Herz aus Stein

von Ishtar
GeschichteRomanze / P18 Slash
05.06.2011
12.03.2013
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Dieses Kapitel
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Wer meine Arbeiten ein wenig verfolgt hat, weiß wahrscheinlich, dass es mich ab und an reitet, etwas Neues auszuprobieren. Auch hier ein kleiner Versuch – wenn’s gefällt, dann gerne mehr bei Gelegenheit.

Auch Neuleser sind natürlich herzlich willkommen, für Tipps oder Kritik bin ich selbstredend offen, schließlich will ich nicht an Euch vorbei schreiben.

Ansonsten wünsche ich: viel Vergnügen!




I. Ein Pseudo-Elf und ein dreckiger Barbar

Die Steine standen in exakt gezogenen Reihen nebeneinander, die Abstände zwischen ihnen präzise vermessen. Einige waren sehr klein, reichten ihm gerade bis zum Knie, andere überragten ihn fast um die doppelte Körpergröße. Sie waren unbehauen, nur in wenigen Oberflächen zeichneten sich verwaschene spiralförmige Ritzungen von Menschenhand hineingearbeitet ab. Vielleicht waren sie einmal bemalt gewesen, wer wusste das schon. Einige der größeren waren umgefallen, doch die Ordnung zerstörte das kaum, zu viele waren es, einer nach dem anderen bis sie sich irgendwo in der Ferne verloren.

Jetzt im späten Sommer blühte die Vegetation hier so üppig, dass das befremdliche Szenario fast heiter wirkte. Wilder Mohn stand neben aus der Form geratenen Brombeerbüschen, überall lugten Gänseblümchen hervor und die Bienen seiner Stöcke schwirrten zwischen ihnen umher.

Steinfelder wie dieses gab es mehrere in der Gegend, Überreste einer längst vergangenen Zeit. Hinkelsteine nannten die deutschen Besucher sie, ihr Asterix-Wissen herauskramend. „Menhire“ erklärte ihnen der Reiseführer. Niemand wusste, warum die Menschen vor so vielen Jahrtausenden sich die Mühe gemacht hatten, die Steine von fern her anzutransportieren und nach diesem System in endloser Folge zu ordnen. Grabsteine waren es nicht, obwohl so mancher bei ihrem Anblick zunächst an einen Friedhof dachte. Erinnerungen? Geschenke an die Götter? Zeichen der Macht? Eigentlich war es längst gleichgültig geworden. Niemand erinnerte sich mehr.

Vielleicht mochte er das Steinfeld deswegen so gerne. Es brauchte keine Bedeutung mehr, um zu existieren. Genauso wenig wie er. Jeden Tag ging er hierher, wanderte zwischen den Reihen auf und ab, dann besuchte er die Stöcke, sah da nach dem Rechten. Gelegentlich verjagte er ein paar besonders vorwitzige Touristen, die sich an den Schildern vorbei geschlichen hatten, die das Betreten des Privatgrundstückes verboten. Ab und an musste er Vertreter der Denkmalschutzbehörde Einlass gewähren, so wollte es das Gesetz, aber sie konnten ihn nicht dazu zwingen, das Feld öffentlich zugänglich zu machen. Ihm gehörte das Land, er wohnte hier allein. Und genauso sollte es bleiben, er wollte keine Bildungsreisenden durch seinen Vorgarten stapfen haben. Nur er und die Bienen, das reichte ganz und gar. Die Steine brauchten keine Besucher und er erstrecht nicht.

Die Sonne schien von einem wolkenlosen Himmel, ein leichter Wind kam aus Richtung des Meeres, die Luft roch frisch nach Salz und Gräsern. Er lehnte sich an einen der größeren Menhire, die raue Oberfläche war angenehm kühl auf der nackten Haut seines Oberarms. Er musste stets acht geben, sich nicht zu verbrennen, obwohl es im Laufe der warmen Monate besser geworden war. Statt Bräune hatte er lediglich eine Flut von Sommersprossen zuwege gebracht, die ihn ein wenig aussehen ließen, als habe ihn eine Horde Aktionskünstler im Drogenrauch mit Farbe bekleckert. Es hatte Zeiten gegeben, da war er stolz gewesen auf seine zarte, natürlich gemusterte Haut. Zeiten, in denen er noch nicht begriffen hatte, was für ein Vollidiot er war.

Jetzt wusste er es. Das hatte er sich selbst zuzuschreiben. Deswegen war er hier.

Außer dem Sirren der Insekten war es still hier. Er schloss die Augen, lauschte dem vielstimmigen Summen. Keine Menschen. Nur er. Er ließ es auf sich wirken, atmete ruhig, ließ die Zeit verrinnen. Noch ein wenig. Die Lebensmittel würden heute geliefert werden, er hatte Anweisungen gegeben, sie auf der Eingangstreppe zu hinterlassen. Das kannten sie schon. Er zahlte, das wussten sie, auch dafür, dass er sie nie zu Gesicht bekam und sie ihn nicht. Sie waren immer pünktlich, doch er ließ sich sicherheitshalber noch ein wenig mehr Zeit.

Die Sonne stand schon ein wenig tiefer, als ein Geräusch ihn aus seinem Dämmerzustand riss, dass da nicht hingehörte. Er fuhr zusammen. Touristen? Schon wieder?! Konnten die nicht lesen! Was erdreisteten die sich ständig! Musste er sein Zuhause etwa ausstatten wie Dagobert Duck seinen Geldspeicher? Ein wenig war es bereits ja schon so. Aber das Gelände war zu groß, um es komplett abzuriegeln, auch ging eine öffentliche Straße hindurch, deren Bau sein Großvater einst zugestimmt hatte. Das ließ sich leider nicht wieder rückgängig machen.

Angespannt lauschte er. Da rief jemand… nach ihm. Eine Männerstimme. Er fühlte, wie sein Herz anfing, hastig zu schlagen. Ganz ruhig… Das ist bestimmt nur wieder irgendeiner von der Denkmalbehörde oder der Stadtverwaltung oder sonst irgendwer, der ärgerlicherweise das Recht hatte, ihn zu stören.

Er schluckte, zwang sich dazu, sich zu beruhigen und lauschte. Schritte kamen näher. Das war nur einer… gut. Einer ging. Ab zwei wurde es kritisch.

„Monsieur Kalteis?“ rief dieser jemand in einem fürchterlich ausgesprochenen Französisch. Ein Deutscher, jede Wette. Er selbst war zweisprachig aufgewachsen, seine Mutter stammte aus Aachen, sein Vater von hier. Diesen die Schönheit der französischen Sprache vergewaltigenden Akzent würde er überall erkennen.

Vorsichtig spähte er um die Ecke. Von der Straße her kam ein Mann in Richtung des Feldes heran marschiert. Er trug eine weit geschnittene beige Armee-Hose, ein dunkelblaues schlabberiges Hemd und schleppte einen zerschlissenen hellbraunen Stoffrucksack in der Hand mit sich. Er mochte Mitte Zwanzig, vielleicht ein wenig älter sein. Er war verflucht groß und kräftig, gar nicht gut. Blond, garantiert auch blauäugig. So ein richtiger Bilderbuch-Germane wie aus einem feuchten Traum Eva Brauns. Pfui Deibel. Und der brüllte jetzt ständig nach ihm und sah sich suchend um. Wer zur Hölle war das?! Woher kannte er seinen Namen, und vor allem: Was wollte der von ihm?

Er sollte verschwinden. Tat er aber nicht. Leider waren seine Bienen auch keine Killerbienen, die er ihm auf den Hals hätte hetzen können.

„Monsieur Kalteis? Sind Sie hier irgendwo? Die am Haus sagten, Sie seien wahrscheinlich hier spazieren oder bei den Bienenstöcken?“ rief der Vorzeige-Teutone.

Sieh an. Die Liefertruppe war also bestens informiert über seine Gewohnheiten. Er konnte wetten, dass die im Dorf über seine Spleenigkeiten herzlich rumspekulierten und lästerten. Es war ihm egal, Hauptsache sie nervten ihn nicht damit.  

Was tun? Einfach weiter verstecken? Der würde ihn nie finden, wenn er das nicht wollte. Aber dann würde der hier noch länger rum brüllen und die Pflanzen platt latschen. Und auf einmal sogar wieder kommen. Vielleicht dann auch noch in Begleitung… nein. Besser gleich erledigen, dann hätte er endlich wieder seine Ruhe. Trotzdem wurde ihm etwas schwummerig bei dem Gedanken. Es war ja nur einer… und er war schnell und kannte das Terrain… notfalls… Dass seine Gedankengänge ziemlich irrational waren, war ihm leider mehr als bewusst. Dummerweise half ihm diese Selbsterkenntnis nicht. Die Panik setzte nun einmal ein, ohne vorher die Vernunft um Erlaubnis gefragt zu haben. Da half nur zu versuchen, sich zusammen zu reißen. Diese Atemtechnik, die ihm einer der Therapeuten, die seine Eltern ihm auf den Hals gehetzt hatte, beigebracht hatte, half auch ein wenig, aber wahrscheinlich war das nur Autosuggestion. Wie auch immer – bloß nicht anzweifeln! Der Rest hatte leider gar nichts gebracht, und etwas war in jedem Falle besser als gar nichts. Ganz tief einatmen…. durch die Nase langsam wieder raus… aufrecht stehen… es ist alles in Ordnung…

„Monsieur Kalteis?“ rief der andere erneut. Er war näher gekommen, war gerade mal noch zwanzig Meter entfernt. Falls er mal eine Frisur besessen haben sollte, hatte der über die Fläche blasende Wind sie jetzt auf dem Gewissen, die blonden Haare umgaben sein Gesicht in einem einzigen Chaos.

Er schluckte und trat vor, als sei das das Selbstverständlichste der Welt, kreuzte die Arme vor der Brust und blickte den anderen so finster wie möglich an. Wenn der ihm an den Kragen wollen sollte, würde ihn das wenig beeindrucken, er war leider nicht gerade die imposanteste Erscheinung.

Der andere Mann erspähte ihn und starrte ihn verdattert an. „Huch!“ entfuhr ihm auf Deutsch.

„Angenehm – Kalteis. Was wollen Sie von mir?“ fragte er unhöflich.

„Äh… Sie sind Monsieur Kalteis?!“ fragte der andere etwas aus dem Konzept gebracht.

„Ja“, raunzte er, „höchstpersönlich. Was hatten Sie denn erwartet?“

„Äh… Ich dachte, Sie seien älter und…?“ entfuhr dem anderen.

Er konnte sich schon denken, was das „und“ zu bedeuten hatte. Und kein Bubi mit Sommersprossen und rotbraunen Haaren, den kleine Mädchen ganz supersüß fänden. Leider nicht nur kleine Mädchen. Und leider mochte er auch keine kleinen Mädchen. Und er war fünfundzwanzig und nicht fünfzehn.

„Tja. Überraschung“, konstatierte er.

„Entschuldigen Sie… Ich hatte eigentlich Alain Kalteis gesucht…?“ fragte der Eindringling.

„Der liegt zwei Meter unter Grund bei der Dorfkirche und wartet auf’s jüngste Gericht. Ich bin sein Enkel, Cedric Kalteis“, stellte er klar. Er hatte seinen Großvater gemocht, dieser hatte ihm auch das Grundstück vererbt, aber was das unfeierliche Ende allen Seins anging, hatten sie beide keine hochtrabenden Vorstellungen vertreten.

„Oh… dann… Verzeihen Sie, ich bin unhöflich. Ich bin Kunibert Lerchenfels und ich…“

„Wie bitte?!“ Okay… verscheißern konnte er sich auch alleine. Kunibert Lerchenfels?!

Der andere zwang sich zu einem etwas gequälten Lächeln, das seinen eher scharfen Zügen etwas ein wenig Freundlicheres verlieh. Der schien nicht das erste Mal zu erleben, dass jemand ein wenig irritiert auf diese Vorstellung reagierte. „Ich weiß, das klingt ein wenig… altmodisch. Aber meine Eltern hatten gedacht, ich würde ein Mädchen, kleiner Irrtum. Und als ich da war, war mein Vater so von der Rolle, dass er zum Arzt gesagt hat, dass er keine Ahnung habe, wie er mich nennen solle, Hauptsache es sei alles in Ordnung mit mir, da könne man mich ja vielleicht einfach nach dem netten Arzt benennen – und der hieß nun mal Kunibert.“

„Aha“, erwiderte Cedric, dem gar nicht recht einleuchten wollte, was er von dieser Geschichte zu halten hatte. Immerhin war sie so bescheuert, dass seine Panik kein Futter bekam. „Und was wollen Sie von mir – außer mir Ihre Lebensgeschichte zu erzählen?“

„Ich schreibe meine Doktorarbeit über die bretonischen Steinfelder. Ich wollte Sie fragen, ob ich dieses hier, das sich ja auf Ihrem Grundstück befindet, neu vermessen und dokumentieren dürfte? Die letzten Aufzeichnungen sind über hundert Jahre alt und sehr lückenhaft, auch Fotos gibt es kaum welche…“, erklärte Kunibert.

Ganz super. Einer von diesen Stein-Heinis. Immerhin kein Esoteriker, die nervten ihn auch ab und an. „Nein“, sagte er bestimmt.

Der andere musterte ihn mit offenem Mund. Auf seinem Gesicht stand die Enttäuschung gemischt mit Verblüffung. Was hatte der denn bitte geglaubt? Er hatte blaue Augen. Hellblaue. Aber wenn man „Kunibert“ hieß, ging das wahrscheinlich auch nicht anders.

„Ich… ich bitte Sie!“ versuchte es Kunibert erneut mit flehentlichem Unterton. „Das hier ist… fantastisch!“ Er deutete hinüber auf die langen Reihen der Steine. „Unglaublich! Bitte… Es steht auf Ihrem Grund, ich weiß, und Sie haben jedes Recht… Aber es… es gehört doch auch allen Menschen… Es geht auch ganz schnell, ein Vermessungsteam…“

„Nein!“ wiederholte Cedric noch schärfer. Das hätte ihm gerade noch gefehlt. Eine Horde Menschen… Männer…

Kunibert ließ die breiten Schultern hängen. „Man hat mich ja gewarnt. Im Dorf die… dass der Besitzer es nicht zulassen würde…“

„Da hatten die verdammt recht“, nickte Cedric und atmete tief durch. Gleich wäre er weg… und dann wäre wieder Ruhe hier… zurück zu den Steinen, den Bienen…

„Warum nicht?“ wollte der andere wissen, der aussah, als würden gerade seine Träume wie Seifenblasen platzen. Irgendwie tat er Cedric ja schon etwas leid, aber das kam gar nicht in Frage. Sein Refugium… nein. Und außerdem, warum sollte er ihm trauen? Da musste der andere sich gedulden, bis er ins Gras gebissen hätte und das stand wahrscheinlich nicht gerade direkt bevor. Physisch ging es ihm bestens, die körperlichen Wunden waren verheilt, nur ein paar Narben waren noch da, die bei Wetterumschwüngen juckten. Hier war er und hier blieb er. Ende.

„Weil ich hier meine Ruhe will, ganz einfach“, erwiderte er störrisch.

„Ruhe… okay… Ich verstehe… Aber wenn ich…“, setzte Kunibert an und machte blaue Kulleraugen, was gar nicht recht zu seinem Supergermanen-Aussehen passen wollte.

Das konnte der ganz sauber vergessen. Er war der Letzte, der sich einwickeln ließ. So dämlich war er kein zweites Mal. „Nein! Nein, nein, nein! Kapiert?“ fuhr er ihm dazwischen.

„Schon gut! Himmel… Was ist denn mit Ihnen los… Ich würde Sie kaum stören…“, ließ der andere nicht locker.

„Schon längst geschehen! Vergessen Sie’s, das wird nichts. Es gibt genug andere Menhire in der Bretagne, die Sie für den Rest Ihres Lebens von oben bis unten vermessen, fotografieren und interpretieren können. Aber diese hier nicht“, blieb Cedric hart.

„Ich verstehe das nicht…“, entgegnete Kunibert und musterte sehnsuchtsvoll die Steine.

„Müssen Sie auch nicht“, stellte Cedric klar. „Wenn Sie jetzt bitte mein Grundstück verlassen würden…?“

„Schon gut. Wie kann man nur so…“, murmelte Kunibert und gab sich geschlagen.

Ein paar Mal drehte er sich noch um, ließ seinen Blick über das Feld wandern, dann war er außer Sichtweite zwischen den Bäumen an der Straße verschwunden. Wieder allein. Endlich.

…………………………………………………………………………………………………

Benommen schüttelte sich Kunibert, während er den Wagen startete, den er am Straßenrand zurück gelassen hatte. Das durfte doch einfach nicht wahr sein! Sicher, die hatten ihn gewarnt im Dorfgasthaus, dass der Grundstückseigner ein wenig verrückt sei und keinen freiwillig rein lasse. Er hatte sich auf einen alten, bockigen Zausel eingestellt, den er mit ein wenig Vernunft und Beharrlichkeit schon rumkriegen würde – aber garantiert nicht auf so etwas.

Cedric Kalteis war garantiert kein zänkischer Opa, aber ein Rad schien er doch abzuhaben. Er hatte sich fast ein wenig erschrocken, als der wie aus dem Nichts plötzlich zwischen den Steinen aufgetaucht war. Ein sehr irrationaler Teil von ihm, der zu häufig „Der Herr der Ringe“ gelesen hatte, hatte kurz gedacht, er sei einem wütenden Elfen in die Arme gelaufen. Elf stimmte wohl nicht, wütend traf es aber schon eher. Der andere war nicht nur ausgesprochen unkooperativ gewesen, sondern auf eine aggressiv abweisende Art und Weise angespannt wie ein Flitzebogen. Er hatte ihm doch gar nichts getan oder tun wollen! Aber das war wohl kein Argument, wenn einer eine Vollmacke hatte.

Jemand wie Cedric Kalteis war ihm noch nie über den Weg gelaufen. Seine Haut hatte nur so aus Sommersprossen unterschiedlichster Farbintensität bestanden, nur die Seitenpartien seines Gesichtes und der Bereich unter den Augen waren etwas heller gewesen. Sein Haar hatte in der Sonne in einem satten rotbraun geleuchtet, seine Augen waren giftig hellgrün gewesen. Er sah aus wie der Gegenbeweis zur Vererbungslehre, ein ganzes Bündel rezessiver Merkmale auf einem Haufen. Groß war er nicht gewesen, vielleicht knapp einssiebzig. Aber dass mit kleinen Leuten nicht zu spaßen war, hatte er mehr als deutlich gemacht. Er hatte seine Argumente nicht mal richtig angehört, sondern sich sofort auf sein Nein versteift.

Er war extra bis hier her gefahren besonders auch wegen dieses Steinfeldes, quer durch Deutschland und Frankreich von Kiel her kommend, wo er promovierte. Und dann das. Weil ein verrückter Pseudo-Elf ihn nicht auf sein Grundstück lassen wollte! Was hatte der davon? Seine Ruhe?! Okay, er hatte eine Meise – aber er hätte ihn schon nicht weiter gestört. Oder hockte der den ganzen Tag allein zwischen den Steinen und sprach mit ihnen? War das so einer? Von solchen Spinnern gab es viel zu viele, Arsen für die etablierte Wissenschaft.

Aber die Steine gehörten nicht bloß ihm, auch wenn sie auf seinem Grund und Boden standen. Es gab doch auch hier eine Denkmalschutzbehörde, die für sie zuständig war? Die hätte er vielleicht schon mal früher kontaktieren sollen, aber mit derartigen Widerständen hatte er nun nicht gerechnet.

Da hatte ein Cedric Kalteis dann vielleicht doch keine Aktien drin.

…………………………………………………………………………………………………...

„Was zur Hölle machen Sie denn schon wieder hier?! Ist ihnen das Wort „Nein“ auf Französisch nicht geläufig?“ fuhr Cedric den blonden Mann an, der stoisch neben einem der größten Menhire stand und diesen in aller Seelenruhe abfotografierte. Er war so empört, dass er nicht mal anständig Panik schieben konnte, obwohl sie unterschwellig in ihm bebte. Zwei Tage war Ruhe gewesen, er hatte den Vorfall schon fast wieder vergessen gehabt – und nun stand der schon wieder dreist hier rum und fotografierte sogar! Das war Hausfriedensbruch!

„Hier“, erwiderte der andere seelenruhig. „Die Erlaubnis der Denkmalschutzbehörde. Ich darf das in ihrem Auftrag.“

Cedric starrte  auf den ihm hingereichten Zettel. Sah offiziell aus, den Briefkopf kannte er. Aber nehmen konnte er ihn nicht, dazu müsste er näher ran. Das ging nicht. Aber das glaubte er auch ungesehen. Die konnten das. Und warum sollten sie auch nicht, wenn jemand zu ihren Gunsten die Sachen hier bearbeitete? Aber er würde vorsichtshalber noch Mal da anrufen.

Das durfte doch nicht wahr sein! Das konnten die ihm doch nicht antun! Leider wahrscheinlich doch, elende Scheiße… Ab und an musste er sie ja ertragen, mal ein paar Stunden, aber der Fremde mit dem blödsinnigen Namen hatte da ganz andere Pläne angedeutet. Das hielt er nicht durch! Nicht sein Steinfeld! Seine armen Bienen!

„Ich schau nur mal… Auch wegen des Vermessungsteams, dass es schnell geht, ich will Sie ja nicht länger stören als notwendig“, machte Kunibert klar und deutete mit seinem goldbraun gebrutzeltem Muskelarm auf das Areal. Zu seinen Füßen stand sein grässliches Gepäck.

„Nein!“ flüsterte Cedric heiser. „Nein! Kein Team!“

„Ich befürchte, da haben Sie keine Wahl. Aber wie gesagt, ich drücke auf die Tube“, blieb Kunibert hart.

Cedric fühlte es in sich aufsteigen. „Nein!“ konnte er nur wiederholen, den zunehmend hysterischen Unterton in seiner Stimme nicht unterdrücken können. Oh Gott… warum war er nur so schwach? „Nein! Kein Team! Können… können Sie das nicht auch alleine…?“

„Schwierig. Das würde länger dauern, deutlich. Und für einige Sachen muss man zu zweit sein“, gab Kunibert zu bedenken und schulterte seinen Lodder-Rucksack. Heute trug er ein quietschgelbes T-Shirt mit dem Logo irgendeiner Band, von der Cedric noch nie etwas gehört hatte. Aber das war auch kein Wunder, er hasste Musik, sie überdröhnte nur… Aber wusste der nicht, dass man als Blondine in Gelb aussah wie eine Banane?! Geschmack war ja nicht jedermanns Sache…

Cedric schluckte. „Egal! Hauptsache kein Team!“

Der andere musterte ihn verhalten. Hielt ihn garantiert für verrückt. Das stimmte ja wahrscheinlich auch, wenn man es realistisch betrachtete. Demzufolge war er auch so freundlich, nicht nachzufragen. Erstaunlich. Irren sollte man ja nicht widersprechen…

„Und wer macht dann den zweiten Mann bei den Messungen? Sie etwa?“ fragte Kunibert mäßig begeistert.

„Wenn’s sein muss!“ erwiderte Cedric, obwohl ihm bei dem Gedanken graute. Aber alles war besser, als dass hier ein ganzer Trupp einfiel. Und notfalls… er konnte laufen, bis zum Haus würde reichen… und er kannte hier jedes Versteck…

„Mmm… ungern. Aber ich will Ihnen hier auch nichts aufnötigen, das sich nicht auch verhindern lässt. Meinetwegen. Aber es wird dann halt länger dauern“, erklärte sich Kunibert einverstanden. Die Bienen umsurrten ihn, diese Verräter. Hielten ihn wahrscheinlich für eine dicke, fette Sonnenblume.

Diese Vorstellung erfreute Cedric auch nicht gerade. Aber er hatte die Wahl zwischen zwei Übeln und dieses war das geringere. Trotzdem saß es ihm eisig im Nacken. Dieser Typ da… dieser baumlange Kerl, der aussah, als könne er Menhire schleppen wie Obelix, würde hier rumhängen. Ständig. Bis er endlich fertig war. Schon allein diese Oberarme, oh Graus, wenn der ihn festhielt…! Aus solange mit der Ruhe. Stattdessen der da. Oh Gott… Warum konnte es nicht zumindest eine Frau sein! Oder ein klapperiger Greis, bei dem selbst Viagra nichts mehr brachte!

Sie hatten ja ewig an ihm rumtherapiert. Aber es hatte einfach gar nichts gebracht, kein Stück. Es gab nur noch diesen Ort. Und selbst da ließ man ihn nicht in Ruhe, weil so ein dämlicher Pseudo-Barbar ihn partout der Wissenschaft opfern wollte! Der hatte ja keine Ahnung, was er ihm damit antat!

Aber eines wusste er: Es brachte gar nichts, das nicht verdient zu haben.

Irgendwie würde er das schon überleben. Und wenn nicht, neben seinem Opa war ja noch Platz.

Aber das wollte er nicht! Es ging ihm gut, solange man ihn in Frieden ließ! Aber dieser Drecks-Kunibert tat das einfach nicht!

Er konnte es ihm nicht mal sagen, warum das so schrecklich war. Zum einen wollte er es um nichts in der Welt verbalisieren müssen, zum anderen wollte er nicht, dass irgendwer es wusste. Das ging einfach nicht. Sonst wäre es noch mehr… da. Außerdem dürfte es dieses Arschloch auch nicht die Bohne scheren, der würde wahrscheinlich denken, dass er genau das bekommen hatte, das er verdiente. Wie so viele. Zudem hatte er es ja auch provoziert, irgendwie, auch wenn die Therapeuten etwas anderes behauptet hatten. Aber, wie gesagt: das half nichts, solange es sich so falsch anfühlte.

Schadensbegrenzung… Er musste Schadensbegrenzung betreiben.

„Okay. Ich packe bei den Messungen mit an. Abgesehen davon gilt: Sie bleiben mir vom Leibe. Sprechen mich nicht an. Und halten sich vom Haus fern. Um fünf Uhr nachmittags sind Sie hier verschwunden!“ stellte er tief atmend klar. Dann hätte er wenigstens noch ein wenig Zeit auf dem Feld für sich, bevor die Sonne unterging…

Kunibert nickte, dass sich seine hinters Ohr geklemmten Strähnen lösten. „In Ordnung… wie Sie wollen. Kann ich Sie irgendwie erreichen, um die Termine abzusprechen?“

„Legen Sie am Tag davor einen Zettel unter die Steine da drüben. Ich werde da sein“, orderte Cedric. Er wollte nicht angerufen werden, niemand hatte seine Nummer. Wenn, dann rief er an. Wenn man etwas von ihm wollte, dann musste man ihm schreiben. Die allwöchentlichen Briefe seiner Eltern öffnete er nie. Er nahm sie aus dem Kasten und legte sie in die Schublade im Arbeitszimmer. Jeden Montag kamen sie, seit zwei Jahren, seit er hier war. Er hatte ihnen nie geschrieben, obwohl er wusste, wie weh es ihnen tat, bis auf das eine Mal, als er ihnen mitgeteilt hatte, dass er sie nicht sehen wolle. Er konnte nicht. Am Anfang hatte auch Etienne noch geschrieben. Auch diese Briefe lagen ungelesen in der Schublade. Aber Etienne schrieb schon lange nicht mehr, ein Wunder, dass er es überhaupt ein paar Mal noch versucht hatte. Aber mit ihm war nichts mehr anzufangen. Cedric, sein Freund, Geliebter, Spielgefährte, existierte nicht mehr, wer also hätte antworten können?

„Okay… dann, danke?“ erwiderte Kunibert. Komischer Kerl. Musste ganz versessen darauf sein, den Steinen ihre Geheimnisse zu entlocken. Herzerfrischend naiv und ekelerregend optimistisch, da halfen auch keine akademischen Würden. Die größten Idioten waren die Fachidioten, die im Unwichtigen Wichtiges sehen wollten. Aber eigentlich war es egal. Wenn es nichts Wichtiges gab, dann gab es wahrscheinlich auch nichts Unwichtiges. Die Steine schwiegen, gerade das war ihre wahre Qualität. Dumm nur, dass Kunibert seinen Blödsinn ausgerechnet hier verüben musste. Ihn dazu zwingen. Der Gedanke verursachte ihm Übelkeit. Aber immerhin ließ sich erkennen, dass der dusselige Deutsche ihm sein Leben eigentlich nicht mehr vermiesen wollte als unbedingt nötig. Dankbarkeit stellte sich bei Cedric deswegen aber noch lange nicht ein.

Hauptsache, das ganze ging schnell über die Bühne.

…………………………………………………………………………………………………

Nachdem er das Wesentliche geklärt hatte, verschwand Cedric einfach grußlos zwischen den Steinen und entfernte sich in Richtung des Hauses, in dem er wohl residierte und das für Kunibert tabu sein sollte.

Er konnte es aus Entfernung sehen an der südlichen Grenze des Feldes am Waldrand, ein typisches bretonisches Haus aus grauen Feldsteinen, das Touristen als besonders romantisch angepriesen werden würde. Es war ziemlich groß, viel zu groß für eine Person, und war von einer übermannshohen Mauer umgeben, auf der eingelassene Glassplitter funkelten. Das Ganze sah eher aus wie eine Festung als wie ein Wohnhaus. War es wahrscheinlich auch, so wie Cedric sich verhielt.

Hatte der einen Verfolgungswahn? So etwas in der Richtung musste es wohl sein. Komischer Kauz, irgendwie aggressiv und ängstlich zugleich. Und dann dieses merkwürdige Äußere wie eine Gestalt aus einem surrealistischen Gemälde – aber auch dort hielt der Wahnsinn gern Hof.

Nun gut, das könnte recht interessant werden mit dem… Hoffentlich packte er mit an, obwohl er das offensichtlich nur tat, um sich noch mehr Leute vom Halse zu halten. Wahrscheinlich noch eine Psychose. Oder ein Trauma? Er war kein Nervenarzt, hoffentlich bekam der nicht irgendwann einen Anfall und schlachtete ihn ab. Er musste das ja nicht tun, er hatte ja die Genehmigung… Aber wenn der andere psychisch krank war, wäre es nicht recht, sein Leiden noch zu verschlimmern, indem man auf seinen Ängsten herum hämmerte. Zum einen erledigte er solche Sachen, auch die Vermessungsarbeit, die Fotos, eigentlich auch lieber selber, auch wenn er kein Profi war. Aber so lernte er, verstand jeden Schritt, entdeckte Zusammenhänge… Zum anderen hatte er es nicht sonderlich eilig, nach Hause zu kommen. Der Haussegen hing richtig schief. Jakob und er zickten sich nur noch an, außerdem wurde er den Verdacht nicht los, dass sein Herzallerliebster krumme Touren hinter seinem Rücken machte. Sie hatten sich für eine monogame Beziehung entschieden, waren verliebt gewesen… lang, lang war’s her. Aber ihn zu bescheißen mit dem Risiko, ihn obendrein mit allem Möglichen zu infizieren… Jakob leugnete vehement. Aber was bitteschön sollte er denken, wenn er plötzlich einen Typen am Telefon hatte, von dem er noch nie gehört hatte, der ihn aber für Jakob hielt und ihm erzählte, dass er „Dich geiles Stück Dreck noch einmal richtig fertig machen“ wolle? Das war nicht gerade vertrauenserweckend gewesen. Wenn Jakob immerhin geständig wäre! Aber vielleicht lag er trotzdem falsch… Konnte ja auch ein Missverständnis sein, eventuell tat er ja Jakob unrecht und wurde einfach nur schleichend paranoid. Aber diese Abende, an denen Jakob angeblich Überstunden in der Bank geschoben hatte, was er zuvor nie getan hatte… wie in einem schlechten Film. Dieser Handabdruck auf Jakobs Hintern war auch etwas befremdlich gewesen… Und warum hatte er Kondome in der Hosentasche…? Nee… der verscheißerte ihn. Dieser Drecksack. Er war auch gefahren, um sich über diese Sache in Ruhe klar zu werden. Liebte er Jakob noch? Er wusste es einfach nicht. Und das war kein gutes Zeichen. Die Märchen-Liebe war es sowieso nie gewesen, aber die gab es auch nur für Teenager, da waren sie sich einig gewesen. Aber sie waren auf einer Wellenlänge, hatten ähnliche Vorstellungen von der Welt und vom Leben, konnten wirklich Spaß miteinander haben… Es war nicht das Schlechteste, sein Leben mit so jemand zu teilen, gerade am Anfang war er da schon ziemlich euphorisch gewesen. Aber so? Wenn das Vertrauen ziemliche Risse bekam? Wollte er das? Einfach wegzulaufen wäre doch auch feige… Ließ sich das noch kitten? Warum rückte Jakob nicht mit der Sprache raus?!

Vielleicht bekam er hier zwischen den Menhiren einen klaren Kopf.

Mit dieser irren Pusteblume als Assistent.

Das konnte ja heiter werden.