Evoked

von Noxia
GeschichteDrama / P16
Romualdo Tarabas
07.05.2011
07.05.2011
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Seine blassen grünen Augen starrten an die Decke. Das dunkle Himmelbett war wie eine Festung. Die schwere Decke hielt ihn an Ort und Stelle. Romualdo konnte seinen Blick nicht abwenden. Es war als würde sie ihn magisch an sich ziehen. In der Dunkelheit lag etwas. Ein ferner Hauch von fremden Atem an seiner Schläfe. Es war, als würde etwas zu ihm sprechen, doch es war zu leise um es zu verstehen. Wie benommen war sein Blick gebannt, eine ferne Kraft hatte ihn in sich gezogen und wollte ihn nicht preisgeben. So fühlte er es, doch in Wirklichkeit lag dort nichts. Nichts was ihn bannen könnte. Nur das Mahagoni des dunklen Baldachins.

Ein leises Stöhnen erreichte seine Ohren. Die Augen richteten sich müde auf den Verursacher. Lange dunkle Locken versteckten ein helles Gesicht. Ein paar Strähnen lockerten sich und offenbarten Fantaghiro. Die Augen fest verschlossen. Die vollen Lippen zu einem friedlichen Lächeln geformt. Zu gerne würde er wissen, was sie in diesem Augenblick so glücklich machte. Welcher Traum sie davon trug. Ihm fiel es nicht so einfach. Es nagte an seinem Innersten. Das Ungewisse, was ihm ins Ohr säuselte, dass das nicht alles ist. Das ihm das Gefühl in den Bauch legte, sich nach etwas zu sehnen.
In seiner Erinnerung sah er, wie er ihre blasse Haut berührte. Seine leicht gebräunten Finger im starken Kontrast. Es wirkte, als hätte es immer so sein sollen. Als wäre dies die Krone aller Dinge. Über ihre Haut zu fahren. Ihren Körper zu berühren und ihn für sich zu beanspruchen. Ihre Wärme anzunehmen und sich in ihr Geborgen zu fühlen.
Doch jetzt, wo die Kälte der Nacht ihn eingeholt hatte und er wach lag, hatte er das Gefühl beraubt worden zu sein. In seinen Gedärmen fehlte etwas, zumindest fühlte es sich so an.  Seine linke Hand fuhr hoch zu seiner Stirn. Sie legte sich darauf, als würde sie jeden Moment die Erkenntnis über ihn bringen. Aber nichts kam. Seine grünen Augen waren mit einem fernen Blick versehen. Er hob noch mal die Hand und strich sich durch die Haare. Sie waren wild um seinen Kopf auf dem Kissen drapiert. Strähnen aus dunklen Blond und Nussbraun vielen ihm in das Gesicht. Ein sanftes Seufzen entkam seinen Lippen. Dann zogen sich seine Augenbrauen zusammen. Wo kam die Wut plötzlich her? Es fühlte sich an, als wäre sie einfach in seinen Kopf geschossen und hielt ihn fest.
Er riss die Decke zur Seite. Er erinnerte sich, dass Fantaghiro noch immer neben ihm lag. Sein Blick prüfte, ob sie erwacht war. Aber sie hatte sich nur gedreht. Das Mondlicht streichelte ihr über das Gesicht und ließ sie überirdisch erscheinen, doch es beglückte ihn dieses Mal nicht. Er fand es merkwürdig, immer schon war er ihn ihre einzigartige Schönheit verliebt. Dieser Strudel aus Tau Frische und unendlicher Anmut. Aber es war nicht da, dieses Kitzeln was ihm sagte wie sehr er sie liebte. Es war so komisch, dass es ihm augenblicklich Angst einjagte. Was war nur mit ihm passiert? Diese Nacht war die Erfüllung seiner Träume. Vereint mit seiner Fantaghiro, doch es war nicht da. Dieses Gefühl der vollkommenen Glückseligkeit. Es schlug ihm fast ins Gesicht. Er fühlte sich betrogen und er hatte das Gefühl sie betrogen zu haben. Beide hatten so hart für ihre Liebe gekämpft und nun saß er in ihrem Bett und betete gen Himmel, dass er es doch auch endlich spüren könne.

Romualdo schob vorsichtig die Decke bei Seite. Noch immer schwebte in ihm diese neue Wut, deren Herkunft ihm völlig unbekannt war. War er unzufrieden? Damit dass er alles bekommen hatte? Vielleicht war es das. Er hatte es schon oft gehört. Menschen kriegen was sie sich sehnsüchtig wünschen und wollen es dann nicht mehr. Es ist verbraucht, nicht mehr neu, kein Ideal mehr sondern Realität. Er sträubte sich, fuhr mit den Händen übers Gesicht, immer wieder in der Hoffnung es abschütteln zu können. Der erste Fuß fand die Berührung mit dem Boden, dann der zweite. Er hievte sich langsam herum und stand auf. Das Bett gab ein leises Geräusch von sich. Das hatte er vorher gar nicht gemerkt? Waren sie so verloren in dem Moment gewesen? Er schluckte. Eigentlich hätte er darüber grinsen wollen, doch die Freude erreichte ihn nicht.
Das kalte Wasser traf ihn wie Nadelstiche. Er schaute auf. In einem Spiegel, der über eine Waschschüssel gelehnt war, konnte er sich selbst erkennen. Er hatte Augenringe, hatte er die gestern schon? Alles war so fremd und merkwürdig. Die Haare klebten nass an seinem Schädel. Seine Beine hatte er in eine dunkle Hose gekleidet, der Oberkörper war noch entblößt. Sanft rollten Tropfen an ihm herunter, die Kälte nahm er dankend auf. Das Gefühl zumindest ein wenig erlöst zu werden. Auch wenn es nur für den Moment war und hervor hergerufen durch das Wasser.

Romualdo dachte nach. Was hatte das verursacht. Sie waren von Darken zurückgekehrt, hatten ihn besiegt. Fantaghiro hatte ihn befreit und er hatte Tarabas Vater getötet. Dieser war mit Angelika davon geritten. Er kniff die Augen zusammen, als ihm die Bilder der Prinzessin ins Gedächtnis sprangen. Warum wollten Frauen immer mit aller Macht einen Mann für sich gewinnen? An ihrer Stelle wäre er taktischer vorgegangen. Auch wenn Romualdo zuerst lieber gestorben wäre, als Fantaghiro aufzugeben. Im Nachhinein und im Angesicht der Dinge die dort passiert waren, hätte er anders gehandelt. Ein Grinsen überkam ihn. Er hätte Tarabas begleitet. Ja. Ihn beratschlagt und nicht ihn überrannt. Ein langsames Bündnis aufgebaut und ihn dann mit seinem Willen konfrontiert, wenn schon etwas da gewesen wäre. Der Hauch einer Freundschaft oder etwas anderem. Ein Stich traf ihn in die Magengegend, was dachte er da? Sich Gedanken machen wie er Tarabas erobert hätte? Das war fremd. Das war doch nicht er. Er hätte zwar sein Leben damals für sie gegeben, auch wenn Fantaghiro der Mann gewesen wäre, den sie vorgab zu sein. Aber dies hier hatte eine völlig andere Tiefe. Es war so eigenartig, dass in seinem Bauch sich etwas bewegte. Wie unzählige kleine Raupen, die sich ihren Weg bahnten. Sie tummelten sich dort und kosten sein Innerstes. Er war aufgeregt, warum? Hatte ihn das so aufgewühlt?

Die Wasserschüssel fiel zu Boden und zerbrach. Das Wasser schwabbte gegen seine Füße.  Wieder die Wut. Sie hatte seine Hand automatisch zum Porzellan gerissen und es von dem kleinen Tisch gefegt. Dann musste er lachen. Das war alles so absurd. Wie eine überzogene Theatervorstellung von den vielen Kindern unten im Hof. Es war lächerlich. Nach alldem was er erkämpft hatte, was er erlebt und über sich ergehen lassen musste, ließ er sich nicht zu solchen unsinnigen Ideen hinreißen. Der Gedanke war pures idiotisches Denken einer lang ersehnten Nacht, sein Kopf spielte verrückt. Vielleicht konnte einfach noch nicht erfassen was passiert war. Egal was es war, niemals wäre es das, was ihm in den Sinn gekommen war, als er an den Zauberer dachte. Niemals wäre es so etwas lächerliches, in Anbetracht der Tatsachen. Niemals würde er auch nur den Hauch eines Zugeständnisses machen. Nein, das letzte was er hatte, waren Gefühle für den Magier.