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New Texas Story

GeschichteAbenteuer / P16 / Gen
Brave Starr Doc Clayton Handlebar J.B. McBride Tex Hex Thirty-Thirty
25.04.2011
08.03.2014
29
96.013
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25.04.2011 3.449
 
Erst gegen Abend waren wir wieder in der Stadt. Es hatte sehr lange gedauert, bis wir alle unsere letzte Träne vergossen hatten und zumindest Thirty-thirty und Bravestarr wieder so weit denken konnten, dass sie die nächsten Schritte einleiten konnten.
Thirty rief Doc Clayton und den Leichenbestatter, während Bravestarr eine Meldung bei irgendeiner Zentralstelle machte.
Doc kam, gab Jays Mutter und Brad eine Beruhigungsspritze und schaffte sie dann mit dem Krankenwagen ins Krankenhaus.
Dann kam der Leichenbestatter. Zwei Männer kletterten mit einer Trage hoch in die Hütte und ich konnte sie einige Worte mit Bravestarr wechseln hören. Dann kam er zu mir und Thirty-thirty runter. Ich meinte immer noch Spuren von Tränen auf seinem Gesicht sehen zu können.
Wortlos beobachteten wir, wie die Leichenbestatter die Leiche des Jungen mit der Trage aus der Hütte schafften. Zum Glück war sie mit einem Tuch abgedeckt, ich glaube, ich hätte diesen Anblick nicht ertragen. Der Anblick des Umrisses dieses kleinen Körpers auf der vergleichsweise großen Trage war schon schlimm genug.
„Wie kann jemand nur sowas tun? Leben sehenden Auges auslöschen? So junges Leben? Für ein bißchen Kerium?“ murmelte ich, mehr zu mir selbst.
„Es gibt leider genug, die das tun.“ kam es dumpf von Bravestarr.
Langsam sah er zu mir runter.
„Umso wichtiger, diese Menschen unschädlich zu machen!“
So sehr ich diesen innigen Blick von ihm auch liebte, mit dem er mich nun wieder musterte, ich konnte ihn nicht genießen. Ich nickte nur wortlos. In mir kochte wieder maßloser Zorn hoch. Ich konnte meine Drohung, die ich Bravestarr gegenüber schon einmal geäußert hatte, nur noch einmal wiederholen. Ich durfte diesen Dingo niemals vor ihm in die Hände bekommen!

Langsam schlurften Handle Bar und ich in den leeren Saloon. Die Tragödie um den kleinen Jay hatte schnell die Runde gemacht und so war niemand in der Stadt in irgendeiner Form zum Trinken aufgelegt, weshalb der Saloon ausgestorben war. Handle Bar hatte noch geholfen Jays Mutter zu Doc Clayton zu bringen, wo sie nach einer Beruhigungsspritze endlich in einen ohnmachtähnlichen Schlaf fiel. Wie ich von Handle Bar dann noch erfuhr, stand die Arme nun ganz allein da. Seit zwei Jahren war sie nun Witwe und nun hatte sie auch noch ihr einziges Kind verloren. Sie tat mir aus tiefster Seele leid.
Aber auch Brad, der sich schreckliche Vorwürfe machte. Weil er nicht eher mit jemandem geredet hatte. Weil er nicht eher eingegriffen hatte. Und dabei musste er das nicht. Mit so einer Situation kamen ja nicht mal manche Erwachsene klar. Wie sollte dann ein gerade mal elfjähriger Junge damit klar kommen?
„Ich kann es einfach noch nicht richtig glauben!“ murmelte Handle Bar. „Der kleine Jay...“
Es war das erste mal seit ich hier war, dass ich Tränen in den Augen des grünen Hünen sah.
„Beteiligst du dich morgen an dem Suchtrupp?“ fragte ich ihn dumpf.
„Natürlich!“ gab er dann laut und entschieden zurück. Nun glimmte grimmige Entschlossenheit in seinen Augen auf. „Denkst du, ich lasse es zu, dass dieser Schuft weiter frei rumläuft?“
Ich musste lächeln. Handle Bars Gerechtigkeitssinn war nicht weniger gut ausgeprägt wie das von Bravestarr oder mir. Und ich war mir sicher, dass er den Dingo genauso wenig schonen würde, wie ich, wenn er ihn erwischte.
„Wir sollten jetzt schlafen gehen!“ murmelte er dann wieder müde. „Wird ein langer Tag morgen.“
„Okay. Gute Nacht.“ antwortete ich. Obwohl mir die letzten Worte wie blanker Hohn vorkamen. Wer sollte nach so einem Tag noch eine gute Nacht haben?

Mit versteinertem Blick starrte ich auf die stetig wachsende Menschenmenge, die sich mittlerweile am Marshall-Büro gesammelt hatte. Obgleich sich bereits gestern Abend schon eine Menge Männer gemeldet hatten bei der Suchaktion teilzunehmen, so waren doch noch einige dazu gekommen. Auch meine Kollegen aus der Miene hatten sich angeschlossen und die Spitzhacken mal ruhen lassen. Nach unserem üppigen Keriumfund war die Notwendigkeit neues zu finden im Moment nicht so groß und die Männer hatten einhellig beschlossen, dass diese Sache hier erst mal wichtiger war. Billy stand zu meiner rechten mit Sam. Allerdings sprachen wir kaum miteinander. Und auf ihren Gesichtern stand nicht weniger grimmige Entschlossenheit, wie auf meinem oder Handle Bars. Ich hatte starke Zweifel, dass der Dingo nun noch irgendwo ein Loch fand, in dem er sich verkriechen konnte.
Alle starrten auf den Eingang des Marshall-Büros. Bravestarr würde die Suchtrupps noch einteilen und ihnen ihre Gebiete zuteilen.
Schließlich erschien seine hochgewachsene Gestalt in der Tür und er trat vor den Trupp. In seinem dunklen Gesicht waren die Spuren einer schlaflosen Nacht deutlich zu erkennen.
„Also Leute,“ holte er aus und auch der Klang seiner Stimme passte zu seinem Gesicht. „ich freue mich aufrichtig so viele zu sehen und ich bin mir sicher, dass wir den Gauner finden. Ich werde euch in Zweiergruppen einteilen und jeder bekommt ein bestimmtes Gebiet. Zudem erhaltet ihr von mir noch Funkgeräte. Solltet ihr ihn schnappen, oder etwas Verdächtiges entdecken, dann macht sofort Meldung.“
Hinter ihm kam Thirty aus dem Büro mit einem Sack in der Hand und folgte Bravestarr der nun die Reihen der Männer abschritt.
„Gruppe eins: Jones und Madison. Gruppe zwei: Rick und Barry. Gruppe drei: Billy Bob und Sam.“
Als er bei mir ankam, verstummte er kurz und sah mich durchdringend an. Obgleich er nichts sagte, so meinte ich doch zu spüren, was er mir mitteilen wollte.
„Pass auf dich auf und lass ihn in einem Stück.“ sagten seine Augen und dabei huschte die Andeutung eines Lächelns über sein übermüdetes Gesicht.
Das erste konnte ich versprechen, das zweite nicht.
Ich erwiderte sein Lächeln kaum sichtbar und er nickte kaum merklich.
„Gruppe vier: Handle Bar und Bianca.“
Er ging weiter und nannte weitere Paare, während Handle Bar das Funkgerät entgegen nahm, das Thirty ihm hinhielt.
Nachdem wir alle in Zweiergruppen standen, trat Bravestarr auf den Bürgersteig vor seinem Büro zurück.
„So, ich werde nun jedem eine Karte geben, mit den nummerierten Suchgebieten darauf. Es ist wichtig, dass ihr euch an daran haltet und in eurem Gebiet bleibt. Tut ihr das nicht, so könnte er uns durch die Lappen gehen. Die Gebiete sind aber auch nur so groß, dass ihr sie zweimal abgehen könnt.“
Ich konnte hinter mir Thirty laut wiehern hören und das nun schon bekannte Zischen von Blitzen. Er transformierte in seine vierbeinige Form.
Bravestarr ging zu ihm rüber und schwang sich in den Sattel.
„Und noch was: Bringt ihn möglichst unversehrt und wendet nur Gewalt an, wenn er es auch tut.“
Sein Blick huschte dabei abermals zu mir. Aber nur kurz. Denn dann riss er Thirty entschlossen rum und galoppierte davon.
„Viel Glück, Leute!“ rief er noch und war schon bald durch das Stadttor verschwunden.
„Na dann mal los!“ rief Handle Bar und wir setzten uns alle in Bewegung zu unseren Turbomulis.
Der Bereich, den wir beide uns vornehmen sollten, lag östlich der Stadt in einem kleinen Canon. Alles voller Schluchten und auch einige Höhlen, so weit ich das wusste. Einige Verstecke, wo der Mistköter sich verstecken konnte. Aber ich würde ihn schon finden. Das war ich mir selbst schuldig. Und dem kleinen Jay, wenn ich ihn auch nicht gekannt hatte.
„He, Bi, lass das Funkgerät heile!“ rief Billy auf einmal lachend neben mir.
Erschrocken sah ich zu ihm auf.
„Hä?“ machte ich dümmlich.
Weiterhin lachend deutete Billy auf das Funkgerät in meiner Hand, was ich tatsächlich bedrohlich quetschte. Das Metall knarrzte unter meinen Fingern.
„Heb dir deine Wut lieber für den Dingo auf!“ lachte Billy weiter.
„In dessen Haut will ich sowieso nicht stecken, wenn er ihr in die Hände fällt!“ stimmte Sam in das Lachen ein.
„Ich denke, das wäre auch Bravestarr lieber!“ grinste ich.
So ernst die Situation auch war, die Jungs schafften es wie immer mich ein wenig aufzuheitern.
„Okay, Schluss jetzt, Leute!“ kam es aber nun streng von Handle Bar, der mir das Funkgerät abnahm.
„Wir müssen uns jetzt auf die Suche konzentrieren!“
„Jawohl, Sir!“ rief Billy und salutierte schneidig.
Ich musste mir einen Lachanfall verkneifen.
Aber dann beeilten sich die beiden auf ihre Turbomulis zu schwingen, sowie die anderen auch. Die Suchgebiete schlossen nicht nur die Gebiete um Fort Kerium direkt ein, sondern auch weiter draußen. Die Fabrik war ja auch sehr weit draußen gewesen und es gab Fälle von Big-Süchtigen aus sehr weit entfernt liegenden Gegenden. Der Bursche konnte praktisch überall sein!
In alle Richtungen brausten die Suchtrupps dann los.
Handle Bar und ich legten unseren Weg schweigend zurück. Jeder hing seinen eigenen Gedanken nach. Als wir den Canon erreichten, hielten wir an.
„Das ideale Versteck für die Kakerlake!“ murmelte Handle Bar düster.
Ich konnte ihm nur zustimmen. Unendlich viele Felsen, Einbuchtungen und auch kleine Höhlen, in denen sich problemlos auch ein größeres Lebewesen verstecken konnte. Und einen auch jederzeit aus dem Hinterhalt anspringen konnte.
Wie um mich selbst zu beruhigen, begann ich das Messer an meiner Seite zu streicheln. Eine Schusswaffe hatte ich nicht mit, durfte ich auch ohne gültigen Waffenschein auch gar nicht. Aber das war mir auch gleich. Mir meinem glänzenden Baby an meiner Seite war ich eh tausendmal besser und schneller. Beinahe wünschte ich mir es heute ein wenig Blut lecken zu lassen.
„Ich würde vorschlagen, jeder übernimmt eine Seite. Wir bleiben aber immer im Sichtkontakt!“ fuhr Handle Bar fort.
„Okay!“ nickte ich und stieg ab. „Aber dennoch sollten wir die Mulis zurück lassen. Wenn er wirklich hier ist, könnte ihn das Motorengeräusch warnen.“
„Stimmt!“ nickte Handle Bar und stieg ebenfalls ab. „Aber wir sollten sie auch verstecken! Sonst haut er noch mit einem davon ab.“
Möglichst leise verstauten wir die Maschinen in einer Höhle am Anfang des Canons. Handle Bar wälzte dann einen Felsen davor, um den Blick auf die Maschinen zu verdecken. Und als provisorische Diebstahlsicherung. Die aber mit Sicherheit sehr effektiv war, denn den Felsen bekam entweder nur er oder Bravestarr wieder vom Fleck.
Und so machten wir uns an die Suche. Leise schleichend nahmen wir uns den Canon vor. Wie besprochen hielten wir Sichtkontakt und suchten jede Spalte ab, die irgendwie als Versteck dienen konnte. Aber bis auf ein paar Wüstenechsen fanden wir nichts.
Am Ende des Canons angekommen huschte ich zu Handle Bar rüber.
„Was gefunden?“ fragte ich flüsternd.
Der grüne Hüne schüttelte den Kopf.
„Nichts.“
Er blickte nachdenklich wieder in den Canon zurück.
„Aber irgendwas sagt mir einfach, dass die Kanalratte nicht weit weg ist.“
Wie zu Bestätigung knackte auf einmal das Funkgerät. Handle Bar nahm es vom Gürtel und drückte einen Knopf.
„Hier Handle Bar!“ sagte er leise aber deutlich.
„Hier...hier...Billy...!“ kam es keuchend aus dem Lautsprecher.
Ich erstarrte, denn ich wusste sofort, das etwas passiert war. Handle Bar wohl auch, denn er spannte sich sofort.
„Billy! Was ist los? Wo bist du?“ rief er in das Mikro.
„Alpha drei...quadrant...war...Suche...“ kam es mühsam keuchend aus dem Lautsprecher.
„Dealer...töten...“
Ich hatte das Gefühl, als würde mein Kopf vor Angst platzen. Der Dealer hatte Billy überfallen und nun lag der irgendwo schwer verletzt. Vielleicht im Sterben!
Ich riss Handle Bar das Funkgerät aus der Hand.
„Billy!“ rief ich hinein. „Halte durch! Ich komme!“
Dann warf ich es Handle Bar zu und rannte zur Höhle mit den Mulis.
„Bi! Warte! Langsam!“ hörte ich Handle Bar hinter mir rufen und dann seine trampelnden Schritte.
Ich achtete jedoch nicht auf ihn, sondern spornte mich zu immer höherem Tempo an. Ich musste zu Billy, egal wie! Ich musste meinem Chaos-Kumpel helfen!
An der Höhle angekommen wurde mein Optimismus jedoch gestoppt. Den Felsen hatte ich völlig vergessen.
Allerdings wurde der auch in der nächsten Minute von Handle Bar beseitigt.
Ohne ein Wort schwang ich mich auf meinen Muli und wollte los brausen, wäre Handle Bar mir nicht in den Weg gesprungen.
„Bianca! Warte! Du gehst nicht allein!“
„Handle Bar, du musst hier bleiben! Ich muss zu Billy!“
„Aber nicht allein!“ erwiderte er heftig.
„Handle Bar, ich schaffe das schon! Ich bin so wütend, dass der Kerl nur beten kann, dass er die Begegnung mit mit überlebt!“ rief ich heftig.
Und gab Gas, so dass Handle Bar nur zur Seite springen konnte, wenn er nicht überfahren (oder überschwebt, die Dinger fuhren ja schließlich in dem Sinne nicht) werden wollte.
Und brauste zum Suchbereich von Billy, der direkt neben unserem lag. Auf dem Weg dahin überlegte ich erst. Eigentlich war der Bereich völlig flach und es gab kaum Verstecke, reine platte Wüste. Aber irgendwie schien der Kojote doch ein Versteck gefunden zu haben. Gut genug jedenfalls, um Billy zu überfallen.
Gnade dir Gott, du Mistvieh! Ich werde dich kriegen! Und dann kriegst du deine Abreibung!
Nur ein paar Minuten später war ich in Billys Suchbereich angekommen.
Ich musste zum Glück nicht lange suchen. Bei einem der wenigen kleinen Felsengruppen, die es hier gab, sah ich schon aus der Entfernung einen am Boden liegende Gestalt. Und eine in weiß gekleidete Gestalt, die über dieser stand. Sie hielt etwas in der Hand, ich konnte nur nicht erkennen, was. Es konnte eine Waffe sein, aber auch irgendwas anderes. Ersteres war allerdings am wahrscheinlichsten.
Ich konnte sein höhnisches Lachen hören, und wie er irgendwas zu Billy sagte. Blind vor Angst gab ich Vollgas und machte mich bereit den Kerl mit Karacho über den Haufen zu fahren.
Doch meine unüberlegte Aktion rächte sich sofort.
Das Motorengeräusch des Turbomulis warnte den Dealer natürlich und er wirbelte herum. Zumindest hatte ich mich in meiner Einschätzung, was das Ding in seiner Hand war, nicht geirrt. Es war eine Waffe, ein Neutralaser um genauer zu sein. Den er natürlich auch sofort auf mich richtete.
Mir blieb nicht einmal eine Millisekunde Zeit zu überlegen, was ich tun sollte. Und so reagierte ich einfach.
Ich ließ mich seitlich aus dem Sattel fallen und spürte das Zischen eines Lasers, der nur ganz knapp meinen Kopf verfehlte.
Zum Glück war das Muli nicht so schnell, dass ich mir alle Knochen bei dem Sturz brach. Dennoch trieb mir der Aufprall schmerzhaft die Luft aus den Lungen und ich hatte vermutlich wieder einige Kratzer und blaue Flecke, um die sich Doc Clayton heute Abend kümmern konnte.
Aber zumindest ging mein ursprünglicher Plan dennoch in gewisser Weise auf. Das Muli raste weiter und wenn es auch deutlich an Fahrt verloren hatte, so reichte es dennoch aus, den Dealer von den Füßen zu reißen, der gerade wieder auf mich zielte. Mit einem erschrockenen Quieken landete er auf dem Rücken. Sein Neutralaser wurde aus seiner Hand geprellt und schlitterte davon. Leider nur nicht in meine Richtung. Ich hatte keine Chance ihn zu erreichen. Aber ich hatte die Chance den Bastard zumindest außer Gefecht zu setzen und Bravestarr zu rufen.
Schwer rappelte ich mich auf und humpelte auf den Dingo zu. Sein Sturz schien ihn auch betäubt zu haben, denn das einzige, was er tat, war sich zu winden und zu stöhnen. Aber das musste nicht von langer Dauer sein. Wenn er auch kein sehr kräftiges Exemplar von seiner Art war, so musste das nicht heißen, dass er kein guter Kämpfer war.
Kaum hatte ich ihn erreicht, sah ich meine Befürchtungen bestätigt. Als wenn er mir die Benommenheit nur vorgespielt hatte, so sprang er auf einmal auf die Beine und versuchte prompt nach mir zu schlagen. Ich wich dem Schlag jedoch mit Leichtigkeit aus und holte zum Gegenschlag aus. Was aber wiederum er vorhergesehen hatte, denn so mühelos, wie ich seinen Schlag geblockt hatte, so mühelos blockte er nun meinen. Und zog mit der anderen Hand tatsächlich ein Messer irgendwo aus einem Versteck unter seiner Jacke.
Das hatte ich nicht kommen sehen!
Ich konnte gerade noch zurück springen und entging so um Haaresbreite der Klinge, die auf meinen Hals gezielt hatte. Ich sprang hastig einige Schritte zurück und zog mein eigenes Messer. Und ging in Kampfstellung.
Genau wie er. Feixend sah er mich an.
„Sieh an, die junge Dame aus dem Saloon!“ lachte er dann höhnisch. „Wie hat dir die Probe zugesagt?“
„So sehr, dass ich dich unbedingt finden musste!“ erwiderte ich wutschnaubend. „Um dir meine Begeisterung zu zeigen!“
Ich ließ meine Klinge in der Sonne blitzen.
„Hiermit!“
Sein Lachen wurde nur noch lauter.
„Das ich nicht lache, du Küken! Du wirst dich mir ganz gewiss nicht in den Weg stellen!“
„Das habe ich doch schon!“ erwiderte ich ungerührt. „Und nicht nur das! Ich werde dir deine verlogene Zunge herausschneiden. Und die gierigen Klauen abschneiden, mit denen du Drogen an Kinder verlauft hast!“
Und stürzte mich ohne Vorwarnung auf ihn. Meine Klinge zuckte gegen den Arm, mit dem er das Messer hielt, aber er wich spielend aus und schlug sie mit seiner Klinge zur Seite. Und sofort musste ich einer Attacke gegen meine Brust ausweichen.
Er schien ein guter Messerkämpfer zu sein, zumindest war er nicht ungeübt.
Ich musste ihn schnell erledigen.
Ich griff wieder an, allerdings, nur um ihn abzulenken. Und setzte mit der freien Hand zu einem Betäubungsschlag an, als er an mir vorbei torkelte. Und traf genau.
Mit einem erstickten Keuchen schlug er schwer auf dem harten Wüstenboden auf.
Dann stand ich über ihm. Das Sonnenlicht ließ meine Klinge blitzen.
„Du hast Menschen getötet. Ein Kind, auch beinahe mich. Und du hast hunderte in Gefahr gebracht. Aus Gier!“
Ich kniete mich über ihn. Ein wenig erschrak ich sogar vor mir selbst. Aber mein logisches Denken war in diesem Moment wie ausgeschaltet. Ich wollte diesen Köter einfach nur tot sehen!
Ich wälzte ihn auf den Rücken. Sein verschwommener Blick traf mich. Der Hohn und der Spott war daraus gewichen. Jetzt stand Angst in ihnen.
„Und jetzt wirst du auf die einzige Art büßen, die dafür in Frage kommt.“
In diesem Augenblick hatte ich das Gefühl, als stünde ich neben mir. Als wäre ich eine Zuschauerin, die daneben stand. Wie die junge Frau über dem Dingo kniete. Wie sie das Messer hoch über den Kopf hob und die Klinge wieder in der Sonne blitzte, die Spitze auf seine Brust gerichtet.
„Bianca!“
Die dunkle Stimme holte mich aus meinem Blutrausch.
Ich ließ die Klinge zwar nicht sinken, hob aber den Kopf um zu dem Sprecher aufzusehen. Obwohl ich wusste, wer es war.
Bravestarr stand nur wenige Meter von mir entfernt. Allerdings sah er mich dieses Mal nicht mit der Wärme an, die sonst immer in seinem Blick lag. Sondern Entsetzen, aber auch Entschlossenheit. Die wohl auch seine Hände beherrschte, mit denen er den Neutralaser hielt. Und auf mich zielte. Ich wusste, dass es Laser gab, die nur betäubten und nicht verletzten. Aber auch, dass das ein mehr als ekelhaftes Gefühl sein sollte.
„Nimm das Messer runter!“ rief er. „Oder ich muss etwas tun, was ich absolut nicht will!“
Die Entschlossenheit, mit der er das sagte machten mir sofort klar, dass er nicht scherzte.
„Bravestarr! Dieser Köter hat Jay auf dem Gewissen. Er hätte beinahe mich getötet und ich weiß nicht wie viele andere noch!“
„Ich weiß, Bianca! Und ich verstehe deinen Zorn! Aber das kann ich nicht zulassen!“ erwiderte er ungerührt.
„Runter von ihm! Bitte, zwing mich nicht dazu auf dich zu schießen!“
Einige Sekunden sah ich ihn nur weiter trotzig an, doch dann ließ ich den Arm sinken.
Ich sah noch einmal auf den Köter herab. Er war immer noch betäubt und konnte mich nur mit glasigem Blick ansehen. Die Angst stand immer noch darin, aber sowas wie Schadenfreude schien nun irgendwie darunter aufzutauchen.
Ich kann gar nicht beschreiben, wie sehr ich nun gegen den Drang ankämpfen musste das Messer nicht wieder zu heben und doch noch zu zustoßen. Aber ich schaffte es irgendwie aufzustehen und dabei gleichzeitig das Messer einzustecken.
Ich wich einige Schritte von dem Dingo zurück und Bravestarr ließ deutlich erleichtert seine Waffe sinken.
Dann eilte er zu dem Dingo und ging neben ihm in die Knie.
„Er ist nur betäubt!“ sagte ich rasch. „In ein paar Stunden ist er wieder auf den Beinen.“
Der Blutrausch war so schnell vorbei, wie er gekommen war und machte Entsetzen Platz. Entsetzen vor dem, was ich hatte tun wollen.
Bravestarr stand auf und wandte sich mir wieder zu. In seinen Augen sah ich das gleiche Gefühl, was auch in mir toste.
„Bianca,“ setzte er an, mit tödlichem Ernst in der Stimme. „Ich kann deine Wut verstehen! Aber solltest du jemals wieder jemanden töten wollen, ohne das eine absolute Notwendigkeit dazu besteht, so werde ich dich verhaften! Habe ich mich klar ausgedrückt?“
Ich versuchte ihm in die Augen zu sehen, aber sein Blick schien mich schier verbrennen zu wollen.
Ich nickte nur.
„Das hoffe ich!“ sagte er nur und rief dann über Funk die Suchtrupps zusammen.
Ich wandte mich Billy zu, der immer noch blutend am Boden lag. Während des Kampfes hatte ich ihn völlig vergessen.
Er war bewusstlos und hatte eine blutende Kopfwunde. Wahrscheinlich hatte der Dingo ihn niedergeschlagen. Ich konnte nur hoffen, dass es ihm bald wieder besser ging. Und dass dieser dreckige Köter nicht noch ein Leben auf dem Gewissen hatte.
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