Geschichte: Freie Arbeiten / Prosa / Horror / Horror / Mirror.

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Mirror.

GeschichteDrama, Thriller / P12 / Gen
01.05.2011
01.05.2011
1
5.381
 
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01.05.2011 5.381
 
M i r r o r


Inspiration: The girl in the mirror.
Genre: Horror
Disclaimer: Meins.
Art: OneShot

»Schatz? Wach auf, dein Frühstück ist fertig.«
Meine Augen waren immer noch geschlossen und ich verstand nicht, wer mit mir sprach. Das dunkle Bett, in dem ich lag, war noch warm und gemütlich. Ich fühlte mich geborgen und wollte auf keinen Fall nach draußen in die Kälte.
Ich hielt meinen Teddy, den ich seit meiner Geburt hatte, im Arm und dachte an meinen Traum, während ich durch die liebevolle Stimme und das sanfte Rütteln meiner Mutter nicht richtig wachwerden wollte.
Mein Traum war wirr und eigenartig. Ich träumte von zerbrochenen Scherben, vielen leeren Alkoholflaschen und vielen Menschen, die Angst hatten. Und Blut. Viel Blut.
»Schatz, du musst zur Schule. Und außerdem müssen dein Vater und ich mit dir reden.«
Schlagartig wurde ich wach und öffnete meine Augen.
Überrascht stellte ich fest, dass meine Mutter am Rand meines Bettes saß und mich eigenartig ansah. Ich hatte so einen Blick nur einmal bei ihr gesehen. Das war vor vielen Jahren, als die Beerdigung meines Onkels stattfand. Sie sah traurig aus, hatte aber nicht geweint.
Sie weinte erst, als wir nach Hause kamen. Sie hatte sich im Schlafzimmer eingeschlossen und ich saß am Esstisch, während mein Vater irgendetwas im Flur mit einem Bekannten klärte.
Das war einer der Momente, in denen ich mich allein und ziemlich distanziert von meiner Familie fühlte. Es war eine merkwürdige Leere, die sich in meinem Herz ausbreitete. Alles war so still und merkwürdig. Die Atmosphäre an dem Tag konnte nicht schlimmer sein.
Und meine Mutter sah mich wieder mit solch einem Blick an. Und es machte mir Angst.
»Mom? Was ist los?«, fragte ich völlig wach und klar.
»Nichts, Schatz. Alles in Ordnung. Mach dich nur fertig. Wir müssen einfach nur mit dir reden.«
Ich schluckte und sah auf die Uhr. Kein Wunder, dass mein Wecker mich nicht aus dem Schlaf gerissen hatte. Es war 6:00 Uhr. Eigentlich sollte ich erst eine halbe Stunde später aufwachen, um noch genussvoll einen Kaffee zu trinken, bevor ich in die Schule gehen sollte.
»Ich habe dich früher geweckt, damit wir uns nicht so hetzen«, erklärte sie kurz, bevor sie durch die Tür verschwand.
Ein unangenehmes Gefühl machte sie in mir breit. Meine Eltern hatten in letzter Zeit viele Probleme. Geldprobleme, Erziehungsprobleme, Eheprobleme.
Geldprobleme, weil wir nicht gerade vom reichen Hause waren. Mein Vater hielt es für nötig ein neues Auto zu kaufen und nun mussten wir bei allen möglichen Dingen sparen.
Erziehungsprobleme, weil meine Schwester und ich keine Vorzeigekinder waren. Gut, eigentlich war nur ich kein Vorzeigekind. Meine Schwester war perfekt. Sie sah wunderschön aus, hatte einen wunderbaren Stil, schrieb gute Noten und wirkte stets freundlich und nett. Ich jedoch sah nicht gerade wunderschön aus und in letzter Zeit noch weniger. Dank den schlaflosen Nächten, dem Stress und dem Gefühl von Angst. Mein Aussehen könnte auch ein Grund sein, warum sich kein Junge in mich verliebte. Und meine Noten hatten sich in letzter Zeit auch drastisch verschlechtert.
An die Eheprobleme konnte ich mich schon lange zurück erinnern. Ich wusste nicht wie es war, einen Abend vernünftig mit meinen Eltern zu verbringen. Es wurde gebrüllt, gezankt und ständig fielen gemeine Bemerkungen. Am Ende war entweder ich oder die Situation der Gesellschaft schuld. Aber meine Schwester war der absolute Engel auf Erden.
Langsam stand ich auf und wählte die dunkelsten Klamotten aus, die ich hatte. Ich spürte, dass der Tag nichts Gutes versprach. Dementsprechend sollte ich mich anziehen.

»Guten Morgen, Schwesterherz.«
Mir wurde von Victoria's Stimme regelrecht übel. Diese ›Ich bin so perfekt‹-Stimme. Widerlich.
»Morgen«, begrüßte ich sie, obwohl ich das Schweigen eigentlich vorgezogen hätte. Aber das würde nur zu Diskussionen führen und dann würde Victoria, meine liebe Schwester, Recht haben mit all ihren lächerlichen Beschuldigungen.
»Mutter und Vater möchten uns sprechen. Was meinst du? Um was geht es?« Sie kam gerade aus dem Badezimmer und hatte sich geschminkt. Sie sah schön aus. Wie weh es auch tat das zuzugeben, aber es stimmte. Ihre schulterlangen, braunen Haare lagen perfekt. Ihre malachitgrünen Augen, die mit einem dünnen Kajalstrich betont waren, musterten mich eingehend und ihre, mit Lippgloss bedeckten, Lippen waren leicht geöffnet.
»Keine Ahnung«, meinte ich kurz und wollte an ihr vorbei ins Bad. Doch sie lächelte siegessicher und machte keine Andeutungen mir den Weg freizumachen. »Lass mich durch«, verlangte ich, aber man hörte deutlich die Unsicherheit und Verklemmtheit in meiner Stimme. »Wie du willst. Guck aber nicht in den Spiegel. Dein Spiegelbild erschreckt dich bestimmt«, säuselte sie grinsend.
Ich verstand ihre Anspielung.
Sie machte sie lustig. Zum Teil fand sie mich hässlich, doch das war mir an ihrer Anmerkung egal. Sie meinte wahrscheinlich nicht einmal mein Aussehen.
Mutter hatte es ihr also erzählt...
Gestern geschah etwas Eigenartiges. Es war am Abend, als ich mir die Zähne putzte. Vielleicht bildete ich es mir nur ein, aber es kam mir so vor, als würde sich mein Spiegelbild bewegen, ohne dass ich mich bewegte.
Ich hatte wollte mich gerade umdrehen und das Badezimmer verlassen, als mir auffiel, dass sich mein Abbild nicht bewegte. Langsam drehte ich mich wieder zum Spiegel und sah, dass ich mich selbst angrinste. Mein Spiegelbild sah mich mit einem bösen Grinsen an, während mein wirkliches Gesicht ängstlich und verzweifelt war. Ich verstand nicht, was los war und war zu verwirrt. Aber als das Licht ausging bekam ich vollkommen Panik und rannte zur Tür, die ich sofort aufriss. Und als ich die liebe Victoria sah, die ihre Hand auf dem Lichtschalter hatte, rastete ich völlig aus. ›Völlig ausrasten‹ war in meinem Fall ›Blöde Kuh!‹ rufen und heulend in mein Zimmer laufen, das ich mir glücklicherweise nicht mit ihr teilen musste.
Ich weiß nicht wieso, aber in der Gegenwart meiner Schwester fühlte ich mich immer schwach. Vielleicht weil sie so perfekt war.
An dem besagten Abend saßen meine Mutter und ich länger am Esstisch. Als sie mich fragte, warum ich so verheult aussah, erzählte ich ihr die Sache mit meinem Gegenstück. Und wie ich jetzt merkte, hatte sie es Victoria erzählt.
»Halt die Klappe, Victor«, meinte ich und freute mich innerlich, als ich ihren verblüfften Blick sah. Ha! Sie hat wohl nicht erwartet, dass ich sie mit einem männlichen Namen beschimpfe. Ohne zu stottern oder zu stammeln.
Insgeheim gab es sogar einen ›Anti-Victor‹-Club. Die Mitglieder waren meine beste Freundin Puke, (was eigentlich 'Kotze' bedeutet. Ihren richtigen Namen, Lea, findet sie zu langweilig, was ich nicht verstehe) und Kim, mein bester Freund. Puke kannte ich seit ich denken kann. Wir gingen in denselben Kindergarten, dieselbe Grundschule und auf dasselbe Gymnasium. Wir waren unzertrennlich und teilten praktischerweise den selben Hass auf mein Schwesterherz. Aber sie hat auch einen ziemlich guten Grund. Victoria hatte ihr ihren Freund ausgespannt. Und dieser Idiot hatte wahrscheinlich nichts bemerkt, außer ihren prallen Titten und war sofort wie ein Hündchen zu ihr gelaufen. Und Kim? Nun, in Kim war ich heimlich verliebt, aber nie im Leben würde ich es zugeben. Zu groß war meine Angst vor eine Absage. Einem Korb, wie man so schön sagte. Also würde ich lieber mit Kim befreundet sein, als danach eine kaputte Freundschaft wegen mir und meinen Gefühlen zu haben. Er regt sich übrigens auch wegen seinem Namen auf, weil dieser sowohl männlich, als auch weiblich war. Ich fand ihn schon immer schön.
»Sieh an, wirst mutig. Hoffentlich wird das nicht zur Gewohnheit.« Ihre Stimme war ernst und bestimmt geworden, doch sie ging einfach an mir vorbei, ohne mich eines Blickes zu würdigen.
Mit einem leisen Seufzen betrat ich das Badezimmer und schaltete das Licht an.

Okay, ganz ruhig. Gestern hatte ich mir das alles bestimmt nur eingebildet. Ich hatte zu viel Stress und fühlte mich nicht so gut. Ich hatte eine viel zu ausgeprägte Fantasie.
Doch trotz all meinen Gedanken, die mich lockerer machen sollten, pochte mein Herz schnell und laut. Mein Atem ging unregelmäßig und ich versuchte meine Angst hinunterzuschlucken.
Unsicher tapste ich mich zum Waschbecken, über dem der große Spiegel hing. Das Badezimmer war sehr hell und eigentlich schön eingerichtet. Nur der Spiegel machte mir schon ab dem ersten Moment angst. Er war groß und irgendwie dunkel. Eine eigenartige Aura ging von ihm aus, die sich nicht beschreiben ließ.
Ich nahm meine Zahnbürste und ganz langsam wanderte mein Blick auf den Spiegel.
Die Person, die mich ansah, hatte schlichte, unschuldige, grüne Augen. Ihre schwarzen, lange Haare waren gelockt und hingen langweilig auf ihren Schultern herab. Die Person hatte keine wunderschöne Figur. Keine bemerkenswerte Oberweite, keine schönen Rundungen und war viel zu dünn. Ihre Haut war hell , außer den Augenringen unter den Augen; sie waren dunkler, als ihre Haut.
Selbstzweifel plagten mich schon lange. Und die Person im Spiegel wohl auch.
Ich atmete erleichtert aus, als ich sah, dass ich nicht wie eine Geisteskranke grinste. »Meine Güte«. flüsterte ich kopfschüttelnd und begann meine Zähne zu putzen. Währenddessen betrachtete ich mich im Spiegel, wie eingebildet das auch klingen mag. Trotzdem war etwas komisch.
Etwas stimmte nicht.
Automatisch begann ich weniger heftig zu bürsten und nahm die Zahnbürste aus meinem Mund.
Die Person im Spiegel putzte jedoch weiter. Und die Handbewegungen wurden schneller und heftiger. Und dann begann das Mädchen zu grinsen. Sie grinste mich durch den Spiegel an, während ich mich zusammenreißen musste nicht los zuschreien und loszuheulen.
Als sie ihre Zähne entblößte, um zu grinsen, erkannte ich das viele Blut an ihren Zähnen. Sie schrubbte an ihrem Zahnfleisch und ihre Zähne waren erst rosa, wurden mit jeder Sekunde röter.
Dann spürte ich einen Schmerz in meinem Mund. Es war unfassbar. Ich ließ meine Zahnbürste fallen und meine Hand wanderte auf meinen Mund. Die Augen des Mädchens im Spiegel leuchten mordlustig.
Ich berührte meine Zähne und sah auf meine Hand. Nur Zahnpasta, kein Blut. Mein Herz schlug so stark, dass es wehtat.
Schnell sah ich wieder in den Spiegel.
Die Schwarzhaarige hatte einen ängstlichen und schockierten Gesichtsausdruck. Sie sah blass und fertig aus. Sie zeigte eine angespannte und unruhige Miene.
Das war ich. Endlich war das ich im Spiegel.
Das Badezimmer erfüllte ein lautes, schnelles Atmen.
Was zum Teufel? Das hatte ich mir doch nicht eingebildet!
Ich ging einen Schritt vom Spiegel zurück, als es plötzlich klopfte. Ich zuckte zusammen und gab einen erschreckten Schrei von mir. »Elisabeth, alles in Ordnung?«
Elisabeth? Seit wann nannte mich meine Mutter Elisabeth? Sie nannte mich entweder ›Schatz‹ oder ›Beth‹.
»J-ja. Alles klar, Mom«, antwortete ich hastig und versuchte meine Stimme kräftiger und sicherer wirken zu lassen.
»Okay, beeilst du dich? Wir wollen uns noch alle unterhalten. Victoria ist schon unten.«
»Ja«, sagte ich schnell, um ihr deutlich zu machen, dass ich sie verstanden hatte. Kurze Zeit später hörte ich Schritte, die sich immer weiter von mir entfernten. Ohne in den Spiegel zu blicken, griff ich mir Victoria's Kajal und lief hastig in mein Zimmer. Dort hing ebenfalls ein Spiegel, der aber keinesfalls so düster und fremd wirkte.
Ich setzte mich auf einen, von der Morgensonne beleuchteten Stuhl, der vor dem Spiegel stand, und umfasste mit meiner rechten Hand den Kajalstift. Eigentlich schminkte ich mich nicht. Nur an speziellen Feiertagen und Feiern, doch heute hatte ich Lust auf Veränderungen. Ich wollte etwas an mir verändern.
Mit meiner linken Hand drückte ich leicht meine Wange runter, damit ich das Auge besser sehen konnte und zeichnete einen schwarzen Strich am Wimpernrand. Mehrmals blinzelte ich die Tränen weg, die sofort aufkamen, wenn ich irgendetwas an meinem Auge machte.
Dasselbe wollte ich auch schnell auf dem anderen Auge machen, doch gerade als ich die Kajalspitze auf mein Lid platzierte, merkte ich, dass ich grinste.
Wieder.
Mein Spiegelbild grinste krank. Erneut.
In meinem Hals bildete sich ein Kloß und mein Mund wurde sofort trocken. Meine Hände wurden kalt und nass. Und obwohl meine Lippen schockiert geöffnet waren, blieb da das Grinsen auf dem Gesicht des Mädchens. Grinsend fletschte sie ihre Zähne.
Mein Herz hämmerte gegen meine Rippen und ich stand so schnell ich konnte von dem Stuhl auf und entfernte mich wenige Meter von dem Spiegel.
Doch mein Spiegelbild blieb immer noch sitzen und schminkte sich die Augen.
Ich konnte das alles nicht wahrhaben. Das war nicht wirklich. Das war alles nur eine Einbildung!
Die Schwarzhaarige im Spiegel verharrte einen Augenblick in ihrer Bewegung und sah mir geradewegs in die Augen. Es war, als sähe mich eine andere Person an.
Doch dann fing sie wieder an ihre Hand am Auge zu bewegen. Aber viel zu schnell, zu unkoordiniert und viel zu heftig. Der schwarze Stift, den sie in ihrer Hand hielt, traf ihre Pupille. Das Auge schloss sich reflexartig, doch das Mädchen hörte nicht auf. Absichtlich schlug sie sich den Kajalstift in das Auge, das sie versuchte offen zu halten. Und ich sah Blut aus dem Auge strömen.
Und wieder spürte ich dieselben Schmerzen, wie im Badezimmer. Doch nun war es das Augen, das weh tat.
›Krak‹
Es ertönte das Geräusch, wenn ein Bleistift kaputtgeht. Erneut verharrte das Mädchen im Spiegel in ihrer Bewegung und ich sah auf meine Hand. Ich hatte den richtigen Kajal in meiner Hand so stark gedrückt, dass er in der Mitte gebrochen war.
Erneut erfüllte mein unruhiges Atmen den Raum. Ich blickte auf den Spiegel und erkannte mich. Nicht das Mädchen, sondern wirklich mich. Wie ich schockiert vor meinem Bett stand und auf den Spiegel sah.
Plötzlich ertönte ein lautes Klingeln den Raum. »Ah!« Ich zuckte kurz zusammen und schrie ängstlich. Doch ich wurde schnell ruhig, als ich merkte, was klingelte. Es war mein Wecker, den ich nicht ausgestellt hatte. Meine Mutter hatte mich ja früher geweckt.
Etwas verstört ging ich zu dem altmodischen Wecker und schaltete ihn aus.
Was sollte das alles? War das wirklich nur Einbildung? Nein, dafür war es zu reell. Aber das war doch unmöglich.
Ich legte den Stift in meiner Hand auf das Bett und erst nun verstand ich, dass ich Victoria's Eigentum zerstört hatte. Jetzt schon wusste ich, dass dies zu einem heftigen Konflikt führen würde, bei dem ich sogar möglicherweise Hausverbot oder ähnliches kassieren würde. Doch das war mir in dem Moment herzlich egal. Ich war zu verstört, um das überhaupt wahrzunehmen.
War ich in letzter Zeit irgendwo mit dem Kopf gegen gestoßen? Hatte ich vielleicht eine Krankheit? Oder war es nur der Stress? Vielleicht war das ganze ja nur ein böser Traum.
»Elisabeth, wo bleibst du denn?«
Es war die ungeduldige Stimme meines Vaters, die aus dem Wohnzimmer kam. Ich seufzte leise und ging, ohne in mein Abbild zu blicken, aus meinem Zimmer.

Ich stand vor dem Wohnzimmer und sah mir die Situation an. Mutter saß auf einem Sofa, gegenüber von Vater. Früher saßen sie immer beieinander, doch in letzter Zeit hatte sich vieles verändert. Zwischen meinen Eltern saß Victoria. Sie, Mom und Dad lächelten nicht und wirkten deprimiert.
...Wollten unsere Eltern sich scheiden lassen? Konnte das sein?
Und wenn ja... wohin sollte ich dann gehen? Ich liebte beide. Sie konnten das nicht tun! Sie wollten bestimmt etwas Anderes sagen. Bestimmt.
Leise tapste ich mich ins Wohnzimmer und setzte mich neben meine Schwester. Sie hatte ihre Hände gefaltet und ihre Beine überkreuzt. Ihr Blick war dennoch leer und ihre Schultern hingen schlaff herab.
Im Gegensatz zu meinem Vater, lächelte Mutter nun sanft und dennoch etwas angespannt.
»Also, da wir nun vollzählig sind, können wir endlich reden«, meinte sie leise. »Charles und ich haben lange Zeit nachgedacht. Über alles, was in letzter Zeit bei uns los war. Wir hatten ein paar Probleme, wie ihr vielleicht mitbekommen habt. Und-«
»Komm auf den Punkt, Margret.« Vater, der meine Mutter sonst nie bei ihrem Namen ansprach, schnitt ihr schroff das Wort ab. Er nannte sie früher ständig ›Liebling‹ oder ›Schatz‹.
Ich versuchte den Kloß in meinem Hals hinunterzuschlucken. »Kannst du mich nicht einmal ausreden lassen?«, zischte sie wütend und ihre Augen verengten sich zu Schlitzen. »Dann sprich nicht um die Tatsache herum. Wir wollten ehrlich und-«
Ein Handy klingelte. Es war ein typischer Handyklingelton, doch er brachte meine Mutter zum Erstarren. »Konntest du das Handy nicht einmal ausschalten? Sie ist es, habe ich Recht? Sie ruft dich an! Kann sie uns nicht einmal zu Frieden lassen?«, schrie Mutter.
Sie? Wer war ›sie‹?
»Dad? Wer ist das?«, fragte ich mit großen Augen und bemerkte, dass meine Hände zitterten. Schnell verschränkte ich meine Arme, damit das niemand bemerkte.
»Niemand, Schatz. Das ist von der Arbeit.«, meinte er und lächelte schwach. Er lächelte immer so, wenn er verlegen oder ratlos war.
»Von der Arbeit!«, schnaubte Mutter. »Dass ich nicht lache! Eine wirklich interessante Arbeit hast du!« So sauer, hatte ich sie noch nie erlebt.
Victoria rutschte näher zu ihr und umarmte sie. »Mom, beruhige dich. W-was wolltet ihr uns sagen?«, fragte sie unsicher, doch ich nahm das kaum war.
Meine Gedanken kreisten um ›sie‹. Dad hatte also eine Liebhaberin.
»Euer Vater und ich, wir lassen uns scheiden.«
Die Worte bohrten sich in mein Gehirn und wiederholten sich. Alles andere um mich herum war still. Es war, als wäre nur ich da. Und die Worte waren wie auf einer Videokassette, die immer wieder dasselbe abspielte.
Victoria ließ Mutter los und senkte ihren Blick. Ich sah, dass sie den Tränen nahe war, doch irgendwie verspürte ich kein Mitleid mit ihr. Über die Tatsache erschrak ich selbst.
»Wieso?«, fragte sie mit brüchiger Stimme.
Ich hatte mich aus der Konversation herausgehalten und hörte einfach zu. »Weil es unserer Familie nicht mehr gut tut, wenn wir weiterhin unter einem Dach wohnen. Unser Zusammenleben wird immer komplizierter.«
»Warum?« Meine Schwester starrte immer noch auf einen unsichtbaren Punkt. Im Wohnzimmer wurde alles still. Mutter warf Vater einen Blick zu, der bedeuteten sollte, dass er weiter erklären sollte. Und mir entging auch die Tatsache nicht, dass ihr Kiefer sich anspannte.
Dad atmete tief ein.
»Margret und ich empfinden keine Gefühle mehr für einander.«
Das war gelogen.
Mom liebte ihn. Und auch der Satz traf sie im Innersten, das wusste ich. Das sagte ihr glasiger Blick und ihre zitternden Hände. »Und ich habe eine neue Lebensgefährtin gefunden. Sie ist im sechsten Monat schwanger und wir sind glücklich.«

Das tat weh.
Mein Vater, der Mann, der mich geliebt hat, der Mann, der seit 17 Jahren auf mich aufgepasst hat und meine Stütze war...ging meiner Mutter fremd? Und die Frau war auch noch schwanger? Im sechsten Monat? Wie lange hat er es uns verschwiegen? Wie lange war er mit ihr zusammen, bevor er mit ihr geschlafen hat? Am selben Tag noch? Eine Woche drauf? Oder war alles ernst?
Ich war unfähig etwas zu sagen. Ich spürte einen innerlichen Schmerz, doch das würde ich niemals zugeben. Erst recht meinem biologischen Zeuger nicht.
»Und da ich euch beide noch liebe - und das wird sich auch nie ändern -, möchte ich, dass jemand von euch mit mir kommt.«
Was? Warum konnte Mutter nicht das alleinige Sorgerecht bekommen? Ich wollte nicht zu Dad aber... wollte Victoria?
Heimlich blickte ich zu ihr. Sie hatte ihre Augen weit aufgerissen und sah schockiert zu Mutter. »Stimmt das, was er sagt?«
Sie nickte. Und dieses Nickten wirkte endgültig. Es war, als wäre die Frage ›Soll der Täter sterben?‹ gestellt worden und Mutter nickte.
»Und wir haben beschlossen, dass es das Beste wäre, wenn Elisabeth mit zu mir kommt und du bei Mutter bleibst.«
Warum sprach er nur zu meiner Schwester? Er ignorierte mich, als würde er darauf hoffen, dass sie statt mir mit ihm mitkommen würde. Es war, als würde es ihn anekeln mich mitzunehmen oder gar in das Gespräch einzubinden.
»Ist gut. Mutter, Vater, wir respektieren eure Entscheidung.“ Sie klang, als würde sie es ernst meinen.
Wir? Warum fragte mich niemand, wie ich dachte? Wieso sprach jeder für mich? Ich hatte auch eine Meinung, verdammt!
»Und wir denken, dass ihr richtig gehandelt -«
»Nein!«
Ich sprang von dem schwarzen Ledersofa auf und sah Dad mit hasserfüllten Augen an. »Wieso denkst du, dass ich mit dir mitkommen werde?« Sein schockierter Gesichtsausdruck tat weh, ich wandte mich somit auch an die Anderen. »Wieso denkt ihr das alle? Mich fragt niemand! Vielleicht möchte ich das gar nicht! Ihr tut so, als würde ich nicht existieren oder einfach alles hinnehmen! Das ist unfassbar!«

Ich war nie ein großes Problemkind. Ich veranstaltete keine Theater und ich tat nichts Verbotenes. Ich liebte meine Eltern und war immer ein stilles, braves Kind. Aber diesmal ging es nicht. Ich konnte nicht schweigen.
»Vielleicht möchte ich nicht mit dem Mann zusammenleben, der meine Mutter mit einer anderen Frau betrügt und sein neues Kind in sich trägt!«
Sein Gesicht wurde wütend und er stand auf. »Junges Fräulein! Was soll das? So haben wir dich nicht erzogen!«
»Ganz recht! Ihr habt mich überhaupt nicht erzogen! Ihr habt sie erzogen! Ich war nur das lästige, kleine Mädchen, dass zufälligerweise auch in der Familie wohnt!“« Mit ›sie‹ meinte ich meine Schwester.
Ich könnte schwören, dass ich auf Victoria's Gesicht ein kurzes Lächeln sah. Und das machte mich noch wütender.
»Euch hat es nie interessiert, was in meinem Leben so vorging! Und jetzt soll ich auch noch mit dir und der Frau wohnen, die ich jetzt schon verabscheue? Du denkst, ich kann das so hinnehmen? Glaubst du, dass es mir gefallen wird jeden Tag zu sehen, wie ihr euch verliebt anseht und auf heile Familie tut? Ist der Frau egal, dass sie eine Familie zerstört?«
Ich hörte ein Schluchzen und sah, dass Mutter ihren Kopf in den Händen vergruben hat und weinte. Victoria versuchte sie zu beruhigen, doch ich konnte nicht aufhören.
Zu lange hatte ich geschwiegen und nun kam alles aus mir raus. All der Frust, der sich in mir gesammelt hatte.
»Wie lange hat es gedauert, bis du sie flachgelegt hast?! Noch am selben Abend, als du sie kennengelernt hast? Hast du dabei wenigstens einen kurzen Augenblick an uns gedacht? Oder hat die Frau dich mit ihren großen Titten so gut befriedigt, dass du keine Zeit dazu hattest?!«, brüllte ich und sah ihn durch die Tränen, die sich in meinen Augen gebildet hatten, an.
»Beth, was soll das?«, fragte er leise und schüttelte mit seinem Kopf.
»Das hast du dir selbst zu zuschreiben! Ich hasse dich!«, kreischte ich und lief in den Flur. Schluchzend zog ich mir Schuhe und eine Jacke an. Meine Tasche lag neben Victoria's Absatzschuhen. Ich ergriff die Tasche, öffnete die Tür und schloss sie laut zu, als ich draußen war.

»Was ist denn los, Honigbärchen?«
Puke strich über meinen Rücken, während ich mich hinter einer großen Mülltonne ausheulte. Der Unterricht würde erst in 15 Minuten beginnen und bis jetzt waren nur wenige Schüler auf dem Schulhof. Ich schluchzte und lehnte mich an meine rothaarige Freundin. »Meine Eltern lassen sich scheiden, weil mein Dad eine andere hat«, schniefte ich.
Puke war sichtlich geschockt, doch dann fing sie sich wieder. »Dieser Arsch«, kommentierte sie leise und strich mir die Tränen von der Wange.
»Ja, und er will, dass ich bei ihm und seiner Freundin wohne.Und sie ist schwanger. Und Victor darf bei Mom bleiben!« Ich schnappte nach jeden Satz hörbar nach Luft.
»Dieses Biest! Na warte, der werde ich es heute zeigen! Jetzt habe ich einen Grund mehr! Nicht nur, dass sie Kim verführt hat, die Schlampe! Das wird sie bereuen. Und er übrigens auch!Ich mache die Schlage fertig!«
..Was?
Sie hat Kim verführt?
»W-wie meinst du das?«, flüsterte ich leise. Meine Stimme klang brüchig und armselig. »Verführt?«, wiederholte ich verwirrt.
»Ja, Kim ist mit ihr zusammen. Hat er dir nicht eine Nachricht geschrieben? Er hat uns gebeten, dass wir uns zusammenreißen sollen, weil er ja schon ewig in sie verliebt sei. Und er hat nie etwas gesagt, weil er Angst hatte, dass wir ihn dadurch nicht mögen würden.«
Ich spürte, dass alles in mir hoch kam. Alles traf mich wie ein Schlag. Das Mädchen im Spiegel, die Scheidung, die schwangere Frau, Kim's Beziehung mit meiner Schwester, die bevorzugt und mehr geliebt wurde.
Schnell stand ich mit wackligen Beinen auf, lief unsicher hinter die Mülltonne, und übergab mich.

»Bist du sicher, dass du nicht zur Schulschwester gehen solltest?« Puke's sanfte Stimme drang ziemlich langsam in mein Ohr.
»Hm?«, meinte ich heiser und schloss den Spind, den ich geöffnet hatte, um meine Schulbücher raus zunehmen.
»Ist alles okay mit dir?«, fragte sie wieder und sah mir ernst in die Augen. Ich nickte kurz und zuckte heftig zusammen, als jemand hinter mir meine Schulter berührte.
Schnell drehte ich meinen Kopf zurück und erkannte Victoria und Kim. Er hatte seinen Arm um sie gelegt und lächelte mir unsicher ins Gesicht. Erneut spürte ich, dass mir schlecht und schwindelig wurde, doch nicht so schlimm wie vorhin.
Ich drehte meinen Kopf zur Seite, als Zeichen, dass ich meine Schwester und ihren Freund, in den ich schon lange verliebt war, ignorierte.
»Sind dir jetzt deine letzten Gehirnzellen abhandengekommen?«, brüllte sie so laut, dass alle, die sich um uns herum befanden zu uns drehten. »Weißt du, wie es jetzt Mutter und Vater geht?«, fuhr sie genau so laut fort.
Mein Kopf fing an zu pochen und erst jetzt bemerkte ich, dass ich meine Fingernägel ganz fest in meine Handflächen bohrte.
»Du bist so undankbar! Weißt du ,was sie für dich getan haben?«
Wieder kam die Wut in mir hoch. Ich hatte sie satt. Schnell drehte ich mich um und sah sie hasserfüllt an. »Was? Was haben sie für mich getan? Sie haben nichts für mich getan! Sie haben alles für dich getan! Mich lassen sie zu Hause nur wohnen, das war es auch!«
Ich ging an ihr und Kim vorbei. Doch ich sah Kim in die Augen und erkannte eine Trauer und einen Schmerz in ihnen.
Ich lief weiter in meine Klasse, ohne auf die schockierten Blicke zu achten, die sie mir alle zu warfen.

»So, ich habe am Wochenende die Klausuren korrigiert, die ich euch gleich austeile. Von manchen bin ich positiv überrascht, von manchen enttäuscht.«
Mit dieser Begrüßung begann der Unterricht und wir bekamen die Matheklausur zurück.
Früher war Mathe mein Lieblingsfach, doch in letzter Zeit wurden meine Noten immer schlimmer und schlimmer.
So kam es auch, dass ich eine 4- vor mir liegen hatte. Seufzend schloss ich die Klausur und dann noch meine Augen.
Der Unterricht sollte vorbei gehen und das möglichst schnell.
Aber was sollte ich nach der Schule machen?
Ich konnte nach all dem nicht einfach so nach Hause laufen. Vielleicht würde ich zu Puke gehen. Sie hätte bestimmt nichts dagegen.
»Elisabeth, kannst du vielleicht kurz mit mir raus kommen? Ich würde mich gerne mit dir unterhalten.« Die Stimme meines Klassenlehrers durchbrach meine verzweifelten Gedanken und ich stand unsicher auf und folgte ihm aus der Klasse.
Was war denn jetzt? Wollte er mich wegen den Noten ansprechen?
»Ist alles okay in Ordnung dir?«, fragte er sanft und legte seinen Kopf schief, als wir draußen waren und er die Tür geschlossen hatte.
»J-ja. Was meinen Sie?« Ich versuchte so normal wie möglich zu klingen.
Bei mir war nicht alles okay, aber das musste nicht die gesamte Schulleitung wissen. Das gäbe wieder nur Stress und den hatte ich auch so genug.
Es war zu viel. Deshalb halluzinierte ich auch solche komischen Sachen wie mein krankes Spiegelbild.
»Nun, deine schulische Leistung hat in letzter Zeit ziemlich nachgelassen, Elisabeth. Und das nicht nur in Mathe, wie meine Kollegen mir sagten. Hast du in letzter Zeit irgendwelche Probleme? Vielleicht zu Hause?«
Mein Herz fing an schneller zu schlagen.
War das denn so offensichtlich? Merkte man es mir an, dass ich mich schlecht fühlte?
»N-nein. Mir geht es gut, wirklich. Es ist alles okay«, meinte ich schnell und bekräftigte meine Aussage mit einem schnellen Nicken.
»Aber deine Noten sind nicht ›okay‹.«
Er ging einen Schritt auf mich zu und war mir gefährlich nahe. Viel zu nahe. Plötzlich spürte ich seine Hand an meiner Wange.
Schockiert riss ich meine Augen auf.
Was sollte das? Er war mein Lehrer! Wieso machte er das? Das war doch nicht normal!
»Ich wüsste, wie du deine Note verbessern könntest. In Mathe, jedenfalls.« Seine Hand, die auf meiner Wange ruhte, glitt tiefer. Er berührte meine Lippen, meinen Hals, meinen Busen und meinen Bauch.
Ich wehrte mich nicht, sah ihn nur entrüstet an. »Was machen Sie da?«, brachte ich es flüsternd heraus.
»Überlege es dir. Du brauchst mindestens eine Zwei, um das Jahr zu schaffen. Und selbst wenn du lernst, schaffst du es nicht. Ich lasse dir Zeit zum Überlegen. Am besten gehst du kurz auf die Mädchentoilette und bringst dich in Ordnung.« Seine Stimme war so hart und gemein, dass ich lange brauchte um zu reagieren.
Ich wollte losgehen, doch er hielt mich am Handgelenk fest, sah kurz nach, ob sich jemand im Flur befand, und küsste mich plötzlich.
Schockiert riss ich meine Augen auf und wollte ihn von mir wegdrücken, doch das war unmöglich. Er hielt mich zu stark fest, als dass ich mich hätte wehren können. Dann drang seine Zunge in meinen Hals. Seine Hand wanderte an meinen Po, die andere unter mein T-Shirt.
Mir kamen die Tränen und ich beschloss meine Augen zu schließen und zu hoffen, dass er irgendwann gehen würde und mich alleine lassen würde.
Wieso tat er das? Wie konnte er das tun? Er war mein Lehrer! Und hinter uns befanden sich zwanzig weitere Schüler! Wieso ich?
Als könne er meine Gedanken lesen, ließ er von mir ab und ich spürte seinen Atem an meinem Gesicht. »Du bist besonders, Elisabeth. Du und deine Schwester. Nur hat deine Schwester sofort reagiert und ohne, dass ich sie erpressen musste.«
Er lachte leise und begab sich zurück in die Klasse.
Wieder wurde mir schwindelig und übel. Meine Füße trugen mich langsam aus dem Schulgebäude. Nicht auf die Mädchentoilette, nicht zu Puke, sondern nach Hause.

Ich öffnete die Haustür mit meinem Schlüssel. Mein Kopf war wie leergefegt und ich benahm mich nicht wie ich selbst. Es war, als kontrollierte mich jemand anderes.
Plötzlich hörte ich Gebrüll aus dem Wohnzimmer. Meine Eltern schrien sich an und wahrscheinlich war ich Schuld daran.
Ohne einen Blick in das Wohnzimmer zu werfen, ging ich die Treppen hoch, in das Badezimmer. Meine Eltern hatten nicht bemerkt, dass ich Heim kam. Dafür waren zu beschäftigt, doch das war auch gut so.
Ich schloss hinter mir die Tür ab und stellte mich vor den Spiegel.
Es sollte kommen. Das Mädchen. Ich wollte es.
Ich wollte sehen.
Und wie erhofft, war sie da. Sie sah mich an. Ihre grünen Augen wirkten müde, ihre blasse Haut war noch heller, als sonst. Doch das Grinsen war dennoch vorhanden. Ich wirkte böse und es wirkte völlig anders mich so zu sehen.
Es machte mich neugierig. Wie würden die anderen reagieren, wenn sie mich so sahen?
Das Mädchen im Spiegel sah an sich herab.
Ich tat dasselbe. Mir fiel auf, dass meine Handfläche blutete. Überrascht betrachtete ich sie genauer. Es waren vier kleine Schlitze, auf der anderen Hand dasselbe Muster.
Und dann verstand ich, woher es kam. Ich hatte mir meine Fingernägel in die Hand gebohrt, als ich Victoria und Kim sah.
Eine ungebändigte Wut kam in mir auf und sah wieder in den Spiegel.
Die Schwarzhaarige sah noch immer auf ihre Hände, doch dann glitt ihr Blick auf etwas Anderes. Sie sah auf eine Schachtel mit Rasierklingen.
Vor mir war logischerweise die identische Schachtel. Unwillkürlich schluckte ich und griff fremdgesteuert nach ihr, um eine silberne, saubere, glatte Rasierklinge zu holen.
Hilflos blickte ich wieder in den Spiegel.
Das Mädchen grinste noch immer und hatte ebenfalls die Rasierklinge in der Hand. Langsam und elegant legte sie sich die Klinge auf die Pulsader, auf dem Handgelenk.
Wollte ich das? Wollte ich dasselbe tun, wie das Mädchen?
Es würde mich von vielen Sachen erlösen. Und andere von mir.
Plötzlich ertönte ein Klopfen an der Tür. »Victoria? Bist du das?« Es war die Stimme meiner Mutter.
»Ist mit dir alles okay?“ Das war Vater.
Natürlich. Sie nahmen an, dass sie es war. Warum sollte es auch ich sein?


Das Mädchen im Spiegel grinste breiter und drückte sich die Klinge in die Haut. Rotes Blut tropfte sofort aus der Wunde und ich sah weg.
Und dann verstand ich, dass ich es wirklich war. Ich grinste wirklich. Und ich schnitt mir wirklich die Pulsadern durch.
Das Mädchen im Spiegel war schon immer ich.
Nur wollte ich es nicht wahrhaben.




Nichts bewahrt uns so gründlich vor Illusionen wie ein Blick in den Spiegel.



Aldous Huxley, 26.07.1894 - 22.11.1963

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