Anni (I/III)

GeschichteMystery, Übernatürlich / P18
John Sinclair Suko
08.05.2011
10.05.2011
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„Wo bin ich da nur wieder rein geraten?“ fragte ich mich, als ich mich plötzlich auf einem Feld, nahe einem Wald wieder fand.
Das letzte woran ich mich erinnern konnte war, dass ich einen Dämon jagte. Ich folgte ihm und plötzlich war ich hier – wo auch immer hier sein soll – und es war garantiert nicht London; bei meinem Glück war ich durch ein Raum-Zeitportal getreten ohne es zu merken und hatte nicht nur das Land, sonder auch meine Zeit verlassen.
Ich blickte zum Himmel in eine sternenklare, kühle Vollmondnacht, doch an den Sternen konnte ich mich nicht orientieren. Also ging ich den Waldrand entlang in der Hoffnung irgendwann auf Zivilisation zu stoßen.
Schnell fand ich eine unbefestigte Straße und folgte ihr vom Wald weg. Irgendwann würde ich sicher auf eine Bauernschaft oder eine kleine Stadt treffen.
Nach etwas mehr als zwei Meilen konnte ich Lichter in der Ferne erkennen – ich war also auf dem Richtigen Weg.
  „Lassen Sie mich zu frieden!“ schrie eine Frau.
  Ich rannte und kam auf eine kleine Kreuzung. Wo musste ich nun lang? Weiter auf die Lichter zu oder rechts den Weg ab.
  „Sie sollen verschwinden!“ wieder die Frau, dieses mal näher.
  Erneut rannte ich und erkannte schnell zwei Schemen, die sich im dunklen rangelten
  Plötzlich schrie ein Mann auf. „Du Miststück… Du bist Stopfnadel Anni!“
  Ich erreichte den Mann, der sich vor Schmerz krümmte. Im Mondlicht erkannte ich, dass er eine SS-Uniform trug. Nun wusste ich, dass ich in Deutschland war und welches Jahr wir etwa hatten.
„Hat der Mann Sie belästigt?“ fragte ich die junge Frau, die etwas Längliches vor sich hielt.
  „Ja, das hat er. Und wenn Sie näher kommen, dann wird es Ihnen genau so ergehen!“
  „Das Miststück hat mir eine Stopfnadel in den Sack gerammt!“
  „Ich denke, dass Sie das auch verdient haben!“ sagte ich und konnte mir mein schadenfrohes Grinsen nicht verkneifen.
  „Du wagst es so mit einem Oberscharführer zu reden?“ Der SS-Soldat richtete sich auf und sah mich böse an. Die Tatsache, dass er mehr als einen Kopf kleiner war wie ich schien ihn nicht zu stören; er schien tatsächlich zu glauben dass allein sein Titel mir Angst machen würde.
„Du verdammte Judensau!“ schrie er und holte aus. „Ich mach dich kalt!“
  Ich wich seiner Faust aus, nutze seinen Schwung aus und nahm ihn in den Polizeigriff.
„Jetzt entschuldigst du dich erst mal bei der Dame, sonst melde ich dich deinem Oberscharführer!“
  „Als wenn er auf einen dreckigen Juden wie dich hören würde!“
  „Ich enttäusche dich ja nur ungern, aber ich bin kein Jude! Und wenn du nicht spurst, werde ich zu deinem schlimmsten Alptraum!“
Langsam verstärkte ich meinen Griff um meinen Worten Nachdruck zu verleihen.
  Der Soldat entschuldigte sich, wenn es auch nicht ernst gemeint klang. „Und nun lass mich gehen!“
  „Aber nur, weil du so lieb BITTE gesagt hast!“ Ich drehte ihn von der Frau weg, ließ ihn los und gab ihm einen so derben Stoß, dass er auf allen Vieren landete.
  Schnell rappelte der Soldat sich auf. Er drohte mir und der Frau noch, dass wir das alles noch bereuen würden. Und bevor er dann endgültig verschwand machte er noch mal den Hitler-Gruß.
  „Wie konnte so was nur an die Macht kommen?“ fragte ich mich und sah dem Soldaten kopfschüttelnd nach.
  „Ich habe den garantiert nicht gewählt!“
  Langsam drehte ich mich zu der Frau und fragte sie, ob ihr irgendwas passiert ist.
  „Danke, mir geht es gut!“ sagte sie und streckte mir die Hand hin. „Vielen Dank für ihr Eingreifen, mein Herr.“
  „Keine Ursache!“ ich ergriff ihre Hand und stellte mich vor.
  „Es freut mich Ihre Bekanntschaft zu machen, Herr Sinclair. Mein Name ist Annette Maggi!“
  „Maggi wie Knorr?“ Zugegeben, ich hatte schon mal bessere Witze drauf, aber das konnte ich mir nicht verkneifen.
  „Verzeihung?“
  „Nicht so wichtig!“ winkte ich ab. Entweder waren Ravioli aus der Dose noch nicht bekannt, oder aber Anni war nicht mit dem Urahn der Tütensuppe verwandt.
„Darf ich Sie nach Hause bringen, Fräulein Knorr?“
  „Sehr gerne. Aber bitte, nennen Sie mich Anni!“
  „Dann nennen Sie mich John.“ Ich bot Anni meinen Arm an und sie hakte sich unter.

„Wenn Sie mir die Frage erlauben, warum hat der Soldat Sie Stopfnadel Anni genannt?“
  „Deswegen!“ Anni zückte eine lange und stabile Stopfnadel aus ihrer Handtasche. „Er ist nicht der erste Soldat, der sich beim Tanz als Ehrenmann ausgibt und dann später zum aufdringlichen Freier wird.“
  „Sie wissen sich zu wehren, Anni!“ Ich sah die lange und spitze Nadel an, die ohne weiteres durch jeden Stoff dringen konnte um jemanden zu piesacken. Und wenn Anni den Soldat wirklich da getroffen hatte, wo er behauptete, so war die Methode eine sichere Abwehrmethode.
  Sie lachte: „Ja, das tue ich. Aber nun habe ich eine Frage an Sie John. Wo kommen sie her.“
  „London!“
  „Und wann?“ fragte Anni weiter.
  „Ich bin erst vor kurzen in Deutschland angekommen.“
  „Das meinte ich nicht!“ Anni blieb stehen und sah mich an. „Ich will wissen, aus welcher Zeit Sie sind, John?“
  Perplex sah ich Anni an. Woher wollte sie wissen, dass ich nicht aus dieser Zeit stammte? Hatte meine Kleidung mich etwa verraten?
„Vielleicht sind wir in London schon etwas moderner, aber deswegen bin ich doch nicht gleich aus einer anderen Zeit.“
  „Sie können mich nicht anlügen, John!“ sagte Anni. Sie sah mich an, doch im halbdunkeln konnte ich ihren Blick nicht deuten. „Oft sehen Sie dem Tod ins Auge. Treffen auf Wesen, die Menschenblut trinken. Tote, die ihre Gräber verlassen. Sehen Lichtwesen und Schattengestalten. Menschen, die sich bei Nacht…“
  „Schon gut!“ mit einem Seufzen unterbrauch ich sie. Wenn sie schon die Untoten so differenzierte, würde es bis morgen dauern bis sie jede Dämonengruppe genannt hatte, mit der ich es schon mal zu tun hatte.
„Sie haben Recht, ich komme aus einer anderen Zeit!“
  Anni lächelte mich an. „Erzählen Sie mir davon!“
  „Tut mir Leid, dass darf ich nicht!“ sagte ich. „Ich hätte mich eigentlich nicht mal einmischen dürfen, als diese Karikatur von einem Soldaten seine Manieren vergaß.“
  Wieder lachte Anni. Es war ein damenhaftes Lachen das sie hinter vorgehaltener Hand versteckte.
„John, ich wusste dass Sie kommen würden. Oder denken Sie wirklich, dass ich den langen Weg nach Hause gewählt hätte, wenn ich nicht von ihrer Ankunft hier wüsste?“
  Ich konnte nur stumm nicken. Diesen Argumenten hatte ich nichts entgegen zu bringen.

  Wir gingen noch eine Weile bis wir endlich Annis zu Hause erreichten. Auf den ersten Blick war es ein altes Bauernhaus, aber ich konnte keine Stallungen sehen, nur eine alte Scheune.
  Anni ging zur Haustür machte sie auf. „Mutter, ich bin wieder da!“ rief sie.
  „Du bist spät, ich hab mir schon Sorgen gemacht!“ Annis Mutter kam, mit einer Öllampe in der Hand zur Tür. „Wo warst du so lange? Und wer ist das?“
  „Mutter, das ist Herr Sinclair. Er hat mir geholfen, als ein Soldat mich auf dem Heimweg belästigt hatte.“
  „Guten Abend, Frau Maggi!“
  „Vielen Dank, dass Sie meine Tochter begleitet haben!“ sagte Annis Mutter und bat mich rein. Im Haus war es dunkel, nur die Öllampe spendete uns Licht. Nun konnte ich Anni das erste Mal im Licht sehen.
Sie war eine wunderschöne junge Frau von etwa achtzehn Jahren. Ihr rotblondes Haar trug sie halblang und leicht gelockt; eine typische Frisur zu dieser Zeit. Ihr Gesicht war voll von Sommersprossen. Ihre Oberlippe hatte eine Markante Form und bildete ein deutliches M direkt unter der Nase, als sie mich anlächelte. Es war ein Lächeln, dass ihre blaugrünen Augen zum strahlen brachte. Augen, in denen ich mich verlieren konnte…
  „Es sind schlimme Zeiten, wenn nicht mal mehr Soldaten ehrlich sind. Wie kann ich Ihnen nur für ihre Hilfe danken?“
  „Schon in Ordnung. Ich habe der jungen Dame doch gerne geholfen.“
  „Seien Sie nicht so Bescheiden!“ tadelte Anni mich und wandte sich dann an ihre Mutter. „Er braucht einen Platz für die Nacht.“
  „Sie können in der Scheune Schlafen!“ sagte Frau Maggi und wies Anni an, Decken zu holen. „Es ist zwar nicht sehr komfortabel, aber etwas anderes können wir Ihnen nicht bieten.“
  „Danke, das ist schon mehr als Großzügig!“ sagte ich. Zu dieser Zeit war es immerhin ein Risiko einen Fremden bei sich aufzunehmen, und dann noch einen Ausländer.
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