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Pagan Love - Our people are one!

GeschichteDrama / P16 / Gen
Arthur Bors Dagonet Galahad Gawain Lancelot
05.06.2011
17.09.2012
14
21.400
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05.06.2011 3.063
 
8. Caught in a Dream


„Deine Rippen sind angebrochen.“, stellte Reseda fest, als sie Tristans nackten Oberkörper begutachtet und an den Rippen entlang getastet hatte. „Du hattest unglaubliches Glück. Deine inneren Organe sind nicht verletzt worden.“ Im Schein des Lagerfeuers konnte man schon eindeutig mehrere und große Blutergüsse erkennen, die sich über Tristans Brustkorb und Taille ausgebreitet hatten. Der Schlagkolben des Pikten hatte ihn schwer getroffen. „Das spielt keine Rolle.“, meinte der Kämpfer bitter. „Ich bin so oder so kampfunfähig.“ Die Prinzessin schüttelte den Kopf. „Ich versuche mein Bestes. Und wenn es klappt, dann kannst du schon bald wieder ungehindert kämpfen.“ Sie wandte sich an die anderen Ritter: „Ich müsste euch noch um einen Gefallen bitten.“ „Ach, sollen wir noch mal durch den Wald laufen und wie ein altes Mütterchen gebückt nach irgendwelchen Pflanzen suchen?“ „Galahad!“, tadelte Arthur seinen Ritter. „Ist doch wahr! Wir plagen uns durch den Wald und es wirkt nicht mal!“
Da hatte Galahad nicht ganz Unrecht. Immer wieder warf Reseda einen beunruhigten Blick zu Erec. Sie hatte seine Wunden schon mindestens viermal mit dem heilenden Sud aus der Agelata-Pflanze beträufelt, doch es wollte einfach nicht besser werden! Er fühlte sich immer noch schlecht, hatte leichtes Fieber und war kaum ansprechbar. „Irgendetwas stimmt da nicht!“, Reseda war selbst ratlos. „Er glüht! Doch eigentlich sollte die Medizin die Wundheilung beschleunigen und Fieber, falls welches auftritt, senken!“
Keiner wusste, woher Reseda dieses medizinische Wissen besaß, doch es fragte auch niemand danach. Mittlerweile war es jedem egal, warum Gawain das Mädchen befreit hatte. Es war ihnen auch egal, dass sie ihren Befehl missachtet und Reseda freigelassen hatten. Vielmehr galt ihre Sorge ihrem Waffenbruder, der sich im Fieberwahn unruhig auf seinem Lager umherwälzte. „Darum werde ich mich schon kümmern!“, verteidigte sie sich. „Aber ihr könntet nun Tristan etwas Gutes tun. Bitte…“ „Lass es gut sein.“, versuchte Gawain seinen Freund zu beschwichtigen. Galahad war jedoch immer noch wütend. Er verstand einfach immer noch nicht, warum das Leben seines Kameraden von einer feindlichen Gefangenen abhängen sollte!
„Was brauchst du?“, fragte Dagonet. Er ertrug geduldig die ewigen Streitereien zwischen Galahad, Lancelot und den anderen. Die beiden konnten ihr Missfallen gegenüber Reseda einfach nicht verbergen. „Sucht nach dünnen Ästen, die einigermaßen biegsam, aber stabil sind. Am besten junge Zweige, sie sind nicht so spröde wie ältere. So viel wie ihr tragen könnt, lieber haben wir zu viel als zu wenig.“ „Bedaure, ein Lagerfeuer haben wir schon, wir brauchen nicht noch mehr Holz.“, meinte Lancelot schnippisch. „Nun ist es genug!“ Arthur riss bald der Geduldsfaden. „Ich habe diese ewigen Sticheleien satt! Gawain wird seine Strafe für seinen Ungehorsam bekommen, diese Sache ist damit erledigt. Aber jetzt geht es darum, unseren Brüdern zu helfen, und wenn sie uns das ermöglicht, wären wir Narren, diese Hilfe nicht anzunehmen! Bedenkt doch auch, dass niemand sie zwingt, das zu tun! Sie hat es uns freiwillig angeboten und dafür soll sie nicht noch mit bösen Worten bestraft werden!“
Dieser Tadel hatte gesessen. Auch, wenn ihnen die Widerworte bereits auf der Zunge lagen, bissen Galahad und Lancelot die Zähne zusammen und schluckten sie hinunter. Stattdessen machten sie sich mit den andern auf die Suche nach dem, was Reseda ihnen aufgetragen hatte. Lediglich Arthur blieb zurück, um mit der Prinzessin ein Auge auf Erec und Tristan zu haben. Kaum dass sie weg waren, fragte sie Arthur: „Hast du ein Messer?“ „Selbstverständlich.“  „Darf ich es mal benutzen?“ Verwundert, aber ohne Fragen zu stellen gab Arthur ihr die Waffe. Mittlerweile vertraute er ihr blind und hinterfragte nicht, dass sie nach einem Messer verlangte. Reseda ging zu einem der Rappen und ließ ein paar Strähnen seines Schweifs durch ihre Finger gleiten. Dann machte sie das gleiche bei dem anderen und noch bei zwei weitern Pferden der Ritter. Schließlich ergriff sie die besten Strähnen, schnitt den Pferden ein paar Haare aus dem Schweif und setzte schließlich das Messer an ihrem Gefängniskittel an. Sie schnitt ein paar dünne Stoffstreifen ab und drehte sie mit den Pferdehaaren zu einer Art Kordel.
„Was soll das werden?“, fragte Arthur. „Das wirst du schon sehen.“, Reseda zwinkerte ihm geheimnisvoll zu. Sie knüpfte den Strang zu Ende und wandte sich dann wieder an ihr Sorgenkind: Erec. Sie fischte das Stück Stoff, dass im Agelata-Sud schwamm, aus dem Kesselchen und wrang es aus. Dann betupfte sie die Pfeilwunde damit und Erec ließ ein schmerzvolles Stöhnen verlauten. „Es tut mir so leid.“, meinte Reseda zerknirscht. „Aber das muss sein.“ Wohl wissend, dass er sie in seinem Zustand gar nicht hören konnte, strich die Prinzessin ihm liebevoll über die Brust. „Wieso geht es ihm mit jeder Stunde schlechter? Ich war so fest davon überzeugt, dass er es schafft!“ Sie  vergrub niedergeschlagen den Kopf in den Händen. Arthur stupste sie an und meinte: „Du tust doch schon dein Bestes. Wenn du ihm nicht helfen kannst, dann ist es Gottes Wille.“ „Du klingst schon wie einer dieser verdammten Priester.“, meldete sich Tristan zu Wort und zog Arthur auf. Solange er sich nicht bewegte, hatte er keine Schmerzen. Auch er hatte von Reseda etwas von der Tinktur auf seine Verletzung geschmiert bekommen. „Was ist, wenn sich die Wunde infiziert hat?“, fragte er. Reseda schüttelte überzeugt den Kopf. „Wenn die Wunde schmutzig wäre, dann würde sie eitern. Das tut sie aber nicht. Die Wundränder sind eher schwarz. Oder blau? Ach, ich kann in diesem Licht überhaupt nichts erkennen.“, schimpfte sie. Doch nun, da sie es vor den anderen ausgesprochen hatte, machten ihr die schwarzen Wundränder doch Sorgen. Es sah fast so aus, als würde das Gewebe rund um die Haut absterben…
Mehr als abwarten blieb der Gruppe im Moment sowieso nicht übrig. Tristan und Arthur rätselten, welche Behandlungsmethode sich Reseda für die gebrochenen Rippen hatte einfallen lassen und Reseda rätselte, warum Erecs Wunde so schlimm aussah. Sie verbrachten eine schweigsame, halbe Stunde am knisternden Feuer, dass Schattenspiele in die Luft malte. Die Flammen erwärmten zwar ihre klammen Hände und Füße, jedoch nicht ihre Herzen. Diese blieben kalt und hoffnungslos in jener dunklen Höhle, die sie zu ihrem Glück im Wald aufgefunden  hatten und dort alle Verletzten verstecken konnten.

Als die anderen endlich mit bündelweise Ästen zurückkehrten, trat die morbide und bedrückende Stimmung in den Hintergrund. Reseda durchsuchte die Beute der Ritter und wählte jedes einzelne Teil sorgsam aus. Bis jetzt wusste immer noch keiner, was sie damit bezwecken wollte. „Danke!“, die Prinzessin schenkte jedem der Ritter, auch Galahad und Lancelot, ihr schönstes Lächeln. „Damit werde ich gut arbeiten können.“ „Was willst du denn mit diesen Streichhölzern, Prinzessin?“, fragte Bors. „Es wird leider noch die ganze Nacht dauern.“, warnte Reseda die Männer. „Ihr könnt also noch mal eine Nacht ausruhen und euch erholen. Ich muss sowieso die Nacht wach bleiben. Ich kann den ersten Wachdienst übernehmen.“, bot sie an.
„Dann wird Gawain nach dir die Wache übernehmen.“, meinte Arthur. Alle wussten, dass dies die symbolische Strafe für Gawain war, von der ihr Anführer vor kurzem gesprochen hatte. Gawain schwieg und nickte nur, denn alle waren neugierig darauf, was Reseda mit den Ästen zu tun gedachte. Sie nahm zwei Äste, legte sie über Kreuz und bog sie bis zur Hälfte durch. Mit einem Knoten der selbst gedrehten Kordel fixierte sie die Stelle und nahm den nächsten Ast zur Hand. „Willst du hier nun heiter Körbeflechten?“, fragte Lancelot mit Abfälligkeit in der Stimme. Schnippisch konterte Reseda: „Geduld gehört wohl nicht zu deinen Tugenden, was?“ Bors und Dagonet grinsten sich gegenseitig an, als sie Lancelots verdutztes Gesicht sahen. Er war es nicht gewöhnt, dass Frauen ihm widersprachen, geschweige denn ihn nicht anhimmelten!
Sie überging Lancelot absichtlich und wandte sich wieder an Arthur: „Ihr könnt euch ruhig schlafen legen. Ich bleibe wach.“, wiederholte sie. „Danke.“ Reseda wusste, dass mit diesem „danke“ nicht nur der Wachdienst gemeint war. Die Ritter sahen noch ein letztes Mal nach ihren Tieren und nachdem sie sich vergewissert hatten, dass ihnen keine unmittelbare Gefahr drohte, betteten sie sich mit den Satteldecken ihrer Pferde so bequem wie möglich auf den steinigen Boden. Reseda knüpfte unermüdlich weiter an dem bizarren Gestell, mit dem sie Tristans Rippenproblem lösen wollte und warf regelmäßig einen Blick auf Erec, den sie ebenfalls zugedeckt und ihm das zusammengeballte Fell des Rehs, das Tristan in den Tagen zuvor erlegt hatte, als Kissen unter den Kopf geschoben hatte.
Reseda hatte gerade ein Stück Holz ins Feuer nachgelegt, da hörte sie ein verdächtiges Rascheln. Sie seufzte und sah ihrem Gesprächspartner nicht in die Augen. „Du kannst ruhig noch schlafen. Der Wachwechsel ist erst in ein paar Stunden, Gawain.“ Reseda musste sich Mühe geben, dass ihre Stimme beim Reden nicht zitterte. Seit ihrem flüchtigen Kuss und diesem besonderen Moment am See, den sie beide geteilt hatten, war sie seinen Blicken oder Kommentaren so weit wie möglich aus dem Weg gegangen. Doch nun gab es kein Entfliehen. Sie fühlte sich, als säße sie erneut in einem Käfig. Doch diesmal war der Käfig nicht aus Eisen und Metall.
Gawain wunderte es nicht im Geringsten, dass Reseda sein Wachbleiben bemerkt hatte und stand auf, um sich zu ihr zu setzen. Er ging jedoch nicht auf ihren Kommentar ein und fragte stattdessen: „Nun sag schon endlich – was wird das?“, er deutete auf Resedas Werk, dass sie gerade beiseite gelegt hatte. „Eine Art Korsett.“, rückte sie endlich mit der Sprache heraus. „Es soll Tristans Oberkörper ruhig halten, ihn aber gleichzeitig nicht steif werden lassen.“  „Und so etwas zauberst du aus Holz und ein paar Haaren. Ich bewundere dich.“, meinte Gawain mit einem Lächeln. „Ich musste natürlich improvisieren. Zuhause hätte ich eine richtige Kordel und zusätzlich zu den Holzstäben ein Gerüst aus Metall verwendet. Das hätte der ganzen Sache noch mehr Stützkraft verliehen.“ Reseda war richtig in ihrem Element und konnte nicht umher, ein wenig mit ihrem Wissen anzugeben. „Woher weißt du das alles?“, fragte Gawain weiter. Reseda nahm erneut die Kordel in die Hand, um weiter an dem Stützgestell zu arbeiten. „Das ist das einzige, was wir zuhause lernen. Im Gegensatz zu den Pikten sind die skotischen Frauen keine Kämpfer. Wir sollen zuhause bleiben und die Verwundeten versorgen, wenn die Männer einmal wieder auf dem Schlachtfeld waren. Jedes Mädchen lernt bei uns schon von klein auf, welche Gräser gegen Juckreiz helfen, welche Kräuter Schmerzen lindern und welche Pflanzen Wunden heilen. Und nicht selten müssen wir Gelenke wieder einrenken, gebrochene Gliedmaßen fixieren oder offene Wunden behandeln. Unsere Krieger ziehen sich die unglaublichsten Verletzungen zu.“
Nach diesem umfangreichen Bericht schwiegen sie sich beide erstmal an. Gawain wusste nicht, was er sagen sollte. Wie gerne wäre er noch näher an sie herangerückt, hätte sie in seine Arme geschlossen und diese geheimnisvolle Aura eingesaugt, die sie umgab! Auch Reseda traute sich nicht, ihm in die Augen zu sehen. Schon wieder war sie alleine mit Gawain, und diesmal klopfte ihr Herz doppelt so schnell wie das letzte Mal. Aber sie würde sich doch niemals in einen sarmatischen Ritter…?!
„Du sprichst sehr liebevoll von deinem ‚Zuhause’.“, fasste sich Gawain endlich ein Herz. „Noch vor zwei Tagen hast du deine Heimat verflucht.“ Reseda schlug die Augen nieder. „Ich hatte eine wundervolle Kindheit.“, begann sie. „Unbeschwert… Eben jene Tage, in denen mich meine Mutter unterrichtet hat, mir die Lehren der Flora und Fauna, des Waldes und der Flur gezeigt hat. Ich war ein Kind der Natur. Und dann starb meine Mutter. Von da an war mein Vater für meine Erziehung verantwortlich. Er schickte mich in stinkige Lazarette, um mir zu zeigen wie das Leben spielt. Dass ich nichts besonders bin, nur weil ich die Tochter des Skotenkönigs bin. In diesen Jahren habe ich den Glauben an das Gute im Menschen verloren.“ Gawain lächelte. „Es geht nicht darum, zu glauben ob es das Gute im Menschen gibt. Es geht darum, dass das Gute die Oberhand gewinnt.“
Solch weise und pazifistische Worte hätte Reseda diesem Ritter nicht zugetraut. Sie legte ihr Geflecht erneut beiseite und sah ihm liebevoll in die Augen. „Ungewöhnliche Worte für einen kaltblütig tötenden Menschen wie dich.“ Gawain stocherte gedankenverloren mit einem Stöckchen in der glimmenden Asche des Feuers. „Das Töten und der Kampf gehört zu meinen Aufgaben. Es hat mich geprägt, aber es beherrscht mich nicht. Ich will nur endlich frei sein, und wenn ich das bin, werde ich nie wieder freiwillig das Schwert gegen einen Menschen richten.“ Reseda strich Gawain eine blonde, lange Haarsträhne aus dem Gesicht, und ihr Magen schlug Purzelbäume, als sie seine weiche Haut berührte. „Sehen deine Waffenbrüder das auch so?“ Gerade noch einmal die Kurve gekriegt! Reseda hätte sich selbst ohrfeigen können. Wieso hatte sie das getan?! Wollte sie das x-te Liebchen eines römischen Ritters werden? Sie hatte doch wohl keine Gefühle für ihn entwickelt? Die Tatsache, dass ihre Hand immer noch auf Gawains Wange lag, war Antwort genug.
„Das weiß ich nicht.“ Gawain lachte leise auf. „Galahad und Dagonet bestimmt nicht. Auch wenn man es nicht auf den ersten Blick sieht, sind sie beide doch so sanftmütig und friedliebend. Auch Arthur wird in Frieden nach Rom zurückkehren wollen, wenn unsere Schuld getilgt ist. Aber Bors? Tristan? Erec und Lancelot? Ihnen bereitet das Kämpfen fast schon Spaß. Wir reden kaum über die Heimat. Oder an das, was nach unserer Ritterzeit kommt. Es ist einfach so fern. In so wenigen Jahren haben wir so viele Männer verloren. Warum sollten ausgerechnet wir das Privileg besitzen, heimkehren zu dürfen?“ „Weil ihr stark und mutig seid.“, beantwortete Reseda diese rhetorische Frage. „Und weil es etwas gibt, für das es sich zu Leben lohnt.“ Nun hatte sie beide Hände auf Gawains Wangen gelegt und ihre Lippen kamen den seinen immer näher. In diesem Moment spürte sie den markanten, herben Duft dieses Mannes auf ihrer Haut und in ihrer Nase. Ein berauschendes Gefühl durchströmte sie und nahm so überhand, dass sie ihre Bewegungen nicht mehr steuern konnte. Sie selbst wusste nicht, ob sie oder Gawain die letzte Initiative ergriffen hatte, doch von einer Sekunde zur anderen trafen sich ihre bebenden Lippen.
Ein süßlicher Geschmack lag auf Gawains Zunge, und Reseda wollte um jeden Preis mehr davon kosten. Ihre Zunge umspielte neckisch seinen Mund und ihre Hände vergruben sich in seiner blonden Mähne. War das etwa der Himmel? Fühlte sich so das Paradies an? Kein Zweifel, denn die rauen Hände des Ritters, die sich nun um Resedas Taille legten, waren trotzdem so zärtlich und liebevoll, dass sie sich anfühlten wie ein seidenes Tuch auf ihrer Haut. Seine Berührungen waren so schüchtern und zurückhaltend, dass Reseda kurzerhand beschloss, ihm seine Scheu zu nehmen. Sie löste sich kurz aus seinem Kuss und sah ihn mit eindringlichen, feucht-schimmernden Augen an. Sie wollte etwas sagen, brachte jedoch kein Wort heraus. Ihre Kehle hatte sich zugeschnürt und auf ihrer Brust lag ein unsichtbares, schweres Gewicht. Sie begehrte diesen Mann! Ja, sie begehrte und liebte diesen Mann so sehr! Doch hatte er sie aus demselben Grund geküsst? Oder war sie einfach nur ein weiters Mädchen, das seine Lust befriedigen sollte? „Gawain…“, flüsterte sie mit weinerlicher Stimme.
Für den Ritter klang dies wie die Melodie eines wunderschönen Lieds. Er schloss die Augen, um dieses intensive Gefühl, dass sich in seinen Gliedern ausgebreitet hatte, noch weiter festhalten zu können. Er fühlte sich, als wäre er in einem seiner schönsten Träume gefangen und nichts und niemand konnte ihn daraus aufwecken. Reseda nahm zögerlich seine Hand und küsste jede seiner Fingerspitzen einzeln. Gawains Körper wurde dabei von blitzartigen Zuckungen gepackt. Dabei ließ Reseda ihren Augenkontakt kein einziges Mal abbrechen und er konnte ein wildes Verlangen in ihren Augen sehen. Sie legte seine Hand auf ihre Brüste und wisperte ihm zu: „Dies gehört alles dir.“ In diesem Moment konnte sich auch Gawain nicht mehr zurückhalten. Er zog die Prinzessin an sich und vereinte erneut seinen Mund mit ihrem. Nun wusste er, dass diese Frau sich ihm vollkommen hingeben und ihren Körper in seine Obhut legen würde. Seine andere, noch freie Hand legte sich um Reseda und er drückte sie so fest an sich, wie er nur konnte. Er wollte jeden Zentimeter ihrer heißen Haut spüren, jedes noch so kleine Fleckchen liebkosen und küssen. Diese Frau hatte ihm vollkommen den Kopf verdreht und ihn so verzaubert, dass keine irdische Kraft ihn davon abhalten konnte, ihr nahe zu sein. Er wollte die größte Intimität genießen, die zwei Menschen nur teilen konnten. Dazu musste er Reseda den schmutzigen Lumpen über den Kopf ziehen und packte sanft den Saum ihres Kleides. Als die Prinzessin zwischen seinen Beinen seine harte Erregung spürte und bemerkte, was er vorhatte, legte sie ihm bremsend beide Hände auf die Schulter und meinte traurig: „Gawain, nicht. Nicht hier… nicht jetzt.“ Der Ritter blickte sie verwirrt an. „Wieso nicht?“ Reseda machte mit ihren Armen eine Bewegung zu den schlafenden Rittern. „Wir sind hier nicht allein. Erec liegt hier im Fieber und ist todkrank… Es soll heute nicht sein.“
Damit hatte Reseda Recht: dies war wohl der unpassendste Zeitpunkt, den sich die beiden Liebenden hätten aussuchen können. Sie wiederholte erneut: „Bitte nicht jetzt.“ „Aber wann dann?“ Gawain legte den Kopf schief. Resedas flehendes Gesicht verwandelte sich plötzlich in ein wütendes. „Wann dann? Darum geht es dir also?“ „Was meinst du?“ „In ein paar Tagen werden wir getrennte Wege gehen, ihr müsst mich eintauschen gegen diesen verfluchten Bischof! Und so lange musst du wohl noch die Gelegenheit nutzen, wenn du die Prinzessin rumkriegen willst!“, fuhr Reseda Gawain an. „Das stimmt doch überhaupt nicht!“, setzte sich Gawain zur Wehr. „Natürlich ist es so. Du hättest es wohl hingenommen, wenn wir uns nie wieder sehen würden! Du erledigst einfach deinen Auftrag und vergnügst dich dann wieder mit Mädchen aus dem Römerkastell!“ Mit einem Mal war Reseda nicht mehr zu halten vor Wut. Gawain ließ sich so etwas natürlich auch nicht vorwerfen und meinte verärgert: „Wenn du das denken willst, dann tu es. Ich habe mir nichts vorzuwerfen, auch nicht von dir!“ Reseda stieg von seinem Schoß hinunter und verließ die Höhle. „Du bist genau wie alle anderen Gawain. Vergnüge dich mit Freudenmädchen, wenn du wieder zurück bist und richte dein Wort nicht mehr an mich! Ich lasse mich doch nur davon blenden!“ Mit diesen Worten setzte sich Reseda ins Freie und die kalte Nacht. Vollkommen durcheinander blieb Gawain zurück. Er wollte ihr hinterher gehen, doch eine innere Stimme hielt ihn zurück
Trotzig biss Reseda die Lippen zusammen und unterdrückte ein Schluchzen. Doch dass ihr heiße Tränen über die Wangen flossen, konnte sie nicht verhindern. Sie flossen wie reißende Gebirgsbäche, die sich durch steinige Flussbetten kämpfen, alles Bewegliche mitrissen und schließlich im großen, salzigen Meer verebbten.
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