihre Nummer von der Zeit hatten, als ihre Söhne noch ein Paar waren. Und Felix Mutter war die Aufgabe zuteilgeworden, ihrem Sohn von dem Tod seines ersten Freundes zu berichten.  

Das war der Anfang vom Ende. Danach war nichts mehr wie es war. Felix zog sich immer mehr zurück. Er redete sich Schuldgefühle ein. Sprach immer und immer wieder davon, dass es niemals dazu gekommen wäre, wenn sie noch zusammen wären. Wenn er mit Conan auf Reisen gegangen wäre. Ich versuchte verzweifelt ihn davon zu überzeugen, dass es Schwachsinn ist, dass Conan vielleicht auch gestorben wäre, wenn er dabei gewesen sei. Vielleicht wäre er ebenfalls gestorben und und und... Felix hörte mir nicht zu. Ich hielt an seinen Schuldgefühlen und an seiner Theorie fest und machte erst sich und dann auch systematisch unsere Beziehung kaputt.

Ich versuchte noch mein Bestes ihn halt zu schenken, ihn in der schweren Zeit zur Seite zu stehen und zu trösten. Aber von all dem wollte er partout nichts wissen.

Natürlich frage ich mich nun dauernd: liebt er mich überhaupt?

Es ist verständlich, wenn er nach der Nachricht traurig ist und weint. Sie waren nun mal ein Paar und er hat ihn geliebt. Aber warum macht es ihn so fertig, dass er damit unsere Beziehung aufs Spiel setzt?

Wohlmöglich hat er mich nie so geliebt, wie ich es mir wünschte. Vielleicht war unsere Beziehung in seinen Augen ein logischer Schritt. Wir kennen uns schon so lange, verstehen und kennen die Macken des anderen. Wir kommen gut miteinander klar, warum also nicht daraus eine stabile Beziehung formen?

War ich wirklich nur ein Trostpflaster, das nun ausgedient hat?

Tief ausatmend erhebe ich mich aus dem Bett, schnappe mir  Kissen und Decke und verlasse auf leisen Sohlen das finstere Zimmer. Felix’ Blicke spüre ich auf meinen Rücken.

Im Flur bleibe ich an einer Fotowand stehen und betrachte die dort herrschende gähnende Leere. Einst hingen hier viele Bilder.

Von mir. Von Felix.

Von uns beiden zusammen.

Von Freunden.

Viele schöne Erinnerungen, die hier ihren Platz fanden.

Vor drei Wochen waren sie plötzlich verschwunden. Er hat sie abgehängt. Einfach abgehängt.

Wir haben uns darauf tierisch gezofft. Felix meinte, die Staffelei sehe viel zu chaotisch aus und ließe den Flur ungeordnet wirken. So plötzlich. Von heute auf morgen hat er unsere Bilder abgehängt.

Sie würden ihn schon so lange stören.

Unsere Beziehung stört ihn...?

Ohne die Bilder wirkt es hier steril und fremd. Die Fotos machten den kleinen Flur heimisch, vertraut. Jetzt erweckt hier nichts mehr den Eindruck, dass wir je eine glückliche Beziehung führten.

Ein dicker Kloß keimt mir im Halse auf und meine Augen brennen. Aber ich weine nicht. Ich kann nicht. Es geht nicht. In all der Zeit habe ich keine einzige Träne vergossen. Ich bin wie gelähmt und kann noch immer nicht ganz glauben, dass das alles hier wirklich geschieht. Ich hoffe immer noch, dass alles nur ein böser Traum ist, aus dem ich bald erwache. Felix wird mich dann wieder mit seinem liebenden Blick anschauen, die Arme ausbreiten und mich küssen. Er hat mich lange nicht mehr so angesehen. Früher hat er mir sehr oft zugeflüstert, dass er mich liebt.

War das wohlmöglich nur seine Art, sich das immer wieder ins Gedächtnis zu rufen und sich einzureden, bis er es selbst glaubt?

Kann das alles wirklich nur gespielt gewesen sein? Seine liebevollen Berührungen, die Geborgenheit und Sicherheit, die er mir schenkte, und seine Liebe?

Mein Kopf tut weh. Müde gehe ich weiter und breite mich auf dem Sofa aus. Es ist kalt und ungemütlich. Felix fehlt mir so unfassbar doll.

Morgen muss ich früh raus, aber ich bezweifle das zu schaffen. Seit Wochen schlafe ich kaum und habe dementsprechend auch dicke und dunkle Ringe unter den Augen. Mein Kollege Max schaut mich jeden Tag mit seinen mitleidigen Augen an. Er ist ein guter Freund von mir und kennt die momentane Krise, in der Felix und ich stecken. Anfangs hat er mich mit Worten getröstet und sogar geschafft mich wieder etwas aufzubauen, nachdem ich in ein tiefes Loch fiel. Als es anfing glaubte ich ja auch noch, Felix würde sich erholen und mit mir zusammen mit der Trauer fertig werden. Geteiltes Leid ist bekanntlich halbes Leid. Aber es war alles andere als das.

Dann wurde Max sauer und stellte Felix bei einen seiner Besuche zur Rede. Erfolglos. Es ist einfach kein Durchkommen. Felix hat eine Mauer um sich aufgebaut, durch die es keiner schafft.

Tja und nun ist Max an dem Punkt, mich überreden zu wollen, mich von Felix zu trennen, weil er es einfach nicht mehr mit anschauen kann, wie ich daran zerbreche.

Ich bin hart im Nehmen. Ehrlich, ich habe nie angenommen, dass ich mal bei anderen den Eindruck erwecken könnte, dass mich etwas in die Knie zwingt. Ich war immer der Annahme, mir würde man so etwas nicht anmerken. Das ist falsch. Andere Kollegen schauen mich auch schon mit teils fragenden und teils mitleidigen Blicken an. Sie bemerken, dass etwas nicht stimmt, wissen aber nicht, was es ist. Sie wissen über meine Beziehung zu einem Mann Bescheid. Ich habe nie ein Geheimnis daraus gemacht und als mich Felix mal bei der Arbeit abholte und wir bei der Begrüßung so vertraut miteinander umgingen, wussten es bald alle. Mir war’s egal. Wenn man sich einen Dreck darum schert, was andere denken, ist alles viel einfacher. Von da an holte mich Felix häufiger von der Arbeit ab. Seit zwei Monaten nicht mehr. Vielleicht kombinieren Kollegen diese Tatsache mit meiner Verfassung und glauben zu ahnen was los ist. Na ja, mir kann’s egal sein.

Nichtsdestotrotz ist da Max, der davon überzeugt ist, eine Beziehungspause täte uns ganz gut. Vielleicht würde Felix dann endlich wieder die Augen öffnen und sehen was um sich geschieht. Wohlmöglich gar keine so schlechte Idee, aber ich bin feige. Habe Angst. Angst davor, dass ich Felix mit diesen Schritt endgültig verliere. Solange wir scheinbar noch in einer Beziehung stecken, darf ich in seiner Nähe sein. Wer weiß, vielleicht wünscht er sich ja nur, dass ich den ersten Schritt mache und mich von ihm trenne? Dann hätte ich ihn endgültig verloren.

Das will ich nicht.

Lieber klammer ich mich an die Hoffnung, dass es bald eine drastische Wendung geben könnte und Felix sich wieder für mich öffnet.

Ich ziehe mir die Decke über den Kopf und presse die Augen aufeinander. Schlaf, ich brauche dringend Schlaf. Die ganzen Gedanken sind dabei wirklich kein bisschen hilfreich.


~ *~


Am nächsten Morgen melde ich mich krank. Täusche Migräne vor.
Mein Kopf tut tatsächlich weh, allerdings ist keine Migräne daran schuld. Es sind all die Gedanken, die einfach nicht zum Stillstand kommen. Sie quälen mich.

Erschöpft durch den unruhigen Schlaf betrete ich die Küche, in der Felix an der Kaffeemaschine hantiert und sich Kaffee in die Tasse einschenkt. Mit traurigem Blick verfolge ich sein Tun. Bis vor zwei Monaten hat er mir ebenfalls immer eine Tasse eingeschenkt und mir mit einem bezaubernden Lächeln ein guten Morgen gewünscht. Heute dreht er mir den Rücken zu.

„Guten Morgen", begrüße ich ihn dennoch und bekomme darauf nur ein genuscheltes `Morgen´ zurück.

Das Ziehen in meiner Brust wird stärker. Keuchend kralle ich mich an den Türrahmen, lehne die Stirn gegen das Holz und schließe die Augen. Ich bin an meine Grenzen angelangt. Länger halte ich das ganze wirklich nicht mehr aus. Ich weiß nicht mehr weiter, es überfordert mich.

Nach Atem ringend presse ich die Augen zusammen. Mein Herz tut mir so unfassbar weh. Ich sehe keinen Weg aus dieser Dunkelheit.

„Raffael?" Felix steht neben mir. Ich spüre seine Wärme, kann seinen Duft riechen. Täusche ich mich oder klingt seine Stimme tatsächlich ein wenig besorgt? Wann hat er sich das letzte Mal um mich gesorgt? Ich kann mich nicht erinnern.

Das Keuchen hört nicht mehr auf. Panik, ich bin in Panik.

„Was ist los?", fragt er und ja, er klingt besorgt.

Ich lache freudlos, während ich immer noch ein angestrengt um Atem ringe. „Was los ist?", meine ich spöttisch. „Das fragst du noch?"

Ich öffne die Augen und wende mich abrupt zu ihm um. Felix macht instinktiv einen Schritt zurück. Die Panik legt sich ein wenig und macht Platz für Wut. Der Schmerz bleibt.
„Nach Wochen der Abweisung kommst du her und fragst mich was los ist?", knurre ich außer mir und balle die Hände zu Fäusten. Das ist ja wohl die Höhe! „Das wollte ich die ganze Zeit von dir wissen. Felix, was ist bloß los mit dir?"

Felix kurzzeitig verängstigter Blick weicht aus seinen schönen grünen Augen. Trotzig hebt er das Kinn. „Ich wollte nur höflich sein."
Ich verliere den Verstand. Wenn er so weiter macht, bin ich bald wirklich nicht mehr zurechnungsfähig. Er wollte höflich sein, ist das sein Ernst?

„Höflich?", kreische ich. „Felix, was ist das zwischen uns eigentlich noch? Eine Zweckgemeinschaft? Nach einer Beziehung sieht es für mich nicht mehr aus."

„Hör auf zu brüllen", umgeht er das Thema. Das tut er dauernd. Er redet nicht darüber. Verdrängt alles. Lässt mich alleine mit den Sorgen.

Was denkt er bloß? Warum tut er das alles? Tut er mir mit Absicht weh bis es mir das Herz zerreißt? Um meine Gefühle schert er sich kein Stück.

„Und du hör auf mir auszuweichen!" Mein Freund schnauft. Seine Augen hüpfen unruhig hin und her. Er ist nervös, das sehe ich ihm an der Nasenspitze an. Warum sagt er mir nicht endlich was mit ihm los ist? Er kann doch unmöglich sein, dass ihm unsere Lage nichts ausmacht!

„Felix", spreche ich nun in einem milderen Ton weiter. „Bitte sag mir doch was mit dir los ist." Flehend schaue ich zu ihm hinüber. "Warum distanzierst du dich so sehr von mir? Warum willst du meine Hilfe nicht annehmen?" Ich atme schwer. Die Erschöpfung lässt nicht von mir ab. Ein dünner Schweißfilm ragt auf meiner Stirn. Mir ist heiß. Mit zitternden Fingern streiche ich über mein gerötetes Gesicht.

Er schaut mich an und schweigt. Wie so häufig.

Es bleibt wieder an mir hängen das Gespräch voranzutreiben, ansonsten komme ich nie zu einem Ziel. „Felix, ich weiß der Tod von Conan hat dich ziemlich hart getroffen." Sein Gesicht nimmt harte Züge an und verfinstert sich.

„Nichts weißt du", zischt er dunkel. Am liebsten würde er jetzt aus der Küche stürmen und den Problemen aus dem Weg gehen. Seine Körperhaltung spricht ihre eigene Sprache. Allerdings stehe ich immer noch im Türrahmen und versperre den Weg. Hier bleibe ich auch.

„Ich möchte dir doch nur helfen", erwidere ich wehrlos.

„Du kannst mir aber nicht helfen. Conan ist tot! Verstehst du? TOT!! Ich hätte ihn damals davon überzeugen sollen hier zu bleiben oder wäre doch gleich mit ihm gegangen, dann wäre das vielleicht niemals geschehen." Felix Gesicht läuft rot an, während ich bleich werde. Er wäre gerne noch mit Conan zusammen und nicht mit mir? Will er mir das damit sagen? Bin ich ihm nichts wert?

Felix dreht sich schnaubend um und hantiert aufgebracht an der Spüle herum. Mein Herz bricht derweil auseinander. Die Risse haben gesiegt und hinterlassen einen Scherbenhaufen.

„Hast du einmal darüber nachgedacht, was du mit deinen Worten anstellst?" Mein Freund hält inne. Meine Augen brennen fürchterlich. Blinzelnd verschaffe ich mir eine klare Sicht. „Ich höre dauernd nur von dir, dass du dir wünschst damals mit deinem Ex gegangen zu sein. An mich denkst du bei all dem gar nicht. Felix, ich bin dein Freund, hast du das vergessen? Ich liebe dich, aber ich bezweifle, dass du mich jemals geliebt hast." Seit dem Tod seines Ex ist es das erste Mal, das ich Bedenken an seiner Liebe zu mir äußere. Ich habe es nicht eher gewagt, aus Angst ihn noch weiter von mir zu stoßen. Aber geht das überhaupt noch weiter?

Der Kloß in meiner Kehle bleibt nicht länger mehr ein Kloß. Er bahnt sich einen Weg und bricht heraus.

Tränen.

Tränen, die ich einfach nicht mehr unterdrücken kann und auch nicht mehr will.

Zum ersten Mal in unserer Beziehung weine ich vor Felix. Das erste Mal seit zwei Monaten lasse ich meinen Gefühlen freien Lauf. Ich bin zu erschöpft um sie weiterhin zu unterdrücken. Ich kann nicht mehr kämpfen.

Meine Sicht verschwimmt. Meine Wangen werden ganz nass. Wie in Trance sinke ich auf den Boden und vergrabe mein Gesicht in den Händen. Ein jämmerliches Schluchzen entringt meine Kehle.

Eine lange Zeit erfüllt nur mein Schluchzen die Stille der Küche, während die Tränen sich unaufhaltsam ihren Weg nach draußen bahnen. Ich kann gar nicht mehr aufhören zu weinen. Aber es tut gut endlich mal alles von der Seele zu weinen, einfach alles fallen zulassen.

„Raffael." Felix zaghafte Stimme durchbricht das Schluchzen. Er klingt entsetzt. Verwirrt.
Und plötzlich ist er da. Bei mir, an meiner Seite. Seine Hand legt sich zaghaft auf meine Schulter. Ein Schauer jagt mir den Rücken entlang. Er hat mich lange nicht mehr so behutsam angefasst. Er hat mich überhaupt lange nicht mehr angefasst.

„Ständig sprichst du von Conan", wimmere ich, das Gesicht weiterhin in den Händen vergraben. Meine Stimme klingt verheult und gedämpft. Jämmerlich. „Du liebst Conan immer noch, stimmt´s? Du hast nie aufgehört ihn zu lieben. Ich komme nur an zweiter Stelle."

Felix keucht entsetzt. Wahrscheinlich hat er sich die Hände vor den Mund geschlagen. Das hat er schon immer gemacht, wenn er entsetzt ist. „Nein Raffael. Oh Gott, nein!"

Ich hebe den Kopf, schniefe und blinzle einige Male. Dann sehe ich direkt in die schreckensweit geöffneten grünen Augen. Pures Entsetzen spiegelt sich in ihnen wieder und auch Erkenntnis. Das Grün ist klar und sie haben ihre Mattigkeit verloren, die sie die zwei Monate über überzogen haben. Diese Augen sind die Augen, die ich kenne. Das sind die Augen des Menschen, den ich so sehr liebe. Davor waren sie mir nur noch fremd.

„Du verstehst das falsch." Er robbt näher heran. Dabei streckt er die Hände aus und legt sie auf meine Knie. „Ich liebe dich doch."
Ich lache höhnisch auf. Wem will er eigentlich etwas vormachen? Nach Liebe sah es in letzter Zeit kein bisschen aus. Wenn er mich los werden will, soll er es sagen, aber bitte aufhören mit meinen Gefühlen zu spielen.

„Und warum wünschst du dir mit Conan gegangen zu sein?" Meiner Meinung nach eine berechtigte Frage. Wenn er mich doch liebt, wie er behauptet, warum hängt er seinem Ex noch nach?

Felix seufzt und fährt sich durch die braunen Haare. Er sieht ebenfalls erschöpf und sehr müde aus. Das ist mir in den letzten Wochen gar nicht aufgefallen. Er hätte mit seiner Trauer doch nicht alleine kämpfen müssen. Ich bin doch da. „Conan war mein erster Freund. Sein Tod nimmt mich ganz schön mit." Seine Augen glänzen. Seine Stimme klingt belegt. Er kämpft mit den Tränen. „Ich habe mir nur gewünscht damals mit ihm gegangen zu sein, um ihn vor diesem Schicksaal zu bewahren. Nicht, weil ich ihn noch immer liebe."

„Warum hast du mich dann immer und immer wieder zurückgewiesen? Warum hast du meine Nähe gemieden? Was hat unsere Beziehung mit Conan zu tun?"

„Nach der Nachricht war ich wie gelähmt. Er war doch noch viel zu jung zum Sterben."

Ist man wirklich zu jung zum Sterben? Ist es weniger tragisch, sollten ältere Menschen sterben? Überfordert wische ich mir die nassen Spuren von den Wangen. Meine Atmung hat sich beruhigt. Wohltuender Sauerstoff strömt zittrig durch meine Nasenflügel in die Lungen.

„Aber warum durfte ich dich bei der Trauer nicht stützen und dir Halt geben?"

Der Braunhaarige senkt den Kopf und starrt auf die Bodenfliesen. „Ich fand es nicht fair", flüstert er.  Er seufzt tonnenschwer. „Nicht fair, das wir hier so glücklich zusammen leben, während das Leben so unfair Conan gegenüber war. Dauernd taucht sein Gesicht vor mir auf, dauernd werde ich an seinen Tod erinnert. Ich weiß einfach nicht was ich tun soll." Lautlos kullern Tränen über sein Gesicht und schlagen auf den Boden auf. Der Anblick schnürt auch mir wieder die Kehle zu. Ich ertrage es nicht ihn so traurig zu sehen. Meine Sehnsucht nach ihm wird immer stärker. Ich will ihn endlich wieder im Arm halten und an mich pressen. Über seinen Kopf streicheln, ihn beruhigen und einen Kuss auf dem Haupt platzieren. Er soll sich an mir fest halten, wenn er glaubt nicht mehr weiter zu wissen.

Meine Augen brennen. „Du hast mir so weh getan... mich so furchtbar verletzt."

Felix schluchzt und hebt seinen Kopf. Seine Augen bitten um Vergebung. „Raffael, bitte verzeih mir. Das war nicht meine Absicht. Ich war geblendet. Mir war nicht bewusst was ich anstelle."

Einsicht. Woher kommt sie auf einmal?

„Woher auf einmal die Einsicht?", frage ich auch sogleich und greife nach einen seiner Hände, um sie mit meiner zu verschließen. Ich will ihm Nahe sein. „Gestern Nacht und eben hast du mich noch gründlich gemieden."

Nun lächelt er. Es ist ein trauriges Lächeln. Er betrachtet unsere ineinander verschränkten Hände. Ja, schau genau hin. So sollte es sein. Sie passen perfekt ineinander. Wir gehören zusammen.
„Du hast noch nie vor mir geweint. Der Anblick hat mich schockiert. Irgendwie haben mich deine Tränen wachgerüttelt."

„Bitte verlass mich nicht", hauche ich. Felix streckt die Arme aus, schlingt sie um meinen Nacken und vergräbt sein nasses Gesicht in meiner Halsbeuge. Sein warmer Körper drückt sich an mich. Verzweifelt kralle ich mich an seinen Rücken fest und heule. Wir heulen beide. So viel wie heute habe mich mein ganzes Leben noch nicht geweint. Es tut gut. Ist befreiend.

Wir umklammern uns fest. Angst davor, dass der andere wieder verschwindet und man alleine und einsam zurück bleibt. Ich will das nicht noch einmal durchleben.

„Niemals", wispert Felix.

Tränen scheinen gar nicht mal so schlecht zu sein, wie ich immer dachte. Sie können Mauern zum Einsturz bringen. Sie können Menschen wieder zueinander führen. Tränen sprechen ihre eigene Sprache.

Tränen haben uns wieder einander nähern lassen.

Meine Nase vergräbt ich den brauen Schopf und ich schließe die Augen. „Felix, halt dich an mir fest, wenn du nicht mehr weiter weißt."

Ich glaub an uns und unsere Zeit.

~Ende~

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Hallo, hatte nach meiner letzten Geschichte Lust auf einen kleinen One-Shot, der mal wieder recht traurig ausgefallen ist *Augen verdreh* Irgendwie geht mir das leichter von der Hand.

Vielen Dank fürs Lesen!