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Pferdeknecht Prinzessin Runo - das Schicksal meint es gut mit ihr

Kurzbeschreibung
GeschichteAbenteuer, Liebesgeschichte / P12 / Gen
Alice Gehabich Daniel "Dan" Kuso Marucho Marukuro Runo Misaki Shun Kazami
14.05.2011
22.01.2012
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14.05.2011 1.859
 
Prinzessin Runo arbeitete also nun auch auf Gut St. Clement. Sie tat es mit Freude. Sie war genau wie Prinz Daniel, gleichfalls mit Pferden aufgewachsen. Die Arbeit im Stall war für sie wirklich nichts Neues, wenngleich sie die als Prinzessin stets nur zum Zeitvertreib verrichtet hatte.

Sie stellte ausgesprochen geschickt und willig an. Nichts war ihr zu viel oder zu schmutzig und durch ihr heiteres, fröhliches Wesen gewann sie überall Freunde. Zu diesen Freunden zählte selbstverständlich und in erster Linie Dan.

Ihm hatte das Mädchen ja auf Anhieb gefallen. Von Tag zu Tag gefiel es ihm besser. Runo schien wirklich ein patenter Kerl zu sein, wie er ihn sich als Lebenskameradin erträumt hatte. Sein Vater hatte ihn mit einer Prinzessin verheiraten wollen, einem Zierpüppchen! Mehr als je war Daniel nun überzeugt davon, richtig gehandelt zu haben, in dem er dieser Verbindung aus dem Weg gegangen war. Doch damals, als er diesen Entschluss fasste, hatte er eigentlich nur gewusst, was er nicht wollte: Er wollte keine verzärtelte Prinzessin. Heute wusste er sehr genau, was er wollte: Eine Frau wie Runo.

Doch ganz so weit dachte Prinz Daniel im Augenblick nicht nicht, er genoss vielmehr die Gegenwart. Dieses sorgloses, unkomplizierte Leben, welches er im Dienst anderer Leute führen konnte. Und er war eigentlich so fröhlich wie nie zuvor.
Doch es zogen bereits dunkle Wolken auf. Der Prinz hätte sie eigentlich kommen sehen müssen. Es handelte sich um Eifersucht und die gekränkte Eitelkeit von Madame,

Noch immer begleitete Daniel die Gutsherrin bei ihren allmorgendlichen Ausritten. Aber es machte ihm längst nicht mehr so viel Spass wie in der ersten Zeit. Allmählich wurde ihm das so unverhüllt gezeigt. Interesse von Mira lästig, fast unerträglich.

Madame Minotte hatte nämlich doch nicht sofort den Verwalter Runo wegen zur Rede gestellt, wie sie es ursprünglich in ihrem ersten Ärger vorgehabt hatte, als sie die hübsche Runo auf dem Hut sah. Sie hatte stattdessen eingesehen, dass ein solcher Schritt unklug war. Madame war jedoch klug. Ausserdem sagte sie sich, dass ihre Sorge zweifellos unbegründet sein musste. Zwar hatte sie deutlich bemerkt gehabt, dass Dan Kuso das Mädchen wohlfällig musterte, aber das konnte sie ihm schließlich nicht verbieten. Jedenfalls hielt sie es für undenkbar, dass eine Stallmagd eine ernsthafte Konkurrentin für sie, die Gutsherrin, sein sollte. Wenn sie Dan Kuso nur deutlich genug zu verstehen gab, dass er sie interessierte, dass er Chancen bei ihr hatte und dass er sich an ihrer Seite sogar zum Gutsherrn ausschwingen könnte …

Ja, tatsächlich, so weit dachte Mira Minotte bereits. Denn sie war ganz verrückt nach dem jungen Mann. Gegen eine solche Chance wog die hübsche Larve eines junges Mädchens wohl gering. Ein Pferdeknecht, der die Chance ausschlug, Gutsherr zu werden, das gab es doch nicht. Aus diesem Überlegenheitsgefühl heraus wurde Madame Minotte Dan gegenüber immer deutlicher.
Doch Dan Kuso blieb freundlich zurückhaltend und korrekt. Und so musste Madame feststellen, dass sie keinen Schritt weiterkam. Übrigens zur geheimen Freude und Schadensfreude des Verwalters, der die Entwicklung natürlich ganz genau und argwöhnisch beobachtete und er sich so, wie die Dinge nun lagen, immer noch gewisse Chancen für sich selbst ausrechnete.

An einem Sonntag kam es dann zum dramatischen Höhepunkt. Daniel hatte Runo eingeladen, mit ihm in die Stadt Arles zu fahren und Runo hatte sehr gern zu gestimmt. Sie fuhren mit dem Bus, denn natürlich ließ Runo nichts davon verlauten, dass sie nahen Gasthof ihren eigenen Wagen stehen hatte.

Aber es war auch schön, nebeneinander im Bus zu sitzen, die Nähe des anderen zu spüren und zu fühlen, wie sich da allmählich etwas entwickelte, was wunderschön zu werden versprach. Die beiden verbrachten ein paar unbeschwerte Stunden in Arles, der alten, römischen Stadt an der Spitze des Rhone-Deltas. Sie besuchten und bewunderten das riesige, noch erhaltene Amphittheater und noch einige andere Bauten, die Zeugen einer grossen Vergangenheit dieser heute noch höchst lebendigen Stadt sind. Sie schlenderten am Ufer der Rhone entlang und Danieln zeigte der leicht erschaudernden Runo die Stelle, wo an dem grossen Rhoneknick die Totengräber früher auf ihre Kunden gewartet hatten.

„Ihre Kunden?“ fragte Runo.

„Ja, sie warteten auf Leichen“, berichtete Daniel. „nein, nein, du brauchst mich gar nicht so ungläubig anzusehen, das beruht auf historischen Tatsachen. In der frühen Christenheit war es ein ganz besonders erstrebenswertes Zeil, als Toter in der Elysäischen Feldern hier in Arles bestattet zu werden. Das Transportproblem lost man auf einfache Weise, in dem die Verwandten ihre Toten einfach in Boote, Fässer oder sogar nur Säcke verpackt der Rhone übergaben. Nicht ohne ihnen vorher ein Goldstück in den Mund geschoben zu haben. Hier in Arles am Rhoneknick, genau hier wo wir stehen, wurden die Toten an Land gespült. Hier warteten die Totengräber, sie nahmen die Goldstücke an sich, die als Lohn für ihre Arbeit bestimmt waren und bestatteten die Toten. Wenn sie ehrlich waren“, fügte Prinz Daniel hinzu. „Denn natürlich soll es auch solche gegeben haben, die nur das Gold aus waren und die Leichen wieder in den Fluss zurückwarfen.“

„Gott, wie schaurig“, sagte Runo und schüttelte sich.

„Ja, ganz eigenartig, nicht? Übrigens, die Reste der Begräbnis gibt es heute noch. Eine sehr eindrucksvolle Gräberallee mit uralten Sarkophagen. Wollen wir hingehen und sie uns anschauen?“
„Heute nicht“, sagte Runo, „vielleicht ein andermal. Jetzt möchte ich lieber wieder fröhlich sein und lachen.“
„Einverstanden“, nickte Daniel lächelnd. „ich lade dich zu einem riesengrossen Eis ein.“ Als Arbeitskollegen duzten sie sich natürlich längst.

In einem Strassencafe fanden sie einen freien Tisch direkt an der Fahrbahn. Sie assen Eism tranken hinterher einen Weinbrand und hatten sich unendlich viel zu erzählen. Es war ihnen so, als hätten sie sich schon immer gekannt. Sie waren vertraut und ehrlich miteinander, aber trotzdem sagten sie sich nicht ihre wahren Namen. Dafür sagten sie sich sehr vieles ohne Worte und das war eigentlich noch viel wichtiger.

Sie bemerkten nicht, dass auf der anderen Strassenseite ein Wagen anhielt. Eine Dame sass am Steuer, schaute zu ihnen herüber und beobachtete sie eine ganze Weile. Schliesslich stieg sie aus und kam direkt auf sie zu. Es war Madam Mira Minotte, die Gutsherrin. Sie trug ein engsitzenden weissen Hosenanzug, hochhackige Sandaletten, sie hatte reichlich mit Schmuck behängt und wäre so schon, auch ohne die tizianroten Haare, eine auffallende Erscheinung gewesen. Madame nickte hoheitsvoll, als sie am Tisch der beiden stehen blieb. Erst jetzt bemerkten Runo und Daniel sie.

Daniel stand höflich auf, während Runo, ganz Dame, sitzen blieb und lediglich freundlich grüsste. Doch Madame tat so, als bemerkte sie es überhaupt nicht. Sie schaute lediglich den Mann an. „Gut, dass ich Sie hier treffe, Dan“, sagte sie kühl, „ich habe starke Kopfschmerzen und möchte nicht gern weiterfahren. Ich habe aber in der Gegend bei Freunden noch etwas zu erledigen. Fahren Sie mich bitte, Dan. Ich habe überhaupt vor, Sie als mein Chauffeur in meine Dienste zu nehmen. Sie können Ihren Posten also gleich antreten.“

Prinz Daniel war innerlich empört über die Unverschämtheit dieser Dame, aber er dachte an seine Rolle und versuchte gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Er blickte Runo fragend an und als dies ganz leicht nickte, antwortete er: „Gern, Madame. Wir haben zwar heute eigentlich unseren freien Tag, aber wenn Sie meine Hilfe brauchen, werden wir Sie selbstverständlich gern begleiten.“
„Was heisst hier wir“, sagte Madame hochmütig. „ich brauche Sie als Fahrer, nichts weiter.“
„Gut, Madame“, Daniels Stimme würde nun auch wesentlich kühler, „ich stehe ihnen als Fahrer zur Verfügung, aber Sie müssen bitte gestatten, dass auch Fräulein Runo im Wagen mitfährt.“

„Ausgeschlossen“, erklärte Madame in einem Ton, der ihren Ärger ausdrückte, um einer solchen bitte überhaupt beheiligt zu werden. „ich sagte doch, dass ich noch etwas zu erledigen habe, da kann ich doch nicht sämtliche Dienstboten im Wagen transportieren. Sie können den Bus nehmen“, sagte sie herrisch und unfreundlich zu Runo. „Dan wird gebraucht.“

„Dan bedaure ich, Madame, dass Sie Ihren Wagen allein steuern müssen,“ Prinz Daniel sagte es lächelnd und in einem so überlegenden, fast spöttischen Ton, dass Madame Mira Minotte ihn verblüfft anstarrte. „Ja, aber …“, wollte sie einwenden, doch Prinz Daniel winkte ab. Er war jetzt ganz Hoheit und sowohl seine Haltung und sowohl sein Ton machten Madame sprachlos. „Diese Dame steht unter meinem Schutz“, sagte Prinz Daniel, den die Gutsherrin für einen Pferdeknecht hielt, „und selbstverständlich werde ich eine Dame, die unter meinem Schutz steht“, für Daniel fort, „nicht allein hier in der Stadt zurücklassen. Ich hätte Ihnen gern eine Gefälligkeit erwiesen, aber unter diesen Umständen sehe ich mich ausserstande.“ Er machte eine kleine, höfliche Verbeugung, die aber unter Umständen eher spöttisch wirkte, sagte lächelnd:„Madame“, und nahm dann einfach wieder am Tisch Platz.
Die Gutsherrin stand da wie ein gescholtenes Schulmädchen. „Wie reden Sie denn mit mir, Dan“, stiess sie schliesslich fassungslos hervor.

„ich glaube, das war eine angemessene Antwort auf Ihre, ja nicht gerade sehr liebenswürdige, Forderung, Madame“, entgegnete Daniel mit ruhiger Freundlichkeit. „Aber bitte, wollen Sie nicht ein Weilchen bei uns Platz nehmen? Vielleicht hilft Ihnen ein Drink über Ihre Kopfschmerzen hinweg.“

Madame Mira Minotte schnappte förmlich nach Luft, dann machte sie auf dem Absatz kehrt und lief über die Strasse zu ihrem Wagen zurück. Ein anderes Auto musste hart bremsen, sie hatte überhaupt nicht auf den Verkehr geachtet. Madame schwang sich in den Wagen, schlug die Tür hinter sich zu, sie startete und raste dann davon, als gäbe es keine Verkehrsregeln oder Geschwindigkeitsbegrenzungen.

Kopfschüttelnd blickte Daniel hinter dem Fahrzeug her. „Ich hätte ihr doch ein wenig mehr Haltung zugetraut“, sagte er leise wie zu sich selbst. „Aber da habe ich mich wohl getäuscht.“
„Du hast dich aber auch sehr hart gewesen“, sagte Runo lächelnd.
„Hat sie etwas anderes verdient?“ fragte Daniel knapp.
„ich bin nur ein Stallmädchen“, sagte Prinzessin Runo leise. „Und sie ist die Gutsherrin.“

„Du bist die Dame in meine Begleitung“, erklärte Daniel, „und das allein zählt. Ausserdem benimmt sich eine wahre Dame sich auch dem Personal gegenüber nicht in solch anmaßender Art. Und du, Runo, solltest es nicht so betonen, nur ein Stallmädchen zu sein. Du bist ein feiner Kerl, du bist Frauen vom Schlag dieser Madame Minotte haushoch überlegen. Und ich bin wirklich froh, dass ich dich kennengelernt habe.“ Er schaute Runo liebevoll an und die spürte, wie sie doch tatsächlich errötete.

Sie war glücklich, denn das war ja beinahe so etwas wie eine Liebeserklärung gewesen. Und sie spürte auch, dass sie selbst dabei war, sich rettungslos in den Prinzen zu verlieben. War das gut? Nun, es entsprach wohl ganz gewiss den Wünschen ihrer Eltern und Fürst Leonhard zu Mont-Barein würde sich wohl auch zufrieden sein, wenn er sie beide hier so einträglich sitzen sehen könnte.

Trotzdem kamen Runo allmählich doch Bedenken, und sie fürchtete sich vor dem Augenblick, das sie dem Prinzen gestehen musste, wer sie wirklich war. Würde er sie dann nicht für unehrlich halten müssen? Würde er ihr vielleicht nicht mehr vertrauen können? Diese Möglichkeit bestand immerhin. Zwar lebte auch er hier unter falschem Namen und unter falschen Voraussetzungen, aber das war doch etwas anderes.

Sie wusste, wer er war. Sie war seinetwegen hergekommen, ohne ihm zu sagen, dass es sich so verhielt und ohne sich selbst vorzustellen. Sie trat ihm also praktisch mit doppelter Lüge gegenüber. Ob er das verstehen und verzeihen könnte? Runo wurde bang zumute.
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