Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Pferdeknecht Prinzessin Runo - das Schicksal meint es gut mit ihr

Kurzbeschreibung
GeschichteAbenteuer, Liebesgeschichte / P12 / Gen
Alice Gehabich Daniel "Dan" Kuso Marucho Marukuro Runo Misaki Shun Kazami
14.05.2011
22.01.2012
22
23.486
 
Alle Kapitel
34 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
14.05.2011 1.713
 
Madame Mira Minotte war wie der Teufel zurückgefahren. Natürlich fuhr sie nicht mehr zu Freunden. Sie hatte das überhaupt nie vorgehabt. Ihre Absicht war nur gewesen, diese beiden jungen Menschen, die sie zufällig in Arles gesehen hatte, zu trennen. Sie hatte ihnen und sich selbst beweisen wollen, welchen Einfluss sie bereits über den jungen Mann besass und zwar nicht nur als Chefin, Und sie musst sich eingestehen, dass sie eine jämmerlichen Reinfall erlitten hatte.

Dieser Bursche hatte sie doch einfach abgekanzelt wie ein junges, dummes Ding. Er hatte sie weder als Chefin noch als Frau, die ihm doch so vieles zu bieten hatte, respektiert. Und mehr als das. Er hatte sich offen zu diesem Mädchen  bekannt, hatte sich schützend vor sie gestellt, und das war wirklich mehr, als Madame hinzunehmen bereit war. In ihrem Zorn hatte sie beschlossen, beide vor die Tür zu setzen. Sie wollte sie nicht mehr sehen auf St. Clement, sie sollten sich zum Teufel scheren. Doch je länger die Fahrt dauerte, um so mehr legte sich ihre Aufregung und um so nachdenklicher wurde sie auch. Und dabei stellte sie fast widerwillig fest, dass ihr dieser Dan in seiner unverschämten Art doch ungeheuer imponiert hatte.

Es war keineswegs so, dass sie bereit war seine Haltung zu verstehen und zu verzeihen, nein, die Entrüstung blieb. Anderseits hatte ihr dieser gutaussehende Bursche von Anfang an gefallen. Er reizte sie um so mehr, je länger und je besser sie ihn kennenlernte. Nun hatte sie noch eine neue Seite an ihm entdeckt. Sie hatte erkannt, dass sich dieser Mann, der als Pferdknecht zu ihr kam, ganz ausgezeichnet und mit erstaunlicher Selbstsicherheit zu benehmen gewusst. Das war ihr zwar nahezu unbegreiflich, ließ sich aber womöglich mit einer natürlichen Veranlagung erklären. Denn wo sollte er es gelernt haben? Das machte ihn in ihren Augen noch interessanter.

Sie wusste nun, dass sie sich mit ihm überall, würde sehen lassen können. Nicht nur seines blendenden Aussehens wegen, sie brauchte gewiss auch nie Angst zu haben, dass er sich daneben benehmen und sie damit blamieren könnte.

Madame Mira Minotte war zwar von Dan Kuso gerade gedemütigt worden – jedenfalls empfand sie es so – aber ihr Wunsch, diesen Mann ganz an sich zu binden, war dadurch eher noch gesteigert worden. Madame war ganz besessen von dieser Idee. Und sie war fest entschlossen, dieses Ziel zu erreichen. Leier war ihr dieses Mädchen dabei im Weg, dieses so verteufelt hübsche Mädchen. Die Gutsherrin beschloss, Runo zu entlassen. Auf der Stelle. Allerdings ärgerte sie sich nun auch ein wenig über sich selbst. Sie hatte sich wohl wirklich etwas ungeschickt benommen diesen beiden gegenüber. Ihr Zorn und vielleicht auch ihre Eifersucht hatte sie sich allzu deutlich anmerken lassen. Also würde sie nun nicht den Fehler machen, Runo selbst fortzuschicken, das sollte der Verwalter tun, Er hatte sie ja auch angestellt.

In diesem Zusammenhang wurde es ihr auch bewusst, dass sie den Verwalter in der letzten Zeit sehr vernachlässigt hatte. Das tat ihr nicht leid, sie war seiner ihn ohnehin überdrüssig gewesen. Nun war er als Verwalter immerhin sehr tüchtig. Sie brauchte ihn. Jedenfalls vorerst noch. Später, wenn erst Dan … Doch soweit wollte sie jetzt noch nicht denken. Das erschien auch ihr verfrüht. Jedenfalls konnte sie Ace Grenelle jetzt noch nicht verlieren.

Also bestellte sie ihn zu sich kaum dass sie zu Hause angelangt war und lud ihn ein, mit ihr eine Flasche Wein zu trinken.

Ace Grenelle erschien sofort. Er machte gar nicht den versuch, seine Freude über diese Aufforderung zu verbergen.

„Wie schön, Mira, dass ich dich wieder an unsere früheren gemütlichen Abende erinnert hast“, sagte er strahlend. „Ich habe sie sehr vermisst.“
„Wie nett“, antwortete Madame mit sparsamen Lächeln. „Dein Anhänglichkeit ist rührend.“
„Nun“, meinte der Verwalter pikiert, „ich würde es lieber sehen, wenn du es anders nennen würdest als Anhänglichkeit, aber ich bin ja recht bescheiden geworden. Ich darf wieder in deiner Nähe sein, Mira, und das ist schon viel.“
Er näherte sich ihr, wollte sie küssen, doch Madame wandte den Kopf ab. „Nicht jetzt“, sagte sie, „ später.“

Sie hatte Mühe, einen gewissen Widerwillen zu unterdrücken, denn sie durchschaute den Mann sehr genau. Sie kannte schlieslich seinen Stolz, seine Herrschsucht und sie könnte sehr genau abschätzen, was es für ihn bedeuten musste, sich ihr gegenüber so klein, so demütig zu geben. In Wahrheit war er ganz gewiss wütend und voller Zorn, weil sie ihn in letzter Zeit nicht nur vernachlässigt, sondern auch ihm auch einen so jüngeren Mann vorgezogen hatte.

Aber Ace Grenelle sagte nicht, wie ihm zumute war. Er machte ihr keine Szene. Er schluckte, so schwer es ihm wohl auch fallen musste, allen Groll hinunter und das geschah gewiss nicht aus Liebe zu ihr. Darüber war Mira Minotte sich klar. Zwar reizte sie ihn und er begehrte sie wohl auch, aber wesentlich wichtiger war für Ace Grenelle das Gut. Er wollte sie heiraten, lieber heute als morgen. Weniger, um ihr Ehemann zu sein, sondern um endlich herr auf St. Clement zu werden. Das war seine Triebfeder. Mira wusste es ganz genau. Nur aus diesem Grund ballte er herrische Ace Grenelle immer wieder die Fäuste in der Tasche, wenn sie ihn kränkte. Sein ehrgeiziges Ziel war ihm wichtiger als sein Stolz. Madame Minotte lächelte geringschätzig, er würde sein Ziel nie erreichen.

Im Augenblick war er immerhin recht nützlich. Sie tranken Wein und plauderte  miteinander. Mit keinem Wort erwähnte Madame die Szene, die sie heute in Arles erlebt hatte und die sie so masslos erregte. Sie war sich durchaus bewusst, dass sie dabei eine schlechte Rolle gespielt hatte. Dennoch! Letzteres Endes würde sie die Siegerin bleiben.

Während die Flasche Wein bereits zur Neige ging und Ace Grenelle persönlich werden wollte, lenkte sie geschickt das Gespräch auf die Belange des Gutes. Und dann dauerte es auch gar nicht lange, bis sie da war, wohin sie eigentlich wollte. „Du hast mir nie gesagt“, meinte sie wie beiläufig, „warum du die Pferdemagd eingestellt hast. Runo heisst sie, glaub ich. Für diese Einstellung bestand nicht der geringste Anlass, denn wir haben schliesslich Leute genug.“

Das Thema war dem Verwalter außerordentlich peinlich, denn er wusste natürlich, dass die Gutsherrin recht hatte mit ihrem Einwand. Anderseits konnte er ihr natürlich nicht eingestehen, dass Runo nicht  nur keinen Arbeitslohn verlangte, sondern dass sie ihn selbst großzügig bezahlte, um überhaupt auf dem gut arbeiten zu können. Und das war für ihn eine leichte verdiente, nicht zu verachtende Nebeneinnahme. Solange er sich diese Nebeneinnahme erhalten wollte, waren ihm die Hände gebunden. Er konnte also nicht sagen, aus welchem Grund die geheimnisvolle Runo wirklich nach St. Clement gekommen war, wie er der Chefin ja auch noch nicht von seiner Entdeckung verraten hatte, dass er Dan Kuso für einen skrupellosen Betrüger und Hochstapler hielt.

Zwar gab dieser Mensch sich hier nicht als Prinz aus, dazu hatte er wohl zweifellos seine Gründe. Aber er hatte es bestimmt schon getan oder er plante etwas. Jedenfalls war es ja bezeichnend, dass der Fürst zu Mont-Barein ganz offensichtlich Interesse an diesem Fall bewies. Denn er, der Verwalter Ace Grenelle, war für seine bisherigen Diskretion nicht nur fürstlich bezahlt worden, jetzt hatte man ja auch diese Runo geschickt. Grenelle hätte zu gern gewusst, was das Mädchen bereits herausgefunden hatte. Er hatte schon mehrfach versucht, Runo auszuhorchen, ohne allerdings das
Geringste zu erfahren.

„Mir gefällt das Mädchen nicht“, sagte Madame Mira in seine Gedanken hinein. „Ich will, dass du sie fortschickst. Gleich morgen schon. Zahle ihr von mir aus einen doppelten Lohn aus, aber sorge dafür, dass sie geht.“

„Aber bitte, Mira!“ Damit hatte der Verwalter nicht gerechnet. Der Wunsch seiner Chefin brachte ihn in arge Verlegenheit. „Was hast du denn gegen das Mädchen?“ fragte er. „Sie ist wirklich fleissig und anständig, und es sind bisher keine Klagen über sie gekommen.“

„Genügt es denn nicht, dass ich mich über sie beklage?“ fragte Madame. Der Ärger des Nachmittags stieg wieder in ihr hoch und sie sagte heftig: „Welch ein Unsinn, ein Mädchen für eine Stallarbeit einzustellen. Sie verdreht den Männern ja nur den Kopf und dann gibt es Unruhe und Aufsässigkeit. Das kann ich nicht dulden in meinem Betrieb. So ein junges, hübsches Ding soll den Leuten, die für mich arbeiten, nicht Unruhe ins Haus bringen. Also muss sie fort und zwar sofort.“

Da hatte auch Ace Grenelle begriffen. Alle Hoffnungen, die er sich an diesem Abend bereits wieder gemacht hatte, stützten wie ein Kartenhaus zusammen. Das war es also! Das war der Grund gewesen! Madame war eifersüchtig auf die junge, hübsche Stallmagd. Jedenfalls musste sie Runo dafür halten, während er, der Verwalter, in ihr eine getarnte Detektivin sah. Und weil die Gutsherrin ein Auge auf den Stallknecht geworfen hatte, musste das Mädchen verschwinden, das jünger und wesentlich hübscher war als sie.

Grenelle begriff in diesem Augeblick auch noch etwas anderes, dass er nämlich wirklich keine Chance bei Madame mehr hatte. Sie hatte sich diesen jungen Burschen in den Kopf gesetzt und ob sie ich  nun bekam oder nicht, er, Ace Grenelle, hatte jedenfalls bei ihr ausgespielt. Und wenn das so war, brauchte er sich auch keinen Zwang mehr aufzuerlegen. Dann brauchte er die Gemeinheiten und Bosheiten nicht mehr wortlos zu schlucken. Endlich konnte er wieder er selbst sein.

„Seit fürchtest du die Konkurrenz, meine Liebe?“ sagte er mit so deutlichem Spott, dass Mira ihn verblüfft ansah.
„In welchem Ton redest du denn mit mir?“ fragte sie, mehr verwundert als empört.
„Ich denke, das ist der Ton, den du am besten verstehst“, antwortete Ace Grenelle gleichmütig und zündete sich eine Zigarre an, ohne die Chefin um Erlaubnis zu fragen.

Auch das war etwas, was er vorher nie getan hatte. Er paffte genüsslich und sagte dann: „Hat dein junger Held noch nicht angebissen, meine Liebe? Musst du fürchten, dass das Stallmädchen dir den Rang abläuft? Wie peinlich für dich und wie beschämend. Da hast du nicht nur deine ganze Schönheit sondern auch das Gut in die Waagschale geworfen und zu leicht befunden? So ein junges, frisches Mädchen hat dich ausstechen können? Arme Mira, wie sehr muss das deinen Stolz  getroffen haben. Aber jetzt siehst du einmal, wie so etwas ist, wie weh das tun kann. Könnte ja sein, dass eine solche Erfahrung eine heilsame Lehre für dich sein wird. Wenn ich dir dabei behilflich sein kann, du weißt, auf mich kannst du dich verlassen.“
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast