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120 Geschichten aus Mittelerde

von Sulime
SammlungAllgemein / P16
13.05.2011
22.08.2018
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22.09.2016 7.849
 
Es ist meine eigene, kleine Tradition, am 22. September einen Text über Hobbits zu schreiben. Dieses Mal möchte ich diesen besonderen Tag nutzen, um eine ebenso besondere Frau in den Mittelpunkt zu stellen.



105  Belittle – Schmähen

Lobelia Straffgürtel hatte sich nie etwas vorschreiben lassen. Ebenso hübsch wie stur, hatte sie sich schon als Zwien weit über Steinbüttel hinaus einen einschlägigen Ruf erarbeitet.
    „Aus ihr wird einmal eine große Dame“, pflegte ihr Vater Blanco nach einem oder zwei Humpen oft zu sagen. „Das, oder sie redet sich um Kopf und Kragen.“
    Tatsächlich war Lobelia hauptsächlich für ihre spitze Zunge bekannt. Wenn ihr etwas nicht gefiel oder ihr jemand nicht den (ihrer Meinung nach) nötigen Respekt zollte, kommentierte sie das laut und in aller Öffentlichkeit. Die anderen Hobbits begegneten ihr mit widerwilliger Ehrfurcht, aber sie freundeten sich nicht mit ihr an.
    Eines Nachmittags – es war der Tag vor Lobelias dreißigstem Geburstag – unternahm sie mit ihrem Bruder Bruno einen Spaziergang durch Steinbüttel. Die beiden Geschwister zogen einige Blicke auf sich, Lobelia insbesondere. Ungewöhnlich hochgewachsen für ein Hobbitmädchen, verstärkte sie den Eindruck noch, in dem sich sehr gerade hielt und ihre Nase recht hoch trug. Dazu kam, dass sie auch bei strahlendem Sonnenschein nicht ohne Regenschirm aus dem Haus ging.
    „Man weiß nie, wann sich das Wetter ändert“, erklärte sie jedem, der es wagte, ihr einen schiefen Blick zuzuwerfen. „Und wenn es regnet, werde ich sicher nicht nass werden.“
    Auf der Straße herrschte reger Betrieb, doch Lobelia grüßte niemanden und wurde von niemandem gegrüßt. Hinter ihr hörte sie einige gesenkte Stimmen tuscheln, doch sie gab vor, nichts zu hören und richtete ihre Aufmerksamkeit auf ihren älteren Bruder, der einen ausgedehnten Monolog über das Tabakgeschäft hielt.
   „Ich habe Vater schon fast davon überzeugt, sich ein paar Felder im Südviertel zuzulegen“, berichtete Bruno gerade stolz. „Er hat Longo Beutlin für heute zu uns eingeladen, um einen Handel mit ihm abzusprechen. Wenn alles gut läuft, wird Vater ihm einige seiner Felder abkaufen und wir können unseren eigenen Tabak anbauen. Aber Longo dürfte eine gehörige Summe dafür verlangen – du weißt ja, was sie über diese Beutlins sagen: Reicher als der Thain, aber sie können nie genug bekommen!“
   Lobelia nickte in einer halbwegs überzeugenden Imitation echten Interesses. In Wahrheit lauschte sie dem Gespräch, welches zwei Hausfrauen über den Zaun zwischen ihren Gärten hinweg führten.
    „Da ist wieder Blancos Tochter“, meinte die eine kopfschüttelnd. „So ein hübsches Ding, wenn sie bloß nicht immer diesen eingebildeten Blick aufsetzen wüde! Ein kleines Lächeln schadet ja wohl nicht.“
    Ihre Nachbarin pflichtete ihr lautstark bei. „Ja, ja, meine Rede! Sie sollte ein wenig mehr lächeln, sonst findet sie nie einen Mann.“
    Die beiden Frauen senkten ihren Gesprächston, als hätten sie bemerkt, dass Lobelia sie hören konnte.
    „Manche Leute wissen einfach nicht, was sich gehört“, sagte diese mit klarer Stimme zu Bruno. Ihr Bruder nickte bekräftigend.
    „Ganz richtig. Diese Beutlins sollten sich wirklich überlegen, wie so ein Verhalten auf andere wirkt. Außerdem, so hoch und prächtig sind sie gar nicht! Eine anständige Hobbitfamilie, wie jede andere auch, nicht mehr und nicht weniger.“
    Lobelia betrachtete die Gärten, die an die Straße angrenzten. Der Sommer war bereits eingetroffen und die Geranien und Rosen blühten in aller Pracht. Auch Gemüse und Obst gab es in Hülle und Fülle. Einige Hobbits hatten vor ihren Smials kleine Stände aufgebaut, an denen sie die Früchte ihres Gartens an die Vorbeigehenden verkauften. Bruno hielt mitten in seinem Monolog inne, als er nicht weit entfernt einen Stand entdeckte, welcher Kuchen, Pasteten und Limonade anbot.
   „Komm, lass uns einen Happen essen! Es ist schon fast Zeit für den Fünf-Uhr-Tee.“ Er strich sich über seinen Bauch, der trotz seines jungen Alters bereits beeindruckende Ausmaße angenommen hatte.
   „Unsinn, wir hatten gerade erst Mittagessen“, widersprach Lobelia, doch ihr Bruder nahm ihre Hand und zog sie zu dem Stand hin.
    „Manchmal verstehe ich dich einfach nicht“, sagte Bruno und warf ihr einen seltsamen Blick zu. „Wie kannst du etwas gegen Essen haben?“
   Lobelia gab sich geschlagen. Im Grunde hatte sie nichts gegen eine kleine Mahlzeit einzuwenden, doch sie kannte die Besitzerin des Gartens, zu dem der Stand gehörte und ihr lag nicht im Geringsten daran, mit Frau Stolzfuß oder einer ihrer Töchter zu reden. Sie hatte die Dreistigkeit besessen, Lobelia nicht zu ihrem letzten Geburtstag einzuladen – dabei war halb Steinbüttel dort versammelt gewesen!
    Bis die Geschwister den Stand erreichten, hatte sich bereits eine kleine Gruppe um die duftenden Pasteten gebildet. Lobelia erkannte einige andere Zwiens aus der Nachbarschaft, doch ein paar der Gesichter waren ihr unbekannt. Sie scharrten sich um einen jungen Hobbit mit dunkelbraunem Haar, der gerade mit ausschweifenden Gesten seine Zuhörergruppe unterhielt.
    „Und natürlich ist der Thain oft bei uns zu Gast, welche Frage! Er und mein Vater verstehen sich ausgezeichnet, ich habe oft gehört, wie er sagte, dass es im ganzen Auenland kein besseres Bier gibt, als das, welches mein Vater braut. Das ist natürlich eine Übertreibung, aber wer bin ich, unserem Thain zu widersprechen?“ Er lachte und die umstehenden Zwiens stimmten pflichtschuldig mit ein. „Aber ich muss schon sagen, in Steinbüttel versteht man auch etwas von gutem Essen und Trinken. Diese Pasteten hier – nun, natürlich nicht ganz das, was wir im Südviertel haben, aber dennoch...“
   Er wandte sich zu dem Stand um. Seine Zuhörerschaft hatte sich, während er redete, eifrig an den Teigwaren bedient, aber eine einzige Pastete war noch übrig. Nach dieser griff er nun, genau in dem Moment, als auch Lobelia die Hand danach ausstreckte. Doch sie war nicht schnell genug.
   „Ich muss doch sehr bitten“, empörte sich Lobelia, als man ihr vor ihren Augen die Pastete wegschnappte. Der dunkelhaarige Hobbit warf ihr einen gelangweilten Blick zu, bevor er genüsslich in die Pastete biss.
    „Bitte um Verzeihung“, konnte sie Frau Stolzfuß sagen hören, „aber das junge Fräulein hier hat bereits für die Pastete bezahlt und...“
    „Ach, na und, ich gebe Euch doppelt so viel dafür“, unterbrach sie der junge Hobbit und angelte lässig ein paar Münzen aus der Tasche seiner Weste. Diese ließ er mit einem Klimpern auf die Verkaufsfläche fallen, bevor er sich wieder umwandte, eine Hand auf dem Gartenzaun der Stolzfußes abgestützt, die andere gestikulierend, während sie die Pastete festhielt.
   „Wie ich bereits sagte, ausgezeichnetes Essen. Wobei der Thain letztens erwähnte...“
    Lobelia fühlte, wie ihr vor Wut das Blut in die Wangen schoss. Es mochte sein, dass sie sich nicht viel aus Essen machte und noch weniger aus Frau Stolzfußes Teigwaren. Aber in aller Öffentlichkeit derartig unhöflich behandelt zu werden... das konnte sie nicht auf sich sitzen lassen.
   „Bruno“, sagte sie gefährlich leise zu ihrem Bruder, der neben ihr gerade sein zweites Stück Kuchen verdrückte und dabei ein großes Glas Limonade trank. „Kennst du diesen Hobbit dort?“
   Bruno schüttelte den Kopf. „Hab ihn noch nie gesehen“, sagte er mit vollem Mund. „Ist bestimmt nicht von hier.“
   Lobelia nickte, als habe er ihre Ahnung bestätigt. Bruno schickte sich an, einen Schluck Limonade zu nehmen, doch seine Schwester nahm ihm das Glas kurzerhand weg.
   „Ich brauche das mal“, sagte sie, den Protest ihres Bruders übergehend. Dann trat sie mit zwei schnellen Schritten auf den Fremden zu, der erneut in einen Monolog über die Brauereikünste seines Vaters verfallen war.
   Mit ausgefahrenen Ellenbogen schob sie zwei der Zuhörer beiseite und baute sich vor dem Unbekannten auf. Dieser schien sie nicht zu beachten und fuhr einfach fort.
    „Aber natürlich ist es nicht leicht, eine Familie zu finden, die unserer an Ansehen und Einfluss gleichkommt...“
    Lobelia räusperte sich. Es war ein lautes, aufmerksamkeitsheischendes Geräusch. Einige Köpfe drehten sich zu ihr um. Sie sah mehrere Hobbits die Stirn runzeln, doch der Redner ließ sich nicht beirren.
   „Aber ich vergesse die Familie meiner Mutter, eine Sackheim, die ihren Stammbaum bis zu Isengrim II. zurückführen kann, über die Linie des zurecht gerühmten Bandobras Tuk...“ Er kam nicht weiter, denn Lobelia fiel ihm ins Wort.
    „Ich weiß nicht, wer Ihr seid oder wie Eure Familie heißt und es ist mir auch völlig gleich“, sagte sie knapp. „Aber wenn Ihr glaubt, dass Ihr Euch hier aufplustern können wie ein eitler Gockel auf einem Misthaufen, habt Ihr Euch gehörig geirrt! Ich zeige Euch, wie man in Steinbüttel mit jemandem umgeht, der eine Dame bestiehlt!“
   Damit stellte sie sich auf die Zehenspitzen und leerte das Limonadenglas direkt über seinem Kopf aus. Die klebrige Flüssigkeit rann aus seinen Haaren und hinterließ einen großen Flecken auf der fein bestickten Weste.
   Der Fremde stieß einen Protestschrei aus. „Was zum...“
   „Lasst Euch das eine Lehre sein, ungehobelter Kerl!“, rief Lobelia, bevor sie sich auf dem Absatz umdrehte. Die anderen Hobbits beeilten sich, sie durchzulassen.
   Bruno hielt noch immer ein Stück Kuchen in der Hand, doch er schien diesen Umstand völlig vergessen zu haben. Mit offenem Mund starrte er seine Schwester an.
   „Komm, Bruno“, sagte Lobelia kühl und ohne einen Blick zurückzuwerfen. „Wir gehen.“

***

An diesem Abend zog Lobelia ihr schönstes Gewand an, ein blau-kariertes Kleid, dessen Säume mit kleinen Lobelien verziert waren. Es war ein Geschenk zu ihrem letzten Geburtstag gewesen und eigentlich trug sie es nur zu besonderen Anlässen. Aber ihr Vater hatte darauf bestanden, dass sich die ganze Familie besonders herausputzte, wenn Longo Beutlin und seine Familie zum Abendessen kamen.
   Lobelia musste im Schlafzimmer ihrer Eltern vor der Spiegelkommode platznehmen, während ihre Mutter ihr mit einem breit gezinkten Kamm die Locken frisierte und anschließend kleine Gänseblümchen hineinflocht.
    „Ich bin viel zu alt dafür“, beschwerte sich Lobelia, ohne Erfolg.
    „Dein Vater möchte, dass wir uns alle von unserer besten Seite zeigen“, sagte Primrose Straffgürtel bestimmt. „Longo ist ein reicher, einflussreicher Hobbit und seine Frau Camellia ebenso. Wenn heute Abend alles gut verläuft, werden dein Vater und Longo sich bestimmt schnell über den Verkauf dieser Tabakfelder einig, auf die dein Bruder so versessen ist. Also sei höflich, Lobelia, und halte wenigstens einmal deine Zunge im Zaum!“ Sie seufzte, als wüsste sie selbst, dass diese Bitte auf taube Ohren stoßen würde.
    Lobelia verschränkte die Arme vor der Brust. „Müssen wir wirklich die ganze Zeit dabeisitzen, während Vater und dieser Herr Beutlin über Geschäftliches reden? Damit haben wir doch nichts zu tun.“
    „Zumindest dein Bruder ist sehr interessiert daran und das mit Recht, schließlich wird er diesen Besitz eines Tages erben“, warf ihre Mutter ein. „Nun verzieh‘ das Gesicht nicht so“, fügte sie an, als Lobelia dem Spiegel eine Grimasse schnitt. „Longo bringt seinen Jungen mit. Er ist in Brunos Alter und ich bin sicher, ihr drei werdet euch gut verstehen und euch ausgezeichnet unterhalten.“
    „Oh, ganz sicher“, antwortete Lobelia und war froh, dass Primrose zu sehr mit ihren Haaren beschäftigt war, um den sarkastischen Tonfall in der Stimme ihrer Tochter zu bemerken.
    Ein lautes Klopfen hallte durch das Haus.
    „Ah! Das werden sie sein“, sagte Primrose und klang beinahe aufgeregt. „Komm schon, Kind, wir müssen sie in Empfang nehmen.“
    Im Flur stießen sie auf Lobelias Vater, der in der Küche noch einige abschließende Verbesserungen an den verschiedenen Gängen des Abendessens vorgenommen hatte. Er wischte sich hastig die Hände an einem Tuch ab, bevor er zur Tür eilte und die drei Beutlins hereinbat.
   „Ah, Longo, wie schön. Und Camellia, wie bezaubernd!“ Hände wurden geschüttelt und Komplimente ausgetauscht.
    „Otho, du bist ja so gewachsen, seit ich dich das letzte Mal sah!“, meinte Primrose entzückt, als der Sohn der Beutlins durch die Eingangstür trat. „Aber es ist auch schon viele Jahre her.“
    Lobelia stieß ein leises Stöhnen aus. Der junge, dunkelhaarige Hobbit, der neben seinen Eltern im Flur stand und die Einrichtung pikiert musterte, kam ihr nur allzu bekannt vor.
    Blanco schob Lobelia und Bruno in die Richtung der Gäste. „Meine beiden Kinder kennt ihr ja bereits“, sagte er stolz. „Bruno, mein Ältester und Lobelia, meine kleine Tochter. Nun, so klein auch wieder nicht, oder, mein Blümchen?“
    Lobelia murmelte ein paar missmutige Worte. Wieso musste ihr Vater sie nur immer mit peinlichen Spitznamen bedenken, wenn andere dabei waren?
    Nachdem alle Nettigkeiten und Begrüßungen ausgetauscht worden waren, komplimentierte Primrose ihre Gäste zu Tisch. Im Vorbeigehen bemerkte Lobelia, wie Otho Beutlin ihr einen Blick zuwarf. Sie hatten einander noch nicht begrüßt, aber der kaum verhohlene Ärger in seinem Gesicht sagte ihr, dass er ihre Begegnung am Nachmittag keineswegs vergessen hatte.
    Auf dem Weg zum Esszimmer wurde das Haus der Straffgürtels von Longo Beutlin ausgiebig bewundert. „Wie modern! Hast du es selbst gebaut, Blanco? Aus Backstein, bemerkenswert!“
    „Nein, nein, das war mein Großvater väterlicherseits, ein sehr umtriebiger Hobbit. Von Beruf war er Schmied, aber seine eigentliche Liebe galt dem Bauhandwerk.“
    „Nun, er hat gute Arbeit geleistet, keine Frage! Was meinst du, Otho?“ Er warf seinem Sohn einen erwartungsvollen Blick zu.
   Otho verzog das Gesicht kaum merklich. „Ich bin eher altmodisch veranlagt. Das überirdische Leben behagt mir nicht... Ich bevorzuge den guten alten Smial, mit allem, was dazugehört, so wie unser Zuhause. Oder auch Beutelsend... Das ist ein großartiger Bau, keine Frage.“
   „Ja, nun, über Geschmack lässt sich nicht streiten“, sagte Longo etwas peinlich berührt.
    Blanco überging die Bemerkung und bedeutete allen, am großen, runden Esstisch Platz zu nehmen. Nachdem sich die Beutlins höflich vor ihren Gastgebern verneigt hatten, ließen sie sich auf den bequemen Esszimmerstühlen nieder. Lobelia setzte sich zwischen ihre Mutter und Bruno und fand sich gegenüber von Otho Beutlin wieder. Sie beschloss, ihn zu ignorieren und lieber ihr Besteck neu zu ordnen. Sie mochte das Blitzen des Silbers, wenn es frisch poliert war, es wirkte vornehm und elegant.
    Lobelias Stammbaum mochte nicht halb so nobel sein wie der der Beutlins und Sackheims, aber ihre Familie hatte sich in den letzten Generationen durch einen guten Geschäftssinn und vorrausschauendes Handeln einen Namen gemacht. Inzwischen gehörten sie zu den angesehensten Familien im Nordviertel und im Grunde war Lobelia darüber stolzer als sie es gewesen wäre, hätten die Straffgürtels zu den traditionsreichsten Namen im Auenland gezählt. Eins war jedenfalls klar: Sie würde die Schmähungen eines eitlen Angebers wie Otho Beutlin nicht wortlos übergehen. Noch eine abfällige Bemerkung über ihr Heim und er würde etwas zu hören bekommen!
    Während die Vorspeise verputzt wurde, drehte sich das Gespräch um gemeinsame Bekannte und entfernte Verwandte. Allerlei Klatsch wurde ausgetauscht und die jüngeren Hobbits langweilten sich, weil sie mit den meisten Namen nichts anfangen konnte. Bruno aß drei Portionen der Suppe, bevor endlich der Hauptgang aufgetragen wurde. Longo Beutlins Augen leuchteten auf, als der gefüllten Braten mit Wirsinggemüse und Kartoffelbrei hereingetragen wurde.
    „Meine liebe Primrose, du verwöhnst uns!“, rief er aus und rieb sich die Hände.
    „Nicht doch“, erwiderte die Herrin des Hauses, „das meiste hat Blanco zubereitet, ich habe ihm nur ein wenig dabei geholfen.“
    „Sie ist wie immer viel zu bescheiden“, sagte Blanco Straffgürtel und warf seiner Frau einen warmen Blick zu.
    Lobelia verdrehte die Augen, bis sie bemerkte, dass Otho Beutlin auf der anderen Seite des Tisches dasselbe tat. Irgendwie machte ihn das noch unsympathischer.
    Nachdem alle Anwesenden eine große Portion des Hauptganges verdrückt hatten – auch Lobelia schlug ausgiebig zu, denn ihre Eltern hatten sich mit dem Essen wirklich ins Zeug gelegt – wandte sich das Gespräch langsam dem eigentlichen Grund des Besuchs zu.
    „Das wunderschöne Südviertel, ja“, sagte Longo versonnen. „Auch wenn ich immer gern im Nordviertel zu Gast bin“, er nickte den Straffgürtels höflich zu, „liegt mir doch auch viel am Süden. Nirgendswo kann man besseren Tabak anbauen. Das Langgrundblatt gedeiht dort prächtig – ich bin sicher, ihr hattet schon eine Kostprobe davon, oder irre ich mich?“
    Die Stolzgürtels neigten die Köpfe zustimmend. Tatsächlich hatten Primrose und Blanco sich extra etwas von Longos letzter Ernte besorgt, um zu überprüfen, ob seine Felder annehmbare Früchte abwarfen.
     „Es ehrt mich natürlich, dass ihr Interesse an meinen Feldern zeigt und ich kann euch nur bestätigen, dass ihr eine exzellente Wahl getroffen habt...“
    So ging es noch eine ganze Weile weiter. Longo ließ sich lang und breit über all seine Geschäfte aus, nicht nur über die Felder, welche er im Süden besaß, auch seine Brauerei im Westviertel und die Gärten in Wasserau wurden ausgiebig besprochen, bis die Straffgürtels sie mit der gebührenden Anerkennung bedacht hatten. Die Beutlins verfügten über einen ausgesprochen umfangreichen Besitz und bildeten sich einiges darauf ein. Doch während Bruno praktisch an Longos Lippen hing, langweilte sich Lobelia fürchterlich.
    „Aber natürlich ist auch an einem ruhigeren Leben nichts auszusetzen“, betonte Camellia Beutlin gerade und tätschelte ihrem Gatten den Arm, als stille Aufforderung, es mit dem Prahlen nicht ganz so zu übertreiben. „Es ist so anstrengend, sich um all diese Geschäfte zu kümmern und sicherzugehen, dass alles seinen Gang geht...“
    „Ich weiß nicht“, ließ sich zu aller Überraschung Otho vernehmen. Bisher hatte er sich überwiegend still verhalten und seine Aufmerksamkeit dem Essen gewidmet. Nun warf er seiner Mutter einen skeptischen Blick zu. „Ich bin froh und stolz, dass wir all dies unser Eigen nennen können. Immerhin zeugt es davon, wie lange und hart die Familien Sackheim und Beutlin für ihren Wohlstand gearbeitet haben. Ich möchte nichts von unserem Eigentum missen.“
    „Mit noch mehr harter Arbeit werden es gewisse Beutlins vielleicht sogar zu guten Manieren bringen“, merkte Lobelia an. Gleichzeitig drehten sich alle Köpfe zu ihr um.
   „Lobelia!“, rief Primrose entsetzt. „Wie kannst du so etwas sagen! Entschuldige dich auf der Stelle!“
    Lobelia verschränkte die Arme vor der Brust. „Nicht, bevor sich einer der Anwesenden für sein Verhalten von heute Nachmittag entschuldigt“, sagte sie.
    Blanco blinzelte verwirrt. „Wovon redest du, Kind?“
    Seine Tochter blickte zu Otho. „Ich bin sicher, der Betreffende weiß genau, was ich meine.“
    Betretenes Schweigen trat ein. Das Ehepaar Beutlin warf sich untereinander Blicke zu. Lobelias Eltern wirkten teils fassungslos, teils verwirrt. Otho betrachtete das Muster des Tischtuches eingehend.
   Dann meldete sich zu aller Verwunderung Bruno zu Wort.
   „Otho hat Lobelia heute an Frau Stolzfuß‘ Kuchenstand eine Pastete weggeschnappt, für die sie schon bezahlt hatte“, murmelte er und vermied es, irgendjemanden anzusehen.
    Camellia warf ihrem Sohn einen strengen Blick zu. „Ist das wahr, Otho?“
    Der Angesprochene setzte eine finstere Miene auf. „Dafür hat sie mich mit einem Glas Limonade übergossen!“, antwortete er.
    Die Blicke der verwirrten Hobbits begannen zwischen Lobelia und Otho hin und her zu pendeln. „Aber wieso hast du nichts davon erzählt?“, fragte Blanco Straffgürtel sichtlich durcheinander.
    „Ich kannte ja seinen Namen nicht“, erklärte Lobelia trotzig. „Woher sollte ich wissen, dass er heute Abend hier zum Essen aufkreuzt?“
    „Ich habe nichts falsch gemacht“, ließ sich nun Otho vernehmen. „Die Pastete habe ich bezahlt und zwar gleich doppelt, damit Lobelia ihr Geld auf jeden Fall zurückbekommt.“
     „Als ob du dabei an mich gedacht hättest!“, protestierte Lobelia. „Dir ging es doch nur darum, mit deinem Reichtum anzugeben.“
    Es folgten einige wüste Beleidigungen und Schmähungen auf beiden Seiten, die zum Glück in der allgemeinen Lautstärke kaum zu verstehen waren.
   „Kinder! Kinder!“, versuchte Longo, Kontrolle über die Situation zu gewinnen. „Bitte mäßigt euch!“
   „Otho, ich bin entsetzt über deinen Tonfall!“, sagte Camilla.
   „Lobelia, halte dich zurück, oder es gibt Hausarrest!“, drohte Primrose. Damit gelang es ihr, die Aufmerksamkeit ihrer Tochter zu gewinnen.
    „Aber morgen ist mein Geburtstag!“, rief Lobelia entsetzt.
    „Trotzdem!“
    Lobelia biss sich auf die Unterlippe und warf Otho einen wütenden Blick zu, schwieg aber. Auch Otho verstummte.
    „Was für ein unschönes Ereignis“, sagte Longo und wischte sich ein paar Schweißperlen von der Stirn. „Ich denke, es ist das Beste, wenn sich beide entschuldigen und wir diesen Vorfall damit begraben.“
    „Ein ausgezeichneter Vorschlag“, stimmte ihm Blanco zu. „Lobelia, wie wäre es, wenn du beginnst?“
    Lobelias Miene wurde, wenn möglich, noch zorniger, aber der Gedanke daran, an ihrem Geburtstag Hausarrest zu bekommen, ließ sie ihre trotzige Erwiderung herunterschlucken. Sie vermied es, den Blick auf Otho zu richten, als sie zwischen zusammengepressten Zähnen eine knappe Entschuldigung murmelte.
   „Jetzt du, Otho“, forderte Camilla ihren Sohn auf.
   „Es tut mir leid“, sagte Otho düster.
   „Wunderbar.“ Blancos Stimme war erfüllt von falscher Fröhlichkeit. „Dann sind wir ja nun alle wieder Freunde, nicht wahr?“ Er lächelte etwas gezwungen. „Wo waren wir doch gleich stehen geblieben – bei den Tabakfeldern?“
    Die Erwachsenen nahmen ihre ursprüngliche Unterhaltung wieder auf. Aber Lobelia und Otho warfen sich über den Tisch einen langen Blick zu und es war beiden klar, dass zwischen ihnen sicher keine Freundschaft herrschen würde.

***

Lobelia konnte ein Gähnen nicht unterdrücken, als Vetter Bilbo die Geschichte seines seltsamen Abenteuers mit den Trollen zum dritten Mal erzählte. Mochten die anderen auch an den Lippen des ebenso für seine Verschrobenheit wie für seinen Reichtum bekannten Hobbits hängen – sie hatte nicht das geringste Interesse daran, seine Erzählungen zu hören. Tatsächlich war sie mehr als nur ein bisschen enttäuscht, dass ihr Vetter dritten Grades überhaupt von seinem Abenteuer zurückgekommen war, um nun mit seiner Verwandtschaft an einem Tisch zu sitzen und diese mit unerwünschten Geschichten zu unterhalten.
    Es kam selten vor, dass Bilbo seine Verwandten nach Beutelsend einlud. Er schien ein (von allen anderen Hobbits kritisch beäugtes) einsames Junggesellendasein zu bevorzugen. Nur, wenn es sich nicht mehr vermeiden ließ, ohne grob unhöflich zu wirken, lud er seine in der Nähe lebenden Vettern, Basen, Tanten und Onkel ein – und zwar alle auf einmal, um diese Pflicht schnell hinter sich zu bringen. Die offizielle Version hieß natürlich „Familientreffen“, aber Lobelia wusste ganz genau, dass Bilbo weniger an seiner Familie lag als an dem silbernen Löffel, mit dem sie geistesabwesend ihren Tee umrührte.
    Goldenes Licht fiel durch ein rundes Fenster in das Innere des Smials. Es war ein prächtiger Herbsttag, im Grunde viel zu schön, um ihn nicht im Freien zu verbringen. Die große Tafel in Beutelsend war mit bunten Blättern dekoriert und mit köstlichem Gebäck überladen. (Lobelia mochte Vetter Bilbo nicht leiden, aber selbst sie konnte nicht abstreiten, dass er etwas von gutem Essen verstand.) Um die Tafel herum saßen neun von Bilbos und somit auch Lobelias Verwandten, einer unsympathischer als der nächste. Links von Lobelia hatte Dora Beutlin platzgenommen, eine ebenso beleibte wie redselige Hobbitdame, die Bilbos Erzählungen immer wieder mit stumpfsinnigen Fragen unterbrach. Daneben befand sich Lobelias Onkel, Rollo Gruber, bei dem sie während ihrer Zeit in Hobbingen untergekommen war. Im Grunde mochte Lobelia ihn, doch das laute Schmatzen, mit dem er sich über Bilbos Kuchen hermachte, irritierte sie gewaltig. Auf der anderen Seite der Tafel konnte sie die Gesichter einiger Vettern und Basen erkennen, unter ihnen auch, zu Lobelias großem Unmut, Otho Sackheim-Beutlin, wie er sich inzwischen nannte. Sie hatte lediglich geschnaubt, als sie davon erfahren hatte, obwohl es im Auenland gängige Praxis war, den Familiennamen seiner Mutter weiterzuführen, wenn dieser auszusterben drohte. Doch Lobelia hatte lediglich an die Prahlerei Othos zurückdenken müssen, um das Ganze als Wichtigtuerei abzutun.
    Bilbo war inzwischen bei der Stelle angelangt, an der die Trolle begannen, sich gegenseitig in die Haare zu kriegen. Tante Dora giggelte und Lobelia spielte mit ihrem Löffel.
    Das brachte sie auf eine Idee. Unauffällig warf sie Bilbo einen Blick zu. Er schien ganz in seiner Geschichte aufzugehen. Sicher würde er es nicht bemerken, wenn sie...
   Lobelia zögerte. Sie hatte schon immer ein Talent dafür besessen, Gegenstände mitgehen zu lassen, ohne dabei ertappt zu werden. Ob es nun die Spielzeuge ihres Bruders, die Tabakdosen ihres Großvaters oder ein paar Silberlöffel von der Tafel ihres Gastgebers waren – Lobelias Sammlung wuchs und wuchs. Dabei war es nicht unbedingt das erbeutete Gut, welches sie anzog, sondern die Aufregung und buchstäblich diebische Freude des Überlistens, wenn man einen kleinen, aber wertvollen Gegenstand in der eigenen Tasche verschwinden ließ.
    Doch in letzter Zeit war Lobelia vorsichtiger geworden. Sie zählte vierunddreißig Jahre und war keine leichtsinnige Zwien mehr, der ein paar Flausen schnell verziehen wurden. Inzwischen erwartete man eine gewisse Reife von ihr und da Lobelia großen Wert darauf legte, mit dem Respekt, der einer Erwachsenen zustand, behandelt zu werden, musste sie auf ihren Ruf achtgeben. Mit einem bedauernden Blick legte sie den Silberlöffel auf die Untertasse und begann stattdessen, die Mienen ihrer Leidensgenossen zu studieren. Die meisten Anwesenden schienen gar nicht genug von Bilbos Abenteuern zu bekommen, nur ein Gesicht zeigte dieselbe Langeweile, die Lobelia empfand.
   Otho Sackheim-Beutlin hatte begonnen, einen Vogel aus seiner Serviette zu basteln. Halb abschätzig, halb fasziniert verfolgte Lobelia, wie der schlanke Hals eines Schwanes und die Flügel entstanden. Irgendwie erschien es ihr seltsam, dass der unausstehliche Otho etwas so Filigranes herstellen konnte.
   Es dauerte eine Weile, doch dann bemerkte der andere Hobbit, dass er beobachtet wurde. Otho sah auf und für einen Moment kreuzten sich ihre Blicke, bevor Lobelia eine hochmütige Miene aufsetzte und wegsah. Sie hatte den Sommertag vor vier Jahren nicht vergessen. Tatsächlich vergaß Lobelia Straffgürtel niemals eine Unhöflichkeit, die ihr gegenüber begangen wurde, ganz zu schweigen davon, dass sie eine vergab.
    Endlich beendete Bilbo seinen Monolog und die damit verbundene Mahlzeit.
    „Nachdem wir nun unsere Bäuche gefüllt haben, erscheint mir ein wenig Bewegung ganz passend“, verkündete er fröhlich und strich seine Weste glatt. Das übliche Verbeugen seiner Gäste nach dem Essen quittierte er mit einer beschwichtigenden Geste. „Bitte, bitte, nicht zu viel der Höflichkeit!“ Er lächelte, sichtlich geschmeichelt. „Wer möchte einen kleinen Rundgang durch Beutelsend unternehmen?“
    Natürlich war die Begeisterung groß. Lobelia sah Othos Augen aufleuchten. Sie selbst musste sich zusammenreißen, um nicht ebenso enthusiastisch zu reagieren. Beutelsend war der mit Abstand schönste Smial, den sie je gesehen hatte. Mit seinen eleganten, langen Fluren, den vielen Fenstern und der wunderschönen Holzvertäfelung stellte es einen starken Kontrast zu Lobelias einfachem, funktionalem Elternhaus dar. Sie verspürte einen Stich des Neides, als sie daran dachte, wie ungerecht es war, dass sich vermögende, alleinstehende Hobbits solchen Luxus leisten konnten, während die meisten Familien in deutlich einfacheren Verhältnissen leben mussten. Dennoch wollte sie sich eine Führung nicht entgehen lassen, wenn auch nur, um anschließend die Nase darüber rümpfen zu können.
    Bilbo begann, die kleine Gruppe durch die einzelnen Räume der Höhle zu führen. „Beutelsend wurde von meinem Vater erbaut, nachdem er meine Mutter heiratete“, erklärte er und deutete auf zwei gerahmte Porträts an der Wand. „Wenn man sich die Zahl der Räume ansieht, ist es ganz offensichtlich, dass er auf viele Kinder gehofft hatte. Doch daraus wurde nichts. Nach seinem Tod ging Beutelsend deshalb an seinen einzigen Sohn – das bin ich.“
    „Und wer wird es nach dir erben?“, meldete sich eine Stimme zu Wort. Mehrere Köpfe, Lobelias eingeschlossen, wandten sich zu Otho um, der gesprochen hatte. Dora schnappte schockiert nach Luft.
    Bilbo warf seinem jüngeren Vetter einen durchdringenden Blick zu. „Nun, einer meiner Verwandten, nehme ich an“, sagte er schneidend. „Alles Weitere könnt ihr in meinem Testament lesen, sobald es gebraucht wird.“
    Lobelia konnte sehen, wie mehrere Gäste die Köpfe schüttelten und untereinander tuschelten. Sie selbst war überrascht von Othos Unverfrorenheit. Natürlich wusste er, dass er selbst dem Gesetz nach Bilbos nächster Erbe war. Aber vor allen darauf anzuspielen, während Bilbo anwesend war, erschien Lobelia selbst für seine Verhältnisse ungewöhnlich dreist. So wenig Sympathie sie Bilbo auch entgegenbringen mochte, es war mehr, als sie für Otho empfand.
    Sie gingen durch mehrere Räume, alle blitzend sauber und hübsch eingerichtet. Man merkte, dass Beutelsend schon lange keine kleinen Kinder mehr gesehen hatte. Ein paar junge Hobbits hätten sich mir nichts, dir nichts über die kostbare Pfeifensammlung hergemacht, die Vasen heruntergeworfen oder versucht, nach dem Schwert zu angeln, welches Bilbo in einem Anfall von Exzentrik über dem Kamin aufgehängt hatte.
    Im Vorbeigehen entdeckte Lobelia auf einem Sekretär aus polierten Holz eine alte Taschenuhr. Ihr Gehäuse glänzte golden und sie schien wertvoll zu sein, auch wenn die Zeiger stehen geblieben waren.
    Lobelia hielt inne, um die Uhr näher zu betrachten. Dabei wurde sie von Otho angerempelt, der versuchte, sich an ihr vorbeizudrängen.
   „He, pass gefälligst auf“, fuhr sie ihn an.
   „Steh‘ du nicht im Weg herum!“, gab Otho ebenso barsch zurück und schob sich an ihr vorbei. Lobelia sah ihm nach und spürte die alte Wut in sich aufsteigen.
    Sie warf einen weiteren Blick auf die Taschenuhr. Plötzlich kam ihr eine verrückte Idee. Sie drehte sich um und stellte fest, dass Bilbo und seine Gäste bereits ein Stück vorausgegangen waren. Niemand schien sie zu beachten.
   Mit einem verschmitzten Gesichtsausdruck streckte Lobelia die Hand nach der Taschenuhr aus. Schnell ließ sie diese im Ärmel ihres Kleides verschwinden. Dann schloss sie zu den anderen auf.
    Otho war in ein Gespräch mit ihrem Onkel versunken. Rollo gähnte, während Otho lautstark die Einrichtung des Smials kommentierte und das in wenig schmeichelhaften Tönen. Der Neid, der seinen Schmähungen zugrunde lag, war kaum zu überhören. Gerade begutachtete er mit abfälliger Miene das exotische Schwert, welches Bilbo von seiner Reise mitgebracht hatte.
    „Absolut geschmacklos! Wie soll man in Ruhe seinen Tee vor dem Kamin trinken, wenn einen so etwas dabei anstarrt?“
    Lobelia rempelte ihn im Vorbeigehen an. Otho unterbrach seinen Kommentar und wandte sich zu ihr um.
    „Was soll das?“, fragte er gereizt.
    „Ich bitte um Verzeihung“, sagte Lobelia spitz und ging weiter.
    Der Rest des Rundganges verlief angenehm ereignislos. Alle Hobbits außer Otho lobten Bilbos großartigen Geschmack und ließen sich gerne noch auf ein Getränk und einen kleinen Bissen einladen. Natürlich wusste Lobelia, dass Bilbo seine Verwandten liebend gerne losgeworden wäre, doch im Auenland galt es als grobe Unhöflichkeit, seine Gäste vor dem Abendessen herauszuwerfen und selbst der verschrobene, einzelgängerische Bilbo besaß doch als wohlerzogener Beutlin noch einen Rest guter Manieren.
    So setzten sie sich ein weiteres Mal an die große Tafel, während Bilbo durch die Höhle eilte, um neues Essgeschirr zu decken und seine Vorratskammer zu plündern.
    Als er das gute Porzellan aus einem der Glasschränke genommen hatte und damit ins Esszimmer zurückkehrte, wirkte er ungewöhnlich betroffen.
    „Mein lieber Bilbo, ist etwas nicht in Ordnung?“, erkundigte sich Dora Beutlin fürsorglich. Bilbo warf ihr einen seltsamen Blick zu.
    „Nicht unbedingt, nein“, antwortete er.
    „Aber was ist denn geschehen?“, fragte Dora erstaunt. Bilbo verschränkte die Hände hinter dem Rücken und erklärte in einem ungewohnt kühlen Tonfall: „Auf dem Sekretär im Kaminzimmer lag bis heute eine Taschenuhr, welche mir mein Großvater Mungo vererbt hat. Sie ist vor ein paar Tagen kaputtgegangen und ich bin noch nicht dazu gekommen, sie mir näher anzusehen. Aber jetzt ist das wohl nicht mehr nötig. Sie ist nämlich verschwunden.“
    Ein Raunen ging durch die Gruppe der Gäste, als die Nachricht sich verbreitete.
   „Aber wie konnte das denn passieren?“, fragte Gruffo Gruber laut. Er war ein eher simpel gestrickter Hobbit, der stets aussprach, was ihm gerade durch den Kopf ging.
    „Nun, entweder Taschenuhren können plötzlich Beine bekommen, oder Mungos hübsches Erbstück hat den Besitzer gewechselt“, antwortete Rollo mit gesenkter Stimme. Gruffo runzelte die Stirn.
    Das Geräusch von Metall auf Holzdielen war zu hören. Dora hatte ihre Gabel fallen lassen. Sie griff vergebens danach und wandte sich dann an Otho, der neben ihr saß.
    „Mein Lieber, könntest du mir vielleicht helfen?“, fragte sie etwas außer Atem. „Ich kann mich so schlecht bücken, du weißt ja, mein Rücken...“ Bevor Dora in eine Litanei über ihre vielen, hauptsächlich eingebildeten Gebrechen übergehen konnte, bückte Otho sich hastig nach der verlorengegangenen Gabel. Ein weiteres, ähnliches Geräusch war zu hören. Dieses Mal handelte es sich um einen schwereren Gegenstand, der Bekanntschaft mit dem Boden machte.
   Dora stieß einen kleinen Schrei aus. „Bilbo!“, rief sie. „Deine Taschenuhr!“
   Im Nu redete alles durcheinander. Dora riss die Hände vor den Mund, Gruffos Stimme überschlug sich fast und Bilbo nahm Otho ins Verhör, der zu stammeln begonnen hatte. Nur Lobelia zeigte keine Reaktion.
    „Ich... ich weiß wirklich nicht, wie das passieren konnte...“ Otho starrte auf die Taschenuhr, als wäre sie ein frisch gelegtes Drachenei. „Ich habe diese Uhr noch nie gesehen... wirklich, noch nie...“
    „Wie erklärst du dir dann, dass sie in deine Tasche geraten ist?“, erkundigte sich Bilbo.
    „Ich... nein, ich weiß nicht... also...“ Otho blickte hilflos in die Runde, als erwarte er, dass irgendjemand eine Erklärung für dieses Phänomen bieten würde.
    Dora schnalzte mit der Zunge. „Also wirklich, so etwas hätte ich von Camellias Sohn nicht erwartet. Eine Ungeheuerlichkeit.“
    Bilbo hatte die Augen leicht verengt. „Ich muss sagen, das ist eine Enttäuschung. Natürlich kann einem ein Fehler unterlaufen, aber zumindest eine Entschuldigung wäre angemessen.“
    „Ich habe die Uhr nicht gestohlen“, verteidigte sich Otho. „Sie muss in meine Tasche gefallen sein, als ich an dem Sekretär vorbeiging!“
    Rollo Gruber schnaubte lautstark. Bilbo schüttelte lediglich den Kopf.
    „Ich bitte dich, aber das ist lächerlich.“ Er warf dem sichtlich bestürzten jungen Hobbit einen milderen Blick zu. „Ich weiß, dass die letzte Zeit nicht einfach für dich war, Otho“, sagte er deutlich leiser. „Der frühe Tod deines Vaters war ein herber Schlag und muss dich und deine Mutter in einer schwierigen Situation zurückgelassen haben. Dafür habe ich Verständnis. Aber so etwas... Du weißt, dass du mich auch einfach um Geld hättest bitten können, um die Schulden deines Vaters zu begleichen.“
   Otho war hochrot angelaufen. Er antwortete nicht.
   Lobelia traute ihren Ohren kaum. Sie hatte direkt hinter Bilbo gestanden und war eine der wenigen im Raum, die seine Worte gehört haben konnten.
   Hatte ihr jemand von Longos unerwartetem Ableben berichtet? Sie konnte sich nicht daran erinnern. Noch mehr als diese Eröffnung erstaunte sie aber Othos Reaktion auf Bilbos Unterstellung. Sie hätte alles von ihm erwartet, Hochmut oder vehementes Abstreiten, aber nicht diese beinahe absurde Hilflosigkeit.
   Lobelia Straffgürtel empfand plötzlich ein Gefühl, das ihr zuvor völlig unbekannt gewesen war: Sie schämte sich.
    „Er sagt die Wahrheit“, hörte sie ihre eigene Stimme laut verkünden. Das Getuschel verstummte. Alle Aufmerksamkeit richtete sich nun auf sie. Otho starrte sie mehr oder weniger fassungslos an. „Ich meine, seht ihn euch an – er hat doch ganz eindeutig keine Ahnung, wie diese Taschenuhr in seinen Besitz gelangt ist.“ Lobelia deutete unwirsch in Othos Richtung. Hochrot und sprachlos wirkte dieser allerdings schuldbewusster, als von ihm beabsichtigt. „Außerdem, sollte man sich nicht im Zweifelsfall zugunsten des Beschuldigten aussprechen?“ Herausfordernd blickte sie in die Runde.
    „Also, ich weiß nicht“, begann Rollo zweifelnd. „Für mich sieht das ziemlich eindeutig aus.“
    Lobelia trat einen Schritt nach vorn und wandte sich direkt an Bilbo. „Vorhin, als du uns durch Beutelsend geführt hast, wollte ich mir die Uhr näher ansehen“, erklärte sie ungewöhnlich hastig. „Aber ich stand Otho im Weg und er versuchte, an mir vorbei zu gelangen. Dabei muss er gegen den Sekretär gestoßen sein und wahrscheinlich ist die Uhr so in seine Tasche geraten.“
   Bilbo hob eine Augenbraue und betrachtete Lobelia prüfend. Sie wusste genau, woran er in diesem Moment dachte: Die Silberlöffel, die nach der Rückkehr von seiner langen Abenteuerreise nicht mehr aufzufinden gewesen waren. Aber er sagte nichts. Stattdessen warf er einen Blick zu Otho, der mit hängenden Schultern unglücklich zu Boden starrte.
   „Wie dem auch sei, es ist ja nichts Schlimmes passiert und niemand ist zu Schaden gekommen“, sagte Bilbo schließlich. „Die Uhr ist wieder da und Lobelia hat Recht, im Zweifelsfall sollte man zugunsten des Verdächtigen entscheiden. Wenn ich dir zu Unrecht Vorwürfe gemacht habe, tut mir das leid, Otho.“ Er hielt seinem Vetter die Hand hin. Otho nahm sie mit einem leichten Zögern. Bilbo lächelte etwas schief. „Nun, ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ich könnte jetzt etwas zu Essen gebrauchen“, wandte er sich an seine Gäste. Diese Eröffnung wurde mit zustimmendem Gemurmel begrüßte. Die Tafel wurde schnell zu Ende gedeckt und über Bilbos exzellentem Käse und Wein war die Aufregung bald vergessen. Nur Otho verhielt sich ungewöhnlich still. Da seine abfälligen Kommentare von niemandem vermisst wurden, störte das jedoch nicht.
    Die Sonne war bereits untergegangen, als sich die Hobbits schließlich auf den Weg nach Hause machten. Ungeduldig wartete Lobelia, während ihr Onkel Rollo sich seine Jacke überzog, wobei er gleichzeitig ein Gespräch mit seinem Neffen Gruffo führte. Ihre Finger spielten mit der Schleife, die ihre Locken zusammenhielt, solange bis sich das Band löste. Lobelia murmelte einen Fluch. Sie hasste Verwandtenbesuche und dieser war kein bisschen besser gewesen als alle anderen.
    „Lobelia?“, hörte sie eine Stimme hinter sich sagen. Sie drehte sich um, das Schleifenband zwischen den Zähnen, während sie versuchte, ihre Haare zu bändigen.
    Otho hatte beide Hände in den Westentaschen vergraben und erweckte den Eindruck eines Hobbits, der sich in seiner eigenen Haut nicht ganz wohlfühlte.
    Lobelia beeilte sich, ihre Haare zusammenzubinden. „Was ist denn?“, fragte sie schärfer als beabsichtigt. Othos Anblick erinnerte sie an ihren misslungenen Streich, den sie einfach nur schleunigst vergessen wollte.
   „Ich... wollte nur, naja, ‚danke‘ sagen“, murmelte Otho. Er hatte eine Hand aus der Westentasche genommen und fuhr sich damit hektisch durch das dunkle Haar. „Das war... überraschend. Aber hilfreich.“
    Lobelia blinzelte. „Nichts zu danken“, sagte sie knapp.
    „Diese Sache mit der Uhr...“, begann Otho. „Ich habe wirklich nicht...“
    „Schon gut.“
    Er legte den Kopf leicht schief und sah sie an. Lobelia starrte zurück.
    „Gibt es sonst noch etwas?“, fragte sie kurz angebunden. „Mein Onkel wartet auf mich.“ Tatsächlich war er immer noch damit beschäftigt, Gruffo zuzuhören, aber das spielte jetzt keine Rolle.
    „Nun, ähm... Also, du hast mich da wirklich aus einer schwierigen Situation gerettet. Deshalb wollte ich fragen, ob ich dich vielleicht einladen kann. Auf eine Tasse Tee, oder so.“
    Lobelia hob die Augenbrauen. Wohin war der arrogante, redselige Otho verschwunden? Und woher kam dieser stammelnde, junge Hobbit, dessen Gesicht schon wieder verdächtig rot anlief?
    „Hm“, machte Lobelia. Sie dachte zurück an einen Sommertag vor vier Jahren, an eine Pastete und ein Limonadenglas. Aber gleichzeitig kam ihr wieder die Taschenuhr in den Sinn und Bilbos leise Worte, die nicht für Lobelias Ohren bestimmt gewesen waren.
    „Na gut“, sagte sie schließlich. „Wie wäre es mit morgen?“

***

Lobelia Sackheim-Beutlin hatte das respektable Alter von hundert Jahren erreicht, ohne ihre gefährliche spitze Zunge oder den unerschütterlichen Stolz zu verlieren, die man mit ihrem Namen verband. Wenn überhaupt, war sie noch berüchtigter geworden und seit ihr Sohn die Geschicke des Auenlandes in seinen Händen hielt, begegnete man ihr mit zusätzlicher Ehrfurcht und noch lauterem Tuscheln, sobald man sie außer Hörweite glaubte. Lobelia machte dies nichts aus, ganz im Gegenteil, es gefiel ihr. Sie bedauerte lediglich, dass ihr Mann nicht lang genug gelebt hatte, um diesen Triumph mit ihr zu teilen.
    Es hätte Otho gefallen zu wissen, dass seine Familie nun die mächtigste im ganzen Auenland war. Und wie glücklich er gewesen wäre zu erfahren, dass ihnen Beutelsend gehörte! Lobelia besaß keine Möglichkeit, es ihm mitzuteilen, doch es genügte ihr, seinen Traum am Leben zu halten, indem sie jeden Tag in Beutelsend aus vollen Zügen genoss.
    Doch das war nicht mehr so einfach. Schon vor Othos Tod war Lobelia nicht mehr die Jüngste gewesen. Ihre Knochen versagten ihr den Dienst und sie wurde von einer Erkältung geplagt, die einfach nicht abklingen wollte. Ihr alter Regenschirm diente ihr inzwischen mehr als Gehstütze denn als Schutz vor dem Wetter. Trotzdem unternahm sie jeden Tag einen Spaziergang durch Hobbingen, schon allein, damit all ihre missgünstigen Nachbarn sehen konnten, dass sie sich bei vollem Besitz ihrer Kräfte befand.
    Doch das, was Lobelia bei ihren Spaziergängen zu Gesicht bekam, gefiel ihr weniger und weniger. Die meisten Bäume, die seit ihrer Jugend den Weg gesäumt hatten, waren nun gefällt worden. Der Beutelhaldenweg existierte nicht mehr, dafür gab es überall neue Häuser, größer und weitaus hässlicher als jenes, in dem sie aufgewachsen war.
    Anfangs hatte Lobelia nur den Kopf abgewandt und in eine andere Richtung geblickt. Doch die Veränderungen ließen sich nicht mehr ignorieren. Auf ihrem Weg durch Hobbingen folgten ihr hasserfüllte Blicke. Als Mutter des Oberst war sie bekannt, aber nicht unbedingt beliebt. Die Hobbits gaben Lotho die Schuld, dass das Essen knapp und der Grüne Drachen geschlossen worden war. Ebenso machten sie ihn für den Mangel an Pfeifenkraut verantwortlich. Lobelia verzichtete darauf, sie eines Besseren zu belehren, obwohl sie wusste, dass Lotho keineswegs der Schuldige für all diese Engpässe war – zumindest nicht mehr.
   Es wäre einfacher gewesen, mit der geballten Abneigung umzugehen, wenn Otho noch bei ihr gewesen wäre. Zu zweit hatten sie es geschafft, allen Neidern und ungeliebten Verwandten zu trotzen. Sie waren etwas Besonderes gewesen, das konnte Lobelia nun sehen. Nach der Hochzeit ging es den meisten Hobbitpaaren darum, ein möglichst ereignisloses Leben zu führen, sich um den Garten und die stetig wachsende Kinderschar zu kümmern und hin und wieder ein paar Verwandte zu Tee und Klatsch einzuladen. Lobelia und Otho waren anders gewesen. Oh, sie hatten sich gestritten, dass die Wände gewackelt hatten. Manchmal hatte es Tage gedauert, bis einer von ihnen über seinen Schatten gesprungen war und eine Versöhnung einleitete. Aber sie hatten auch zusammengehalten wie Pech und Schwefel, gegen den Rest. Es hatte Lobelia nicht gestört, dass sie unbeliebt war, solange sie die zwei Hobbits, die sie liebte, an ihrer Seite wusste. Aber nun war Otho tot und Lobelias Leben viel leerer, als sie für möglich gehalten hatte.
    Sie hatte weitergelebt. Schließlich hatte es ihren alten Traum, Othos Traum, gegeben, für den sie kämpfen musste: Beutelsend. Doch nun war das Ziel erreicht. Lobelia hielt an ihrem Leben fest wie ein Ertrinkender an einer Planke, doch nicht für sich selbst, sondern für ihren Sohn.
    Lotho mochte das helle Haar von Lobelias Seite haben, doch ihren Scharfsinn hatte er nicht geerbt. Lobelia wusste das. Sie konnte die Schwächen ihres Sohnes im Stillen anerkennen und ihn dennoch lieben. Er war ihr Junge, ihr einziges Kind. Seinetwegen hielt sie sich trotz schmerzender Knochen aufrecht und ließ sich nicht unterkriegen. Ihr Sohn sollte eine Mutter haben, auf die er stolz sein konnte, so wie sie auf ihn stolz war.
    Den unverzichtbaren Regenschirm in der Hand ging Lobelia langsam den Weg entlang, der von Beutelsend aus durch Hobbingen führte. Dieses Mal wurde sie nicht angestarrt, denn es gab keine Hobbits, die sie hätten sehen können. Die Bewohner Hobbingens hatten sich in ihre Höhlen und Häuser zurückgezogen und die Fensterläden geschlossen. Niemand betrat mehr die Straße, wenn Scharrers Strolche unterwegs waren.
   Scharrer. Ihre dünnen, faltigen Hände ballten sich zu Fäusten, wenn sie an ihn dachte. Mit welcher Unverfrorenheit er ihren Sohn benutzt hatte, um seine Macht auszuweiten! Und mit welcher Gnadenlosigkeit er alles an sich riss, was er bekommen konnte – nicht, weil er es brauchte, sondern aus purer Lust am Leid der anderen! Lobelia biss die Zähne zusammen, um ihrem Ärger nicht laut Luft zu machen. Es nutzte nichts, sich mit Scharrers Leuten anzulegen. Sie gehörten zum Großen Volk und eine alte Hobbitdame von hundert Jahren konnte ihnen nichts entgegensetzen. Nein, es war klüger, sich bedeckt zu halten. Sie wusste, was mit denen geschah, die sich gegen die Strolche auflehnten. Lobelia hatte Gerüchte gehört von den Zuständen in den Löchern, die den Namen „Gefängnis“ kaum verdienten. Wer würde auf ihren Sohn Acht geben, wenn man sie festnahm? Denn dass die Strolche nicht davor zurückschrecken würden, eine alte Frau einzusperren, stand für sie außer Frage.
    Es war ein kalter Tag, später Herbst, doch auf der Straße lag kein Laub, denn es gab ja keine Bäume, die welches hätten abwerfen können. Lobelia starrte auf die Baumstümpfe, welche hier und da aus dem Boden ragten. Dies war nicht mehr das Auenland, in dem sie aufgewachsen war. Sie musste nur einen Blick auf den Bach werfen, eine dunkle Brühe, die träge vor sich hin floss, um zu erkennen, dass Scharrer vor nichts Halt machen würde. Es genügte ihm nicht, sich selbst zu bereichern. Er wollte das Auenland zerstören, so viel hatte Lobelia inzwischen begriffen.
   Sie wandte die Augen ab. Vielleicht, so dachte sie, war es am Ende auch ihre Schuld. Sie hätte ihrem Sohn etwas mehr gesunden Hobbitverstand einbläuen sollen. Aber sie war zu nachsichtig mit Lotho gewesen. Er war ihr einziges Kind und alles, das ihr nach Othos Tod geblieben war. Sie hatte Angst um ihn und fürchtete sich vor dem, was Scharrer ihm antun mochte, sobald er ihm nichts mehr nützen würde.
     Lobelia bemerkte, dass sie sich schwer auf ihren Regenschirm gestützt hatte. Mit all ihrer Willenskraft zwang sie sich, gerade zu gehen. Noch durfte sie nicht aufgeben, noch war sie nicht besiegt.
    Ihr Blick ging nach vorne. Ein paar Strolche kamen ihr entgegen. Sie führten einen schweren Wagen mit sich, zweifellos eine neue Ladung für Beutelsend, doch Nahrung befand sich mit Sicherheit nicht darin. Die Höhle, für die Lobelia so hart gekämpft hatte, war das Hauptquartier einer Räuberbande geworden. Jeden Tag wurden mehr Waffen geliefert, mit denen sich die Strolche ausrüsteten. Zahllose schmutzige Menschen gingen in ihrem Zuhause ein und aus, ohne zu klopfen oder sich die Schuhe auszuziehen. Und Lobelia hatte ihnen nichts entgegenzusetzen, denn sie standen unter Scharrers Schutz.
    Ein weiteres Mal ballte sie die Hände zu Fäusten. So tief war sie also gesunken, dass sie sich von einer Bande ungehobelter Wüstlinge herumkommandieren ließ. In ihrer Jugend hätte sie sich eine solche Frechheit niemals bieten lassen. So viele Jahre hatte sie für Lothos Recht auf Beutelsend gestritten, nur, damit dieser Scharrer es nun für sich beanspruchte und ihren Sohn als seine Marionette benutzte. Lobelia hatte genug davon. Sie konnte diese Schmach nicht länger ertragen, konnte nicht länger zusehen, wie diese Strolche ihr Leben und das ihres Sohnes zerstörten und dabei das ganze Auenland in den Abgrund rissen. Aber was sollte sie tun? Sie war nicht stark genug, um etwas gegen Scharrer auszurichten.
   Und doch konnte sie sich nicht abwenden, als die Strolche eine weitere Waffenlieferung in Richtung Beutelsend karrten. Als sie ihr Beleidigungen an den Kopf warfen und sie auslachten und bedrohten. Es war eine Schmähung zu viel.
    Lobelia Straffgürtel hatte sich nie etwas vorschreiben lassen und sie würde auch nicht damit anfangen. Stattdessen hielt sie ihren Regenschirm fest in der Hand, setzte ihre entschlossenste Miene auf und trat den Strolchen in den Weg.
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