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Deep Silent Complete

von Saekki
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
Hotsuma Renjou Shusei Usui
23.05.2011
08.06.2011
18
30.662
4
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23.05.2011 1.925
 
Trigger Warning: Suizid

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Unermüdlich trommelte der Regen gegen die Fensterscheibe und man hörte den Wind um das Haus heulen. Ein voller Mond versteckte sich hinter der dunklen Wolkenwand und kam nur ab und an zum Vorschein, beinahe beschützerisch, um zu sehen, ob die Welt noch da war.
Shusei saß auf dem kalten Boden vor Hotsumas Bett, er hatte die Knie angewinkelt und seine Arme auf diese gelegt, die Hände ineinander verschränkt.
Er konnte nicht schlafen, er hatte es unzählige Male versucht, war aber jedes Mal gescheitert. Um wenigstens seinen Freund nicht durch sein ständiges Umdrehen zu wecken, hatte er es sich nun auf dem Boden bequem gemacht und sein leerer Blick war ziellos in den Raum gerichtet.
Es war nicht so, dass Shusei nicht wusste, was ihn vom schlafen abhielt, das war nicht schwer zu erraten.
Noch immer hörte er die Stimme seines Vaters in seinem Kopf. Umbringen.
Eine Welle der Wut überflutete den Braunhaarigen und er ballte seine Hände zu Fäusten, bis seine Knöchel weiß hervorstanden.
Es war, als hätte dieser Satz seine gesamte Hoffnung, sein Leben zerstört. Er konnte an nichts anderes denken, da half auch alle Beschwichtigung seitens Hotsumas nichts. Shusei konnte sowieso nicht verstehen, wie sein Freund so ruhig bleiben konnte, schließlich betraf es ihn ja genauso. Vielleicht wahrte er aber auch einfach nur den Schein und versuchte stark zu sein. So wie immer.
Shusei vergrub seinen Kopf in seinen Händen und schloss seine Augen.
Es gab keinen Weg mehr heraus. Alle Wege waren versperrt, alle geheimen Türen verriegelt. Er war gefangen, gefangen in dem Käfig namens Leben. Es war eingesperrt worden, der Schlüssel schien in unerreichbarer Nähe zu sein und alle Hoffnung verloren.
Shusei ignorierte die Tränen, die ihm plötzlich über die Wangen liefen. Es hatte alles keinen Sinn mehr. Sein Inneres hatte sich zu einem riesigen Knäuel zusammengezogen, dass die Kräfte aus seinem Körper sog und ihn unendlich müde werden ließ. Zu müde, um gegen all diese Probleme anzukämpfen. Er fühlte sich als Last. Er war eine Last. Für sich selbst, für seine Eltern, für Hotsuma. Es tat ihm nicht einmal für sich selbst leid, nur für Hotsuma. Er konnte das Hotsuma nicht länger antun, dass würde er nicht mehr lange ertragen können, Shusei wusste das.
Er musste dem Ganzen ein Ende setzen. Dieser Entschluss stand ihm auf einmal so klar wie sonst nie zuvor vor Augen und langsam richtete er sich auf.
Er drehte sich zu dem schlafenden Hotsuma herum und fuhr mit seiner Hand vorsichtig über dessen Gesicht.
Er sah so friedlich aus, wenn er schlief, so unbekümmert. So sollte es sein, dass war es, was Hotsuma verdient hatte.
„Ich werde dich von diesem ganzen Leid befreien.“, flüsterte er gegen die Lippen den Blonden und küsste ihm kaum merklich.
Ein letztes Mal verweilte sein Blick noch auf der Person, die Shusei über alles in der Welt liebte, die erste und einzige Liebe seines Lebens. Das Einzige, was ihn jemals glücklich gemacht hatte.
Mit nassen Augen öffnete er leise die Tür und huschte vorsichtig auf den dunklen Flur.

Das grelle Licht des Badezimmers schmerzte Shusei in seinen geröteten Augen und nur langsam gewöhnte er sich daran. So leise wie möglich machte er sich daran, die Schränke zu durchsuchen und nach nicht allzu langer Zeit wurde er auch fündig.
Mit seiner Beute in der Hand schlich er in die Küche und fand auf dem kleinen Esstisch auch direkt das, was er suchte. Es war, als wollte ihm das Schicksal helfen.
Schwerfällig ließ sich der Braunhaarige auf den kalten gefliesten Boden sinken und öffnete mit leicht zittrigen Händen die Schachtel mit den Schlaftabletten, die er aus dem Badezimmer hatte mitgehen lassen. Er nahm zehn Stück in seine Hand und atmete tief aus.
Das hier war sein einziger Versuch, Hotsumas Leiden ein Ende zu machen. Er musste es richtig machen.
Shusei bemerkte, wie seine Hand zu zittern begann und ein Kloß bildete sich in seinem Hals.
Ja, er hatte Angst vor dem was kommen sollte. Oder besser gesagt, vor dem was enden würde.
Ja, er war sich nicht sicher, ob er den Mut dazu hätte.
Ja, er wusste, dass Hotsuma auch darunter leiden würde.
Aber er wusste auch, dass dieses Leid verfliegen würde, nach einiger Zeit. Hotsumas Seele würde sich beruhigen, ihn vergessen und anfangen zu leben. Ein friedliches Leben, was mit ihm, Shusei, nicht möglich wäre.
Ohne weiter nachzudenken nahm er die Tabletten in den Mund und kippte den Rotwein rasch hinterher.
Ein wenig atemlos setzte er die Flasche wieder ab und realisierte jetzt zum ersten Mal in dieser Nacht sein schnell pochendes Herz. In dieser Nacht, die seine Letzte sein würde.
Dieses Gefühl, zu wissen zu sterben, das war etwas Neues für Shusei und er wusste nicht wie er damit umgehen sollte. Seine darauf folgende Tränenflut versuchte er mit noch mehr Rotwein zu ertränken und tatsächlich, als die Flasche keinen einzigen Tropfen mehr hergab waren auch seine Tränen versiegt und seine Augen fühlten sich schmerzhaft geschwollen an.
Nun saß er hier, alleine und frierend auf dem Küchenboden seines Freundes und wartete auf seinen Tod. Noch spürte er keine Wirkung der Tabletten oder des Alkohols und er wusste nicht warum, aber es beunruhigte ihn.
Was, wenn es nicht funktionieren würde? Was, wenn selbst der Tod ihn nicht wollte? Hatte er dann überhaupt ein Recht auf das Leben? Alles was er brachte war Leid und Verzweiflung, sowohl sich als auch denen, die er liebte.
Ein leises Lachen entwich der, komischerweise, trockenen Kehle des Braunhaarigen.
Er war einfach erbärmlich, mehr nicht.
Schlagartig erstarb sein Lachen, als sein Magen sich schmerzhaft zusammenzog.
Das war es also, der Anfang vom Ende.
Obwohl, hatte es nicht schon lange vorher angefangen? War sein Ende nicht schon geschrieben worden, als er Hotsuma das erste Mal gesehen hatte? Seine blonden Haare waren ihm gleich aufgefallen und immer war er von einer Horde Mädchen umkreist worden. Zumindest während der Mittelschule. Danach hatte er ihnen klargemacht, dass sie ihn in Ruhe lassen sollten. Wieder zierte ein Lächeln das Gesicht von Shusei und für einen Moment ließ ihn die Erinnerung die Schmerzen vergessen.
Er hatte es wegen ihm getan, wegen Shusei. Weil er immer so verdammt eifersüchtig wurde. Deswegen hatte Hotsuma sich bei allen Mädchen unbeliebt gemacht und das hatte sich bis zur Uni nicht geändert, sein Ruf war ihm vorausgeeilt. Und Shusei war ihm unendlich dankbar dafür gewesen.
Ein stechender Schmerz fuhr durch Shuseis Kopf und leise stöhnte er auf. Er hatte nicht damit gerechnet, dass es so schmerzhaft werden würde.
Vorsichtig versuchte er aufzustehen und wollte sich auf die Couch begeben, doch die Sicht vor seinen Augen wurde schummrig, er stolperte über seine eigenen Füße und fiel der Länge nach mit einem dumpfen Knall auf den Boden und blieb dort liegen.
Es war ihm gleich, sollte er doch einfach hier und jetzt sterben, dann wäre es vorbei.
Die Sicht Shuseis blieb verwischt und die Krämpfe in seinem Magen nahmen zu. Langsam spürte er auch eine ziehenden Müdigkeit in seinem Körper herauf kriechen, es begann an seinen Füßen und das taube Gefühl kam ihm fremd und unbekannt vor.
Jetzt, wo er die Wirkung seiner Tat langsam spürte, keimte der Wunsch in ihm hoch, doch noch ein letztes Mal Hotsumas Gesicht zu sehen. Nur noch ein letztes Mal …
„Shusei!“
Verwirrt blinzelte der Braunhaarige und er merkte kaum, wie er auf den Rücken bedreht wurde und sein Kopf auf einmal weicher lag, als der Rest seines Körpers.
„Shusei!“, und abermals hörte er seinen Namen, auch wenn die Stimme nur dumpf an sein Ohr drang, er erkannte sie.
Und tatsächlich, er sah die Umrisse Hotsumas, doch sein Gesicht blieb verschwommen. Wie durch eine dicke Nebelwand.
„Shusei, was zur Hölle machst du hier?“, die Stimme schien besorgt zu sein, mehr konnte er nicht ausmachen.
„Was machst du hier? … Du solltest schlafen …“, Shuseis Zunge fühlte sich schwer und dick an, wie ein Fremdkörper in seinem Mund.
„Was redest du da für einen Unsinn? Hör mir genau zu, Shusei, hast du diese Tabletten dort genommen?“
„Den Wein hab ich auch getrunken …“
Ein harter Schlag riss den Braunhaarigen für wenige Sekunden aus seinem Delirium und er erkannte das Gesicht seines Freundes über sich. Die nackte Panik stand darin geschrieben und sein Herz zog sich synchron mit seinem Magen zusammen. Die Augen des Blonden waren weit aufgerissen und Shusei glaubte zu sehen, wie er zitterte. Und schon wieder hatte er Hotsuma leiden lassen.
„Bist du bescheuert, willst du dich umbringen, du Vollidiot?!“, Hotsumas Stimme war unglaublich schrill geworden und schon verschwamm das klare Bild auch schon wieder.
„Ja … bitte Hotsuma, lass mich gehen … dann bist du mich endlich los … mich, deine größte Last …“
„Was redest du denn da? Was soll der Scheiß, Shusei?“, der Braunhaarige spürte wie er hastig geschüttelt wurde, es fühlte sich dennoch an, als würde er in Watte fallen.
„Es macht keinen Sinn … mehr … Hotsuma, ich liebe dich … deswegen muss ich sterben, damit du … glücklich werden kannst …“
„Was …?! Wie kann ich ohne dich glücklich sein? Shusei, bist du denn vollkommen übergeschnappt? Okay, du bist nicht mehr beisammen, lass uns schnell ins Krankenhaus fahren …“
„Nein … es ist vorbei … ich will das nicht mehr … ich ertrage es nicht, dich länger leiden zu sehen …“, warme Rinnsäle benetzten Shuseis Wangen, doch er spürte sie kaum noch.
„Und du denkst, wenn du stirbst leide ich nicht?! Shusei, du bist mein Leben, ich kann ohne dich nicht leben! Ich kann es einfach nicht …“, ein heftiges Schluchzen erfüllte den Raum.
„Du musst, für uns beide, für unsere Liebe … die in dieser Welt keine Chance hatte … für uns …“
„Nein! Nicht ohne dich! Eher sterbe ich mit dir!“, schlagartig lag der Kopf des Braunhaarigen wieder auf einem harten Untergrund.
Shuseis Gedanken waren wie eine zähe Brühe, die kaum zu durchsehen war. Die Geräusche die er hörte, klangen unglaublich weit entfernt und er begriff nicht die Worte seines Freundes.
„Hotsuma?“, leise rief er den Namen des Blonden.
Wenige Sekunden später hörte er einen Fluch, er war sich nicht sicher, aber es hörte sich an wie einer und kurz darauf erschien wieder die verschwommene Gestalt seines Freundes über ihm.
„Was .. hast du gemacht?“, das Sprechen fiel dem Braunhaarigen immer schwerer.
„Ich werde nicht allein in dieser Welt bleiben, ohne dich! Shusei, ich folge dir überall hin.“
„Genau das … wollte ich verhindern.“, Shusei glaubte ein rotes Band um das Handgelenk seines Freundes zu erkennen, er glaubte zu verstehen, was er getan hatte.
„Nimm mich … in den Arm.“, flüsterte Shusei und keine Sekunde später spürte er den festen Griff und er roch den wohlbekannten Geruch, den er so liebte.
„Ich hoffe … du bereust es nicht …“
„Shusei, ohne dich will ich das hier nicht! Wie kannst du glauben, dass ich jemals ohne dich glücklich werden würde …“
Der Braunhaarige versucht ein entschuldigendes Nicken.
„Wie fühlt es sich … an?“
„Es tut weh, aber ich fühle mich irgendwie … erleichtert.“, murmelte Hotsuma an Shuseis Ohr.
„Nicht wahr …“
Beide jungen Männer lagen auf dem weißen Boden, der Blonde hatte den anderen fest umschlungen, jener lag nur bewegungslos in dessen Armen und eine kleine rote Lache machte sich auf dem unbefleckten Boden breit.
„Shusei?“
„Mhh?“
„Ich liebe dich.“
Der Braunhaarige nahm noch mal all seine Kraft zusammen, kämpfte gegen die bleierne Schwere in seinem gesamten Körper an und schaffte es ein klares Bild des Blonden zuerkennen.
„Ich liebe dich auch, Hotsuma … mehr als mein eigenes Leben.“, er spürte, wie Angesprochener ihn zaghaft küsste und unter dem letzten Kraftaufwand erwiderte er diesen.
„Hotsuma?“
„Mhh?“
„Lass uns auf der anderen Seite glücklicher werden …“
Eine bedrückende Schwärze nahm dem Braunhaarigen die Sicht und das Letzte, was er spürte, war der rasende Herzschlag des Blonden an seinem Ohr.
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