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Pagan Love - Our people are one!

GeschichteDrama / P16 / Gen
Arthur Bors Dagonet Galahad Gawain Lancelot
05.06.2011
17.09.2012
14
21.400
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05.06.2011 2.019
 
6. Secrets in the Water

Nachdem Reseda und Dagonet den Rest der Nachtwache in erneutem Schweigen verbracht hatten, weckte Dagonet seinen Kameraden Gawain. Nun durfte er sich auch endlich ausruhen und sich ein paar erholsame Stunden gönnen. Doch im Gegensatz zu ihm war Gawain mehr an der Persönlichkeit des Mädchens interessiert. Er platzierte sich im Schneidersitz neben dem Käfig und lehnte sich müde gegen einen Baum. Er sprach nicht, sondern beobachtete sie nur. Reseda hatte ihm den Rücken zugewandt, doch sie spürte seine bohrenden Blicke und sie begann unruhig auf dem Boden zu scharren wie ein Pferd, das Gefahr witterte.
„Arthur hat uns so manches über dich erzählt.“, begann er langsam. Reseda zuckte leicht zusammen. Wollte er ihr nun eine Moralpredigt halten? Sie ärgern? „Hat er euch erzählt, wie ich den Drachen besiegt und den neunköpfigen Dämonen besiegt habe?“ Mit einem Scherz versuchte sie, die gespannte Situation aufzulockern. Tatsächlich schaffte sie es damit, Gawain zum Lachen zu bringen. „Wohl eher von deinem Stolz, ein Skote zu sein.“ „Wollt ihr mich dafür verurteilen?“, erwiderte Reseda schnippisch. Sie war vielleicht eine Gefangene, aber Vorurteile musste sie sich auch nicht anhören. „Der ein oder andere vielleicht.“ Gawain wendete seinen Blick immer noch nicht von ihr ab. Irgendetwas faszinierte ihn an dieser Frau. Zwar war sie in dreckige Lumpen gehüllt und der Schmutz, der Geruch des Gefängnisses in dem sie monatelang hausen musste, klebte an ihr, doch er war davon überzeugt dass hinter dieser Fassade ein Mensch steckte, dessen Charakter und Ideale entdeckt werden wollten.
„Weil ich meinen Folterern gesagt habe, was sie wissen wollten?“, bohrte Reseda weiter. Gawain ließ den Kopf sinken. „Manche meinen, sie wären lieber gestorben, als sich selbst zu verraten.“ Reseda gab einen abfälligen Laut von sich. „Mein Leben ist mir wichtiger als mein Stolz. Der nützt mir nämlich nichts mehr, wenn ich tot unter der Erde liege und meine Knochen im Laufe der Dekaden verrotten. Ich will einfach nur leben, egal in welchem Volk.“ Der letzte Satz klang schon fast wieder entschuldigend, da war nichts mehr übrig von der Trotzigkeit, die sie noch am Anfang ihrer Verteidigung in die Stimme gelegt hatte. Gawain kam auf sie zu und sprach leise: „Niemand hat gesagt, dass dies auch meine Meinung ist. Jeder Mensch muss mit seinen Entscheidungen leben können. Nimm Erec. Er ist ein stolzer Sarmatier, Krieger und Ritter. Er würde lieber sterben, als unter Folter Geheimnisse preiszugeben, die unter allen Umständen zu verbergen sind.“ „Das waren keine Geheimnisse.“, rechtfertigte sich Reseda erneut. „In die politischen und strategischen Pläne des Königs hatte ich sowieso keinen Einblick. Nicht als Frau. Nicht bei uns.“ Gawain lachte erneut. „Du sitzt nicht im Kreuzverhör. Ich werfe dir nichts vor. Ich verstehe dich.“, meinte er sanft. Reseda blickte verwirrt auf den Boden. „Es tut mir Leid. Ich… Es macht mich nur so krank, dass mich jeder als Sündenbock und Verräterin abstempelt. Was mich zuhause erwartet, möchte ich gar nicht wissen.“ Sie entzog sich den diamantblauen Augen von Gawain und drängte zurück in die Ecke ihres Gefängniswagens. Sollte sie es noch einmal versuchen?
„Lass mich hinaus“, hauchte sie, für Gawains Ohren kaum hörbar. „Wie bitte?!“ „Lass mich hinaus“, wiederholte Reseda. „Meine Kleider waschen… diesen Schmutz wegspülen. Den Dreck und die Demütigung. Ich fühle mich so schlecht. Bitte…“ Gawain grinste sarkastisch. „Damit du in den Wald läufst und wir dich nie wieder sehen.“ Er schüttelte den Kopf. „Halte mich doch nicht für einen Dummkopf.“ „Wovor soll ich weglaufen? Wohin? Hier gibt es nichts, wohin ich laufen kann.“, wiederholte Reseda dieselben Worte, die sie vorhin schon an Dagonet gerichtet hatte. Doch auch hier fielen sie auf unfruchtbaren Boden. Und auch Gawain sagte ihr dasselbe: „Ich werde meine Befehle nicht missachten. Arthur hat den Schlüssel. Ich würde lieber sterben, als ihn zu bestehlen.“ In seiner Stimme schwang ein Anhauch von Wut. Reseda seufzte kurz und hielt inne. Dann wühlte sie in den Falten ihres schmutzigen Kittels und fischte einen verrosteten, alten Schlüssel hervor. „Ich könnte selbst gehen, wenn ich wollte...“ Gawain klappte die Kinnlade nach unten, er war vollkommen fassungslos. „Woher…?!?“ „Ich habe meinen Zellenwärter bestochen. Kurz vor der Abreise hat er ihn mir zugesteckt.“, kam sie Gawains gehaspelter Frage zuvor.
„Du bist ein Narr.“, fauchte Gawain. „Wieso zeigst du mir diesen Schlüssel? Wieso hast du nicht gewartet, bis ein passender Augenblick dir deine Flucht hätte ermöglichen können? Wieso verspielst du deinen einzigen Trumpf?“ Mit einer blitzschnellen Bewegung hatte er den Schlüssel aus Resedas Hand gerissen. „Was nützt mir eine Flucht? Ich laufe doch nur wieder den nächsten Feinden in die Arme und ihr bekommt Schwierigkeiten. Das bringt uns alle nicht weiter.“ Gawain stockte. „Ihr seid besorgt…dass WIR in Schwierigkeiten kommen?“ Reseda begann leise zu erzählen: „Auch bei uns auf der Insel haben wir von den glor- und siegreichen Rittern aus Sarmatien gehört, die den Römern dienen. 15 Jahre im Dienst, wer danach übrig ist, wird frei sein.“, sie formte diese Worte fast schon poetisch. „Wer will schon sein Leben gegen Eures tauschen?“ Dies war eher eine rhetorische Frage, sie erwartete keine Antwort von Gawain. „Ich wollte fliehen. Ich wollte unter keinen Umständen diese Reise hier antreten. Doch dann habe ich gesehen, wer mich eskortieren soll… Euer Leben ist hart. Ich will nicht noch dazu beitragen, dass es noch schlimmer wird.“
Nun fühlte sich Gawain in seiner Ehre und in seinem Stolz verletzt. „Vielen Dank für das Mitleid. Aber wir brauchen die Gütigkeit einer skotischen Prinzessin nicht. Und wenn du tausend Schlüssel für dieses Schloss hättest…“, seine Augen verengten sich zu Schlitzen. „…wir würden dich trotzdem überbringen, von mir aus legen wir dich nochmals in Ketten und stopfen dir das Maul. Basilius hatte Recht. Wir sollten dich nicht sprechen lassen.“ Enttäuscht versuchte Reseda, ihren fehl angebrachten Kommentar wieder gut zu machen. „So hatte ich das nicht gemeint!“, beharrte sie, „Ich kann euch helfen.“, meinte Reseda und klang schon fast verschwörerisch dabei. Gawain hob stutzig die Augenbrauen. „Nun ja, du sitzt in einem Käfig. Und wir sitzen bewaffnet auf 8 Pferden. Wer hilft hier wem?“ Die Prinzessin drückte erneut ihre Stirn gegen die Gitterstäbe, als versuchte sie, so nah wie möglich an den Ritter heranzukommen. „Lasst mich hier raus.“, drängte sie. „Ihr setzt mich auf eines der Pferde, wir lassen dieses scheußliche Ding hier“, sie machte eine Handbewegung und deutete auf ihr Gefängnis, „und wir reiten weiter. Wir sind schneller, wendiger, nicht so leicht angreifbar. Ich bin zwar keine Kämpferin, doch reiten kann ich! In weniger als vier Tagen würdet ihr an der Küste sein!“
Gawain fühlte sich mit diesen Worten überfordert. Die Prinzessin brachte es fertig, ihn innerhalb weniger Minuten ein Wechselbad der Gefühle nehmen zu lassen. Was genau wollte sie?! War das wirklich ihre Strategie, um zu fliehen? Oder war sie ehrlich? Wollte sie diese Mission auch so schnell wie möglich hinter sich bringen, so wie seine Kameraden auch? Diese Gedanken bereiteten ihm Kopfschmerzen. Als ob sich wütenden Schlangen einen Weg durch seine Gehirnwindungen suchten. Er kniff gereizt die Augen zusammen und fragte langsam: „Was willst du?!“ Überrascht sah Reseda ihn an und war erst sprachlos. Doch dann begriff sie, welche wirren Gedanken ihm wohl durch den Kopf geisterten und sie antwortete frei heraus: „Frieden. Ich will Frieden! Frieden zwischen euch und mir. Frieden zwischen den Skoten und den Römern. Ich will diese Reise beenden, damit ihr wieder nach Hause könnt. Damit niemand mehr in Gefahr gebracht wird! Ich will nichts Böses! Ich bin doch nur eine schnurlose Puppe in einem Spiel, bei dem eine höhere Macht den Ton angibt! Doch jetzt habe ich Fäden bekommen – doch ihr seid es, die diese Fäden bewegen können! Und wenn ihr sie bewegt, dann könnt ihr das Spiel verändern. Zu euren Gunsten!“

Wenn Reseda eine Betrügerin war, dann wusste sie ganz genau, welche Worte sie wählen musste, um ihren Gegenüber einzuwickeln, dachte Gawain. Fast gegen seinen Willen spürte er, wie sie ihn manipulierte. Aus ihren rehbraunen Augen strahlte Entschlossenheit und, er konnte sich selbst nicht erklären wie er dies daraus lesen konnte: Ehrlichkeit. Vielleicht lag es auch daran, dass sie ihm ein wenig den Kopf verdreht hatte. Mit zitternden Fingern führte er den Schlüssel in Richtung Schloss. Vor seinem inneren Auge sah er schon die wutverzerrten Gesichter der Ritter, die enttäuschten, traurigen Augen seines Befehlshabers Arthur. Und er sah schon sein eigenes Schwert in seiner Brust stecken, dass er sich aus lauter Scham selbst dort hineingerammt hätte. Weil es seine Schuld gewesen war, dass das Mädchen entkommen konnte. Weil er so töricht gewesen war, und ihrer Liebäugelei nachgegeben hatte.
Mit einem verräterischen Klicken sprang das Schloss auf. Gawain öffnete so langsam wie möglich die Tür, damit das Quietschen der altertümlichen Schlösser nicht seine Kameraden weckte. „Geh und wasch dich!“, zischte er wütend. Wütend über sich selbst, ihr einfach nachgegeben zu haben. „Aber du wirst danach wieder zurückgehen und wage es ja nicht, etwas anderes zu versuchen!“ Mit geschickten Fingern durchtrennte Gawain Resedas Fesseln. Unerwartet flink sprang die Prinzessin aus dem Käfig und federte leicht auf dem Boden auf. Reseda war so überglücklich, dass sie Gawain kurz entschlossen einen Kuss auf die Lippen drückte. Sie schloss die Augen und genoss jeden Schritt in Richtung See. Ihre Füße spürten das feuchte und weiche Gras, und dieses Gefühl von Naturverbundenheit und Freiheit breitete sich von ihren Sohlen in ihren ganzen Körper aus. Sie zog sich den Kittel über den Kopf und streckte den Zeh in die kühle Tiefe des Sees. Genussvoll warf sie den Nacken nach hinten und ließ das Wasser jeden Zentimeter ihrer Haut hinaufwandern. Nachdem sie ganz untergetaucht war, fühlte sich Reseda vollkommen regeneriert. All der Schmutz, die Dunkelheit und die Qualen des Gefängnisses mit seinen Foltermaschinen wurden von den glasklaren, perlenden Tropfen hinfort gespült. Zwar war sie eine Heidin, doch nun verstand sie, warum sich Christen taufen ließen. Warum sie sich komplett in geweihtem Wasser untertauchen ließen: weil man dem Himmel, egal an welchen Himmel man glaubte, nie so nahe war wie in dem Moment, in dem man wie neugeboren aus dem Wasser emporsteigt und wie eine Blume im Frühling neu erblüht.
Ihr war vollkommen egal, dass Gawain ihr zusah und sich an ihrem nackten Körper ergötzen konnte. Reseda blickte an sich hinunter. Viel schönes gab es dort eh nicht zu sehen: der Hunger im Kerker hatte viel von ihren ursprünglich so üppigen Brüsten gezehrt, hatte ihre Rippen, ihr Schlüsselbein und ihre Schulterblätter hervortreten lassen. Ihre Haare waren nicht mehr glänzend, sondern abgestumpft, verdreckt, zerzaust. Die Römer hatten ein Gespenst aus ihr gemacht. Einen Geist, der nur noch mit seiner Seele umherwandert und dessen Fleisch sich aufgelöst hatte.
Für Gawain gab es in diesem Moment jedoch nichts Schöneres als die Erscheinung dieser Frau. Der flüchtige Kuss hatte ihn verwirrt und durcheinander gebracht. Und er übersah, dass ihr Körper ausgezehrt und abgemagert war. Doch dieses Leuchten ihn ihren Augen, welches er vorhin sehen konnte, war so hell dass es selbst die dunkelsten Nächte hätte erhellen können. Und ihre bleiche Haut schimmerte und spiegelte sich auf der Wasseroberfläche des Sees, welche vom silbernen Mond hell erleuchtet wurde. Lancelot und Erec konnten dieses Mädchen schlecht reden, sie als wertlose Verräterin und berechnend bezeichnen. Doch Gawain wusste, dass Reseda ihre wahre Schönheit, ihre innere Schönheit bis jetzt verborgen gehalten hatte. Dass sie eine Aufgabe zu erfüllen hatte, dass sie ihren Platz in dieser Welt erst finden müsse und dass er und die anderen Ritter ihr dabei helfen konnten, diesen Platz einzunehmen. Welche Geheimnisse wohl in dieser verlorenen Seele verborgen lagen und nur darauf warteten, entdeckt zu werden? Wie viele stumme Hilferufe hatte sie schon gen Himmel geschickt und niemand hatte sie gehört? Sicherlich hatte er mit ihrer kurzzeitigen Freilassung einen Befehl missachtet und somit etwas Falsches getan. Doch vielleicht musste man manchmal etwas Falsches tun, um dem Zweck der richtigen Sache zu dienen? Gawain war entschlossen, es herauszufinden. Schon morgen.
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Aaah, da haben wir ja mal ein richtig "langes" Kapitel rausgehauen :) Sorry falls das am Schluss zuviel Schmalz ist (Wenden Sie sich dafür bitte an die Beschwerdeabteilung *g*), aber der Soundtrack hat mich da grade einfach so schön berieselt :) Nach so viel Gefühlsduselei machen wir damit jetzt mal etwas Pause... Bis Montag!!! RUS! eure Lili <3 <3 3 <3
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